Der Maler als Seher - Jan Pelzer - E-Book

Der Maler als Seher E-Book

Jan Pelzer

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Beschreibung

Kunststudentin kontaktiert modernen Maler, weil sie seine Bilder in einer Examensarbeit interpretieren will. Der Maler überträgt ihr die Rechte zu diesem Vorhaben und sagt ihr seine Hilfe zu. Es kommt zu einem Briefwechsel zwischen beiden, der sich um die angemessene Interpretation der ausgewählten (abgebildeten) Bilder dreht.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jan Pelzer

Der Maler als Seher

Unwahrscheinliche Meditationen über wahrscheinliche Visionen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Jan Pelzer Der Maler als Seher

Sehr geehrter Herr Pelzer

Sehr geehrte Frau Brelow

Mystische Bilder

Erotische Bilder

Selbstdarstellung und Gemeinschaftsbilder

Im Nebel

Utopische Bilder

Wassermannbilder

Schreckensbilder

Leidens- und Hoffnungsbilder

Zeitkritische Bilder

Naturbilder

Collagen

Wunschbilder

Archaische Bilder

Nachbemerkung

Impressum neobooks

Jan Pelzer Der Maler als Seher

Unwahrscheinliche Meditationen über wahrscheinliche Visionen

Ein erfundener Briefwechsel

Titelbild: Alpina

Bräutigamsschau, 2005, 157x107, Acryl auf Styropor

Damenkränzchen, 2006, 157x107, Acryl auf Styropor

Jan Pelzer

Der Maler als Seher

UnwahrscheinlicheMeditationenüberwahrscheinlicheVisionen

Ein erfundener Briefwechsel

Lebenszellen, 2001, 157x107cm, Acryl

Ersterscheinung: 2003, Überarbeitung 2015

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck verboten

Paradise Lost, 2001,157x107cm, Acryl

UnterMitarbeitvon

Julia Pels

Antonia Pelzer

Traumzeit, 2000, 157x107cm, Mischtechnik

Orientalisches Märchen, 2001, 157x107cm, Mischtechnik

Nordlicht 3, 2012, Acryl auf Styropor, 157x107cm

Sehr geehrter Herr Pelzer

Ich bin Kunststudentin im zehnten Semester mit dem Schwerpunkt „Symbolische Malerei“. Ich interessiere mich besonders für Bilder von zwischenmenschlichen Beziehungen und für Sinnbilder unserer Existenz. Bisher bin ich bei der Genremalerei der alten Holländer fündig geworden. Aber nachdem ich durch Zufall in die Ausstellung Ihrer Bilder geraten bin, die Sie im Schloss Baldeney veranstaltet haben, wurde mir klar, dass es auch zeitgenössische Bilder gibt, die uns etwas über zwischenmenschliche Beziehungen und Sinnfragen des Lebens zu sagen haben .Ich habe Ihre Bilder fotografiert und mich eingehend mit den von Ihnen gemalten Szenen aus unserem menschlichen Dasein beschäftigt. Dabei ist mir aufgefallen, dass Ihre Malerei in Bereiche vorstößt, die man als philosophisch, ja sogar als visionär bezeichnen kann. In früheren Zeiten hätte man Sie vielleicht als Seher betrachtet! Eine Kennzeichnung, die für mein Empfinden sehr gut zu einem Maler passt. Nach geringer Überzeugungsarbeit ist es mir gelungen, meine Professoren für Ihre Bilder zu interessieren. Sie haben es mir ermöglicht, ein Referat darüber anzufertigen und es in unserem Oberseminar vorzutragen. Das Echo meiner Mitstudenten und der Professoren auf meine Vorführung Ihrer Bilder (mit Hilfe des Diaprojektors) und den Vortrag meiner Erläuterungen war so positiv, dass mir die Erweiterung meines Referates zu einer Staatsarbeit empfohlen worden ist. Hierfür bin ich allerdings auf Ihre Unterstützung insoweit angewiesen, als Sie meine Ergebnisse prüfen und die falschen richtig stellen sowie die richtigen bestätigen sollten.

Da der gegenwärtige Zeitpunkt für den Start in die Öffentlichkeit günstig wäre, möchte ich Ihnen nahe legen, sich mit mir so bald wie möglich in Verbindung zu setzen. Wir könnten dann eine geeignete Strategie für unser weiteres Vorgehen absprechen. Falls Sie an einer öffentlichen Rolle kein Interesse haben sollten, so möchte ich Sie dennoch bitten, meine Ihnen hier vorgelegten Gedanken zu beurteilen und mich Ihre Meinung wissen zu lassen. Ich wäre Ihnen dafür - vor allem im Hinblick auf die erfolgreiche Abfassung meiner Staatsarbeit - sehr dankbar.

