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Nach dem Tod seiner Frau zieht sich der 78jährige Jan Sprenger in ein Hospitz zurück und spricht mit keinem Menschen mehr. Er schreibt aber Briefe an eine weltberühmte Tennisspielerin, deren Fan er ist; schickt seine Briefe aber nicht ab.Er erfindet auch die Antworten der verehrten Frau auf seine Briefe selber. Seine Tochter findet die Briefe und schickt sie der realen Frau. Hierdurch wandelt sich die virtuelle Beziehung der Hauptperson zu seiner "Flamme" in eine reale.
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Jan Pelzer
Aus dem Leben eines Liebhabers
Die Wandlungen eines Außenseiters
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Jan Pelzer
Kriegsdienstverweigerung
Der kindliche Virtuose
Erotische Abenteuer eines Kindes
Ein außerordentlicher nächtlicher Parteitag
Verführung
Unglückliche Liebe
Die Unwürdige
Die gelöschten Flammen der Leidenschaft
Ein origineller Opa
Die Fasanenjagd
Opa kriecht unters Bett
Der Wünschelrutengänger
Opa war mein Schutzengel
Zwei jüdische Frauenschicksale
Heloise und Abälard
Leiden eines scheinbar Behinderten
Schwimmen lernen in Nazizeiten
Erlegte Haustiere bei der Jagd im Willinger Forst
In Bergnot
Revolutionär ohne es zu wissen
Russenliebe
Sex-Wette
Rollenspiele
Das Wunder des Heiligen Josef
Ausgehobene Gully-Deckel
Ein krimineller Unternehmer
Abenteuer in Ägypten
Das Vorbild für eine Romanfigur tritt real in Erscheinung
Vernissage mit Rechtsradikalen
Ein Probeverhältnis
Heilfasten
Einquartierung – Ausquartierung
Elternsorge
Unvermeidliche Komplizenschaft
In der Not ist der Mensch bereit einen Pakt mit dem Teufel zu schließen
Für Geld ist auch der Teufel bereit dem Teuflischen abzuschwören
Festnahme des Erpressers
Im Altersheim
Abenteuer in Italien
Ein Traum wird wahr
Impressum neobooks
Ich war Einzelkind und litt unter der Nichtbeachtung meiner Eltern. Sie schämten sich, weil ich eine Hasenscharte hatte, und versuchten diese „Entstellung“ und deswegen auch mich vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Wenn „Herrschaften“ kamen und sich mit meinen Eltern im „Herrenzimmer“ unterhielten, wurde ich auf meinen „Abstellplatz“ in die Küche geschickt und mir selbst überlassen. Ich durfte die Gäste nur begrüßen und nur etwas sagen, wenn ich von ihnen angesprochen oder gefragt wurde. Damit mein „Ausschluss“ von der offensichtlich „höheren Gesellschaft“ auch unwiderruflich war, wurde die Tür zum „Herrenzimmer“ geschlossen.
Meine Hasenscharte operieren zu lassen, war meinen Eltern zu kostspielig. Sie erkundigten sich zwar bei einem Spezialisten nach den Chancen und Kosten einer Operation. Aber da dieser keinen hundertprozentigen Erfolg garantieren wollte und die Kosten ihnen einigen Verzicht abverlangt hätten, nahmen sie von einer Behandlung Abstand. Für mich war diese Entscheidung sehr enttäuschend. Ich verlor dadurch viel Zutrauen in die Fürsorglichkeit meiner Eltern und musste meine Entstellung als etwas Unabänderliches akzeptieren lernen. Hierdurch wurde mein Selbstbewusstsein geprägt und ich betrachtete mich fortan als ein minderwertiges und behindertes Wesen. Die Entstellung empfand ich so sehr als mir zugehörig, dass ich auch später, als ich die finanziellen Mittel dazu hatte, keinen Versuch machte, eine kosmetische Korrektur vornehmen zu lassen.
Neben meiner Hasenscharte erschien meinen Eltern auch meine „Linkshändigkeit“ als unnormal. Und so machten sie die größten Anstrengungen, um mich auf die mehr verbreitete „Rechtshändigkeit“ umzustellen. Mit der rechten Hand war ich natürlich viel ungeschickter, als ich es mit der linken Hand gewesen wäre. So galt ich bald als grundsätzlich unpraktischer und „linkischer“ Mensch.
Dies erregte meinen Trotz und Widerstand. Mit Schlägen wurde nun versucht, mir mein eigenwilliges Pochen auf meine Menschenrechte und meine Menschenwürde auszutreiben. Ein derart missratenes Wesen hatte keinen Anspruch auf eine gerechte Behandlung noch auf einen eigenen Platz oder auf eigenen Besitz in einer Gesellschaft der Tüchtigen und Makellosen. Ich hatte demzufolge „zu Hause“ kein eigenes Zimmer. Meine „Schlafstelle“ war in der Diele. Meine Eltern verfügten nach Belieben über mein Eigentum, meine Kleidung, meine Spielsachen, meine Bücher, verschenkten, vertauschten und verkauften sie oder „rangierten sie aus“, wenn es ihnen angebracht oder nützlich erschien. Sie verfügten sogar über mein als Schüler durch Ferienarbeit verdientes Geld. Wenn ich dagegen protestierte und auf der verfassungsrechtlich garantierten Unantastbarkeit meines Eigentums bestand, sagte meine Mutter mir: „Mach die Augen zu! Was du dann siehst, das gehört dir.“ Ich machte die Augen zu und sah „nichts“. Und genau so hatte meine Mutter es auch gemeint. Mir gehörte nichts – schlimmer noch – ich war für sie ein „Nichts“. Ein „entstelltes“ Kind passte nicht zu der glamourösen Selbstdarstellung meiner Eltern, und selbst ein normales Kind wäre ihrer Vergnügungssucht im Wege gewesen. Ein behindertes Kind aber hatte überhaupt keine Ansprüche an sie zu stellen und seine Versorgung war nur ein Gnadenakt von ihrer Seite.
Im Grunde hatte ich in ihren Augen kein Lebensrecht wie normale Kinder. Wenn ich überhaupt eine Funktion für ihr Leben hatte, dann als Requisit für die theatralische Darstellung einer „normalen“ Familie. Diese Behandlung machte mich, da ich selbst schwer unter meiner Entstellung litt, sehr unsicher und ängstlich. Und meine Ängste wurden durch die zeitweilig ungesicherte wirtschaftliche Situation meiner Eltern und durch das Erleben der Bombennächte in der Zeit des Zweiten Weltkrieges noch vergrößert. Ich bekam Zustände, wenn ich abends allein gelassen wurde, was sehr oft der Fall war, da meine Eltern häufig ausgingen, und bildete mir mit meiner lebhaften Fantasie bei jedem Geräusch die schlimmsten Gefahren, das Erscheinen von Räubern und Mördern, von giftigen Schlangen und Blut saugenden Vampiren ein.
Natürlich war das Verhalten meiner Eltern kein Ausdruck von Bösartigkeit und sadistischen Neigungen, sondern von Unreife, von einem falschen Bewusstsein als gesellschaftliche Aufsteiger und von unbewusster Anpassung an den damaligen Zeitgeist. Sie dachten, es sei vornehm, wenn sie das Kind von der Unterhaltung der Erwachsenen ausschlössen. Sie waren geprägt vom Fortschrittsglauben und der Aufstiegsideologie des 19ten Jahrhunderts und hingen – wie viele ihrer kleinbürgerlichen Zeitgenossen auch – einem populären Vulgärdarwinismus an, der besagte, dass das Leben „Kampf ums Dasein“ sei und nur der „Stärkere“ eine Chance habe, sich durchzusetzen. Und diesen „Kampf“ um den von ihnen verinnerlichten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg, so meinten sie, hätte ich durch meine entstellende Behinderung schon von vornherein verloren.
Als sie später merkten, dass ich durchaus leistungsfähig war und mich zur Not auch durchsetzen konnte, schoben sie diese Vorurteile vorübergehend beiseite, um sie aber sofort wieder zu reaktivieren, wenn ich ein Verhalten an den Tag legte, das in ihren Augen einem Versagen oder einer Niederlage gleichkam. Vor ihren Freunden verleugneten sie mich tatsächlich noch als über fünfzigjährigen, wohlhabenden Mann und mehrfachen Familienvater, weil ich meinen Betrieb einige Jahre verpachtete, um meinen kreativen Neigungen nachzugehen und ein schwer behindertes Kind aus – in ihren Augen – „asozialen“ Kreisen in meine Familie aufzunehmen.
