Bibliodrama - Helmut Kreller - E-Book

Bibliodrama E-Book

Helmut Kreller

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Beschreibung

In diesem Lehr- und Arbeitsbuch, das Lust macht auf das vom Psychodrama abgeleitete Bibliodrama, beschreibt Helmut Kreller nach einer theoretischen Grundlegung detailliert und spürbar praxiserfahren Arrangements und Methoden, geordnet nach den drei Schritten >Erwärmung – Im Textraum – Integration<, die sich im Rahmen bibliodramatischer Arbeit bewährt haben. Dadurch bietet er Einsteigern wie erfahrenen Bibliodramatiker/innen ein weites Spektrum an Theorie, Praxis und weiterführenden Informationen. Einige ausgeführte Beispiele zu Ausschreibungen, verschiedenen Anwendungfeldern und Seminarverläufen, runden das Buch ab.

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Seitenzahl: 460

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Helmut Kreller

BIBLIODRAMA

Ein Lehr- und Praxisbuch

Books on Demand

Ich greife in den Himmel und stecke mir die Sterne ins Haar…

Lulu zu Schwarz in: Frank Wedekind, Erdgeist, 1. Akt, 4. Auftritt

Inhalt

Vorwort

1 Grundlegung

1.1 Was ist Bibliodrama?

1.2 Anfänge des Bibliodramas

1.3 Quellen des Bibliodramas

1.4 Verortung des Bibliodramas

1.5 Abgrenzungen

1.6 Zu beachtende Dynamiken

2 Praxis

2.1 Vorbereitung eines Bibliodramas

2.2 Ablauf

2.3 Methoden und Arrangements

2.4 Verschiedene Textgattungen im Bibliodrama

2.5 Felder der Anwendung

2.6 Kleine Formen des Bibliodramas – Kurzbibliodramen

2.7 Groß-Bibliodramen

3 Beispiele

3.1 Ausschreibungen

3.2 Bibliodrama-Seminare

4 Literatur

5 Detailliertes Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Unter dem Oberbegriff »Bibliodrama« versammeln sich unterschiedlichste Ansätze, beispielsweise mehr seelsorgerlich, spirituell oder hermeneutisch ausgerichtete, oder von der Theaterpädagogik oder dem Psychodrama herkommend. Alle Ansätze haben ihre Anhänger gefunden und ihre Berechtigung. Jeder Ansatz hat seine eigene Sprache ausgebildet, was die Verständigung oder »Übersetzung« manchmal schwierig macht.

Vieles innerhalb der Ansätze ist gleich, manches ähnlich, manches fundamental unterschiedlich.

Dieses Buch erhebt nicht den Anspruch, das Bibliodrama in all seinen Formen umfassend zu beschreiben. Es ist ein persönliches, aus der eigenen Erfahrung gespeistes Buch und beschreibt das vom Psychodrama abgeleitete Bibliodrama. Um es verstehen zu können, muss man Psychodrama und seine Methoden aber nicht kennen. Alles zum Verständnis Notwendige wird im Verlauf beschrieben.

Das vorliegende Werk ist ein praxisbezogenes Lehr- und Arbeitsbuch für das Bibliodrama, das einerseits die Theorie und Methodik des vom Psychodrama abgeleiteten Bibliodramas formuliert und beschreibt, andererseits bewährte Methoden des Bibliodramas detailliert erklärt und in ausgeführten Beispielen nachvollziehbar und anschaulich macht. So will dieses Buch ausgebildete Bibliodramaleiterinnen und alle an Bibliodrama interessierten Menschen, gleich ob Pfarrerinnen, Diakone, Gemeinde- oder Pastoralreferentinnen, Lehrerinnen und Erwachsenenbildner auf ihrem Weg durch die Ausbildung, ins Bibliodrama hinein und in der praktischen Anwendung von Bibliodrama hilfreich begleiten.

Seit ich 1989 mein erstes Bibliodrama bei Ursula Runschke und Doris Immich erlebt habe, hat mich diese Methode nicht mehr losgelassen. Seit vielen Jahren lehre ich Biblio- und Psychodrama und versuche, das, was mir im Bibliodrama geschenkt wurde, an andere weiterzugeben. Immer wieder wurde und werde ich gefragt, ob ich das Erkannte nicht irgendwann aufschreiben und anderen zugänglich machen wollte. Dies ist nun geschehen.

Mein Dank gilt den vielen Teilnehmern und Teilnehmerinnen meiner Seminare und Weiterbildungen, die mir durch ihre Teilnahme die Erfahrung im Leiten von Bibliodrama und ein stetiges Weiterlernen ermöglicht haben.

Mein Dank gilt den Menschen, von denen ich gelernt habe: Ursula Runschke (München), Kurt-Jürgen Schmidt (Hannover), Doris Immich (Reinhardswald), Johanna Wittmann (Saarland), Petra Schmuck (Ostwestfalen) und meiner Frau Beate.

Besonders danke ich den Kolleginnen und Kollegen, die das Entstehen dieses Buches sorgfältig und kritisch begleitet haben und mit ihren Ratschlägen und Ideen unverzichtbar für mich waren. Zu nennen ist hier vor allem Sabine Roth-Nagel (Wetzlar), aber auch Sabine Heider (Fürth), Mechthild Hagen (Nürnberg), Ina Hötzel (Berlin) und Ruth O Rößler (Erlangen).

Zuletzt gilt mein Dank Frau Nicole Haustein vom Verlag BoD für die wunderbare und kompetente Betreuung.

1 Grundlegung

1.1 Was ist Bibliodrama?

1.1.1 Allgemeines

»Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: ›Sieh, das ist neu‹? Es ist längst vor uns geschehen in den Zeiten, die vor uns geschehen sind«, meint der Prediger Salomo (Koh 1,9b.10). Und in Goethes Faust II sagt Mephisto zu den Zuschauern: »Auch hier geschieht, was längst geschah, denn Naboths Weinberg war schon da.«1

Und tatsächlich: Es gibt keine wirklich neue menschliche Erfahrung. Die großen menschlichen Erfahrungen, die existentiellen Erfahrungen, sind immer gleich. Und es gibt keine dieser Erfahrungen, die nicht auch schon in der Bibel stünde. Alles, was Menschen miteinander und mit Gott erlebt haben und erleben können, ist in diesem Buch bereits Schrift geworden. Die Bibel wird so als Schrift gewordener Niederschlag der von Menschen erlebten Gotteserfahrung verstanden. Was Menschen Jahrhunderte vor uns in ihrem Leben vom Handeln Gottes erfahren haben, ihre Antworten und Gebete, all das ist in der Bibel gleichsam zu Schrift »geronnen«. Jacob Levy Moreno, der Begründer des Psychodramas, nennt diesen Niederschlag, diese Verschriftlichungen menschlicher Erfahrungen »Kulturkonserven.«2

Kurz gefasst kann man sagen:

Bibliodrama ist ein kreativer und spontaner ProzessJedem Menschen, der »gesund« geboren wird, sind nach Moreno Kreativität und Spontaneität geschenkt worden. Die Kreativität ist dabei der Anteil, den der Mensch an Gottes Schöpferkraft hat. Wie Gott die Menschen und die Welt erschaffen hat, so kann und soll der Mensch mitschaffen, mitbauen an Gottes neuer Welt.Die Spontaneität ermöglicht es dem Menschen, dabei auch Neues zu schaffen, nicht immer nur Altbekanntes zu wiederholen. Durch das Vermeiden dieser immer gleichen Muster machen Kreativität und Spontaneität das menschliche Handeln in jedem Moment unvorhersehbar und nicht planbar. Es wird zu einem lebendigen Prozess. Dieser kreative und spontane Prozess soll auch im Bibliodrama die altbekannten biblischen Texte aus der ewig gleichen Rezitation erlösen, neu zum Leben erwecken und neu fruchtbar machen für ein besseres Leben und eine bessere Welt.

Bibliodrama ist eine HaltungDiese Prozesshaftigkeit des Bibliodramas hat zur Folge, dass die Leitung eines Bibliodramas nicht das Erlernen einiger weniger Methoden erfordert, sondern das Erlernen und Einnehmen einer bestimmten Haltung – den Menschen und dem biblischen Text gegenüber. Diese Haltung wird unter 1.1.18 näher beschrieben.

Bibliodrama ist Slow Motion mit intensiver Beteiligung möglichst vieler Sinne und GefühleWer mit seinem Auto auf der Autobahn dahinrast, kann die Blumen und Insekten auf den Wiesen neben der Autobahn nicht erkennen – und will es wahrscheinlich auch nicht. Wer es aber möchte, der braucht Verlangsamung, Slow Motion. Dazu muss ich die Autobahn verlassen, mich auf die Wiese begeben und in Muße die Schönheit und die Einzelheiten der Wiese erkunden. So ist es auch mit biblischen Texten. Auch das einfache Verlesen eines vermeintlich bekannten Textes ist immer noch sehr schnell. Erst wenn ich einsteige in den Text, mich mit viel Zeit und allen Sinnen einlasse auf seine Bilder und seine Schönheit, wenn ich seine Rollen ausprobiere und die Patina durchdringe, die er in der langen Tradition angelegt hat, erst dann werden die Blumen und Farben des Textes neu erstrahlen.

