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Die Geschichte des Ersten Weltkrieges entdecken und verstehen Warum wurde er "ein Krieg, der alle Kriege beenden sollte" genannt? Was war der Schlieffen-Plan und wie verlief die Schlacht von Verdun? Das innovative Nachschlagewerk erklärt über 90 Schlüsselereignisse des Ersten Weltkrieges mit informativen Diagrammen & Grafiken – klar und leicht verständlich. Von den Anfängen des Konflikts über wichtige Meilensteine in den Kriegsjahren bis hin zur Nachkriegszeit. Die wichtigsten Ereignisse, Wendepunkte und Hintergründe des Ersten Weltkrieges zum Nachschlagen – abwechslungsreich und einfach aufbereitet: - Über 90 Schlüsselereignisse des ersten globalen Krieges: von den wachsenden Spannungen in Europa und dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand über die deutsche Invasion in Belgien, den amerikanischen Kriegseintritt und die russische Revolution bis zum Waffenstillstand und der Gründung des Völkerbundes - Wissen zum Ersten Weltkrieg grafisch auf den Punkt gebracht: Das frische Layout mit verschiedenen Illustrationen, Infografiken und Fotografien erklärt die Geschichte des Ersten Weltkrieges leicht verständlich - Informative Kurzporträts von bedeutenden Persönlichkeiten wie Kaiser Wilhelm II, Alfred von Schlieffen, Paul von Hindenburg oder Mata Hari - Weltgeschichtliche Zusammenhänge anschaulich erklärt: Ein umfassender Blick auf entscheidende Schlachten, Kriegstaktiken und Waffen macht deutlich, wie stark politische und wirtschaftliche Kräfte sowie technischer Fortschritt den Krieg und die darauffolgenden Jahrzehnte prägten - Die Geschichte des Ersten Weltkrieges in sieben großen Kapiteln: Das Vorspiel zum Konflikt (1870-1914), Kriegsbeginn (1914), Pattsituation (1915), Totaler Krieg (1916), Revolution und Erschöpfung (1917), Sieg und Niederlage (1918), Ein Krieg, der alle Kriege beenden soll? (1919-1923) Fundiert und verständlich aufbereitet: Der ideale Einstieg in die komplexe Geschichte des Ersten Weltkrieges – Basiswissen zum Studieren, Informieren und Nachschlagen!
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Seitenzahl: 548
Veröffentlichungsjahr: 2024
EINLEITUNG
OUVERTÜRE ZUM KRIEG
1870–1914
Ein sicheres und wohlhabendes Zeitalter
Die Lage in Europa
Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne
Der Aufstieg Deutschlands
Es gibt keinen Gott mehr. Es gibt keinen Zaren
Krise in Russland
Das Pulverfass Europas
Der Balkan
Der kranke Mann am Bosporus
Der Niedergang des Osmanischen Reichs
Meine Karte von Afrika liegt in Europa
Europas Kolonien und Reiche
Albtraum der Koalitionen
Das Bündnissystem
Britannia, beherrsche die Meere!
Wettrüsten auf See
Angriff ist die beste Verteidigung
Planen für den Krieg
Tod dem Tyrannen!
Die Ermordung Franz Ferdinands
Nur ein Fetzen Papier?
Die Kriegserklärung
Wer ist dabei?
Öffentliche Meinung
DER KRIEG BRICHT AUS
1914
Mord, Vergewaltigung und Plünderung
Die deutsche Invasion Belgiens
Der Preis war eine Generation von Franzosen
Die Grenzschlachten
In ganz Europa gehen die Lichter aus
Britischer Kriegseintritt
Hoffnungslose Resignation, vollkommene Erschöpfung
Rückzug und Verfolgung
Unsere Männer werden tun, was menschenmöglich ist
Die Erste Schlacht an der Marne
Der letzte Zipfel Belgiens
Der Wettlauf zum Meer
Der Kindermord von Langemarck
Die Erste Flandernschlacht
Eine Hölle aus Schlamm
Der Stellungskrieg beginnt
Marsch in die Falle
Die Schlacht bei Tannenberg
Diese monströse Front verschlingt uns noch alle
Österreich-Ungarns Versagen
Tage des Vor und Zurück
Der Kampf um Polen
Euer Feldzug sei gesegnet
Kriegseintritt des Osmanischen Reichs
Wir wollen nicht für nichts sterben
Der Krieg in Afrika
Ihr Grab ist die kalte See
Der Seekrieg beginnt
Ein Gottesgeschenk
Der Krieg in Asien und Ozeanien
Der Feind hat überall Ohren
Der geheime Krieg
PATT
1915
Die Munitionskrise
Steigerung der Produktion
Sie war unbewaffnet
Die Versenkung der Lusitania
Die ganze Welt ist ein Käfig
Konzentrations- und Internierungslager
Wie in einem grünen Meer, sah ich ihn ertrinken
Die Zweite Flanderschlacht
Die Ritter der Lüfte
Krieg in der Luft
Der neue heimtückische Feind
Kriegseintritt Italiens
Ein Name, der nie vergehen wird
Der Gallipoli-Feldzug
