Bezugsrahmentheorie - Niklas Törneke - E-Book

Bezugsrahmentheorie E-Book

Niklas Törneke

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Beschreibung

Die Bezugsrahmentheorie (BRT) ist eine psychologische Theorie über menschliche Sprache und Kognition. Sie wurde hauptsächlich von Steven C. Hayes und Dermot Barnes-Holmes in den 1980er-Jahren entwickelt. Die Bezugsrahmentheorie ist die Grundlage der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). In diesem Band präsentiert der Autor eine praktische Anleitung, um die BRT in der klinischen Praxis anzuwenden, in der ACT und auch in anderen therapeutischen Ansätzen. Es wird gezeigt, wie sich experimentelle Übungen und Metaphern in der therapeutischen Behandlung einsetzen lassen und wie so Klienten geholfen werden kann. "Wenn man etwas über die BRT lernen möchte, gibt es nichts Besseres als dieses ausgezeichnete Buch. Törneke vermittelt die Prinzipien auf elegante und einfache Art und Weise. Ich wünschte, es hätte dieses Buch gegeben, als ich mich seinerzeit erstmals mit der BRT beschäftigt habe." – Russ Harris

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Seitenzahl: 516

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Niklas TörnekeBezugsrahmentheorie Eine Einführung

Copyright: © der deutschen Ausgabe: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, Paderborn 2012

Copyright: © der Originalausgabe Niklas Törneke, 2010

Übersetzung: Guido Plata

Coverfoto: © sommersby – Fotolia.com

Covergestaltung / Reihenentwurf: Christian Tschepp

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2012

Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn

ISBN der Printausgabe 978-3-87387-791-7 ISBN dieses eBooks: 978-3-87387-879-2

In Erinnerung an meinen Vater David.

Klarheit, Einfachheit, Tiefe. Dies möchte ich erreichen und vereinen.Und dabei keines der drei ausschließen.Daher ist es so schwierig.

– Pär Lagerkvist

Vorwort zur schwedischen Ausgabe

Braucht man ein Buch zur Bezugsrahmentheorie? Können wir irgendetwas über Sprache lernen, indem wir uns mit Lernprinzipien befassen? Mal ehrlich, können die Kognitionspsychologen nicht viel besser erklären, wie wir denken? Meine Antworten auf die ersten beiden Fragen lauten Ja, und dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag, der eine tiefgründige Beschreibung dessen liefert, wie ein behavioristisches Rahmenwerk uns beim Verständnis von Sprache und Kognition helfen kann. Während manche Leser diese Thematik nicht auf den ersten Blick interessant finden werden, möglicherweise, weil sie klinisch orientiert sind, bin ich überzeugt, dass dieses Buch für Kliniker wie auch für Forscher hilfreich sein kann und dass die beschriebenen Prinzipien in sehr leicht lesbarer Form vorgetragen werden, was das Verständnis der manchmal etwas schwer fassbaren Konzepte der Bezugsrahmentheorie erleichtert.

Ich habe meine Ausbildung als klinischer Psychologe Mitte der 1980er-Jahre absolviert und in den meisten meiner damaligen Lehrbücher wurde die Ansicht vertreten, dass der Behaviorismus tot sei und die kognitive Revolution nun nach den „dunklen Jahren“ unter der Herrschaft von B. F. Skinner die Macht übernommen hätte. Allerdings teilten nicht alle meine Lehrer diese Sichtweise und an der Universität von Uppsala in Schweden lernte ich die Grundlagen der angewandten Verhaltensanalyse und entwickelte ein Interesse am Behaviorismus. Ich denke, ich kann sagen, dass ich eine Art „behavioristisches Rahmenwerk“ gelernt habe, das meine klinische Arbeit und meine Forschung beeinflusst hat, die sich seinerzeit auf Gehörverlust bei älteren Menschen konzentrierte. Bei meiner Arbeit fand ich die operante Psychologie sehr hilfreich und landete so schließlich bei dem Titel Hearing as Behavior für meine Abschlussarbeit. Allerdings war ich mir damals des schlechten Ansehens der operanten Psychologie innerhalb des Mainstreams schmerzlich bewusst und während ich Skinners Arbeit hilfreich fand, konnte ich seinem Buch Verbal Behavior nicht in vollem Umfang zustimmen. Andererseits waren mir die Arbeiten von Steven Hayes und seinen Kollegen zu regelgeleitetem Verhalten bekannt, aber ich sah sie nie in der Literatur zur kognitiven Psychologie erwähnt. Während ich die Vorbehalte gegenüber Skinners Analyse der Sprache verstehen konnte, hielt ich Chomskys Rezension von 1959 für allzu negativ. Mit anderen Worten, die Psychologie von Lernen und Verhalten leistet nach wie vor einen wichtigen Beitrag und die Entwicklung der Bezugsrahmentheorie (BRT) zeigt eindeutig, dass es verfrüht war, den Behaviorismus als Rahmenwerk für das Verständnis von Sprache und Kognition zu verwerfen. Während viele Forscher und Studenten der Psychologie glaubten, der Behaviorismus sei lange vergessen, fanden interessante Entwicklungen auf diesem Gebiet statt. Bezugsrahmentheorie liefert eine exzellente Zusammenfassung dessen, was nach Skinner geschah, und wird auch dem gerecht, was Skinner mit seiner Analyse von verbalem Verhalten wahrscheinlich erreichen wollte.

Was hat die BRT also zur Psychologie beizutragen? Ich bin nicht überzeugt, dass die BRT für die Durchführung effektiver psychologischer Behandlungen notwendig ist. Aber ich denke, wir können von einer guten Theorie profitieren und neben unserem Wunsch, gute Kliniker zu sein, wollen wir auch menschliches Verhalten verstehen. Da Sprache und Denken integrale Bestandteile der Art sind, wie wir Menschen uns im Rahmen von Laiendefinitionen gegenseitig verstehen, ergibt es Sinn, dass Verhaltenstherapeuten sich zur kognitiven Therapie hingezogen fühlten, in der Gedanken und Überzeugungen priorisiert werden. Allerdings galt dies nicht für alle Verhaltenstherapeuten. In der klinischen Psychologie und insbesondere in der Psychotherapie kann man argumentieren, dass grundlegende psychologische Wissenschaft wie die kognitive Psychologie zur Anregung der klinischen Praxis dient, jedoch nicht wirklich ein Teil der klinischen Wissenschaft ist. So betrachten Kliniker beispielsweise gelegentlich Aaron Becks kognitive Therapie als Teil der kognitiven Psychologie, aber in Wirklichkeit hat die grundlegende kognitive Psychologie zu Konstrukten wie dem Arbeitsgedächtnis erst in jüngerer Zeit Eingang in die klinische Forschung auf dem Gebiet der Psychotherapie gefunden. Die meisten Veröffentlichungen zur kognitiven Therapie haben sehr wenig mit der grundlegenden kognitiven Psychologie gemein. In der verhaltenstherapeutischen Gemeinde hat dies gelegentlich zu einer negativen Haltung in Bezug darauf geführt, was die kognitive Psychologie beitragen kann, da wir manchmal fälschlicherweise annehmen, dass kognitive Therapie und kognitive Psychologie gleichzusetzen seien. Diese Haltung mag ein Fehler sein, da Übersichtsarbeiten zum wissenschaftlichen Status unterschiedlicher Gebiete innerhalb der Psychologie deutlich zeigen, dass kognitive Psychologie der führende Zweig der Psychologie in Bezug auf Forschungsgelder, Veröffentlichungen und Zitationen ist. Aber vielleicht wird das Aufkommen der BRT die Situation für Verhaltenstherapeuten mit einem Interesse an Sprache und Kognition verbessern. Wahrscheinlich kann man sagen, dass die Behavioristen ihre Laborforschung an Sprache und Kognition noch nicht beendet haben, und ich hoffe, dass die Arbeit an der BRT Therapeuten dazu anregen wird, die grundlegenden Forschungen zu Sprache und Kognition eingehender zu betrachten. Selbst wenn die Kenntnis der BRT für eine erfolgreiche Tätigkeit als Kliniker nicht notwendig ist, sind gute Erklärungen für menschliches Verhalten definitiv notwendig. Auch benötigen wir aufgrund unserer psychologischen Ausbildung stets Daten, um überzeugt zu sein, dass etwas wahrscheinlich zutrifft. Mit der BRT haben wir nun mehr Werkzeuge zur Verfügung, um das verbale Verhalten, dem wir in unserer klinischen Arbeit begegnen, zu erklären.

Vielleicht wundern Sie sich über die dritte Frage, die ich aufgeworfen habe: Können die Kognitionspsychologen nicht viel besser erklären, wie wir denken? Bezugsrahmentheorie ist in dieser Hinsicht ein exzellentes Buch, da der Autor die substanzielle Literatur zur kognitiven Psychologie der Sprache nicht ignoriert; vielmehr setzt er sie in Bezug zur BRT. Für mich und wahrscheinlich auch für viele andere Psychologen macht es dies einfacher, die BRT zu verstehen und als zentralen Beitrag zur Psychologie ernst zu nehmen. Somit ist hier die Antwort auf meine letzte Frage: Bis heute ist die kognitive Psychologie, wenngleich nicht die beste, so zumindest die produktivste Psychologie zu Sprache und Kognition. Aber die BRT muss nicht als Gegensatz zum Rest der Psychologie gesehen werden und sie kann uns mit wichtigen Hinweisen dafür versorgen, wie wir unser Verständnis von Sprache und Kognition verbessern können. Es ist durchaus möglich, dass sich am Horizont eine behavioristische Renaissance abzeichnet. Niklas Törnekes Buch ist einer der Bausteine für dieses Unterfangen.

– Gerhard Andersson, Ph.D., Professor für Klinische Psychologie im Department of Behavioral Sciences and Learning an der Linköping University, Linköping, ­Schweden

Vorwort zur US-Ausgabe

Eine pragmatische Theorie der menschlichen Sprache und Kognition

Die Verhaltensanalyse ist ein extrem ungewöhnlicher Ansatz in der psychologischen Wissenschaft. In starkem Kontrast zur Mainstream-Psychologie lehnt die verhaltenswissenschaftliche Tradition es ab, auf mediierende mentale Repräsentationen und Prozesse als Grundlage für die Erklärung menschlichen Verhaltens zurückzugreifen. Stattdessen verfolgt sie einen durchgängigen funktionsanalytischen Ansatz, bei dem die systematische Analyse der Interaktionen zwischen einem Organismus und seinen vergangenen und gegenwärtigen umweltbezogenen Kontexten den Rahmen für die Erklärung aller psychologischen Ereignisse liefert.

