Beutewelt - Alexander Merow - E-Book

Beutewelt E-Book

Alexander Merow

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Beschreibung

Der zweite Teil der Beutewelt-Romanreihe... Im Jahre 2030 festigt die Weltregierung ihre globale Herrschaft und unterdrückt jeden Widerstand mit eiserner Faust. Ein einziger Staat hat es dennoch gewagt, dem übermächtigen Regime den Kampf anzusagen und sich vom Weltverbund unabhängig zu machen: Japan. Frank Kohlhaas und sein Freund Alfred Bäumer richten in diesen finsteren Tagen den Blick voller Hoffnung auf den japanischen Staatschef Matsumoto, der sein Volk von den Fesseln der Sklaverei befreit hat. Doch die Weltregierung denkt nicht daran, Frieden zu halten. Im Hintergrund marschieren bereits die Streitkräfte der Global Control Force auf, um den rebellischen Inselstaat anzugreifen. Schließlich beschließen Frank und Alfred, als Kriegsfreiwillige nach Ostasien zu gehen, um die Japaner bei ihrem Abwehrkampf zu unterstützen. Schon bald befinden sich die beiden Freunde in einer Hölle aus Wahnsinn und Tod...

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Sonnenaufgang

Krieg und Frieden

Freiwillige für Japan

Masaru Taishi

Kriegsbeginn

Auf nach Sapporo

In Sapporo nichts Neues

Weg von hier

Trauer und Zweifel

Spezialmission

Der Dschungel ruft

Auf dem Kriegspfad

Blutige Entscheidung

Hin und wieder zurück

Neue Pläne

Glossar

In wenigen Generationen, vielleicht in hundert oder zweihundert Jahren, wird die Menschheit ausgestorben sein, wenn wir einen Menschen als ein denkendes und erfindungsfähiges Individuum definieren. Zweifellos wird ein solcher Menschen in Zukunft nicht mehr existieren. Doch wird es eine Ausnahme geben - uns!

Die übrigen Lebewesen, die über die Oberfläche dieses Planeten kriechen, werden etwas anderes sein als Menschen im alten Sinne. Sie werden zwar noch einen menschlichen Körper haben, aber der Unterschied zwischen diesen „Menschenartigen“ und Nutztieren wird kaum noch erkennbar sein.

Zu diesem Zeitpunkt wird die alte Welt längst verschwunden sein. Niemand wird sich mehr an sie erinnern, denn die „Menschenartigen“, die wir erschaffen, werden sich keiner höheren Kulturform entsinnen können. Die gesamte Geschichte wird in unserem Sinne umgeschrieben worden sein, und das Einzige, was diese „Menschenartigen“ noch verstehen werden, wird der Befehl zum Dienen sein.

Wir werden die Erdbevölkerung dezimieren, um diejenigen loszuwerden, die nichts weiter als nutzlose Esser sind. Der Rest des menschlichen Fleisches wird überleben und für uns arbeiten.

Darüber hinaus wird es eine kleine Gruppe elitärer Arbeitstiere mit rudimentärer Intelligenz geben: die Offiziere unserer Neuen Weltordnung.

Wir werden sie von der Geburt bis zur Bahre kontrollieren und formen. Und sie werden unsere fanatischsten Diener sein, stets begierig darauf, den Druck, den wir auf sie ausüben, auf die Masse der hirnlosen Knechte unter ihnen zu übertragen.

Dies wird dereinst die perfekte Vollendung des Großen Plans der Weisen sein. Dies wird für uns die vorhergesagte Welt aus Milch und Honig sein.‘

Bruder Orbitus in „Die Heiligen Schriften des Rates der 13“, Kapitel XXXIII, „Der Neue Tempel“

Sonnenaufgang

Der Sommer des Jahres 2030 hatte begonnen und die aufkommende Hitze hüllte die Hauptstadt des wiedergegründeten Staates Japan bis in den letzten Winkel der endlosen Häuserschluchten ein. Tokio glich einer riesigen Herdplatte und seine Bürger stöhnten unter den sengenden Strahlen der Sonne.

Sie war aufgegangen im fernen Osten, am äußersten Ende des asiatischen Kontinents, so wie es die Nationalflagge des alten und neuen Japans immer symbolisiert hatte.

Haruto Matsumoto, der oberste Souverän des Inselstaates, saß an diesem Tage im Garten seiner Villa am Stadtrand von Tokio. Alles um ihn herum blühte, Insekten summten leise und ein strahlend blauer Himmel tat sich über ihm auf. Es war wundervoll und sehr heiß heute, doch der Präsident nahm die Welt um sich herum kaum wahr. Zu tief steckten seine Gedanken in einem Sumpf aus Sorgen und Angst und daran konnte auch der schöne, blaue Himmel nichts ändern, der sich über seinem Land ausdehnte.

Das Oberhaupt Japans ließ sich auf einer Liege nieder und las einmal mehr die neuesten Meldungen der ausländischen Zeitungen, die ihn und sein Land in einem sehr schlechten Licht darstellten. Nach einer Weile legte er die Blätter weg und starrte verärgert gen Himmel.

Neben ihm saß sein alter Weggefährte, der japanische Außenminister Akira Mori, und studierte ebenfalls die aktuellen Meldungen der Weltpresse. Er murmelte leise vor sich hin und warf Matsumoto gelegentlich fragende Blicke zu. Dann legte auch er die Zeitungen zur Seite, richtete sich auf und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.