Cordula Brelow

Sehr geehrte Frau Brelow

Mit Freude habe ich Ihren Brief gelesen und bin erstaunt, dass sich doch jemand für meine Bilder interessiert und mehr – sie versteht und sich für sie engagiert! Ich möchte mich daher in erster Linie für Ihre Zuwendung und die Mühe, die Sie sich mit meinem Werk gemacht haben, bedanken.

Natürlich erkläre ich mich in jeder Hinsicht mit Ihren Maßnahmen, die Sie zugunsten meiner Person und Werke ergreifen, solidarisch und verspreche Ihnen, Sie nach Kräften dabei zu unterstützen. Sie können also unbefangen alle Fragen stellen, die sich für Sie bei der Beschäftigung mit meinen Arbeiten ergeben, und auch für persönliche Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Was Ihr Verständnis meiner Arbeit angeht, so möchte ich Ihnen das Kompliment machen, auf Anhieb ins Schwarze getroffen zu haben. Mein Hauptthema kann man wirklich als eine intensive Beschäftigung mit den zwischenmenschlichen Beziehungen und den Sinnfragen unseres Daseins bezeichnen. Ihr Brief hat mir in dieser Hinsicht viel Hoffnung gemacht und Sie haben für jede Form, in der Sie sich mir gegenüber äußern wollen, meinen Segen!

Ihr

Jan Pelzer

Mystische Bilder

Notturno, 1991, 54x103 cm, Mischtechnik

Lieber Herr Sprenger

Vielen Dank für Ihren ermutigenden Brief. Ich denke, wir werden über persönliche Angelegenheiten mündlich miteinander sprechen können. Ich möchte meine Staatsarbeit so bald wie möglich fertig stellen und komme sofort zur Sache. Sehr rätselhaft und geheimnisvoll erscheinen mir Ihre "mystischen Bilder". Ich nenne sie so, obwohl ich mir nicht sicher bin, mit dem Wort "mystisch" den richtigen Begriff gewählt zu haben. Diese Bilder haben alle die Gemeinsamkeit, dass sie Szenen enthalten, die unreal und urtümlich wirken. Sie sind wie mit dem "inneren Auge" gesehen und enthalten Erinnerungen, die im Unterbewusstsein der Menschen seit Millionen von Jahren gespeichert sein müssen. Ein oberflächlicher Beobachter würde solche Bilder wahrscheinlich als "surreal" bezeichnen, aber diese Bilder haben keine Tendenz, auf alogische, absurde Strukturen unserer Wirklichkeit aufmerksam zu machen.

Sie sind auch nicht geprägt von einer konstruktiven Raffinesse, mit der Maler wie Dali oder Magritte ihre Bilder gestaltet haben, sondern sie enthalten Spuren des elementaren Lebens selbst, sind Botschaften aus den Tiefenschichten der Natur und der in ihr wirkenden Energie.

Zu diesen Bildern gehören meiner Meinung nach folgende: "Notturno", „Heidekate", "Der unheimliche Gondoliere", "Der Wassermann und das Mädchen", "Der Fluss des Lebens", "Das Erbe von Adam und Eva".

Sie teilen uns wesentliche Strukturen eines elementaren, naturbestimmten Daseins mit. Ich kann solche Strukturen nur ahnungsvoll erfassen und bruchstückhaft in Worte kleiden. Aber ein Bild wie "Notturno" scheint mir viel von der Einheit der Menschen mit dem Kosmos zu erzählen, wie sie frühere Völker, die Sumerer, die Ägypter, die Mayas empfunden haben. Die Verbindung der Erde mit dem Universum haben diese Völker in der Anlage ihrer Städte und der Form ihrer Heiligtümer zum Ausdruck gebracht. Besonders stark haben sie diese Verbindung empfunden, wenn sie die Sterne und die Sonne beobachtet haben. Sehr wahrscheinlich haben sie schon die Wirkung des Mondes auf Ebbe und Flut und der Sonne auf das Wachstum der Pflanzen und die Stimmung der Menschen bemerkt. Daher haben sie beide Himmelskörper nicht selten als Götter verehrt und auch die Zeitmessung mit ihren Phasen verbunden.

