Bevor du mich findest - Michael Kardos - E-Book

Bevor du mich findest E-Book

Michael Kardos

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8,99 €

Beschreibung

Melanie war noch nie auf einer Party, ist noch nie geflogen, hat noch nie das Meer gesehen. Als sie drei Jahre alt war, ermordete ihr Vater ihre Mutter und wurde bis heute nicht gefasst. Seitdem lebt sie im Zeugenschutzprogramm, von der Außenwelt isoliert und immer in der Angst, dass er sie aufspürt. Doch sie will so nicht mehr leben. Um endlich frei zu sein, fasst sie einen gefährlichen Entschluss: Wenn ihr Vater sie nicht findet, dann muss sie ihn eben zuerst finden ...

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Seitenzahl: 497

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Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

Teil eins

1

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9

Teil zwei

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Teil drei

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Danksagung

Über den Autor

Michael Kardos studierte zuerst Musik und dann Kreatives Schreiben. Wenn er nicht gerade selbst Geschichten erfindet, arbeitet er als Lehrbeauftragter für Englisch und als Kodirektor des Creative Writing Programs an der Mississippi State University. Er ist Gewinner des Mississippi Institute of Arts & Letters Award for Fiction und des Pushcart Prize.

Michael Kardos

BEVOR DUMICHFINDEST

Thriller

Aus dem Englischen vonSabine Schilasky

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Zitat von Sherwood Anderson, »Winesburg, Ohio«, btb Verlag,August 2015, Copyright by Manesse Verlag, Zürich, S.12–13Wir danken dem Manesse Verlag für die freundlicheAbdruckgenehmigung.

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:Copyright © 2015 by Michael KardosFirst published in the United States of America in 2015 byThe Mysterious Press, an imprint of Grove Atlantic Inc.Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Before he finds her«

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, KölnLektorat: Kerstin OstendorfTextredaktion: Dorothee Cabras, GrevenbroichTitelillustration: © shutterstock/Oleg Krugliak;© shutterstock/schankzUmschlaggestaltung: Massimo Peter

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-4025-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Katie

Es waren die Wahrheiten, die die Leute zu grotesken Gestalten machten … Seiner Vorstellung nach wurde einer in dem Augenblick, in dem er eine der Wahrheiten für sich in Anspruch nahm, sie seine Wahrheit nannte und versuchte, danach zu leben, grotesk, und die Wahrheit, die er sich zu eigen gemacht hatte, wurde unwahr.

Sherwood Anderson, Winesburg, Ohio

Es ist das Ende der Welt, die wir kennen (und mir geht es prima).

R.E.M.

Teil eins

1

Mein weißer Wal, freigelassen

22. September 2006 *von Arthur Goodale* in Vermischtes

Drei Wochen liegt mein letzter Eintrag jetzt zurück, und ich weiß nicht, ob ich so bald wieder zum Schreiben komme, also verzeiht bitte, wenn ich heute etwas ausführlicher werde.

Jeder, der diesem Blog schon eine Weile folgt, wird wissen, dass ich großen Wert auf Offenheit und Ehrlichkeit lege. Hier also meine ungeschminkte Wahrheit von heute: Ich schreibe aus einem Krankenbett auf der Intensivstation im Monmouth Regional Hospital. Vergangenen Sonntag – anscheinend den ganzen Tag lang – litt ich unter kongestiver Herzinsuffizienz. Aber wer weiß das schon? Fakt ist, dass ich rauche und immer geraucht habe. (Leser dieses Blogs kennen meine zahlreichen erfolglosen Versuche, damit aufzuhören.) Seit Jahren, ja Jahrzehnten warte ich praktisch auf das taube Gefühl im linken Arm und die Enge im Brustkorb, diese unverwechselbaren Vorboten eines raschen Ablebens oder zumindest eines torkelnden Stolperns zum Telefon vor dem Zusammenbruch, bei dem ich die Wohnzimmervorhänge herunterreiße. Irgendwas Dramatisches eben. Aber leichte Rückenschmerzen?

Ich hatte fast den ganzen Tag gebückt im Garten verbracht, Unkraut gejätet und einige hängende Tomatenzweige an die Stangen gebunden, damit meine Pflanzen hoffentlich bis zum ersten Frost weiter produktiv blieben. Wie sollte mir da nicht der Rücken wehtun? Früher hatte ich in solchen Fällen drei Advil-Schmerztabletten eingenommen, mich in den Fernsehsessel gesetzt und mir ein paar James-Bond-Filme angesehen. Und so behandelte ich die Symptome diesmal auch – mit internationalen Verschwörungen, beruhigendem britischen Akzent und ein paar Wodka-Martini obendrein.

Als es bis Dienstagnachmittag nicht besser war, rief ich meinen Arzt an. Er sagte, ich soll in die Praxis kommen, und so ging ich hin. Jetzt bin ich im Krankenhaus, und es heißt, dass ich fürs Erste hierbleiben muss.

Ich hätte vielleicht besser ein paar Aspirin genommen anstelle der Advil, sagt der behandelnde Kardiologe, oder gleich in die Klinik fahren oder den Notruf wählen sollen, statt zwei Tage abzuwarten. Aber warum hätte ich das tun sollen? So etwas macht man doch nicht, wenn man ein alter Dummkopf mit Kreuzschmerzen ist, weil man es im Gemüsegarten übertrieben hat. Da ruft man keinen Krankenwagen, sondern sieht fern. Und macht ein Nickerchen.

Wer pflückt nun die letzten Tomaten?

Nein, ich werde jetzt nicht makaber. Das habt ihr nicht verdient. Und ihr seid ja doch einige – hier in New Jersey und weiter entfernt. Im vergangenen Monat wurde dieser Blog zweitausenddreihundertmal angeklickt, ungefähr fünfundsiebzigmal am Tag. Mir fällt es schwer zu glauben, dass sich täglich fünfundsiebzig Leute für meine Gedanken interessieren, aber ihr seid real, meine Leser, und wie es scheint, klickt ihr euch von überall her ein, sogar aus Vietnam und Australien. Das verblüfft mich wirklich, zumal es in meinen Tagen bei der Zeitung völlig anders aussah, als man ohne Ende um Abonnenten kämpfte – jedenfalls bevor wir zum Gratisblatt wurden und uns ganz auf Werbeeinnahmen konzentrierten. Und schließlich gaben wir auch den Plan auf und verkauften an Kingswood Holdings, Inc.

Daher möchte ich euch, meinen fünfundsiebzig treuen Lesern, meinen aufrichtigen Dank ausdrücken, dass ihr meine Posts die letzten drei Jahre gelesen habt und meinen zahlreichen Aus- und Abschweifungen folgt. Ungeachtet der Tatsache, dass ich die strengen Regeln des Zeitungsjournalismus durchaus befürworte, genieße ich es mittlerweile sehr, diesen Blog zu schreiben, in dem die Anzahl der Wörter keine Rolle mehr spielt, Unparteilichkeit am Ziel vorbeiginge und ich nach Lust und Laune mutmaßen und so viele Einschübe und Aufzählungen bringen darf, wie ich mag.

Aus offensichtlichen Gründen hoffe ich, dass dies nicht mein letzter Post wird. Falls doch, ist es eben so. Ich bin einundachtzig, was nach jedem Maßstab als hohes Alter gilt. Vermutlich fühlt sich für den Betroffenen kein Alter jemals alt genug an. Doch mein täglicher Zigarettenkonsum (ein Laster, dem ich seit fast siebzig Jahren fröne) und die typisch ungesunde Junggesellenernährung (größtenteils Takeouts, abgesehen von meinen selbst gezogenen Tomaten) legen nahe, dass ich mich glücklich schätzen darf, es überhaupt so weit geschafft zu haben. Ich bereue nicht, nie geheiratet oder Kinder bekommen zu haben. Hätte ich die richtige Frau getroffen und die Chance auf ein Leben mit ihr verpasst, wäre es wohl anders. Kann sein, dass es an den langen Arbeitstagen lag oder an meiner lachhaft langen Nase. Was auch der Grund für mein Single-Leben sein mag, wird es zur Folge haben, dass dessen Ende zwar bei einigen Leuten Betrübnis hervorrufen dürfte, jedoch bei niemandem echte Trauer.

War ich mit meinem Beruf verheiratet? Ein Klischee natürlich, aber es könnte stimmen. Wenn ja, bemitleidet mich bitte nicht deswegen. Es war eine starke Beziehung. Ich habe es geliebt, ein Zeitungsmensch zu sein – Herausgeber, Redakteur und, allen voran, Reporter. Für mich gab es kein besseres Gefühl, als ganz von einer Story gebannt zu sein und dann zu erleben, wie sich endlich alles zusammenfügte – die Fakten und meine besondere Art, sie wiederzugeben. Das ist besser, als auf eine Ölquelle zu stoßen, sage ich euch.

Was für ein Jammer, dass diese altehrwürdige Branche rapide schwindet, überrannt von Ideologen und Analphabeten!

Die Überschrift des heutigen Posts ist natürlich eine Anspielung auf Captain Ahabs Obsession. Heute Morgen kam ein junger Krankenpfleger in mein Krankenzimmer, um meine Vitalfunktionen und die Wunden an meiner Brust und meinem Bein zu kontrollieren. (Am Mittwochmorgen hatte ich eine Bypass-Operation.) Ich fragte den Pfleger, welcher Tag heute ist, und er sagte, Freitag, der zweiundzwanzigste September. Daraufhin erzählte ich ihm, dass sich heute die Miller-Morde zum fünfzehnten Mal jähren.

