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Dieser Band 14 der Evangelischen Perspektiven dokumentiert ein Symposium der Evangelischen Stadtakademie Bochum mit dem etwas sperrigen Titel: Bewusstseinswandel zu einer integralen Weltsicht. Quantentheorie - Naturverhältnis und nachhaltige Erdpolitik. Es fand bereits im Herbst 2018 an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen Lippe in Bochum statt, hat aber von seiner Aktualität bis heute nichts verloren. Seit mehr als zehn Jahren veranstaltete die Evangelische Stadtakademie die Themenreihe ÖkoSphäre - Perspektiven für eine neue Politik des Lebens. In dieser Reihe waren namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie lokale Entscheidungsträger eingeladen, ihre Erkenntnisse vorzutragen und zur Diskussion zu stellen. In dieser Reihe hatte auch dieses Symposium seinen thematischen Ort. Die aktuellen und sich als immer drängender abzeichnenden Auswirkungen unserer Lebens- und Wirtschaftsweise mit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche und (Ver-)Nutzung der natürlichen Ressourcen betreffen inzwischen nicht nur die Ökosysteme der Erde. Neben den umweltpolitischen Herausforderungen sind inzwischen auch die sozial-kulturellen und ökonomischen Folgen unseres Handelns evident. In der wechselseitigen Verstärkung von globaler Klimakrise mit vielfältigen Folgen, von Finanzkrisen und Demokratiegefährdungen liegen die bevorstehenden Gestaltungsaufgaben offen zu Tage. Diese Herausforderungen erfordern eine Bewusstseinsbildung und Verständigungsprozesse so grundlegender Art, dass deren Tragweite treffend markiert ist mit dem Titel eines Buches von Claus Leggewie und Harald Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Die historische Erfahrung zeigt, dass nur eine (Um)formulierung ethischer Forderungen nicht genügt, weil sie kaum Wirkung zeigen würde, denn: Unsere Notwendigkeit zu entscheiden, reicht weiter als unsere Fähigkeit zu erkennen. Dieser Satz scheint das Wesen der Postmoderne eindrucksvoll zu reflektieren und das Ethik-Dilemma auf den Punkt zu bringen. Er könnte schon Immanuel Kant zugeschrieben werden und dessen Frage: Was sollen wir tun?
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2020
Evangelische Perspektiven
Schriftenreihe der Evangelischen Kirche in Bochum in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stadtakademie Bochum
Weitere Informationen im Internet unter
www.stadtakademie.de/publikationen/ev-perspektiven.html
Heft 14:
Bewusstseinswandel zu einer integralen Weltsicht
Quantentheorie – Naturverhältnis und nachhaltige Erdpolitik
Dokumentation des Symposiums vom 24. – 25. November 2018 in der Evangelischen Stadtakademie Bochum
Herausgegeben von Arno Lohmann und Michael Colsman
ISBN 9783752627916
Evangelische Kirche in Bochum
Westring 26a, D -44787 Bochum
Telefon 0234 - 962 904-0
http://www.kirchenkreis-bochum.de
Das vorliegende Heft ist zu beziehen bei:
Evangelische Stadtakademie Bochum
Westring 26a, D -44787 Bochum
Telefon 0234 - 962904-661
http://www.stadtakademie.de
Vorwort
Arno Lohmann
Bewusstsein und Bewusstseinswandel aus interkultureller Sicht
Michael Colsman
Quantenphysik und neues Naturverständnis
2.1 Philosophische Anfragen an das Naturverständnis der Naturwissenschaften
Michael Drieschner
2.2 Quantentheorie und Bewusstsein. Die Evolution von Natur und Geist
Brigitte Görnitz und Thomas Görnitz
Umwelt und nachhaltige Erdpolitik
3.1 Wege zu einer Erdpolitik, Auftrag und Gefahr im Zeitalter des Menschen (Anthropozän)
Ernst Ulrich von Weizsäcker
3.2 „Gaias Vermächtnis. Plädoyer für eine Umsetzung der integralen Weltsicht“
Hans-Rudolf Zulliger im Gespräch mit Arno Lohmann
Leib, Sinne sowie Kunst in ihrer Bedeutung für Bewusstseinsentwicklung und -wandel
4.1 Der Leib und seine große Vernunft: Übungen zur Körperwahrnehmung und geistigen Sammlung
Johannes Soth
4.2 Landschaftsmalerei als Korrektiv moderner Naturentfremdung: Lorrain/Turner – Friedrich/Feininger – Monet/van Gogh
Hartmut Schröter
Anhang
Ansätze zu einem Gesprächsforum: Referenten in Frage und Antwort
Natur, du magst ein Stück entdeckt sein
in finstrer-lichter Zeit,
wo Verstand dich meint zu fassen
für zeitlose Ewigkeit.
Doch kannst du dich voll nur offenbaren
dem liebenden geisterfüllten Sinn,
für heile hellere Tage,
befreit von törichtem Ich-bin.
Denn göttlich Macht sich in dir zeiget,
so unschuldig, aber auch wahr;
indes hier tief sich noch alles sehnet,
bis einst du bist ganz da.
1 Gewidmet Georg Picht, 1913 – 1983, Pionierdenker der Ökologie, Verf. von: Der Begriff der Natur und seine Geschichte, Stuttgart: Klett-Cotta, 1985.
Dieser Band 14 der Evangelischen Perspektiven dokumentiert ein Symposium der Evangelischen Stadtakademie Bochum mit dem etwas sperrigen Titel: Bewusstseinswandel zu einer integralen Weltsicht. Quantentheorie – Naturverhältnis und nachhaltige Erdpolitik. Es fand bereits im Herbst 2018 an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen Lippe in Bochum statt, hat aber von seiner Aktualität bis heute nichts verloren. Seit mehr als zehn Jahren veranstaltete die Evangelische Stadtakademie die Themenreihe „ÖkoSphäre – Perspektiven für eine neue Politik des Lebens“2. In dieser Reihe waren namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie lokale Entscheidungsträger eingeladen, ihre Erkenntnisse vorzutragen und zur Diskussion zu stellen. In dieser Reihe hatte auch dieses Symposium seinen thematischen Ort.