Es ist vielleicht ein wenig überraschend, dass dieser ungewöhnliche Ansatz in frühen Jahren beträchtliche Erfolge erbrachte, insbesondere bei der Verbesserung der Lebensqualität von Individuen mit diagnostizierten Lernbehinderungen. Allerdings war ein solches Maß an Erfolg nicht zu beobachten, als die Verhaltensanalyse sich der menschlichen Sprache und Kognition zuwandte. Noam Chomskys vernichtende Rezension von Skinners Verbal Behavior ist wohlbekannt und wird gelegentlich als „Beweis“ dafür angeführt, dass der nicht mediierende Ansatz der Verhaltensanalyse sich nicht auf die fortgeschritteneren oder differenzierteren Aspekte der menschlichen Psychologie (wie Sprache und Denken) erweitern ließe. Tatsächlich lieferte Skinners Arbeit die Grundlage für eine Reihe von Programmen zum Sprachtraining, aber auch hier war der Erfolg größtenteils auf Gruppen mit Lernbehinderungen beschränkt.

Das zentrale Problem mit Verbal Behavior, das auch von Chomsky hervorgehoben wurde, ist, dass es die hochgradig generative Natur der menschlichen Sprache nicht hinreichend erklärt. Obwohl das Buch dieses Problem nicht völlig unerwähnt lässt, liefert es dennoch keine gut entwickelte technische Erklärung für die nahezu unendliche Neuartigkeit, die Sprache generieren kann. Weiterhin ist Skinners Abhandlung von fortgeschritteneren Sprachphänomenen wie Metaphern und Analogien nicht überzeugend. Beispielsweise vermischt er bei der funktionsanalytischen Interpretation dieser verbalen Verhaltensweisen Laienbegriffe mit Fachbegriffen, weshalb es der resultierenden Analyse an Präzision mangelt.

Jedoch muss man bedenken, dass Skinner das Buch fast zwei Jahrzehnte vor Murray Sidmans erster Studie zur Bildung von Äquivalenzklassen verfasste und dass sich eine Fülle an Implikationen für die verhaltenswissenschaftliche Analyse der menschlichen Sprache erst aus jener bahnbrechenden Forschung ergab. Skinner war eindeutig im Nachteil, da er die Daten zu Äquivalenz und die anschließende konzeptuelle Arbeit nicht zur Verfügung hatte. Wir wissen heute, dass abgeleitetes relationales Reagieren schon sehr früh im Verhaltensrepertoire von Kindern auftritt, und moderne verhaltenswissenschaftliche Untersuchungen der menschlichen Sprache und Kognition bauen auf dieser Erkenntnis auf. Leider fehlt diese Forschung in Skinners Buch. Aus diesem Grund ist Verbal Behavior größtenteils ausschließlich mit den auf direkte Kontingenzen bezogenen Aspekten der menschlichen Sprache befasst und erwähnt nur beiläufig das wichtigste definierende Merkmal verbalen Verhaltens: abgeleitetes relationales Reagieren.

Das erste Buch zur Bezugsrahmentheorie, Relational Frame Theory: A Post-Skinnerian Account of Human Language and Cognition (Hayes, Barnes-Holmes & Roche, 2001), mehr als dreißig Jahre nach Skinners Arbeiten veröffentlicht, zielte darauf ab, eine moderne verhaltenswissenschaftliche Abhandlung der menschlichen Sprache und Kognition zu liefern. Die Theorie umfasste abgeleitete Reaktionen und platzierte diese sogar an zentraler Stelle. Nichtsdestotrotz blieb die BRT eine natürliche Erweiterung früherer konzeptueller und empirischer Forschungen in der Verhaltensanalyse. Das Kernkonzept dieses Buches, willkürlich anwendbares relationales Reagieren, basierte in solider Weise auf Skinners Konzept des Operanten und entnahm viele Aspekte aus Sidmans bahnbrechender Arbeit zu Äquivalenzklassen. Genau genommen wurde die Bildung von Äquivalenzklassen als Folge einer Geschichte von operanter Konditionierung angesehen (eine Klasse gelernter Reaktionen) und basierend auf diesem Argument wurde die Möglichkeit multipler Formen derartiger Antwortklassen (Bezugsrahmen) vorhergesagt.

Das im Jahr 2001 erschienene Buch zur BRT erklärt, wie die grundlegenden analytischen Einheiten des menschlichen verbalen Verhaltens – Bezugsrahmen – zu komplexeren Einheiten kombiniert werden können, was die Herstellung von Beziehungen zu Bezugsrahmen, zunehmend komplexen Beziehungsnetzwerken und von Beziehungen zwischen Beziehungsnetzwerken als Ganzes ermöglicht. Diese Arten von hochgradig abstrakten Konzepten werden im Buch dazu verwendet, eine nicht mediierende und rein funktionsanalytische Erörterung des gesamten Spektrums an menschlichem verbalem Verhalten vorzunehmen, einschließlich Benennung, Geschichtenerzählen, Humor, abstrakter Logik, der verbalen Konstruktion des Selbst und Spiritualität.

Das primäre Ziel des Buches aus dem Jahr 2001 war es, mehr als eine moderne verhaltenswissenschaftliche Interpretation der menschlichen Sprache und Kognition zu liefern. Sein Zweck war hochgradig pragmatisch. Neben anderen Dingen zielte es darauf ab, sowohl praktische als auch angewandte Forschung zur menschlichen Sprache und Kognition anzuregen und eine Reihe funktionsanalytischer Begriffe zu liefern, die die Kommunikation zwischen Forschern und Praktikern vereinfachen würde. Im Hinblick auf das erste Ziel scheint es recht erfolgreich gewesen zu sein, aber das zweite Ziel erfordert meiner Ansicht nach ein weiteres Buch: dasjenige, das Sie gerade lesen.

Relational Frame Theory: A Post-Skinnerian Account of Human Language and Cognition ist in hohem Maße akademisch, voller Fachsprache und durchsetzt mit hochgradig abstrakten Konzepten. Törnekes Bezugsrahmentheorie beinhaltet viele dieser Konzepte und einen Teil der Fachsprache, präsentiert das Material jedoch in sehr zugänglicher Weise und wird der Thematik in vollem Umfang gerecht.

Der erste Abschnitt des Buches Bezugsrahmentheorie beginnt mit einer knappen, aber dennoch detaillierten Einführung in die philosophischen und konzeptuellen Grundlagen der Verhaltensanalyse, deren Verständnis essenziell für die Erfassung der nachfolgenden Inhalte ist. Anschließend werden die Themen der menschlichen Sprache und Kognition eingeführt und die traditionelle Sicht Skinners auf diese Themen wird erklärt und mit derjenigen der traditionellen kognitiven Therapie kontrastiert. Bei dieser Darstellung wird davon ausgegangen, dass keiner der beiden Ansätze der Rolle von Denken und Sprache vollständig gerecht wurde, zumindest nicht im klinischen Bereich. Der erste Abschnitt des Buches wird die Leser und besonders Kliniker dazu motivieren, in den nächsten und wahrscheinlich komplexesten Abschnitt einzutauchen.

Im zweiten Teil wird die Theorie an sich vorgestellt, aber in hochgradig zugänglicher Weise. Die Kapitel in diesem Abschnitt finden eine perfekte Balance zwischen einem angemessenen Maß an technischen Details und einem lebhaften, leichten und angenehmen Sprachstil. Weiterhin schreitet der Inhalt, obwohl die ersten Kapitel in diesem Abschnitt sich notwendigerweise mit den abstrakteren Eigenschaften der BRT befassen, schnell und mit relativer Leichtigkeit zu Aspekten voran, die für den praktizierenden Kliniker von Interesse sind; darunter Themen wie das Selbst und Perspektivübernahme. Das letzte Kapitel in diesem Abschnitt, „Die Schattenseite der menschlichen Sprache“, wird für Kliniker besonders relevant sein, da es erklärt, wie menschliche Sprache und Kognition laut der BRT die Quelle für viel menschliches Leid bilden können.

Der dritte und letzte Abschnitt des Buches konzentriert sich auf die klinischen Implikationen der BRT. Dieser Abschnitt beginnt mit der traditionellen Verhaltenstherapie und ihrer Beziehung zu anderen therapeutischen Ansätzen, anschließend wird erklärt, wie die BRT einen einzigartigen Beitrag zu unserem Verständnis der Psychotherapie an sich liefert. Nun ist der Leser auf die letzten Kapitel des Buches vorbereitet, die die Anwendung der modernen Verhaltensanalyse auf die klinische Psychologie systematisch abhandeln. Dieses Material liefert eine beeindruckende Übersicht über die klinische Verhaltensanalyse und erklärt insbesondere, wie die BRT den traditionellen verhaltenstherapeutischen Ansatz ergänzt und erweitert. Es ist eben dieser letzte Teil des Buches, in dem die ungemein pragmatische Natur der BRT in vollem Umfang enthüllt wird. Diese eminent abstrakte und arkane Theorie erlaubt dem Praktiker, menschliche Sprache und Kognition als Summe von Verhaltenseinheiten, die Funktionsanalysen und verhaltenswissenschaftlichen Interven­tiosstrategien unterzogen werden können, zu konzeptualisieren. Kurz gesagt, Bezugsrahmentheorie veranschaulicht in deutlicher Weise einen sehr wirksamen Weg, wie die BRT zur Konzeptualisierung und Behandlung menschlichen Leids eingesetzt werden kann. Tatsächlich ist dies ein Buch, das ich selbst gern geschrieben hätte.

– Dermot Barnes-Holmes, National University of Ireland, Maynooth, Foundation Professor für Psychologie an der National University of Ireland, Maynooth.

Danksagung

Im Jahre 1998 besuchte ich eine internationale Konferenz in Irland und hörte dort zum ersten Mal zwei Personen sprechen, die mehr als alle andern hinter den Ideen und der Forschung stehen, auf denen dieses Buch basiert: Steven Hayes und Dermot Barnes-Holmes. Seit damals haben beide meine Fragen stets bereitwillig beantwortet und mir geholfen, mit einer Sichtweise und Forschungstradition vertraut zu werden, die mir bis dahin im Wesentlichen unbekannt war. Vielen Dank an beide!

Die Person, die mir als Erste geraten hat, ein Buch wie das vorliegende zu schreiben, ist Kelly Wilson. Er ist außerdem derjenige, von dem ich die BRT in der Praxis gelernt habe. Auch ihm schulde ich dafür herzlichen Dank.