»Die was?«, fragte er.

Ich war geschockt, was ich eigentlich nicht hätte sein sollen. Der junge Mann war zur Zeit der Morde noch ein Kind gewesen. Dennoch: Silver Bay ist bis heute eine friedliche Stadt, und das Verbrechen damals war über Wochen in den Nachrichten. Das sagte ich ihm.

»Ja, kann sein, dass ich davon schon mal irgendwas gehört habe«, antwortete er. Immerhin war er sensibel genug, nett zu seinen irren, sterbenden Patienten zu sein.

Den treuen Lesern dieses Blogs sei erklärt, dass es sich bei dem Miller-Fall um meinen »weißen Wal« handelt. In all den Jahren, die ich in dieser Stadt lebe, gab es hier nur fünf Morde. Ein Täter stellte sich selbst innerhalb weniger Stunden nach der Tat. Dreimal wurden die Täter (es waren alles Männer) binnen Wochen gefasst und plädierten auf schuldig, um ihre Haftstrafen zu verringern. Ramsey Miller war der einzige Beschuldigte, der davonkam.

Ich wohnte – wohne noch – direkt im Nachbarviertel von Millers damaligem Tatort, weshalb ich an dem Morgen des dreiundzwanzigsten September die Sirenen hörte und Minuten später vor Ort war. Ich fuhr die wenigen Blocks zum Blossom Drive mit dem Wagen und erlebte so hautnah mit, was direkt nach dem furchtbaren Ereignis geschah. Darüber bin ich nie richtig hinweggekommen.

Es erschütterte uns alle. Ich erinnere mich, dass ich mir ein paar Tage später wie jeden Morgen einen Kaffee und ein paar Eier im Good Times Diner bestellte und die Kellnerin (Tracy Strickland, die stets einen Küss mir den Barsch-Anstecker an ihrer Uniform trug) setzte sich mir gegenüber hin, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte. Sie war ungefähr in Allisons Alter. Nicht, dass ich nachgefragt hätte. Aber Silver Bay ist so eine kleine Stadt, und Allison Miller war die Art junge Frau, die man unmöglich nicht bewundern konnte. Ihre Tochter Meg war knapp drei Jahre alt und hätte es verdient gehabt, groß zu werden.

Ein paar Monate zuvor, als ich eines Nachmittags im Supermarkt einkaufte, landete ich zufällig im selben Gang wie Allison und Meg. Allison schob einen vollen Einkaufswagen hinter ihrer Tochter her, die in meine Richtung lief und dabei die Farben der Bodenfliesen rief. Neben mir angekommen, zupfte Meg an meinem Hosenbein und befahl: »Auf den Arm!«

Ich hatte seit Jahren kein kleines Kind mehr auf dem Arm gehalten, womöglich seit Jahrzehnten – seit meine Nichte und mein Neffe klein gewesen waren.

»Arm!«, wiederholte das Mädchen.

»Tun Sie es lieber«, riet mir die Mutter.

Ich hob das erstaunlich leichte Mädchen hoch und hielt es etwa dreißig Sekunden lang, vielleicht sogar eine Minute, und atmete den Geruch von Baby-Shampoo ein, während Allison hastig Sachen aus dem Regal in ihren Wagen lud. Meg schien zufrieden damit zu sein, ihrer Mutter von meinem Arm aus zuzusehen.

»Danke, Arthur«, sagte Allison lächelnd und übernahm ihre Tochter wieder.

Wir hatten uns erst kurz zuvor bekannt gemacht, als wir uns im Wartezimmer des Zahnarztes begegnet waren. Allerdings hatte ich nicht erwartet, dass Allison sich meinen Namen gemerkt hatte oder wer ich war. Deshalb wusste ich nun nicht, was ich sagen sollte. Trotz der unzähligen Interviews, die ich geführt hatte, war ich nie gut im Smalltalk – vor allem nicht mit einer Frau, die selbst abgehetzt im Supermarkt umwerfend war. Also nickte ich nur und murmelte etwas. Allison überredete ihre Tochter, sich wieder in den Einkaufswagen zu setzen, und verschwand am Ende des Gangs. Ich kaufte zu Ende ein und bezahlte. Als ich aus dem Supermarkt kam, packte Allison gerade die Einkäufe in ihr Auto. Meg saß in dem Einkaufswagen und schlenkerte mit den Beinen. Ich überlegte, hinüberzugehen und etwas Unverfängliches zu sagen. Doch es war später Nachmittag, und die tief stehende Sonne vergoldete dieses schöne Bild von Mutter und Tochter; das wollte ich nicht kaputtmachen.

Ich sah die beiden nie wieder.

Hin und wieder, wenn es mir passend erschien, habe ich freigegebene Dokumente zu dem Fall gepostet, beachtenswerte Pressebeiträge und meine eigenen Überlegungen (hier, hier, hier und hier, und weniger ausführlich in circa einem Dutzend anderer Posts). Falls ihr neu auf diesem Blog seid (bedauerliches Timing), hier ist eine kurze Zusammenfassung:

Am Nachmittag des zweiundzwanzigsten September 1991, einem Sonntag, fand ein Fest im Garten der Millers statt. Über fünfzig Leute waren im Laufe mehrerer Stunden dort. Die Party endete gegen einundzwanzig Uhr. Irgendwann später an dem Abend, nachdem die Gäste gegangen waren, brachte der betrunkene Ramsey seine Frau Allison brutal um. (Ich erspare mir die Einzelheiten; Neugierige können sie hier lesen.) Am nächsten Morgen fand die Polizei ihre Leiche im Garten und begann, nach Ramsey und der kleinen Tochter zu suchen. Zwei Zeugen sagten aus, Ramsey gegen zweiundzwanzig Uhr am Sonntagabend im Bootshafen von Silver Bay gesehen zu haben, und einer von beiden gab an, dass er mit einem Bündel von der Größe eines Kleinkinds in sein Motorboot gestiegen war. Weder Ramsey noch Meg wurden je wiedergesehen. Das Boot wurde nie gefunden. Der vorherrschenden – und meiner Ansicht nach korrekten – Theorie zufolge fuhr Ramsey mit dem Boot raus und warf seine Tochter über Bord, lebendig oder bereits tot.

Aufgrund des Zustands, in dem Allison Millers Leiche gefunden wurde, lässt sich der Todeszeitpunkt nur vage schätzen, und einige Fachleute streiten, was zuerst kam, der Mord oder die Bootsfahrt. Die Reihenfolge jedoch ist wichtig, will man die Kausalkette rekonstruieren. Hatte Ramsey beide Morde geplant? Oder erschien ihm nach der einen begangenen entsetzlichen Tat die andere unvermeidlich?

(Während ich dies schreibe, wird mir aufs Neue schlecht. Anscheinend kann man sich selbst sterbenskrank noch kränker fühlen.)

Ich glaube nicht, dass der Fall jemals aufgeklärt wird. Nein, streicht das. Soweit es mich betrifft, wurde er längst gelöst: Ramsey beging zwei Morde und floh. Was ich meine, ist, dass es wohl nie hinreichend Antworten geben wird, um richtig zu erfassen, was geschehen war und warum. Ebenso wenig glaube ich, dass man je erfahren wird, wo Ramsey sich aufhält, so er denn noch lebt. Vor allem nicht jetzt, da Detective Esposito, der so verbissen an dem Fall arbeitete und mich immer zurückrief, wenn ich darum bat, in den Ruhestand gegangen ist. Er lebt mittlerweile in South Carolina, wo das Wetter besser ist und die Golfplätze das ganze Jahr bespielbar sind. Er hat sich seinen Ruhestand verdient, und ich nehme an, dass er das Beste daraus macht. Anders als die verbitterten, einsamen Protagonisten in vielen Krimis, hatte Danny von jeher vorgehabt, seinen Lebensherbst mit seiner reizenden Frau Susan auf den Fairways zu verbringen. Er ist nicht so dumm, seine Zeit an einen traurigen, frustrierenden und hoffnungslosen Fall zu verschwenden.

Und es ist wirklich ein sehr seltsamer Fall.

Falls es ein Motiv gab, wurde es nie aufgedeckt. Aus der Familie waren bis dahin keine Fälle von Gewalt bekannt. Soweit es irgendjemand wusste, war Ramsey ein hingebungsvoller Ehemann und Vater. Seine Konflikte mit dem Gesetz lagen weit zurück. Es gibt nicht einmal eine zufriedenstellende Erklärung für die Party, die den Morden voranging. Einigen Nachrichtenmeldungen zufolge war es die Feier zu Ramseys fünfunddreißigstem Geburtstag, nur war der erst eine Woche später. Andere Meldungen sprachen schlicht von einem Straßenfest – aber das hatte es in der Gegend nie zuvor gegeben, und die Millers hatten offensichtlich allein für Speisen und Getränke gesorgt. Gehörte die Party zu Ramseys ausgeklügeltem Plan? Dann wäre da noch die rätselhafte Tatsache, dass Ramsey am Freitag vor den Morden seinen Lastwagen verkaufte. Mit dem verdiente er seinen Lebensunterhalt. Warum sollte er ihn also verkaufen?