Hinter den beiden nachdenklichen Männern zeichneten sich die Umrisse des Fujiyamas, des großen Berges, am Horizont ab. Der „Fujisan“ oder „Herr Fuji“, wie die Japaner ihren verehrten Berg nannten, schien noch immer über die Hauptstadt zu wachen. Ob er sie aber beschützen konnte, das sollte erst die Zukunft zeigen.

„Wird es jetzt immer so weitergehen?“, fragte Matsumoto seinen Freund und Berater.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie morgen mit dieser Kampagne einfach aufhören werden“, erwiderte dieser und nahm erneut eine Zeitung in die Hand.

„Dieser Hass ist mir unbegreiflich. Fehlt nur noch, dass sie mich als Kindermörder verleumden“, sagte der Präsident gekränkt.

„Sie stellen dich in den „Global Policy News“ als Mistkäfer dar, der eine Bombe auf die Welt werfen will“, gab Außenminister Mori zurück. „Das ist auch nicht viel netter.“

„Bei der Abstimmung habe ich 89% der Stimmen des japanischen Volkes bekommen. Ja, 89% wollten mich und unsere neue Ordnung! Und diese Schmierfinken von der ausländischen Presse stellen es so dar, als ob ich mich lügend und mordend an die Macht geputscht habe“, schimpfte Matsumoto.

Akira Mori, der nicht viel anderes von den gesteuerten Medien erwartet hatte und viele Dinge gelassener sah als der japanische Präsident, welchem die ständige Hetze im Ausland gegen Japan und vor allem seine Person allmählich zusetzte, erklärte: „Du hast einen sehr mutigen Schritt gewagt, als du unser Land aus dem Weltverbund herausgelöst hast. Du hast ein unabhängiges Japan geschaffen und das hat sich seit 2018 niemand mehr getraut. Aber sei doch froh, alter Freund. Die Wirtschaft erblüht unter deinen Händen und dein Volk verehrt dich.

Seit Jahrzehnten waren die Japaner nicht mehr so zufrieden wie unter deiner Herrschaft. Lass dich nicht durch diese Lügner von der Presse, die die Weltregierung nun einmal in den Händen hält, fertig machen.

Es wird die Zeit kommen, da werden auch andere Nationen aufwachen und die Ketten zerbrechen. Du hast der übrigen Welt ein Beispiel an Mut und Aufrichtigkeit geliefert, wofür dir Millionen Menschen, nicht nur in Japan, dankbar sind.“

„Aber der Preis ist hoch“, knurrte Matsumoto.

„Das ist schon richtig. Aber selbst der weltweite Boykott unserer Waren hat bisher noch nicht die Früchte getragen, die sich die Weltregierung erhofft hat“, gab Mori mit kämpferischer Mine zurück. „Japan steht wie ein Felsen im Meer!“

„Werden sie uns bald mit Krieg überziehen, wenn wir nicht klein beigeben?“, fragte das Staatsoberhaupt seinen Berater mit sorgenvollem Blick.

„Das will ich nicht hoffen. Möge unserem Volk so etwas erspart bleiben“, erwiderte der Außenminister.

Die beiden Männer blickten sich mit ernsten Augen an und waren eine Weile stumm. Dann schauten sie zusammen auf den Fujisan, dessen schneebedeckte Spitze wie der Bart eines alten, weisen Mannes aussah.

„Herr Fuji“ wirkte auf sie in diesen Tagen manchmal fast beruhigend. Er war schon immer da gewesen und so wie der uralte Berg mussten auch sie jetzt hart und standhaft werden. Das war allerdings keine leichte Aufgabe, seitdem sie die Macht auf der Insel an sich gerissen hatten. Japan wurde diplomatisch vollkommen isoliert und feindliche Truppen sammelten sich an seinen Grenzen.

Die ehemals in aller Welt beliebten Waren des Inselvolks verschmähten die umliegenden Verwaltungssektoren jetzt und die Umstellung der japanischen Wirtschaft auf eine größere Autarkie gestaltete sich trotz immenser Anstrengungen schwierig und mühsam. Gelegentlich dachte Matsumoto daran, das Handtuch zu werfen, sich einfach ins Privatleben zurückzuziehen und sich dem Hass des übermächtigen Weltsystems nicht mehr auszusetzen. Doch er würde kein Privatleben mehr haben, wenn er aufgab. Seine Feinde würden sich an ihm rächen und ihn mit dem Tod bestrafen für den Frevel, sein Land unabhängig gemacht zu haben.

Seit er vor einer Woche sogar das Zinssystem, in seinen Augen die Wurzel allen Übels, abgeschafft hatte, war das wütende Geschrei in der ausländischen Presse zu einem orkanähnlichen Gezeter angewachsen.

Sein Freund, Akira Mori, baute ihn jedoch selbst in Phasen tiefster Resignation immer wieder auf und kittete seine bröckelnde Moral wieder und wieder zusammen. Er war ein Geschenk des Himmels, dieser eiserne Außenminister mit dem großen Herzen.

Die beiden Politiker schwiegen und wussten tief im Inneren, dass die Möglichkeit eines Waffenganges gegen ihre Heimat mehr als wahrscheinlich war, wenn die Medienhetze und die Boykotte nicht den gewünschten Erfolg brachten. Doch sie hofften weiter auf den Frieden. Matsumoto ging ins Haus und setzte sich in sein Büro, Mori folgte ihm. Es galt heute noch eine Regierungserklärung auszuarbeiten, die der Weltregierung eine friedliche Lösung des Konflikts vorschlagen sollte.