Bibliodrama hat sich Anfang der 70er Jahre entwickelt – auch aus einem spürbaren Unbehagen an den festgefahrenen Traditionen kirchlicher Verkündigung. Vieles wurde damals probiert, um biblische Texte zu demokratisieren. Es war die Zeit der narrativen Theologie, der feministischen Aufbrüche, des politischen Engagements der Gläubigen.

Dennoch hat sich bis heute an den Strukturen der Verkündigung nicht wirklich viel verändert. Von der Aufbruchsstimmung des Kirchentags in Nürnberg 1979 beispielsweise ist in der Kirche nur noch wenig zu spüren. Noch immer ist Predigt und Religionsunterricht eher eine Einbahnstraße, noch immer liegt die Deutungshoheit von biblischen Texten nahezu ausschließlich beim Pfarrer oder der Religionslehrerin 4.

Bibliodrama wollte dem ein prozessuales Gruppengeschehen entgegensetzen, das demokratisch und herrschaftsfrei ist, erfahrungsorientiert und ergebnisoffen. Menschen von heute, möglichst Menschen jeden Alters und jeder sozialen Schicht, sollten herausfinden, was ihnen die alten Texte der Heiligen Schrift konkret in ihrem je eigenen Leben zu sagen hätten – und ob sie ihnen noch etwas zu sagen hätten. Nicht von außen erklärt mir jemand, der mein Leben gar nicht wirklich kennt, die Bedeutung dieser Perikope für mich und mein Leben, sondern ich selbst – als der einzige wirkliche Spezialist für mein Leben, als die »größte eigene Autorität«5 für mich selbst – verwebe mich spielerisch, spontan und kreativ hinein in den alten Text und finde selbst heraus, wo der Text auf mein Leben trifft und umgekehrt.

Es hat nicht an Kritik gefehlt an dieser »neuen« Methode. Sie wurde als bloße Spielerei und pseudotherapeutische Methode abgetan oder als pseudotheologisch verteufelt. Ihr wurde vorgeworfen, sie gehe respektlos mit den biblischen Texten um und sie gebe diese der Beliebigkeit oder gar der Gefühlsduselei preis.

Zugleich erlebte Bibliodrama in den folgenden Jahren einen Boom, der bis heute nicht vorbei ist. Und schon 1989 hieß es in der Berliner taz: »Der bibliodramatische Zauber lässt sich nur erleben, nicht erklären, nur erfühlen, nicht ergründen, nur erfahren, nicht erfassen, nur verspüren, keinesfalls verstehen.«6 Und in den Nachrichten der Bayerischen Landeskirche stand 1989: »Insgesamt könnte Bibliodrama die um sich greifende Bibelmüdigkeit und die Unkenntnis biblischer Geschichten (auch bei Theologie-Studierenden!) durchbrechen und wieder Lust machen auf Schönheit und Wahrheit biblischer Geschichten. Wer sich auf das Spielen im Bibliodrama einlässt, der spielt sich jetzt schon hinein in das Heil und die Ewigkeit unseres Gottes. Skeptiker seien deshalb gewarnt: Bibliodrama-Erfahrungen sind ansteckend!«7

Was so vor Jahren aus Methoden von Psychodrama, Theater der Unterdrückten, Rollenspiel, Theaterpädagogik, Gestalttherapie u.a. zusammenfloss und sich als »Bibliodrama« manifestierte, hat sich heute längst kirchlich und religionspädagogisch etabliert. An vielen Orten werden Kurz- und Langzeitausbildungen angeboten, in vielen Kirchengemeinden, Bibelgruppen und Hauskreisen gibt es immer wieder Bibliodramaseminare. Viele Einrichtungen greifen für Workshops, Kurse oder Jahreskonferenzen auf Bibliodrama zurück.8

In unzähligen Lehrplänen für alle Schularten und Altersstufen werden »Bibliodrama«9 oder die Arbeit mit »bibliodramatischen Elementen«10 als Vorschlag zur ganzheitlichen Unterrichtsgestaltung empfohlen.

Durch die (in manchen Bundesländern noch im Entstehen befindlichen) neuen Lehrpläne für den Religionsunterricht mit Schwerpunkt Kompetenz- und Erfahrungsorientierung und durch das Voranschreiten des Ganztagsschulbetriebs wird Bibliodrama noch erheblich verstärkt einzusetzen sein und zunehmend im Religionsunterricht verankert werden.

Mit Sitz in Bielefeld versucht die »Gesellschaft für Bibliodrama e.V. (GfB)«11 die vorhandenen Angebote öffentlich zu machen und zu strukturieren und in der Zeitschrift »textraum« den Diskurs über Bibliodrama lebendig zu halten. Die Gesellschaft für Bibliodrama ist es auch, die sich bemüht, die verschiedenen Ansätze und Schulen von Bibliodrama ins Gespräch und den Austausch voranzubringen. Durch das Formulieren von Standards für Bibliodramaleiter und Lehrbibliodramaleiterinnen sichert sie die Qualität der Leiter und Weiterbildnerinnen. Zugleich fördert sie den Austausch in Europa über die Landesgrenzen hinweg, beispielsweise durch die Teilnahme und Veranstaltung des »Europäischen Bibliodramakongresses«.

1.1.2 Die Konstituenten des bibliodramatischen Handlungsraumes

Vier Komponenten sind Voraussetzung dafür, dass ein Bibliodrama überhaupt stattfinden kann:

Es muss ein biblischer Text gefunden sein.

Es braucht einen geeigneten Raum (Bühne).

Es muss sich eine Gruppe eingefunden haben.

Es muss eine ausgebildete Bibliodrama-Leitung anwesend sein.

1.1.2.1 Der biblische Text

Der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti assoziierte zu dem, was wir sonst so kurz »biblischen Text« nennen, Folgendes:

»1 Ein Buch?

Mehr noch: Eine Bücherei!

66 verschiedene Bücher von nicht nur 66 verschiedenen Autoren,

denn manch eines enthält (nach Art der hölzernen Babuschkas)

in sich wiederum drei, vier kleinere Bücher verschiedener Autoren.

2 Nicht zu vergessen

die namenlosen Scharen späterer Bearbeiter, Ergänzer, Verknüpfer,

der fromme Fleiß ihrer minutiösen Text-Finissage

während rund eines Jahrtausends jüdisch-urchristlicher Geschichte

3 Allmählich entstand so:

ein Bücherbuch vieler Stimmen,

die nacheinander, nebeneinander, durcheinander, gegeneinander, miteinander

reden, singen, murmeln, beten.

Dissonanzen? Jede Menge.

Widersprüche? Noch und noch.

Kein ausgeklügeltes Buch.

Hundert Stimmen Strom (selbst Schriftgelehrte ermessen ihn nicht) – wohin

will er tragen?

Über Schwellen, Klippen, Katarakte heimzu, heilzu (hoff ich).

4 Merklich oder unmerklich nämlich

strömen die verschiedenartigen, die verschiedenzeitlichen Stimmen

denn doch und stets wieder zu EINER Stimme zusammen:

»Das Wunder dieses Zusammenfließens ist größer als das Wunder eines

einzigen Autors.« (Emanuel Levinas)

5 Viel-Stimmen-Buch also,

geselliges Buch (geselligstes der Weltliteratur!):

in ihm wird die Eine, die verlässliche Stimme

der geselligen Gottheit laut.«12

Grundlegend für jedes Bibliodrama ist ein biblischer Text des Alten oder Neuen Testamentes, ein kleiner Teil dieses »Viel-Stimmen-Buches« also. Grundlage des Bibliodramas ist damit das Buch, das auch Grundlage der christlichen Religion ist.

Judentum, Islam und Christentum sind die drei großen Buchreligionen. Die Idee der Buchreligion geht wohl auf das jüdische Exil zurück. Das Buch (zuerst vermutlich das Deuteronomium, dann die Tora und schließlich der Kanon der Hebräischen Bibel) wurde zur Urkunde der Identität Israels. Die hebräische Bibel war den Juden »portatives Vaterland«13, mitnehmbare Heimat, die an die Stelle des untergegangenen Staates und des zerstörten Tempels treten konnte. In der Schrift konnte zuhause sein, wer im Exil, im Getto, in den Ländern der Gola nie ganz zu Hause war. »Portativ« war dieses Vaterland nicht nur darin, dass ein Buch ein transportierbarer Gegenstand ist, sondern auch dadurch, dass man es sich einverleiben konnte.

Jüdische wie christliche Heilige Schrift unterlagen einem Prozess der Kanonisierung. Unterschiedliche Strömungen versuchten, überlieferte Texte in einem Vorgang der Ausbalancierung zwischen Ablehnung und Annahme in ein normatives Gesamtkonzept zu fassen: die eine, heilige und wahre Schrift. Sie ist nach christlichem Bekenntnis »einige Regel und Richtschnur, nach welcher zugleich alle Lehren und Lehrer gerichtet und geurteilt werden sollen.«14

Dabei ist ihr Inhalt nicht widerspruchsfrei. So wird das Gleiche oft unterschiedlich, aber ähnlich erzählt, wie schon zwei Schöpfungsberichte und vier Evangelien belegen.

Der Widerspruch gegen Einzelnes ist daher erlaubt, wenn er sich vom Gesamten her decken lässt. Das zeigen bereits innerbiblische Beziehungen von Texten auf Texte15. Texte wollen und sollen mit anderen Texten ins Gespräch gebracht werden – auch mit unseren Lebenstexten –, um die Gegenwart zu deuten und heilvoll zu verändern.