Eine vierte Person, die im Entstehungsprozess dieses Buches eine wichtige Rolle spielt, ist Carmen Luciano. Sie ist ebenfalls eine führende Persönlichkeit im internationalen Netzwerk von Forschern und Klinikern, die durch ein gemeinsames Interesse an BRT und ACT verbunden werden. In den vergangenen Jahren war sie für mich eine unerschöpfliche Quelle von Wissen und Inspiration.

Mehrere Personen in Schweden waren mir ebenfalls eine besondere Hilfe. Zuallererst Jonas Ramnerö. Seit wir uns im Jahre 1999 auf einer Konferenz in Dresden begegnet sind, führen wir einen ständigen Dialog über die Rolle der Verhaltenspsychologie in der Psychotherapie. Dieser Dialog hat ebenfalls einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung dieses Buches geleistet. Außerdem half Jonas mir durch das Korrekturlesen und Kommentieren des schwedischen Manuskripts, ebenso wie Jonas Bjärehed, Martin Cernvall und Billy Larsson.

Für die englische Ausgabe haben Kelly Koerner, Rainer Sonntag und Ian Stewart eine frühere Fassung des Manuskripts gelesen und viele wertvolle Anregungen geliefert. Alle Mängel liegen natürlich nach wie vor in meiner Verantwortung. Eliza­beth Ask de Lambert übersetzte den größten Teil des Buches ins Englische und ­Jasmine Starr gestaltete den Herausgabeprozess äußerst hilfreich und reibungslos. Görel Gunnarsson und ihre Kollegen in der medizinischen Bibliothek am County Hospital in Kalmar, Schweden, waren eine unschätzbare Hilfe bei der Beschaffung von Artikeln und anderer Literatur. Meinen herzlichsten Dank an jeden Einzelnen!

Eine persönliche Einleitung

Als Psychotherapeut bin ich ein Kind meiner Zeit. Ich wuchs in einer psychodynamischen Welt auf, die durch eine starke Betonung des Verständnisses dominiert wurde, aber nicht – soweit ich es sehen konnte – gut in wissenschaftlicher Forschung verankert war. Es mangelte ihr außerdem an konkreten Leitlinien für brauchbare therapeutische Interventionen. Meine Begegnung mit der kognitiven Therapie am Ende der 1980er-Jahre war daher eine befreiende Erfahrung. Wissenschaftliche Begründungen waren dort eine Notwendigkeit und die therapeutischen Strategien standen im Zentrum meiner täglichen Arbeit in der Psychiatrie. Die kognitive Theorie ist seither als Grundlage der Psychotherapie fest etabliert – nicht nur in meiner Welt, sondern auch in der Welt der Psychotherapie als Ganzes. Die kognitive Therapie wurde seither allmählich unter dem Schlagwort „kognitive Verhaltenstherapie“ mit der Verhaltenstherapie zusammengeführt, aber die unterschiedlichen Hybriden werden durch die dem kognitiven Modell zugrunde liegenden Theorien dominiert.

Während der 1990er-Jahre entdeckte ich zunehmend Dinge, die ich als Unzulänglichkeiten der kognitiven Theorie ansah. Es war schwierig, eine klare Vorstellung der grundlegenden Terminologie und ihrer wissenschaftlichen Basis zu bekommen. Verschiedene kognitive Theoretiker verwendeten ihre eigenen Begriffe willkürlich zur Beschreibung der Vorgänge in der „Psyche“ und diese Obskurität sowie der Mangel an Konsens wurden dadurch noch schlimmer, dass man den Kern aller psychischen Probleme irgendwo in diesem unbekannten Gebiet verortete. Mitte der 1990er-Jahre war mir immer noch keine brauchbare Alternative bekannt. Allerdings begegnete ich einigen Werken, die mein Interesse weckten, besonders Marsha Linehans 1993 erschienenes Buch zur dialektischen Verhaltenstherapie (DVT), die starke Einflüsse aus der klassischen Verhaltenstherapie aufwies.

Durch mein Interesse an der Affekttheorie und der Verwendung von Metaphern kam ich in Kontakt mit der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT), einem Therapiemodell, das der DVT in vielerlei Hinsicht ähnelt, aber mit einer sehr viel elaborierteren theoretischen und empirischen Grundlage. Wiederum erhielt ich neue, hilfreiche Werkzeuge. Zusätzlich bekam ich intensiveren Kontakt zu dem neuen theoretischen Ansatz hinter der ACT und auch zur klassischen Lerntheorie als Grundlage für psychologische Therapie. Ich erkannte, dass man die ACT und insbesondere ihre theoretische Grundlage, die Bezugsrahmentheorie (BRT) nicht ohne ein Verständnis der grundlegenden Verhaltensprinzipien – also operanter und respondenter Konditionierung – wirklich erfassen kann. Nachdem ich mich allmählich mit diesen Prinzipien vertraut gemacht hatte, entdeckte ich das, was ich heute als das vielversprechendste psychologische Modell dafür ansehe, menschliches Verhalten auf eine Weise zu verstehen, die auch direkt zur therapeutischen Arbeit an Veränderungen beiträgt. Dies führte zu einem inspirierenden Dialog mit meinem guten Freund Jonas Ramnerö, der sich länger in der Verhaltenspsychologie bewegt hat als ich. Dieser Dialog führte dazu, dass wir gemeinsam ein Buch verfassten: The ABCs of Human Behavior: Behavioral Principles for the Practicing Clinician (Ramnerö & Törneke, 2008).

In jüngerer Zeit beobachtete man ein zunehmendes Interesse an Verhaltensprinzipien, nicht zuletzt unter Psychotherapeuten mit kognitiver Ausbildung. Dieses neue Interesse gab mir den Grund, mich eingehender mit dem Problem zu befassen, das mich seit etlichen Jahren faszinierte: dem Problem der Macht des Denkens in Bezug auf anderes menschliches Verhalten und seine Rolle bei den Problemen, derentwegen Menschen psychotherapeutische Hilfe suchen. Mein Ziel bei diesem Buch ist die Erläuterung der verhaltenswissenschaftlichen Perspektive zu dieser Frage. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass dieses Buch versucht, die durch die kognitive Theorie und Therapie aufgeworfenen Fragen zu beantworten, wobei die Antworten allerdings auf einem anderen Ausgangspunkt basieren als denen, die in kognitiven Ansätzen üblich sind. Tatsächlich ist der Ausgangspunkt hier jedoch das Ergebnis der vor vielen Jahren durchgeführten Grundlagenforschung in Form der Prinzipien von operanter und respondenter Konditionierung. Die Verhaltenspsychologie hat seit langer Zeit Probleme bei der Anwendung ihrer grundlegenden Agenda von Vorhersage und Beeinflussung auf diesem Gebiet. Ich denke, dass diese Probleme bald aus der Welt sein werden. Die zunehmende Grundlagenforschung zur relationalen Konditionierung und die theoretische Struktur, die sich um dieses Phänomen herum gebildet hat (BRT), bieten neue Antworten und öffnen die Tür zu neuen Interventionen in Bezug auf Kognition und menschliche Sprache. All dies geschieht aufgrund der Agenda der klassischen Verhaltenstherapie, wobei neue Interventionen auf Daten aus experimenteller Forschung basieren.

Dass ich dieses Buch damit beginne, seinen Inhalt mit psychodynamischen und kog­nitiven Modellen zu kontrastieren, mag provokant und ablehnend erscheinen. Dies ist nicht meine Absicht. Ich bin mir bewusst, dass die psychodynamischen und kog­nitiven Theorien, die ich zuvor als unbefriedigend empfand, seit meinem Abschied aus diesem Gebiet nicht unverändert geblieben sind; sie haben sich auf ihre eigene Weise weiterentwickelt. Weiterhin glaube ich, dass eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive von Natur aus integrativ ist. Verhaltenspsychologie bezieht sich nicht auf ein bestimmtes Therapiemodell; sie beschreibt fundamentale, universelle Prinzipien des Verhaltens. Es ist legitim, alles, was eine Person tut, aus dieser Perspektive zu betrachten. Die Verhaltenspsychologie ist in ihrem Betrachtungswinkel nicht auf Phänomene beschränkt, welche sich leicht beobachten und definieren lassen; etwa wenn jemand Flugreisen vermeidet oder exzessives Händewaschen betreibt. Sie betrifft auch Verhaltensweisen in der engen Interaktion zwischen Menschen, die schwieriger zu erfassen sind wie die Etablierung und Aufrechterhaltung enger Bindungen oder sich dem Therapeuten gegenüber ähnlich wie gegenüber einem Elternteil zu verhalten. Sogar Verhalten, das in vielerlei Hinsicht allen, außer der es ausführenden Person, verborgen scheint, wie über vergangenen Ärger zu brüten oder sich mit Gefühlen der Niedergeschlagenheit zu plagen, kann aus dieser Perspektive betrachtet werden. Dasselbe gilt für Verhaltensweisen, die nur selten im Fokus einer Psychotherapie stehen, etwa Flötenspiel oder das Verfassen von Gedichten.

Somit ist kein Aspekt des Menschseins der Verhaltenspsychologie fremd. Alle menschlichen Phänomene, die in Raum und Zeit stattfinden und zum Gegenstand der Aufmerksamkeit in einer psychodynamischen oder kognitiven Therapie gemacht werden können, lassen sich auch aus dieser Perspektive betrachten, eben aufgrund ihrer integrativen Natur. Aber der Ausgangspunkt dieser Analyse ist eine existierende theoretische Position: diejenige, die man seit Skinners Zeit als „radikalen Behaviorismus“ bezeichnet. Einiges davon ist neu, aber die Grundlage wurde vor vielen Jahren gelegt.

