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Ein junges Ehepaar bemüht sich, das Vertrauen eines misshandelten und behinderten Heimkindes zu gewinnen, um es in seine Familie aufzunehmen. Diese Bemühung gestaltet sich sehr schwierig, weil das Kind das Heim als Schutzraum empfindet und diesen nicht verlassen möchte.
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Seitenzahl: 69
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Jan Pelzer
Rons Kassette
Ein misshandeltes Kind findet neue Eltern
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Drei Erwachsene besuchen mich in der Kindertagesstätte
Wir spielen mit Luftballons
Die Fremden gehen mit mir spazieren
Die Besucher schenken mir ein Styroporflugzeug
Die Besucher spielen mit mir im Sandkasten
Die Frau bringt mir ein Buch
Ich bekomme Playmobil Spielzeug
Ich erschnuppere mir Schokolade
Wir gehen auf die Kirmes
Die Fremden wollen mit mir in die Eisdiele
Die Besucher haben den Osterhasen gesehen. Ich finde viele Verstecke
Meine Freunde schenken mir Playmobil
Meine Freunde haben ein Kind mitgebracht, das mit mir gespielt hat
Ich besuche meine Freunde und spiele mit ihren Kindern
Wieder bei meinen Freunden, zu denen ich Mama und Papa sage
Bei Mama und Papa übernachtet
Mit Mama und Papa Boot gefahren
Für immer bei Mama und Papa
Umzug
Impressum neobooks
Der Text „Rons Kassette“ ist der Versuch, den Übergang eines misshandelten und schwer beschädigten Kindes aus einer städtischen Pflegeeinrichtung in die Fürsorge einer Pflegefamilie zu dokumentieren. Der Autor lässt, um die Seelenverfassung des Kindes verständlicher machen zu können, dieses seine Sicht der Vorgänge auf eine Kassette sprechen.
Der kleine Junge ist 5 Jahre alt. Er leidet unter den Folgen einer Embryopathie, weil seine leibliche Mutter eine Trinkerin war. Durch mehrfache Alkoholvergiftungen, die Ron im Mutterleib hatte, ist das Rechenzentrum im Gehirn angegriffen worden, und solcherart betroffene Menschen haben kein mathematisches Vorstellungsvermögen, können keine Größenverhältnisse abschätzen und kaufen 20 Kilo Butter, wenn sie nur 20 Gramm haben wollen. Seine sprachlichen Fähigkeiten sind aber passabel und ermöglichen es ihm im Zusammenhang mit einem sehr gefälligen Sozialverhalten, sich in altersgemäße Gruppen zu integrieren und mit ihnen zusammenzuleben.
Den leiblichen Eltern von Ron ist in seiner frühen Kindheit das Pflegerecht abgesprochen worden, weil sie beide Trinker waren und der Vater zudem überaus gewalttätig war, so dass sie Ron nicht nur verwahrlosen ließen, sondern ihn noch obendrein misshandelten. Ron wurde in ein Heim gegeben, wo aber seine vielen Schäden nicht behoben werden konnten.
Der Vater hatte Ron mehrfach bis aufs Blut misshandelt.. Die schweren Verletzungen, die er dadurch wiederholt erlitten hatte, waren der Grund, warum Ron den Eltern durch Gerichtsbeschluss weggenommen worden war und man ihn in die Obhut eines städtischen Kinderheims gegeben hatte.
Ron war infolge der brutalen Behandlung durch den Vater traumatisiert und konnte nicht schlafen. Er richtete, weil er sie gegenüber seinen Eltern nicht ausleben konnte, seine durch die gewalttätige Behandlung entstandenen Aggressionen gegen sich selbst und riss sich ganze Haarbüschel aus, lutschte und biss an den Fingern, bis sie blau waren, schlug abends im Bett stundenlang heftig mit dem Kopf von einer Seite zur anderen Seite gegen die Matratze. Dadurch waren die Ansätze beider Ohrmuscheln stets aufgerissen und entzündet. Er kratzte sich blutig und schmiss sich bei jeder Gelegenheit auf den Boden, so dass es ihm wehtat. Dies war wohl eine Geste der Unterwerfung, aber auch Ausdruck des Gefühls, von seinen Nächsten wie Müll weggeschmissen worden zu sein.“
Der Versuch des Autors, sich in die Situation des Kindes einzufühlen, mag manche richtige Einsicht in die Psyche des Kindes erbracht haben, aber die völlig anders verlaufene Sozialisation des Autors und seine optimistische humanitäre Grundhaltung haben wahrscheinlich auch zu falschen Deutungen des kindlichen Verhaltens geführt. Der folgende Text, der sich auf reale Vorgänge stützt, sollte daher durchaus kritisch und mit eigenständigem Urteil gelesen werden.
5.2.1982
Heike (die Kindergärtnerin) hat gesagt: „Heute kommen Erwachsene in die Kindertagesstätte, um mit uns zu spielen.“ Dabei hat mich Heike ganz komisch angeguckt.