Die Dinge, die ich sehe, verfolgen mich
Der Krieg im Kaukausus
Unsere Armeen kommen als Befreier
Der Krieg in Mesopotamien
Das größte Verbrechen des Kriegs
Der Völkermord an den Armeniern
Unparteiisch im Denken und Handeln
Die USA und der Erste Weltkrieg
Gebäude stürzten zusammen wie Kartenhäuser
Beginn der deutschen Bombenangriffe
Sie schwanden dahin
Russlands Rückzug
Die Bergwinde pfeifen ihre Klagelieder
Das Ende des Serbien-Feldzugs
Löwen, geführt von Eseln
Die Schlacht bei La Bassée und Arras
TOTALER KRIEG
1916
Riesige mechanische Monster
Panzerkrieg
Frankreichs Kräfte verbluten
Die Schlacht um Verdun
Eine schreckliche Schönheit
Der Osteraufstand
Ein neues Kapitel der Weltgeschichte
Die Skagerrakschlacht
Unsere eiserne Armee wird den totalen Sieg erringen
Die Brussilow-Offensive
Wir erhoben uns Gott zu Gefallen
Die Arabische Revolte
Ein Totentanz
Die Schlacht an der Somme
Alles Elend auf einmal
Rumänien zieht in den Krieg
Eine stille Diktatur
Die deutsche Kriegsmaschine
Die Städte hungern
Gesellschaft unter Druck
REVOLUTION UND ERSCHÖPFUNG
1917
Der Zar ist blind
Die Februarrevolution
Die Welt muss sicher gemacht werden für die Demokratie
Kriegseintritt der USA
Ich will dich für die US-Army
Die USA stimmen sich auf Krieg ein
Jeder Mann und jeder Dollar
Ersatz für die Gefallenen
Unsere beste und schärfste Waffe
Die U-Boote greifen an
Die Geburt einer Nation
Die Schlacht bei Arras
Schluss mit dem Krieg!
Die Nivelle-Offensive
Heute möchte ich kein Italiener sein
Die letzten Isonzoschlachten
Die Erde schien Feuer zu speien
Die Schlacht bei Messines
Solange es Leben zu retten gibt
Die Pflege der Verwundeten
Der donnernde Tod aus der Luft
Die deutschen Bombenangriffe gehen weiter
Die Dampfwalze, die keine Nuss knacken konnte
Die Kerensky-Offensive
Die Gärtner von Saloniki
Griechenland und die Salonikifront
Das Getöse, der Aufruhr, das Fauchen der Granaten
Artillerie
Pferde, Maultiere, Männer, alle tot
Die Dritte Flandernschlacht
Zitternd wie ein Blatt
Granatschock
Die Hölle bricht los
Die Schlacht von Cambrai
Kämpfen und fliegen
Taktische Luftangriffe
Frieden, Land und Brot
Die Oktoberrevolution
Unser Bündnis, mit Blut besiegelt
Seekrieg im Mittelmeer
Den Feind an der Kehle … packen
Ostafrika
Die Soldaten des letzten Kreuzzugs
Jerusalem fällt
SIEG UND NIEDERLAGE
1918
Aufruf zum Massenstreik!
Die Heimatfront 1918
Krater und Granatlöcher
Der Grabenkrieg im Wandel
Jetzt darf man keine einzige Stunde verlieren
Der deutsche Sieg in Osteuropa
Eine unfassbare Masse Kanonen
Die Frühjahrsoffensive
Wollt ihr ewig leben?
Die Schlacht im Wald von Belleau
Das starke und mutige Herz freier Männer schlägt in eurer Brust
Die Zweite Schlacht an der Marne
Am Wendepunkt des Krieges
Die Schlacht bei Amiens
Die größte Armee unter amerikanischer Flagge
Die Schlacht von Saint-Mihiel
Mord en gros
Die Maas-Argonnen-Offensive
Wir müssen Italien retten
Das Kriegsende in Italien
Ein glänzender Sieg im Osten
Die Schlacht bei Megiddo
Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen
Deutsche Revolution
Sie stürmten die Feste des Todes
Durchbruch an der Siegfried-Stellung
Kein Jubel, kein Gesang
Der Waffenstillstand
Es ist einfach, tot zu sein
Kriegsliteratur
DER KRIEG, UM ALLE KRIEGE ZU BEENDEN?
1919–1923 UND DANACH
Offenbar eine Seuche
Die Spanische Grippe
Überlebende auf einem Berg von Leichen
Vom Krieg gezeichnet
Wir sind als Freunde gekommen
Ein dauerhafter Frieden?
Skandalöses Versagen der Justiz
Leipziger Prozesse
Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen
Die Nachkriegszeit
Der Staat ist absolut
Aufstieg des Faschismus
Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn
Gedenken an den Krieg
ZITATNACHWEIS
DANK
Der Erste Weltkrieg bildet in der Geschichte einen tiefen Einschnitt. Er führte zum Zusammenbruch von vier großen Herrscherdynastien in Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland und der Türkei. Er löste die Revolution der Bolschewiki in Russland aus und führte zum Entstehen neuer Staaten in Europa sowie im Nahen Osten. Die Kosten für diese enormen politischen Veränderungen waren gigantisch: Millionen verloren ihr Leben beim Zusammenprall von Massenheeren, ausgerüstet mit den tödlichsten Waffen ihrer Zeit.
