Bevor ich sterbe - Jenny Downham - E-Book

Bevor ich sterbe E-Book

Jenny Downham

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7,99 €

Beschreibung

Intensiv, aufrichtig, bewegend: Eine Geschichte über den Tod, das Leben und die Liebe, die einen nicht mehr loslässt.

Die Ärzte machen der 16-jährigen Tessa wenig Hoffnung. Der lange Kampf gegen die Leukämie scheint verloren. Doch bevor sie stirbt, will sie leben. Auf einer Liste notiert sie zehn Dinge, die sie tun will. Nummer eins ist Sex. Gleich heute Abend. Aber es ist nicht immer so einfach zu bekommen, was man will. Und Tessa macht es weder sich noch ihrer Familie leicht. Als plötzlich Adam in ihr Leben tritt, wird vieles anders. Wie geht man miteinander um, wenn der Tod immer dabei ist? Und darf man Liebe einfordern, wenn man stirbt? Tessa tut es.

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Seitenzahl: 444

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Jenny Downham

Bevor ich sterbe

Roman

Deutsch von Astrid Arz

C. Bertelsmann

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Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel »Before I Die« bei David Fickling Books, Oxford.

Copyright © 2007 by Jenny Downham Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2008 beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

ISBN 978-3-641-03092-6V002

www.cbertelsmann.de

Für Louis und Archie, in Liebe
EINS
Wenn ich doch nur einen Freund hätte. Ich wünschte, er würde im Schrank von einem Kleiderbügel hängen. Immer wenn ich wollte, könnte ich ihn rausholen, und er würde mich so ansehen wie die Jungs in Filmen, so als ob ich schön wär. Er würde nicht viel sagen, nur schwer atmen, während er seine Lederjacke auszieht und den Gürtel an seiner Jeans aufschnallt. Drunter hätte er weiße Unterwäsche, und er wäre so fantastisch, dass mir fast die Sinne schwinden würden. Er würde auch mich ausziehen und flüstern: »Tessa, ich liebe dich. Verdammt, ich lieb dich echt unheimlich. Du bist so schön.« Genau die Worte, während er mich auszieht.
Ich setze mich im Bett auf und knipse die Nachttischlampe an. Ein Stift liegt da, aber kein Papier, deshalb schreibe ich an die Wand hinter mir: »Ich will das Gewicht von einem Jungen auf mir spüren.« Dann lege ich mich wieder hin und schau in den Himmel draußen. Er hat eine komische Farbe angenommen – rot und pechschwarz zugleich, wie wenn der Tag verbluten würde.
Ich rieche Bratwurst. Samstagsabends gibt’s immer Bratwurst, dazu Kartoffelpüree und Kohl mit Zwiebelsoße. Dad hat dann den Lottoschein, und Cal wird die Zahlen ausgesucht haben, und sie sitzen wieder mal vor dem Fernseher und essen von Tabletts, die sie auf dem Schoß halten. Erst sehen sie sich »X-Faktor« an, dann »Wer wird Millionär?«, danach badet Cal und geht schlafen, und Dad trinkt Bier und raucht, bis es spät genug für ihn ist, schlafen zu gehen.
Vorhin ist er raufgekommen, um nach mir zu sehen. Er ging zum Fenster rüber und zog die Vorhänge auf. »Sieh dir das an!«, hat er gesagt, als das Licht reinflutete. Draußen der Nachmittag, die Baumkronen, der Himmel. Sein Umriss zeichnete sich vor dem Fenster ab; die Hände in die Hüften gestemmt, sah er aus wie ein Power Ranger.
»Wenn du nicht drüber reden magst, wie kann ich dir dann helfen?«, fragte er, und er kam zu mir rüber und setzte sich auf die Bettkante. Ich hielt die Luft an. Wenn man das nur lange genug macht, tanzen einem weiße Lichter vor den Augen. Er beugte sich vor und streichelte meinen Kopf, massierte mit den Fingerspitzen sanft meine Kopfhaut.
»Atme, Tessa«, flüsterte er.
Stattdessen schnappte ich mir meinen Hut vom Nachttisch und zog ihn mir voll über die Augen. Da ging er weg.
Jetzt ist er unten und brät Würste. Ich höre das Fett spritzen und wie die Soße in der Pfanne schwappt. Ich weiß nicht recht, ob ich das von so weit oben hören sollte, aber mich überrascht nichts mehr. Jetzt höre ich, wie Cal den Reißverschluss seiner Jacke aufzieht, zurück vom Senfkaufen. Vor zehn Minuten bekam er eine Pfundmünze und die Anweisung: »Sprich mit keinem, der nicht ganz sauber ist.« Während er weg war, stand Dad in der Hintertür und rauchte eine. Ich konnte das Flüstern der Blätter hören, die im Gras vor seinen Füßen landeten. Der Herbst im Anmarsch.
»Häng deine Jacke auf, und geh gucken, ob Tess irgendwas möchte«, sagt Dad. »Wir haben jede Menge Blaubeeren. Mach sie ihr schmackhaft.«
Cal hat seine Turnschuhe an, die Luft in den Sohlen seufzt, während er in langen Sätzen die Treppen hoch und durch meine Zimmertür kommt. Ich stelle mich schlafend, aber das hält ihn nicht auf. Er beugt sich weit vor und flüstert: »Mir doch egal, und wenn du nie mehr mit mir redest.« Ich kneife ein Auge auf und sehe in zwei blaue. »Hab doch gewusst, dass du bloß so tust«, sagt er mit breitem, tollem Grinsen. »Dad fragt, ob du Blaubeeren willst.«
»Ne.«
»Was soll ich ihm sagen?«
»Sag ihm, ich will ein Elefantenbaby.«
ZWEI
Zoey klopft nicht mal, kommt einfach rein und lässt sich auf das Fußende von meinem Bett fallen. Sie sieht mich so komisch an, als hätte sie nicht erwartet, mich hier anzutreffen.
»Was machst du?«, fragt sie.
»Warum?«
»Gehst du nicht mehr runter?«
»Hat mein Dad dich angerufen?«
»Hast du Schmerzen?«
»Nein.«
Sie mustert mich argwöhnisch, steht dann auf und zieht ihren Mantel aus. Darunter trägt sie ein sehr kurzes rotes Kleid. Es passt zu der Handtasche, die sie auf meinen Boden gepfeffert hat.
»Gehst du aus?«, frage ich sie. »Hast du ein Date?«
Schulterzuckend geht sie zum Fenster und guckt in den Garten runter. Während sie mit einem Finger Kreise auf die Scheibe malt, sagt sie: »Vielleicht solltest du versuchen, an Gott zu glauben.«
»Ach ja?«
»Na ja, vielleicht sollten wir das alle. Die ganze Menschheit.«
»Das finde ich nicht. Womöglich ist er ja tot.«
Sie dreht sich um und sieht mich an. Ihr Gesicht ist blass wie der Winter. Hinter ihrer Schulter blinkt ein Flugzeug durch den Himmel.
Sie fragt: »Was hast du da an die Wand geschrieben?«
Ich weiß nicht, warum ich sie es lesen lasse. Wahrscheinlich will ich, dass was passiert. Es ist schwarze Tinte. Während Zoey sich das ansieht, krabbeln die Wörter rum wie Spinnen. Sie liest es immer wieder. Ich kann’s nicht ab, wie sie mich manchmal bemitleidet.
Sie redet sehr sanft. »Disneyland ist das nicht gerade, was?«
»Hab ich das behauptet?«
»Ich hab gedacht, das wär die Absicht.«
»Nicht meine.«
»Dein Dad erwartet wohl eher, dass du dir ein Pony wünschst, keinen Freund.«