Eine Anmerkung zur Terminologie

Skinner bezeichnete die von ihm entwickelte Verhaltenswissenschaft als Verhaltensanalyse. Jedoch wird dieser Begriff heute auf unterschiedliche Weise verwendet. In der Verhaltenstherapie in Europa wird er gelegentlich synonym mit dem Wort „Konzeptualisierung“ verwendet und somit wird eine Verhaltensanalyse als erste Phase einer Verhaltenstherapie verstanden. Ich werde den Begriff jedoch in derselben Weise verwenden, wie Skinner es tat und wie er in den USA nach wie vor verwendet wird. In dieser Verwendungsweise bezeichnet der Begriff „Verhaltensanalyse“ die Wissenschaft, die auf das Verstehen und Beeinflussen von Verhalten abzielt, als Ganzes, und ebenso die praktische Arbeit daran. Üblicherweise wird innerhalb der Verhaltensanalyse zwischen zwei Hauptrichtungen unterschieden: experimentelle Verhaltensanalyse und angewandte Verhaltensanalyse. Experimentelle Verhaltensanalyse ist die Art von experimenteller Arbeit, die üblicherweise mit Skinner in Verbindung gebracht wird: Unter sorgsam kontrollierten Bedingungen werden unterschiedliche Faktoren variiert, um festzustellen, ob sich das Verhalten eines Organismus vorhersagen und beeinflussen lässt. In der angewandten Verhaltensanalyse werden die Grundprinzipien, die aufgrund der experimentellen Arbeit beschrieben werden können, auf unterschiedliche Arten von Problemen „draußen, im Alltagsleben“ angewendet. Ein Zweig der angewandten Verhaltensanalyse ist die klinische Verhaltensanalyse. Dies ist eine Verhaltensanalyse auf dem Gebiet, das gemeinhin als Psychotherapie bezeichnet wird. In der Konsequenz haben Jonas Ramnerö und ich dieses Gebiet in unserem Buch The ABCs of Human Behavior: Behavioral Principles for the Practicing Clinician (2008) als „behavioral psychotherapy“ („verhaltenswissenschaftliche Psychotherapie“) bezeichnet. In diesem Buch werde ich jedoch vorwiegend von „klinischer Verhaltensanalyse“ sprechen.

Struktur

Das Buch ist in drei Teile aufgegliedert. Teil 1 liefert einige wichtige Hintergrundinformationen. Kapitel 1 stellt einige grundlegende und wohlbekannte Lernprinzipien aus der Sicht des radikalen Behaviorismus dar, mit einer besonderen Betonung von Konzepten, die verstanden werden müssen, um sich mit der BRT vertraut machen zu können. Kapitel 2 liefert eine Übersicht darüber, wie die Verhaltensanalyse das Problem der „Macht des Denkens“ angegangen ist, bevor die der BRT zugrunde liegenden experimentellen Daten verfügbar waren. Der Hauptteil dieses Kapitels widmet sich einer Übersicht über Skinners Analyse von verbalem Verhalten. Obwohl diese Analyse ihre Grenzen hat (die hier ebenfalls beschrieben werden), bleibt sie als Vorläufer der BRT bedeutsam. In Kapitel 3 schließen Argumente für eine erneute Untersuchung der menschlichen Sprache und Kognition den ersten Teil des Buches ab.

Teil 2 ist der Hauptteil des Buches; hier wird die BRT beschrieben. Kapitel 4 stellt die grundlegende Terminologie der BRT vor, definiert diese und beschreibt die Art von Experimenten, auf denen die Theorie basiert. Es beschreibt im Wesentlichen die fundamentalen Aspekte der menschlichen Sprache. In Kapitel 5 und 6 habe ich versucht zu zeigen, wie diese Bausteine mit zunehmender Komplexität miteinander kombiniert werden und wie dies ein neues Licht auf komplexes menschliches Verhalten wirft. In Kapitel 7 schließt der zweite Teil des Buches mit einer Erörterung der Probleme, die verbales (kognitives) Verhalten für Menschen aufwirft, also der Nebeneffekte der menschlichen Sprache.

Teil 3 des Buches beschreibt die klinische Anwendung. Kapitel 8 betrachtet die psychologischen Therapien im Allgemeinen aus einer verhaltenswissenschaftlichen Pers­pektive. Die letzten drei Kapitel widmen sich der klinischen Verhaltensanalyse, mit einer besonderen Betonung der Strategien und Techniken auf der Grundlage der BRT.

Das Wesen dieses Buches

Die Anzahl von wissenschaftlichen Texten zur BRT und ihrer experimentellen Grundlage nimmt rapide zu. Dasselbe gilt für Bücher, in denen die ACT dargestellt wird. Dieses Buch befindet sich in der Mitte zwischen diesen beiden Kategorien. Auch wenn das Ziel eine allgemeine Einführung in die BRT ist, hat das vorliegende Werk seine Grenzen. Die wichtigste Grenze liegt darin, sowohl eine theoretische als auch eine klinische Perspektive beizubehalten. Obwohl die BRT auf experimenteller Forschung basiert, stellt dieses Buch die experimentelle Arbeit nicht im Detail vor; es beschreibt diese lediglich allgemein und widmet den Schlussfolgerungen daraus mehr Aufmerksamkeit. Dieses Buch dreht sich eher um Konzepte als um Daten und Details; teils um eine allgemeine Einführung zu bieten und teils um ein Verständnis zu ermöglichen, das die klinische Arbeit erleichtert. Es beinhaltet keine detaillierteren Darstellungen der Experimente als solche, etwa im Hinblick auf ihr Design und ihre Durchführung. Ich habe jedoch versucht, häufig auf Literatur zu verweisen, die solche Darstellungen beinhaltet, damit dem interessierten Leser Material für die Vertiefung zur Verfügung steht. Diese Begrenzung beinhaltet auch ein Paradoxon. Es gibt einen gewissen Grad an Vertrautheit mit der BRT, der sich nur durch experimentelle Arbeit erlangen lässt. Allerdings ist das vorliegende Buch eines, dessen Autor derartige Forschungen nie betrieben hat, und das vorwiegend für andere in derselben Situation verfasst wurde. Experimentell arbeitende Psychologen könnten daher unter Umständen der Ansicht sein, dass es dem Buch an Präzision und technischen Details mangelt. Dasselbe gilt eventuell für andere, die gut mit der existierenden wissenschaftlichen Literatur vertraut sind. Gleichzeitig werden manche Leser wahrscheinlich Teile des Buches zu technisch und abstrakt finden. Dennoch ist genau diese Art von Buch „in der Mitte“ das, was ich bei meiner ersten Begegnung mit der BRT gern zu lesen bekommen hätte. Ich hoffe, dass es Lesern hilft, die sich in derselben Situation befinden wie ich seinerzeit.

Die ACT nimmt eine zentrale Rolle im dritten Teil des Buches ein, der sich mit der klinischen Anwendung befasst. Dies ergibt sich naturgemäß daraus, dass dieses Therapiemodell sich gemeinsam mit der BRT entwickelt hat. Neben der ACT haben andere Formen der klinischen Verhaltensanalyse, insbesondere funktionell analytische Psychotherapie und Verhaltensaktivierung, ihren Platz. Ich möchte hier die Agenda verfolgen, die in The ABCs of Human Behavior: Behavioral Principles for the Practicing Clinician (Ramnerö & Törneke, 2008) beschrieben wurde: die psychologische Therapie aus dem breiten Betrachtungswinkel des radikalen Behaviorismus zu beschreiben und die therapeutische Tradition zu beschreiben, die man als Verhaltenstherapie, verhaltenswissenschaftliche Psychotherapie oder klinische Verhaltensanalyse bezeichnen kann. Ich möchte dies mit einer besonderen Betonung dessen tun, wie ein Verständnis der BRT dieser Tradition einige neue Elemente hinzufügt.

TEIL 1: HINTERGRUND

1. Der radikale Behaviorismus und grundlegende verhaltensanalytische Prinzipien

Die philosophische Grundlage der Psychologie von B. F. Skinner ist der sogenannte radikale Behaviorismus (1953). Diese Bezeichnung hat im Laufe der Jahre zahlreiche Kontroversen hervorgerufen und wurde häufig missverstanden. Dabei erreichte das Missverständnis gelegentlich solche Ausmaße, dass man sich fragen könnte, ob die Bezeichnung nach wie vor von Nutzen ist oder stattdessen nicht vielmehr ein Hindernis für die Beschreibung der zugrunde liegenden Psychologie darstellt. In der Regel werden Skinners Ansichten als oberflächlich und grob mechanistisch geschildert, selbst in psychologischen Lehrbüchern (Power & Dalgleish, 1997, S. 35–36; Solso, MacLin & MacLin, 2005, S. 329). Dies steht in starkem Kontrast zu meinem eigenen Eindruck beim Lesen von Skinners Arbeiten, und ich habe mich oft gefragt, ob die Autoren, die Skinners Positionen in der beschriebenen Weise umreißen, seine Werke überhaupt gelesen haben. Dessen ungeachtet sind Skinners Positionen und die Bezeichnungen, die er für ihre Beschreibung verwendet, durchaus kontrovers und die Bezeichnung „radikaler Behaviorismus“ ist ein deutliches Beispiel hierfür. Die alternative und auch modernere Bezeichnung funktionaler Kontextualismus (Gifford & Hayes, 1999) gibt vermutlich deutlich besser wieder, in welcher Beziehung diese wissenschaftliche Philosophie zu anderen modernen Ansätzen steht. Sie setzt Skinners Position in Relation zu alternativen Arten von Kontextualismus, etwa dem sozialen Konstruktivismus oder bestimmten Arten des Feminismus (Roche & Barnes-Holmes, 2003; Gifford & Hayes, 1999). Darüber hinaus betont die Bezeichnung „funktionaler Kontextualismus“ zwei essenzielle Elemente des radikalen Behaviorismus: Erstens muss Verhalten stets in Bezug zum Umfeld oder Kontext, in dem es stattfindet, betrachtet werden. Zweitens müssen wir zum Verständnis und zur Beeinflussung von Verhalten seine Funktion ergründen – also das, worauf es abzielt.

Ich werde im Folgenden trotz der oben beschriebenen Diskussion zunächst die Bezeichnung „radikaler Behaviorismus“ verwenden, da dies unter den vielen Bezeichnungen diejenige ist, die bis heute überlebt hat und unter den Wissenschaftlern, die mit ihren Forschungen in Skinners Fußstapfen getreten sind, auf breiter Basis akzeptiert wird. Die Bezeichnung ist linguistisch korrekt und hebt außerdem einige wesentliche Elemente der Sichtweise, auf der dieses Buch basiert, hervor.