Die Bibel ist zeitübergreifend. In der Heiligen Schrift sind nicht nur verschiedene Zeiten Schrift geworden und nicht nur eine Zeit, sondern alle Zeit ist aufgehoben darin. Das Buch umgreift die Zeit selbst. Die Schöpfungstexte der Bibel sind zugleich eschatologische Texte.

Für Bibliodrama bedeutet dies folgendes:

Biblische Texte speichern, was immer gilt und auf mein Leben heute bezogen sein will: »Heute, wenn dich deine Kinder fragen…« (Ex 12,26; Jos 4,6.21).

Wer die Bibel als Grundlage christlichen Glaubens und wer Bibliodrama ernst nimmt, kann den Texten zustimmen oder mit anderen Texten entschieden widersprechen, aber er kann ihnen nicht indifferent oder – im wörtlichen Sinn – interesselos gegenüberstehen. Er kann erklären, das, was dort stehe, solle jetzt nicht gelten, er kann nicht erklären, es sei gleichgültig, was da stehe.

Es geht bei der Beschäftigung mit biblischen Texten um die eine Wahrheit in ihren vielfältigen Ausprägungen und deren vielfältige Übersetzungen in mein Leben hinein. Von der rabbinischen Auslegungstradition können wir lernen, dass es immer mehr als nur einen Textsinn gibt. Dabei geht es jedoch nie um Beliebigkeit, sondern um mehrere mögliche, oft miteinander konkurrierende Deutungen. Ps 62,12 beschreibt dies eindrucksvoll: »Eines hat Gott geredet, ein Zweifaches habe ich gehört.«

Und Rabbi Jischmael ben Elischa, ein früher Rabbiner, lehrt auf Grund von Jer 23,27 (»Ist mein Wort nicht wie Feuer, spricht Er, wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?«), dass ein Schriftvers vielfältige Bedeutungen haben könne. Diese seien als die vielen Funken und Steinbrocken zu verstehen, die beim Zerschlagen des Felsens entstünden.16 Und jeder dieser Felsbrocken habe dennoch alles wieder in sich und sei eins mit dem Fels, aus dem er gehauen wurde. Die Bedeutung für das je eigene Leben soll jeder und jede selbst finden: »Grundlage ist die Tora, das unveränderliche und klare Wort Gottes. Aber Gott hat so reichhaltig gesprochen, dass man darin vielfältige Bedeutungen finden kann. Nicht also nur die eine richtige Bedeutung, wie sie im Christentum dann lehramtlich durchgesetzt wird, sondern jeder Forscher und seine Schüler können, ja sollen eine Bedeutung für seine Zeit und seine Lebenswelt finden.«17

In einer jüdischen Tradition heißt es, jedes biblische Wort habe 70 Gesichter, siebzig richtige Möglichkeiten der Auslegung, ja noch weitergehend, jeder der sechshunderttausend aus Israel, die am Berg Sinai die Tora empfingen (Ex 2), hätte seine ganz eigene »richtige« Möglichkeit des Verstehens zugeeignet bekommen.18

Das von Gott Gesagte will von uns gehört und mit unseren Erfahrungen, unserem Lebenstext, verknüpft werden. Tut man dies, beginnt das Alte heute zu leuchten, zu wirken und erschließt sich in seiner Mehrdimensionalität. Tut man dies nicht, bleiben die Texte eindimensional und totes Papier.

»Theologische Relevanz gewinnen die biblischen Texte erst, wenn das in ihnen Erzählte, Bezeugte und Durchdachte als Widerschein einer das Leben verändernden Erfahrung erkannt wird. In ihnen verweisen Menschen der Vergangenheit auf ein Gotteshandeln, das ihr Leben in einen neuen Sinnzusammenhang gestellt, ihr Verhältnis zu Mitmenschen und Welt grundlegend verändert und ihnen Zukunft eröffnet hat.«19

Der biblische Text, die Lebenserfahrung der Damaligen, drängt ins Heute und will sich mit meiner heutigen Lebenserfahrung messen und zur Deckung bringen, will mir Zukunft eröffnen und mein Verhältnis zu Mitmenschen und Welt heilvoll und sinnvoll verändern. Biblischer Text will erfahren, einverleibt werden und mir ebenfalls eine portative Heimat sein.

Das Beispiel von der Tütensuppe

Um es in einem Beispiel zu sagen: Der biblische Text ist wie eine Tütensuppe. Da gab es irgendwann einmal ein wohlschmeckendes, dampfendes Essen, vielleicht eine Tomatensuppe, die so gut geschmeckt hat, dass die Menschen, die davon gegessen hatten, diese Suppe unbedingt haltbar machen wollten für nachfolgende Generationen. Sie überlegten, was alles genau zu dieser Tomatensuppe gehörte (Kanonisierung), dampften sie dann ein (Prozess der Verschriftlichung), bis nur noch winzige kleine Körnchen (Buchstaben, Worte) übrig waren, die nun bequem in eine Tüte (Buch) passten. Man kann nun heute, viele Jahrhunderte später hergehen und diese Tütensuppe analysieren (Exegese). Man wird ein grünes Körnchen finden – vielleicht ein Kräutlein –, ein rotes – Tomate oder Paprika –, und so weiter. Ein Exeget wird viel sagen können über die Bestandteile dieser Suppe, wird Auskunft geben können über die Zutaten und das Rezept, aber er wird sie – wenn überhaupt – nur sehr begrenzt schmecken. Erst wer diese Tütensuppe mit dem heißen Wasser seiner heutigen Lebenserfahrung aufgießt, erfährt und schmeckt die in der Bibel gespeicherte Gotteserfahrung und das in ihr gespeicherte Heil am eigenen Leib.

Bibliodrama versteht biblische Texte als Schrift gewordene – »geronnene« – Lebens- und Gotteserfahrung, die Menschen aufgrund des Offenbarungshandelns Gottes in der Geschichte zuteil geworden ist. Menschen von damals haben Erfahrungen gemacht mit dem Leben, dem Glauben oder Gott, die so wesentlich waren, dass sie aufgeschrieben und der Nachwelt überliefert werden sollten. Diese Erfahrungen – wunderbare, erschreckende, heilende und andere – sind Daseinsauslegung und liegen uns verschriftet als Altes und Neues Testament vor. Diese Schriften sind klassisch, kanonisch und heilig. Sie unterscheiden sich dadurch von anderen Texten, wie Mythen oder Märchen, die ebenfalls geronnene Lebenserfahrung und Daseinsauslegung zum Inhalt haben, aber nur als klassisch und kanonisch gelten können. Biblische Texte speichern geschehene Gotteserfahrung.

Im Bibliodrama werden die in den Texten gespeicherten Inhalte Weisheit, Heil, Zukunftsverheißung, Gabe und Aufgabe wieder verlebendigt, dynamisiert, indem eine Gruppe sie ein zweites Mal geschehen lässt.

Menschen von heute schlüpfen mit all ihrer je eigenen Lebens- und Selbsterfahrung in die Rollen und Texte von damals und verlebendigen diese so. Menschen von heute treten ein in einen Zirkel von spontaner Kreation und Bewahrung des biblischen Textes. Biblische Texte werden auf der Bühne des Bibliodramas ein zweites Mal real, werden neu ernst genommen und sprechen ihre Botschaft direkt und unvermittelt in das je eigene Leben der Spielenden. Diese Spielenden erfahren Gottes Wort unmittelbar an sich selbst.

Grundsätzlich ist jeder biblische Text spiel- und darstellbar – auch Psalmen, Proömien und Genealogien. Allerdings sind unterschiedliche Textgattungen mit jeweils spezifischen Problemen behaftet (Genaueres hierzu s. 2.4).

Das Bibliodrama nutzt den Text als Spiegel heute erfahrbarer Wirklichkeiten. Zugleich dient der vorgegebene biblische Text als Geländer, an dem wir uns mit unseren Lebenserfahrungen entlanghangeln. Manches scheint identisch, manches völlig fremd. Und all diese Fremdheiten, Parallelen und Koinzidenzen schaffen neue Interpretations- und Verstehensmöglichkeiten des Textes und der je eigenen Lebenserfahrung. Der Bibeltext deutet das Leben und das Leben den Bibeltext.

Es ist gut, mit verschiedenen Übersetzungen zu arbeiten. Das allein zerbricht oft schon die festgelegte »Kenntnis« der Geschichte. Meist tritt hierbei zum traditionellen Text in der Übersetzung von Martin Luther oder in der Übersetzung des Einheitstextes ein zweiter, »anderer« Text. Für das Alte Testament empfiehlt sich die sehr wörtliche und ungemein aussagekräftige Übersetzung von Buber/Rosenzweig, für das Neue Testament die (manchmal recht moralische) Gute Nachricht. Für viele Texte ist auch die Bibel in gerechter Sprache sehr erhellend.

Es ist im Bibliodrama nicht nötig, dass der Text dabei möglichst »richtig« im Sinne von wortgetreu auf die Bühne kommt. Die Teilnehmenden können und sollen den geschriebenen Text bald beiseitelegen und nicht etwa mit der Bibel in der Hand spielen. Zugleich korrigiert der Text aber auch immer wieder das Gruppengeschehen. Immer wieder wird die Gruppe innehalten in ihrer Bewegung und wieder nach dem Text fragen. Neues ist deutlich geworden, bisher Überlesenes in den Blick geraten, Vertrautes fremd geworden. So beginnt Veränderung.