Es klingt so irre, wenn wir beide lachen. Obwohl es wehtut, liebe ich es. Mit Zoey lachen ist so ziemlich das Beste, weil ich weiß, dass wir beide dieselben schrägen Bilder im Kopf haben. Sie braucht bloß zu sagen: »Ein Zuchthengst wär vielleicht die Lösung«, und schon prusten wir beide los.
Zoey fragt: »Weinst du?«
Ich weiß nicht genau. Vielleicht schon. Ich hör mich an wie diese Frauen im Fernsehen, die gerade ihre ganze Familie verloren haben. Wie ein Tier, das sich die eigene Pfote abbeißt. Alles strömt zugleich auf mich ein – zum Beispiel dass meine Finger nur Haut und Knochen sind und meine Haut praktisch durchsichtig. In meinem linken Lungenflügel spüre ich, wie sich die Zellen teilen, sich aufschichten wie Asche, die nach und nach eine Urne füllt. Bald werde ich nicht mehr atmen können.
»Geht schon in Ordnung, wenn du Angst hast«, sagt Zoey.
»Gar nicht.«
»O doch, natürlich. Alles, was du fühlst, ist in Ordnung.«
»Stell dir das vor, Zoey – die ganze Zeit in Panik zu sein.«
»Kann ich.«
Aber das kann sie nicht. Wie auch, wo sie doch noch ihr ganzes Leben vor sich hat. Ich verstecke mich wieder unter meinem Hut, nur ganz kurz, weil mir das Atmen fehlen wird. Und das Reden. Und Fenster. Kuchen wird mir fehlen. Und Fische. Ich mag ihre kleinen Mäuler, wenn die so auf- und zu- und wieder aufgehen.
Und wo ich hingehe, kann man gar nichts mitnehmen.
Zoey sieht zu, wie ich mir mit dem Federbettzipfel die Augen wische.
»Mach’s mit mir«, sage ich.
Sie sieht erschrocken aus. »Was?«
»Es steht überall kreuz und quer auf Zettelchen. Ich schreib’s richtig auf, und du kannst mich dazu bringen, es zu tun.«
»Was denn? Das, was du an die Wand geschrieben hast?«
»Auch noch anderes, aber das mit dem Jungen zuerst. Du hattest schon tausendmal Sex, Zoey, und ich bin noch nicht mal geküsst worden.«
Ich sehe zu, wie meine Worte bei ihr ankommen. Sie landen sehr tief.
»So oft nun auch wieder nicht«, sagt sie schließlich.
»Bitte, Zoey. Und wenn ich dich anbettle, es zu lassen, und wenn ich noch so eklig zu dir bin, du musst mich dazu anspornen. Ich hab eine ganz lange Liste mit Sachen, die ich machen will.«
Als sie »okay« sagt, hört es sich bei ihr ganz einfach an, so als hätte ich sie nur gebeten, mich öfter zu besuchen.
»Ehrlich?«
»Hab ich doch gesagt, oder?«
Ich frage mich, ob sie weiß, auf was sie sich einlässt.
Ich setze mich im Bett auf und seh zu, wie sie hinten in meinem Schrank rumkramt. Bestimmt hat sie einen Plan. Das ist das Gute an Zoey. Aber sie sollte sich besser ein bisschen beeilen, weil ich anfange, an Sachen wie Möhren zu denken. Und Luft. Und Enten. Und Birnbäume. Samt und Seide. Seen. Eis auf zugefrorenen Seen wird mir fehlen. Und das Sofa. Und das Wohnzimmer. Und wie gern Cal Zauberkunststücke mag. Und Weißes – Milch, Schnee, Schwäne.
Aus den Tiefen des Schranks zerrt Zoey das Wickelkleid, das Dad mir letzten Monat gekauft hat. Das Preisschild hängt noch dran.
»Ich trag das hier«, sagt sie. »Du kannst meins anziehen.« Und schon knöpft sie ihr Kleid auf.
»Gehst du mit mir aus?«
»Es ist Samstagabend, Tess. Schon mal von gehört?«
Natürlich. Klar doch.
Ich war seit Stunden nicht mehr in der Senkrechten. Ich komm mir ein bisschen komisch vor, irgendwie leer und durchsichtig. Zoey in Unterwäsche hilft mir, in das rote Kleid zu schlüpfen. Es riecht nach ihr. Der weiche Stoff klebt an meinem Körper.
»Warum soll ich das hier anziehen?«
»Kommt manchmal gut, sich wie jemand andres zu fühlen.«
»Jemand wie du?«
Darüber denkt sie nach. »Vielleicht«, sagt sie dann. »Vielleicht jemand wie ich.«
Als ich in den Spiegel schaue, ist es toll, wie anders ich aussehe – großäugig, gefährlich. Aufregend ist das, so als wäre alles möglich. Sogar meine Haare sehen gut aus, eher theatralisch kurz geschoren als frisch nachgewachsen. Wir betrachten uns, nebeneinander, ehe sie mich vom Spiegel wegführt und aufs Bett setzt. Dann holt sie mein Make-up-Körbchen vom Schminktisch und setzt sich neben mich. Ich konzentriere mich auf ihr Gesicht, während sie sich Grundierung auf den Finger schmiert und mir auf die Wangen tupft. Sie ist sehr blass und sehr blond und sieht mit ihrer Akne irgendwie wild aus. Ich hatte noch nie im Leben einen Pickel. Was bin ich doch für ein Glückspilz.
Sie umrandet meinen Mund mit Lipliner und malt ihn mit Lippenstift aus, findet Wimperntusche und sagt mir, dass ich sie ansehen soll. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wohl sein mag, sie zu sein. Das mach ich oft, aber ich krieg es nie richtig in den Kopf rein. Als sie mich wieder vor den Spiegel stellt, glitzre ich. Ein bisschen wie sie.
»Wo willst du hin?«, fragt sie.
Es gibt so viele Möglichkeiten. Der Pub. Ein Club. Eine Party. Ich will einen großen dunklen Raum, in dem man sich kaum bewegen kann, so eng reiben sich Leiber aneinander. Ich will tausend Songs wahnsinnig laut gespielt hören. Ich will tanzen, und zwar so schnell, dass meine Haare lang genug wachsen, um draufzutreten. Ich will, dass meine Stimme das Bassdröhnen wie Donnerhall übertönt. Mir soll so heiß werden, dass ich im Mund auf Eis rumbeißen muss.
»Gehen wir tanzen«, sage ich. »Los, komm, wir reißen Jungs zum Vernaschen auf.«
»Geht klar.« Zoey hebt ihre Handtasche auf und führt mich aus meinem Zimmer.
Dad kommt aus dem Wohnzimmer und halb die Treppe hoch. Er tut, als wäre er auf dem Weg zum Klo, und stellt sich ganz überrascht, uns zu sehen.
»Du bist auf!«, sagt er. »Ein Wunder ist geschehen!« Widerstrebend zollt er Zoey Anerkennung. »Wie hast du das geschafft?«
Zoey lächelt den Fußboden an. »Sie hatte nur einen kleinen Anreiz nötig.«
»Und der wäre?«
Ich lehne mich auf eine Hüfte und sehe ihm in die Augen. »Zoey geht mit mir Pole Dancing.«
»Sehr komisch«, sagt er.
»Nein, echt.«
Er schüttelt den Kopf und reibt sich mit einer Hand in Kreisen über den Bauch. In seiner Hilflosigkeit tut er mir leid.
»Na gut«, sage ich, »wir gehen tanzen.«
Er schaut auf seine Uhr, als ob die ihm was Neues verraten würde.
»Ich pass auf sie auf«, sagt Zoey. Sie hört sich so liebenswürdig und vernünftig an, dass ich ihr beinahe glauben könnte.
»Nein«, sagt er. »Sie muss sich ausruhen. Clubs sind doch laut und verraucht.«
»Wenn sie sich ausruhen muss, warum haben Sie mich dann angerufen?«
»Ich wollte, dass du mit ihr sprichst, sie nicht wegschleifst!«
»Keine Sorge«, sagt sie lachend. »Ich bring sie Ihnen wieder.«
Ich spüre, wie mich die ganze Fröhlichkeit verlässt, weil ich weiß, dass Dad recht hat. Wenn ich echt in einen Club gehen würde, müsste ich danach eine Woche lang schlafen. Immer, wenn ich zu viel Energie verbrauche, muss ich dafür bezahlen.