Wie bin ich mit meiner Situation fertig geworden? Eine Methode, um mich selbst zu behaupten, hatte sicherlich den negativen Charakter der „Verweigerung“. Ich machte die gesellschaftlichen Rituale nicht mit. Ich lehnte die für Kinder in meiner Zeit vorgesehene Ausbildung ab. Ich ging nicht in den Kindergarten, wurde kein Mitglied bei den nationalsozialistischen „Pimpfen“ oder der „Hitlerjugend“ und grüßte auch nicht mit dem „Deutschen Gruß“. Nach der Einschulung suchte ich mir im Klassenraum einen Platz, der am nächsten bei der Tür war, um so schnell wie möglich wieder draußen zu sein, und schwänzte während des ersten Schuljahres etwa die Hälfte der Zeit die Schule. Auch ließ ich mich nach einigen unangenehmen Erfahrungen von keinem Arzt mehr behandeln.
Ich gab also die Ablehnung, die ich erfuhr, in vollem Maße zurück, obwohl mehr Angst der Grund für mein „Versagen“ war als Widerstand oder gar Rebellion. Meinen Eltern müssen meine Fluchtversuche allerdings wie Manifestationen meines Selbstbehauptungswillens vorgekommen sein, und da ich in meiner panischen Angst einen eisernen Willen entwickelte und mit keiner Drohung oder Strafe von meinen Fluchtversuchen abzubringen war, begannen sie mich zu respektieren. Die Gewohnheit eines engen Zusammenlebens tat noch das ihre, um gewisse solidarische Gefühle zwischen uns entstehen zu lassen, so dass ich zumindest wie ein gut dressierter und treuer Hund im Kreise der Familie gelitten und gemocht wurde.
Den Höhepunkt erreichte mein widerspenstiges und zersetzendes Verhalten (mit der Unterstützung meiner Eltern in diesem Fall), als ich 1943 mit sechzehn Jahren noch zur Wehrmacht eingezogen werden sollte. Meine Mutter und ich waren bereits 1942 aus der Großstadt im Ruhrgebiet wegen der häufigen Bombenangriffe der Alliierten in ein Dorf in Süddeutschland gezogen. Mein Vater, der Lehrer war und dessen Schule wegen Zerstörung geschlossen worden war, kam 1943 nach und übernahm dort die Stelle eines Arbeitsdirektors in einer Polstermöbelfabrik.
Als für mich der Einberufungsbescheid kam, waren meine Eltern einerseits stolz, dass ich trotz meiner Entstellung das Ehrenkleid der Nation, den Soldatenrock, tragen sollte, andererseits aber sahen sie sehr klar, dass der Krieg verloren war, und wollten nicht, dass ich für eine winzige Verlängerung der von ihnen mittlerweile abgelehnten Naziherrschaft geopfert würde. Einige ältere Hitlerjungen waren denn auch schon eingezogen und an der Front eingesetzt worden, wo sie zum Teil schwer verletzt worden waren und Arme und Beine verloren hatten. Ich hatte nicht die geringste Lust, ein ähnliches Schicksal zu erleiden und teilte die Meinung meiner Eltern, dass meine Einberufung verhindert werden müsse. Wir hielten einen Familienrat ab und kamen zu dem Ergebnis, dass die einzige Möglichkeit, dem Wehrdienst zu entgehen, darin bestand, so krank zu werden, dass ich vom zuständigen Stabsarzt als nicht kriegsverwendungsfähig eingestuft werden musste.
Mein Vater und ich informierten uns darauf in einem einschlägigen Lexikon über die Symptome, die der Kinderlähmung vorausgehen und sie begleiten, damit ich die Krankheit mit meinem mehrfach erwiesenen Schauspielertalent simulieren könnte.
Nachdem wir herausgefunden hatten, dass Mandelentzündung, Appetitlosigkeit, Darmträgheit, Verstopfung und Fieber der Krankheit vorausgehen und Fieber sie begleitet, gab ich mir die größte Mühe, alle diese Krankheitserscheinungen mehr oder minder künstlich hervorzurufen.
Die Mandelentzündung rief ich dadurch hervor, dass ich mich in voller Bekleidung unter die kalte Dusche stellte, danach alle Fenster unserer Wohnung aufriss und mich so nass, wie ich war, in den Durchzug setzte. Ich brauchte diese Prozedur nur wenige Male zu wiederholen, da begann meine Nase zu laufen, der Niesmechanismus setzte sich in Bewegung und der Hals färbte sich rot. Nun räumte ich Mutters süßen Schrank aus, den sie dauernd mit Schokolade und Pralinen bis oben hin gefüllt hatte, und stopfte von dem süßen Zeug so viel in mich hinein, dass es mir schlecht wurde.
Als meine Eltern abends nach Hause kamen, lag ich mit allen Anzeichen der beängstigenden Krankheit im Bett und hatte so unter echten Schmerzen zu leiden, dass der in höchster Eile herbeigerufene Arzt mich nicht zu berühren wagte – aus Angst, von der diagnostizierten Kinderlähmung angesteckt zu werden. Da meine Eltern sich weigerten, mich in ein Krankenhaus zu geben, wurde unsere Wohnung sechs Wochen unter Quarantäne gestellt. Meinen Eltern wurde bis auf weiteres verboten, die Wohnung zu verlassen. Der Kontakt zur Außenwelt wurde nur durch eine Rote-Kreuz-Schwester und den Arzt hergestellt, die unter Beachtung größter Vorsichtsmaßnahmen unsere Wohnung betraten oder – genauer gesagt – das Betreten der Wohnung häufig vermieden, indem sie vom Flur aus durch ein geöffnetes Fenster der Etagentür die Berichte und Bestellungen meiner Eltern entgegennahmen und Lebensmittel und Arzneien hereinreichten. Meine Eltern und ich amüsierten uns insgeheim über die Angst unserer Betreuer, aber trotzdem wurde uns die Zeit lang. Ich selber fühlte durch die Notwendigkeit, die ganze Zeit im Bett liegen zu müssen, bald am ganzen Körper Schmerzen und Lähmungserscheinungen. Meine Eltern hatten außerdem durch die Eingabe von Malariaplasmodien eine künstliche Infektion in meinem Körper hervorgerufen, so dass ich dauernd Fieber hatte, was den Arzt, wenn er sich denn ausnahmsweise an mein Bett traute, in seiner Diagnose bestärkte, mich aber sehr schwächte.
Schließlich gingen die sechs Wochen Quarantäne aber doch vorbei, und wir mussten überlegen, welches kriegstaugliche Glied meines Körpers fortan gelähmt bleiben sollte, damit ich vor dem Zugriff der Wehrmacht sicher war. Wir beschlossen, das linke Bein zu „nehmen“, weil ich die Hände für meine Schularbeiten und mein sehr fortgeschrittenes Violinspiel brauchte.
Zur Kompensation meiner künftigen Körperbehinderung kauften mir meine Eltern zwei Krücken und einen Spazierstock. Damit übte ich nun die kunstgerechte Fortbewegung eines einbeinig Gelähmten. Durch die lange Bettlägerigkeit musste ich das Laufen ohnehin wieder von neuem lernen, und so geriet mir die Handhabung der Krücken durchaus natürlich. Das scheinbar gelähmte Bein ließ ich schlaff herunterhängen und schleifte es beim Gehen hinter mir her. Weil ich das Bein nicht belastete, bildete sich auch keine neue Muskulatur und es wirkte so dünn und kraftlos, dass es wirklich den Eindruck eines von der Kinderlähmung ruinierten Körpergliedes machte.
Unser Arzt jedenfalls ließ sich voll von der bewegungsmäßigen und militärischen Unbrauchbarkeit des Beines überzeugen. Auch der hinzugezogene Stabsarzt, der übrigens ein Stammtisch- und Skatbruder meines Vaters war, unterließ eine Untersuchung der nervlichen Intaktheit des Beines mit dem Hämmerchen, beschränkte sich auf das vorsichtige Abtasten der erschlafften Muskulatur und stellte mir anstandslos das ersehnte Attest über eine schwere Körperbehinderung aus. So konnte ich in der Folgezeit mein schauspielerisches Talent bis Kriegsende unter Beweis stellen und mit Krücke oder Stock eindrucksvoll an der Wehrmacht und den Nazis vorbeihinken.