Als Auslöser für den Krieg gilt der Mord am österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau in Sarajevo. Doch das zwischen den europäischen Großmächten herrschende Misstrauen ließ daraus einen größeren Konflikt entstehen, in den die Verbündeten beider Seiten sowie im Verlauf des Kriegs weitere Staaten hineingezogen wurden.
Zum deutschen Kaiserreich und der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, wegen ihrer zentralen Lage in Europa als »Mittelmächte« bezeichnet, traten das Osmanische Reich und Bulgarien hinzu. Großbritannien schloss sich den Alliierten Frankreich und Russland an, wie auch Japan und Italien sowie über 20 weitere Staaten, von denen die USA der wichtigste war.
Ende 1914 hatten die großen Eröffnungsschlachten zwei Fronten entstehen lassen. An der Westfront zog sich eine Linie von Schützengräben durch Frankreich und Belgien von der Schweizer Grenze bis an die Nordsee. Die Ostfront war fließender und verlief über eine noch weitere Strecke vom Schwarzen Meer bis an die Ostsee mit Kämpfen in vielen Ländern entlang der Front.
»Jemand rief: ›Die Kürassiere kommen!‹ … In ihren Felduniformen, … riesig in ihren langen Mänteln, nahmen sie die gesamte Breite der Chaussee ein. Ein formidables Geschrei erklang aus allen Mündern: ›Vive la France! Vive l’armée!‹«
Raymond Recouly
Französischer Journalist über Truppen, die 1914 in den Krieg ziehen
Die erbärmlichen Zustände in den Schützengräben mit wiederholten Offensiven gegen gut befestigte Verteidigungsstellungen und mit immensen Verlusten bei geringen Geländegewinnen machten die Westfront zum Symbol dieses Kriegs. Zwar warf man den Generälen mangelnden militärischen Weitblick vor, doch waren es die enormen Fortschritte in der Militärtechnik, insbesondere bei der Artillerie, die die Kämpfe an der Westfront rasch zu einem bitteren Abnutzungskrieg werden ließen: Die Feuerkraft der einen Seite versuchte, die Stärke und Entschlossenheit der anderen Seite zu brechen.
Trotz des Schwerpunkts Westfront wurde der Erste Weltkrieg zu einem globalen Konflikt. Der Kriegseintritt des Osmanischen Reichs – eine Folge der Feindschaft gegenüber dem Nachbarn Russland sowie von Aufständen innerhalb des Reichs – eröffnete neue Schlachtfelder in Gallipoli, im Nahen Osten, in Palästina und Mesopotamien. Mit den schier unerschöpflichen Bevölkerungsreserven ihrer Überseegebiete konnten Großbritannien und Frankreich Millionen Männer aus Afrika, Asien und den britischen Dominions zu den Kämpfen rekrutieren.
Ein weiterer großer Vorteil der Alliierten war die kampfstarke britische Marine, die Royal Navy. Trotz der ständigen Gefahr durch deutsche U-Boote blockierte sie die Nordsee sowie gemeinsam mit weiteren Alliierten die Adria und fügte den Mittelmächten enormen wirtschaftlichen Schaden zu. Mit japanischer Hilfe isolierte die Royal Navy die deutschen Kolonien im Pazifik und im Fernen Osten.
Der Erste Weltkrieg war ein Versuchsfeld für Neuerungen. In der Militärtechnik und in einigen weiteren Bereichen wie der Luftfahrt waren die Fortschritte bahnbrechend. Neue todbringende Waffen kamen auf, darunter Fernkampf- und Schnellfeuergeschütze, Flammenwerfer, Panzer und – eher kontrovers betrachtet – Giftgase. Entwicklungen in der Kommunikations- und Produktionstechnik waren ebenso weitreichend wie medizinische Fortschritte in der Versorgung der Verwundeten mit Prothesen sowie die immer bessere Behandlung von Traumatisierten.
Die Massenproduktion von Kriegswaffen erwies sich als entscheidend und stieg in allen Ländern stark an, wobei die Alliierten von der wirtschaftlichen Leistung der USA profitierten. Da es an Arbeitskräften mangelte, nahmen Frauen vielfach die Positionen der an die Front geschickten Männer ein – eine der vielen gesellschaftlichen Veränderungen, die auch nach 1918 Bestand haben sollten.
Nachdem die vereinte alliierte Macht den Sieg an der Westfront errungen hatte, sollte Deutschland für das Leid und die Kosten des Kriegs zahlen und genügend geschwächt werden, um einen erneuten Krieg auszuschließen. 1919 beschlossen die Alliierten strenge Bedingungen für die besiegten Mittelmächte. Der Versailler Vertrag wies Deutschland die »Kriegsschuld« zu. Angesichts der überwältigenden militärischen Überlegenheit der Sieger und der fortgesetzten Wirtschaftsblockade unterzeichnete die deutsche Delegation widerwillig den Vertrag.