Die aktuellen und sich als immer drängender abzeichnenden Auswirkungen unserer Lebens- und Wirtschaftsweise mit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche und (Ver-)Nutzung der natürlichen Ressourcen betreffen inzwischen nicht nur die Ökosysteme der Erde. Neben den umweltpolitischen Herausforderungen sind inzwischen auch die sozial-kulturellen und ökonomischen Folgen unseres Handelns evident. In der wechselseitigen Verstärkung von globaler Klimakrise mit vielfältigen Folgen, von Finanzkrisen und Demokratiegefährdungen liegen die bevorstehenden Gestaltungsaufgaben offen zu Tage. Diese Herausforderungen erfordern eine Bewusstseinsbildung und Verständigungsprozesse so grundlegender Art, dass deren Tragweite treffend markiert ist mit dem Titel eines Buches von Claus Leggewie und Harald Welzer: „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“3.
Die historische Erfahrung zeigt, dass „nur“ eine (Um)formulierung ethischer Forderungen nicht genügt, weil sie kaum Wirkung zeigen würde, denn: „Unsere Notwendigkeit zu entscheiden, reicht weiter als unsere Fähigkeit zu erkennen.“4 Dieser Satz scheint das Wesen der Postmoderne eindrucksvoll zu reflektieren und das Ethik-Dilemma auf den Punkt zu bringen. Er könnte schon Immanuel Kant zugeschrieben werden und dessen Frage „Was sollen wir tun?“.
Bei der Gestaltung des Symposiums leitete die Herausgeber die Grundannahme, dass ein kulturgeschichtlich entstandener tiefer Bruch zwischen „Natur“ und „Geist“ bzw. den entsprechenden Wissenschaften zu einer Naturentfremdung geführt hat und zu einem Bewusstsein, das als wesentliche Ursache für unsere modernen Probleme angesehen werden kann. Was aber ist mit „Natur“ und „Geist“ gemeint? Und welches „Bewusstsein“ brauchen wir für ein zukünftiges Miteinander auf dieser Erde?
Im ersten Beitrag „Bewusstsein und Bewusstseinswandel aus interkultureller Sicht“ (Teil 1) untersucht Dr. Michael Colsman die genannten Begriffe kultur- und geistesgeschichtlich und begründet anschließend die Notwendigkeit eines „integralen Bewusstseins“, wie zum Bei spiel im kulturanthropologischen Modell Jean Gebsers sowie bei Sri Aurobindo zentral ist.
Inzwischen ist deutlich geworden, dass weder Wissen allein noch eine immer effizientere Technik ausreichen, um die anstehenden Probleme zu lösen. Wissen ist in vielen Bereichen vorhanden. Technik lässt sich zur Lösung von Problemen einsetzen, kann aber ebenso zu deren Verursachung beitragen.
Im zweiten Vortrag dieses Bandes setzt sich Prof. Michael Drieschner als Physiker und Philosoph daher kritisch mit dem Naturverständnis der Naturwissenschaften auseinander. Er fragt im Zusammenhang mit der Quantentheorie nach der immanenten „Ontologie“ der klassischen Physik, quasi nach deren „Weltsicht“ mit dem dazugehörigen Determinismus, bis hin zur Ermöglichung der Atombombe. Mit Carl Friedrich von Weizsäcker fragt er kritisch nach den Möglichkeiten und Grenzen eines Bewusstseinswandels bzw. wie sich eine Verantwortung innerhalb der Naturwissenschaften begründen ließe.
Den thematischen Schwerpunkt des Symposiums bildete der quantentheoretisch-ganzheitsorientierte Ansatz des Quantenphysikers Prof. Thomas Görnitz und seiner Frau, der Psychologin und Psychoanalytikerin, Dr. Brigitte Görnitz. Sie erläutern das von Thomas Görnitz so genannte Konzept der „Protyposis“ als Grundprinzip der Quantentheorie und damit die Grundlage des Seins der Materie. Diese einfachste Quantenstruktur, die am geeignetsten mit dem Begriff „Information“ zu bezeichnen ist, bildet für die Eheleute Görnitz die Basis für eine zur Einheit führenden naturwissenschaftlichen Beschreibung sowohl der Materie als auch des Bewusstseins. Mit diesem Modell wird deutlich, wie untrennbar verwoben die Bereiche der Quantentheorie, und damit der Materie, und der Psychologie bzw. des Geistes im Grunde sind.
In unserem Zusammenhang interessierte uns die Frage, ob und inwiefern die Quantenphysik damit auch zu einem Bewusstseinswandel führen könnte, mit motivierenden Erkenntnissen für unser Weltbild mit seinen darin enthaltenen sozialen und ökonomischen Strukturen und Verhaltensweisen. Was bedeutet die Erkenntnis, dass Materie nur in offenen Prozessen und echten Zufällen zu beschreiben ist, für unser von Determinismus und materialistischer Welteroberung geprägtes Weltverständnis? Könnte sich aus den Erkenntnissen der Quantenphysik eine quasi mathematisch begründete Kritik an einem Denken ergeben, das Individualität und konkurrierendes Gegenüber betont statt untrennbarer Zusammengehörigkeit und damit einem „Entweder-oder-Prinzip“ folgt anstelle eines „Sowohl-als auch“?