1.1 Der Behaviorismus und seine Prämissen

Beginnen wir an dieser Stelle mit einer Diskussion der eher allgemeinen Bezeichnung „Behaviorismus“. Dies ist ein relativ breiter Begriff, der zahlreiche, in Teilen recht unterschiedliche Ansätze umfasst (O’Donohue & Kitchener, 1998). Allerdings haben diese Ansätze auch bestimmte Prämissen gemeinsam, weshalb es angemessen ist, sie allesamt konzeptuell dem Behaviorismus zuzurechnen. Die ­grundlegendste Prämisse wurde von Watson formuliert, der auch die Bezeichnung „Behaviorismus“ prägte, und betont die Fokussierung auf das Verhalten (Watson, 1929); also das, was eine Person – oder irgendein anderer Organismus – tut. Die Handlungen oder Reaktionen des gesamten Organismus sind Gegenstand des Interesses. Eine weitere, den unterschiedlichen Ansätzen gemeinsame Prämisse ist die Methode der Forschung: Die Erkenntnis wird von den Grundlagen ausgehend aufgebaut, wobei man nach fundamentalen, universell gültigen Prinzipien für das Verständnis von Verhalten sucht. Das bedeutet, dass Laborexperimente eine wichtige Rolle spielen. Bei der Durchführung von Experimenten besteht ein zentrales Konzept darin, nicht kontrollierbare Variablen so weit wie möglich zu minimieren, bevor man damit fortfährt, die essenziellen Variablen zu identifizieren und systematisch zu manipulieren. Dies ähnelt in vielerlei Hinsicht der strikten Haltung, die Psychoanalytiker in Bezug auf die Rahmenbedingungen ihrer Sitzungen einnehmen, um irrelevante störende Einflüsse zu eliminieren und relevante, leitende Phänomene in der stattfindenden Interaktion zu beobachten. Die bekanntesten und klassischen Beispiele dieser Methode im Rahmen des Behaviorismus sind wahrscheinlich Skinners Experimente mit Tauben und Ratten. Bei diesen ist die Umwelt auf ein Minimum reduziert (sie besteht nur aus einer Box) und es existieren wenige relevante Variablen (die Box enthält einen Hebel, mittels dessen das Tier agieren kann, um Futter zu erhalten, sowie eine Lichtquelle, die ein- und ausgeschaltet wird). Das Entscheidende sind hier jedoch nicht die Laborexperimente als solche und auch keineswegs die Handlungen von Tauben oder Ratten. Vielmehr besteht das Ziel bei der Verwendung dieser Methode darin, in der Lage zu sein, die dem Verhalten von Organismen zugrunde liegenden Prinzipien zu identifizieren – Prinzipien, die anschließend dazu herangezogen werden können, komplexere Prozesse zu verstehen, welche sich möglicherweise nicht in Laborsituationen untersuchen lassen.

Dies enthüllt eine weitere Prämisse des Behaviorismus: die Annahme einer Kontinuität über unterschiedliche Organismen hinweg. So wird beispielsweise die Forschung an Tauben dazu herangezogen, Rückschlüsse in Bezug auf Menschen zu ziehen, zumindest in mancherlei Hinsicht. In der Vergangenheit war dieser Punkt oft Grund für Kontroversen, insbesondere unter Psychotherapeuten. Ist es möglich, aus dem Verständnis von Tieren heraus ein Verständnis von Menschen zu entwickeln? Hie­rüber wurde in den 1960er- und 1970er-Jahren eine hitzige Diskussion geführt. Seither ist jedoch viel Zeit ins Land gegangen und heute kann man zweifellos sagen, dass Evolutionspsychologie und Neuropsychologie ebenso wie Ethologie die Gestaltung diverser Richtungen innerhalb der Psychotherapie entscheidend prägen, ungeachtet des spezifischen Lagers. Forscher wie John Bowlby (Bindungstheorie) und Joseph LeDoux (Affekttheorie), die unterschiedliche Traditionen in der Psychotherapie stark beeinflusst haben, nehmen aufgrund ihrer evolutionären Herangehensweise dieselbe Position ein, die auch Skinner einst vertrat: dass Evolution – vereinfacht formuliert – stets auf dem aufbaut, was bereits existiert. Bewährte Funktionen werden nicht entfernt, sondern werden zu Bausteinen für künftige Weiterentwicklungen. Aus diesem Grund können wir viel über Menschen lernen, indem wir erforschen, wie Gorillas sich gegenüber ihrem Nachwuchs verhalten (Bindungstheorie), oder indem wir grundlegende Funktionen des Großhirns von Tieren untersuchen (Affekttheorie).

Wenn also Verhalten untersucht werden soll, so lautet die Frage zunächst, wie man diesen Begriff definiert. Was zählt als Verhalten und was nicht? Die Antwort auf diese Frage kann innerhalb des Behaviorismus auf diverse unterschiedliche Weisen gegeben werden. Um festzulegen, was in diesem Buch mit Verhalten gemeint ist, werde ich nun Skinners Sichtweise erörtern, wie sie im Begriff „radikaler Behaviorismus“ zum Ausdruck kommt.

1.2 Was ist radikal am radikalen Behaviorismus?

Radikal zu sein kann so verstanden werden, dass man extrem ist. Dies ist jedoch nicht das, was Skinner vorschwebte, als er den Begriff „radikal“ wählte. In diesem Kontext bedeutet „radikal“ nicht „extrem“, sondern „konsistent“. Radikaler Behavio­rismus ist keine Abkehr von fundamentalen behavioristischen Prinzipien, sondern ihre Anwendung in einer allumfassenden Art und Weise. Hieraus ergeben sich einige Konsequenzen. Betrachten Sie beispielsweise das Prinzip, das Skinner für die Beschreibung operanter Konditionierung heranzog (mehr hierzu weiter unten im Text). Dieses Prinzip impliziert, dass unsere Handlungen durch die Konsequenzen, die wir zuvor im Anschluss an eine bestimmte Handlung erlebt haben, beeinflusst werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Taube an einem bestimmten Ort pickt, nimmt zu, wenn sie zuvor im Anschluss an das Picken an eben diesem Ort Futter erhalten hat. Aber sofern man dieses Prinzip entsprechend Skinners Position in konsistenter Weise anwenden will, gilt es auch für mich als Wissenschaftler. Ich tue das, was ich tue (in meinem Experiment mit der Taube), stets in der Konsequenz der Ausgänge früherer ähnlicher Experimente. Als Wissenschaftler habe ich keine objektive oder exklusive Position; ich stehe nicht außerhalb oder über den Prinzipien, die ich erforsche. Wenn man diese Sichtweise konsistent anwendet, müssen wir alle Behauptungen, eine ontologische Wahrheit zu repräsentieren, fallen lassen. Wir können zu keiner Zeit sagen, dass „dies die Art ist, wie die Dinge wirklich liegen“. Radikale Behavioristen lehnen die Auffassung ab, der zufolge Wissenschaftler aus einer objektiven und neutralen Position heraus agieren würden. Wie zuvor ausgeführt, ist es aus der Sicht des radikalen Behaviorismus nicht möglich, Verhalten zu verstehen, ohne seinen Kontext zu untersuchen. Alles Verhalten findet in einem Kontext statt, jedoch kann gleichzeitig der Kontext nicht unabhängig vom Verhalten untersucht werden. Der Grund hierfür ist die Tatsache, dass auch die Bemühungen des Wissenschaftlers bei der Untersuchung einer Sache wiederum Verhalten darstellen. Letztlich ist der Gegenstand unserer Forschung etwas, auf das wir bereits einwirken, indem wir es untersuchen. Genauso wie wir Verhalten nicht ohne Kontext verstehen können, steht dem Organismus ohne Verhalten auch kein Kontext zur Verfügung.

Dieser Punkt in Bezug auf das Verhalten eines Wissenschaftlers ist auch in generellerer Art und Weise zutreffend. Reiz und Reaktion (Verhalten) sind kodependent und sollten zusammen betrachtet werden. Sie bilden eine einzige Einheit (Kantor, 1970). Zwar können wir sie aus praktischen Gründen trennen, jedoch nur, sofern wir damit ein bestimmtes Ziel verfolgen. Und die Verhaltenswissenschaft, die Skinner erschaffen wollte, hat ein Ziel: Verhalten vorherzusagen und zu beeinflussen. Radikale Behavioristen behaupten nicht, sie würden „die Realität enthüllen“; vielmehr vertreten wir den Standpunkt, dass diese Methode, das wissenschaftliche Projekt des radikalen Behaviorismus, als Methode für unsere Absichten taugt. Die Taube in Skinners Experiment könnte etwas Ähnliches sagen: „An dieser Stelle zu picken taugt, um Skinner dazu zu bringen, mir Futter zu geben.“

Wenn wir die fundamentalen Prinzipien des Verhaltens, die wir identifiziert haben, anwenden, führt dies zu einem weiteren wichtigen Ergebnis im Zusammenhang mit der Definition des Begriffs „Verhalten“. In der Alltagssprache bezieht sich das Wort „Verhalten“ normalerweise nur auf externe Handlungen, die von anderen anwesenden Personen beobachtet werden können. Wie sollten wir also die Dinge betrachten, die eine Person tut, aber die von niemandem außer ihr selbst beobachtet werden können, also Dinge wie beispielsweise Fühlen, Erinnern und Denken? Traditionellerweise wurden diese Phänomene einer anderen Sphäre zugeordnet, nämlich der Psyche – so als ob sie von einer anderen Natur wären als die Dinge, die wir beobachten können. Auch hier forderte Skinner Konsistenz, indem er den Standpunkt vertrat, dass es keine Hinweise darauf gäbe, dass die genannten Prinzipien nicht auch für diese Phänomene gelten würden (Skinner, 1953, 1974). Dies bedeutet, dass auch diese Phänomene Verhalten darstellen und dass sie gemäß denselben Prinzipien wie von anderen Personen beobachtbares Verhalten analysiert werden sollten.

1.3 Fundamentale verhaltensanalytische Prinzipien

Was also sind die fundamentalen Prinzipien, die durch experimentelle Forschung demonstriert und mit ihrer Hilfe untersucht werden und die wir für das Verständnis und die Beeinflussung von Verhalten verwenden können? Für eine detailliertere Antwort auf diese Frage sei der Leser an dieser Stelle auf andere Publikationen verwiesen (Catania, 2007; Ramnerö & Törneke, 2008). Dennoch werde ich hier eine kurze Zusammenfassung liefern, bevor ich mich dem Hauptziel dieses Buches zuwende, nämlich einer Darstellung der angemessenen Anwendung dieser Prinzipien bei der Erforschung der Funktion menschlichen Denkens.

Die beiden fundamentalen Prinzipien der Verhaltensanalyse sind operante und res­pondente (auch: klassische) Konditionierung. Die letztgenannte Form wurde seit Pawlows weithin bekanntem Experiment mit Hunden zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielfach beschrieben. Operante Konditionierung ist das Lernprinzip, das Skinner mittels seiner Experimente untersuchte und demonstrierte, weshalb ich meine Darstellung hier damit beginnen werde.