»Um 11 Uhr vormittags erklang von den deutschen Linien her großer Jubel … Doch auf unserer Seite gab es nur wenige Rufe … Das Spiel war vorbei; es war ein verdammt schlechtes Spiel gewesen.«
Captain W. N. Nicholson
Suffolk Regiment, zur Verkündung des Waffenstillstands 1918
Hatte der Erste Weltkrieg als Kampf um die Vorherrschaft in Europa begonnen, brachte der brüchige Frieden dafür keine Lösung. Die politische und wirtschaftliche Instabilität ermöglichte in Deutschland den Aufstieg Adolf Hitlers, dessen Propaganda auf den Vertrag von Versailles Bezug nahm. Der Zweite Weltkrieg wurde vom nationalsozialistischen Deutschland begonnen und führte zum Sieg der beiden Supermächte USA und UdSSR.
Das vorliegende Buch zeigt, wie der Erste Weltkrieg begann und zu einem globalen Konflikt wurde. Es stellt führende Persönlichkeiten vor und analysiert ihre Strategien und die Konsequenzen, die uns zum Teil noch heute betreffen. Es macht die großen Ideen deutlich, die diesen Krieg zu einem entscheidenden historischen Ereignis machten.
1870
Die preußische Armee reibt die französischen Truppen bei Sedan auf. Napoleon III. geht ins Exil, und Frankreich wird zur Republik.
1878
Auf dem Berliner Kongress ziehen die großen europäischen Reiche die Grenzen auf dem Balkan nach dem Russisch-Türkischen Krieg neu.
1884/85
Europäische Mächte planen in Berlin den »Wettlauf um Afrika« – die weitgehende Kolonialisierung des Kontinents.
1898
Die USA schlagen Spanien im Spanisch-Amerikanischen Krieg vernichtend und kontrollieren nun Kuba, Puerto Rico und die Philippinen.
1904
Großbritannien und Frankreich schließen die Entente Cordiale, die Kolonialkonflikte lösen und freundschaftlichere Beziehungen zwischen Ländern fördern soll.
1905
Eine Welle von Protesten und Streiks führt in Russland zu begrenzten politischen Reformen und der Gründung der gesetzgebenden Staatsduma.
1909
Eine als »Jungtürken« bekannte Gruppe von Offizieren stürzt Sultan Abdülhamid II. mit dem Ziel, das Osmanische Reich zu modernisieren.
1912/13
Im Ersten Balkankrieg kämpfen die Balkanstaaten mit dem Osmanischen Reich um Ländereien, das das Gros seiner europäischen Besitzungen verliert.
1871
Der preußische König Wilhelm I. wird im Palast von Versailles nahe Paris zum Kaiser des neuen Deutschen Reichs gekrönt.
1882
Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien schließen den Dreibund, ein Defensivbündnis, das bis zum Kriegsausbruch halten soll.
1894/95
Im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg besiegt Japan China und festigt seine Dominanz in Ostasien.
1902
Der Zweite Burenkrieg endet. Großbritannien besiegt die Burenrepubliken, aber der Krieg legt viele Schwächen der britischen Armee offen.
1904/05
Japan besiegt Russland im Russisch-Japanischen Krieg und ist damit die erste asiatische Macht der Neuzeit, die ein europäisches Land schlägt.
1908
Österreich-Ungarn annektiert Bosnien-Herzegowina, was zu Spannungen mit Russland sowie mit Serbien und anderen Balkanstaaten führt.
1911/12
Im Italienisch-Türkischen Krieg fallen Tripolitanien und die Kyrenaika an Italien. Das zeigt die Schwäche der Osmanen und Italiens koloniale Ambitionen.
1913
Im Zweiten Balkankrieg verliert Bulgarien Land an Serbien, Griechenland und Rumänien, das es im Ersten Balkankrieg gewonnen hat.
Am 28. Juni 1914 schoss der bosnische Student Gavrilo Princip, der sich serbischen Nationalisten angeschlossen hatte, in Sarajevo auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und tötete ihn. Wenige Wochen später führte die »Julikrise« in den Krieg.
Der tiefere Grund für die Kriegserklärungen im Juli und August 1914 lag in der Rivalität der europäischen Nationen. Der Wirtschaftsboom des 19. Jahrhunderts beruhte auf der Erschließung immer neuer Märkte in Übersee und der Gewinnung und Sicherung von Rohstoffen. Zu diesem Zweck besetzten die europäischen Länder Territorien in Afrika und Asien, was zu Auseinandersetzungen um diese Kolonien führte. Die zunehmende koloniale Rivalität wurde durch den Aufstieg Deutschlands verschärft. Das erst 1871 gegründete Deutsche Reich besaß noch keine eigenen Kolonien. Am stärksten profitierten Großbritannien und Frankreich vom Kolonialismus. Auch in Deutschland sowie im seit 1861 vereinten Italien wurde der Ruf nach Kolonien laut.
Außerhalb Europas verfolgte Japan als jüngste Industriemacht der Welt ehrgeizige Ziele. 1914 besaß das Kaiserreich Territorien sowohl in China als auch in Russland und entwickelte sich zur mächtigsten Nation Ostasiens.
Deutschland stand zwar an der Spitze des militärischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Fortschritts, wurde aber autoritär regiert. Der Reichstag hatte weniger Handlungsfreiheit als das französische und britische Parlament, während Politik und Gesellschaft von einer aristokratisch-militärischen Elite bestimmt wurden.
Deutschlands engster Verbündeter Österreich-Ungarn litt unter zunehmender Instabilität. Während die deutschen Länder ihren neuen Nationalstaat schnell annahmen, blieb die »Doppelmonarchie« eine Ansammlung vorwiegend slawischer Länder. Der leidenschaftliche Nationalismus nahm in dem Vielvölkerstaat überall zu. Viele seiner Minderheiten verlangten nach Selbstbestimmung.