Aber ich habe der Zeit vorausgegriffen. Meine Auseinandersetzung mit meiner eigenen Situation und meiner Umwelt fängt schon viel früher an. Obwohl ich mit 13 Jahren mit meinen Leistungen im Sport und in künstlerischen Betätigungen meine „Behinderung“ etwas kompensieren konnte und mein Selbstbewusstsein die ersten zarten Knospen trieb, blieben mir - dem nationalsozialistischen Zeitgeist entsprechend - auch auf diesen Gebieten Niederlagen und enttäuschende Erfahrungen nicht erspart. So wurde mir trotz guter Torwartleistungen im Fußball wegen meiner Hasenscharte die Aufstellung für die Schulmannschaft meiner Altersklasse vorenthalten. Auch für den feierlichen Gedichtvortrag anlässlich einer patriotischen Feier in der Aula unserer Schule kam ich nicht in Frage.
Und auch als kindlicher Violinvirtuose fand ich nicht die Aufmerksamkeit, die ich für meine Leistung verdient gehabt hätte. Aber diese Missachtung, die ich dort erfuhr, erfuhr ich nicht wegen meiner Hasenscharte, sondern wegen der Konkurrenz von Kaffee und Kuchen, die auch jedem anderen Virtuosen zu schaffen gemacht hätte. Dass sie letztlich meinem bereits fortgeschrittenen Selbstbewusstsein nicht geschadet hat, kann man an der Schilderung des Vorgangs ablesen.
Die Geschichte spielte sich in meiner Gymnasialzeit ab. Ich war damals in der Quarta, der siebten Klasse, und schon ein ziemlich fortgeschrittener Geigenspieler. Meine Schule feierte damals – im Jahr 1940 – ihr 50jähriges Jubiläum und veranstaltete aus diesem Grunde ein Schulfest. Meine Klasse wollte an diesem Tage ein Café betreiben, in dem auch Life-Musik zu hören sein sollte. Ich sollte der Caféhausgeiger sein. Diese Aufgabe nahm ich sehr ernst und übte ein viel zu anspruchsvolles Programm ein, das ich auswendig vortragen wollte. Als mein Auftritt kam, den man mit großen Lettern angekündigt hatte, war das Café bis an den Rand mit Besuchern gefüllt. Diese waren von den guten Kuchen, die die Mütter meiner Klassenkameraden gebacken hatten, und von den verführerischen Düften des frisch aufgegossenen Kaffees angelockt worden. Sie veranstalteten einen Höllenlärm, der sich auch nicht legte, als ich meine Geige auspackte und zu spielen begann. Ich spielte zunächst einige Ungarische Tänze von Brahms, die für Violine bearbeitet waren und ziemlich virtuos klangen. Sie konnten von den Besuchern aber nur bruchstückhaft gehört werden, weil sie keine Veranlassung sahen wegen meines Spiels etwas leiser zu sein.
Dieses Verhalten war für mich schon etwas deprimierend, aber ich fasste mich und spielte einige Schlagermelodien, die damals gerne gehört wurden: „Kann denn Liebe Sünde sein“ oder „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ oder „Gnädige Frau, wo warn Sie gestern?“ oder „Ausgerechnet Bananen“ oder „Unter einem Regenschirm am Abend“ usw., Schlager, die zum größten Teil von Zarah Leander vorgetragen wurden und deren frivol-laszive Erotik in heftigem Gegensatz zu der Erscheinung des kindlichen, knabenhaften Spargel-Tarzans standen, der so hingebungsvoll die Violine strich.
Beim Vortrag dieser Melodien störte es mich nicht, wenn der Lärm der Besucher weiter um mich herumbrandete, weil ich mich sehr darauf konzentrieren musste, die richtigen Töne zu greifen und die Melodien gefällig zu variieren und mit virtuosen Läufen und Doppelgriffpassagen effektvoll auszugestalten. Zudem klatschten die Leute nach jedem Musikstück bereitwillig Beifall.
Allerdings merkte ich genau, dass dieser Beifall einen sehr konventionellen Charakter hatte, eine Angelegenheit des höflichen Benehmens war und zu der Qualität oder dem Murks meiner Darbietung in keinem Verhältnis stand. Ich provozierte denn auch bald das Publikum, indem ich mit Absicht Dissonanzen in meine Schlagerparaphrasen einbaute oder das Publikum durch die Wiedergabe der Melodie von „Du bist verrückt, mein Kind, du kommst aus Berlin, wo die Verrückten sind, da gehörst du hin“ zu attackieren versuchte oder auch die Melodie des frech-anarchischen „Bolle-Liedes“ bis zum Exzess strapazierte. Aber die Zuschauer klatschten genauso unbeteiligt und mechanisch wie vorher Beifall und sie hätten, glaube ich, auch zu ihrem musikalisch verpackten Todesurteil geklatscht, weil sie überhaupt nicht hinhörten, sondern auf ihre Unterhaltungen und ihren Kuchen fixiert waren.
Ein etwas reiferer Mensch, als ich es damals war, hätte dieses Verhalten als normal begriffen und die Leute noch eine Zeit lang mit belangloser Musik berieselt, ohne sich für die technische Perfektion oder den emotionalen Ausdruck der gespielten Stücke zu engagieren; aber ich war zu solch einer zynischen – wenn auch der Situation angemessenen – Haltung nicht in der Lage und litt unter der Nichtbeachtung und offensichtlichen Geringschätzung meiner Bemühungen.
Schließlich wollte ich mit Gewalt diese Mauer von Ignoranz und Gleichgültigkeit sprengen und ich dachte, ich könnte das mit dem Vortrag eines Stückes erreichen, das ich am meisten liebte und das ich für diese Veranstaltung besonders intensiv geübt hatte, der G-Dur Romanze für Violine von Beethoven, deren auswendig gespielter Vortrag für einen musisch nur normal begabten Jugendlichen schon eine bemerkenswerte Leistung ist.
Ich legte nun alle Kraft und meine ganze Seele in den Vortrag des Stückes – in der Erwartung, dass mir die Cafégäste wenigstens dieses eine Mal zuhörten oder doch zumindest die Musik zum Ertönen kommen ließen. Aber nichts änderte sich. Diese von mir innerlich so empfundenen „Dickhäuter“ fraßen weiter ihren Kuchen in sich hinein, schlürften schmatzend ihren Kaffee, qualmten genüsslich ihre Lord Astor und palaverten weiter über die Pflege von Gesichtswarzen und Hühneraugen, ohne von dem besonderen Ereignis, das sich für meine Begriffe soeben in ihrer Nähe abspielte, auch nur das Geringste wahrzunehmen.
Erst als ich kurz vor dem Ende der Romanze mein Spiel abbrach und die verdatterten Spießbürger anschrie: „Für solche Säue spiele ich nicht!“, entstand ein ärgerlicher Tumult und eine aggressive Empörung. Einige der aufgebrachten Väter wollten mich sogar schlagen, und nur dem entschlossenen Eingreifen meines Musiklehrers, der – wohl angelockt durch meine Töne – einige Minuten vorher den Raum betreten hatte und mir jetzt demonstrativ Beifall zollte, habe ich es zu verdanken, dass ich nicht mit blauem Auge und aufgeplatzter Lippe den Schauplatz verlassen musste.
Er stellte sich zornig vor mich und rief die Versammlung zur Ordnung und erklärte dann noch, dass die Lautstärke, mit der sie meine beseelte Interpretation der Beethoven-Romanze gestört hätten, ein Zeichen von fehlender Kultur und Herzensbildung sei und dass sie die Leistung, die ich ihnen geboten hätte, überhaupt nicht zu schätzen gewusst hätten. Er könne meinen Unmut deswegen völlig verstehen und er selber, wenn er an meiner Stelle gewesen wäre, hätte sich genauso verhalten.
Ich hatte inzwischen weinend meine Geige eingepackt und verließ darauf an der Hand meines Musiklehrers den Raum. Die Caféhausbesucher aber, so erzählten es mir meine Klassenkameraden am nächsten Tag, hätten nach einer kurzen Pause der Betroffenheit weiter palavert, als sei nichts passiert.
Warum erzähle ich dir das, liebe Mary, dir, der weltbekannten schönen und großartigen Tennisspielerin? Denn ich schreibe diese Geschichten für dich. Ich habe keinen Gesprächspartner mehr, seitdem ich mich nach dem Tod meiner Frau, Amadea, mit achtundsiebzig Jahren in ein Hospiz zurückgezogen habe und aus besonderen Gründen mit keinem Menschen mehr spreche.