»Ist schon gut«, sage ich. »Das macht nichts.«
Zoey packt meinen Arm und zerrt mich hinter sich her die Treppe runter. »Ich hab das Auto von meiner Mutter«, verkündet sie. »Bis um drei bring ich sie nach Hause.«
Mein Dad sagt ihr Nein, das ist zu spät; er sagt ihr, sie soll mich bis Mitternacht zu Hause absetzen. Das wiederholt er noch ein paarmal, während Zoey meine Jacke aus dem Flurschrank holt. Als wir zur Haustür rausgehen, verabschiede ich mich laut, aber er antwortet nicht. Zoey zieht die Tür hinter uns zu.
»Mitternacht ist okay«, sage ich ihr.
Sie dreht sich noch auf der Türschwelle zu mir um. »Jetzt hör mal zu, Mädchen, wenn du das hier richtig machen willst, wirst du lernen müssen, dich an keine Regeln zu halten.«
»Ich hab nichts dagegen, bis Mitternacht wiederzukommen. Sonst macht er sich nur Sorgen.«
DREI
Natürlich kommen wir in den Club. An Samstagsabenden sind nie genug Mädels für alle am Start, und Zoey hat eine tolle Figur. Den Türstehern läuft das Wasser im Mund zusammen, während sie uns an den Anfang der Schlange durchwinken. Sie wiegt sich für sie in den Hüften, während wir durch die Tür gehen, und die Blicke von ihnen folgen uns durchs Foyer zur Garderobe. »Schönen Abend noch, Mädels!«, rufen sie. Wir brauchen nicht zu zahlen. Wir sind total in.
Nachdem wir unsere Mäntel abgegeben haben, gehen wir zur Bar und holen uns zwei Colas. Zoey schüttet sich aus dem Flachmann, den sie in ihrer Handtasche hat, Rum rein. Das machen alle an ihrem College, sagt sie, weil man so beim Ausgehen spart. Nicht zu trinken ist eine Regel, an die ich mich halten werden, weil mich Alkohol an die Strahlentherapie erinnert. Einmal habe ich mich zwischen zwei Behandlungen mit Sachen aus Dads Hausbar volllaufen lassen, und jetzt lässt sich das beides in meinem Kopf nicht mehr auseinanderhalten. Alkohol und die Erinnerung an totale Körperverstrahlung.
Wir lehnen uns an die Bar, um einen Überblick zu bekommen. Es ist schon ganz schön voll, auf der Tanzfläche vibriert es von Leibern. Lichtkegel jagen über Brüste, Ärsche, die Decke.
Zoey sagt: »Ich hab übrigens Kondome. Wenn du welche brauchst, die sind in meiner Tasche.« Sie berührt meine Hand. »Alles in Ordnung?«
»Jap.«
»Du kriegst keine Panik?«
»Nee.«
Ein ganzer Raum gepackt voll Samstagabendfieber ist genau, was ich wollte. Ich hab mit meiner Liste angefangen, und Zoey macht mit. Heute Abend werde ich die Nummer eins abhaken – Sex. Und ich werde nicht sterben, bevor alle zehn Punkte abgehakt sind.
»Guck mal«, sagt Zoey. »Wie wär’s mit dem?« Sie zeigt auf einen Knaben. Er ist ein guter Tänzer, bewegt sich mit geschlossenen Augen, als wäre er der Einzige hier, als würde er nichts außer der Musik brauchen. »Der kommt jede Woche. Keine Ahnung, wie er mit Kiffen hier drin durchkommt. Süß, oder?«
»Ich will keinen Suchti.«
Zoey sieht mich stirnrunzelnd an. »Scheiße, was soll das denn heißen?«
»Wenn er auf Dope ist, wird er sich nicht an mich erinnern. Einen Besoffenen will ich auch nicht.«
Zoey knallt ihren Drink auf den Tresen. »Du erwartest doch hoffentlich keine große Liebe! Erzähl mir nicht, dass das auf deiner Liste steht.«
»Eher nicht.«
»Gut, denn ich sag’s dir nicht gern, aber die Zeit arbeitet gegen dich. Komm, jetzt lassen wir’s krachen!«
Sie zieht mich mit auf die Tanzfläche. Wir machen uns nah genug an den Kiffer ran, dass er uns bemerken muss, und dann tanzen wir.
Und es ist in Ordnung. Es ist wie in einem Urwaldstamm, wie wir uns alle im selben Tempo bewegen und atmen. Die Leute gucken, checken sich gegenseitig ab. Das kann mir keiner wegnehmen. An diesem Samstagabend hier zu tanzen, in Zoeys rotem Kleid die Blicke eines Jungen auf mich zu lenken. Manche Mädchen erleben so was nie. Nicht mal so viel.
Ich weiß, was als Nächstes passieren wird, weil ich massenhaft Zeit zum Lesen hatte und die Abläufe kenne. Der Kiffer wird näher kommen, um uns abzuchecken. Zoey wird ihn nicht ansehen, aber ich schon. Ich werde den Blickkontakt eine Sekunde zu lange halten, und er wird sich zu mir vorbeugen und mich nach meinem Namen fragen. »Tessa«, werde ich sagen, und er wird das wiederholen – das harte »T«, die beiden Zischlaute, das hoffnungsvolle »a«. Ich werde ihm mit einem Nicken bestätigen, dass er richtig gehört hat, dass ich es mag, wie hübsch und neu es sich aus seinem Mund anhört. Dann wird er die Arme ausbreiten, die Handflächen nach oben, als würde er sagen: Ich ergebe mich, was kann ich bei so viel Schönheit machen? Ich werde scheu lächelnd den Blick senken. Das verrät ihm, dass er sich vorwagen kann, dass ich nicht beißen werde, sondern die Spielregeln kenne. Dann wird er mich in seine Arme schließen und wir werden zusammen tanzen, mein Kopf an seiner Brust, und ich werde seinen Herzschlag hören – den Herzschlag eines Fremden.
Aber so läuft es nicht. Drei Dinge hab ich nämlich vergessen: Dass Bücher nicht real sind. Und dass ich keine Zeit zum Flirten habe. Zoey hat es nicht vergessen. Sie ist das Dritte, das ich vergessen habe. Und sie mischt sich ein.
»Das ist meine Freundin«, ruft sie Kifferknabe über dem Musikpegel zu. »Sie heißt Tessa. Bestimmt würde sie gern mal an deinem Joint ziehen.«
Lächelnd reicht er ihn uns rüber und nimmt uns beide ins Visier, lässt seinen Blick über Tessas lange Haare wandern.
»Das ist reines Gras«, flüstert Zoey. Was immer es ist, es fühlt sich dick und beißend hinten in meinem Rachen an. Ich muss davon husten und fühle mich leicht benebelt. Ich reiche ihn Zoey weiter, die tief inhaliert und ihn dann ihm zurückgibt.
Jetzt bewegen wir drei uns zusammen, während die Bässe durch unsere Fußsohlen in unser Blut wummern. Bilder wie in einem Kaleidoskop flackern von den Großbildleinwänden an den Wänden. Der Joint geht noch mal rum.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht. Vielleicht Stunden. Minuten. Ich weiß nur, dass ich nicht aufhören darf, mehr nicht. Wenn ich weitertanze, werden die dunklen Ecken nicht näher kommen und die Stille zwischen den Songs nicht lauter werden. Wenn ich weitertanze, werde ich wieder Schiffe auf hoher See sehen, Herzmuscheln und Wellhornschnecken schmecken und das Knirschen von frisch gefallenem Schnee hören, den man als Erster betritt.
Irgendwann lässt Zoey einen neuen Joint rumgehen. »Froh, hier zu sein?«, fragt sie lautlos.