Der allmähliche Niedergang des zweiten Großreichs auf dem Balkan, der Osmanen, begünstigte das Entstehen der unabhängigen Staaten Serbien, Bulgarien, Rumänien und Albanien. Ihre unerbittliche Feindschaft sowohl gegen Österreich-Ungarn als auch das Osmanische Reich destabilisierte die Region zusätzlich. Gleichzeitig konkurrierte die Doppelmonarchie mit Russland um die Dominanz in Osteuropa.
Die Animositäten zwischen Österreich-Ungarn und seinen slawischen Nachbarn drückten sich am destruktivsten in der zerfallenden Beziehung zwischen Österreich und Serbien aus, dem die Unterstützung des Terrorismus und eine Mitwisserschaft am Attentat vorgeworfen wurde. Bei der österreichischen Regierung brachte die Ermordung Franz Ferdinands das Fass zum Überlaufen. Für eine militärische Strafexpedition gegen Serbien sicherte Deutschland per Telegramm Österreich-Ungarn seine Unterstützung zu.
Der Umstand, dass ein lokaler Konflikt auf dem Balkan zu einem Weltkrieg führen konnte, hatte seine Wurzeln in einem Netzwerk von Allianzen, das Europa in zwei bewaffnete Lager spaltete. Im Nachgang des Deutsch-Französischen Kriegs (1870/71) hatte der deutsche Kanzler Otto von Bismarck den militärischen Sieg mit einer Reihe von Verträgen unterfüttert, die Deutschlands Aufstieg in Mitteleuropa sichern sollten. Nachdem Kaiser Wilhelm II. Bismarck 1890 aber aus dem Amt gedrängt hatte, begann dieses System auseinanderzufallen.
Russland, das zuvor durch den »Rückversicherungs-Vertrag« mit Deutschland verbunden war, näherte sich militärisch und diplomatisch Frankreich an, vor allem, als Deutschland sich mit Österreich-Ungarn verbündete. Wie dieses wollte auch Russland vom Niedergang des Osmanischen Reichs in Europa profitieren und sagte seinen slawischen Nachbarn, allen voran Serbien, seine Unterstützung zu.
Die in zwei rivalisierende Blöcke geteilten europäischen Staaten planten für die zunehmende Gefahr eines Kriegs. Die strategische Situation folgte den geografischen Gegebenheiten: Deutschland und Österreich-Ungarn hielten die Mitte, »umzingelt« von Frankreich und Russland; Großbritannien hielt sich am Rand, auch wenn die neue Rivalität auf See mit Deutschland das Land näher an Frankreich rücken ließ.
Das Attentat von Sarajevo war nur der Funke, der das Pulverfass der nationalen Rivalitäten letztendlich explodieren ließ.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Europäische Politik
FRÜHER
1814/15 Auf dem Wiener Kongress legen Diplomaten im Nachgang zu den Koalitionskriegen die Nationalgrenzen in Europa fest.
1848 In ganz Europa brechen Revolutionen aus, die Verfassungen fordern.
1853–1856 Im Krimkrieg kämpft Russland gegen eine Allianz aus Großbritannien, Frankreich, Osmanischem Reich und Sardinien-Piemont.
SPÄTER
1919/20 Der Friedensvertrag von Versailles kostet Deutschland Reparationen und einen Teil seines Staatsgebiets.
1945 Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Deutschland in vier von den Alliierten besetzte Zonen aufgeteilt.
Am 28. Januar 1871 endete die Belagerung von Paris im Deutsch-Französischen Krieg. Bereits am 18. Januar 1871 war König Wilhelm von Preußen zum Deutschen Kaiser ausgerufen und das Deutsche Reich gegründet worden. Abgesehen vom Russisch-Türkischen Krieg (1877/78) läutete dies einen 40-jährigen Frieden zwischen den europäischen Reichen ein, die Belle Époque, die später als »Goldenes Zeitalter« vor dem Ersten Weltkrieg gelten sollte.
Die vorherrschende politische Stabilität brachte Wohlstand und Expansion. Neue Technologien entstanden. Städte und Fabriken wurden zunehmend elektrifiziert, während Telegrafie und der Ausbau des Eisenbahnnetzes Kommunikation und Reisegewohnheiten revolutionierten. Die europäischen Großmächte beuteten ihre Kolonien aus und profitierten von ihrem privilegierten Zugang zu Rohstoffen wie Kautschuk, Öl und Gold und von ihren Marktmonopolen.
»Deutschland bedarf weder neuen Kriegsruhms noch irgend welcher Eroberungen, nachdem es sich die Berechtigung als einige und unabhängige Nation zu bestehen endgültig erkämpft hat.«
Kaiser Wilhelm II.
Thronrede vom 25. Juni 1888
In dieser Zeit des Friedens waren die innereuropäischen Beziehungen weitgehend stabil, auch wenn es Bruchlinien gab. Die konstitutionelle Monarchie Großbritannien blieb eine ökonomische Großmacht und beherrschte das größte Reich der Welt. Als Edward VII. aber seiner Mutter Victoria 1901 auf den Thron folgte, kam es zu Unruhen, etwa unter irischen Nationalisten. Und die Frauen forderten das Wahlrecht.