Die Gefahr, dass sie auf taube Ohren stoßen würde, wuchs allerdings mit jedem verstreichenden Tag mehr und mehr. Auch wenn er noch so freundlich und sonnig war wie dieser.

„Wenn sie die Erklärung wieder ignorieren, dann denke an die alten Römer“, erklärte Mori dem Präsidenten.

„Sie werden sie wohl verwerfen. Alles andere wäre ein glattes Wunder, Akira“, erwiderte Matsumoto und wirkte verzweifelt.

„Dann sage ich dir etwas. Ein Sprichwort der alten Römer, aus der Zeit als sie noch kein Weltreich besaßen und mit ihren Nachbarstämmen in Italien ununterbrochen im Streit lagen: Wer den Frieden will, der rüste zum Krieg!“, sprachen sie immer.“

„Ich will den Frieden, aber sicherlich keinen Krieg. Zumal wir diesen gewinnen können“, stöhnte das Staatsoberhaupt und hielt sich den Kopf.

„Du musst einkalkulieren, dass es so weit kommt“, antwortete Mori und schlug seinem Freund sanft auf die Schulter. „Ich bete auch für Frieden, aber rechne im schlimmsten Fall mit einem Kampf um Japan.“

„Ich hätte nie in die verdammte Politik gehen sollen“, zischte Matsumoto verzweifelt und trat gegen seinen Schreibtisch.

„Du hast eine Lawine des Guten in unserem Land losgetreten und nun gilt es, das Aufgebaute zu schützen“, erklärte der Freund mit sachlichem Unterton.

Haruto Matsumoto wollte es nicht hören. Er verfluchte erneut den Tag, als er sich auf das blutige und schmutzige Spiel der Politik eingelassen hatte.

Zur gleichen Zeit streiften Frank Kohlhaas und Alfred Bäumer durch die Straßen von Wilna im fernen Litauen. Die beiden Widerstandskämpfer hatten sich zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Ivas, dem kleinen Dorf im Südosten des Landes, nach Wilna gewagt.

Hier genossen sie den sonnigen Tag, schlenderten durch die Straßen und saßen in Cafés herum. Auch die eine oder andere Sehenswürdigkeit der größten Stadt des ehemaligen Staates Litauen führten sie sich zu Gemüte.

Am wohlsten fühlten sie sich in der Altstadt, die trotz des wirtschaftlichen Verfalls und der allgemeinen Verwahrlosung noch einige wirklich schöne historische Gebäude zu bieten hatte. Alte Kirchen und langsam zerbröckelnde, aber immer noch schöne Häuserfassaden gab es hier zu bewundern, dennoch waren die Auswirkungen der sozialen Krise auch hier nicht zu übersehen, denn Obdachlose und Arme tummelten sich in Massen im Stadtzentrum, um die Besucher von außerhalb um Globes anzubetteln.

Die Polizeipräsenz war in Wilna im Vergleich zum Verwaltungssektor „Europa-Mitte“ noch relativ gering, obwohl die Straßen der Innenstadt mittlerweile auch durch zahlreiche Videokameras überwacht wurden. Frank und Alfred hatten jedoch für den Fall der Fälle vorgesorgt und sich Mützen und Sonnenbrillen aufgezogen, die sie nur selten abnahmen.

Trotz eines leichten Gefühls der Anspannung genossen sie den Tag und waren froh, dass sie einmal aus dem beschaulichen Ivas herausgekommen waren und eine andere Umgebung sahen. Wenngleich auch in Osteuropa die allgemeine Überwachung zugenommen hatte, ließen sie es sich nicht nehmen, die alten Straßen Wilnas gemütlich zu erkunden und das eine oder andere Getränk zu genießen. Es war schön heute und das versuchten die beiden Rebellen endlich einmal auszukosten.

„Sieh mal den Aufkleber dort!“, sagte Frank zu seinem Freund, winkte ihn heran und zeigte auf einen halb abgerissenen und ausgebleichten Sticker, der an einer Straßenlaterne hing.

Alf schloss zu ihm auf und warf einen Blick auf den lädierten Papierfetzen. Er hob seine Sonnenbrille an und versuchte, die kyrillischen Buchstaben auf dem Aufkleber genauer zu entziffern, denn er konnte mittlerweile einige Brocken Russisch.

„Hmmm...“, brummte der hünenhafte Mann.

„Was steht da? Wird Zeit, dass wir richtig Russisch lernen“, drängelte Frank, dem zuerst das seltsame Symbol auf dem Aufkleber aufgefallen war. Es zeigte einen schwarzen Drachenkopf, der auf einer weißen Fahne prunkte.

„Also, da steht etwas mit „Freiheitsbewegung der Rus“ und „Waräger“ glaube ich“, murmelte Alf und kratzte sich grübelnd am Kopf. glaube „Mein Russisch ist auch nicht perfekt, aber es liest sich gut. Ich glaube nicht, dass dieser Aufkleber Verwaltungssektor „Europa-Ost“ legal ist.“

„Was heißt denn Waräger?“ rätselte Frank.

„Das sind mehr oder weniger die Vorfahren der Litauer und teilweise auch der Russen, Weißrussen und Ukrainer. Die „Rus“ oder „Waräger“ waren Wikinger, die das Kiewer Reich gegründet haben. Sie werden gemeinhin als die Gründer Russlands angesehen. Ist also etwas Historisches. Und sicherlich verboten,“ erklärte Alf hämisch grinsend.