Manche Leute in der Stadt klammern sich an die Hoffnung, dass das kleine Mädchen nach Allisons Ermordung von dem Vater entführt wurde und verschont blieb. Dass Meg irgendwo weiterlebt. Ich verstehe, warum Menschen das lieber glauben, als das Undenkbare zu denken. Aber ich habe noch nie viel davon gehalten, sich Illusionen hinzugeben, und weigere mich, jetzt damit anzufangen. Der Mann, der eben seine Frau ermordet hatte, ist nicht mit seiner kleinen Tochter zum Sternegucken rausgeschippert, um danach mit ihr zu verschwinden. So war es nicht.

Das Undenkbare ist geschehen.

Ob ich es beweisen kann? Nicht ohne die Leiche des kleinen Mädchens, die nie gefunden werden wird. Man kann ein Meer nicht trockenlegen. Dabei fühlte sich alles an diesem Fall so an, als täte man genau das. Brutal wie es war, handelte es sich doch um ein Kleinstadtverbrechen. Warum tat Ramsey Miller es? Wie ist er verschwunden? Das Nicht-Wissen hielt mich mehr Nächte wach, als ich nachzählen möchte. Erst kürzlich habe ich angefangen, mir selbst einzugestehen, dass der Mangel an Beweisen in diesem Fall zu einem Dauerzustand wird – oder zumindest einem, der mich überleben wird.

Es hilft, mich daran zu erinnern, dass es das Problem des Staatsanwalts oder vielleicht eines Journalisten ist, Beweise beizubringen, und ich bin schon seit Jahren kein Journalist mehr. Ich bin bloß ein Blogger und alter Mann, der sich auf der Zielgeraden zu seinem eigenen ewigen Schlaf nicht mehr mit juristischen Vorbehalten und Warnungen herumschlagen will und geruht, die simple Wahrheit zu sagen.

Und die lautet: Auf den Tag genau vor fünfzehn Jahren gab es eine Party, zwei Morde und eine Bootsfahrt. Darüber hinaus weiß ich rein gar nichts und werde es auch nie wissen.

Meine Ärzte verlangen, dass ich mich ausruhe und nicht tippe. Ich muss mich auf meine Gesundheit konzentrieren, obgleich sie mir die Art Fragen stellen, die mich zu dem Schluss verleiten, dass »meine Gesundheit« ein Euphemismus für »mein Tod« ist. Was bedeutet, dass für mich die Zeit gekommen ist, meinen Laptop zuzuklappen und meinen weißen Wal einem jüngeren, klügeren Captain zu überlassen.

Bon voyage,Arthur Goodale

PS: Entschuldigt bitte, dass ich für diesen Post die Kommentarfunktion deaktiviert habe. Sollten es meine letzten geschriebenen Worte sein, ist es mir lieber, wenn ihnen keine politischen Rundumschläge am Thema vorbei folgen.

Gepostet von Alter Mann mit Schreibmaschine am 22.09.2006, 02:23 Uhr

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag wurde deaktiviert.

2

22. September 2006

Melanie Denison – denn so hieß sie jetzt – hatte das Frühstück ruiniert.

Ansonsten war es ein vollkommener Herbstmorgen. In Fredonia, West Virginia, gab es keine bessere Jahreszeit: Alles grünte, wuchs und duftete noch süßlich, begehrte ein letztes Mal vor dem ersten richtigen Frost auf.

Melanies Onkel Wayne stand am Fenster und sah hinaus in den Garten, wo die Tomaten und Paprika an den verwitterten Pflanzstäben lehnten. »Du weißt ja, dass ich dich liebe«, sagte er und drehte sich zu ihr um, »aber was du tust …«

Meistens sprach einer von ihnen morgens das Gebet, und dann frühstückten sie gemeinsam, als Familie. Danach spülte Melanie ab, Kendra duschte und zog sich für die Arbeit an. Wayne ging hinaus, um Unkraut zu jäten, den Rasen zu mähen oder mit seinem Hochdruckreiniger den Staub von der Vinylfassade des Trailers zu sprühen, in dem sie wohnten. Hauptsache, er konnte einige Minuten draußen sein, ehe er zu Lube & More in Monroeville fuhr, um acht Stunden lang unter Autos zu liegen und an ihnen herumzuschrauben.

»Du musst dir wirklich keine Sorgen machen«, sagte Melanie. »Ich bin vorsichtig.«

»Das bezweifle ich nicht, Schätzchen«, erwiderte er. »Aber du wirst sehen, dass es trotzdem gefährlich ist.«

Das konnte sein. Doch sie war fast achtzehn, und die Familienregeln zu befolgen, die es schon so lange gab, wurde schwieriger denn je.

Du gehst direkt zur Schule. Und nach dem Unterricht kommst du direkt nach Hause.

In der Highschool hatte sie es verstanden. Aber am vergangenen Dienstag war sie mittags noch auf dem College-Campus geblieben, um mit ein paar Kommilitonen zu Mittag zu essen. Ein paar Tage später war sie allein zu JC Penney nach Reynoldsville gefahren, um sich eine Jeans zu kaufen, die ihr besser passte. Sie hatte sich tatsächlich eingeredet, es wären keine großen Regelverstöße.

»Aber eine Zeitung, ausgerechnet!«, hatte ihre Tante gesagt.

Melanie hielt ungern Dinge vor ihnen geheim. Deshalb hatte sie erzählt, dass sie bei der College-Zeitung mitarbeiten wollte. Es war eine Art Test gewesen: Warte ab, wie sie reagieren, und dann entscheidest du, was sie noch wissen dürfen.

Nun, bei dem Test waren sie in Bausch und Bogen durchgefallen. Melanie stellte die Saftgläser auf den Tisch und fragte ihre Tante: »Was heißt denn ›ausgerechnet‹?«

Natürlich wusste sie es. Sie war extrem geschult darin, sich auszumalen, wie ihr Vater sie selbst nach all den Jahren noch finden könnte.

Und ihre Tante und ihr Onkel? Die beiden waren es ebenfalls.

»Hat die Zeitung eine Website?«, fragte Onkel Wayne.

»Glaube ich nicht«, antwortete Melanie – aber selbstverständlich hatte sie eine.

»Trotzdem«, sagte er. »Dein Bild könnte im Internet landen.«

Es klang so paranoid, dass man leicht vergaß, wie wenig ihre Tante und ihr Onkel sich freiwillig für dieses Leben entschieden hatten – versteckt in einem abgelegenen Weiler in West Virginia. Die U.S. Marshals hatten beschlossen, dass dies für sie alle der beste Ort wäre, sich »neu niederzulassen«, was nichts anderes bedeutete, als sich zu verstecken. Deshalb war Melanie mit ihren siebzehn Jahren noch nie in einer Stadt gewesen, hatte niemals in einem Hotel übernachtet oder war weiter als nach Glendale zu den Musik- und Heißluftballonfestivals gereist. Sie war noch nie mit einem Flugzeug geflogen oder hatte das Meer gesehen, war keiner Berühmtheit begegnet. Sie war zum Wandern in den Allegheny Mountains gewesen, doch sie hatte noch niemals Sushi oder einen ofenfrischen Bagel gegessen. Zweimal hatte sie in der Ferne Tornados wirbeln gesehen, war aber noch nie auf einem Ball oder bei einem Football-Spiel gewesen.

Jedes Mal, wenn sie merkte, dass sie zu sehr gegen ihre Tante und ihren Onkel aufbegehrte, wartete sie, bis sie allein im Haus war. Dann öffnete sie die Schreibtischschublade ihres Onkels und las die furchtbaren Briefe von den U.S. Marshals, die er dort versteckte. Vor Jahren war sie zufällig auf die Briefe gestoßen, als sie nur nach einem Stift gesucht hatte. Das Entsetzliche an den Briefen war, dass sie einheitlich kurz waren, nie länger als einen, höchstens zwei Absätze, und dass sie rein gar nichts sagten. Oder vielmehr sagten sie immer wieder dasselbe, was aufs Gleiche hinauslief. Ramsey Miller war den Behörden nach wie vor nicht ins Netz gegangen; man sorgte sich immer noch um Melanies Sicherheit. Entsetzlich waren die Briefe auch deshalb, weil sie so sauber und ordentlich auf hübschem Papier geschrieben waren. (Melanie stellte sich ein aufgeräumtes, aber wuseliges Büro vor, in dem die Mitarbeiter miteinander scherzten und über Football-Spiele und ihre Pläne fürs Wochenende redeten.) Außerdem waren die Briefe entsetzlich, weil sie immerzu optimistisch formuliert waren, ohne dass es den geringsten Anlass für Optimismus gab. Hinterher legte Melanie sie wieder in der braunen Aktenmappe in die unterste Schublade und ermahnte sich, nicht an irgendeinen Helden in Polizeiuniform zu glauben, der zu ihrer Rettung herbeigeeilt kam. Nicht nach fünfzehn Jahren. Nein, die einzigen Helden waren ihre Tante und ihr Onkel, denn sie hatten ein gewaltiges Opfer gebracht, damit Melanie in Sicherheit war. Was es um nichts leichter machte.

Wenigstens war das Zusammenleben mit ihnen okay. Im Winter spielten sie Karten oder Brettspiele; im Frühling half Melanie Wayne, die Beete umzugraben und vorgezogene Pflanzen zu setzen. Kendra kaufte billige Taschenbücher aus zweiter Hand, und bei Sonnenaufgang nahmen sie beide ihren Saft oder Kaffee und die Bücher, die sie gerade lasen, mit nach draußen, wo sie nebeneinander auf ihren Liegestühlen lagen und schmökerten. Hier waren sie zu beiden Seiten des Grundstücks von hohen Hecken sowie am hinteren Ende vom Wald vor Blicken geschützt. Etwa einmal im Monat gönnten sie sich den Luxus, bei Lucky’s Grill zu essen – immer wochentags um halb fünf nachmittags, wenn es dort so gut wie leer war.