1.3.1 Operante Konditionierung: Lernen durch Konsequenzen

Menschliche Handlungen finden niemals in einem Vakuum statt. Jeder Handlung geht etwas voraus und auf jede Handlung folgt auch etwas. In diesen kontextuellen Faktoren – den vorausgehenden und den folgenden – sucht der Verhaltensanalytiker nach Antworten auf Fragen in Bezug darauf, was dem Verhalten zugrunde liegt. Wenn sich jemand in einem bestimmten Kontext mir zuwendet und dabei einen bestimmten Ausdruck auf seinem Gesicht hat, so werde ich wahrscheinlich Worte wie „Kann ich Ihnen helfen?“ an den Betreffenden richten. Auf meine Äußerung folgt anschließend ein neues Ereignis: Die Person antwortet. Somit folgt auf meine Handlung eine Konsequenz, in diesem Fall die Tatsache, dass mir jemand antwortet. Das Kernprinzip der operanten Konditionierung ist, dass die auf ein Verhalten (eine Reaktion) folgenden Konsequenzen die Wahrscheinlichkeit für eine Wiederholung dieses Verhaltens beeinflussen. Spekulieren wir ein wenig, indem wir zwei sehr verschiedene Konsequenzen im Rahmen des oben beschriebenen Alltagsbeispiels durchdenken. Nehmen wir an, dass auf meine Äußerung der Worte „Kann ich Ihnen helfen?“ folgt, dass die Person mich freundlich anlächelt und mir sagt, was sie möchte. Eine alternative Konsequenz wäre die Antwort: „Kümmer’ dich um deinen Kram, du Trottel!“ Es lässt sich schwer genau ermessen, welche Auswirkungen jede dieser Antworten auf die Wahrscheinlichkeit dafür hat, dass ich in Zukunft erneut Hilfe anbiete, wenn mich jemand mit diesem speziellen Ausdruck auf seinem Gesicht ansieht. Entscheidend ist jedoch, dass frühere Konsequenzen immer einen Einfluss ausüben. „Ein gebranntes Kind scheut das Feuer“ ist ein altes Sprichwort. Diese „Wahrheit“ wurde von einem bekannten Autor in einem Buch namens Burned Child Seeks the Fire ins Gegenteil verkehrt (Edvardson, 1997). Nicht immer lässt sich leicht feststellen, welche Art von Verhalten aufgrund früherer Konsequenzen zu erwarten ist. Doch das Sprichwort und der Autor sind sich hinsichtlich einer Sache einig: Vorangegangene Konsequenzen üben stets einen Einfluss aus. Dies ist das Kernprinzip des operanten Lernens.

In der Psychologie des operanten Lernens werden die unterschiedlichen Einflüsse von Konsequenzen danach kategorisiert, ob sie die Wahrscheinlichkeit für die Wiederholung eines früheren Verhaltens erhöhen oder senken. Wenn ich auf Äußerungen wie die im obigen Beispiel eine freundliche Antwort erhalte und mich daher öfter an Menschen wende, die in ähnlichen Situationen dieselbe Art von Ausdruck auf ihrem Gesicht tragen, so würde man sagen, dass die freundlichen Reaktionen einen verstärkenden Effekt auf dieses spezifische Verhalten meinerseits hatten. Eine Konsequenz, die die Wahrscheinlichkeit für eine Wiederholung des vorausgegangenen Verhaltens erhöht, bezeichnet man somit als Verstärkung. In diesem Fall besteht die verstärkende Konsequenz darin, dass ich etwas erhalte: eine freundliche Antwort. Etwas wird hinzugefügt. Diese Art von Vorgang bezeichnet man als positive Verstärkung.

Ein Verhalten kann auch durch eine Konsequenz, die in der Entfernung von etwas besteht, verstärkt werden. Dies wird durch das Verhalten der Person, die meine Frage mit „Kümmer’ dich um deinen Kram, du Trottel!“ beantwortete, veranschaulicht. Nehmen wir an, dass ich auf diese Antwort hin schweige und meine Aufmerksamkeit von dem Sprecher abwende. Ich tue also, was mir gesagt wird. Diese Konsequenz könnte die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen, dass die andere Person die Äußerung „Kümmer’ dich um deinen Kram, du Trottel!“ in Zukunft in ähnlichen Situationen wiederholt. Die Konsequenz – dass ich schweige und mich abwende – wirkt in diesem Fall verstärkend auf das Verhalten der Person, einen Trottel verbal zu verscheuchen. Dieses Mal besteht die Verstärkung jedoch darin, dass etwas entfernt wird, nämlich die Aufmerksamkeit eines Trottels. Wenn die Wahrscheinlichkeit für ein Verhalten zunimmt, weil etwas entfernt wird, spricht man von negativer Verstärkung.

Die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Verstärkung (beides Prozesse, die die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten erhöhen) ist nicht immer zwingend erforderlich. Man kann sagen, dass diese beiden Konzepte zwei Seiten derselben Sache beschreiben (Michael, 1975). Wenn das Verhalten, Trottel verbal zu verscheuchen, durch mein Schweigen verstärkt wurde, so besteht ein beeinflussender Faktor darin, dass meine lästigen Fragen aufhörten. Dies ist negative Verstärkung. Eine andere Art der Beschreibung derselben Sache bezieht sich jedoch auf den resultierenden Zustand: beispielsweise Stille oder alles andere, das hinzugefügt wurde. Dies ist positive Verstärkung. Oftmals ist es bequem, zwischen positiver und negativer Verstärkung zu unterscheiden, auch wenn die Unterscheidung aus theoretischer Sicht nicht eindeutig möglich ist. Manchmal kann es offensichtlicher sein, dass etwas entfernt wird als dass etwas hinzugefügt wird. Indem wir dies als negative Verstärkung bezeichnen, veranschaulichen wir den Prozess. Die Unterscheidung ist in klinischen Situationen oft praktisch, wie ich in Teil 3 des Buches noch darlegen werde.

Eine Konsequenz, die die Wahrscheinlichkeit für die Wiederholung eines bestimmten Verhaltens reduziert, bezeichnet man als Bestrafung. Wenn ich im obigen Beispiel eine unfreundliche Reaktion erhalte und in der Folge davon absehe, mich in diesem spezifischen sozialen Kontext an Leute zu wenden oder dies seltener tue, so war die vorangegangene Konsequenz bestrafend. Auch Bestrafung lässt sich in positive Bestrafung – bei der etwas hinzugefügt wird – und negative Bestrafung – bei der etwas entfernt wird – unterteilen. Bedenken Sie jedoch, dass die Konsequenz keine intrinsische Eigenschaft aufweist, die sie als verstärkend versus bestrafend kennzeichnen würde. Natürlich trifft es zu, dass manche Konsequenzen häufiger verstärkend auf Menschen wirken, beispielsweise bestimmte Formen sozialer Aufmerksamkeit. Dies ist jedoch nicht immer der Fall. Aufmerksamkeit und Zuwendung in netter Art und Weise wirken zwar üblicherweise verstärkend auf menschliches Verhalten, aber jeder von uns kann sich Situationen vorstellen, in denen er diese vermeiden möchte. Ähnlich wirken manche Konsequenzen üblicherweise bestrafend, wie etwa geschlagen zu werden, aber auch dies ist nicht immer der Fall. Ein Kind, das mit vielen Handlungen die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu erlangen versuchte, aber immer nur Gleichgültigkeit erfuhr, kann ein Verhalten wiederholen, für das es geohrfeigt wird; einfach nur aus dem Grund, dass die Ohrfeige Aufmerksamkeit beinhaltet. Die Funktion der Konsequenz liefert die Definition. Wenn die Konsequenzen die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten erhöhen, spricht man von Verstärkung, und wenn sie die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten senken, spricht man von Bestrafung. Eine kurze Zusammenfassung:

Abbildung 1: Unterschiedliche Arten von Konsequenzen

Bevor ich nun beschreibe, wie wir ein bestimmtes Verhalten analysieren können, muss ich zunächst klarstellen, was genau wir eigentlich analysieren. Zwei Verhaltensweisen sind kaum jemals identisch; auch wenn es den Anschein hat, werden sie sich im Detail unterscheiden. Ich kann meine Kaffeetasse auf viele unterschiedliche Weisen erheben, und ich kann mich auf viele unterschiedliche Weisen an andere Menschen wenden. In der Verhaltensanalyse spricht man davon, dass Verhaltensweisen, die einander ähneln, weil sie dieselbe Funktion haben, derselben Funktionsklasse angehören. Diese Kategorisierung ist essenziell, wenn wir Verhalten analysieren wollen. Wenn Sie ein gegebenes, früheres Verhalten analysieren, ist natürlich dieses bestimmte Verhalten Gegenstand der Analyse – etwa die Art und Weise, in der ich mich im obigen Beispiel an jemand anderen gewendet habe. Gleichzeitig ist dies aber nur dann von Interesse, wenn es dabei hilft, ein ähnliches Verhalten in der Zukunft zu analysieren – ein Verhalten, das ähnlich genug ist, um dieselbe oder fast dieselbe Funktion zu haben. Über die Zeit hinweg betrachten wir primär Funktionsklassen oder Kategorien von Verhalten. Einige solcher Klassen sind sehr eng oder spezifisch, etwa das Verhalten eines Biathleten im Wettkampf, der in stehender Schussposition versucht, einen Treffer zu landen. Andere Klassen sind sehr unspezifisch oder beinhalten ein breites Spektrum an Verhaltensweisen, etwa das Verhalten, mit dem Menschen unangenehme Erinnerungen vermeiden.

ABC

In der Verhaltensanalyse besteht eine übliche Art, eine operante Abfolge von Ereignissen zu beschreiben, in der Anwendung des so genannten ABC-Modells. Die Analyse einer Abfolge wird als Funktionsanalyse bezeichnet. Entscheidend ist hierbei das „B“, das für das englische Wort „behavior“, also Verhalten, steht: Etwas wird getan. Dieses Verhalten beziehungsweise diese Reaktion ist das, was wir vorhersagen und beeinflussen wollen. „C“ steht für „consequence“, also Konsequenz, deren bedeutende Rolle in einer operanten Analyse wir gerade kennengelernt haben. Schließlich ist da noch das A, das „antecedent“, also Antezedens bedeutet oder auch „das Vorausgehende“. Sogar die Konsequenzen, die ein bestimmtes Verhalten leiten, gehen dem geleiteten Verhalten voraus, da sie auf ein früheres, ähnliches Verhalten gefolgt sind. Wenn das Ansprechen einer anderen Person zuvor davon gefolgt wurde, dass man freundliche Aufmerksamkeit erlangte, kann die Wahrscheinlichkeit für eine Wiederholung dieses Verhaltens steigen. Die in ABC mit A bezeichneten Antezedenten sind jedoch die Bedingungen, die gegenwärtig sind, wenn ein bestimmtes Verhalten auftritt. In der Verhaltensanalyse schreibt man A mindestens zwei unterschiedliche Arten von Funktionen zu: die diskriminative Funktion und die motivationale Funktion. Ich werde hier zunächst die diskriminative Funktion beschreiben.