Ich halte an, um zu inhalieren, stehe eine Sekunde zu lange dumm rum, vergesse mich zu bewegen. Und jetzt ist der Bann gebrochen. Ich versuche, wieder etwas Begeisterung aufzubringen, fühle mich aber, als hockte ein Geier auf meinem Brustbein. Zoey, Kiffer und all die anderen Tänzer sind weit weg und unwirklich, wie eine Fernsehsendung. Ich erwarte nicht mehr dazuzugehören.
»Bin gleich wieder da«, sage ich Zoey.
In der Stille der Toilette sitze ich auf der Schüssel und betrachte meine Knie. Wenn ich dieses kurze rote Kleid ein kleines Stück höher ziehe, kann ich meinen Bauch sehen. Da habe ich noch rote Flecken drauf. Und auf meinen Oberschenkeln. Meine Haut ist so trocken wie die von einer Eidechse, ganz gleich, wie viel Creme ich einreibe. Die Innenseiten meiner Arme sind voller Nadeleinstichlöcher.
Ich bin fertig mit Pinkeln, wische mich ab und ziehe das Kleid wieder runter. Als ich aus der Kabine komme, wartet Zoey am Händetrockner. Ich hab sie nicht reinkommen gehört. Ihre Augen sind dunkler als zuvor. Betont langsam wasche ich mir die Hände. Ich weiß, dass sie mir zusieht.
»Er hat einen Freund«, sagt sie. »Sein Freund ist süßer, aber du kannst ihn haben, weil es dein besonderer Abend ist. Sie heißen Scott und Jake, und wir gehen mit zu ihnen nach Hause.«
Ich halte mich am Waschbeckenrand fest und betrachte mein Gesicht im Spiegel. Meine Augen kommen mir fremd vor.
»Einer von den Tweenies heißt Jake, du weißt schon, diese Kindersendung«, sage ich.
»Also wirklich«, sagt Zoey, der es jetzt reicht, »willst du Sex haben oder nicht?«
Ein Mädchen am Waschbecken neben mir wirft mir einen Blick zu. Ich möchte ihr sagen, dass ich nicht bin, was sie denkt. Ich bin eigentlich sehr nett, bestimmt würde sie mich mögen. Aber dazu ist keine Zeit.
Zoey zerrt mich aus der Toilette und zurück an die Bar. »Da sind sie. Der da ist deiner.«
Der Junge, auf den sie zeigt, hält seine Hände flach vor dem Schritt, die Daumen in die Gürtelschlaufen gesteckt. Er sieht aus wie ein Cowboy mit abwesendem Blick. Weil er uns nicht entgegensieht, bleibe ich stehen und rühre mich nicht vom Fleck.
»Ich kann nicht!«
»O doch! Jung kaputt spart Altersheim!«
»Nein, Zoey!«
Mein Gesicht fühlt sich erhitzt an. Ich frage mich, ob man hier drin irgendwie an Luft rankommt. Wo ist die Tür, durch die wir gekommen sind?
Sie straft mich mit einem Stirnrunzeln. »Du hast mich drum gebeten, dich herzubringen! Und was soll ich jetzt machen?«
»Nichts. Du brauchst gar nichts zu machen.«
»Du kannst einem leidtun!« Sie schüttelt den Kopf über mich und stolziert über die Tanzfläche davon, raus in die Lobby. Ich beeile mich hinterherzukommen, und sehe, wie sie meine Garderobenmarke abgibt.
»Was machst du da?«
»Ich hol deinen Mantel. Und besorg dir ein Taxi, mit dem du dich nach Hause verpissen kannst!«
»Du kannst nicht allein zu den beiden nach Hause, Zoey!«
»Wenn du dich da mal nicht täuschst.«
Sie schiebt die Tür auf und inspiziert die Straße. Jetzt, wo niemand mehr Schlange steht, ist es ruhig hier draußen, keine Taxis weit und breit. Im Rinnstein picken ein paar Tauben an einer Schachtel vom Hähnchenimbiss.
»Bitte, Zoey, ich bin müde. Kannst du mich nicht nach Hause fahren?«
Sie zuckt mit den Schultern. »Du bist immer müde.«
»Sei nicht so gemein!«
»Sei nicht so langweilig!«
»Ich will nicht zu irgendwelchen fremden Jungs nach Hause mit. Was da alles passieren kann!«
»Und das ist auch gut so, weil nämlich ansonsten absolut null passiert.«
Ich trete von einem Bein aufs andere, hab plötzlich Angst. »Ich will, dass es perfekt ist, Zoey. Wenn ich mit einem Jungen schlafe, den ich nicht mal kenne, was bin ich dann? Eine Schlampe?«
Mit funkelnden Augen stiert sie mich an. »Nein, dann bist du lebendig. Wenn du in ein Taxi steigst und zu Daddy nach Hause fährst, was bist du dann?«
Ich stelle mir vor, wie ich ins Bett gehe, die ganze Nacht die abgestandene Luft in meinem Zimmer einatme, am Morgen aufwache, und nichts ist anders als sonst.
Ihr Lächeln ist wieder da. »Komm schon«, sagt sie. »Du kannst den ersten Punkt von deiner blöden Liste abhaken. Ich weiß, dass du es willst.« Ihr Lächeln ist ansteckend. »Sag Ja, Tessa. Na los, sag es!«
»Ja.«
VIER
Magst du kein Bier?«, fragt Jake.
Er lehnt an der Spüle in seiner Küche, und ich stehe dicht bei ihm. Das mache ich extra.
»Ich hab nur gerade Lust auf Tee.«
Er zuckt die Schultern, klinkt mit seiner Bierflasche gegen meine Tasse und legt den Kopf zum Trinken in den Nacken. Ich beobachte seinen Adamsapfel, während er schluckt, bemerke einen kleinen blassen Streifen unter seinem Kinn, eine Narbe von einem längst überstandenen Unfall. Er wischt sich den Mund mit dem Ärmel, merkt, dass ich ihn beobachte.
»Alles klar bei dir?«, fragt er.
»Ja. Bei dir auch?«
»Jau.«
»Gut.«
Er lächelt mir zu. Er hat ein nettes Lächeln. Ich bin froh. Es wäre so viel schwerer, wenn er hässlich wäre.
Vor einer halben Stunde haben sich Jake und sein Kumpel, der Kiffer, angegrinst, während sie Zoey und mir ihre Haustür aufhielten. Das Grinsen zeigte, dass sie einen Treffer gelandet hatten. Zoey sagte ihnen, sie sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber wir gingen doch in ihr Wohnzimmer, und sie überließ dem Kiffer ihren Mantel. Sie lachte über seine Witze, ließ sich von ihm Joints drehen und war bald total zu.
Ich kann sie durch den Türspalt sehen. Sie haben Musik angemacht, irgend so ein softes Jazzstück. Das Licht haben sie ausgeknipst, um zu tanzen, und sie bewegen sich in langsamen bekifften Kreisen auf dem Teppich. In einer hochgereckten Hand hält Zoey einen Joint, die andere hat sie unter Kiffers Gürtel hinten an seiner Hose gesteckt. Er hat beide Arme um sie geschlungen, was aussieht, als stützten sie sich gegenseitig.
Ich komm mir plötzlich brav vor, in der Küche Tee zu trinken, und merke, dass ich mich mit meinem Plan ranhalten muss. Schließlich geht es hier um mich.
Ich kippe meinen Tee runter, stelle die Tasse auf die Spüle und rücke Jake noch dichter auf den Leib. Unsere Schuhspitzen berühren sich.
»Küss mich«, sage ich, und das hört sich lächerlich an, kaum dass es raus ist, was Jake aber offenbar nichts ausmacht. Er stellt sein Bier weg und neigt sich zu mir vor.
Wir küssen uns ganz sanft, mit Lippen, die sich gerade mal berühren, nur ein ganz leichter Hauch Atem von ihm zu mir. Ich wusste schon immer, dass ich eine gute Küsserin sein würde. Ich habe die ganzen Zeitschriften gelesen, wo alles drinsteht über Nasenzusammenstoßen und Speichelfluss und wo man seine Hände hintut. Aber ich habe trotzdem nicht gewusst, dass es sich so anfühlen würde, das sanfte Reiben von seinem an meinem Kinn, seine Hände, die zärtlich meinen Rücken abtasten, seine Zunge, die meine Lippen entlang und dann in meinen Mund fährt.