Bis zur elften Klasse hatte ihre Tante sie zu Hause unterrichtet, dann jedoch zugegeben, dass sie als Lehrerin an ihre Grenzen gestoßen war. Obwohl die Vorstellung, jeden Tag für sieben Stunden weit entfernt von Notres Pass Nummer neun zu sein, sie gleichermaßen aufgeregt wie geängstigt hatte, hatte Melanie ab dem nächsten Herbst allmorgendlich den ächzenden gelben Schulbus bestiegen. Darin hatte sie entweder allein oder neben Rudy gesessen, einem autistischen Jungen, der seine Nase ans Seitenfenster drückte und kein Wort sagte. An den außerschulischen Aktivitäten nahm Melanie nicht teil und sie ging zu keinen Spielen. Sie fuhr zur Schule, aß allein in der Cafeteria und kam wieder nach Hause.

Trotzdem hatte das ereignislose Highschool-Jahr einen Funken Freiheit bedeutet, und nun stellte Melanie fest, dass sie mehr wollte. Schließlich konnte sie nicht ewig in dem Trailer hocken, oder? Sollte sie mit fünfundneunzig Jahren eines natürlichen Todes sterben, ohne irgendwas gesehen oder erlebt zu haben, was für ein Triumph wäre das?

Viele aus Melanies Highschool-Jahrgang wollten an die West Virginia University. Sie trugen schon Mountaineer-T-Shirts und redeten davon, wie ihr Team in welchen Sportarten sein würde, als gehörten sie bereits dazu. Melanie hatte einen lahmen Versuch unternommen, ihrer Tante und ihrem Onkel zu erklären, dass sie als eine von fünfundzwanzigtausend Studenten überhaupt nicht auffallen würde. Und sie erlaubte sich, ein bisschen davon zu träumen, in einem Wohnheim zu leben, zu Football-Spielen zu gehen, Jungs zu treffen. Freunde zu finden.

Die Serie Friends lief praktisch schon ihr Leben lang im Fernsehen, und Melanie war fasziniert, wie lässig die sechs New Yorker in einem Café herumsaßen. Die witzigen Wortgefechte und diese Freiheit, die sie alle empfanden, waren offensichtlich vollkommen natürlich für sie. Was Melanie zu der Vorstellung verleitete, dass es am College vielleicht genauso wäre.

Aber ihre Tante und ihr Onkel dachten bei dem Stichwort »College« gleich an Studentenverzeichnisse, Bibliotheksausweise und einen sperrangelweit offenen Campus, auf dem jeder Melanie finden, ihr folgen und ihr schreckliche Dinge antun könnte. Am Ende fanden sie zu einem Kompromiss: Melanie durfte – in Teilzeit – am Mountain Community College studieren, zwanzig Meilen entfernt. Sie würde zu Hause wohnen und immer nur einen oder zwei Kurse pro Tag besuchen. Wayne würde ihr einen billigen Gebrauchtwagen kaufen und ihr Fahrunterricht geben. Und damit Melanie sich an den Kosten beteiligen konnte, würde sie sich einen Teilzeitjob irgendwo in Fredonia suchen.

Melanie nahm dieses beste und einzige Kompromissangebot an. Wenn sie schon kein Mountaineer werden durfte, würde sie eben eine Fighting Soybean, auch wenn »Kämpfende Sojabohne« nicht annähernd so verlockend klang wie »Alpinist«.

»Ich verstehe dieses plötzliche Interesse an Journalismus sowieso nicht«, sagte Wayne und stemmte sich vom Fenster ab. Er öffnete die Kaffeedose und schaufelte mehrere Esslöffel in den Filter. Dann goss er Wasser in die Kaffeemaschine und schaltete sie ein.

»Es ist nicht ›plötzlich‹ gekommen«, sagte Melanie. »Ich finde es eben interessant.«

»Ja, sicher ist es interessant, doch ich würde immer noch sagen, dass es riskant ist.«

»Ach, alles ist riskant, Onkel Wayne.« Ihr wurde auf einmal von dem Kaffeegeruch übel.

»Stimmt«, sagte Kendra. »Ist es auch.« Sie kam zu Melanie und umfasste ihre Hand. »Baby, was ist los?«

»Siehst du? Genau das ist es! Ich bin kein Baby mehr. Und ihr beide haltet mich immer noch dafür.«

»Du könntest nie Journalistin werden«, sagte ihr Onkel. »Das ist dir doch klar, oder? Nicht, ehe er geschnappt ist.«

»Er wird nie geschnappt werden, und das wisst ihr!« Die Worte waren heraus, bevor Melanie sie aufhalten konnte.

»Melanie.« Kendra gelang es immer, Mitgefühl und Schelte in einem einzigen Wort zu verquicken.

»Entschuldige, Onkel Wayne.« Melanie seufzte. »Es ist nur so, dass ich erwachsen bin. Wenn ich ein Risiko eingehen will, ist es doch eigentlich meine Entscheidung.« Aber wie undankbar das klang! »Ehrlich, so groß ist das Risiko gar nicht, wenn man es genau bedenkt. Und überhaupt könnte Ramsey Miller inzwischen in der Antarktis sein. Er könnte tot sein.«

»Er ist nicht tot, Mel.«

»Klar, doch er könnte es sein.«

Onkel Wayne schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht.«

Melanie wollte widersprechen, über den hypothetischen Tod ihres Vaters spekulieren und Wayne fragen, wieso er so sicher war, dass Ramsey Miller immer noch eine Bedrohung darstellte, als sich ihr die Nackenhaare aufstellten. Da hatte sie die Antwort, laut und deutlich.

Es gab einen neuen Brief. Einen, der tatsächlich mal irgendetwas aussagte.

Aber danach konnte sie nicht fragen, da sie offiziell gar nichts von den bisherigen Briefen wusste. Und das Schlimmste war, dass Wayne sie seit fast einem Jahr nicht mehr in seinem Schreibtisch aufbewahrte.

Der in die Kanne tropfende Kaffee roch so säuerlich, dass Melanie nach draußen fliehen wollte, um frische Luft zu bekommen – nur leider rochen die Bäume für sie neuerdings auch sauer. Weniger selbstsicher sagte sie: »Es ist bloß eine alberne College-Zeitung, die wahrscheinlich gar keiner liest. Ich verstehe nicht, warum ihr euch so aufregt.« Aber natürlich konnte sie leicht reden, man müsse auch mal Risiken eingehen, solange andere ihr Leben aufs Spiel setzten, um sie zu schützen.

Ihre Tante und ihr Onkel sahen einander an.

»Schätzchen«, sagte Wayne sanft, »ich liebe dich von Herzen. Doch wenn du wirklich glaubst, dass wir aus lauter Jux und Tollerei ausflippen, beweist das bloß, dass du dir das gründlich überlegen musst.«

Unter dem Tisch lag ein rostroter Läufer. Melanie konnte noch den ausgeblichenen Fleck sehen, wo sie während einer schweren Magen-Darm-Grippe als Kind hingespuckt hatte. An jene Krankheit erinnerte sie sich besser als an jede andere. Daran, wie sie eine Woche lang auf dem Sofa gelegen und sich Game-Shows und Soaps angesehen hatte. Wie sie Ginger Ale getrunken, Kräcker gegessen und sich in einen Mülleimer übergeben hatte. Ihre Tante hatte ihr kalte Umschläge auf die Stirn gelegt, sie festgehalten und ihre Temperatur gemessen. Sie war für sie da gewesen. Immer.

Draußen waren mit dem Jahreszeitenwechsel Zugvögel eingetroffen, die unsichtbar in den Bäumen hockten und obszön laut krähten. Bald würde sich das Laub verändern. Aber hier drinnen veränderte sich nie etwas. Ihre Tante und ihr Onkel hatten den eilig gemieteten Trailer nur nach zwei Gesichtspunkten eingerichtet: Gebrauchsfertig und billig hatte er sein müssen, daher die Goodwill-Möbel, die Walmart-Bücherregale und die Restposten-Fußläufer. Sie hatten angenommen, dass es eine vorübergehende Lösung wäre. Und nachdem sich ihre anfängliche Panik in eine dauerhafte, dumpfe Furcht gewandelt hatte, sahen sie keinen Grund (und hatten auch kein Geld), den Trailer neu einzurichten.

Aber die Einrichtung allein war es nicht. Es waren auch sie drei – wie sie miteinander umgingen, die unzähligen Arten, in denen sie ihr Leben so arrangierten, dass sie nicht von ihren schlimmsten Befürchtungen überwältigt wurden. Ein ganzes Leben konnte so vergehen.

»Es wird immer so sein, oder?«, fragte Melanie. Sie hatte keine Lust mehr zu streiten. Vielmehr erkannte sie die Wahrheit, was ihre Zukunft betraf, und das vielleicht zum ersten Mal. »Egal, wie alt ich bin, wie alt ihr seid oder wie lange es her ist: Nichts wird sich jemals ändern, stimmt’s?«

»Wenn er gefasst ist …«, begann Wayne. Einst musste er dieselben Worte mit einer tiefen Überzeugung gesagt haben. Jetzt klangen sie leer. Ihr Leben in Fredonia war alles, was Melanie kannte, und mehr und mehr wurde es auch zu allem, was ihre Tante und ihr Onkel kannten. Alle drei redeten so gut wie nie über die Vergangenheit, geschweige denn über »ihn« im Zentrum dieser Vergangenheit. »Wenn er gefasst ist …«, begann Wayne erneut. Doch er schien den Satz nicht beenden zu können, weil es reine Fiktion wäre.