Die Tatsache, dass meine Frage („Kann ich Ihnen helfen?“) zuvor verstärkt wurde, bedeutet nicht, dass ich immer dieselbe Frage stellen werde. Dieses Verhalten wurde in einem spezifischen Kontext verstärkt und nur in diesem Kontext – oder besser gesagt in ähnlichen Kontexten – nimmt die Wahrscheinlichkeit für eine erneute Äußerung dieser Frage zu. Der Begriff Antezedens bezieht sich auf genau diesen Kontext: die Bedingungen, unter denen mein Verhalten mich zuvor mit bestimmten Konsequenzen konfrontiert hat, welche anschließend leitenden Charakter in Bezug auf mein Verhalten bekamen. Unter der Bedingung, dass eine Person mich mit einem bestimmten Ausdruck auf ihrem Gesicht ansah (A), habe ich sie angesprochen (B) und sah mich daraufhin mit unterschiedlichen Konsequenzen konfrontiert (C). Dies bedeutet, dass A nun durch eine bestimmte Verbindung in meiner Vorgeschichte eine Funktion etabliert hat – eine Verbindung zwischen einer Bedingung, einem Verhalten und einer Konsequenz. Wenn ich nun einer neuen Bedingung begegne, die der zuvor angetroffenen ähnlich genug ist, beeinflusst die frühere Konsequenz mein gegenwärtiges Verhalten. Diese Funktion von A wird als diskriminativ bezeichnet, und wir sprechen dann vom Antezedens als einen diskriminativen Reiz.

Ein diskriminativer Reiz signalisiert eine historische Verbindung zwischen einem Verhalten und einer bestimmten Konsequenz. Eine bestimmte Art von Verhalten bei einer anderen Person – ein Blick oder ein Gesichtsausdruck beispielsweise – ­sig­nalisiert einem Individuum eine historische Verbindung zwischen einem Verhalten, wie dem Stellen einer Frage, und einer Konsequenz. Man könnte sagen, dass ein vorliegendes diskriminatives Antezedens die Verfügbarkeit einer bestimmten Konsequenz signalisiert, einfach aufgrund dieser historischen Kontiguität. Diese Verbindung bezeichnet man in der Verhaltensanalyse als Kontingenz. Wir sagen außerdem, dass eine bestimmte Konsequenz in Bezug auf ein bestimmtes Verhalten kontingent sein muss, um ihre Funktion ausüben zu können. Dies bedeutet, dass eine direkte Verbindung zwischen dem Verhalten und der Konsequenz erforderlich ist. Damit diskriminative Antezedenten und verstärkende oder bestrafende Konsequenzen ihre jeweilige Funktion in Bezug auf ein bestimmtes Verhalten erfüllen können, müssen sie in Kontiguität mit diesem Verhalten auftreten. In der experimentellen Verhaltensanalyse wurden umfangreiche Forschungen unternommen, um diese Verbindungen und ihre möglichen Variationen expliziter zu beschreiben (Catania, 2007).

Die vorherrschenden Umstände (A) können die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens auch auf eine andere Weise beeinflussen. Es gibt Umstände, die nicht diskriminativ sind; das bedeutet, sie signalisieren keine historische Verbindung zwischen einem Verhalten und einer bestimmten Konsequenz. Obwohl sie keine gesteigerte Verfügbarkeit einer Konsequenz signalisieren, beeinflussen sie dennoch die Wahrscheinlichkeit eines Verhaltens. Ein klassisches Beispiel ist Nahrungsdeprivation (Hunger). Wenn meine Tochter an der Küche vorbeigeht, in der ich gerade eine Mahlzeit zubereite und ich „Abendessen ist fertig“ sage, kann dies für sie als diskriminativer Reiz fungieren. In diesem Fall geht sie nicht weiter ins Fernsehzimmer, sondern setzt sich an den Küchentisch. Hinter diesem Verhalten könnten unterschiedliche Arten von Lerngeschichten stehen, aber eine Möglichkeit ist, dass meine Äußerung meiner Tochter eine historische Verbindung zwischen den aktuellen Bedingungen und der Verfügbarkeit einer bestimmten Konsequenz signalisiert: Essen serviert zu bekommen. Dies ist eine Beschreibung einer diskriminativen Funktion.[1] Daneben kann natürlich auch die Tatsache, dass meine Tochter entweder satt (nachdem sie einige Sandwiches gegessen hat) oder hungrig (da sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hat) ist, einen Einfluss darauf haben, ob sie sich an den Tisch setzt, um zu essen. Ob sie satt oder hungrig ist, sagt nichts über die Verfügbarkeit von Nahrung aus; die Mahlzeit ist in beiden Fällen gleich verfügbar. Ihr Hunger repräsentiert eine unterschiedliche Funktion von Bedingungen, die einem Verhalten vorausgehen und dieses beeinflussen können. Dieses Verhalten wird normalerweise als etablierende Operation oder motivationale Operation bezeichnet (Michael, 1993). Es ist eine Funktion von A, jedoch keine diskriminative Funktion. Es handelt sich vielmehr um antezedierende Bedingungen, die die Wirksamkeit einer Konsequenz in Bezug auf ihre verstärkende oder bestrafende Wirkung beeinflussen. In diesem Beispiel wird das Abendessen mehr oder weniger verstärkend auf meine Tochter wirken, abhängig von ihrer jüngeren Geschichte in Bezug auf Nahrung – das bedeutet, ob sie hungrig ist oder nicht.

Betrachten wir nochmals das obige Beispiel der Frage „Kann ich Ihnen helfen?“ aus dieser Perspektive Wir könnten annehmen, dass ich eine Vorgeschichte habe, in der ein bestimmtes Verhalten aufseiten einer anderen Person (beispielsweise ein Gesichtsausdruck) als diskriminativer Antezedens für das Stellen einer Frage fungiert. Stellen wir uns zwei mögliche Szenarien vor: Ich könnte ungewöhnlich müde sein, da ich in der Nacht zuvor nicht gut geschlafen habe; oder ich könnte andererseits für einige Zeit keinen sozialen Kontakt mit anderen Menschen gehabt haben. Beide Bedingungen könnten beeinflussen, ob ich meine Frage stelle oder nicht, wenn ich tatsächlich einem diskriminativen Reiz für dieses Verhalten begegne. Und dies ist unabhängig von der Tatsache, dass weder meine Müdigkeit noch mein Wunsch nach zwischenmenschlichem Kontakt etwas über die Verfügbarkeit der leitenden Konsequenz aussagen. Stattdessen ist hier entscheidend, dass diese Bedingungen das Ausmaß beeinflussen, in dem die leitende Konsequenz motivierend auf mich wirkt, oder wie viel Einfluss die Konsequenz in dieser bestimmten Situation ausüben kann.

Abbildung 2: Grundlegende Funktionen der unterschiedlichen Teile einer ABC-Analyse

Oft ist es hilfreich, zwischen den diskriminativen und motivationalen Funktionen der Bedingungen, die operantem Verhalten vorausgehen und dieses beeinflussen, zu unterscheiden. Allerdings ist es auch hier das Ausmaß der Nützlichkeit, das darüber entscheidet, wie wichtig diese Unterscheidung ist. In der Praxis ist es nicht immer möglich, diese Unterscheidung zu treffen, und bei anderen Gelegenheiten mag sie nicht wichtig sein, auch wenn die Möglichkeit besteht. Dies führt mich zu einem wichtigen Punkt in Bezug darauf, was ABC nicht ist.

Eine Anmerkung dazu, was ABC nicht ist

Wenn wir eine Verhaltensabfolge in der Art beschreiben, wie ich es oben getan habe, und den unterschiedlichen Funktionen unterschiedliche Begriffe zuweisen, so kann man leicht den Denkfehler begehen, dass man eine mechanische Kette von Ereignissen „da draußen in der Realität“ entdeckt hätte. Wie jedoch bereits zuvor erwähnt, ist dies nicht das Ziel. Diese Art der Diskussion ist lediglich eine Möglichkeit, über Verhalten zu sprechen und zu schreiben – eine Möglichkeit, die hilfreich ist, um Verständnis und Einfluss zu erlangen. Im konstanten Fluss von Ereignissen, mit dem wir uns konfrontiert sehen, können wir zwischen unterschiedlichen Prozessen unterscheiden, weil dieses Vorgehen für uns hilfreich ist. Dies gilt für alle Menschen zu allen Zeiten, selbst solche, die sich mit wissenschaftlichen Untersuchungen beschäftigen. Die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Prozessen, Prinzipien, Antezedenten und Konsequenzen, Verstärkung und Bestrafung und so fort ist ein Verhalten, das der Verhaltensanalytiker an den Tag legt. Innerhalb dieses Rahmenkontextes wird Wissen als Fertigkeit für die Ausführung bestimmter Handlungen angesehen; es ist kein Objekt, das man entdeckt oder besitzt. Die Analyse von Verhalten aus der Perspektive des radikalen Behaviorismus besteht nicht in der Ent­deckung einer verborgenen Realität. Alles, was wir tun, ist Umgang mit der Realität beziehungsweise Verhalten. Dies bedeutet, dass unser Verhalten der Durchführung von ABC-Analysen ebenfalls operantes Verhalten darstellt, geleitet von den Konsequenzen, denen der Verhaltensanalytiker bei dieser Aktivität zuvor begegnet ist. Wir tun, was wir tun, da wir eine Vorgeschichte von Verbindungen zwischen unterschiedlichen Antezedenten, früheren Verhalten und Konsequenzen haben. Wir tun es, weil es uns dabei hilft, bestimmte Ziele zu erreichen.

Aus dieser Sicht ist das Aufstellen von Behauptungen im Hinblick auf die Entdeckung oder das Verstehen der „Natur der Realität“ ein Widerspruch in sich. Im funktionalen Kontextualismus verhaftet zu sein bedeutet, dass wir von Behauptungen, die „Wahrheit“ zu entdecken oder zu kennen, Abstand nehmen. Stattdessen machen wir uns ein pragmatisches Wahrheitskriterium zu eigen, im Rahmen dessen das wahr ist, was in Bezug auf eine bestimmte Absicht oder ein bestimmtes Ziel hilfreich ist. Dies bedeutet auch, dass eine Wissenschaft ihre Ziele klarstellen muss. Nichts funktioniert „im Allgemeinen“. Wenn es funktioniert, so funktioniert es für eine bestimmte Sache, auf die wir abzielen. Der Verhaltensanalytiker hat zwei Ziele: Vorhersage und Beeinflussung.