1.1.2.2 Die Bühne

»Die einzige Realität auf der Bühne besteht darin, dass auf der Bühne gespielt wird. Spiel gestattet, was das Leben nicht gestattet.

Was zum Beispiel das Leben nicht gestattet: dass wir die Kontinuität der Zeit aufheben; dass wir gleichzeitig an verschiedenen Orten sein können; dass sich eine Handlung unterbrechen lässt (Song, Chor, Kommentar usw.) und erst weiterläuft, wenn wir ihre Ursache und ihre möglichen Folgen begriffen haben; dass wir eliminieren, was nur Repetition ist usw.

In der Realität können wir einen Fehler, der stattgefunden hat, zwar wiedergutmachen durch eine spätere Tat, aber wir können ihn nicht tilgen, nicht ungeschehen machen; wir können für ein vergangenes Datum kein anderes Verhalten wählen.

Leben ist geschichtlich, in jedem Augenblick definitiv, es duldet keine Variante. Das Spiel gestattet sie.«20

Im Bibliodrama besteht die Bühne oft aus einem für die Darstellung freigemachten Teil des Gruppenraums und wird deutlich von ihm abgegrenzt (z.B. durch Bambusstöcke oder ein Seil o.ä.). Sie kann überall sein: im Klassenzimmer, im Seminarzentrum oder im Wohnzimmer, in dem sich gerade ein Hauskreis versammelt. Sie bietet den repressions- und vorurteilsfreien »Spiel-Raum«, in dem Erfahrung, Veränderung und Gottesbegegnung möglich ist. Im Schutz der eingenommenen Rolle sind hier alle Handlungen und Äußerungen möglich und frei von schwerwiegenden Folgen.

Während beispielsweise beim Statuentheater ein solcher Bühnenbereich abgegrenzt wird, ist beim bibliodramatischen Gruppenspiel, wenn alle spielen und es keine Zuschauer gibt, der ganze Gruppenraum Bühne. Nur für die Leitung bleibt ein kleiner Ort am Rand, der nicht zur Bühne gehört.

Sitzt die Gruppe während des Seminars im Stuhlkreis, so wird dieser Stuhlkreis zum Halbkreis, sobald eine Bühne eröffnet wird. Die Bühne wird nie einfach in der Mitte des Kreises eröffnet, da die Zuschauenden sonst nicht die gleiche Sicht auf das Geschehen haben und die Darstellenden umgekehrt nicht wissen, nach welcher Seite sie spielen (darstellen) sollen.

Die Leitung ist verantwortlich dafür, dass die Bühne leer ist, dass also zu Beginn keine Gegenstände auf der Bühne liegen, die nicht zur Darstellung gehören, und die Bühne nach jeder Darstellung wieder vollständig geräumt wird.

A Anforderungen

Die Bühne muss groß genug sein, um Bewegungsfreiheit für die Darstellenden und eine mögliche Vielfalt von Orten (beispielsweise in der Weihnachtsgeschichte: Nazareth, Bethlehem, Hirten auf dem Feld…) und Handlungen gewähren zu können. Viele biblische Geschichten sind Weg-Geschichten und setzen damit eine größere Bewegungsfreiheit voraus.

Am Bühnenrand müssen leicht zugängliche Requisiten und Verkleidungsmöglichkeiten (Tücher, Masken, Brillen, Hüte…) gelagert sein, die den Darstellenden helfen, in ihre Rolle zu finden. Auch ein paar Stühle, ein kleiner Tisch, Kerzen, Teelichter und Ähnliches werden gebraucht.

Wichtig sind auch gut variierbare Lichtverhältnisse (Lampen, Vorhänge…).

B Funktion der Bühne

Die Bühne ist der Ort, auf dem der alte, heilige Text wieder gegenwärtig lebendig wird. Hier entsteht das Geschehen von damals neu. Spontane Handlungen, spontane Änderungen der biblischen Worte, spontane und oft überraschende Änderungen des biblischen Geschehens werden auf der Bühne real ohne Rücksicht auf spätere Konsequenzen. Verändert eine Darstellerin ihre biblische Rolle, so wird das später im Feedback besprochen und ausgewertet. Die Darstellerin genießt dabei den Schutz der Rolle. Sie hat also nicht »falsch« gespielt, sondern sich aus Gründen, die noch zu besprechen sein werden, in der Rolle und der Situation der biblische Person anders entschieden, als der Text dies berichtet.

Reale oder phantasierte Personen, Gegenstände, Gefühle und Zustände beleben dank der Imaginationskraft der Gruppe die Bühne.

C Die Bühnenrealität

Solange die Bühne bespielt wird, ersteht dort eine eigene Wirklichkeit, die Bühnenrealität. In dieser Realität bin ich nicht die Person, die ich sonst bin, sondern ich bin Abraham, Maria, ein Stadttor oder habe sonst eine Rolle inne. Am Ende muss ich »entrollt« werden, um aus der Bühnenrealität wieder in meine sonstige Identität und Realität zurückzufinden. Es gehört zu den wenigen »groben Fouls« im Bibliodrama, wenn Teilnehmer/innen sich nach Spielende noch mit ihren Bühnennamen ansprechen, also beide Realitäten nicht trennen. Das kann passieren bei Konflikten, die den Schutz der Rolle durchdringen oder in Schulklassen, wo die Freiwilligkeit problematisch und die Tendenz, jemandem einen »Spitznamen« zu geben, besonders hoch ist. Hier ist aufmerksames Eingreifen der Leitung gefordert.

1.1.2.3 Die Gruppe

Die Gruppe ist im Bibliodrama der lebendige Spiegel des biblischen Textes. Sie ist Rezipientin und (durch das bibliodramatische Arbeiten) zugleich gegenwärtig »neuerschaffende Autorin« des alten Textes. Zusätzlich inszeniert die Gruppe den neuerschaffenen Text, ist also Regisseurin, Bühnen- und Maskenbildnerin und Beleuchterin. Die Gruppe ist im Bibliodrama das, was im Psychodrama der Protagonist oder die Protagonistin ist (s. 1.3.2.2). Auch der Protagonist ist einerseits Wiederholer, andererseits neu erschaffender Autor, Erzähler und Regisseur seiner wieder verlebendigten Lebensgeschichte. Zugleich bildet die Gruppe den Pool an Mitspieler/innen.

Das Ergebnis eines Bibliodramas sieht einerseits für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer anders aus (je nachdem, wo genau der biblische Text deren Wirklichkeit trifft und sich dort verbindet), andererseits ist ein bibliodramatisches Gruppenspiel auch bezogen auf denselben biblischen Text immer wieder neu und anders. Nicht einmal die gleiche Gruppe könnte ein Bibliodrama genau so wiederholen, weil zu einem anderen Zeitpunkt jedes Individuum auch an einem anderen Punkt der eigenen Lebensgeschichte steht.

Dazu kommt, dass jedes Bibliodrama nicht nur das gestaltete Ergebnis genau dieser Summe von Individuen, sondern immer auch das Ergebnis genau dieser Gruppe ist. Wäre auch nur ein Individuum anders oder nicht dabei, wäre das Ganze anders, denn durch die Gruppendynamik ist jede Gruppe zugleich mehr als nur die Summe ihrer Individuen.

So ist jedes Bibliodrama einzigartig, ist zugleich erstes und letztes Mal, ist Premiere und Derniere zugleich.

Im bibliodramatischen Gruppenspiel übernehmen nach Möglichkeit alle Anwesenden eine Rolle. Manchmal gibt es zwei Personen, die sich für die gleiche Rolle entscheiden. Das ist oft bei Hauptrollen so. Beide Personen spielen dann zum Beispiel je eine Seite der Rolle (den ängstlichen und den gehorsamen Jesus in Mt 26). Das Umgekehrte, dass eine Person mehrere Rollen übernimmt, ist in der Regel nicht ratsam, da der Gewinn für einen Teilnehmer größer ist, wenn er sich ganz auf eine Rolle einlässt und diese durchhält.

Traut sich jemand nicht, eine Rolle zu übernehmen, besteht die Möglichkeit, dieser Person die Rolle eines teilnehmenden Beobachters anzubieten, sodass er oder sie dann im Feedback auch wieder zu Wort kommen und so im Gruppengeschehen verbleiben kann. Eigentlich setzt die Teilnahme am Bibliodrama aber die Bereitschaft zur Rollenübernahme voraus. Diese entwickelt sich in der Regel in der Erwärmungsphase (s. 2.3.2) und durch die Einfühlung (s. 2.3.3.35).

Will jemand partout »nur zuschauen«, sollte die Gruppe entscheiden, ob sie ihm das gestattet. Eigentlich muss diese Person dann das Bibliodrama aber verlassen.

Bei anderen bibliodramatischen Methoden, wie etwa dem Statuentheater (s. 2.3.3.30-2.3.3.31), stellt eine Person (die sogenannte »Protagonistin«) ihr imaginiertes Bild, und der Rest der Gruppe bildet den Pool der Mitspieler/innen (»Antagonist/innen«).