„Naja, offenbar scheint es diese Leute hier in Wilna irgendwo zu geben, sonst würde der Aufkleber ja dort nicht kleben“, warf Frank ein.

„Wir wissen aber nicht, was das genau für eine Organisation ist. Ich werde mal im Internet nachsehen. Vielleicht steht da etwas über die „Freiheitsbewegung der Rus“. Deren Symbol gefällt mir jedenfalls.“

Alf versuchte sich noch einige Minuten an dem in Kyrillisch verfassten Text auf dem Sticker, dann gingen Frank und er weiter, um sich noch ein Bier in einer Eckkneipe zu gönnen. Es war für die beiden Männer, trotz des gelegentlich wiederkommenden Gefühls, beobachtet zu werden, ein entspannender Tag, denn sie hatten das Leben außerhalb von Ivas sehr vermisst.

Frank und Alf blieben noch drei erholsame Tage in Litauens ehemaliger Hauptstadt und kehrten dann in ihr Heimatdorf zurück. Es waren wieder einige Arbeiten angefallen und das Oberhaupt der Dorfgemeinschaft, Thorsten Wilden, hatte sie schon sehnsüchtig erwartet.

Am Abend des darauffolgenden Tages fand in der Schweiz, inmitten einer idyllischen Berglandschaft, das alljährliche Treffen der „Bilderblickbrüder“ statt. Diese Zusammenkunft war die weltweit wichtigste Konferenz der Spitzen aus Politik, Medien und Wirtschaft. An diesem Ort wurden die nächsten Schritte in Richtung einer neuen, globalen Weltordnung besprochen.

Abgeschirmt von den Blicken der Öffentlichkeit und umringt von hunderten Beamten der „Global Police“ and der „Global Security Agency“ konspirierten die mächtigsten Männer der Welt im Luxushotel „Bilderblick“.

Der innere Kreis, der „Rat der 300“, trat an diesem geschützten Ort zusammen und beriet über das Schicksal von über acht Milliarden Menschen. Bei diesem Treffen wurde die Einführung des neuen Registrierungschips, der den Menschen in Zukunft implantiert werden und den gewöhnlichen Scanchip auf Dauer ersetzen sollte, diskutiert.

Ein weiterer Tagesordnungspunkt war die Reaktion des politischen Netzwerkes auf die Loslösung Japans aus dem Weltverbund.

Über diesem Gremium der Macht stand nur noch der „Rat der Weisen“, der auch als „Rat der 13“ bezeichnet wurde. Dies war die höchste und absolut geheime Instanz des neuen Weltsystems.

Lord Beaconshill, ein Medienmogul, der in England seinen Wohnsitz hatte, meldete sich bezüglich der Japanfrage nach einer langen Debatte zu Wort: „Meine Brüder, es wird Zeit, bald ein Exempel zu statuieren, da der freche Schritt Matsumotos die von uns aufgebaute Weltordnung in verhöhnender Weise in Frage gestellt hat. Wenn wir hier nicht hart durchgreifen, dann wird er wohl noch zu einem Vorbild für andere Völker werden. Ich fordere endlich eine Entscheidung der Ältesten bezüglich des Japan-Problems.“

Ein Raunen ging durch die Masse der fein gekleideten Herren. Es wurde sich geräuspert; einige der Anwesenden redeten dazwischen oder flüsterten sich gegenseitig etwas zu. Dann herrschte für einen kurzen Moment Stille. „Im Prinzip haben Sie Recht, werter Bruder. Die Angriffe der von uns kontrollierten Medien haben jedoch bisher in vielen Bereichen ins Leere geschlagen. Ich persönlich habe damit gerechnet, dass sich die japanische Bevölkerung leichter entzweien lässt und sich verschiedene Lager bilden, die das Land in Unruhe stürzen. Matsumotos Beliebtheit erscheint mir allerdings noch nach wie vor sehr hoch und die Opposition auf der Insel wirkt lahm und überhaupt nicht angriffslustig,“ antwortete ihm Ian Basler, der Chef der „Basler Trust Company“ aus Seattle.

Jeff Dornberger erbat das Wort und fuchtelte hektisch mit seiner speckigen Hand, die mit einigen Goldringen verziert war.

„Ich denke, dass es zwei Möglichkeiten für uns gibt. Einmal den Feind durch die vielfältigen Methoden der Verleumdung zu Fall zu bringen, und andererseits, wenn das nicht funktionieren sollte, ihn erst einmal zu ignorieren. Zurzeit prallen selbst die besten Lügen an Matsumoto ab. Seine Herrschaft ist stabil, wie die internen Studien unserer GSA-Agenten beweisen, und ich fürchte, dass wir Japan nur durch einen Militärschlag wieder zur Unterwerfung bringen können.“

„Das sehe ich auch so!“, warf Dr. Cyrus Sackler, der Leiter des Pharmakonzerns „GPHP“, in die Runde und schlug mit seiner Faust auf den Holztisch vor sich.

Plötzlich erhob sich Lucius Levis von seinem Platz. Er war einer der Abgesandten des „Rates der 13“ bei diesem Treffen. Kurz blickte er sich um, um daraufhin zu nicken.