Im dritten Teil des Symposiums fragten wir nach den praktischen Umsetzungen einer ganzheitsorientierten Weltsicht im globalen Rahmen für eine „nachhaltige Erdpolitik“. Dankenswerterweise ließ sich Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker, Biologe, Physiker und Ko-Vorsitzender des Club of Rome, gewinnen, der sein ein Jahr zuvor erschienenes Buch vorstellte: „Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen.“5. Es basiert auf dem aktuellen großen Zukunftsbericht des Club of Rome und stellt eine ernüchternde Aufklärung „für eine volle Welt“ dar. Neben dem hier (leicht abgeänderten) Manuskript steht sein Vortrag mit der dazugehörigen PowerPoint-Präsentation auch in der Mediathek der Stadtakademie zum Download bereit.6
Der Schweizer Nuklear-Physiker Dr. Hans-Rudolf Zulliger zeigte, dass die Welt ein lebendiges, wundersam komplexes Organ ist, das nur in seiner Ganzheit Leben in der heutigen Form ermöglicht. In einem Interview mit mir betonte er, wie die Erhaltung des Lebens in seiner Vielfalt eine integrale Weltsicht erfordert und neben dem nötigen Wissen das Bewusstsein verlangt, dass alles, was der Einzelne tut, alles Leben beeinflusst. Staunen, Demut und Dankbarkeit seien die entsprechenden Haltungen. Sein Plädoyer für eine integrale Weltsicht hat er in seinem kurz vor dem Symposium veröffentlichten Buch: „Gaias Vermächtnis“7 anschaulich dargelegt.
Der vierte Teil betont die grundlegende Rolle leiblicher und sinnlicher Erfahrungen für einen möglichen integrativen Bewusstseinswandel. Hier lud das Symposium ein zu Meditation und Erfahrungen mit der Kunst.
Die meditativen Anleitungen mit den theoretischen Grundlagen des Pädagogen und Gründers des Schulfachs K.E.K.S (Körperorientierte Entspannungs- und Konzentrations-Schulung) Johannes Soth werden hier dokumentiert.
Dr. Hartmut Schröter, Philosoph und Theologe, zeigt mit Werken der Landschaftsmalerei in der Gegenüberstellung von Lorrain und Turner – C.D. Friedrich und Feininger – Monet und van Gogh wie diese Künstler je unterschiedlich im Gegensatz zu einer wissenschaftlichen Objektivierung der Natur und ihrer technischen Nutzbarkeit beeindruckende Korrektive bieten. Sein Vortrag ist ein überzeugendes Beispiel, wie die Naturentfremdung, die die Moderne bestimmt, in der sinnlichen Anschauung der Kunst überwunden wird.
Zu diesem Teil gehörten auch die kreativen musikalischen Beiträge mit „Klängen aus Steinen“ des Klangkünstlers Stephan Roth, die zur Einstimmung und zum Ausklang der Tagung zu hören waren. Leider können sie hier nicht dokumentiert werden.
Im Anhang dieses Bandes dokumentieren wir ein Gesprächsforum mit kritischen Fragen an die Referenten von Prof. Dr. Peter Dörre (Iserlohn), Prof. Dr. Herbert Pietschmann (Wien) und Dr. Michael Colsman (Bochum).
Ich danke der Referentin und den Referenten für ihre Beiträge und für ihre Geduld bis zur Herausgabe. Ich danke der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und ihrer Rektorin, Prof. Dr. Dr. Sigrid Graumann, für die großzügige Gastfreundschaft sowie den Mitarbeitenden der Hochschule für den Service während des Symposiums. Ein Dank gehört Herrn Dr. Florian Dittrich aus Dortmund für wertvolle inhaltliche Anregungen und seine Moderation des Vortrags zur Quantentheorie von Dr. Brigitte und Prof. Dr. Thomas Görnitz. Mein besonderer Dank gehört Dr. Michael Colsman für seine Anregung zu diesem Symposium, für seine maßgeblichen inhaltlichen Impulse und für die Mitherausgeberschaft dieses Bandes.
Der doppeldeutige Titel des Buches von E.U. von Weizsäcker mag als Schluss- und Handlungsimpuls angemessen sein:
„Wir sind dran!“
Bochum, Oktober 2020
Arno Lohmann
2www.stadtakademie.de/veranstaltungsreihen/details.html?rid=4
3 Claus Leggewie, Harald Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie, 2009.
4 Deutung und Geschichte des Zitats haben in der deutschen Politik eine lange Geschichte, Michael von Brück: Interkulturelles Ökologisches Manifest, 2020, S. 24.
5 Buchempfehlung: „Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“, siehe Seite 212.
6https://www.stadtakademie.de/mediathek/details.html?sid=4749
7 „Eine biozentrische statt einseitige anthropozentrische Sicht bietet uns bessere Überlebenschancen. … Allerdings muss die Anpassung angesichts der Dringlichkeit wesentlich schneller als bisher ablaufen. Es braucht eine persönliche Betroffenheit und Gefühle der Empathie sowie die Wertschätzung unserer Natur, um zu handeln“, Seite 76 f. Buchempfehlung: Gaias Vermächtnis“, siehe Seite 211.
Zusammenfassung:„Bewusstsein“ hat im Deutschen seit seiner Prägung im 17./18. Jh. bis heute eine einseitig rationalistische Bedeutung. Dennoch gibt das damit gemeinte z.B. in Philosophie und Bewusstseinsforschung immer noch Rätsel auf. Der Vortrag versucht deshalb, auch im interkulturellen Bezug zu asiatischen, d.h. indischen Traditionen, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Insgesamt skizziert er im Sinne des Symposium-Themas Horizonte eines integralen Bewusstseins, wie sie z.B. im kulturanthropologischen Modell Jean Gebsers sowie bei Sri Aurobindo zentral sind. Besonders das ganzheitsorientierte Bewusstseinsmodell Sri Aurobindo ist bei aller Bedeutung, die die Wandlung des Menschen zum Göttlichen hin dabei hat, nicht anthropozentrisch, sondern kosmisch zu verstehen.
Zur Person:Dr. phil. Michael Colsman (Bochum), M.A. (Tibetologie, Indologie; Philosophie), Dipl.-Psych., ist niedergelassener Psychotherapeut und arbeitet vor allem zu den Bereichen: „Bewusstsein“, ganzheitsorientierte Lebens- und Denkmodelle, Ethik, Buddhismuskunde, interreligiöser Dialog. Entsprechend schrieb er seine Promotion zum Thema „Bewusstsein, konzentrative Meditation und ganzheitsorientiertes Menschenbild“.