1.1.2.4 Die Leitung

Aufgabe der Bibliodramaleiterin ist es, die Einzelnen in ihren Verstehensbemühungen hinsichtlich des biblischen Textes und in ihren Veränderungsbemühungen hinsichtlich ihres je eigenen Lebens zu unterstützen. Dazu schafft die Leitung einen verbindlichen und verlässlichen Rahmen (Arbeitszeiten, Raum etc.), strukturiert, moderiert und begleitet. Die Leitung ist verantwortlich dafür, dass die in jeder Gruppe vorhandenen selbstregulatorischen Potentiale und die Kreativität und die Spontaneität jedes und jeder Einzelnen zum Tragen kommen können.

Er ist Spielleiter, Seelsorger und Analytiker zugleich.

Als Spielleiter ist er verantwortlich für das Zustandekommen und den Verlauf des Bibliodramas. Er greift die spontanen und kreativen Einfälle der Einzelnen und der Gruppe auf, würdigt diese und leitet die Umsetzung in eine bibliodramatische Szene an, die das betreffende Thema oder die biblische Geschichte möglichst deutlich und angemessen darstellt und weiterführt.

Als Seelsorgerin behält sie den Zusammenhang von Erfahrungshintergrund der Darstellenden (deren Lebensseite) und der gehobenen Schätze aus dem Text (Textseite) im Blick und stellt solche Zusammenhänge immer wieder zur Verfügung.

Als Analytiker behält er die Gruppendynamik(en) und den Prozess im Blick. Auch das offene Ansprechen von Vermiedenem (s. 1.6.4) und Widerstand (s. 1.6.3) ist Aufgabe der Leitung. Oft genügt eine Frage wie: »Was passiert hier gerade? « oder: »Was meint ihr, ist gerade los?«

Der Bibliodramaleiter befindet sich hauptsächlich am Bühnenrand und am Gruppenrand. Er ist nicht als Spieler auf der Bühne und ist nicht Teil der Gruppe. Er leitet nicht in einem autoritären Sinn, deutet nicht und gibt keine Ratschläge, sondern ermöglicht, dass die Gruppe und möglichst jede und jeder Einzelne in der Gruppe zu dem je Seinen kommt. Seine Rolle kann man treffend als »enabler «, »Ermöglicher« beschreiben.

Die Leiterin eines Bibliodramas »ermöglicht« durch ihre Leitung, dass biblischer Text und Lebenstext zusammenkommen können.

Deshalb macht die Leitung im Verlauf des Seminars immer weniger eigene Vorschläge. An Impulsen sollten von ihr im besten Fall nur Vorschläge kommen, die bereits in der Gruppe aufgeleuchtet waren. Überhaupt sollte der Leitung immer bewusst sein, dass es wichtig ist, dass die Gruppe arbeitet, nicht hauptsächlich sie selbst. Natürlich behält sie die Aufgabe der Strukturierung, setzt Anfangs- und Schlusspunkte neuer Phasen, ist Anwältin des Textes, wacht über die Einhaltung der Regeln und sorgt dafür, dass Text- und Lebensseite auch zeitlich angemessen zu Wort kommen können.

Im Idealfall ermöglicht die Leiterin eines Bibliodramaseminars zusammen mit der Gruppe, dass das bezeugte Wort Gottes den Menschen in seiner Ganzheit, in seinem Selbst, d.h. in seiner Existenz und mit seinem Gewordensein, trifft, verändert und heilt.

1.1.3 Der Erfahrungsbegriff

1.1.3.1 Allgemeines

»Ich kenne mich selbst. Ich erkenne mich selbst. Mein Leben, gefangen im Netz der Vernunft, das ein Arzt gesponnen hat, das Gesunde zu mehren. Um 4 Uhr 48 werde ich schlafen.«21

Erfahrung ist wohl eines der ungeklärtesten Worte der heutigen wissenschaftlichen Theologie, obwohl es nicht an Versuchen gefehlt hat, der Vielfalt menschlicher Möglichkeiten, Erfahrungen zu haben und zu machen, durch ordnende Begriffe und Systematisierungen Herr zu werden.

Zugleich ist der Erfahrungsbegriff eine »Schlüsselkategorie«22 der Moderne, ja sogar »die Schlüsselkategorie der Religionspädagogik«23 geworden, an die sich viele Hoffnungen und Sehnsüchte knüpfen, Glauben und Kirche neu ins Gespräch zu bringen.

Bedeutsam wird das Nachdenken über Erfahrung, wenn man bedenkt, dass es in Diskussionen kaum eine schwergewichtigere Aussage gibt als die Berufung auf eigene Erfahrung. Was ich erfahren habe, gibt mir festen Halt und ist verlässlich. Die Berufung auf Erfahrung (»Das habe ich selbst erfahren…«) beansprucht direkte Unmittelbarkeit, ja Wahrheit. Gelingt es im Bibliodrama, wenigstens ansatzweise Erfahrungen mit Religion und Gott, Erfahrungen von Geborgenheit und Gewissheit zu vermitteln, so hätte dies sein unzweifelhaftes Gewicht im Prozess des Zum-Glauben-Kommens oder des Bestärkens des Glaubens der Teilnehmenden.

Was ist Erfahrung?

Erfahrung ist zunächst kein religiöser oder theologischer terminus technicus, sondern ein Begriff des täglichen Lebens. Dieser Begriff wird auf theologische Phänomene angewandt. Überschneidungen und Unklarheiten sind schon dadurch vorprogrammiert.

Strittig ist, wie Erfahrung zustande kommt. Nach Meinung der Empiristen (Locke, Hume u.a.) ist Erfahrung etwas Objektives. Die Außenwelt prägt die Erfahrung und bestimmt diejenigen, die Erfahrungen machen. Wenn die Sonne scheint, wird es warm, und wenn es regnet, wird es nass. Die Erfahrung, die ein Mensch macht, ist also gleichsam etwas Passives.

Bald jedoch begannen die Philosophen zu zweifeln. Wir können uns zwar im Alltag auf unsere Erfahrungen verlassen, nicht aber in der Wissenschaft. Wissenschaftliche Erfahrung ist nämlich abhängig von den Umständen, unter denen sie gemacht wird, und von der Theorie, in der sie formuliert wird. Es gibt kein »Ding an sich«, nur ein »Ding für uns«. Wir erkennen nach Kant von den Dingen nur das, was wir als Subjekte »selbst in sie legen«24. Und so behaupten die Vertreter der transzendentalen Theorien, Erfahrung sei etwas Subjektives und sei abhängig von den Fähigkeiten eines Subjekts, Verschiedenes an Erleben synthetisch zu verknüpfen (Kant, Fichte u.a.). Erfahrung ist hier aktiv gesehen. Das Subjekt kann Erfahrungen machen oder sich mangels Fähigkeiten oder auch bewusst Erfahrungen gegenüber verschließen.

Verschiedene Vermittlungsbemühungen und Versuche, einen zweipoligen, Subjekt und Objekt enthaltenden, Erfahrungsbegriff zu formulieren (Heidegger), haben sich bisher nicht durchgesetzt, finden aber vor allem in der neueren Systemtheorie starke Beachtung.

In der theologischen Diskussion um religiöse Erfahrung schlägt das Pendel immer wieder nach der einen oder nach der anderen Seite aus. Hier wird die machbare Erfahrung des Glaubens betont, dort die Unverfügbarkeit, mal können wir zumindest den Boden bereiten für göttliche Erfahrung, mal bricht sie ohne all unser Tun gleichsam von oben über uns herein. Immer wieder sind wir aktiv oder passiv an unseren Erfahrungen beteiligt.

Das Bibliodrama rechnet mit beidem: Ich begebe mich mit meinem persönlichen Erfahrungshintergrund in den Raum des heiligen Textes und hoffe darin auf eine Begegnung mit dem lebendigen Gott – wissend, dass diese immer unverfügbar bleibt. Ich tue also etwas und hoffe, dass mir dabei etwas widerfährt.

Schon Martin Luther hat umfassend und immer wieder über den Erfahrungsbezug der Theologie nachgedacht.

Neben Anregungen aus der Tradition hat Luther auch seine eigenen Erfahrungen in seine Glaubenslehre eingebracht.

1.1.3.2 Ein Blick in die Theologiegeschichte

Erfahrung nach Luther beinhaltet dreierlei:

»Der trost will nit mit wortten, sondern mit erfahrung geschmackt und empfunden seyn«.

25

Das bedeutet, bereits bei Luther ist Erfahrung ein ganzheitliches, leibliches Geschehen (spüren, schmecken, empfinden), das den Menschen erfasst und ihm den Weg zur Erkenntnis Gottes in Jesus Christus, zum Verständnis der Schrift und zur Heilsgewissheit eröffnet.

Erfahrung des Glaubens ist etwas, was mitten im alltäglichen Leben geschieht, als Erfahrung befreiender Anrede durch das Evangelium und als Erfahrung von Anfechtung und ständiger Verwiesenheit auf das Wort.

26

Erfahrung der Gegenwart, Liebe und Gnade Gottes bleibt gebunden an das Wort der Verheißung, bleibt unverfügbares Geschenk und übersteigt alle Erfahrung.

Liegt bei Luther der theologische Fokus auf der Offenbarung Gottes, die menschliche Glaubenserfahrungen bewirkt (»Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann!«27), so bringt der Pietismus das Eigengewicht menschlicher – frommer – Erfahrungen wesentlich stärker zur Geltung durch die Betonung der Praxis Pietatis.