Wir küssen uns minutenlang und pressen uns aneinander, einer an den anderen gedrückt. Was für eine Erleichterung es ist, mit jemandem zusammen zu sein, der mich überhaupt nicht kennt. Meine Hände wagen sich vor, tauchen in die Kuhle, wo sein Rückgrat endet, und streicheln ihn dort. Wie gesund er sich anfühlt, wie solide.
Ich öffne die Augen, um zu sehen, ob es ihm gefällt, lasse mich aber stattdessen von dem Fenster hinter ihm anziehen, von den in Nacht getauchten Bäumen dort draußen. Kleine schwarze Zweige pochen wie Finger gegen die Scheibe. Ich kneife die Augen zu und schmiege mich dichter an ihn. Durch mein kurzes rotes Kleid spüre ich, wie stark er mich will. Tief in der Kehle entringt sich ihm ein kleines Stöhnen.
»Komm, gehen wir nach oben«, sagt er.
Er versucht, mich zur Tür zu steuern, aber ich lege ihm die flache Hand auf die Brust, um ihn auf Abstand zu halten, während ich nachdenke.
»Komm schon«, sagt er. »Du willst es doch, oder?«
Durch meine Finger spüre ich sein Herz pochen. Er lächelt auf mich herab, und ich will es doch, oder etwa nicht? Bin ich nicht deshalb hergekommen?
»Okay.«
Er verflicht seine warme Hand mit meiner und führt mich durchs Wohnzimmer zur Treppe. Zoey küsst den Kiffer. Sie hat ihn mit dem Rücken zur Wand, ein Bein zwischen seine beiden geschoben. Als wir vorübergehen, hören sie uns und drehen sich nach uns um. Beide sehen sie zerzaust und erhitzt aus. Zoey wackelt mit der Zunge in meine Richtung. Die glitzert wie ein Fisch in einer Höhle.
Ich lasse Jake los, um Zoeys Handtasche vom Sofa zu holen. Während alle mich ansehen und Kiffer ein träges Grinsen im Gesicht steht, wühle ich drin rum. Jake lehnt wartend am Türrahmen. Gibt er dem anderen das Daumen-hoch-Zeichen? Ich kann nicht hinsehen. Die Kondome kann ich auch nicht finden, weiß nicht mal, ob es eine Schachtel oder ein Päckchen ist oder wie sie überhaupt aussehen. In meiner Verlegenheit beschließe ich, die ganze Tasche mit nach oben zu nehmen. Wenn Zoey ein Kondom braucht, muss sie halt kommen und es sich holen.
»Gehen wir«, sage ich.
Hinter Jake gehe ich die Treppe rauf, konzentriere mich auf seinen Hüftschwung, um in Stimmung zu bleiben. Mir ist ein wenig komisch, schwindlig und eine Spur schlecht. Ich hätte nicht gedacht, dass mich hinter einem Typen die Treppe hochsteigen an Krankenhausflure erinnern würde. Vielleicht bin ich bloß müde. Ich versuche, mir die Übelkeitsregeln ins Gedächtnis zu rufen: so viel frische Luft wie irgend möglich, reiß ein Fenster auf, oder geh raus, wenn du kannst. Versuch es mit Beschäftigungstherapie – tu etwas, irgendwas, um dich davon abzulenken.
»Hier rein«, sagt er.
Sein Zimmer ist nichts Besonderes – ein kleiner Raum mit einem Schreibtisch, einem Computer, auf dem Boden verstreuten Büchern, einem Stuhl und einem Einzelbett. An den Wänden ein paar Schwarz-Weiß-Poster – hauptsächlich Jazzmusiker.
Er sieht mich an, wie ich mich in seinem Zimmer umschaue. »Du kannst deine Tasche hinlegen«, sagt er.
Er hebt schmutzige Wäsche vom Bett auf und schmeißt sie auf den Boden, zieht die Decke glatt, setzt sich und klopft den Platz neben sich flach.
Ich rühre mich nicht vom Fleck. Denn wenn ich mich auf dieses Bett setze, dann muss das Licht aus sein.
»Kannst du die Kerze da anzünden?«, frage ich.
Er zieht eine Schublade auf, fischt Streichhölzer raus und steht auf, um die Kerze auf dem Schreibtisch anzuzünden. Dann knipst er die Deckenlampe aus und setzt sich wieder.
Hier ist ein richtiger lebendiger Junge, der zu mir hochsieht und auf mich wartet. Das ist mein Augenblick, aber ich spüre ein Pochen in meiner Brust. Vielleicht komme ich hier nur durch, ohne von ihm für einen Volltrottel gehalten zu werden, indem ich so tue, als wäre ich jemand anderes. Ich entscheide mich für Zoey und knöpfe ihr Kleid auf.
Er sieht mir dabei zu, erst ein Knopf, dann zwei. Und fährt sich mit der Zunge über die Lippen. Drei Knöpfe.
Da steht er auf. »Lass mich das machen.«
Seine Finger sind flink. Er macht so was nicht zum ersten Mal. Ein anderes Mädchen in einer anderen Nacht. Ich wüsste gern, wo sie jetzt wohl ist. Vier Knöpfe, fünf, und das rote Minikleid rutscht mir von der Schulter auf die Hüften, fällt zu Boden und landet sanft zu meinen Füßen. Ich trete raus und stehe nur in BH und Slip vor ihm.
»Was ist das?« Stirnrunzelnd betrachtet er die knittrige Haut auf meiner Brust.
»Ich war krank.«
»Was hattest du?«
Ich verschließe ihm den Mund mit Küssen.
Seit ich so gut wie nackt bin, rieche ich anders – moschusartig und sexy. Er schmeckt anders – nach Rauch und etwas Verlockendem. Vielleicht Leben.
»Ziehst du dich nicht aus?«, frage ich in meiner besten Zoey-Imitation.
Mit erhobenen Armen zieht er sich das T-Shirt über den Kopf. Kurz kann er mich nicht sehen, aber ich ihn – seine schmale Brust, sommersprossig und jung, die dunklen Haarnester in seinen Achselhöhlen. Er wirft sein T-Shirt zu Boden und küsst mich wieder. Dann versucht er, seinen Gürtel aufzuschnallen, ohne hinzugucken, nur mit einer Hand, schafft es aber nicht. Also macht er sich los, lässt mich aber nicht aus den Augen, während er mit Knopf und Reißverschluss kämpft. Er steigt aus seiner Hose und steht in Unterhose vor mir. Vorübergehend wird er vielleicht unsicher, denn er zögert, wirkt schüchtern. Mir fallen seine Füße auf, unschuldig wie Gänseblümchen in ihren weißen Socken, und ich will ihm etwas schenken.
»Ich hab das noch nie vorher gemacht«, sage ich. »Das ganze Programm mit einem Typen.«
Die Kerze tropft.
Erst sagt er gar nichts, dann schüttelt er den Kopf, als könnte er es einfach nicht fassen. »Wow, das gibt’s doch nicht.«
Ich nicke.
»Komm her.«
Ich vergrabe mich an seiner Schulter. Es tröstet mich, so als könnte davon alles gut werden. Er schlingt einen Arm um mich und lässt den anderen meinen Rücken raufwandern, um meinen Nacken zu streicheln. Seine Hand ist warm. Vor zwei Stunden kannte ich noch nicht mal seinen Namen.
Vielleicht müssen wir nicht miteinander schlafen. Vielleicht können wir uns bloß hinlegen und kuscheln, eng umschlungen unter dem Federbett einschlafen. Vielleicht werden wir uns verlieben. Er wird eine Heilmethode ausfindig machen, und ich werde ewig leben.
Aber nein. »Hast du Kondome?«, flüstert er. »Meine sind alle.«
Ich taste nach Zoeys Tasche und kippe sie zu unseren Füßen auf dem Boden aus, und er greift zu, legt das Kondom auf dem Nachttisch bereit und zieht sich die Socken aus.