Das Interesse des Vortragenden an einem Symposium zum Verhältnis von „Natur und Bewusstsein“ überkreuzte sich gewissermaßen „zufällig“ mit dem des Leiters der Evangelischen Stadtakademie. Denn geplant war eine entsprechende Tagung eigentlich erst für nächstes Jahr. Das Thema ist Neuland und bedeutet eine gewisse Herausforderung. Es sollte darum gehen, naturwissenschaftliche Sichtweisen und Anschauungen von „Geist“ bzw. „Bewusstsein“ zu integrieren. Im Abendland war die Trennung von Subjekt und Objekt, Geist und Natur schon bei Plato8 sowie – mit Abwandlungen9 – bei Aristoteles angelegt. Sie klaffte aber in der Neuzeit vor allem seit Descartes und seinen Interpreten zunehmend unversöhnlich auseinander, dies mindestens in methodologisch erkenntnistheoretischer Hinsicht. Jedoch verhielt sich Descartes bei aller schroffen dualistischen Abspaltung der denkenden von der ausgedehnten Substanz durchaus nicht konsequent.10
Betrachtet man die Haltung des Menschen zu Natur und Geist in der Geschichte, so lässt sich Folgendes skizzieren:
Die mythische Zeit versuchte das unerklärliche natürliche und seelisch-geistige Geschehen auf göttliche Mächte zurückzuführen. Um die von Karl Jaspers so genannte Achsenzeit zwischen ca. 800 bis 200 v. Chr. lösten indessen wachsend rationalere Sichtweisen von Natur und Mensch mythische Vorstellungen ab. Dies geschah v.a unter dem Einfluss der Philosophie und den aufkommenden Wissenschaften. Die Philosophie blieb dabei bis in die Neuzeit eine Art Überwissenschaft. Die Einzeldisziplinen verselbständigten sich zunehmend. Umstürzende Erkenntnisse gewisser Wissenschaften, wie der Physik, Biologie und Psychologie führten nicht selten zu einem überspannten Physikalismus, Biologismus oder Psychologismus. Andererseits lehnte sich die Philosophie in Anbetracht von derartigen rasanten Entwicklungen oft an solche Wissenschaften an; oder sie bemühte sich, wie z.T. in der Existenzphilosophie, ihre eigenen Ursprünge wiederzufinden.
Einen schwierigen Stand hatte die Offenbarungsreligion: Der fortschreitende Empirismus entzog der dogmatischen und metaphysischen Spekulation zunehmend den Boden. Wie ließe sich so in Anbetracht der kurz nachgezeichneten abendländischen Geistesgeschichte der tiefe Bruch zwischen Natur und Geist bzw. den entsprechenden Wissenschaften überwinden? Denn er hat doch schwerwiegende Folgen für die globale Umweltsituation heute und in Zukunft. Die Selbsterkenntnis und Verantwortungsfähigkeit der Menschen hält mit den Entwicklungen der objektivistisch-funktionalen Wissenschaften und der Technik kaum Schritt.
Nach diesem knappen einleitenden Überblick komme ich zu meinem Vortrag: Bewusstsein und Bewusstseinswandel aus interkultureller Sicht. Zunächst muss es um eine Klärung des schillernden Bewusstseinsbegriffs gehen. Wenn heute im philosophischen und wissenschaftlichen Diskurs von „Bewusstsein“ gesprochen wird, so ignoriert man dabei meist, dass es sich im Deutschen um einen relativ jungen Begriff handelt. Denn erst um 1720 hat ihn der rationalistische Philosoph Christi an Wolff (Abb. 1) als Kunstwort für die philosophische Fachsprache geprägt.
Abb. 1: Christian Wolff (geadelt: Freiherr von) 1679 – 1754, prägte in seiner 1719 erschienenen Metaphysik den deutschen Begriff „Bewusstsein“ („Bewußt sein“) als Kunstwort der philosophischen Fachsprache.
Im Altgriechischen und Lateinischen sowie Englischen und Französischen haben die entsprechenden Bezeichnungen für „Bewusstsein“ auch die ethische Bedeutung von „Gewissen“, die im Deutschen fehlt. „Bewusstsein“ ist also von seiner rationalistischen Herkunft her in unserer Sprache eher wert- und zweckfrei konzipiert. Man denke an das wissenschaftlich apperzeptive „Bewusstsein überhaupt“ bei Kant. Diese deutsche rationalistische Fassung des Bewusstseinskonzepts ist zwar verhängnisvoll einseitig, aber auch sehr fruchtbar gewesen.11
Viele Sprachen besitzen indessen gar kein Wort für „Bewusstsein“.
Die Provenienz des deutschen Begriffs „Bewusstsein“ im Spannungsfeld des kontinentalen Rationalismus und des angelsächsischen Empirismus lässt sich ferner folgendermaßen verdeutlichen:12
Descartes (1596 – 1650), der meist von „Denken“ (frz. pensée, lat. cogitatio), selten von „Bewusstsein“ („conscience“) spricht, nimmt zwar noch eine unveränderliche „Seele“ an, die er manchmal gleichbedeutend mit „Geist“ oder „Ich“ verwendet. Sie sei aber nur mittelbar über ihr konstitutives Attribut erkennbar (sogenannter attributiver Bewusstseinsbegriff). Sein Verständnis von „Bewusstsein“ ist indessen gegenüber seiner statisch rationalen Seelenvorstellung eher dynamisch gedacht, insofern Wissen und Wollen darin zusammen gehen.13
Empiristisch orientiert, leugnet John Locke (1632 – 1704) zwar eine dem „Bewusstsein“ zugrundeliegende Seelen- und Selbstsubstanz nicht, hält sie aber für unerkennbar ([rein] akzidenteller Bewusstseinsbegriff). Für David Hume (1711 – 1775) gibt es dann, wie schon zuvor bei Thomas Hobbes (1588 – 1679), „keine Kraft der Seele mehr“14. Ihm gilt der menschliche Geist nur als ein Bündel von schnell sich wandelnden Vorstellungen.15 „Perzeption“ ist sein Oberbegriff zu allen psychischgeistigen Erfahrungen (aktualistischer Bewusstseinsbegriff). Gegenüber einem starren rationalistischen Begriff einer unveränderlichen „Seele“ neigt der Empirismus einseitig dazu, die prozessual-phänomenal bewussten Aspekte des Psychisch-Geistigen zu betonen. Dabei geraten aber die potentiellen, zuständlichen und strukturellen Aspekte des Psychischen, z.B. der Charakter oder Gedächtnisdispositionen, leicht aus dem Blick.
Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) dagegen schließt in seine psychologisch bedeutsame Erkenntnis- und Monadenlehre auch geringfügige, unmerkliche, d.h. weniger oder nicht bewusste Wahrnehmungen mit ein. Und er ergänzt die perzeptiv-apperzeptive Seite der Bewusstwerdung durch eine appetitive, d.h. affektiv-voluntative. Er bleibt aber dennoch z.B. in seiner Ausrichtung auf die klar-deutliche Erkenntnis der Apperzeption dem einseitigen kontinentalen Rationalismus seiner Zeit verhaftet16 (voluntaristischer bzw. apperzeptiver Bewusstseinsbegriff, später auch bei W. Wundt).
Immanuel Kant (1734 – 1804) strebte eine Integration von Rationalem und Empirischem an; dies zeigte sich etwa in der Neuinterpretation der Bezeichnungen „Verstand“ und „Vernunft“: Anders als im Mittelalter bis zur Schwelle der Aufklärung bezieht sich nach ihm „Verstand“ auf die „Erfahrung“ im Bereich der Sinneseindrücke und kategorialen Denkformen. „Vernunft“ integriert die Daten solcher Erfahrung aufgrund von Ganzheiten, d.h. vor allem in Hinsicht auf Ideen und metaphysische Begriffe über Sinnliches hinaus.
Die genannten rationalen Sichtweisen der Seele bzw. des „Bewusstseins“ tendieren – bei aller Annahme eines intuitiven oder symbolischen Erkennens – z.T. dazu, einen einseitigen Aufstieg zu höherer distinkter Erkenntnis anzunehmen. Entsprechend wird die Sinneswahrnehmung als obskur oder konfus abgewertet. Alexander Gottlieb Baumgarten (1714 – 1762), der als Begründer der neuzeitlichen abendländischphilosophischen Ästhetik gilt, wollte dementgegen die Sinneswahrnehmung als ein klar konfundiertes Erkenntnisvermögen aufwerten. Die in ihr erkannten Merkmale der Dinge sind ihm zufolge eher verschmolzen, bezogen oder – noch positiver – „bunt“17 zu denken.
Bei aller Deutlichkeit der mental-rationalen Erkenntnis eines Gegenstandes in Abhebung zu allen anderen Objekten findet sich früh die Einsicht, dass das entsprechende apperzeptive „Bewusstsein“ nicht umfassend, also unvollkommen ist: „Die rationalistische Apperzeption produziert nämlich eine Art „Schatten“ für die Mitwahrnehmung der zugleich auftretenden weniger bewussten Perzeptionen. Weil aber der Geist in jedem Augenblick nur den apperzeptiven Perzeptionen zugewandt ist, glaubt er gar keine anderen Perzeptionen mehr zu haben.“18 Eine ähnliche Ausblendungsfunktion schreibt etwa Georg Friedrich Meier (1718 – 1777) in gewisser Hinsicht dem Abstraktionsvermögen im Gegensatz zur lebhaft bewusst machenden Aufmerksamkeit zu: „Von einer Vorstellung abstrahieren, heißt sie verdunkeln“19. In einem allgemeinen Sinn kann man auch Wolffs „großes Prinzip der Erfahrung“ (magnum principium experientiae) hier anführen: „die stärkere Perzeption verdunkle (verdränge) die schwächere.“20
So ist auch der in den neuzeitlichen Zivilisationen fraglos vorherrschende mental-rationale, d.h. wissenschaftsorientierte Schwerpunkt des Bewusstseins letztlich nur denkbar auf der Grundlage eines Unterbaus von un- und unterbewussten Faktoren, ja einschließlich des Physischen und der Umwelt; mehr noch, es erfährt das Un- oder Unterbewusste nicht selten in einer störenden Gegensatzspannung zu seiner Rationalität. Und bei Verlust von oder Mangel an umfassenderen Vermögen, wie der sittlichen Vernunft oder Weisheit, kann das eher unpersönliche Geltung beanspruchende rationale Bewusstsein sich zusehends zersplittern oder willkürlich funktionalisiert werden. Solche eigenläufig ausartenden „defizienten“21 Seiten des bloß auf sich gestellten Mental-Rationalen hat später auch Georg Friedrich Hegel (1770 – 1831) kritisiert: der Kampf der Vernunft bestehe darin, das, was der Verstand fixiert hat, – Fixieren, Festlegen, Isolieren, gleichsam Töten ist sein wesentliches Tun – aufzulösen und zu einer lebendigen Einheit zu bringen.22 Und Friedrich Wilhelm Schelling (1775 – 1854) bezeichnet den auf sich selbst und seine funktionale Welt reduzierten Verstand seinem Wesen nach als „Klarheit ohne Tiefe“ und man könnte hinzufügen: „Breite ohne Einheit“.23
Kann so gesehen das jeweilige seinem Schwerpunkt nach mentalrationale Bewusstsein des Einzelnen oder eines Kollektivs schon das eigentliche oder umfassendste Bewusstsein sein?