„Meine lieben Brüder, die Anweisungen des obersten Rates sind klar und deutlich. Ich wünsche diesbezüglich hier keine Debatte, denn die Weisen haben es bereits endgültig entschieden. Es wird ein Exempel an Japan statuiert, wie es in der Vergangenheit nur an wenigen Ländern statuiert worden ist. Der Versuch, unsere Herrschaft in Frage zu stellen, wird nicht ungesühnt bleiben, aber wir müssen mit Bedacht vorgehen, um keine Fehler zu machen.

Wie ich bereits sagte, die Anweisungen des „Rates der Weisen“ sind eindeutig: Krieg! Die nachhaltige Vernichtung Japans und die anschließende Zerstörung dieses Volkes und seiner Kultur.“

„Wie soll das genau vonstatten gehen, Mr. Levis?“, fragte einer der Anwesenden.

„Der Rat will eine Invasion der Insel durch unsere GCF Truppen - und das von mehreren Stellen aus. Ein Nuklearschlag ist hingegen erst einmal nicht geplant, da wir gerade jetzt unser Image in aller Welt verbessern müssen. Die Einführung des Implantationschips, dieser so unglaublich wichtige Schritt zur vollständigen Kontrolle der Massen, darf nicht durch inhuman erscheinende Atomschläge, gerade auf Japan, gefährdet werden. Wir müssen wieder mehr wie Wohltäter erscheinen, wie Befreier und wie Menschenfreunde. Außerdem verfügt Matsumoto ebenso über Nuklearwaffen. Ein Atomkrieg ist demnach zu vermeiden. Nein, dem großen und höchsten Rat erscheint eine konventionelle Kriegsführung am Besten. Und ich spreche für den Rat!“

Einige der Veranstaltungsteilnehmer wirkten verwirrt. Andere erkundigten sich nach der Rolle der Medien bezüglich der Kriegsvorbereitungen gegen den unabhängigen Inselstaat.

„Soll die Diffamierungskampagne jetzt einfach abgebrochen werden?“, fragte Sergej Cabalow, ein in Russland ansässiger Ölmagnat, und warf seinen Mitbrüdern einen verwunderten Blick zu.

„Ja!“, gab Levis nur zurück. „Ab der nächsten Woche wird nicht mehr über Japan gesprochen. Zumindest so lange nicht, bis die Kriegsvorbereitungen abgeschlossen sind. Das Land und Matsumoto werden ignoriert. Dann, so hat es der „Rat der Weisen“ beschlossen, wird erst kurz vor Kriegsausbruch wieder berichtet. Wir werden Japan einen verheerenden Anschlag im Osten Chinas zur Last legen, anschließend werden wir es als Angreifer auf den Unterverwaltungssektor „China“ brandmarken und damit den Grund für die Landinvasion der GCF-Truppen haben.

Das wird auch die alten, chinesisch-japanischen Animositäten wieder aufbrechen lassen und die Chinesen werden sich dann sicherlich in Massen für die GCF-Invasionsarmee rekrutieren lassen. Die üblichen Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen und das Weltfrieden-Geschwafel tischen wir natürlich nebenher auf.“

Wieder wurde die Herrenrunde von einem lauten Raunen erschüttert, wobei viele der Anwesenden ihre begeisterte Zustimmung zu diesem Plan äußerten.

Nur wenige zeigten eine ablehnende Haltung, doch ihre Position war zu gering, um der Entscheidung des „Rates der 13“ zu widersprechen.

„Wie soll es dann nach unserem Sieg weitergehen?“, rief einer der Brüder durch den Saal.

„Das japanische Volk wird teilweise umgesiedelt in andere Teile Asiens. Seine traditionelle Kultur muss zersetzt und auf Dauer beseitigt werden. Zudem werden Millionen Einwanderer aus den afrikanischen und arabischen Ländern auf japanischem Boden angesiedelt werden.

Durch einen solchen Vielvölkerstaat können wir damit dauerhaft Unfrieden auf den Inseln stiften und eine einheitliche Front gegen uns in Zukunft verhindern“, ergänzte Levis, der entschlossen auf seine Mitbrüder starrte.

„Dann werden wir unsere Medien also erst einmal zurückpfeifen?“, vergewisserte sich Leonard Bourg aus Paris noch einmal.

„Kein Beachtung Matsumotos mehr, bis wir bereit für den Militärschlag sind. Dieser erfolgt in genau einem Jahr!“ donnerte Levis. Schließlich ließ sich wieder auf seinem Stuhl nieder.

Im Anschluss ging es noch einige Stunden um die geplante Massenregistrierung der Bevölkerung durch die neuartigen Scanchips. Zuerst sollte der nordamerikanische Kontinent von dieser Maßnahme ergriffen werden.

Die hohen Herren planten noch weitere Schritte zur absoluten Unterwerfung der Menschheit, doch diese wurden von niemandem außer ihnen selbst gehört. Alles, was auf dieser Versammlung besprochen wurde, verließ die Mauern des Luxushotels „Bilderblick“ nicht. Die acht Milliarden Menschen auf Erden lebten indes weiter ihre kleinen Leben vor sich hin, während man in den Bergen der Schweiz über ihr Schicksal entschied.

Krieg und Frieden

Irgendwo musste ein Vogelnest unter dem Dach des baufälligen Hauses sein. Da war sich Frank sicher. Er wurde nun schon den vierten Morgen durch aufgeregtes Flattern und lautes Zwitschern vor seinem Fenster geweckt. Knurrend rollte er sich zur anderen Seite seines Bettes und zog sich die Decke über den Kopf.