Ich bin schon seit etlichen Jahren dein Fan. Und es wäre eigentlich für jeden verständlich, wenn ich als Fan einer weltbekannten Tennisspielerin dieser verehrungsvolle Schreiben schickte. Bis vor einem Jahr, als meine Frau noch lebte, wäre das auch von mir zu erwarten gewesen, aber jetzt hat sich mein ganzes Leben geändert und zumindest in meinen Gedanken bist Du so etwas wie ein virtueller Ersatz für meine Frau geworden. Vielleicht werde ich, wenn ich alle Geschichten, die mich bewegen, aufgeschrieben habe, dir, der realen Person der Mary diese Geschichten schicken, um mir die Chance zu geben eine reale Beziehung zu dir aufzubauen.
Ich beginne mit der Darstellung meiner erotischen Biographie mit dem Jahr 1932. Damals war ich fünf Jahre alt. In dieser Zeit war mein Vater als Lehrer arbeitslos. Er hatte allerdings einen Nebenerwerb als Vertreter für Bücher gefunden. Er reiste viel, um bei Buchhändlern und Privatpersonen Abnehmer für seine Ware zu finden. Manchmal kam er wochenlang nicht nach Hause, weil er in irgendwelchen entlegenen Dörfern die Bauern für deutsche Literatur begeistern wollte. In diesen Zeiten reiste meine Mutter mit mir zu meinen Großeltern auf’s Land, um die Ausgaben für den eigenen Haushalt zu sparen; denn mein Vater konnte mit seiner Tätigkeit nur das zum Überleben Nötigste verdienen.
Dort – bei den Großeltern – hatte ich schnell Anschluss an die Kinder des Dorfes gefunden, weil ich zum Entsetzen meiner Mutter mit der großzügigen Verteilung meiner Spielsachen an die neuen Freunde nicht lange gefackelt hatte. Ich war denn auch bald wie sie in den Werkstätten und Bauernhöfen ihrer Eltern zu Hause und durchschwärmte mit ihnen die umliegenden Felder und Wälder. Meine Realitätserfahrungen wurden durch diese Aktionen und die damit verbundene selbständige Nahrungsmittelversorgung mit Kirschen, Erdbeeren und Pilzen, Krebsen und Forellen sprunghaft erweitert. Ich gewann sogar die Bewunderung meiner neuen Freunde, weil es mir bei einer Mutprobe gelang, die Rivalität zwischen ihnen und einer anderen Kinderbande zu ihren Gunsten zu entscheiden, weil ich ein Brennnesselblatt in den Mund nahm und es – wenn auch unter heftigsten Schmerzen – tapfer zerkaute.
Dort erlebte ich mein erstes Liebesabenteuer. In dieses sexuelle Abenteuer bin ich als Mitglied unserer dörflichen „Kinderbande“ hineingerutscht. Da ich eines der jüngsten „Bandenmitglieder“ war, wusste ich im Grunde nicht, was „gespielt“ wurde.
Die sexuelle Aufklärung war in unserer Bande ein wichtiges Thema. Und einige Bauernjungen, die Ziegen oder Kühe zum „Decken“ begleiten durften, waren auf diesem Gebiet die anerkannten Autoritäten. Sie berichteten uns, wie es zwischen Bock und Hippe oder zwischen Bulle und Kuh zuging, und da Kinder gerne nachspielen, was sie in der Welt um sich beobachten, beschlossen wir, auch das „Decken“ nachzuspielen. Die Gelegenheit dazu sollte sich bald ergeben. In dem Dorf wohnte eine kinderreiche evangelische Pastorenfamilie, deren Haus den Dorfkindern zum Spielen offen stand. Eines Tages, als wir Jungen mit dem jüngsten Sohn des Pfarrers im Pfarrhaus spielten, wurde uns plötzlich bewusst, dass wir Jungen mit dem jüngsten Kind des Pfarrers, einem Mädchen von 3 bis 4 Jahren, allein in dem Haus und im Zimmer waren. Im Nu war der Kleinen die Hose ausgezogen, war sie mit dem Gesicht nach unten über einen Stuhl gelegt worden und hatten die Jungen eine Schlange gebildet, an deren Ende ich stand. Die Jungen holten darauf streng der Reihe nach ihr Glied, bei dem sich allerdings nichts regte, aus der Hose und versuchten damit mit dem Po der Kleinen in Berührung zu kommen, weil sie es so bei den Tieren gesehen hatten. Die Kleine, deren Bruder ja anwesend war, begriff das Geschehen zunächst als Spiel, begann dann aber leise zu weinen, wobei ich nun die größte Sorge hatte, bei dem Spiel nicht mehr an die Reihe zu kommen. Ich kam noch kurz an die Reihe, spürte überhaupt nichts bis auf die Angst vor dem Erscheinen eines Erwachsenen und verließ mit den anderen fluchtartig das Haus.
Der Pfarrer erfuhr, was vorgefallen war, und unterrichtete alle Eltern der an dem Vorfall beteiligten Kinder. Die meisten Eltern sprachen auch mit ihren Kindern darüber, einige Kinder bekamen Hiebe. Meine Mutter ließ es allerdings bei der Drohung bewenden, dass ich mit der dekorativ an der Wand hängenden Reitpeitsche verdroschen würde, wenn ich so etwas noch mal tun würde, wozu ich ohnehin keine Lust hatte. Im Übrigen blieb mir völlig schleierhaft, was an der Sache schlimm gewesen sein sollte. Es war meiner Meinung nach überhaupt nichts passiert. Meine Mutter vertröstete mich damit, mir die Sache später zu erklären, was sie allerdings nie tat.
Danach wurde ich im Alter von 8 oder 9 Jahren – nunmehr in meiner Heimatstadt – in meine nächste erotische Beziehung verstrickt. Das etwa gleichaltrige Mädchen war die Tochter einer Freundin meiner Mutter. Diese Freundin war Witwe und lebte mit ihren Eltern und ihrer Tochter über dem Möbelgeschäft, das ihr verstorbener Mann betrieben hatte und das sie nun weiterführte. Da mein Vater noch immer keine feste Anstellung als Lehrer gefunden hatte und seine Reisen durch Deutschland ihn immer wieder für Tage oder Wochen von zu Hause entfernten, freute sich meine Mutter, wenn sie in diesen Zeiten außer den Großeltern noch jemand anderen besuchen konnte, der uns gut bewirtete. So besuchte meine Mutter ihre Freundin öfter an den Wochenenden und blieb auch schon mal über Nacht dort.
Meine Mutter nahm mich jedes Mal zu den Besuchen mit. Ich konnte dann mit der Tochter ihrer Freundin spielen. Manchmal war auch noch eine Freundin der Tochter da, aber ich konnte mit beiden Mädchen wenig anfangen und auch ihre Spiele ließen mich kalt. Das änderte sich aber schlagartig, als die Tochter der Freundin meiner Mutter das Bedürfnis empfand, mich enger an sich zu binden. Ich wäre zu diesem Zeitpunkt selber nie auf den Gedanken gekommen, eine amouröse Beziehung zu einem Mädchen einzugehen, aber nachdem die kleine Evastochter mir bei einem Spiel klar gemacht hatte, dass sie keinen Mann habe und dass ich für diese Position sehr geeignet sei, akzeptierte ich diese familiäre Aufgabe und ließ mich auch zur baldigen Verlobung und Hochzeit überreden.
Zunächst war aber die Phase der ersten Verliebtheit zu bewältigen. Man machte also Pfänderspiele und konnte die eingesetzten Pfänder nur gegen einen Kuss oder eine Umarmung wieder zurückbekommen. Man hatte Lieder zu singen wie „Du, du liegst mir am Herzen, du, du liegst mir im Sinn. Du, du machst mir viel Schmerzen! Weißt nicht, wie gut ich dir bin“. Man musste lernen, Mädchenzöpfe zu flechten oder einen Apfel Stirn an Stirn oder Mund an Mund festzuhalten und dabei fünf Schritte gemeinsam zurückzulegen, ohne dass der Apfel zu Boden fiel. Ich musste aus Liebe lernen zu hinkeln und schwierige Ballspiele mit der Wand auszutragen. Auch das Jonglieren mit wenigstens zwei, aber auch mehr Bällen gehörte zur fortgeschrittenen Liebeskunst.