Als käme er selbst zu ebendiesem Schluss, runzelte er die Stirn und goss sich einen Becher schwarzen Kaffee ein. Er stellte den Becher auf den Küchentisch, und Dampf stieg in die Luft auf. Melanie zwang sich, nicht zu würgen.

»Mit anderen Worten, nie«, sagte sie, und unwillkürlich legte sie eine Hand auf ihren Bauch. Sie wollte ihn reiben, beruhigen. Die letzten paar Wochen tat sie es in den Kursen, im Bett, im Wagen. Doch dieses Geheimnis würde sie nicht preisgeben – noch nicht –, und so nahm sie die Hand wieder herunter.

»Wenn er gefasst ist«, sagte ihr Onkel.

Am Nachmittag war Melanie immer noch aufgewühlt von der morgendlichen Auseinandersetzung mit ihrer Tante und ihrem Onkel. Sie saß in ihrem Mathekurs, und der Dozent sprach über Fraktale, wiederkehrende Skalenmuster.

»Stellen Sie es sich wie die Röschen an einem Brokkoli vor«, erklärte er. »Jedes ist in sich selbstähnlich und enthält wiederum selbstähnliche kleinere Röschen.« Er warf von seinem Laptop Bilder auf ein Whiteboard hinter ihm. »Oder wie der Wellensaum das gleiche Windmuster aufweist, ob Sie einen kleinen Ausschnitt vom Strand aus betrachten oder eine ganze Küstenlinie von einem Satelliten aus.« Er sprach langsam und mit einem Spannung erzeugenden Unterton, als wäre er ein Zauberer und kein Lehrer in mittleren Jahren an einem Community College, der zu jeder Stunde denselben blauen Blazer trug.

Die Fraktale ergaben wunderschöne Bilder, visualisierte und farbige Gleichungen, und in diesem Moment kam Melanie ein Gedanke, der sie schier überrollte und ihre Hände zum Schwitzen brachte.

»Das bin ich«, murmelte sie leise und starrte auf das Whiteboard. »Ich bin ein Fraktal.«

»Wie bitte?«, fragte der Dozent. Melanie sagte nie etwas im Unterricht, und das Surren des Beamers hatte ihre Stimme übertönt. »Hatten Sie etwas gesagt, Miss Denison?«

Sie blickte weiter zu der geometrischen Form. Wie offensichtlich und wahr es war, verblüffte sie. Sie versteckte sich in ihrem kleinen Zuhause, versteckt an einer verlassenen Straße, die sich wiederum in einer kleinen Stadt in einem abgelegenen Teil von West Virginia versteckte. Ihr Versteck war in jedem Skalenabschnitt ähnlich und so absolut, dass es sich wie eine mathematische Gewissheit anfühlte.

»Entschuldigung«, sagte sie zu dem Dozenten. Sie lenkte auf die schlimmstmögliche Weise Aufmerksamkeit auf sich – so, dass sie schnell wieder vergessen würde. Das komische stille Mädchen sagte endlich etwas. Einige Studenten kicherten nervös. »Ich meinte nur …« Sie blickte sich zu ihren rund zwanzig Kommilitonen um und dachte an das Baby, das in ihr wuchs, und daran, wie diese kleinere Einheit ihrer selbst wieder versteckt enden würde, Schicht um Schicht um Schicht.

Das konnte sie nicht zulassen.

»Ich muss …« Sie ballte die klammen Hände zu Fäusten. Den Satz könnte sie nicht beenden, nicht einmal wenn ihr die Worte einfielen. Melanie stand auf und rannte aus dem Raum, den Korridor hinunter und in eine Toilette, wo sie sich übergab. Sie kniete vor der Kloschüssel, bis die Übelkeit nachließ, ging zum Waschbecken und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Dann stand sie vor dem Becken, rieb ihren Bauch und atmete ruhig ein und aus, bis sie sich stark genug fühlte, zurück nach Fredonia zu fahren und auf Phillip zu warten.

Sie hockte auf den Steinstufen vor dem von ihm gemieteten Haus und spürte die leichte Brise auf ihrem Gesicht, während sie die Zeit wusch.

Die letzten paar Jahre hatte sie abends im Bett alte Nancy-Drew- und Hardy-Boys-Krimis gelesen. Melanie wusste, dass es Kinderbücher waren, doch es tat ihr gut, sie vor dem Einschlafen zu lesen. Die Detektive wurden dauernd gefesselt und geknebelt, entkamen jedoch jeder Situation unverletzt, und der Verbrecher wurde stets gefasst.

In einem der Hardy-Boys-Bücher nahm ein Pfandleiher gestohlenes Geld an und trug dann zu hohe Verkäufe in seine Bücher ein. Es nannte sich »Geldwäsche«. Und genau das mache ich auch, hatte Melanie sofort gedacht, allerdings mit Zeit anstelle von Geld. Für die Hausaufgaben brauchte sie selten zwei Stunden, wie sie es gegenüber ihrer Tante und ihrem Onkel behauptete, sondern meistens nur eine. Die zweite Stunde in ihrem Zimmer verbrachte sie damit, durch die People-Ausgabe zu blättern, die sie unter ihrer Matratze lagerte. Und neuerdings erzählte sie Wayne und Kendra, dass sie in dem Büroartikel-Geschäft in der Stadt Überstunden machen müsste, die es nicht gab.

Die Fahrt zum oder vom College eignete sich besonders gut zur Zeitwäsche. Von Anfang an hatte Melanie gelogen, was die Kurszeiten anging, um sich jeweils eine Stunde vor und nach den Kursen zu sichern, die ihr ganz allein gehörte.

Ihr gefiel es nicht, ihre Tante und ihren Onkel zu täuschen, und sie hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen deswegen, doch die beiden würden es für enorm gefährlich halten, wenn sie wüssten, dass sie in dieser ruhigen Straße saß, in der nie jemand vorbeikam (zu bergig, keine Gehwege) und die wenigen Autofahrer Besseres zu tun hatten, als Melanie zu beachten.

Sie war sowieso kein Mensch, der auffiel. Ein Mädchen aus ihrem Anfängerkurs in Stilistik, Raquel Sowieso, war groß und blond mit riesigen blauen Augen und sah aus, als gehörte sie auf den roten Teppich. Noch dazu bewegte und hielt sie sich unglaublich lässig. Sehr gern, antwortete sie jedes Mal, wenn der Dozent sie bat, Aufgabenblätter zu verteilen. Wie war dein Wochenende?, fragte sie diejenigen, die gerade neben ihr saßen. Sie plauderte mit anderen, als machte deren Gegenwart ihren Tag zu etwas Besonderem.

Melanie sah nicht wie Raquel aus, und sie wusste auch nicht, wie man sich so verhielt.

Und dennoch war Melanie hier, nicht Raquel.

Es war Viertel nach drei. Zu warten und die vorbeifahrenden Autos zu beobachten machte ihr nichts aus. Ihr eigenes Zuhause stand am Ende einer langen Zufahrt, die von einem Waldweg abging. Ursprünglich hatte der Weg keinen Namen gehabt. Doch mit der Zeit war das große, handgemalte Schild mit der Aufschrift NO TRESPASSING – KEINE DURCHFAHRT, das jemand vorn an der Abzweigung in den Boden gerammt hatte, so verwittert, dass die letzten drei Buchstaben nicht mehr zu lesen waren. So begannen zunächst die Nachbarn, dann andere in der Stadt und schließlich auch die Post von der Straße als »Notress Pass« zu sprechen.

Abgesehen von diesem Schild und der Geschichte dahinter war nichts an dem Weg auch nur entfernt bemerkenswert. Und genau darum ging es. Es standen ein Dutzend »Häuser« dort, ungefähr die Hälfte davon waren Trailer, und dort kamen an einem gewöhnlichen Tag bestenfalls zehn Wagen vorbei. Jetzt, vor Phillips Haus, stellte Melanie sich vor, hinter dem Lenker eines dieser Autos zu sitzen, auf dem Weg irgendwohin. Es musste ja nichts Tolles sein, es sollte einfach nur woanders sein. Sie dachte an Dorothy, die davon sang, über den Regenbogen zu wollen. Der Zauberer von Oz war neulich Abend wieder im Fernsehen gelaufen. Was für ein blöder Film! Warum in aller Welt wollte Dorothy am Ende wieder nach Hause? Sie war eine Heldin, sie hatte Freunde, alles war in wundervollen Farben. Was für eine Tragödie, da wieder nach Kansas zurückzukehren!

Die Highschool endete um halb drei. Sofern es keine Fachkonferenz gab, war Phillip gewöhnlich um drei zu Hause. Er erwartete Melanie heute jedoch nicht, und es war schon zwanzig vor vier, als er mit einer vollen Einkaufstüte aus Papier den Hügel heraufgewandert kam. Er besaß einen steinalten kleinen Mazda, der ihm jedoch im vergangenen Jahr auf der Fahrt nach West Virginia zweimal verreckt war, und die Bremsen machten ein scheußlich kreischendes Geräusch, als riebe Metall an Metall. Deshalb ließ Phillip ihn lieber im Carport, was bedeutete, dass er seine Einkäufe die halbe Meile vom Laden herschleppen musste.