Das Bild "Notturno" scheint solche Zusammenhänge zu veranschaulichen. Die Szene ist nächtlich. Der Mond erscheint personifiziert durch einen Frauenkopf, der die obere Bildmitte beherrscht. Unter diesem Kopf versammelt sich eine bunte Menschenmenge, deren Mitglieder wahrscheinlich zwei Sippen angehören. Ihre Vorstände, zwei in lange, altertümliche Gewänder gekleidete Männer, verhandeln im Angesicht des Mondes friedlich miteinander.

Die Feierlichkeit der Umstände legt die Vermutung nahe, dass sie über elementare Lebensinteressen (wie die wechselseitige Verheiratung von Kindern oder die Abgrenzung von wirtschaftlichen Interessensphären) miteinander reden.

Einen Hinweis auf die Tragweite ihrer weitreichenden Handelsvereinbarungen gibt auch das Meer oder der See, an dessen Ufer die Versammlung stattfindet und in dessen nachtdunklen Wellen sich die Silhouetten der Personen spiegeln. Das Bild erscheint mir wie eine Botschaft aus versunkenen Zeiten, als das Leben noch auf die wesentlichen Dinge beschränkt war und eng mit der Sippe oder dem Stamm, zu dem man gehörte, verbunden war. Die Menschen wurden von der Vorstellung beherrscht, dass alle Lebensvorgänge im ständigen Zusammenhang mit dem Leben der Natur und dem kosmischen Geschehen stünden. Zwar stehen sie im Wesentlichen immer noch in diesen Zusammenhängen, aber damals war es den Menschen noch bewusst und wurde von ihnen als der Wille einer göttlichen Macht respektiert.

Heidekate, 1989, 103x54 cm, Mischtechnik

Auch das Bild "Heidekate" gehört zu dieser Serie. Das Bild verblüfft durch die Zusammenstellung scheinbar nicht zusammengehöriger Bildgegenstände. Die auffälligen Bildgegenstände sind der magisch leuchtende Kopf einer ägyptischen Sphinx, der wie ein Himmelskörper in der linken oberen Bildecke hängt, die verkleinerte Silhouette des Kölner Doms, die schwarz aus der dunklen Hügelkette im Hintergrund herausragt, und eine im rechten Mittelgrund stehende bescheidene Heidekate. Obwohl auch der magische Kopf der Sphinx durch einen schmalen Halsstreifen mit der Hügelkette verbunden ist und die Fundamente des Kölner Domes in dem Hügel zu liegen scheinen, wirken beide Bildzeichen unpassend und fremdartig in ihrer Umgebung. Dagegen scheint die Heidekate harmonisch eingebettet zu sein in die Umgebung von bunten Wiesen, gelben Feldern und grünbelaubten Bäumen. Scheinen die über die Erde hinausweisenden Bildzeichen (Sphinx und Dom) beängstigend und fremd, indem sie von der Erde wegstreben und übermenschliche wie überirdische Ziele und Kräfte repräsentieren, so scheint die Heidekate einen Ort der Stabilität, der Geborgenheit und maßvoller Menschlichkeit zu versinnbildlichen. Auch sie weist mit der Spitze ihres Daches in den Himmel, der hier als ein Symbol für jenseitige Wirklichkeiten gelten kann.

Aber hierdurch soll eher eine Verbindung zu ihnen gemeint sein als eine Gleichsetzung mit ihnen oder eine totale Hingabe an sie, wie es mit dem Kopf der Sphinx oder mit der Silhouette des Doms gemeint sein könnte. So könnte in dem Bild ein versteckter Hinweis darauf enthalten sein, dass wir nur in einer harmonischen, partnerschaftlichen Beziehung zur Natur unser Glück und unsere Heimat finden können und dass eine Verabsolutierung unserer Bestrebungen zum Verlust unserer Menschlichkeit, unserer Verwurzelung in unserer Heimaterde und unseres harmonischen Zusammenlebens mit Natur und Welt führen muss.