Man hatte auch mit der Geliebten ins Kino zu gehen und dort im Dunkeln zu kuscheln und zu schmusen. Man musste sich sogar jeden Morgen waschen und die Zähne putzen, sich gut frisieren und geschmackvoll kleiden. Auf dem Lande spiele das zwar keine große Rolle, belehrte mich meine Geliebte, dort lasse sie selber auch schon mal Fünfe gerade sein, aber in der Stadt gehöre das zum guten Ton. Eine Frau, die auf sich halte, könne nicht wie eine Bauersfrau herumlaufen und ein zukünftiger Ehemann schließlich auch nicht wie der letzte Dorftrottel. Da ich mehr auf dem Lande gelebt hatte und die städtischen Umgangsformen nicht so gut kannte wie meine zukünftige Gattin, war ich ihr für ihre Aufklärung sehr dankbar und schaute ehrfurchtsvoll und mit dem geschmackvollsten Ausdruck von „Weißt nicht, wie gut ich dir bin“ zu ihr auf. Es war tatsächlich so, dass mein von Hasenscharte und Einzelkinddasein ziemlich verdunkeltes Leben sich plötzlich aufzuhellen begann und mich neue ungeahnte Freudengefühle und Jubelgesänge erfüllten. Mein ramponiertes Selbstbewusstsein begann aufzublühen, ich begann mich zu strecken und großsprecherisch daherzureden und konnte meine Rolle wirklich mit Einfallsreichtum, Anpassungsfähigkeit und Vergnügen ziemlich perfekt spielen.
Unsere Mütter bekamen von diesen Entwicklungen ihrer Kinder zu „Erwachsenen“ wenig mit. Sie fanden unsere Spiele amüsant und fantasievoll, sahen in ihnen vielleicht auch notwendige Vorbereitungen auf unsere späteren Geschlechterrollen und ließen uns gewähren. Wir jungen „Liebesleute“ machten unsere gemeinsamen Unternehmungen bald unabhängig von den Treffen unserer Mütter. Wir besuchten uns gegenseitig, machten gemeinsame Spaziergänge, genossen „Schweineöhrchen“ und „Berliner“ in einem Café, das dem Vater einer anderen Freundin meiner Mutter gehörte, und landeten immer wieder im Kino. Dabei hatten wir gar kein Geld. Unsere Vergnügungen liefen alle über „gute Beziehungen“ unserer Eltern oder unsere eigenen Kontakte zu guten Freunden.
Unsere wachsende Vertrautheit bewog uns schließlich dazu, uns zu verloben. Wir wollten unsere Verlobung allerdings nur im „kleinsten Kreis“ feiern, nur in Anwesenheit der engsten Freunde. Das waren mein bester Freund mit seiner Freundin und Annes Freundin mit ihrem Freund. Zu der besagten Feier, die wir nach Geschäftsschluss im schönsten Wohnzimmer der Möbelausstellung im Geschäft von Annes Mutter feierten, wollte Anne unbedingt im weißen Kleid erscheinen. Da sie aber keines hatte, zog sie ein weißes Nachthemd ihrer Mutter an und staffierte mich mit einem schwarzen Anzug ihres verstorbenen Vaters aus, der, obwohl ihr Vater sehr kleinwüchsig gewesen sein musste, dennoch abenteuerlich um meine mageren Hüften schlotterte und nur mit Hilfe von durch Knoten verkürzten Hosenträgern und mit vielen Sicherheitsnadeln einigermaßen kleidsam an mir befestigt werden konnte. Zur Krönung meines Putzes verpasste mir meine Verlobte noch den Zylinder ihres Vaters, der, das konnte man an dem ausgedehnten Durchmesser des Zylinders sehen, ein gewaltiger Dickkopf gewesen sein musste. Der Zylinder rutschte mir jedenfalls zur Gaudi unserer kleinen Gesellschaft dauernd über die Augen und hätte mir die ganze Würde als männliche Hauptperson unserer bescheidenen Veranstaltung genommen, wenn meine findige Braut nicht auf die kluge Idee gekommen wäre, den Umfang meines Kopfes mit einem ihrer vielen Kunstblumenkränze entscheidend zu erweitern, so dass der Zylinder nun wie der Hut von Robin Hood zwar etwas rutschig, aber hoch aufragend auf meinem Haupt thronte und mir meine soeben noch auf der Verlustliste stehende Würde in vollem Ausmaß zurückgab.
Die modistische Betätigung hatte meine Geliebte und die anderen weiblichen Mitglieder der Gesellschaft so animiert, dass nun alle Teilnehmer mit anderen noch vorhandenen feiertäglichen Gewandungen von Annes Mutter und Vater ausgestattet wurden. Die zwei außer mir noch anwesenden „Herren“ wurden mit der ebenfalls feierlichen „Melone“ des Vaters und seinem Feuerwehrhelm bedacht, während sich die Damen die weit ausladenden Sommerhüte von Annes Mutter teilten. Desgleichen wurden der bereits eingemottete „Stresemann“ und der in Cellophan gewickelte schwalbenschwänzige Frack des toten Vaters reaktiviert und ebenfalls mit Hosenträgern und Sicherheitsnadeln tragbar gemacht. Die zwei noch nicht feiertäglich gekleideten „Damen“ behalfen sich mit Kordeln und ebenfalls mit Sicherheitsnadeln, um die knöchellangen und weit ausgeschnittenen Abendkleider von Annes Mutter passend zu drapieren und vergaßen auch nicht, die ausgelösten Schulterpolster in Höhe ihrer zukünftigen Brüste von innen an den Kleidern festzustecken, so dass sogar die Ausschnitte auf zwar dezente, aber doch sichtbare Wölbungen zuliefen, was die „Damen“ zu heftigem Gekicher und die „Herren der Schöpfung“ zu Ausrufen höchster Bewunderung veranlasste.
Nachdem also die Gesellschaft sich in solch eine ansehnliche Versammlung verwandelt hatte, konnten nun die Limonade und die festliche Buttercremetorte, die die Freundin von Anne, deren Vater Bäcker war, gestiftet hatte, unbeschwert genossen werden. Infolge der vornehmen Umgebung und dank unserer festlichen Garderobe benahmen wir uns vorbildlich, kleckerten nicht und beschädigten auch die vornehmen Möbel nicht. Allerdings hatte Georg, der Freund von Annes Freundin, während unserer sehr amüsanten und kultivierten Unterhaltung die unfassbare Behauptung aufgestellt, dass man ein rohes Ei nicht in der geschlossenen Hand zerdrücken könne. Ich erbot mich sofort, den Gegenbeweis anzutreten. Und da Georg felsenfest bei seiner Meinung blieb und sogar meine Braut ihm mehr glaubte als mir, fand man es nicht nötig, zur Durchführung des unvermeidlich gewordenen Experiments nach draußen zu gehen, sondern wollte es an Ort und Stelle machen. Anne holte denn auch ein rohes Ei. Und ich machte mich zu dem Experiment bereit, indem ich Anzugjacke und Zylinder glücklicherweise auszog. Georg hatte mir aus Unwissenheit oder aus Boshaftigkeit verschwiegen, dass man bei diesem Experiment die Spitze des Eies gegen die untere Seite des Eies drücken müsse. So nahm ich das Ei in meine rechte Hand und drückte seitlich dagegen, was das sofortige explosionsartige Zerplatzen des Eies zur Folge hatte. Dotter und Eiweiß spritzten blitzartig wie eine Ladung Schrotkugeln durch den Raum und verschmutzten im Umkreis von vier bis fünf Metern Menschen, Möbel, Vorhänge, Teppiche, Wände und die Decke des Raumes. Die vornehme Gesellschaft kollerte vor Gelächter am Boden, aber der unglückliche Verlobte brach in Tränen aus.
Doch meine beherzte Verlobte wusste auch in dieser Situation Abhilfe. Sie tröstete mich in meiner Verzweiflung mit den Worten, der Schaden sei nicht schlimm und könne rasch wieder bereinigt werden. Dann holte sie Sprudelwasser, Messer, Kreide und Waschlappen und funktionierte die ganze elegante Gesellschaft in eine Reinigungskolonne um, die die Ei-Reste von den Wänden und der Decke schabte, die Möbel, Vorhänge und Teppiche sauber wischte und mit weißer Kreide die beharrlichen Flecken an den gekälkten Wänden und der Decke übermalte. So endete unsere Verlobungsfeier in einer kameradschaftlichen Zusammenarbeit. Und Georg, der doch wohl mehr aus Unwissenheit als aus Boshaftigkeit seine Behauptung aufgestellt hatte, konnte es nicht fassen, dass dieses „bombensichere“ Experiment schief gegangen war.