Auch für Schleiermacher, der aus der Herrnhuter Brüdergemeinde kommt und damit seine Wurzeln im Pietismus hat, ist Glaube in der Erfahrung gegründet. Glaubenslehre ist für ihn Reflexion solcher Erfahrung.

Das Wesen der Religion ist nach Schleiermacher »die Erfahrung der schlechthinnigen Abhängigkeit und das Fragen nach dem Von Woher.«28 »Ihr Wesen ist nicht Denken und Handeln, sondern Anschauung und Gefühl, Erfahrung unmittelbaren Ergriffenseins und Einswerden mit dem Universum.«29

Bei Karl Barth schwingt das Pendel dann wieder ganz auf die andere Seite:

Barth betont Gottes Freiheit und die Unverfügbarkeit seiner Offenbarung. Für ihn geht es ganz um die fides quae creditur, den Glaubensinhalt, nicht den Glaubensakt. Die subjektive Tat, das »Ich glaube…« (fides qua) des Menschen tritt völlig in den Hintergrund. »Der Tatbestand, dass wir glauben, kann nun doch zum vornherein immer wieder nur eine zurücktretende, klein und unwichtig werdende Tatsache sein gegenüber dem Überragenden und Eigentlichen, w a s ein Christ glaubt.«30

Gegen diese Strenge Barths wiederum erhob sich von Anfang an und erst recht seit den 60er Jahren Widerspruch. So versteht beispielsweise Paul Althaus dann gleich alle Theologie als Erfahrungstheologie31.

Man argwöhnte, dass der Mensch mit seinem Denken und Fühlen in seiner Individualität und Subjekthaftigkeit zu sehr in den Hintergrund gedrängt wird.

So wurde »nach« Barth und auch gegen ihn in allen theologischen Disziplinen die Anknüpfung des Glaubens beim Menschen und seinen religiösen und dann auch alltäglichen Erfahrungen mehr und mehr hervor gehoben.

Ebenso interessant wie bedenkenswert – auch im Kontext der Bibliodrama-Arbeit – sind hier aktuellste Überlegungen zur »Identität und Differenz von ästhetischer und religiöser Erfahrung«32.

Hier geht es u.a. um die Analyse und Deutung der – auch statistisch erhobenen – Beobachtung, dass Film (Kinokultur) und Kunst (hier vor allem Museen, Bildergalerien) ästhetische Erfahrungen vermitteln, die auch religiöse (sinnstiftende) Dimensionen beinhalten, dabei jedoch abseits der traditionellen kirchlichen Orte stattfinden. Religion und religiöse Erfahrungen sind längst nicht mehr auf die Kirche beschränkt. So weist beispielsweise Jörg Herrmann darauf hin, dass 1996 in Hamburg statistisch 2,5 Kinobesuche pro Einwohner zu verzeichnen waren, jeder Hamburger im selben Zeitraum aber nur ein Mal in einer Kirche war.33

Und Susanne Natrup hat das postmoderne Kunstmuseum als einen Ort individualisierter und implizierter Religion interpretiert. Sie begreift die gegenwartskulturelle Ästhetisierung der Lebenswelten als Ausdruck eines religiösen Wunsches nach »Wiederverzauberung« der Welt.34

Damit greift sie einen Begriff Morenos auf, der auch für das Bibliodrama Geltung und Wirklichkeit beansprucht. Kommen im Bibliodrama Text- und Lebensseite im Spiel zusammen, so gilt das hier zusätzlich für die unterschiedlichen Erfahrungsebenen – seien sie spirituell-religiös, alltäglich oder ästhetisch.

Viele Menschen schließlich machen ihre religiöse Erfahrung allwöchentlich auf dem Fußballplatz. Im heiligen Ort Stadion wird in festen Strukturen eine Liturgie zelebriert, die gemeinsame Gemeinschaft stiftende Gesänge ebenso impliziert wie Wechselgesänge (Stadionsprecher: »Mit der Nummer 1: Oliver…«, Fangemeinde gemeinsam: »Kahn«!) und Rituale. Den Sonntagsanzug ersetzt der Fanschal, und immer geht es um den Sieg des Guten gegen das Böse mithilfe des »Fußballgottes«. Sogar ein Fußball-Vaterunser gibt es: »Lieber Fußballgott, dein Ball komme, dein Spiel geschehe, unsere Tore gib uns heute und vergib uns unsere Fouls, wie auch wir vergeben den Schiedsrichtern. Führe uns nicht ins Abseits, sondern bewahre uns vor Kontern, denn dein ist das Spiel und der Sieg und die Champions League, in Ewigkeit. Auf Geht’s!«35 Und auch wenn ein Fußballspiel keine existentiellen Antworten geben kann, so bietet es gemeinsamen Austausch über Mythen, bietet Hoffnung, Identität, Zugehörigkeit zu einer festen Gruppe und manchmal Erlösung.36

Für die Praxis des Bibliodramas bedeuten diese Gedanken über Erfahrung zunächst, dass Bibliodramagruppen Raum bieten sowohl für Teilnehmende aus dem binnenkirchlichen Bereich, als auch für sogenannte Kirchenferne. Hier sollen alle Menschen Platz haben, um religiöse Erfahrungen zu machen, solche mit enger Bindung an kirchliche Tradition, wie auch solche, die sonst mehr via alltäglicher oder ästhetischer Erfahrung die Anknüpfung an Sinnstiftung und Religion suchen.

1.1.3.3 Bibliodrama und religiöse Erfahrung

Insgesamt bildet Erfahrung in der Theologie kein selbständiges Kriterium, sondern stellt ein Moment des Glaubens dar, das in seiner Interpretation je offen und immer auf das Wort der Verheißung, das Wort von außen, angewiesen ist.

Zugleich ist der Erfahrungsbezug der Theologie unübersehbar notwendig. Denn das Wort der Offenbarung will zur lebendigen Erfahrung kommen, will in der Lebenserfahrung der Menschen und in diese Lebenserfahrung hinein ausgelegt und bewährt sein.

So gesehen meint religiöse Erfahrung ein Eins-werden von göttlicher Wahrheit und menschlicher Gewissheit, ein Miteinander-Versprechen von Gotteswelt und Menschenwelt, an dessen Anfang immer das unverfügbare Verbum Dei bleibt.

Erfahrung empfängt nur, »aber schafft nicht neu«37. Jede Reflexion, jedes Vermitteln, jeder Unterricht ist Folge und Weitergabe einer göttlichen Voraus-Setzung und bedient sich deshalb als Grundlage der Heiligen Schrift.

»Erfahrung ist nicht die Quelle, aus der die Inhalte der systematischen Theologie genommen werden können, sondern das Medium, durch das sie existentiell empfangen werden.«38 Diese systematisch-theologische Erkenntnis soll und kann im Bibliodrama erfahrbar werden.

1.1.4 Bibliodrama und Selbsterfahrung39

Eine besondere Form der Erfahrung ist die Selbsterfahrung. Hier erfahre ich mich selbst, bin also Subjekt und Objekt zugleich.

Selbsterfahrung ist ein Begriff, der sich innerhalb kirchlicher Seelsorge(ausbildungen) und innerhalb der Popularpsychologie großer Verbreitung erfreut. In der wissenschaftlichen Psychologie und ihren entsprechenden Lexika fehlt dieser Begriff nahezu völlig, in der Therapie kommt er fast ausschließlich im Zusammenhang mit der Ausbildung zu Therapeuten vor, die ein genügend Maß an Selbsterfahrung haben sollen. Sind in diesem Bereich der Therapeutenweiterbildung die Ziele somit relativ klar, »so erweisen sich die konkreten Inhalte und Konzepte der bisherigen Selbsterfahrungsangebote als ausgesprochen heterogen, wenn nicht sogar Welten zwischen ihnen liegen.«40

Versucht man eine Eingrenzung des Begriffes, wird man zunächst sagen müssen, es gehe in der Selbsterfahrung darum, sich selbst in hohem Maße unverstellt zu erfassen und so zu einer möglichst offenen Begegnung mit der Außenwelt zu gelangen.

Der Selbsterfahrung liegt immer eine Art der Selbstverdoppelung zugrunde: Ich erfahre mich, bin also Aktive und Passive zugleich. Berühre ich mich beispielsweise mit der linken Hand am rechten Arm, erfahre ich mich als Berührende und Berührte. Das gelingt nur Menschen. Tiere können das nicht. Und diese Fähigkeit der Selbstverdoppelung, die Fähigkeit, sich selbst gleichsam von innen und von außen zu sehen, dient dazu, Auskunft über sich selbst zu erlangen.

Wer bin ich? Wie sehe ich mich selbst? Wer bin ich im Spiegel der anderen? Welche meiner Selbstwahrnehmungen ist angemessen und hilfreich? Wo deckt sich meine Selbstwahrnehmung mit der Fremdwahrnehmung?

Selbsterfahrung braucht deshalb immer eine Form, die die Objektivierung der Erfahrung ermöglicht, also Kriterien zur Beurteilung des Verhaltens, Rückmeldeinstanzen und Interpretationshilfen. Ich muss meine Erfahrung an einer anderen messen. Mein Lebenstext will sich mit anderen Lebenstexten vergleichen.