Der unheimliche Gondoliere, 1989, 103x54 cm, Mischtechnik

Als nächstes mystisches Bild möchte ich das Bild "Der unheimliche Gondoliere" betrachten. Wir fühlen uns beim Anblick des Bildes in ein Venedig der malerischen Fantasie versetzt. Zentrales Bildmotiv ist dementsprechend auch eine riesige Gondel mit einem überdimensionalen Gondoliere, die in einer diagonalen Position die Bildmitte des Gemäldes beherrscht. Die Gondel überquert einen Kanal, der an der linken Seite von mehreren Patrizierhäusern und auf der rechten Seite von einer Baumallee am Rande einer Straße begrenzt wird. Die Straße stößt auf die Fassade eines flachen Palastes. Der Kanal füllt fast die ganze Breite des unteren Bildrandes aus, wird dann etwas schmaler und mündet in der Ferne ins Meer. In Fortsetzung der diagonalen Linie, die die Gondel bis in den Vordergrund der rechten Bildseite bezeichnet, lehnt ein schwarzes Motorrad an der Fassade des erwähnten Palastes. Anscheinend werden die Passagiere des Gondoliere ihre Fahrt auf diesem Motorrad fortsetzen. Betrachtet man die große Gondel etwas genauer, so sieht man, dass sie mit Wasser gefüllt ist und dass auf dieser Wasserfläche eine kleinere Gondel schwimmt, in der sich "reale" Passagiere und ein "realer" Gondoliere befinden. Ihr Bewegungsraum ist also sehr gering und in Wirklichkeit können sie gar nicht frei ihre Fahrtrichtung wählen, sondern müssen sich mit dem Kurs abfinden, den der Gondoliere der großen Gondel festlegt. Im Gegensatz zu den erkennbaren Gestalten in der kleinen Gondel wirkt der Gondoliere der großen Gondel undeutlich, schemenhaft, aber in seinen Abmessungen riesig und in der Beschränkung der Farbe auf Grau- und Schwarztöne sehr ernst und unheimlich.

Die Passagiere der kleinen Gondel, vor allem der Gondoliere, scheinen ihn gar nicht zu bemerken und sich in dem Glauben zu wiegen, ihre Lebensreise, ihr Schicksal selber zu bestimmen. Die Fahrt des großen Gondoliere geht aber in Richtung des Motorrades. Dadurch wird dieses Motorrad in den Rang eines symbolischen Zeichens gehoben, das die eigentliche Bestimmung des Lebens der Passagiere in der kleinen Gondel andeutet. Diese Bestimmung scheint, da das Motorrad ein Bild für sexuelle Potenz, für Abenteuer, für die Erfahrung von Weite, Natur und Freiheit, aber auch für Tod und Vergänglichkeit ist, darin zu bestehen, dass es neben den großen Lebensbereichen, die durch übermächtige Gewalten dominiert werden, doch einen kleinen Bereich der menschlichen Freiheit gibt, den der Mensch aber nur mit Risiko und Einsatz seines Lebens ausloten und erfahren kann.

Männlich-Weiblich, 2010/11, 107x157, Acryl

L. Cranach , Adam und Eva, 1526 Das Erbe von Adam und Eva, 1991,

Sehr rätselhaft finde ich das Bild "Das Erbe von Adam und Eva". Man ist zu diesem Thema ein bestimmtes Muster der Darstellung gewohnt. Meistens (wie z. B. bei Lukas Cranach) stehen Adam und Eva nackt rechts und links neben einem Apfelbaum (dem Baum der Erkenntnis). Von dem Baum ringelt sich eine Schlange herunter und zischelt Eva, die fast immer einen Apfel in der Hand hat, die verführerischen Worte ins Ohr: "Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf, ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse." Manchmal reicht Eva auch den angebissenen Apfel dem etwas dösigen und zögernden Adam zum beschleunigten Verzehr.

Mit diesen Motiven wird die biblische Erzählung von Adam und Eva herkömmlich illustriert und das Erwachsenwerden der Menschheit (die Bewusstwerdung ihrer individuellen Freiheit und individuellen Existenzform) als Verlust der Unschuld interpretiert. Vor allem der Schlange und Eva wird die Hauptschuld an diesem Sichlösen aus der totalen Vorherbestimmung des menschlichen Lebens durch die natürlichen Triebe und die göttliche Daseinsordnung gegeben.

Diese Interpretation ist einseitig und nur darauf konzentriert, die Fähigkeit zum Schuldigwerden, zum Verstoß gegen Naturgesetze oder göttliche Gebote, herauszustellen und die Entwicklung des Menschen zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit zu beklagen. Allerdings ist diese Tendenz verständlich, wenn man bedenkt, dass die Verfasser des Alten Testaments zum größten Teil Priester gewesen sind, die die Gefahr bekämpfen wollten, dass die Menschen ihre individuelle Freiheit dazu benutzen würden, sich über die Regeln, die ein intaktes Leben und die Erhaltung einer intakten Natur garantieren, hinwegzusetzen. (Eine Sorge, die, wenn man die nachfolgende Geschichte betrachtet, nicht unbegründet war! Dennoch wären ohne die Emanzipation des Menschen von höheren Mächten viele kulturelle Entwicklungen nicht möglich gewesen.)