Durch alle diese Vorgänge war die Vertrautheit mit Anne sehr eng geworden und ich war zum ersten Mal in meinem Leben von Herzen glücklich und froh. Bei Anne war ich gut aufgehoben. Sie stand zu mir und hatte mich gern. Es begann tatsächlich so etwas wie ein ganz zartes Pflänzchen echter Liebe zwischen uns zu keimen. Wir hatten uns im Auge, fanden Gefallen aneinander, waren neugierig aufeinander, reagierten aufeinander, meinten es gut miteinander und machten gemeinsame Zukunftspläne. Natürlich spürte ich in meinem Innersten, dass ich meiner Rolle nicht gewachsen war und nur mit allerhand Schauspielerei und Großsprecherei die Qualitäten vorzeigen konnte, die die Welt von einem feurigen Liebhaber, starken Beschützer und verantwortungsvollen Bräutigam erwartet.
Meine Zuneigung zu Anne, mein Interesse an ihr waren echt, aber es fehlten alle Fertigkeiten der Alltagsbewältigung und der Einsicht in die krude Beschaffenheit der sozialen und wirtschaftlichen Wirklichkeit, die uns umgab – und der ich daher in keiner Weise gewachsen war. Für eine gutmütige und wohlwollende Umgebung wie Anne, unsere Freunde und auch einige verständnisvolle Erwachsene und auch schließlich für mich reichte mein nicht unerhebliches Schauspielertalent, um meine Rolle gut zu spielen. Aber für die lebenstüchtigen und desillusionierten Realisten, mit denen wir es in der Hauptsache zu tun hatten, musste das groteske Missverhältnis zwischen unserem Alter und unserer „Liebesbeziehung“ schließlich zu einem Ärgernis werden, das sie nicht länger dulden konnten und dessen Scheinhaftigkeit sie entlarven mussten. Ich spürte die Gefährdung unseres „Glücks“ und hatte Angst vor dem Verlust.
Aber wir hatten noch eine Frist. Meine Großeltern hatten Anne und mich in den Herbstferien eingeladen. Und auf diese gemeinsame Ferienzeit freuten wir uns beide riesig und machten allerlei Pläne, diese Zeit mit Radtouren und Geländespielen auszufüllen. Anne versprach sich auch eine Erleichterung ihres Daseins davon, dass sie auf dem Lande auf Frisur und Garderobe nicht mehr so achten müsse und sich mit einfachen Klamotten und festgesteckten Haaren einfach einmal gehen lassen könne. Ich pflichtete ihr volltönend bei und nahm mir im Stillen vor, in dieser Zeit auf Zähneputzen und Waschen vollständig zu verzichten.
Die Aussicht auf die gemeinsame Reise brachte uns noch mehr zusammen und selbst unsere Mütter wurden dadurch unbewusst beeinflusst, sich öfter zu treffen. So übernachteten wir in dieser Zeit öfter in der Wohnung von Annes Mutter, und es wurde auch nichts dabei gefunden, Anne und mich in demselben Bett schlafen zu lassen. Die ersten Male passierte auch nichts, aber junge Liebesleute haben schließlich doch das Bedürfnis, sich miteinander zu beschäftigen, selbst im Dunkeln und in der Nacht. Wir machten davon auch keine Ausnahme. Und wenn zunächst auch nicht mehr als liebevolle Neckereien und herzhafte Knüffe sich dabei ereigneten, so probierten wir doch beim zehnten oder elften Mal, ob auch wir das konnten, was die brünstigen Tiere machten. Es gelang natürlich nicht, weil mein Glied plötzlich schrecklich krank und steif und lang wurde und nicht in die von mir irrtümlich gewählte hintere Öffnung von Anne passte und dann auch nicht in die von ihr als zutreffend ausgewiesene vordere Öffnung.
Mir war die Sache mit meinem Glied schrecklich peinlich und ich fürchtete mich davor, auch in Zukunft durch dieses eigenartige Verhalten meines Körperteils daran gehindert zu werden, in die – wie ich jetzt wenigstens wusste – zutreffende vordere Körperöffnung der Anne einzudringen. Ich war wirklich so geschockt, dass ich es in der uns noch verbleibenden Zeit bei Anne nicht mehr versuchte und lange Zeit auch ihre Nachfolgerinnen damit verschonte. Ich schämte mich auch so, dass ich nicht mit Anne darüber sprechen konnte, sonst hätte sie mir wahrscheinlich sofort die Auskunft gegeben, dass das völlig normal sei, und mir die jahrelange Angst vor der Erektion meines Gliedes bei zärtlichen Berührungen mit meinen Freundinnen erspart und das unangenehme Gefühl, diese Versteifung als überaus peinlich und unpassend zu empfinden.
Für Kinder in unserem damaligen Alter sind die Erlebnisse, die sie haben, alle gleich wichtig und gleich unwichtig. Die sexuelle Erlebnisweise hat noch nicht die Dominanz, die sie in späteren Jahren bekommt. Und so war für uns am nächsten Morgen das nächtliche Erlebnis weitgehend vergessen und wir interessierten uns wieder mehr für die Größe der Löcher im Käse und in den Brötchen, die wir zum Frühstück aßen, als für unser nächtliches Abenteuer. Im Hinterkopf behielten wir die Geschichte aber doch und wir planten eine Wiederholung des Experiments in den Herbstferien bei meinen Großeltern.
Hier aber beherrschte – womit wir nicht gerechnet hatten – mein Opa die Szene und hielt sein Haus und dessen Bewohner in Ordnung. Er teilte uns zwar ein gemeinsames Schlafzimmer zu, stellte aber unsere Betten weit auseinander an die gegenüberliegenden Wände. Er verbot uns, das Zimmer abzuschließen und nachts unsere Betten zu verlassen, und drohte auch damit, unsere Folgsamkeit zu kontrollieren, was er dann allerdings nicht tat.
Es war auch nicht nötig. Denn seine mit großer Autorität ausgesprochenen Anweisungen wurden von uns brav befolgt, so dass über den vielen anderen Ferienaktivitäten, die Opa und Oma für uns organisierten, für die Entwicklung der vorehelichen Beziehungen keine Zeit mehr blieb. Trotzdem waren diese Ferien für uns ein paradiesisches Erlebnis und der Glückshöhepunkt unserer kurz befristeten Freundschaft.
Denn nach unserer Rückkehr in die Stadt sprach Annes Opa das vernichtende Urteil über mich aus, ich sei ein Angeber und Anne solle lieber die Finger von mir lassen. Anne erzählte mir, was ihr Opa gesagt hatte, und zeigte sich selber von diesem Spruch ziemlich unbeeindruckt. Aber für mich war dieses Urteil, da ich es innerlich richtig fand, vernichtend. Der feindliche Opa wohnte zudem noch in dem Haushalt von Annes Mutter und verleidete mir daher weitere Besuche bei Anne. Wir trafen uns zwar noch gelegentlich im Kino, aber da mein Vater in dieser Zeit eine Anstellung als Lehrer fand und jetzt wieder zu Hause wohnte, stellte meine Mutter ihre häufigen Besuche bei ihrer Freundin ein und somit versickerte unsere Liebe, und wir verloren uns bald fast völlig aus den Augen. Für mich war dies ein herber Verlust und der Beginn einer frühen Vereinsamung, einer von Hospitalismus und Neurosen befallenen Kindheit.
Seit Ostern 1933 besuchte ich die Schule, die ich aber nicht sehr liebte. Ich lernte weder lesen noch schreiben und es war ein Glück, dass mein Vater Lehrer war und mir alles das beibrachte, was ich in der Schule versäumt hatte. Seit 1941 war der Zweite Weltkrieg bereits auch für die Zivilbevölkerung in Deutschland spürbar geworden. Die Wehrmacht hatte das Auto meines Vaters requiriert und durch die Bombenangriffe der alliierten Luftwaffe waren wiederholt Ziele in der Nähe unserer Wohnung getroffen worden. Durch die hierbei entstandenen Druckwellen waren die Fensterscheiben unseres Wohnzimmers zu Bruch gegangen und hatten durch neue ersetzt werden müssen.