Als er Melanie sah, stellte er seine Einkaufstüte ab und strahlte. »Was für eine Augenweide!«, sagte er. »Eine wahre Vision!«

Seit dem Morgen waren die Temperaturen gestiegen, und die Luftfeuchtigkeit hatte wieder zugenommen; trotzdem trug Phillip noch Jackett und Krawatte. Sein Gesicht glänzte, als hätte er Fieber.

Melanie stand auf und ging ihm entgegen.

»Nicht«, sagte er. »Ich bin eklig verschwitzt.«

Sie wollte dennoch umarmt werden. Phillips Herz pochte an ihrem, und sie malte sich aus, dass sie schuld daran war, nicht der Marsch in der Hitze. Sie lösten sich voneinander, und Melanie nahm die Einkaufstüte auf, während Phillip seine Schlüssel aus der Tasche angelte und die Tür öffnete.

Drinnen empfing sie kein kühler Luftschwall, sondern das Lärmen von Deckenventilatoren; sie quirlten die drückende Luft eigentlich bloß.

»Was machst du hier?«, fragte er. »Du bist ganz rot im Gesicht. Lass mich dir ein Wasser holen.«

Auf einmal war ihr heiß und schwindlig. In Phillips Schlafzimmer lief eine alte Klimaanlage, aber die funktionierte nur noch halb und sperrte das Tageslicht aus. Deshalb setzte Melanie sich aufs Sofa. Das Haus war ein typischer kleiner Südstaatenbau, eine sogenannte »Shotgun«-Bude, in der Wohnraum und Schlafzimmer hintereinanderlagen. Es war ordentlich und nicht anders eingerichtet als Melanies Zuhause: alles billig oder gebraucht gekauft.

Phillip stellte die Einkäufe auf den Küchentisch, füllte ein Glas mit Wasser und reichte es Melanie. Sie trank einen großen Schluck, obwohl es nicht schmeckte, und gab ihm das Glas zurück. Er trank den Rest.

»Dein Wasser schmeckt rostig«, sagte sie.

»Wirklich?« Er blickte in das leere Glas.

Hätte sie doch Raquels Talent, Menschen in ihrer Nähe ein angenehmes Gefühl zu bereiten! Aber Melanie hatte ja niemanden, an dem sie üben konnte. Ihr war klar, dass es für Phillip frustrierend sein musste, jemandem nahe sein zu wollen, der entweder zu direkt oder zu schweigsam war, jedoch nichts dazwischen.

»Ich wollte mir schon längst einen Filter besorgen«, sagte er.

»Warum setzt du dich nicht?« Sie klopfte neben sich auf das Sofa, doch er sah zu den Einkäufen hinüber. »Was ist?«

»Nichts. Es ist nur … Ich will nicht, dass die Sachen schlecht werden.«

Melanie wusste, wie es war, wenn jeder Dollar zählte, jedes Ei und jeder halbe Liter Milch ernst genommen werden mussten. Ihre Familie hatte inzwischen mehr Geld, seit Kendra keinen Hausunterricht mehr geben musste und in dem Dollar-Store arbeiten konnte. Aber eine Markenfamilie würden sie nie sein. »Pack erst mal alles weg. Tut mir leid.«

»Oh, das muss dir nicht leidtun – warte nur zwei Sekunden. Kann ich dir irgendwas anderes anbieten? Saft? Ein Glas Wein?«

»Nein, nichts, danke.«

Er verstaute Hackfleisch, Joghurt und Milch im Kühlschrank. Die übrigen Sachen ließ er in der Tüte und setzte sich zu Melanie aufs Sofa.

»Ich habe dich noch nie so schnell erlebt«, sagte sie.

»Meine Frauen lasse ich ungern warten.«

»Wie viele hast du?«

Er grinste. »Dutzende.«

»Ich muss etwas Ernstes mit dir bereden.«

»Oh.« Er setzte sich gerader hin. »Okay.«

Konnte sie es einfach so sagen, ohne jede Einleitung? Melanie legte eine Hand auf Phillips Knie und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. »Du bist wirklich …«, und zu ihrem Entsetzen stammte das Wort, das ihr in den Sinn kam, direkt aus einem Hardy-Boys-Roman. Knorke.

Knorke?

Das konnte sie selbstverständlich nicht sagen, also überlegte sie angestrengt. »… ein richtig netter Kerl. Ich meine, ich mag dich sehr.«

Er wandte den Blick ab und nagte an seiner Unterlippe. Wie unglücklich er aussah! »Du machst Schluss mit mir.«

»Was?«

»Das ist es doch.«

»Ist es das?«

Er sah sie wieder an. »Nicht?«

Irgendwo schüttelte Raquel jetzt angewidert den Kopf. »Warum sollte ich mit dir Schluss machen?«

»Weiß ich doch nicht«, sagte er. »Hör mal, Melanie, willst du jetzt mit mir Schluss machen oder nicht?«

»Will ich nicht.«

Er entspannte sich sichtlich. »Gut. Da bin ich froh.«

Um Zeit zu waschen, ohne Verdacht zu erregen, musste man es in kleinen Raten tun. Aber dies hier führte zu nichts, und bald würde ihre Tante von der Arbeit kommen, feststellen, dass Melanie nicht zu Hause war, und ausflippen. Also gut: Vergiss Raquel und ihr angenehmes Geplauder!

»Als ich zweieinhalb war«, platzte Melanie heraus, »hat mein Vater meine Mutter umgebracht und hätte mich auch getötet, doch ich kam davon. Er leider auch.«

Sekundenlang war nichts außer dem Pladdern des Deckenventilators zu hören. Phillip musterte ihr Gesicht, als wollte er daran ablesen, wie er reagieren sollte.

»Ist das ein Scherz?«, fragte er schließlich, wenn auch mit sehr sanfter Stimme. Er wusste, dass es keiner war. Von Anfang an hatte sie ihm Dinge verheimlicht, Ausflüchte gemacht, bis es teils bizarr wurde. Warum er es so lange mit ihr ausgehalten hatte, war ihr ein Rätsel.

»Ich habe es noch nie jemandem erzählt«, sagte sie und blickte auf ihren Schoß hinunter.

Phillip nahm ihre Hand. »Oh, Melanie! Oh, mein Gott!«

Es war nicht das Geheimnis, das sie ihm erzählen wollte. Aber Phillip musste erfahren, dass die Frau, die ein Kind von ihm bekam, sie alle in Gefahr brachte. Und als er sie zum Schlafzimmer führte und sagte: »Lass uns ein bisschen abkühlen«, stimmte sie zu. Sie hatte heute Nachmittag schon genug Zeit gewaschen, und vor allem nach der Auseinandersetzung am Morgen sollte sie zeitig zu Hause sein. Doch so, wie Phillip sie ansah, wurde ihr bewusst, dass sie es leid war, Zeit zu waschen. Sie wollte sie stattdessen unbedingt mal ausgeben.

Als sie in sein Schlafzimmer gingen, fragte er: »Denkst du, du kannst mir mehr erzählen? Kannst du mir alles erzählen?« Wieder sagte sie Ja. »Du weißt doch, dass du mir vertrauen kannst, oder?«, vergewisserte er sich. Sie wollte erneut bejahen, und ihr kurzes Zögern war weniger Misstrauen als Unglaube.

Das hier ist real, sagte sie sich. Es geschieht. Ich mache das hier. Ich bin nicht allein.

3

19. September 1991

Ramsey Miller war seit zweiunddreißig Stunden wach, als er den Lastwagen stoppte, um einen Anhalter aufzusammeln.

Normalerweise zog er es vor, allein zu sein, mal mit einem Lokalsender (Musik, niemals Gerede, denn das Schöne an diesem Job war ja, allem Gerede zu entkommen), manchmal waren es nur das Motorbrummen und seine eigenen Gedanken, während Wälder, Felder und Berge vorbeizogen. Nicht, dass er grundsätzlich etwas dagegen hatte, einem Fremden zu helfen, von A nach B zu kommen. Aber Fremde fühlten sich immer verpflichtet zu reden – über nichts oder, schlimmer noch, über etwas. Lebenserfahrungen, Straßenwissen … irgendwelchen idiotischen Kram, von dem sie glaubten, dass man ihn dringend hören sollte. Als täten sie einem einen Gefallen. Und wenn sie nicht versuchten, einen zu beeindrucken, stanken sie die Polster mit Zigarettenqualm oder Ekligerem voll. Nach dem ersten Jahr als Fernfahrer hatte Ramsey sich geschworen, nie wieder Anhalter mitzunehmen.

In den darauffolgenden Jahren hatte er nur zwei Ausnahmen gemacht. Die eine zählte praktisch nicht, denn das Mädchen, das bei Sonnenaufgang in östlicher Richtung am Rande der I-80 gewandert war, mitten in der Einöde, und den Daumen in den strömenden Regen gereckt hatte, hatte fast noch wie ein Kind ausgesehen. Erst als sie bibbernd in der Kabine saß, bemerkte Ramsey, dass sie ein bisschen älter war.

»Ich will nach New York«, sagte sie mit klappernden Zähnen; die Arme hatte sie um den Oberkörper geschlungen.

Kein Gepäck, kein Regenschirm, durchnässte Haare und Kleidung. Nachdem sie sich im Luftstrahl des Heizgebläses zurückgelehnt hatte, gab Ramsey eine Funknachricht durch und setzte die Kleine an der Auffahrt ab, wo schon zwei Cops warteten, um dieser speziellen Tragödie auf den Grund zu gehen.