Dazu braucht es andere Menschen, eine Gruppe. Und es erfordert Zeit und Reflexion, da ich bei diesem Abgleichen von Erfahrungen immer auch den Lebenszusammenhang, den Lebenstext (»textum«, lat. für »Gewebe«, »Gewobenes«, »Gefüge«), in dem diese Erfahrungen gemacht wurden, in Rechnung stellen muss. Selbsterfahrung setzt immer Selbstreflexion voraus. Selbsterfahrung ist somit weit mehr als nur eine Chiffre dafür, etwas »an sich selber zu erfahren«.

Es geht in der Selbsterfahrung auch darum, den Prozess meines Gewordenseins zu verstehen und in meinen Lebensentwurf integrieren zu können. Wie bin ich geworden, wer ich heute bin? Welche Schlüsselerlebnisse gehören hierher? Wie hätte ich auch werden können? Welche Möglichkeiten liegen noch in mir, die entdeckt werden wollen und entwickelt werden können?

Selbsterfahrung zielt zudem auf Entwicklung und Gewinnung von persönlicher Identität. Erfahre ich Bestätigung, wird das Verhalten verstärkt und öfter gezeigt. Widerstand oder fehlende Resonanz modifizieren oder löschen das gezeigte Verhalten.

Daher wohnt jeder Selbsterfahrung ein Moment des sich selbst Verdoppelns inne. Ich als Person nehme mich selbst wahr – besonders unmittelbar angesichts von Grenzerfahrungen oder wenn ich um Entfaltungschancen ringe.

Für Bibliodrama bedeutet das folgendes:

Selbsterfahrung im Bibliodrama ist die Summe meiner positiven und negativen Erfahrungen, meines guten oder schlechten Selbstbildes, meines optimistischen oder pessimistischen, gelungenen oder misslungenen Lebensentwurfes und meiner Deutung von Welt. All dies trage ich als mein textum mit mir und habe es entweder in der Kommunikation mit anderen erprobt und bewährt oder habe an irgendeiner Stelle Fragen, blinde Flecken und Entwicklungsbedarf.

Diese so gefüllte Selbsterfahrung wird nun im Bibliodrama durch die ganzheitliche und körperliche Rollenübernahme mit den geronnenen biblischen Erfahrungen zeitgleich. Meine Selbst- und Lebenserfahrung tritt in Dialog mit dem im biblischen Text Bezeugten, mit geschehener Gotteserfahrung. Was mir von der Gruppe und vom Text zugeschrieben und zugemutet wird, verändert mich und mein Selbstbild. Aus dem Dialog zwischen Bibeltext und Lebenstext und aus Reflexion und Feedback der Gruppe kommen neue Erfahrungen hinzu – über den Text und über mich.

Ein gutes Maß an Selbsterfahrung schützt mich davor, meine Themen immer in den anderen Personen zu finden. Nach absolvierter Selbsterfahrung sollte mir bewusst sein, welche Themen ich bevorzugt höre, auch wenn sie keiner gesagt hat, und ich sollte wissen, welche Themen ich nie höre, auch wenn die Gruppe sie ständig einfordert. Ich muss mir sozusagen erst den Balken aus dem eigenen Auge nehmen lassen, bevor ich an die Splitter bei den anderen gehe (Mt 7,4f).

1.1.5 Bibliodrama als Koinzidenz von Textseite und Lebensseite

Lessing hat den großen zeitlichen Abstand zwischen den damals niedergeschriebenen biblischen Texten und seiner heute zu vollziehenden Auslegung als »garstig breiten Graben«41 beklagt. »Wenn ich zu Christi Zeiten gelebt hätte«, und»hätte ich nun gar gesehen ihn Wunder tun, hätte ich keine Ursache zu zweifeln gehabt, dass es wahre Wunder gewesen.«42

Im Bibliodrama fallen Text- und Lebensseite in eins. Gottes- und Menschenwelt verbinden sich und werden zeitgleich. Im bibliodramatischen Spiel verwirklicht sich eine Gleichzeitigkeit, die den garstigen Graben zwischen dem Damals des biblischen Textes und dem Heute seiner Auslegung überwindet. Es ist dies eine Gleichzeitigkeit, die nur im gegenwärtigen Spiel des vergangenen Berichtes hergestellt werden kann. Ich schlüpfe jetzt in Rollen von damals, um darin Gott und mir selbst zu begegnen.

Plötzlich finde ich meine Geschichte im biblischen Text. Wir spielen Jakob und Esau. Rebecca stiftet ihren Sohn Jakob zum Betrug an dessen Bruder Esau an (Gen 27,6-13). Als er Skrupel hat und Angst vor einem möglichen Fluch des Vaters, da sagt Rebecca: »Der Fluch sei auf mir« (Gen 27,6). In diesem Moment sagt eine Teilnehmerin: »Meine Mutter hat auch immer meiner Schwester geholfen.« Sie kennt die Esau-Erfahrung. Text und Lebensseite haben sich in ihr getroffen. Dieses Hineingehen in biblische Texte zwingt zur Entscheidung, zur Stellungnahme, wie Kierkegaard als Antwort auf Lessing festgestellt hat: »Der Gleichzeitige hat überhaupt keinen Vorteil davon, dass er gleichzeitig ist«.43 Was nutzt ein Wunder, wenn es nicht mir passiert? Erst wenn der Text direkt in mein eigenes Leben hineinspricht, verändert er mein Leben.

Zur Textseite gehört natürlich der Bibeltext in verschiedenen Übersetzungen, dazu kommen die Ergebnisse der exegetischen Forschung. Auch die Auslegungsund Wirkungsgeschichte gehört zur Textseite.

Zur Lebensseite gehören die Erfahrungen und Glaubenssätze (alles, was es an Modellen in der Welt gibt, förderliche und hinderliche), die Erwartungen, Befürchtungen, Hoffnungen jeder einzelnen Teilnehmerin.

Und zu beiden Seiten gehören die großen existentiellen Fragen des Lebens ganz allgemein: die Frage nach Schuld und Vergebung, nach dem Sinn und nach dem Woher und Wohin des Lebens, die Frage nach der Schönheit, nach Liebe, nach Herkunft und Sinn des Leids, nach Tod, Trennung und Gewalt.

Diese Fragen spielen eine Rolle in den biblischen Texten und im Leben jeder einzelnen Teilnehmerin.

Als gute Grundstruktur für den Verlauf eines Bibliodramas hat es sich gezeigt, auf der Lebensseite zu beginnen, diese anschließend mit dem Text zu konfrontieren und beides dann wieder in das eigene Leben, die Lebensseite, zu integrieren. Bei der eigenen Lebensseite bin ich selbst Spezialist!

1.1.6 Bibliodrama und die Relevanz biblischer Texte für aktuelle Lebensfragen

Im Bibliodrama wird davon ausgegangen, dass biblische Texte Relevanz – im Sinne einer heilsamen Botschaft für heutige Menschen – haben. Das Spiel des biblischen Textes wird getragen von der Hoffnung, dass der biblische Text sich»verheutigt«44, dass es zu einer Korrelation von biblischem Text und eigenem Leben kommt.

Alle großen existentiellen Fragen der Menschen und vieles, was Menschen heute miteinander und mit Gott erlebt haben und erleben, ist in der Bibel längst Schrift geworden und kann – bringt man es mit der eigenen Lebenserfahrung zusammen – Relevanz gewinnen und durchsichtig werden für aktuelles, heutiges Leben.

In der Ausgabe vom 18.2.2012 stand in der Nürnberger Zeitung45 unter der Überschrift»Traumata gibt es schon in der Bibel« folgendes zu lesen:

»Traumata sind kein Phänomen der Neuzeit. Josef, der Sohn Jakobs, wäre ein Paradebeispiel für einen traumatisierten Jungen (1.Mose 37ff): Von seinen eigenen Brüdern wird er in die Sklaverei verkauft und landet schließlich im Gefängnis des Pharaos. Trotzdem gewinnt er Abstand von seinem prägenden Charakterzug als arroganter Tagträumer. Ihm gelingt es, seine Gabe produktiv einzusetzen, um damit eine Hungersnot vorauszusehen und Vorsorge dagegen zu treffen. Gleichzeitig hilft er seinen Mitgefangenen und startet eine Traumkarriere als Vizekönig. Dann schafft er es noch, einen langjährigen Familienkonflikt zu beenden…«

Josef also als Prototyp eines traumatisierten Jungen? Samuel Laeuchli berichtete in einem Seminar über ein Bibliodrama zur »Opferung des Isaak« (Gen 22) in den USA, in dem eine selbst als Kind missbrauchte Frau diesen Bericht als Schilderung eines Kindesmissbrauchs las. Dass Isaak am Ende nicht starb, war für sie kein Trost. Auch angedrohte Folter sei Folter, sagte sie. Viel entscheidender war für sie aber, dass diese Geschichte, die sie bis dato gar nicht kannte, in der Bibel stand, in dem Buch, das von der Gesellschaft, in der sie lebte, »Buch der Bücher« genannt wurde und als höchstes Buch überhaupt verehrt wurde. »Und in diesem Buch«, so sagte sie, »ist meine Geschichte aufgeschrieben. Die Gesellschaft ehrt meine Geschichte.« Diese Frau, so Laeuchli, sei hoch versöhnt und sehr glücklich nach Hause gegangen.