In Ihrem Bild fehlen die Darstellungen des Baumes und der Schlange. Sie behalten die Nacktheit und eine gewisse Jugendlichkeit der Figuren von Adam und Eva bei und stellen sie hellrosa leuchtend auf eine grüne Wiese vor einen dämmerblauen Hintergrund. Ein Teil dieses Hintergrundes, der an die Wiese grenzt und von gedämpften Lichtreflexen bedeckt ist, scheint ein Gewässer zu sein, das sich in der Ferne verliert und bruchlos in einen dunklen Himmel übergeht. Interessant finde ich, dass anstelle des Baumes und der Schlange zwei grünlich leuchtende, grauhaarige Köpfe aus dem Dunkelblau des Himmels auftauchen. Es sind dies die Köpfe einer alten Frau und eines alten Mannes.

Der Kopf der alten Frau erscheint zwischen den Köpfen von Adam und Eva und ist Adam, der die rechte Hälfte des Bildes einnimmt, zugewandt. In Hüfthöhe Adams ist noch ihre grünliche Hand zu sehen, die Adam einen roten Beutel hinhält. Der Beutel weckt Assoziationen an ein Schmucktäschchen, das mit Wertsachen wie Geld, Gold, Perlen gefüllt sein könnte. Offensichtlich soll damit das Vermächtnis gemeint sein, das die "Mutter" Adams, denn so kann man die Erscheinung der alten Frau deuten, ihm macht. Von dem alten Mann, den man analog zu der alten Frau als "Vater" Adams deuten kann und der in Kopfhöhe Adams in seine Richtung guckt, ist noch ein überdimensionaler grüner Zeigefinger zu sehen, der mahnend in die Höhe zeigt. Anscheinend soll die mahnende Geste des Vaters auf ein geistiges Vermächtnis hinweisen. Er könnte ihn darauf aufmerksam machen, dass er das Beispiel und die Lehren der Väter beachten soll. Vielleicht will der "Vater" aber auch darauf hinweisen, dass Adam die Gesetze, die den Lauf der Welt und den Gang des Lebens regeln, respektieren soll, dass er ein gerechter Mann werden soll.

Adam selbst hält mit dem rechten - zum Herzen abgewinkelten - Arm und in der rechten Hand eine männliche Puppe, von der nur der Oberkörper und der Kopf zu sehen sind. Mit der linken Hand hält Adam ein offenes Holzmodell. Zwischen den Beinen von Adam wird eine schwarze Katze sichtbar, die eine vor ihr liegende Gans getötet hat. Ihr Blut färbt den umgebenden Rasen rot.

Verehrter Meister! Was sollen diese Symbole bedeuten? Soll die männliche Puppe, die übrigens entfernte Ähnlichkeit mit einer Abbildung auf einem älteren deutschen Geldschein hat, bedeuten, dass die Sorge für das Geld dem Mann am nächsten am Herzen liegen soll? Oder soll die männliche Puppe dafür stehen, dass ein Mann in erster Linie für männlichen Nachwuchs zu sorgen habe? Oder soll, da diese Puppe mit einem barettähnlichen Hut und einer seriösen, dunkelbraunen Jacke bekleidet ist, der Mann nach Amt und Würden in der Gesellschaft streben und wichtige Posten bekleiden und entsprechende Roben tragen? Oder sollen die Männer sich gegenseitig hochhalten und Solidarität miteinander üben - vielleicht sogar gegenüber dem weiblichen Geschlecht? Oder soll ein Mann die überlieferten Auffassungen von Männlichkeit stets in seinem Herzen bewahren und sich in allen Lebenslagen nur nach ihnen richten? Alle diese Deutungsmöglichkeiten bieten sich an.

Mich stört, dass der Mann überhaupt keinen Kontakt mit der an seiner Seite stehenden Eva sucht. Eva tut es übrigens auch nicht. Ihr linker Arm ist nicht zu sehen. Sehen Sie die Menschen so isoliert, vereinsamt, beziehungs- und kommunikationslos?

Seltsam finde ich auch, dass Sie Adam ein totes Holzmodell in die linke Hand gedrückt haben statt einer lebendigen Pflanze oder Kreatur. Soll der Mann bis auf den Zeugungsakt nichts mit dem Umgang und der Pflege von Leben zu tun haben? Soll er sich nur auf die Sache konzentrieren? Soll er nur arbeiten? Soll er sich nur mit der Konstruktion von Häusern, Maschinen und Geräten beschäftigen? Soll er technische Erfindungen machen ohne Rücksicht auf das Leben der Natur? Soll er Industrien aus dem Boden stampfen ohne zu fragen, wie sie sich auf das kreatürliche, das menschliche Leben auswirken? Ein schrecklicher Gedanke!