Auch in Frankreich, seit 1870 parlamentarische Republik, gab es interne Spannungen. In Paris gärte der Ärger über den Landverlust aus dem Deutsch-Französischen Krieg, während die Dreyfus-Affäre um einen fälschlich wegen Verrats inhaftierten jüdischen Armeeoffizier den alltäglichen Antisemitismus offenbarte.
Eine satirische Landkarte von 1900 mit dem Titel »John Bull and his friends« karikiert die rivalisierenden europäischen Staaten. Russland wird als Krake dargestellt, dessen Arme nach Europa und Asien greifen.
Die aufstrebende Macht war Deutschland, das militärische Stärke mit einer aufblühenden Industrie verband, die Großbritannien Konkurrenz machte. Der Kaiser besaß große Macht, auch wenn das gewählte Parlament, der Reichstag, gesetzgeberische Befugnisse besaß und die Arbeiterbewegung die linken Sozialdemokraten 1912 zur stärksten Partei machte. Die 1867 unter der Habsburger Dynastie gegründete Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war ein bedeutender Warenproduzent, der aber Probleme mit seiner Vielfalt von Volksgruppen hatte. Nationalisten forderten Autonomie, wenn nicht Unabhängigkeit. Im Süden lag Italien, eine weitere konstitutionelle Monarchie. Das Land war unter Viktor Emanuel II., dem König von Sardinien, vereint worden, blieb aber wirtschaftlich zwischen Norden und Süden und politisch zwischen Radikalen und Konservativen gespalten.
Das Haus Romanow hatte lange die autokratische Herrschaft über das größte zusammenhängende Reich der Welt genossen, aber die Revolution von 1905 zwang Zar Nikolaus II., einen Teil seiner Macht an die Duma, das gewählte Parlament, abzugeben. Russland hinkte hinter seinen Rivalen her, modernisierte sich aber, und sein Wachstum überflügelte das des ehemals mächtigen Osmanischen Reichs. Nach Territorialverlusten auf dem Balkan und in Nordafrika rang das Reich nun um einen Weg zwischen imperialer Macht, konstitutioneller Monarchie und Militärdiktatur.
Royale Bande
Königin Viktorias neun Kinder heirateten in Königsfamilien in ganz Europa ein. Um 1914 waren die britischen, deutschen und russischen Herrscher alle miteinander verwandt. Kaiser Friedrich III. war mit Viktoria, der ältesten Tochter der britischen Königin, verheiratet, während ihr Sohn und Thronfolger Edward VII. mit Alexandra von Dänemark verheiratet war, deren Schwester Dagmar später Zar Alexander III. von Russland heiratete.
Dadurch war George V. von Großbritannien ein Cousin sowohl Kaiser Wilhelms II. als auch Zar Nikolaus’ II. Nikolaus’ Frau Alix von Hessen-Darmstadt stammte über ihre Mutter Prinzessin Alice direkt von Königin Viktoria ab. Auch die russischen und deutschen Monarchen waren verwandt, da beide von Friedrich Wilhelm III. von Preußen und Zar Paul I. von Russland abstammten, womit sie gleichzeitig Cousins dritten und zweiten Grades waren. Diese Familienbande reichten allerdings nicht aus, einen Krieg zu verhindern.
Die Cousins und späteren Kriegsgegner Nikolaus II. von Russland (links) und Wilhelm II. von Deutschland teilen sich 1910 eine Kutsche.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Reichsgründung
FRÜHER
1834 Der Zollverein, ein erster Schritt zur deutschen Vereinigung, tritt in Kraft.
1848/49 In ganz Deutschland kommt es zu Unruhen. Liberale Hoffnungen werden durchkreuzt, dafür entsteht eine nationale Identität.
1862 Otto von Bismarck wird inmitten einer Verfassungskrise preußischer Ministerpräsident und Außenminister.
SPÄTER
1914 Im Juli greifen Großbritannien und seine Verbündeten die deutschen Überseebesitzungen an.
1919 Der Versailler Vertrag nimmt Deutschland seine Kolonien. Sie werden zu Mandaten des Völkerbunds.
Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. im Palast von Versailles bei Paris zum Kaiser des vereinten Deutschlands ausgerufen. Die 39 Einzelstaaten mit eigenem Wirtschaftssystem, Zollgrenzen und Streitkräften wurden zum Deutschen Reich, behielten aber ihre jeweiligen Herrscher.
Die treibende Kraft hinter der Vereinigung war der preußische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck. Bismarck erreichte sein Ziel durch den geschickten Einsatz militärischer Gewalt, indem er 1864 einen Krieg gegen Dänemark um die Provinzen Schleswig und Holstein führte, 1866 gefolgt vom Krieg gegen Österreich. Preußens Sieg bei Königgrätz zwang Österreich, Preußens Führungsmacht in Deutschland anzuerkennen, und es erfand sich in der Folge 1867 als Doppelmonarchie Österreich-Ungarn neu.
Otto von Bismarck diktiert nach dem Sieg der Preußen den französischen Ministern Jules Favre (Mitte) und Adolphe Thiers (rechts) im Februar 1871 in Versailles die Friedensbedingungen.