Der zweite Anhalter war auch eine Frau gewesen, aber älter – sogar älter als Ramsey. Ihr Haar war grau meliert und richtig kurz geschnitten, doch sie sah nicht schlecht aus. Vielmehr war sie die Sorte Frau, zu der man sich kurz vor Schluss in einer Bar setzte und dachte: Klar, okay. Das war einige Jahre her. Allie war noch im Frühstadium ihrer Schwangerschaft gewesen, und sie fingen an, sich manchmal wegen nichts zu streiten. Der letzte Streit war unmittelbar vor seiner Abfahrt gewesen, und Ramsey sollte elf Tage fortbleiben.

Als er die Frau am Jersey Turnpike sah, einige Meilen nördlich von der Delaware Memorial Bridge, war es erst anderthalb Stunden her gewesen, also noch zu früh, als dass ihn der sanfte Rhythmus der Straße wieder beruhigt hatte.

Er bremste, wartete, dass sie zu ihm gelaufen kam, und sagte, sie solle reinspringen. Ein paar Stunden später, hinter dem DC-Beltway, hüpfte sie wieder aus dem Führerhaus. Es war ein Samstag, und sie hatten nichts weiter getan, als sich einen Teil der Top 40 anzuhören. Sie war die ideale Beifahrerin gewesen: ruhig, Nichtraucherin. Er war zum Tanken abgefahren und hatte ein Stück von den Zapfsäulen und den anderen Trucks entfernt angehalten, um sie rauszulassen. Sie hob ihren Rucksack vom Wagenboden auf und sagte: »Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mich mitgenommen haben.«

»Sind Sie das?«, hatte Ramsey erwidert. »Wie wäre es dann mit einem Kuss?«

»Nein, eher nicht«, hatte sie geantwortet, eine Hand an der Tür. Sie war verriegelt gewesen.

Ramsey hatte sie nicht unbedingt küssen wollen, doch er war noch aufgebracht von seinem Streit mit Allie und diesem diffusen Gefühl, dass ihm jemand etwas schuldig war. »Was sind Sie, eine Lesbe oder so?«

»Ich möchte jetzt aussteigen.« Die Frau hatte zwischen Ramsey und ihrem Seitenfenster hin und her gesehen, immer noch die Hand an der Tür.

Er wartete lange – sechs, sieben Sekunden –, bevor er den Entriegelungsknopf drückte. »Ja, okay.«

Ramsey sah ihr nach, als sie aus dem Truck stieg und rasch in Richtung der anderen Lastwagen ging – in Sicherheit. Sein Selbstekel schwoll zu einer Riesenwelle an.

Das bist nicht mehr du selbst, sagte er sich später am Nachmittag zum wiederholten Male, als er am Ende einer neonbeleuchteten Bar abseits der Interstate hockte, in der es nach Pisse und Sägemehl stank. Er trank mehrere kleine Gläser Whiskey und dachte daran, dass er früher alle möglichen Gemeinheiten begangen hatte. Sein Herz war zeitweilig tiefschwarz gewesen, und er durfte sich wirklich einen glücklichen Dreckskerl nennen, dass er seine Teenagerjahre hinter sich gebracht hatte – und, so viel Ehrlichkeit musste sein, die frühen Zwanziger auch –, ohne die unsichtbare Grenze zu überschreiten, die man niemals übertreten durfte. Aber das war alles vorbei. Er hatte so verflucht hart daran gearbeitet, ein anderer Mensch zu werden, ein Familienmensch und baldiger Vater.

Das bist nicht mehr du.

Der Nachmittag ging in den Abend über. Ramsey trank zu viel, und beim Aufwachen kotzte er sich in seinem Lastwagen auf dem Walmart-Parkplatz die Seele aus dem Leib. Wie er die halbe Meile von der Bar hierher bewältigt hatte, wusste er nicht mehr. Den nächsten Vormittag vergeudete er damit, sein Bettzeug in einem Waschsalon zu reinigen und die Polster in seiner Fahrkabine zu schrubben, bis sich der Gestank verflüchtigt hatte und die Flecken verblasst waren. Bei jedem Wisch erneuerte er seinen Schwur, nie wieder Anhalter mitzunehmen.

Nun, das dritte und letzte Mal, tat Ramsey es um seiner eigenen Sicherheit willen. Gegen die Firmenpolitik und das Bundesrecht hatte er bereits verstoßen, denn er frisierte das Fahrtenbuch und hatte das Zweiundachtzig-Stunden-Limit bei Weitem überschritten. Doch das kümmerte ihn nicht mehr. Ihm ging es nur noch darum, bis Freitagnachmittag zu Hause zu sein.

Die ganze Woche über hatte er mächtig unter Strom gestanden, war nur zufrieden gewesen, solange er den Fuß auf dem Gaspedal hatte, und hatte in sieben Tagen so viele Meilen abgerissen wie andere Lkw-Fahrer in zehn oder elf. Von Jersey nach Memphis, weiter nach Kansas City und von dort nach Phoenix. In drei Tagen wurde er zu Hause erwartet, zweitausendfünfhundert Meilen entfernt, doch sein Leben lang schon wollte er sehen, ob der Grand Canyon in natura genauso bombastisch war wie auf den Bildern. Deshalb nahm er sich einen zusätzlichen Tag und fuhr nach Norden. Er vertraute darauf, dass er weiter so unter Vollgas lief wie die vorherigen Tage, bis er heil und sicher zu Hause war.

Doch da hatte er sich verrechnet.

Es war Donnerstagabend. Vor einer Stunde war die Sonne hinter der Baumlinie verschwunden, und obwohl Ramsey noch tausendeinhundert Meilen vor sich hatte, wurde alles an ihm schlapp und träge. Ihm wurde klar, dass sein Körper eben ein Körper war und entsprechend Schlaf brauchte.

Vor wenigen Jahren noch hätte er zu pharmazeutischen Hilfsmitteln gegriffen. Jetzt setzte er auf die legalen Tricks – Klimaanlage auf volle Kraft, laute Heavy-Metal-Musik, Klapse ins Gesicht, extragroße Cola Light, Fast-Food-Fritten. Alles zusammen half ihm durch Missouri und bis an die Grenze nach Illinois. Aber es blieben immer noch rund vierzehn Stunden. Und der Tank des Trucks mochte voll sein, doch Ramsey selbst ging der Treibstoff aus. Zudem hatte ihn die Zeit am Grand Canyon großmütig gestimmt, sodass er auf die Bremse trat, als im Scheinwerferlicht der Anhalter am Rand der I-70 erschien.

»Du bist eine gute Seele«, sagte der Mann über das Dröhnen des Motors hinweg. Er sah aus, als trampte er hauptberuflich: Allwetterjacke, dickes graues Hippie-Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden war, riesiger Rucksack.

Ramsey wartete, bis der Mann eingestiegen war, seinen Rucksack in den Fußraum gestellt und sich angeschnallt hatte.

»Ist nicht deine erste Fahrt in einem Lastwagen, was?«, sagte Ramsey.

»Da hast du recht, Bruder.« Der Mann rückte auf seinem Sitz hin und her, um eine bequeme Position zu finden. »Kannst du mich ein bisschen weiter diese Straße entlang absetzen?«

»Klar, kein Problem«, sagte Ramsey. »Aber ich muss dich um einen Gefallen bitten.«

»Schieß los!«

»Ich will ehrlich sein – eigentlich nehme ich niemanden mehr mit. Doch ich bin hundemüde und brauche Hilfe, um wach zu bleiben, damit ich nach Hause komme.«

»Bedaure, mein Freund, aber ich bin schon seit über zehn Jahren clean.«

Ramsey schüttelte den Kopf. »Nein, das meinte ich nicht. Ich brauche jemanden zum Reden. Unterhaltung, damit ich nicht einnicke.«

»Na, das lässt sich machen.« Er rückte seinen Gurt zurecht. »Wo bist du denn zu Hause?«

»Jersey-Küste, nördlich von Asbury Park.«

»Bruce Springsteen.«

»Jep.«

Der Mann nickte. »Bist du normal müde, oder kommst du von Speed runter?«

»Ich komme von gar nichts runter«, antwortete Ramsey. »Aber ›normal müde‹ würde ich es auch nicht nennen.«

Inzwischen waren sie weit genug von St. Louis entfernt, dass der Himmel nicht mehr von all den Lichtern orange gefärbt war. Der Verkehr hatte nachgelassen, und die Umrisse der Wälder zu beiden Seiten des Highways verschwammen in der Dunkelheit. Bald würde Ramsey aufhören können, sich um Wildwechsel zu sorgen. Er wusste, wie man da durchpflügte – ein Reh konnte das Führerhaus nicht sonderlich beschädigen. Aber auf der Straße wimmelte es von Idioten, die den Lenker verrissen oder Vollbremsungen hinlegten, um Zweigen, Hasen und eingebildeten Hindernissen auszuweichen, ohne dem Lastwagen auf der anderen Spur Beachtung zu schenken. Daher war Ramsey jedes Mal froh, wenn die Wildwechsel-Stunde endete und die Dämmerung in die Nacht überging.

»Wie lange bist du schon unterwegs?«, fragte der Anhalter.

»Seit sieben Tagen, viertausendzweihundert Meilen«, sagte Ramsey.