Meine Mutter, mit der ich nachts meistens allein zu Hause war (weil mein Vater als Flakhelfer eingesetzt war und seine Nächte in der Nähe eines Flugabwehrgeschützes verbringen musste), hatte eine panische Angst vor den Bombenangriffen und stürzte bei dem ersten Ton der Alarmsirenen in unseren Luftschutzkeller. Ich, der ich einen bleiernen Schlaf hatte, lag währenddessen in meinem Bett und merkte nichts von Fliegeralarm, von Geschützdonner und dem Krachen explodierender Bomben. Im Luftschutzkeller fiel es natürlich auf, dass ich fehlte, und da meine Mutter aus Angst vor den Bomben von keiner Macht der Welt dazu zu bewegen war, wieder in unsere Wohnung zurückzukehren und mich zu holen, ließ sich meistens ein anderer Hausbewohner den Schlüssel zu unserer Wohnung geben, um mich zu wecken und mit in den Keller zu nehmen. Einem solchen tapferen Mitbewohner des Mehrfamilienhauses, in dem wir wohnten, habe ich es zu verdanken, dass ich noch lebe. Denn bei einem der nächtlichen Luftangriffe wurde unser Haus getroffen und die Wand, neben der mein Bett stand, stürzte ein. Hätte ich noch in dem Bett gelegen, gäbe es mich wahrscheinlich nicht mehr.
Als die Luftangriffe überhandnahmen, wurden viele Menschen, deren Anwesenheit in den Städten nicht unbedingt nötig war, in ländliche Gebiete gebracht, die von Bombardements verschont waren. Man nannte das die Städte „evakuieren“. Infolge dieser Vorgänge waren meine Mutter und ich nach Süddeutschland gekommen. Wir kamen in ein Bauerndorf in Württemberg, in dem es eine Möbelfabrik gab. Der Fabrikbesitzer, den meine Eltern persönlich kannten, bot uns eine Unterkunft in seinem Haus an, um eine Zwangseinquartierung von unbekannten Stadtflüchtlingen zu vermeiden. Zunächst wohnten nur meine Mutter und ich dort. Später, als die Schule, in der mein Vater Direktor war, 1943 von Bomben zerstört worden war, kam mein Vater - wie bereits gesagt - nach und übernahm die Stelle eines Arbeitsdirektors in der Firma.
Mein Vater lehnte inzwischen genauso wie mein Großvater das nationalsozialistische Regime ab. Daher freute es ihn nicht, dass ein bombastisches Zeremoniell auf ihn wartete, als er am späten Nachmittag seines ersten Arbeitstages den Mitarbeitern der Firma vorgestellt werden sollte. Für mich waren dagegen diese Vorgänge ein aufregendes Ereignis und ich erinnere mich noch sehr gut daran.
Die Fabrikantenfamilie, ein Prokurist und eine Arbeiterarmee von russischen und polnischen Kriegsgefangenen mit vielen schwangeren Frauen, die ebenfalls in der Fabrik arbeiten mussten, waren in der größten Fertigungshalle der Fabrik aufmarschiert. Ganz vereinzelt gab es auch einige deutsche Arbeiter, wahre Methusalems, zu sehen. Die Parteiprominenz war auch versammelt und veranlasste ein donnerndes „Heil Hitler“ zu seiner Begrüßung.
Mein Vater, der das Zeremoniell nicht auf sich bezog, guckte sich dauernd um, ob nicht irgendein prominenter Parteibonze hinter ihm stünde. Aber hinter ihm stand keiner, dem der Aufmarsch hätte gelten können. Als mein Vater jetzt warten wollte, bis die noch unsichtbare Koryphäe, der die Feierlichkeit offensichtlich galt, in Erscheinung treten würde, trat der Fabrikbesitzer ans Mikrophon und hielt folgende Rede: „Sehr geehrter Herr Gauleiter, Herr Kreisleiter, Herr Ortsgruppenleiter, sehr geehrte Herren Blockwarte, Zellenleiter und Parteimitglieder, liebe Arbeiter und Arbeiterinnen! Heil Hitler! Ich habe hiermit die große Ehre, Ihnen den neuen Arbeitsdirektor dieser Fabrik vorzustellen: Herrn Sprenger. Herr Sprenger wird jetzt einige Worte an Sie richten.“ Damit trat er zurück und schob meinen Vater an das Mikrophon.
Mein Vater war auf diese Situation nach Absprache mit dem Fabrikbesitzer vorbereitet, aber obwohl er ein großer Redner war, hatte er keine Lust, mit einer patriotischen Ansprache der anwesenden Parteiprominenz zu schmeicheln. Daher spielte er den rhetorischen Tölpel, drehte verlegen den Hut zwischen den Händen und stotterte: „Tach, Leute! Morgen fängt die Arbeit an. Heute könnt ihr nach Haus’ gehen. Wiedersehen! Und viel Vergnügen!“ Die Arbeiter trauten ihren Ohren nicht, dass sie außerplanmäßig ein paar Stunden frei haben sollten. Aber dann ging ein donnernder Applaus, vor allem von den gefangenen Russen und Polen los, der die Parteigrößen in einen Zustand blindwütiger Raserei versetzte. Und noch während die „Zwangsarbeiter“ die Halle verließen, gingen sie wie die Furien auf meinen Vater los, haspelten was von Wehrkraftzersetzung, von Sabotage, Diebstahl am Volksvermögen, Minderung der Arbeitsmoral, von Defätismus und Konspiration mit dem Feind durcheinander.
Mein Vater aber blieb ganz ruhig und wies nur mit bedeutungsvoller Geste auf die große Fensterfront der Halle, durch die man auf den Fabrikhof sehen konnte. Dort fuhr soeben ein Lastwagen vor, der mit Weinflaschen beladen war. „Ich konnte diese Ladung für meinen Einstand in dieser Firma bei dem Winzer, der mich mit Wein beliefert, erstehen und möchte die nötige Arbeitsbesprechung mit den politisch und wirtschaftlich verantwortlichen Persönlichkeiten der Region zur Steigerung der Produktivität unserer Firma mit einer Weinprobe verbinden. Zudem möchte ich mir erlauben, je zwei Flaschen Königstühler Gewürztraminer den hier versammelten Persönlichkeiten zum Geschenk zu machen.“
Darauf ließ mein Vater sofort einige Flaschen Asbach Uralt, die er aus seiner Aktentasche kramte, unter den Anwesenden kreisen. Er deutete zudem auf eine zweite prall gespannte Aktentasche, die noch neben ihm auf dem Boden stand, und bemerkte, dass die Herren die in der Runde kreisenden Flaschen getrost leeren könnten, es bliebe für jeden der Anwesenden noch eine volle Flasche als zusätzliches Einstandsgeschenk übrig.
Die Parteimitglieder, die die vorübergehende Stilllegung der Fabrik wegen ihrer eigenen Wichtigkeit begründet sahen, wandelten sofort ihre Sinnesart und erklärten ihre vorausgehenden Aussagen als Ausdruck eines Missverständnisses. Daraufhin überschlugen sie sich mit Vorschlägen für eine Steigerung der Produktion. Sie schlugen Nachtschichten vor, Kinderarbeit, Lohnabzüge bei Minderleistung. Mein Vater hörte sich den Unsinn mit unbewegter, ernster Miene an, zeigte sich scheinbar auch mit allen Vorschlägen einverstanden und rechnete dann exakt aus, dass die Nachtschicht nur durch Neueinstellung vieler ungelernter Privatpersonen möglich sei, und bot den Parteileuten die Ehre an, in der nächsten Nacht und den folgenden Nächten der Woche als Vorbild für freiwillige Arbeitsverpflichtung die Nachtschicht zu übernehmen. Dieses Angebot lehnten die Parteigrößen aber mit Dank ab, worauf mein Vater den Vorschlag mit den Nachtschichten als illusorisch abtun konnte.
Inzwischen war der Alkoholspiegel der Nazis so erheblich gestiegen, dass eine ernsthafte Besprechung über eine effektivere Organisation der Arbeit kein Thema mehr sein konnte. Hier und da wurden Rufe nach „Weibern“ laut, und der eine oder andere verlangte, man solle die Polinnen holen, die nicht unweit der Fabrik in einer bewachten Baracke zu Hunderten zusammengepfercht waren. Meinem Vater, dem ein Licht aufging, warum so viele Polinnen dicke Bäuche hatten, lehnte dieses Ansinnen entschieden ab und erklärte, dass die Feier – im Interesse eines geregelten Betriebsablaufs am folgenden Tag – beendet sei.