Langsam ziehe ich meinen BH aus. Noch nie habe ich mich einem Jungen nackt gezeigt. Er sieht mich an, als wollte er mich fressen und wüsste nur nicht, wo anfangen. Ich höre mein Herz wummern. Er kämpft damit, die Unterhose über seinen Ständer runterzuziehen. Ich ziehe meinen Slip aus und merke, dass ich zittere. Wir sind beide nackt. Ich muss an Adam und Eva denken.
»Ist schon in Ordnung«, sagt er, als er mich an der Hand nimmt und zum Bett führt, die Decke wegzieht und mit mir reinsteigt. Es ist ein Schiff. Es ist eine Höhle. Es ist ein Versteck.
»Es wird dir gefallen«, sagt er.
Wir küssen uns, erst langsam, während er mit den Fingern langsam die Konturen meiner Knochen nachzieht. Ich mag es – wie behutsam wir miteinander umgehen, wie sanft bei Kerzenschein. Aber lange hält das nicht an. Seine Küsse werden fordernder, er stößt rasch mit der Zunge, als könnte er nicht nah genug kommen. Jetzt werden auch seine Hände eifrig, er drückt und reibt an mir rum. Sucht er nach etwas Bestimmtem? Andauernd sagt er »o ja, o ja«, aber ich glaube nicht, dass er mich damit meint. Seine Augen sind geschlossen, den Mund hat er voll mit meiner Brust.
»Sieh mich an«, sage ich ihm. »Ich will, dass du mich ansiehst.«
Er stützt sich auf einen Ellbogen. »Was?«
»Ich weiß nicht, was ich machen soll.«
»Du machst das schon.« Seine Augen sind so dunkel, dass ich ihn nicht wiedererkenne. So als hätte er sich in jemand anderes verwandelt, wäre nicht einmal mehr der halbfremde Mann, der er noch vor ein paar Minuten war. »Es ist alles okay.«
Und wieder küsst er meinen Rücken, meine Brüste, meinen Bauch, bis sein Gesicht erneut aus meinem Blickfeld verschwindet.
Auch mit den Händen arbeitet er sich nach unten vor, und ich weiß nicht, wie ich ihm sagen soll, dass ich das nicht will. Ich rücke mit den Hüften von ihm ab, aber er hört nicht auf. Seine Finger zucken zwischen meinen Beinen, und ich schnappe vor Schreck nach Luft, weil das noch nie jemand mit mir gemacht hat.
Was stimmt nicht mit mir, dass ich nicht weiß, wie man so etwas macht? Ich habe gedacht, ich wüsste, was zu tun wäre, was passieren würde. Aber das hier findet ohne mich statt, so als würde Jake mich steuern, obwohl ich doch die Kontrolle haben sollte.
Ich klammere mich an ihn, schlinge ihm meine Hände um den Rücken und klopfe ihn dort wie einen Hund, den ich nicht verstehe.
Vorsichtig richtet er sich im Bett auf und setzt sich.
»Alles klar?«
Ich nicke. Er langt zum Tisch rüber, wo er das Kondom abgelegt hat. Ich sehe ihm zu, wie er es sich überzieht. Flink geht das. Er hat Übung.
»Bereit?«
Ich nicke wieder. Was anderes kommt mir unhöflich vor.
Er legt sich hin, spreizt meine Beine mit seinem, presst sich näher ran, sein Gewicht auf mir drauf. Bald werde ich ihn in mir spüren, und dann werde ich wissen, was die ganze Aufregung soll. Das hier war meine Idee.
Mir fällt eine Menge auf, während sich die roten Digitalziffern auf seinem Wecker von 3:15 bis 3:19 bewegen. Zum Beispiel, dass seine Schuhe umgekippt neben der Tür liegen. Dass die Tür nicht richtig zu ist. Dass ein merkwürdiger Schatten hinten in der Ecke an der Decke wie ein Gesicht aussieht. Ich denke an einen dicken Mann, den ich einmal schwitzen sah, als er unsere Straße langgejoggt ist. Ich denke an einen Apfel. Ich denke, ein sicherer Platz wäre unter dem Bett oder mit meinem Kopf auf dem Schoß meiner Mutter.
Auf seine Arme gestützt, bewegt er sich langsam über mir, das Gesicht zu einer Seite gedreht, die Augen fest geschlossen. Das ist es. Es passiert tatsächlich. Ich erlebe es jetzt. Sex.
Als es zu Ende ist, liege ich unter ihm und fühle mich vor allem still und klein. Ein Weilchen bleiben wir so liegen, bis er von mir runterrollt und mich im Dunkeln anstarrt.
»Was ist los?«, fragt er. »Stimmt was nicht?«
Weil ich ihn nicht ansehen kann, rücke ich näher an ihn ran, vergrabe mich tiefer, verstecke mich in seinen Armen. Ich weiß, dass ich mich total zum Affen mache. Ich heule ihn voll wie ein Baby, und ich kann nicht aufhören, es ist grässlich. Er fährt mir mit der Hand in Kreisen über den Rücken und flüstert mir »pst« ins Ohr, bis er mich schließlich vorsichtig von sich abhält, um mich ansehen zu können.
»Was ist? Du willst mir doch jetzt nicht etwa erzählen, du hättest es nicht gewollt, oder?«
Mit einem Deckenzipfel wische ich mir die Augen. Dann setze ich mich auf; meine Beine baumeln über die Bettkante auf den Teppich. Ich kehre ihm den Rücken zu und blinzle meine Kleider an, fremde Umrisse, die auf dem Boden rumliegen.
Als ich klein war, hat mein Vater mich huckepack genommen. Ich war so klein, dass er mich mit beiden Händen am Rücken festhalten musste, damit ich nicht umkippte, und trotzdem so groß, dass ich mit beiden Händen durch das Laub an Bäumen fahren konnte. Das könnte ich Jake nie erzählen. Es würde ihm überhaupt nichts bedeuten. Ich glaube nicht, dass Wörter Menschen erreichen. Vielleicht auch sonst nichts.
Ich krieche in meine Kleider. Das rote Kleid kommt mir kürzer denn je vor; ich ziehe es runter, versuche, meine Knie zu bedecken. Bin ich wirklich in diesem Aufzug in einen Club gegangen?
Ich schlüpfe in meine Schuhe, sammle den Inhalt von Zoeys Handtasche ein.
Jake sagt: »Du musst nicht gehen.« Er stützt sich auf einen Ellbogen. Seine Brust sieht bleich aus im flackernden Kerzenschein.
»Ich will aber.«
Er lässt sich wieder auf das Kissen fallen. Ein Arm hängt seitlich vom Bett runter; seine Finger sind gekrümmt, wo sie den Boden berühren. Ganz langsam schüttelt er den Kopf.
Zoey liegt unten auf dem Sofa und schläft. Der Kiffer ebenso. Zusammen liegen sie da, die Arme ineinander verschlungen, die Gesichter dicht nebeneinander. Ich ärgere mich, dass sie so gut damit klarkommt. Sie trägt sogar sein Hemd. Die süßen Knöpfe in kleinen Reihen daran erinnern mich an ein Zuckerhaus aus einem Bilderbuch. Ich knie mich neben sie und streichle ganz leicht über Zoeys Arm, der warm ist. Ich streichle sie, bis sie die Augen aufschlägt. Sie blinzelt mich an. »Hey!«, flüstert sie. »Schon fertig?«
Ich nicke, kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, was merkwürdig ist. Sie entwindet sich Kiffers Armen, setzt sich auf und sucht mit Blicken den Boden ab.
»Noch irgendwelcher Stoff da?«
Ich finde die Dose mit dem Dope und gebe sie ihr, gehe dann in die Küche und hole mir ein Glas Wasser. Ich habe gedacht, sie würde hinterherkommen, aber nein. Wie sollen wir mit dem Kiffer neben uns reden? Ich trinke das Wasser, stelle das Glas auf die Ablage und gehe zurück ins Wohnzimmer, wo ich mich zu Zoeys Füßen auf den Boden setze, während sie ein Zigarettenpapier anleckt und an ein anderes klebt, ein zweites anleckt, auch anfügt und das Überstehende abreißt.