„Verdammte Viecher!“, stöhnte er und kroch schließlich aus den Federn.

Alf saß bereits in der Küche und trank gemütlich einen Kaffee. Allerdings hatte auch er das ständige Vogelgezwitscher, welches die Hausbewohner jetzt jeden Morgen aus dem Schlaf riss, auch schon bemerkt.

„Die machen einen Riesenlärm, was?“, brummte Alf.

„Vermutlich haben sie Junge.“

„Ja, aber wo ist das Nest?“, erwiderte sein junger Mitbewohner, dem immer noch der Schlaf in den Augen stand.

Frank reckte sich und schlich zur Kaffeekanne, um sich mit dem in diesem Haus häufig genossenen Getränk wacher zu machen. Er gähnte laut und sank dann auf den Stuhl neben dem Küchentisch nieder.

„Wir holen gleich die lange Leiter aus dem Schuppen und suchen das Dach ab. Irgendwo werden die Piepmätze wohl sein“, schlug Bäumer vor. Er rieb sich genervt die Augen.

Ein weiteres Gähnen zerriss die Stille und Frank nickte zustimmend. Nach dem Frühstück machten sich die beiden Männer auf den Weg zu dem verfallenen Holzschuppen neben dem Haus und wühlten sich durch einen Berg von Gerümpel hindurch, um schließlich eine rostige Leiter herauszuziehen. Es war nicht einfach, doch schließlich gelang es Frank und Alf mit einer enormen Kraftanstrengung, die bisher kaum benutzte Leiter zwischen Kisten und alten Holzbohlen herauszuziehen.

„Puh!“, stöhnte Frank und ging mit der Leiter zum Haus.

„Das Piepen kommt da oben aus der Ecke, unter dem Dach“.

„Lass mich die Vögel suchen“, sagte Alfred, schob seinen Freund zur Seite und kletterte die Leiter hoch.

Als er oben angekommen war und auf die vermoderten Ziegel des Hausdaches blickte, wurde ihm klar, dass in diesem Sommer noch das eine oder andere repariert werden musste. Aber jetzt galt es erst einmal, die gefiederten Gäste ausfindig zu machen.

Schon schoss ein Vogel mit schönen, schwarz-weißen Federn an seinem Kopf vorbei und nahm Kurs nach unten.

Dabei streifte er beinahe Alfs Nase. Dieser brummte verdutzt.

„Das sind vermutlich Schwalben“, gab er Frank zu verstehen. „Ich habe das Nest gefunden. Hier ist es!“

Zwischen einigen Balken vernahm Bäumer aufgeregtes Gezwitscher; er erkannte ein Nest mit fünf kleinen, gelben Schnäbeln, die aus ihm herauslugten.

Sie stellten die Leiter weiter nach links und Alf kletterte erneut nach oben. Jetzt hatte er alles besser im Blick. Als sich Alfreds Gesicht mit dem dunklen Spitzbart und den trotzigen Augen an der Seite des Nestes langsam empor schob, antworteten die Schwalbenküken mit einem nervösen: „Piep! Piep! Piep!“

Alf brummte und machte Anstalten, das Nest zu entfernen. Immerhin störte der ständige Vogellärm in diesem Sommer wirklich. Die fünf Küken mit ihren großen Schnäbeln, ihren Kulleraugen und dem hübschen, rötlichen Flaum an ihren Hälsen erregten allerdings nach wenigen Minuten sein Mitleid.

Wenn Alf das Nest vom Dach geholt hätte, wären die Kleinen wohl verendet, und es irgendwo anders zu postieren, war auch keine gute Idee.

„Hast du es?“, rief Frank von unten.

„Ach, lass die Viecher doch. So laut sind sie auch nicht“, knurrte Bäumer vom Dach herab.

„Willst du das Nest nicht wegmachen?“, erhielt er als verdutzte Antwort.

„Nein! Wir lassen die Vögel in Ruhe. Allerdings müssen wir das Dach an einigen Stellen noch einmal abdichten, sonst kommt im Winter Feuchtigkeit rein“, sagte Alf.

Dann kam er die Leiter wieder herunter.

Frank grinste. „Na, haben wir ein zu großes Herz für kleine Schnuffelvögel, Herr Bäumer?“

„Pah!“, erwiderte Alf mürrisch und trug die Leiter zurück in den Schuppen. „Mich stören die blöden Viecher halt nicht!“

„Aber gestern gingen sie dir doch auch noch auf die Nerven“, schob sein Freund ein.

„Ach, aber so schlimm ist es nicht. Lass uns wieder ins Haus gehen“, lenkte Alf ab und trottete davon.

Frank lächelte und dachte kurz daran, das Nest selbst zu entfernen. Wenn es Alf allerdings doch nicht so sehr störte, dann konnte es ihm eigentlich auch egal sein.

„Was soll`s…“, dachte Frank, schloss den Schuppen ab und folgte Alf ins Haus.

Der Rest der sonnigen Woche verging mit Haus- und Gartenarbeit. HOK, der Computerspezialist der Dorfgemeinschaft, war einmal zu Gast und erzählte den beiden Männern von seinen neuesten Programmieraktionen. Wie üblich verstanden sie kaum ein Wort seiner ausführlichen Erläuterungen und Fachbegriffe.