Hierauf reagierten die politischen „Führer“ aber mit lautstarkem Protest und erklärten die Fabrik wegen einer wichtigen Parteiveranstaltung bis zum Beginn der Arbeit am folgenden Morgen für beschlagnahmt. Die Kartons mit dem Wein, die mittlerweile in der Halle gelandet waren, beschlagnahmten sie „zwecks Sicherstellung der nötigen Verköstigung“ während des „außerordentlichen nächtlichen Parteitages“ sofort mit. Mein Vater ließ sich beide Maßnahmen schriftlich bestätigen und durch die Unterschriften aller Beteiligten absegnen. Er steckte das Schriftstück ein, und danach verschwanden meine Eltern und der Fabrikant und seine Frau vom Schauplatz des Geschehens.
Zurück blieben die bereits 18 und 20 Jahre alten Kinder der Fabrikantenfamilie, Sofie und Hans Jörg, sowie der Prokurist der Firma, Herr Weiß, und ich – und natürlich der kleine grölende „Reichsparteitag“.
Dieser beschäftigte sich jetzt mit der Erstellung von Stabsplänen zur Erstürmung der Baracke, in der die Polinnen hausen mussten. Hans Jörg und ich wollten bei dieser Aktion auch beteiligt sein, stießen bei der grölenden Horde aber auf Widerstand, weil diese uns denn doch für zu jung für die erotische Eroberung von „feindlichem und zudem minderwertigem weiblichen Menschenmaterial“ hielt. Anders war es bei dem Prokuristen, Herrn Weiß, der sich an der geplanten „Heldentat“ um keinen Preis beteiligen wollte, aber von den Wortführern der Horde mit allen Mitteln dazu genötigt wurde.
Plötzlich fiel irgendeinem ein irrsinniges Spiel ein, nach dessen Ausgang es sich erweisen sollte, ob Herr Weiß von der militärischen Aktion freigestellt werden konnte oder nicht und ob wir daran teilnehmen durften oder nicht. Das Spiel hieß: „Der Tellschuss“. Herr Weiß sollte den Sohn des Wilhelm Tell darstellen, den Walther, und sich in einem Abstand von 5 Metern von Hans Jörg und mir aufstellen. Ihm sollte ein Apfel auf den Kopf gelegt werden, und wir sollten diesen Apfel mit je zehn Würfen mit vollreifen Tomaten mindestens dreimal treffen. Falls Herr Weiß den Würfen standhielt, sollte er von der Aktion freigestellt werden, falls er aber vorzeitig seine Rolle bei dem Spiel aufgäbe, sollte er gezwungen werden, daran teilzunehmen. Wir „Jungen“ aber hätten unsere Bewährungsprobe bestanden, wenn wir den Apfel mit zehn Würfen dreimal träfen.
Seltsamerweise erklärte sich Herr Weiß sofort bereit, seine Rolle zu übernehmen, und Hans Jörg und ich waren bedenkenlos bereit, unseren Teil zum Gelingen dieses Schauspiels beizutragen. Der Organisator dieser Schau schickte darauf zwei der Männer nach draußen, um aus dem Privatgarten der Fabrikantenfamilie Tomaten und Äpfel zu holen. Im Nu waren sie wieder zurück und hatten die inzwischen geleerte zweite Aktentasche meines Vaters mit Tomaten und einigen Äpfeln gefüllt. Die „Ernteausbeute“ wurde auf einem Tisch ausgebreitet, wobei mehrere angefaulte Tomatenexemplare mit besonderem Jubel bemerkt wurden.
Das Los hatte mich dazu bestimmt, als Erster zu werfen. Die beiden „Erntehelfer“, die die Tomaten aus dem Garten geholt hatten, spielten sich als „Sekundanten“ auf und suchten mir freundlicherweise die faulsten Tomaten aus. Irgendein traditionsbewusster Zecher übernahm darauf das Kommando und befahl: „Laden! Lunte anlegen! Schuss!“ Das bedeutete: Tomate in die Hand nehmen, ausholen, werfen. Ich folgte dieser Anweisung zunächst noch etwas unsicher. Die linke Krücke unter den Arm geklemmt (ich hatte meine Erkrankung an „Kinderlähmung“ bereits hinter mir), auf dem rechten Bein balancierend traf ich nur den Fußboden vor den schwarz glänzenden Lackschuhen des Herrn Weiß. Dort bildete sich schnell eine blutrote Lache. Herr Weiß, der mit unbewegtem Gesicht und in kerzengerader Haltung an seinem Platz stand, lächelte mir für den Bruchteil einer Sekunde zu, meine mechanischen Schwierigkeiten als seelische Hemmungen verkennend. Als ich darauf einen Augenblick zögerte, um das Signal zu verarbeiten, folgte ein unmerkliches Kopfnicken von Herrn Weiß, mit dem er mir die Genehmigung gab, weiter zu werfen, was ich schamloserweise auch ausnutzte. Zwar versuchte ich nicht mit aller Kraft zu werfen, aber das Ziel, den Apfel, verlor ich nicht aus den Augen.
Dies hatte zur Folge, dass ich beim fünften Wurf das blütenweiße Frackhemd, das Herr Weiß trug, traf, welches sich sofort rot färbte. Beim sechsten Wurf traf ich Herrn Weiß genau ins Gesicht. Hierauf hatten die Umstehenden schon längst gewartet und amüsierten sich nun maßlos über die von Tomatenmark verschmierte Brille und Stirn des Herrn Weiß und seinen verdutzten Gesichtsausdruck. Das wiehernde Lachen, das sie anstimmten, widerte mich an. Trotzdem dachte ich nicht daran aufzuhören. Immerhin ließ ich trotz des wiederholten Kommandos: „Laden! Lunte anlegen! Schuss!“ Herrn Weiß Zeit, sich seine Brillengläser zu putzen. Und mein nächster Wurf landete dieses Mal ganz bewusst sofort in der träge dahin fließenden Lache, die sich auf dem Boden gebildet hatte. Mit dem achten Wurf traf ich dann zum ersten und einzigen Mal den Apfel, worauf sich das hellblonde Haar von Herrn Weiß ebenfalls verfärbte. Als ich dieses verunstaltete blutig rote Menschengesicht sah, auf dem das Tomatenmark wie zerfasertes Muskelgewebe hing, hatte ich plötzlich die Vision von einem zerschossenen Soldaten, der da wankend vor mir stand; und mir war alle Lust auf weitere Treffer vergangen. Das pausenlose Gelächter der angetrunkenen Parteirepräsentanten tat ein Übriges und ich warf nur noch lustlos die letzten Tomaten in den blutigen Brei, der sich auf dem Boden gebildet hatte.
Zwar hatte der Parteitag meine Lustlosigkeit bemerkt, doch da ich die letzten Tomaten sehr schnell geworfen hatte, bestand die gute Laune, die ich mit meinen Treffern bewirkt hatte, noch weiter, und man erklärte sich gönnerhaft bereit, mich trotz des vereinzelten Treffers voll an der „Belustigung“ mit den Polinnen zu beteiligen.
Mittlerweile hatte eine zur Erkundung der Situation in die Polinnenbaracke ausgeschickte Kommission berichtet, dass einige „knackige“ junge Polinnen bereit seien herüberzukommen und dass die Soldaten, die sie bewachten, gegen die Übergabe von zwei Kartons Wein auch willens seien, ein Auge zuzudrücken und die Mädchen gehen zu lassen. Allerdings würden die Soldaten keinen Herrenbesuch in der Baracke dulden, geschweige irgendwelche Gesetzlosigkeiten. Dieses Verhandlungsergebnis wurde sofort akzeptiert und ein Bonze mit zwei Kartons Wein zur Baracke hinübergeschickt, um die Mädchen zu holen.
In der Zwischenzeit durfte Hans Jörg seine Wurfkünste an Herrn Weiß ausprobieren. Hans Jörg war ein Athlet, wie er im Buche steht: Zehnkämpfer und Handballspieler. Er war ein hohes Tier in der HJ, Parteimitglied und Hilfspolizist. Er war in dieser Eigenschaft auch mit der Bekämpfung von Sabotageakten und zum Schutz vor möglichen Rebellionen der sich in Überzahl befindlichen ausländischen Gefangenen beauftragt. Hans Jörg kehrte seine Polizeigewalt aber nie hervor, lief auch nie mit einem Revolver, wie es andere Werkschutzleute taten, herum und half seinen Eltern mehr bei der Führung der Fabrik und der termingerechten Erledigung ihrer Aufträge, als dass er die Gefangenen schikaniert hätte.