»Und?«, fragt sie, »wie ist es gelaufen?«
»Okay.«
Ein Lichtstoß durch die Vorhänge blendet mich. Ich kann nur das Glänzen ihrer Zähne sehen.
»Hat er es gebracht?«
Ich denke an Jake oben, wie seine Hand über den Boden schleift. »Ich weiß nicht.«
Zoey inhaliert, sieht mich komisch an und atmet aus. »Man muss sich erst dran gewöhnen. Meine Mum hat mal gesagt, Sex wär bloß drei Minuten Lustgewinn. Ich hab mir gedacht, das soll alles sein? Ich will mehr davon haben! Hab ich auch. Wenn man sie in dem Glauben lässt, sie wären die Größten auf dem Gebiet, klappt es irgendwie ganz gut.«
Ich stehe auf, gehe zu den Vorhängen und ziehe sie weiter auf. Die Straßenlaternen leuchten noch. Es ist noch lange nicht Morgen.
Zoey fragt: »Hast du ihn da oben allein gelassen?«
»Sieht so aus.«
»Das ist nicht besonders nett. Du solltest zurückgehen und noch’ne Nummer schieben.«
»Ich will nicht.«
»Also nach Hause können wir noch nicht. Ich bin total zu.«
Sie drückt den Joint in dem Aschenbecher aus, legt sich wieder zu Scott und schließt die Augen. Ich sehe ihr eine Ewigkeit zu, wie sich ihr Brustkorb beim Atmen hebt und senkt. Eine Lichterkette an der Wand wirft sanftes Licht auf den Teppichboden. Ein Läufer liegt auch auf dem Boden, ein kleiner ovaler mit blauen und grauen Farbtupfern, wie das Meer.
Ich gehe in die Küche zurück und setze Wasser auf. Auf der Arbeitsplatte liegt ein Zettel, auf den jemand geschrieben hat: Käse, Butter, Bohnen, Brot. Auf einem Hocker am Küchentisch sitzend, ergänze ich die Liste mit Karamellschokolade, Sechserpack Sahnecremeeier. Die gefüllten Schokoeier wünsche ich mir ganz besonders, weil ich die so gern zu Ostern kriege. Bis Ostern sind es noch zweihundertsiebzehn Tage.
Vielleicht sollte ich ein bisschen realistischer sein. Ich streiche die Cremeeier aus und schreibe: Schokoladenweihnachtsmann in rot-goldener Folie, mit Glöckchen um den Hals. Den könnte ich ja wohl bekommen. Bis Weihnachten sind es hundertdreizehn Tage.
Ich drehe den Zettel und schreibe Tessa Scott
FÜNF
Manchmal fährt Dad mich und Cal sonntags Mum besuchen. Wir nehmen den Aufzug in den achten Stock, und normalerweise macht sie dann die Tür auf, sagt »hallo zusammen!« und schließt uns alle in ihren Blick ein. Dad bleibt meistens eine Weile in der Tür stehen, und sie unterhalten sich.
Aber als sie heute die Tür aufmacht, hat Dad es so eilig, von mir wegzukommen, dass er schon durch den Hausflur wieder den Lift ansteuert.
»Pass auf sie auf«, sagt er und zeigt mit dem Finger auf mich. »Auf die ist kein Verlass.«
Mum lacht.
»Warum, was hat sie getan?«
Cal kann vor Aufregung kaum an sich halten. »Dad hat ihr gesagt, sie darf nicht tanzen gehen.«
»Ah«, macht Mum. »Das sieht deinem Vater ähnlich.«
»Aber sie ist trotzdem gegangen. Sie ist vorhin erst nach Hause gekommen. Die ganze Nacht war sie weg.«
Mum schenkt mir ein liebevolles Lächeln. »Hast du einen Jungen kennengelernt?«
»Nein.«
»Und ob. Wie heißt er?«
»Stimmt ja gar nicht!«
Dad sieht wütend aus. »Typisch«, sagt er. »So verdammt typisch. Ich hätt’s wissen müssen, dass du mir in den Rücken fällst.«
»Ach, sei doch still«, sagt Mum. »Es hat ihr doch nicht geschadet, oder?«
»Sieh sie dir an. Sie ist total fertig.«
Alle drei nehmen sich kurz die Zeit, mich anzusehen. Wie ich das hasse. Mir ist scheußlich und kalt, und mein Bauch tut weh. Er tut weh, seit ich mit Jake geschlafen hab. Niemand hat mich davor gewarnt.
»Ich bin um vier wieder da«, sagt Dad, während er den Aufzug betritt. »Sie weigert sich seit fast zwei Wochen, ihr Blutbild kontrollieren zu lassen, ruf mich also an bei irgendwelchen Veränderungen. Kriegst du das auf die Reihe?«
»Ja, ja, keine Sorge.« Sie beugt sich vor und küsst mich auf die Stirn. »Ich pass auf sie auf.«
Cal und ich sitzen am Küchentisch, und Mum setzt den Kessel auf, fischt drei benutzte Teetassen aus der Spüle und wischt sie unter dem Wasserhahn aus. Sie holt Teebeutel aus einem Hängeschrank, Milch aus dem Kühlschrank und schnüffelt dran, schüttet Kekse auf einen Teller.
Ich stecke einen ganzen Mini-Doppelkeks auf einmal in den Mund. Es schmeckt köstlich. Billige Schokolade und der Energieschub durch Zucker.
»Hab ich dir je von meinem ersten Freund erzählt?«, fragt Mum, während sie den Tee auf den Tisch knallt. »Er hieß Kevin und hat bei einem Uhrmacher gearbeitet. Ich stand total drauf, wie konzentriert er mit diesem kleinen festgedrückten Okular vorm Auge gearbeitet hat.«
Cal nimmt sich noch einen Keks. »Wie viele Freunde hattest du insgesamt, Mum?«
Lachend schiebt sie ihr langes Haar über eine Schulter zurück. »Gehört sich so eine Frage?«
»War Dad der beste?«
»Ah, dein Vater!«, ruft sie und greift sich so theatralisch mit einer Hand ans Herz, dass Cal vor Lachen grölt.
Ich habe Mum einmal gefragt, was an Dad nicht gepasst hat. Sie hat gesagt: »Er ist der vernünftigste Mann, der mir je begegnet ist.«
Ich war zwölf, als sie ihn verlassen hat. Eine Zeit lang hat sie Ansichtskarten aus Orten geschickt, von denen ich noch nie gehört hatte – Skegness, Grimsby, Hull. Auf einer war das Foto von einem Hotel vorne drauf. Hier arbeite ich jetzt, hatte sie geschrieben. Ich lerne, wie man Konditormeisterin wird, und werde sehr dick dabei!
»Gut!«, hatte Dad gesagt. »Ich kann nur hoffen, dass sie verdammt noch mal platzt!«
Ich hängte ihre Karten bei mir im Zimmer an die Wand – Carlisle, Melrose, Dornoch.
Wir leben auf einem Gehöft wie die Hirten, schrieb sie. Hast du gewusst, dass man Luftröhre, Lunge, Herz und Leber von einem Schaf braucht, um die schottische Spezialität Haggis zu machen?
Das war mir neu, und ich wusste auch nicht, wen sie mit »wir« meinte, aber ich sah mir gern das Foto von John o’Groats mit dem weiten Himmel an, wie er sich über den Firth erstreckte.
Dann war der Winter da, und ich bekam meine Diagnose. Ich weiß nicht, ob sie es gleich geglaubt hat, weil sie eine Weile gebraucht hat, um umzukehren und den Rückweg zu finden. Als sie schließlich an unsere Tür klopfte, war ich dreizehn.
»Du siehst super aus!«, meinte sie, als ich aufmachte. »Warum muss dein Vater immer alles so viel düsterer ausmalen, als es ist?«
»Kommst du zu uns zurück?«, fragte ich.
»Nicht ganz.«
Und dann nahm sie sich ihre Wohnung.