Der Mann stieß einen leisen Pfiff aus, und Ramsey konnte nicht erkennen, ob er beeindruckt oder ungläubig war. »Und kein Speed?«

»Nein, stocknüchtern.«

»Kein Wunder, dass du müde bist.«

Ramsey seufzte. »Ja, kein Wunder.«

»Bist du überfällig für eine Pause?«

»Wie gesagt, ich muss nach Hause.«

Für einen Moment sahen sie beide nach vorn, dann erwiderte der Mann: »Wie es aussieht, könnte ich deine gute Fee sein.«

»Wie das?«

Der Anhalter neigte sich halb zur Seite und angelte eine Brieftasche hinten aus seiner Jeans. »Du nimmst gewöhnlich keine Tramper mit, und ich biete normalerweise nicht diese Art von Hilfe an.« Er zog etwas aus der Brieftasche und hielt es Ramsey hin. Ein Führerschein.

»Ist zu dunkel zum Lesen«, sagte Ramsey.

»Tja, da steht, dass ich auch Trucks wie diesen hier fahren darf.«

»Ich fress ’nen Besen!«, murmelte Ramsey.

»Achtundsechzig habe ich das Fahren an den Nagel gehängt – fünf Jahre Tieflader, zehn Kastenauflieger. Ed Hewitt, übrigens.«

»Freut mich sehr, Ed.«

Nach einer weiteren halben Meile fragte Ed: »Bin ich zu subtil?«

»Wie bitte?«

»Du pennst gleich ein, Alter. Ich biete dir an, ein Stück zu fahren, damit du deine Batterien wieder aufladen kannst.«

Ramsey sah hinüber zu Ed. »Ist nicht dein Ernst!«

»Und ob.«

»Dass ein Tramper einen Truck steuert, habe ich noch nie gehört«, sagte Ramsey. »Das wäre eine Premiere.«

»Wäre es wohl, aber ich war schon in einer Menge Trucks, und du siehst fertiger aus als die Jungs, die heftig runterkommen. Bist du sicher, dass du nicht …«

»Ich habe doch gesagt, dass ich das nicht mache!«, fiel Ramsey ihm ins Wort. »Nicht mehr, seit das Kind da ist.«

Ed nickte. »Also, ich sehe es folgendermaßen: Wenn wir uns die nächsten Stunden gegenseitig helfen, steigen die Chancen, dass wir bei Sonnenaufgang beide noch am Leben sind.«

Es war eine absurde Idee. Doch im Laufe der letzten Monate hatte Ramsey gelernt, dem Universum eher zu vertrauen als seinem begrenzten Verständnis von ihm. Und wenn das Schicksal einem einen Hippie mit Lkw-Führerschein in die Kabine warf, sollte man vielleicht die Plätze tauschen und einige Stunden überfälligen Schlaf einlegen – vor allem wenn die nächsten Tage so viel anstand.

Also verlangsamte Ramsey und fuhr rechts ran. Nachdem sie die Plätze getauscht hatten, gab Ramsey dem Tramper einige Tipps. Aber die brauchte Ed nicht. Er erzählte wirklich keinen Mist und schaltete, als hätte er das Fahren nie aufgegeben.

Vielleicht bist du meine gute Fee, dachte Ramsey, als Ed Gas gab und auf die Straße einbog. »Kann sein, dass der Hänger ein bisschen ausschert. Ich habe Ballonfracht geladen.«

»Alles klar.«

»Und da draußen ist es windig.«

»Weiß ich«, sagte Ed. »Ich war zu Fuß unterwegs.«

»Und denk dran, wenn sie dich wegen irgendwas anhalten, haben wir beide mehr Ärger an den Hacken, als wir gebrauchen können.«

»Alles besser, als draufzugehen«, entgegnete Ed. »Was passieren dürfte, wenn wir dich noch länger hinterm Steuer lassen.«

»Auch wieder wahr«, sagte Ramsey und lehnte sich in seinem Sitz weiter zurück.

Wieder träumte er vom Fliegen. Diesmal trug ihn eine sanfte Sommerbrise weit über das Meer, ähnlich einer einsamen Möwe, die in die Wolken eintaucht und wieder hinaussegelt. Zuletzt waren seine Träume so lebendig und erstaunlich gewesen, als er noch ein Kind war. Er ging in den Sinkflug über schimmernden Fischschwärmen, die sich vollkommen synchron im Sonnenlicht bewegten. Blaubarsche und Bonitos glitten neben bunteren Fischen einher, die sein Traum von der Karibik umgesiedelt hatte. Er konnte das Salzwasser riechen. Näher an der Küste ragten Berge von orangefarbenen und roten Korallen vom Meeresboden auf. Er wusste, würde er ins Wasser eintauchen, könnte er dort atmen. Aber er blieb in der Luft, wo die Sonne ihn wärmte.

Beim Aufwachen wusste Ramsey zunächst nicht, wo er war. Sein Truck, der Highway. Für einen Sekundenbruchteil packte ihn Panik – hinterm Steuer eingeschlafen! –, bis er begriff, dass er nicht auf dem Fahrersitz saß. Er blickte nach links, und alles war wieder da.

Vor ihm durchschnitten die Scheinwerfer die dunklen Fahrspuren. Am Sternenhimmel war noch keine Spur vom anbrechenden Morgen zu sehen. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte 5:12 Uhr.

»Du hättest mich jederzeit wecken können«, sagte Ramsey und rieb sich die Augen.

»Eine friedliche Fahrt muss man nicht unterbrechen.«

»Wo sind wir ungefähr?«

»Vor circa vierzig Minuten sind wir durch Columbus gekommen.«

»Was hast du an den Wiegestationen gemacht?«

»So getan, als gäb’s die nicht.«

Ramsey massierte sich den steifen Nacken. »Wir liegen gut in der Zeit.«

»Ja, nicht schlecht. Allerdings könnte ich demnächst einen Boxenstopp gebrauchen.«

»Bei der nächsten Raststätte. Ich gebe dir ein Frühstück aus. Du hast es verdient.«

»Geht klar.«

Gähnend schloss Ramsey wieder die Augen, spürte das Brummen des Motors und die Straße unter sich, ebenso wie den leichten Druck des Windes an den Fensterscheiben. Als sie eine Weile später vom Highway abfuhren, hatten sich erste Andeutungen von Blau und Grau in die Schwärze um sie herum gemischt. Der Übergang zwischen Wald und Himmel wurde wieder sichtbar.

Heute. Ramseys Herz schlug schneller bei dem Gedanken. Heute fängt es an.

Nach den vielen Stunden Schlaf war der Rest der Fahrt ein Klacks. Ramsey erreichte um halb zehn das Vertriebslager von Toys »R« Us in Wayne, New Jersey. Hier lieferte er oft an, und er vertraute darauf, dass ihn der Lagerleiter schnell abfertigte. Tatsächlich wurde der Truck rasch entladen, der Papierkram ging fix, und mittags fuhr Ramsey bei Monmouth Truck Lot vor.

Das Büro war in einem schmalen Trailer untergebracht, der auf Holzblöcken stand. Drinnen waren die Wände mit Holz verkleidet, der Boden mit Linoleum ausgelegt. Genau wie vor fünf Jahren, als Ramsey seinen Truck gekauft hatte. Und wahrscheinlich hatte das Büro vor zwanzig Jahren auch nicht anders ausgesehen. Auf dem weitläufigen Gelände selbst standen Auflieger und Zugmaschinen wie gigantische Grabsteine inmitten wuchernden Unkrauts. Nichts hier sprach für ein florierendes Unternehmen, und doch kannte sich Bob Parkins, der Besitzer, besser mit Trucks aus als irgendwer sonst. Ramsey hatte seine Zugmaschine mit Schlafplatz und den Auflieger hier auf Anraten seines Fuhrparkleiters gekauft, nachdem Ramsey zwei Jahre für eine Firma gefahren war. Es ließ sich schwer sagen, ob der Schritt vom Angestellten zum selbstständigen Fernfahrer sich gelohnt hatte, doch der Tipp, wo er den Lastwagen kaufen sollte, war gut gewesen. Ramsey hatte zu einem fairen Preis einen verlässlichen Truck bekommen. Seitdem brachte er seinen Lastwagen immer her, wenn daran etwas geschraubt werden musste, was er selbst nicht konnte.

Ein Tresen teilte den Trailer in der Mitte. Dahinter standen ein paar Schreibtische, auf denen sich Papiere stapelten: Bobs Ablagesystem. In einer Ecke auf der Kundenseite befand sich auf einer umgedrehten Milchkiste eine Kaffeemaschine, und daneben waren Styroporbecher und eine Dose Kondensmilch aufgestellt.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Der Typ hinter dem Tresen war irgendein Junge mit einem ausgeblichenen blauen Oberhemd und einer bescheuerten Stachelfrisur.

»Wo steckt Bob?«, fragte Ramsey.

»Hat den Nachmittag frei«, antwortete der Junge.

»Das ist ja wohl …« Er spürte, wie die Hitze in ihm aufwallte, und holte tief Luft. »Bob hat gesagt, dass er heute bis drei Uhr hier ist. Vor ein paar Tagen habe ich von unterwegs mit ihm telefoniert. Ich hatte es mit ihm abgesprochen.«

Der Junge zuckte mit den Schultern. »Das Wetter wurde gut, und er hatte schon ewig nicht mehr frei. Da ist er zum Angeln raus.«

»Was soll das heißen, ›das Wetter wurde gut‹?«

Der Junge nickte zum Fenster. »Na, Sie wissen schon – sonnig. Warm.«