Wohl kaum! Dies wird besonders plausibel: wenn man z.B. mit Jean Gebser (1905 – 1973) den kulturgeschichtlichen Wandel des Bewusstseins über die Zeiten betrachtet; oder wenn man interkulturell aufgrund von Meditation veränderte Bewusstseinszustände mit dem alltäglichen Normalbewusstsein vergleicht. Denn bei tiefen meditativen Erfahrungen sind Störungen seitens unbeherrschter Regungen z.B. aus dem Un- oder Unterbewussten zeitweise zurückgedämmt oder schließlich möglicherweise ganz gewandelt. Dann wird das Bewusstsein sich immer reiner, aber u.U. auch ganzheitsbezogener auf den Menschen und die Welt hin seiner selbst bewusst. Derartige Ansätze zu einem übernational bzw. interkulturell zu wendenden mehrdimensionalen, ja universalen Bewusstseinsbegriff sollen nun kurz mit Blick auf einen möglichen Wandel zu einem integralen Bewusstsein des Menschen besprochen werden:
Ich gehe dabei zunächst vom Abendland aus: Der Kulturanthropologe deutscher Herkunft, Jean Gebser, hat anhand von kulturgeschichtlichen Dokumenten fünf Entwicklungsepochen des „Bewusstseins“ über die Menschheitsgeschichte herausgearbeitet (Abb. 2, s. S. 22).
Zumal sich diese Epochen mit Abwandlungen in der Einzelentwicklung vom Kind zum alten Menschen wiederholen, erscheint mir deren Analyse anregend für eine offene Anthropologie, die den Menschen nicht auf die eine oder andere Dimension seines Seins und Bewusstseins reduziert. Das entsprechende ganzheitsorientierte Menschen- und Weltbild kommt verdichtet in der von Gebser skizzierten integralen Stufe („Mutation“) des Bewusstseins zum Ausdruck, die sich im 20. Jh. ankündigt. Die früheren Bewusstseinsschwerpunkte sind darin verwandelt und – quasi im Hegelschen Sinne – „aufgehoben“, d.h. zugleich bewahrt, überwunden und auf höherer Ebene integriert. So kann das Modell Gebsers helfen, jenseits moderner oder postmoderner Zerstreuungen in Überinformation einen mehrdimensionalen integralen Horizont offenzuhalten. Es vermeidet so einen heillosen Bruch mit der Geschichte, verführt aber auch nicht zu Regressionen ins Vergangene.24 Leider kann ich hier nur exemplarisch auf einige wenige Aspekte des differenzierten Gebserschen Modells eingehen, die einen möglichen integrativen Wandel des Bewusstseins heute betreffen.25
Abb. 2
Während das primär mental-rational zentrierte Bewusstsein dreidimensional auf den perspektivisch-gegenständlich in kleinen Ausschnitten erfassten Raum hin orientiert ist, kommt im integralen, gleichsam „vierdimensionalen“ Bewusstsein das Durchlässigwerden für das Geistige selbst hinzu: Der Mensch ist hier nicht mehr vor allem „ichhaft“ in seinem Subjektstand, sondern „ichfrei“, d.h. wenn angemessen, fähig aus Ichstärke zu handeln, aber auch in der Lage, sein mentales Ego zu relativieren. Im Spirituellen erweitert sich die Vorstellung eines rational-dogmatisch verstandenen Gottes zur tiefen existentiellen Erfahrung der Gottheit auf dem Grunde des Seins und Lebens. Übrigens: Gebser nimmt in seiner integralen Weltsicht auch ausdrücklich Bezug auf neuere Entwicklungen, zum Beispiel in Quantenphysik, Biologie und Psychologie.26
Da ich im Rahmen des Vortrags leider buddhistische Differenzierungen des Bewusstseins auf grober, subtiler und sehr subtiler Ebene nicht besprechen kann, erörtere ich im Folgenden ersatzweise einige Aspekte des integrativen Bewusstseins bei einem neuzeitlichen indischen Denker:
Es handelt sich um einen zweiten großen Anreger des Integralen, den in England aufgewachsenen indischen Dichter und Yogaphilosophen Sri Aurobindo (1872 – 1950). Er hat zusammen mit seiner Gefährtin Mira Alfassa (1878 – 1973) den Integralen Yoga, d.h. etwa „ganzheitsorientierten spirituellen Übungsweg“, begründet. Sri Aurobindo denkt eher evolutionär. Neben einer physischen, vitalen und mentalen Evolution aus der Involution von unten kennt er allerdings auch Impulse einer Evolution von oben. In unserer Zeit sieht er z.B. über die mentale Evolution des Menschen von unten hinaus eine integrale „supramentale“ Intelligenz herabkommen. Möglicherweise mag sie die komplexen globalen Probleme der Menschheit besser lösen als das Mental-Rationale allein.27 Sri Aurobindo und vor allem Mira Alfassa haben dazu im Geist dieses Ansatzes in Pondicherry und Auroville (Südostindien) zwei größere, international geförderte Gemeinschaften begründet. Leider kann ich hier auch zum Integralen Yoga nur einige Aspekte andeuten. Über einen „spirituellen Übungsweg“ (Yoga28) kann der Mensch sein enges innerweltlich-natürliches Bewusstsein weiten und intensivieren, nämlich:
1. vom innersten seelischen Personzentrum her kraft Glaubens und liebender Hingabe (Bhakti-Yoga);
2. von oben, d.h. höheren, noch „mental“ bedeutsamen Geistebenen her im Yoga umfassenderer Erkenntnis (Jñāna-Yoga);
3. nach außen durch leibhaftes Handeln und Verwirklichen in der Welt (Karma-Yoga).
Ich erläutere diese drei Stufen bzw. Aspekte des Integralen Yoga kurz komprimiert anhand des komplexen Modells Sri Aurobindos. Jedes geglückte Bemühen um Weitung und Wandlung des Bewusstseins muss vom „normalen“ Alltäglichen ausgehen und souverän wie der dazu zurückkehren können (Abb. 3a: Modell der innerweltlichen Normalpsychologie).
Abb. 3a: Modell der innerweltlichen Normalpsychologie
Mit der ersten, d.h. „seelischen Wandlungsstufe“ (Abb. 3b, links) geht eine grundlegende Läuterung vor allem des Vitalen, Gefühlsmäßigen, einher. Sie gewährt einen gewissen Schutz in geistigen Dingen (Abb. 3b, „Zwischenzone“).