Der Informatiker hatte ihre Scanchips noch einmal überarbeitet und mit neuen Identitäten überschrieben. Immerhin hatten die beiden mit ihren früheren Scanchips vor ihrem Attentat in Paris ein Auto angemietet, das später als gestohlen gemeldet worden war. Nachforschungen von Seiten der Polizei konnte man sich nicht erlauben und so wurden die alten Scanchips von HOK einfach auf Eis gelegt.

Frank Kohlhaas wurde jetzt zu einem Bauarbeiter aus Bern namens „Eduard Rietli“ und Alfred Bäumer vertauschte seine alte Identität mit einem „Peter van Hochvaal“ aus Belgien.

„Sicher ist sicher“, meinte HOK. Gerade in dieser Zeit war diese Losung ernster denn je.

Bezüglich der seltsamen Organisation namens „Freiheitsbewegung der Rus“, beziehungsweise des „Warägerbundes“, stellten die Männer in der Folgezeit ein paar Nachforschungen im Internet an.

Sie fanden mit HOKs Hilfe mehrere gesperrte Seiten, die offiziell nicht abrufbar waren, und versuchten sich erneut an der kyrillischen Schrift. Hier stießen sie jedoch an ihre Grenzen, so dass Herr Wilden, der die russische Sprache schon fast perfekt beherrschte, aushelfen musste.

„Na, sieh einer an. Diese Organisation scheint sogar ein geheimes Treffen mit Hunderten von Teilnehmern im Untergrund abgehalten zu haben, allerdings in Minsk.

Das ist sehr gefährlich und wäre in „Europa-Mitte“ vollkommen undenkbar.

Sie haben einige ihrer Werbeaktionen aufgelistet: Flugblätter, Aufkleber, sogar eine kleine Demonstration, die sich nach zwanzig Minuten wieder auflöste. Hier steht etwas von „Ahnen der Rus“ und der „sozialen Revolution“.

Die haben Glück, dass die Sicherheitsbehörden hier im Verwaltungssektor „Europa-Ost“ derart lustlose und unterbezahlte Gesellen sind. Bei den übereifrigen Spitzeln im Westen sähe das anders aus“, erklärte Wilden, der mit nachdenklichem Blick die russischen Texte auf dem Bildschirm durchforstete.

HOK, der korpulente Informatiker, rief noch weitere Seiten auf. Er fand sogar einen behördlichen Aufruf, der etwas mit der Fahndung nach einem „Artur Tschistokjow“, der wohl der Leiter der Organisation war, zu tun hatte.

„Aha, hier steht, dass dieser Mann offenbar Zellen seiner Gruppe im Baltikum, in Weißrussland und im russischen Teil gegründet hat. Man vermutet, dass er in Minsk unter falschem Namen lebt“, murmelte Wilden, der ehemalige Unternehmer aus Westfalen.

„In unserer alten Heimat würde das keine zwei Wochen gut gehen“, sagte Frank und arbeitete sich mühsam von einem der fremdartigen Buchstaben zum nächsten.

„Wir sollten bei dir Russischunterricht nehmen“, sagte Alf zu Wilden.

Der ältere Herr freute sich, dass sein Wissen wieder einmal gefragt war. Stolz lächelte er zurück: „Das lässt sich einrichten. Gutes Russisch ist hier auf Dauer absolut unverzichtbar. Kommt doch die Tage bei mir vorbei.“

Frank und Alf nahmen das Angebot in den folgenden Wochen wahr und Frank staunte nicht schlecht über seine offenbar große Sprachbegabung. Alf hingegen tat sich deutlich schwerer und Wilden, der sich meist wie ein alter Schullehrer aufführte, erwies sich bei ihm nicht gerade als geduldig. Großen Spaß bereiteten die Russischstunden ihres Vaters auch Julia Wilden, seiner Tochter, die oft stundenlang mit im Raum saß und ständig verlegen lächelte.

Wilden gab Frank und Alf sogar Hausaufgaben auf, die er am nächsten Tag stets gründlich überprüfte. Alf bekam dabei des Öfteren eine Schelte verpasst. Offenbar hatte er seit seiner eher unglücklichen Schulzeit keinen Spaß mehr an solchen Dingen gehabt.

Die Monate verstrichen und irgendwann hatte sich der Sommer verabschiedet. Jetzt färbten sich die Blätter der Bäume rund um Ivas rot und die Tage wurden langsam kürzer. Frank konnte behaupten, dass ihn die anderen Dorfbewohner nach wie vor wegen der kühnen Operation in Paris bewunderten. Sie mochten ihn mittlerweile, da war er sich sicher. Und vor allem Julia Wilden, die Tochter des Dorfchefs, die ihm am Anfang mit so viel Misstrauen begegnet war, schien seine Nähe zu suchen. Nach den Russischstunden bei Wilden, in denen Frank mehr und mehr punkten konnte, begleitete sie Alf und ihn oft noch bis vor ihre Haustür und sprach mit ihnen über dies und das. Ein besonderes Augenmerk hatte sie stets auf Frank gerichtet, der dies zwar bemerkte und Julia ebenfalls sehr anziehend fand, doch irgendwie bei ihr nicht „vorwärts kam“ - wie er es formulierte.

Die junge Frau wirkte auf eine seltsame Weise unnahbar und bewahrte immer eine gewisse Distanz zu ihm. Sie war eine gute Freundin, ohne Zweifel, aber Frank war damit auf Dauer nicht zufrieden. Gefühle zu zeigen, von Hass abgesehen, hatte er seit seiner Inhaftierung in „Big Eye“ verlernt. Er tat sich unglaublich schwer damit und dieser unbefriedigende Zustand hatte sich, wie er sich selbst eingestehen musste, in den letzten Monaten deutlich verstärkt.