Es läuft immer gleich. Vielleicht fehlt es am Geld, oder vielleicht will sie ganz sichergehen, dass ich mich nicht überanstrenge, aber am Ende sehen wir uns immer Videos an oder spielen Brettspiele. Heute entscheidet sich Cal für das Spiel des Lebens. Es ist Mist, und ich kann’s nicht. Zum Schluss habe ich einen Ehemann, zwei Kinder und eine Stelle in einem Reisebüro. Ich vergesse, eine Gebäude- und Hausratsversicherung abzuschließen, und als ein Unwetter kommt, verliere ich mein ganzes Geld. Cal hingegen wird ein Popstar mit einem Landhaus am Meer, und Mum ist eine Künstlerin mit ansehnlichem Einkommen und wohnt in einer noblen Villa. Als ich in Rente gehe, was früh passiert, weil ich immerzu Zehner würfle, mache ich mir nicht mal die Mühe, mein restliches Kleingeld zu zählen.
Als Nächstes will Cal Mum seinen neuen Zaubertrick zeigen. Er holt eine Münze aus ihrer Geldbörse, und während wir warten, ziehe ich die Decke von der Sofarückenlehne, und Mum hilft mir, sie mir über die Knie zu legen.
»Nächste Woche steht bei mir das Krankenhaus an«, erzähle ich ihr. »Kommst du mit?«
»Geht Dad nicht?«
»Ihr könntet beide mitkommen.«
Sie wirkt ein wenig verlegen. »Wozu musst du hin?«
»Ich hab wieder Kopfschmerzen gekriegt. Sie wollen eine Lumbalpunktion machen.«
Sie lehnt sich zu mir rüber und küsst mich, und ich spüre ihren warmen Atem auf dem Gesicht. »Es geht bestimmt gut, mach dir keine Sorgen. Ich weiß, dass es gut gehen wird.«
Cal kommt mit einer Pfundmünze wieder. »Sehen Sie ganz genau hin, meine Damen«, sagt er.
Aber ich will nicht. Ich habe die Nase voll davon, Dinge verschwinden zu sehen.
In Mums Schlafzimmer ziehe ich mein T-Shirt vor dem Schrankspiegel hoch. Ich habe mal wie ein hässlicher Zwerg ausgesehen. Meine Haut war grau, und wenn ich in meinen Bauch piekste, fühlte er sich an wie ein zu weit aufgegangener Klumpen Brotteig, und mein Finger verschwand in der weichen Masse. Das lag am Kortison. Hoch dosiertes Prednisolon und Dexamethason. Das sind beides Gifte, von denen man fett, hässlich und übellaunig wird.
Seit ich sie abgesetzt habe, laufe ich ein. Heute steht meine Hüfte scharf hervor, und meine Rippen lassen sich durch die Haut zählen. Wie ein Gespenst verziehe ich mich vor mir selber.
Auf Mums Bett sitzend, rufe ich Zoey an.
»Sex«, frage ich sie. »Was hat es zu bedeuten?«
»Du Ärmste«, sagt sie. »Du hast wirklich eine Nullnummer im Bett erwischt, was?«
»Ich versteh bloß nicht, warum ich mich so merkwürdig fühle.«
»Wie merkwürdig?«
»Einsam, und ich hab Bauchschmerzen.«
»Ach ja!«, sagt sie. »Daran kann ich mich erinnern. Als ob dich wer aufgeklappt hätte?«
»So ungefähr.«
»Das geht vorbei.«
»Warum ist mir andauernd zum Heulen?«
»Du nimmst es zu ernst, Tess. Sex ist nur eine Art, mit jemand zusammen zu sein, mehr nicht. Einfach, damit man sich warm hält und attraktiv fühlt.«
Sie hört sich komisch an, als ob sie lächelt.
»Bist du schon wieder bekifft, Zoey?«
»Nee!«
»Wo bist du?«
»Hör mal, ich muss gleich los. Sag mir, was als Nächstes auf deiner Liste kommt, und wir machen einen Plan.«
»Die Liste hab ich gestrichen. Die war dämlich.«
»Quatsch, die war geil! Lass sie nicht sausen. Endlich hast du was mit deinem Leben angefangen.«
Als ich aufgelegt habe, zähle ich im Kopf bis siebenundfünfzig. Dann wähle ich die 999.
Eine Frau meldet sich: »Notrufdienste. Welchen Dienst wünschen Sie?«
Ich sage nichts.
Die Frau fragt: »Gibt es einen Notfall?«
Ich antworte: »Nein.«
Sie sagt: »Bestätigen Sie bitte, dass kein Notfall besteht? Bitte geben Sie Ihre Adresse an.«
Ich verrate ihr, wo Mum wohnt, und bestätige, dass keine Not am Mann ist. Ob Mum jetzt wohl irgendeine Rechnung aufgebrummt kriegt? Hoffentlich.
Ich wähle die Auskunft und frage nach der Nummer der Samariter. Die wähle ich sehr langsam.
Eine Frau sagt: »Hallo.« Sie hat eine weiche Stimme, vielleicht irischer Akzent. »Hallo«, wiederholt sie.
Weil es mir leidtäte, ihre Zeit zu vergeuden, sage ich: »Alles ist ein Haufen Scheiße.«
Worauf sie einen kleinen glucksenden Laut hinten in der Kehle von sich gibt, der mich an Dad erinnert. Der hat vor sechs Wochen genau das gleiche Geräusch erzeugt, als der Facharzt im Krankenhaus uns fragte, ob wir verstanden, was er uns sagte. Ich weiß noch, wie ich dachte, Dad könnte es unmöglich verstanden haben, weil er zu viel weinte, um richtig hören zu können.
»Ich bin noch da«, sagt die Frau.
Ich will es ihr sagen. Ich presse mir den Hörer ans Ohr, denn um über etwas so Wichtiges reden zu können, muss man nah ranrücken.
SECHS
Dad nimmt meine Hand. »Gib mir die Schmerzen«, sagt er.
Ich liege am Rand eines Krankenhausbettes, die Knie zur Brust gezogen, den Kopf auf einem Kissen. Meine Wirbelsäule liegt parallel zum Bettrand.
Zwei Ärzte und eine Krankenschwester sind im Zimmer, auch wenn ich sie nicht sehen kann, weil sie hinter mir sind. Die eine Ärztin ist Studentin. Sie sagt kaum etwas, sieht aber bestimmt zu, wie der andere die richtige Stelle auf meinem Rückgrat findet und den Punkt mit einem Stift anzeichnet. Er bereitet meine Haut mit antiseptischer Lösung vor, die sehr kalt ist. Dort, wo er die Nadel einstechen wird, fängt er an und arbeitet sich dann in konzentrischen Kreisen nach außen vor, ehe er meinen Rücken mit Tüchern abdeckt und sich sterile Handschuhe anzieht.
»Ich werde eine Fünfundzwanzig-Gauge-Kanüle verwenden«, sagt er der Studentin. »Und eine Fünf-Milliliter-Spritze.«
An der Wand hinter Dads Schulter hängt ein Bild. In dem Krankenhaus werden die Bilder häufig ausgewechselt, das hier habe ich noch nie gesehen. Ich nehme es fest ins Visier. In den letzten vier Jahren habe ich allerlei Ablenkungsmethoden gelernt.
Auf dem Bild ist später Nachmittag über einem englischen Feld, die Sonne steht tief am Horizont. Ein Mann plagt sich mit einem schweren Pflug ab. Vögel stoßen im Sturzflug herab.
Dad dreht sich auf seinem Plastikstuhl um, weil er wissen will, was ich anstarre, lässt meine Hand los und steht auf, um das Bild zu betrachten.
Am hinteren Ende von dem Acker rennt eine Frau. Mit einer Hand rafft sie ihren Rock, um schneller laufen zu können.
»Die Große Pest erreicht Eyam«, verkündet Dad. »Was für ein aufmunterndes kleines Bild für ein Krankenhaus!«
Der Arzt gluckst vor sich hin. »Wussten Sie«, sagt er, »dass es immer noch dreitausend Fälle von Beulenpest jährlich gibt?«
»Nein«, antwortet Dad, »das ist mir neu.«
»Ein Glück, dass es Antibiotika gibt, was?«
Dad setzt sich und schaufelt meine Hand wieder mit seiner auf. »Ein Glück.«
Hühner stieben auf, wo die Frau rennt, und jetzt bemerke ich erst, dass ihr Blick voller Panik auf den Mann gerichtet ist.