1.3.2 Respondente Konditionierung: Lernen durch Assoziation

Während der Einfluss von Konsequenzen auf das Verhalten der zentrale Aspekt der sogenannten operanten Konditionierung ist, beschreibt die respondente Konditionierung die Macht bestimmter Antezedenten, ein reflexives Verhalten auszulösen. Einfach ausgedrückt bedeutet dies, dass wir unter bestimmten Umständen immer so und nicht anders reagieren werden. Wenn dieselben Umstände oder sehr ähnliche eintreten, so rufen sie dieselbe, ausschließlich auf dem Antezedens basierende Reak­tion hervor. Das Verhalten tritt ungeachtet der Konsequenzen auf, die früher auf diese Reaktion gefolgt sind.

Wiederum muss man sich vergegenwärtigen, dass dies keine Entdeckung mechanischer Prozesse darstellt, welche „in der Realität“ aus sich selbst heraus tatsächlich existieren. Die Terminologie des Behaviorismus ist lediglich eine Art, über diese Probleme zu sprechen, und wir verwenden sie, da sie hilfreich ist. Sie dient in diesem Fall unserem Zweck, zwischen operanter und respondenter Konditionierung zu unterscheiden. Obwohl diese Prozesse im Netz von Ereignissen, das wir verstehen und beeinflussen wollen (mehr dazu weiter unten im Text), koexistieren, werde ich hier um der Verdeutlichung willen isoliert schildern, was wir als respondente Konditionierung verstehen.

Es gibt bestimmte grundlegende Reaktionen, die wir nicht lernen müssen. Sie existieren vom Beginn unseres Lebens an. Laute Geräusche, ein Schlag, eine rasche Bewegung von etwas auf unsere Augen zu, Kontakt mit großer Hitze und so fort – all diese Ereignisse lösen spontane Bewegungen bei Menschen ebenso wie bei Tieren aus. Die Konsequenzen unseres Verhaltens scheinen dies nicht substanziell zu beeinflussen. Wenn wir dafür sorgen, dass diese spontanen Bewegungen von bestimmten Konsequenzen gefolgt werden, die typischerweise operantes Verhalten beeinflussen, so verursacht dies nicht die korrespondierende Veränderung im Verhalten, die wir erwartet hätten. Wenn ich mit einer bestimmten Konsequenz konfrontiert werde, weil ich etwas in meinen Mund gesteckt habe, wird diese Konsequenz vermutlich eine leitende Funktion einnehmen. Ob das, was ich mir in den Mund gesteckt habe, gut oder schlecht schmeckt, hat einen Einfluss auf meine zukünftige Tendenz, mir dieselbe Sache in den Mund zu stecken. Dies ist operantes Verhalten, geleitet von Konsequenzen. Wenn wir jedoch auf irgendeine Weise dafür sorgen könnten, dass mein Speichelfluss einen schlechten Geschmack verursacht, und dann etwas täten, das normalerweise Speichelfluss verursacht, würde dies meinen Speichelfluss nicht in nennenswertem Ausmaß beeinflussen. Speichelfluss ist respondentes Verhalten; es ist das Ergebnis von Antezedenten und wird nicht in größerem Ausmaß von Konsequenzen kontrolliert. Eine Reaktion, die nicht gelernt wurde, bezeichnet man als unkonditionierte Reaktion, und ein Reiz[2] (in diesem Fall ein Antezedens), der solch eine Reaktion auslöst, ist ein sogenannter unkonditionierter Reiz. Typischerweise ist Speichelfluss eine unkonditionierte Reaktion und Nahrung ist der unkonditionierte Reiz, der sie auslöst. Einige affektive Reaktionen wie Furcht sind ebenfalls Beispiele für unkonditionierte Reaktionen. Diese sind allesamt angeborene Reaktionen, die sich aufgrund ihres Überlebensnutzens in der Evolution entwickelt haben.

Die Tatsache, dass respondentes Lernen auftritt, bedeutet, dass Erfahrung dennoch sowohl diese Reaktionen als auch ihr Auftreten beeinflusst. Dies gilt für Speichelfluss ebenso wie für affektive Reaktionen, neben vielen anderen. Manche externen Situationen lösen Furcht aus, ohne dass das Individuum dies lernen muss (Öhman, 2002). Jedoch können in einer Situation, in der ich mich fürchte, auch andere gegenwärtige Reize dieselbe auslösende Funktion wie der Reiz, der ursprünglich Furcht ausgelöst hat, ausüben oder einnehmen. Wenn ich während eines Spaziergangs auf dem Marktplatz meiner Heimatstadt angegriffen werde, können wir davon ausgehen, dass ich während dieses Ereignisses ein gewisses Maß an Furcht empfinde. Wenn ich dann jedoch später erneut auf diesem Platz spazieren gehe, können Reize, die zuvor neutral waren – oder bei mir sogar positive Emotionen hervorgerufen haben –, stattdessen Furcht hervorrufen. Die auf diese Weise konditionierten Reize könnten der Platz selbst, der Geruch vor dem Restaurant am Ort des Angriffs oder jedes andere weitere Detail sein, die für sich betrachtet allesamt irrelevant sind, wie etwa die Statue auf dem Platz. Infolge der Tatsache, dass diese Reize zum Zeitpunkt des Angriffs gegenwärtig waren, sind sie nun mit diesem assoziiert. Diese Art der gelernten Reaktion, die als konditionierte Reaktion bezeichnet wird, ist ein Beispiel für die Ausbreitung respondenter Reaktionen im Zuge der Assoziation von neutralen Reizen mit solchen, die unkonditionierte Reaktionen auslösen. Auf diese Art werden zuvor neutrale Reize zu konditionierten Reizen.

Beim respondenten Lernen ist die direkte Verbindung zwischen Ereignissen wichtig. Ein konditionierter Reiz erwirbt seine Funktion, indem er in direkter Verbindung mit einem unkonditionierten Reiz und seiner begleitenden Reaktion auftritt. Diese Verbindungen und ihre Variationen bilden ein weiteres Forschungsgebiet, in dem zahlreiche Untersuchungen durchgeführt wurden (Catania, 2007).

Abbildung 3: Respondentes Lernen

1.3.3 Operante und respondente Konditionierung interagieren

In vielen Fällen kann es hilfreich sein, zwischen operanter und respondenter Konditionierung zu unterscheiden. Manche Prozesse sind durch die Anwendung operanter Prinzipien leichter zu verstehen oder zu beeinflussen, während die Prinzipien der respondenten Konditionierung für andere hilfreicher sind. Lernen findet jedoch oft unter dem Einfluss beider Prinzipien gleichzeitig und durch Interaktion zwischen ihnen statt. Wenn mein Sohn in einer anderen Stadt lebt und ich gern mit ihm telefoniere, werde ich ihn vermutlich von Zeit zu Zeit anrufen. Wenn sich dabei herausstellt, dass er am Dienstagabend sehr gut zu erreichen ist, so werde ich ihn möglicherweise anrufen, wenn ich bemerkt habe, dass es Dienstagabend ist. Bisher haben wir es mit operantem Lernen durch positive Verstärkung für das Anrufen zu tun, wobei Dienstagabend zu einem diskriminativen Reiz wird, der die gesteigerte Verfügbarkeit einer bestimmten Konsequenz anzeigt: dass mein Sohn ans Telefon geht. Sagen wir nun, dass eine bestimmte Melodie gespielt wird, während ich darauf warte, dass mein Sohn meine Anrufe entgegennimmt. Nachdem ich dies mehrfach erlebt habe, höre ich eines Tages genau diese Melodie im Radio. Ich beginne, an meinen Sohn zu denken, und vielleicht kommen auch einige emotionale Reaktionen, die ursprünglich infolge meiner Interaktion mit ihm aufgetreten sind, an die Oberfläche. Wie ist dies geschehen? Die Antwort ist respondentes Lernen. Die Melodie wurde zu einem konditionierten Reiz und mit meinem Sohn verbundene Gedanken und Gefühle sind eine konditionierte Reaktion. Es ist leicht ersichtlich, wie diese Reaktionen wiederum als Antezedenten für weiteres operantes Verhalten fungieren können. Ich könnte beispielsweise meinen Sohn früher anrufen, als ich es getan hätte, wenn ich diese Melodie nicht im Radio gehört hätte.

Eine weitere mögliche Interaktion zwischen respondentem und operantem Lernen besteht in der Etablierung verstärkender und bestrafender Einflüsse. Reize, die zuvor nicht als Verstärker fungiert haben, können diese Funktion annehmen, indem sie mit bereits als Verstärker fungierenden Dingen assoziiert werden. Statussymbole, Designerkleidung, ein Foto eines geliebten Menschen oder eine Lieblingsfernsehsendung können allesamt verstärkende Funktion haben. Diese Reize haben ihre Funktion erworben, indem sie mit anderen Verstärkern assoziiert wurden; ein Beispiel ist der Erhalt interpersonaler Aufmerksamkeit infolge von Statussymbolen. Verstärker, die ihre Funktion haben, ohne dass sie gelernt werden müssen – etwa interpersonale Aufmerksamkeit, Nahrung, wenn man hungrig ist, und Wärme, wenn man friert – werden als unkonditionierte oder primäre Verstärker bezeichnet. Verstärker, die ihre Funktion durch einen Lernprozess erworben haben, bezeichnet man als konditionierte oder sekundäre Verstärker. Die korrespondierende Terminologie gilt auch für bestrafende Einflüsse: Diese können unkonditionierte oder primäre Strafreize sein, oder sie können ihre Funktion durch Assoziation mit anderen Strafreizen erwerben und in der Folge als konditionierte oder sekundäre Strafreize bezeichnet werden.

1.3.4 Extinktion

Gelerntes Verhalten ist nicht notwendigerweise von unbegrenzter Dauer. Ob es nun von Konsequenzen oder Assoziationen geleitet wird, die Häufigkeit eines Verhaltens kann zunehmen oder abnehmen, wenn bestimmte Kontingenzen entfernt werden. Hierfür wird oft der Begriff Extinktion gebraucht, und zwar als operante Extink­tion oder respondente Extinktion.