Ich mag Heike. Sie war immer lieb zu mir. Ich war immer froh, wenn der Bus mit Heike kam und mich von zu Hause abholte. Heike nahm mich dann auf ihren Arm und ich durfte auf ihrem Schoß sitzen, bis wir in der Kindertagesstätte waren.
Solange ich mich erinnern kann, kam der Bus, um mich abzuholen. Zuerst von zu Hause und jetzt vom Kinderheim, wo ich nun wohne. Jetzt bin ich fünf Jahre alt. Als Gaby (eine andere Kindergärtnerin) und Heike sich unterhalten haben, habe ich gehört, dass ich nicht mehr lange in der Kindertagesstätte bleiben kann. Ich soll in den Kindergarten gehen und dann in die Schule. Ich will aber nicht in den Kindergarten und nicht in die Schule. Ich will bei Heike bleiben.
Ob die Erwachsenen etwas damit zu tun haben, dass ich in den Kindergarten soll? Ich muss aufpassen, dass sie mich nicht mitnehmen.
Sie sind bald gekommen. Es waren zwei Männer und eine Frau. Der eine Mann war ganz lang und stieß mit seinem Kopf fast gegen die Decke, der andere Mann war ganz dick und passte mit seinem Bauch kaum durch die Tür. Die Frau war blond, schlank und nicht zu groß. Der lange Mann lächelte mich dauernd an. Dann setzte er sich zu mir an den Tisch, an dem ich mit Gaby Knetgummi geformt habe. Er wollte mit mir eine Taschenlampe machen, aber ich konnte das nicht. Gaby ist aufgestanden und hat eine Taschenlampe geholt. Sie hat sie mir gegeben und mir gezeigt, wie man sie anmacht. Ich bin vom Tisch aufgestanden und habe unter die Schränke geleuchtet. Ich war froh, dass ich vom Tisch weg konnte.
Der Lange hat ein Klötzchen unter dem Schrank versteckt. Ich sollte es suchen. Mit der Taschenlampe habe ich es gleich gefunden. Er wollte noch ein Klötzchen verstecken, aber ich hatte keine Lust mehr. Ich leuchtete lieber alles an. Die Sachen sehen dann ganz anders aus.
Heike brauchte mich, weil sie Melissa (einem gelähmten Kind aus der Kindergruppe) die Windeln wechseln musste. Ich musste Melissas Bauch beleuchten. Heike hat mir Melissas Bauchnabel gezeigt.
Michael und Maria (zwei andere Kinder aus der Gruppe) saßen neben mir. Wir haben Zahnarzt gespielt. Sie haben den Mund aufgemacht, und ich habe ihnen in den Mund geleuchtet. Ihre Zähne waren gesund. Deja und Sabine (zwei andere Kinder aus der Gruppe) haben mit Stofftieren gespielt. Sie wollten, dass ich die Zähne ihrer Tiere untersuchte. Die Zähne waren gesund. Nur ein Häschen hatte ein Loch im Zahn. Ich habe das Loch ausgebohrt und mit Kunststoff gefüllt.
Wir haben zu Mittag gegessen. Die Frau von dem Langen hat sich neben mich gesetzt. Sie hat so getan, als ob ich noch ein Baby wäre, und hat mir das Essen aufgegeben. Nach dem Essen hat sie mir eine halbe Kiwi gegeben. Das war lieb. Nach dem Essen habe ich ihr gezeigt, dass ich schon ein großer Junge bin und habe die meisten Schüsseln und Teller in die Küche getragen.
Beim Mittagessen wollte mich der dicke Mann ärgern. Er hat mich dauernd gefragt: „Wo ist deine rechte Hand?“ Ich habe ihm jedes Mal meine linke Hand gezeigt, weil ich Linkshänder bin. Darauf haben die Erwachsenen lange darüber gesprochen, ob ein Junge in meinem Alter schon wissen könne, welche Hand die rechte und welche die linke sei. Mir ist das ziemlich schnuppe. Ich habe mich nur geärgert, weil ich mich durch meine falschen Antworten vor den anderen Kindern blamiert habe. Deswegen habe ich es diesem dicken Bierbauch gezeigt, dass ich am besten den Tisch abräumen kann.
27.2.1982
Heute Nachmittag haben wir die Turnhalle im Kinderheim für Karneval geschmückt. Ich musste ganz viele Luftballons aufblasen. Sylvia (eine Kindergärtnerin) hat eine Wäscheleine in der Turnhalle gespannt. Daran hat sie die aufgeblasenen Luftballons gehängt. Dann hat Sylvia gesagt: „Heute kommt Besuch für dich!“ Ich dachte zuerst an Mama, aber Sylvia sagte: „Es sind die Leute, die in der Kindertagesstätte waren.“ Ich hatte keine Lust hinzugehen. Sylvia hat mich an die Hand genommen und ist mitgegangen. Im Esszimmer war der Lange mit seiner Frau. Ich hatte Angst, dass sie mich mitnehmen wollten. Deswegen habe ich gesagt: „Ich will im Kinderheim bleiben.“ Der Mann und die Frau waren aber sehr freundlich. Sie sagten: „Wir wollen dich gar nicht mitnehmen, wir wollen nur etwas mit dir spielen.“