Selbst ein Gedanke, der dem 1990 aufgekommenen und scheinbar neuen Therapieansatz, der Arbeit am »Inneren Kind«46, zugrunde liegt, findet sich bereits in der Bibel (Ps 131,2): »Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.«

Im Buch Genesis erfahren wir, wie etwas anfängt, wie Gott anfängt und wie wir anfangen. In der Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain bekommen wir ein Bild davon vor Augen gestellt, wie es passieren kann, dass ein Bruder seinen Bruder erschlägt – so wie das auch heute täglich geschieht. Und Ezechiel 37 und 1 Kor 15 gehen der Frage nach, wo unsere Toten sind und wie wir uns die Auferstehung vorstellen sollen.

Selbst die menschliche Grundangst, von Gott vergessen und verlassen zu sein, hat genauso Eingang in die Heilige Schrift gefunden wie Gottes Zusage, dass es dabei nicht bleiben wird (Jes 54,7). Und sogar passionierte Weintrinker bekommen einen Tipp darüber, dass man zuerst den guten und später, wenn alle etwas betrunken sind, den schlechteren Wein anbietet (Joh 2,10).

Unzählige weitere Beispiele ließen sich dafür benennen, wie sich heutiges Leben, Glück, Probleme und Unglück, in der Heiligen Schrift wiederfinden. Immer wieder versuchen die biblischen Autoren, Antworten zu formulieren, Hilfestellungen zu geben und zu erklären. Diese wahrlich relevanten Antworten sollen im Bibliodrama fruchtbar gemacht werden für die Lösungen heutiger Fragen und Probleme. Dazu nutzt das Bibliodrama das, was Laeuchli das »synchronische Geheimnis«47 nennt.

1.1.7 Bibliodrama als Synchronizität zweier oder mehr Zeiten

Durch die Verlebendigung eines alten Textes auf der heutigen Bühne werden die Vergangenheit des Textes und meine Gegenwart zeitgleich, »synchron«. Die uns gewohnte diachrone, also fortschreitende und aufeinander aufbauende Zeit wird hier durchbrochen. Es geschieht das, was Rilke etwa in den Sonetten an Orpheus verspricht: »Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung; und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne, das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.«48 Zwei Erlebnisse überschneiden sich, sind nicht mehr vorher und nachher, sondern vertauscht oder gleichzeitig. Und auch dies ist kein neuer Gedanke, sondern diese Aufhebung der diachronischen Zeit steht in der Bibel in Joh 8,58, wenn Jesus sagt: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe denn Abraham war, war ich.«

Im Bibliodrama erfahren wir dieses Übergreifen von Zeit, ein Sich Berühren von Vergangenheit und Jetzt.

Abraham, Mose, Jesus oder die Jünger erstehen jetzt in der Gegenwart auf der Bühne neu und handeln jetzt und unmittelbar.

Jetzt fragt Jesus auf der Bühne einen Teilnehmer: »Willst Du gesund werden?« (Joh 5,6). Jetzt sagt er: »Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!« (Joh 5,8). Diese erlebte Unmittelbarkeit wirkt viel tiefer als eine Erklärung darüber, dass und in welcher Situation Jesus dieses Wort einst gesagt hat und was dieses Wort Jesu nun für mich und mein Leben bedeuten könnte.

Hier wirkt die gespeicherte Heilserfahrung des Textes direkt in mein Leben hinein! Damalige Gotteserfahrung wird gegenwärtig, wird aktuell sinn- und identitätsstiftend, ja heilend für mich heutigen Menschen.

In diesem erweiterten Erfahrungsbegriff berühren sich Vergangenheit und Gegenwart und ermöglichen eine neue und bessere Zukunft.

Manchmal, z.B. wenn in einer biblischen Geschichte eine andere bereits zurückliegende Geschichte erzählt wird, sind plötzlich drei Zeiten auf der Bühne: Gegenwart, Vergangenheit und in der Vergangenheit berichtete Vergangenheit. Ein Beispiel dafür ist etwa 2 Sam 12,1-12, wenn Nathan zu David kommt und ihm erzählt: »Es waren zwei Männer in der Stadt…« Dann braucht es eine zweite Bühne auf der ersten.

1.1.8 Bibliodrama als Trialog

Biblischer Text Person Gruppe Biblischer Text, Person und Gruppe kommen im Bibliodrama in einen Trialog. Die Schnittmengen können unterschiedlich ausfallen, je nachdem wo der Schwerpunkt liegt. Wie an der Zeichnung zu sehen, behält jeder biblische Text viel für sich, was durch keine Person und nicht durch die Gruppe gehoben wird. Auch die Gruppe wird viele Geheimnisse bewahren, die keiner Person bewusst werden (s. 1.6), und jede einzelne Person behält vieles für sich, was sich weder mit dem Text noch mit der Gruppe trifft. Dennoch gibt es Überschneidungen.

Ein kleiner Bereich in der Mitte ist jeder Person, dazu der ganzen Gruppe bewusst und trifft sich mit dem Text.

Für jede Person werden die Schnittmengen unterschiedlich sein, je nach Vorerfahrung, Stellung in der Gruppe, Glaube, Wissen, Reflexionsfähigkeit etc. Deswegen nimmt auch jede Teilnehmerin für sich etwas anderes mit, hat etwas nur für sie ganz individuell Bedeutsames erfahren und weiß jetzt an irgendeiner ganz eigenen Stelle mehr über sich, den biblischen Text, ihr eigenes Leben oder Gott.

1.1.9 Bibliodrama als Prozess

Bibliodrama lebt vom Prozess, ist ein Wachsen und Werden, kein fertiges Ding. Im Bibliodrama aktualisieren sich die biblischen Urgestalten, und der Dialog zwischen Gott und Mensch wird wieder aufgenommen und weitergeführt.49 Weder die Leitung noch die Gruppe noch jede einzelne Person weiß vorher, wohin dieser Dialog, wohin der Gruppenprozess führen wird. Darauf gilt es sich einzulassen.

Die Leitung hat kein Lernziel, das sie den Teilnehmenden vermitteln will, die Einzelnen sollten offen sein für Überraschungen hinsichtlich des Textes und hinsichtlich Veränderungen des eigenen Selbstbildes.

Im Prozess des Bibliodramas wachsen alle aneinander: Der Text als lebendiges Gegenüber wächst mit der Gruppe. Er kann sich als sperrig und unverstehbar erweisen. Er kann heilen und trösten und wieder ganz anders sein, als wir ihn erwartet haben. Er reagiert auf die Gruppe und die Gruppe auf den Text. Wir lesen unser Eigenes hinein und sein Eigenes heraus. Die Gruppe und im Idealfall auch jede Einzelne wachsen am Text und erfahren Veränderung. Und auch als Leitung bin ich eingebunden in diesen Prozess des Fließens und Wachsens. Obwohl ich leite, bin ich mit im Fluss und erlebe ebenfalls Bibliodrama und gehe am Ende bereichert nach Hause.

Dieser Prozess braucht Zeit, um ins Fließen zu kommen und sein angemessenes Tempo zu finden. In jedem Fall braucht es Geduld. Bibliodrama verlangt Slow Motion und ist kein Fastfood.

»Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen,die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werdenkann,alles ist austragen – und dann gebären…

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmendes Frühlings steht,ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Er kommt doch! (…)

Man muss Geduld habenmit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprachegeschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken,eines fremden Tages in die Antworten hinein.«50

1.1.10 Bibliodrama und seine drei Realitäten

Im Bibliodrama gibt es drei zu unterscheidende Realitäten: die Alltags-, die Gruppen- und die Bühnenrealität.

In der Alltagsrealität befinde ich mich beispielsweise bei der Ankunft. Ich habe gerade noch mit meiner Familie telefoniert, habe noch schnell einen Brief eingeworfen oder komme direkt aus einer Sitzung, die mich noch bewegt. Ich bin also der, der ich »normalerweise« in meinem Alltag bin.

Mit Ankunft in der Gruppe tauche ich ein in die Gruppenrealität. Hier zeige ich den anderen bestimmte Dinge und Seiten von mir, inszeniere mich als die oder jene. Alles, was ich anfangs beim Kaffeetrinken oder in den kurzen Pausen – den sogenannten »informellen Teilen« – erlebe, gehört genauso in die Gruppenrealität wie das, was ich im Seminar sage oder nicht sage und tue. Ich kann in der Gruppenrealität ganz wichtig sein und dem Leiter stellvertretend für andere widersprechen, auch wenn ich im Alltag eher angepasst und schüchtern bin.

Sobald ich im Bibliodrama eine Rolle übernehme und als Maria, Jesus oder Bileams Esel agiere, befinde ich mich in der Bühnenrealität.

Für die Leitung und die Gruppe ist es wichtig, diese drei Realitäten auseinanderzuhalten und nicht zu vermischen. Auch wenn die in der Rolle gemachten Erfahrungen mit ins Leben genommen werden sollen, so muss die Rolle selbst wieder abgelegt werden (»Entrollen«, s. 2.3.3.40). Keinesfalls darf die Bühnenrealität mit in die Gruppen- oder Alltagsrealität genommen werden, also beispielsweise jemand im Feedback oder gar im informellen Teil noch als Maria, Jesus oder Esel angesprochen werden.

1.1.11 Bibliodrama und Leiblichkeit