Abb. 3b: „Seelische Wandlung“ vom Innersten (Gemüt) her
Mit dieser Stufe ist eine zunehmende natürliche Sammlung verbunden, die auch gesondert vertiefend geübt werden kann. So erschließt sich im „subtilen Bewusstsein“ der feinstoffliche Innenleib und ein entsprechendes „Umgebungsbewusstsein“ (der Aura) (Abb. 3c).
Abb. 3c: Erschließung subtiler Aspekte des Bewusstseins infolge meditativer Übung
Auf der zweiten Stufe, der sog. „spirituellen Wandlung“ wird vor allem das gewöhnliche Mentale geistig geweitet und transformiert (Abb. 3d, vier Stufen über dem Normalbewusstsein in der Mitte). Jeder Aufstieg ist dabei in der Regel mit einem nachfolgenden Herabkommen verbunden, wobei besonders auf höchster, noch mental-geistiger Ebene des Obermentalen eine Öffnung zum „Kosmischen Bewusstsein“ erfolgt.
Abb. 3d: Entfaltung der höheren mentalen Geistebenen (2 – 5)
Auf der dritten Stufe, der sog. „supramentalen Wandlung“ (Abb. 3e, oben 1.) wird das Mentale überschritten, aber zugleich der ganze Mensch, vor allem auch das Physische und Unterbewusste29, (Abb. 3e, unten) transformiert. Damit eröffnet sich eine neue, über das Mentale hinausgehende evolutionäre Möglichkeit, die auch zu ungehindertem heilsamen30 Handeln und Verwirklichen in der Welt in vollstem Sinn befähigt (Abb. 3e, rechts).
Abb. 3e: Gesamtmodell der Entwicklung des Bewusstseins im integralen Yoga
Der Integrale Yoga integriert also all diese traditionellen Yogawege stufenweise. Das in der Evolution herabkommende Supramentale ist jedoch kaum mehr hinreichend begrifflich-rational darzustellen. Es drückt sich aber gleichsam in einer neuen Sprache aus. Der letztliche Aufstieg zu ihm bzw. sein volles Herabkommen ins „Erdbewusstsein“ ist für Sri Aurobindo zunächst eine Aufgabe von dazu gereiften Pionieren. Dennoch gehen mit ihm in der Menschheit auch Ausweitungs- und Wandlungsprozesse z.B. auf höheren Ebenen des noch mentalen Bewusstseins einher. Bei aller Abgehobenheit des Postulats eines neuen evolutionären, supramentalen Bewusstseinshorizonts ist es in unserer Zeit spürbar, dass in vielen Bereichen des Lebens eine Weitung, Intensivierung und Integration des Bewusstseins stattfindet, auch und vor allem im alltäglichen Tun und Bewusstsein (s. Abb. 3a, S. 23). Dies kommt vielleicht heute im Abendland auch in der hohen Aktualität von „Achtsamkeitsübungen“31 zum Ausdruck. Doch gehen bei einer bloß säkularen Übernahme von Übungen aus den großen Weltreligionen nicht selten grundlegende Aspekte einer integrativen Spiritualität verloren, vorab Gemütswerte und der Glaube.
Kurz sei noch erwähnt, dass z.B. indische Sprachen, wie das Sanskrit, eine größere Zahl von Ausdrücken für „Geist“ und „Bewusstsein“ kennen als abendländische Sprachen. Ferner denkt Sri Aurobindo in hinduistischer Tradition alles Seiende – potentiell oder aktual – vom Geistigen bzw. vom „Bewusstsein“ her. Sein Bewusstseins-Begriff ist also viel weiter als der deutsche, vorwiegend mental-rationale, wie ich ihn eingangs skizziert habe, ja er umfasst sogar das latente „Bewusstsein“ (inconscient) in der Materie und im Biologischen bei der Evolution von unten.
Blicken wir zurück auf das Gesagte, so lässt sich festhalten:
Der mental-rationale Verstand und das entsprechende Bewusstsein hat in den menschheitlichen Zivilisationen außerordentlich große Früchte hervorgebracht und wird sie hervorbringen. Es kann also, auch bei einem integrativ erweiterten Bewusstsein, nicht darum gehen, das rationale Bewusstsein abzuwerten oder in seiner Kraft zu mindern. Doch bedarf es einer integrativen Aufklärung, einer größeren Vernunft, die in vielem differenzierter ist als der bloß rationale Verstand.32 Insofern handelt es sich bei einem integralen Bewusstsein und der entsprechenden existentiellen Verfassung keineswegs um ein nivellierendes modisches Postulat,33 einen New-Age-Mystizismus oder eine Regression zu früheren Bewusstseinsstufen.
Mir scheint, dass die bedeutenden Anreger eines integralen Denkens und Umsetzens, von denen ich nur einige beispielhaft genannt habe, wegweisende Impulse in einer orientierungslosen hochproblematischen Zeit gegeben haben. Auch der Dialog der kontemplativen Traditionen des Abendlandes und Asiens mit der Quantentheorie mag zu einem neuen ganzheitsorientierten Welt- und Menschenbild beitragen. Insgesamt lässt sich so der schroffe unversöhnliche Dualismus zwischen Geist und Natur ein Stück weit seinen förderlichen Potenzialen nach einlösen und aufheben.
Ich wünsche den Teilnehmenden an diesem Gesprächsforum einen regen Austausch und danke allen, die am Zustandekommen der Tagung bzw. Publikation beteiligt waren.
Alexander Gottlieb Baumgarten. Meditationes philosophicae de non-nullis ad poema pertinentibus. 1735.
Aurobindo, Sri: Der integrale Yoga. Mit einem Essay von Otto Wolff. Hamburg: Rowohlt, 1977.
Colsman, Michael: Bewusstsein, konzentrative Meditation und ganzheitsorientiertes Menschenbild. Bochum: FGL-Verlag, 2. Aufl., 2015. (Diss. Fak. Mathematik und Naturwissenschaft, Fachbereich Psychologie, Univ. Oldenburg 2011).
Dörner, Dietrich et al.: Lohausen: Vom Umgang mit Komplexität. Bern 1983.