Bismarcks Pläne kulminierten 1870 in einem geschickt orchestrierten Krieg gegen Frankreich. Preußen schlug die französische Armee in der Schlacht von Sedan vernichtend. Deutschland war nun die führende Militärmacht in Europa. Das besiegte und gedemütigte Frankreich musste große Reparationszahlungen leisten und die Gebiete Elsass und Lothringen abtreten.
Helmuth von Moltke, der Chef des preußischen Generalstabs, hatte die Annexion Elsass-Lothringens als Pufferzone für zukünftige Konflikte mit Frankreich gefordert, zudem hieß die deutsche Industrie die Einverleibung der wertvollen Eisenerz-Vorkommen und der blühenden Eisen- und Stahlindustrie willkommen. Die meisten Einwohner der beiden Provinzen sprachen zwar einen deutschen Dialekt (vor allem im Elsass), aber viele lehnten die deutsche De-facto-Okkupation ab.
1913 kam es zur Zabern-Affäre. Abfällige Bemerkungen eines deutschen Offiziers über die Einwohner der elsässischen Stadt Zabern führten zu Demonstrationen, auf die die preußische Armeegarnison mit willkürlicher Gewalt reagierte. Liberale und linke Parteien im Reichstag verurteilten das Militär und verwickelten Kaiser und Kanzler in eine Verfassungsdebatte über die Rolle der Armee. Die Affäre wurde im Ausland weithin als Beleg für den unangemessen starken Einfluss des Militärs im deutschen Alltagsleben dargestellt.
Eine der treibenden Kräfte des deutschen Wachstums war die rapide Industrialisierung. Dank eines Überflusses an Rohstoffen und Arbeitskräften wurde das Land zu einem bedeutenden Produzenten von Kohle, Stahl und anderen Waren. Dieses Wachstum förderte die territorialen Ambitionen Deutschlands, brachte aber auch soziale und ökonomische Verwerfungen mit sich.
Politisch wurde das Land von konservativen Eliten beherrscht, die demokratische Reformen ablehnten. Die Regierung unterstand einem »eisernen Kanzler«, der nicht gewählt war. Bismarck arbeitete daran, das neue Reich zu stärken und seine Macht zu festigen. Dazu schuf er eine starke Armee, die Deutschlands Dominanz in Europa sichern sollte.
Legende
Königreich Preußen
1866 von Preußen annektiert
1867 dem Norddeutschen Bund beigetreten
1871 dem Reich beigetreten
1871 von Deutschland annektiert
Grenzen des deutschen Reichs 1914
Nach der Niederlage des Habsburgerreichs 1866 werden weitere Staaten in das deutsche Bündnis gezwungen. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 treten auch Bayern und Baden bei. Die Beschlagnahme von Teilen der französischen Gebiete Elsass und Lothringen vollendet das neue Deutschland.
Im Reichstag war eine Vielzahl von Klasseninteressen vertreten, er hatte aber kaum Einfluss und wurde oft von der autokratischen Regierung düpiert. Die Unzufriedenheit mit dem Status quo, die sich auf die Unruhen in der Arbeiterklasse und das Streben der Mittelschicht nach einem Mitspracherecht ausdrückte, wurde nicht ernst genommen. Stattdessen versuchte die Regierung, die Aufmerksamkeit von der Unruhe im eigenen Land hin zu einer expansionistischen Außenpolitik zu lenken, wobei sie teilweise von der Mittelschicht und der Arbeiterklasse unterstützt wurde.
»Der preußische Leutnant ging als junger Gott … durch die Welt.«
Friedrich Meinecke
Deutscher Historiker, über den preußischen Militarismus
Nach dem Tod seines Vaters Friedrich III. 1888 wurde Wilhelm II. Kaiser und geriet schon bald mit Bismarck in Konflikt, den er 1890 entließ. Wilhelm und seine Regierung verfolgten eine zunehmend aggressive Außenpolitik, ohne dass der Kaiser über die Fähigkeit verfügte, sich der komplexen Feinheiten der Diplomatie zu bedienen.
Seine Regierungszeit war von einer Reihe streitbarer Aussagen und politischer Entscheidungen geprägt, die das diplomatische Gleichgewicht in Europa störten. Dies drückte sich in der Militarisierung des Konzepts von »Mitteleuropa« aus, das jahrhundertealte gemeinsame kulturelle Werte postulierte und eine von Deutschland und Österreich-Ungarn beherrschte Region umfasste. Ende des 19. Jahrhunderts erweiterten deutsche Denker und Politiker den Begriff um eine ökonomische und politische Einheit unter deutscher Herrschaft. Damit sollten später nach Kriegsausbruch 1914 Militäraktionen in Mittel- und Osteuropa rechtfertigt werden.
Das neue Konzept von Mitteleuropa spiegelte sich in einer anderen Expansionspolitik in Überseeterritorien. Bismarck hatte diese Idee zwar ursprünglich abgelehnt, änderte seine Meinung aber in den späten 1870er-Jahren und führte eine Politik der territorialen Aneignung ein. Die erst spät hinzugekommene europäische Kolonialmacht in Afrika musste sich mit kleineren Besitzungen bescheiden: Togoland, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika.