Die Albträume und Visionen, die Frank gelegentlich im Schlaf heimsuchten, waren allerdings zurzeit nicht sehr häufig. Frank hatte keine Panikattacken und Ängste mehr, wie es noch vor einem Jahr der Fall gewesen war.

Selten schreckte er noch vor dem Einschlafen auf oder dachte an „Herrn Irrsinn“, seinen imaginären Zellengenossen, den er damals im finstersten Winkel seines Hirns zur Miete hatte wohnen lassen. Doch Franks gewachsene Immunität gegenüber seinen Ängsten hatte ihren Preis eingefordert.

„Ich fühle nicht mehr richtig“, sagte er manchmal zu sich selbst. „Ich kann nicht richtig weinen und auch nicht richtig lachen, ich kann nur leben…“ Aber vielleicht würden die echten Gefühle eines Tages wiederkehren. Sie waren nur eingesperrt hinter einer großen Betonmauer am Ende seines Schädels. Frank wusste nicht, ob dieser Zustand wirklich einen Gewinn darstellte.

Als der Winter schließlich über Litauen hereinbrach, hatten sich die Emotionen endlich ein kleines Loch unter der Absperrmauer gegraben. Sie kamen langsam wieder, sogar mit einer so phänomenalen Wucht und Heftigkeit, die Frank lange nicht mehr erlebt hatte. Leider waren die positiven Gefühle bei diesem Ausbruch wieder einmal nicht federführend, denn umso dunkler die Tage wurden, desto dunkler wurde es auch in Franks Gemüt. Depressionen plagten ihn und er hatte bald wieder Angst, nachts zu Bett zu gehen.

Das gleißende Licht der Holozelle kehrte in seinen Träumen zurück, begleitet von der computeranimierten Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Manchmal träumte er, dass man ihn in ein weiß erleuchtetes Loch ohne Boden hinabgestoßen hatte. Der Sturz dauerte ewig und er raste immer schneller nach unten, doch den ersehnten Boden erreichte er nie.

Sein ermordeter Vater und seine tote Schwester schienen ihm Botschaften von der anderen Seite zu schicken. Sie sprachen mit ihm in den tiefen Stunden der Winternächte über Nico und baten ihn, nach ihm zu sehen. Manchmal tauchte der kleine Junge auch selbst auf und erzählte ihm, dass sie ihm das Herz herausoperiert hatten. Dann hielt er den blutigen Muskel in seiner Hand und sagte: „Auch, wenn du mir nicht glaubst, Onkel Frank. Hier, ich zeige dir alles!“

Diese Visionen waren eine Qual und Frank hatte das Gefühl, dass es niemanden gab, dem er davon berichten konnte. Alf war für solche Themen, obwohl er ein guter Freund geworden war, nicht der richtige Gesprächspartner. Seine Mutter wäre es gewesen, doch sie hatte diese Welt schon lange verlassen und an ihre sanfte Stimme konnte sich Frank kaum noch erinnern.

Wenn er nachts wach wurde und sich hilfesuchend in seinem unbeleuchteten Schlafzimmer umsah, verfluchte er die Verursacher seiner mentalen Horrorvisionen. Manchmal dachte er daran, in der Erziehungsanstalt anzurufen, in der sich sein Neffe Nico vermutlich noch befand, doch so etwas war mit einem hohen Risiko verbunden. Was sollte er den Betreuern auch sagen, wo er doch als Frank Kohlhaas offiziell als „flüchtiger Mörder“ galt?

Nur direkten Angehörigen waren überhaupt Nachfragen erlaubt, doch die wurden meistens ohnehin nicht glaubhaft beantwortet.

Nico hatte aber keine Angehörigen mehr, seine Mutter war tot und seinen Onkel durfte es nicht mehr geben.

Thorsten Wilden, das oft väterlich wirkende Oberhaupt von Ivas, das Frank mittlerweile als Mentor und Gesprächspartner schätzen gelernt hatte, kam vermutlich auch nicht dafür in Frage, über psychische Probleme und Ängste zu reden. Dafür war Wilden doch zu sachlich.

Mit seiner Tochter verstand sich Frank ohne Zweifel in der letzten Zeit immer besser, aber über solche unangenehmen Themen wollte er mit ihr auf keinen Fall sprechen. Sie hielt ihn für einen zwar verschrobenen, aber eisenharten Burschen und so wollte es Frank auch haben.

Die dunklen Flecke seiner Seele verbarg er sorgsam vor Julias Aufmerksamkeit. Innerlich schämte er sich dafür.

Alf hatte ihn neulich auf seine Schreie in der Nacht angesprochen, doch Frank hatte nur herum gedruckst und ihm etwas von allgemeinen Schlafstörungen erzählt, die er nun einmal in den dunklen Wintermonaten hatte. Es sei aber nichts ernstes, betonte Frank immer wieder.

Den ganzen Winter über gab es Frost- und Sturmschäden im Dorf zu reparieren und das tägliche Schneeschippen hielt Frank und Alf auf Trab. Zudem vertrieb sich Frank die Stunden mit dem intensiven Studium der russischen Sprache, mit eifriger Unterstützung von Wilden. Sein Mit