Drieschner, Michael: Carl Friedrich von Weizsäcker – Eine Einführung. Pößneck: Junius/Panorama, o.J.
Enomiya-Lassalle, Hugo M.: Wohin geht der Mensch? Zürich: Benziger Verlag 1981.
Flasch, Kurt: Die Metaphysik des Einen bei Nikolaus von Kues. Leiden: E.J. Brill, 1973, Habilitationsschrift.
Gebser, Jean: Abendländische Wandlung. Berlin/Zürich: Ullstein, 1963.
Ders.: Asien lächelt anders. (1968) In Band VI der Gesamtausgabe bei Novalis, 1976f. Später auch unter dem Titel Asienfibel.
Ders.: Wandlung des Bewusstseins. Tonkassette des Radio Vatikan, Nr. 124.
Ders.: Ursprung und Gegenwart. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1966/1971 (1. Aufl. 1949ff, bzw. im Rahmen der Gesamtausgabe: Schaffhausen: Novalis, 1977/1999).
Görnitz, Thomas: Carl Friedrich von Weizsäcker – Ein Denker an der Schwelle zum neuen Jahrtausend. Herder: Freiburg/Br., 1992.
Gopnik. Alison: „Could David Hume have known about Buddhism? Charles Francois Dolu, the Royal College of La Flèche, and the Global Jesuit Intellectual Network.“ In: Hume Studies vol. 35 Nr. 1&2 (2009) 5 – 29.
Grau, Kurt J.: Die Entwicklung des Bewusstseinsbegriffs – im XVII. und XVIII. Jahrhundert. Halle a.S., 1918.
Ders.: Bewusstsein, Unbewusstes, Unterbewusstes. Philos. Reihe Bd. 47. München: Rösl, 1922.
Hellbusch, Kai: Das integrale Bewusstsein – Jean Gebsers Konzeption der Bewusstseinsentfaltung als prima philosophia unserer Zeit. Berlin: Tenea, 2003.
Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie. II. Herder: Freiburg/Komet ca. 1980.
Heisenberg, Werner: Quantentheorie und Philosophie – Vorlesungen und Aufsätze. Ditzingen: Reclam, 1979.
Hoffmeister, Johannes: Wörterbuch der Philophischen Begriffe. Hamburg: Meiner, 1955.
Hume, David: Traktat über die menschliche Natur. I. Übers. Th. Lipps 1912.
Jacobson, Nolan Pliny: „The possibility of Oriental influence: in Hume’s philosophy“. In: Philosophy In: East and West, Vol. 19, No. 1 (1969), pp.17 – 37.
Liebrucks, Bruno: Sprache und Bewusstsein. Bde. III (1966), V (1970) u. VI.1 – 6.3 (1974) zu Hegel; Bd. VII: Teil 1. Mythos u. Logos, Teil 2: Bewusstseinsstufen im Werk Friedrich Hölderlins (1979). Frankfurt/M.: Peter Lang, 1969ff.
Mann, Frido und Christine: Es werde Licht – Die Einheit von Geist und Materie in der Quantenphysik. Frankfurt/M.: Fischer, 2017.
Picht, Georg: Der Begriff der Natur und seine Geschichte. Mit einer Einführung v. Carl Friedrich v. Weizsäcker. Stuttgart: Klett-Cotta, 1989.
Pongratz, Ludwig: Problemgeschichte der Psychologie. München: Francke, 2. verb. Aufl., 1984.
Schmalenbach, Herman: „Das Sein des Bewusstseins“. In: Philosophischer Anzeiger IV Jg. (1930) 354 – 432.
Ders.: Geist und Sein. Basel: Verlag Haus zum Falken, 1939.
Weizsäcker, Carl Friedrich von: Bewusstseinswandel. München: Hanser 1988.
Wellek, Albert: Musikpsychologie und Musikästhetik. Bonn: Bouvier, 2. Aufl., 1987.
8 Vgl. Gloy 2004, S. 130f.
9 Vgl. Flasch 1973.
10 „[…] Donald Brinkmann hat 1943 im Anschluss an Herman Schmalenbach (1921; 1939) darauf aufmerksam gemacht, dass bei Descartes Definition [d.i. „Bewusstsein als denkende und ganz und gar unräumliche Substanz“] und Darstellung nicht übereingehen: Das Bewusstsein werde nach ihm analog zu der res extensa, [entsprechend] der klassischen mechanischen Naturwissenschaft, behandelt und nehme dadurch einen quasi-räumlichen Charakter an, den schon die Wortbildung „Innenwelt“ anzeige.“ (Nach: Pongratz 1984, S. 111f; vgl. auch S. 172 sowie Graumann 1966, S. 82): Im Weiteren belegt Pongratz seine These durch Beispiele bei Descartes.
11 s. Grau 1916, S. 182 – 193f (zu Wolff).
12 Diese und nachfolgende Ausführungen zur Geschichte des Bewusstseinsbegriffs sind teilweise Colsman 2015, S. 115 – 119, entnommen.
13 Vgl. Schmalenbach 1930, S. 370.
14 Hume 1912, S. 327.
15 Zu möglichen buddhistischen Einflüssen auf Hume, z.B. seine Bündeltheorie, vgl.: Jacobsen 1969, S. 34; Gopnik 2009.
16 Vgl. Hirschberger ca. 1980, I, S. 171f.
17 Siehe: Baumgarten 1735.
18 Grau 1916, S. 175.
19 A.a.O., S. 205.
20 A.a.O., S. 195f.
21 Vgl. dazu unten Abb. 4: J. Gebsers Modell der Bewusstseinsepochen.
22 Frei nach Hoffmeister 1955, „Vernunft“.
23 Nach a.a.O. „Verstand“.
24 Vgl. a.a.O., S. 53.
25 Eine ausführlichere Zusammenfassung des Modells Gebsers findet sich z.B. in: Colsman 2015, S. 48 – 53, leicht veränderter Nachdruck in: Evangelische Perspektiven, Heft 9, 2015, Anhang S. 134.
26 Vgl. z.B.: Gebser 1963.
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