Das deutsche Vorgehen war selbst nach den brutalen Standards europäischer Kolonialisierung unmenschlich. Die Verwaltung setzte auf Zwangsarbeit, zerschlug brutal jeden Widerstand und führte Feldzüge, um ihr Territorium und die Kontrolle über ihre Untertanen auszuweiten.
Im Pazifik annektierte Deutschland weit verstreute Inseln, vor allem der Marianen, der Karolinen, der Marschall-Inseln und der Salomonen. Es beherrschte einen Großteil Nord-Neuguineas sowie die Region um Tsingtao auf dem chinesischen Festland.
Was Wilhelm aber ärgerte, war, dass er keine riesigen Überseereiche wie die Großbritanniens und Frankreichs besaß. Er drückte seine Wut in zunehmend feindseligen Ankündigungen aus, die die anderen Großmächte beunruhigten.
Der preußische König Wilhelm I. wird am 18. Januar 1871 in Versailles im besetzten Frankreich zum ersten Deutschen Kaiser ausgerufen.
Ziel des kaiserlichen Zorns war Großbritannien. Im Januar 1896 sandte er ein Glückwunschtelegramm an Paulus Kruger, den Präsidenten von Transvaal, das mit den Briten im Krieg lag, und 1908 kritisierte er in einem Zeitungsinterview wiederholt die britische Außenpolitik. Er intervenierte auch bei der Ausweitung der französischen Kontrolle über Marokko, was zu den Marokkokrisen von 1905/06 und 1911 führte. Während Briten und Franzosen enger zusammenrückten, wurde Deutschland zunehmend isoliert.
Im Rückblick war das deutsche Überseereich eine überwältigende Niederlage. Seine Kolonien belasteten nur die wirtschaftlichen Ressourcen und besaßen keinen strategischen Wert. Nach der Kriegserklärung wurden sie zur militärischen Belastung und fielen mit Ausnahme von Deutsch-Ostafrika an die Alliierten. Wilhelms Traum vom »Platz an der Sonne« erwies sich als teure Fata Morgana.
Kaiser Wilhelm II.
Der 1859 in Berlin geborene Wilhelm war das älteste Kind von Kronprinz Friedrich und Prinzessin Viktoria, der Tochter der britische Königin Viktoria. Er wurde mit einem verkümmerten Arm geboren, den er ein Leben lang zu verbergen versuchte. Er wuchs in einem strengen militaristischen Haushalt auf, wo sein Vater (der spätere König Friedrich III.) ihn auf seine Rolle als zukünftigen Kaiser vorbereitete.
1888 folgte Wilhelm seinem Vater auf dem Thron, der nach nur 99 Tagen abgedankt hatte. Wilhelm war für sein erratisches und taktloses Benehmen und seine Neigung bekannt, sich in die Angelegenheiten fremder Staaten einzumischen. Das entfremdete ihn von seinen Amtskollegen. Nachdem er Otto von Bismarck als Kanzler entlassen hatte, führte er Deutschland auf einen imperialistischen Weg.
Wilhelm unterstützte Österreich-Ungarn 1914 im Konflikt mit Serbien, was mit zum Kriegsausbruch in Europa beitrug. Nach der deutschen Niederlage 1918 musste er abdanken und floh in die Niederlande, wo er bis zu seinem Tod 1941 lebte.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Russische Politik
FRÜHER
1861 Russland schafft die Leibeigenschaft weitgehend ab.
1878 Der Russisch-Osmanische Krieg endet mit der Niederlage des Osmanischen Reichs.
1881 Zar Alexander II. wird am 13. März von der revolutionären Organisation Narodnaja Wolja (»Volkswille«) ermordet.
SPÄTER
1914 Im September greifen russische Truppen das Judenviertel in Lemberg (heute Lwiw) an und töten etwa 40 Menschen.
1917 Die Russische Revolution beginnt und leitet das Ende des Zarentums ein.
1918 Am 17. Juli werden Zar Nikolaus II. und seine Familie in Jekaterinburg ermordet.
Als Alexander III. 1881 Russlands Thron bestieg, machte er die von seinem Vater Alexander II. eingeleiteten liberalen Reformen rückgängig und erließ antisemitische Gesetze. Nikolaus II., der 1894 auf Alexander folgte, lehnte Reformen ebenfalls ab und ging rigoros gegen Gegner vor.
Die Regentschaft Nikolaus’ II. war von Beginn an von Unruhen geprägt. Nur vier Tage nach seiner Krönung 1896 starben bei einer Massenpanik bei Krönungsfeierlichkeiten in Moskau mehr als 1300 Menschen, was die Autorität des Zaren untergrub. Im Februar 1904 folgte militärischer Misserfolg, als Russland von Japan, seinem Hauptrivalen in Asien, angegriffen wurde. Eine Reihe von Niederlagen, wie die Zerstörung der Baltischen Flotte im Mai 1905 in der Seeschlacht bei Tsushima, zwang Nikolaus im September 1905, Frieden zu schließen.
Derweil kam seine Macht im eigenen Land ins Wanken. Einem Massaker an demonstrierenden Arbeitern im Januar 1905 folgte eine Welle von Streiks und Aufständen, und Nikolaus war gezwungen, Reformen, wie die Schaffung einer Verfassung und eines gewählten Parlaments, der Duma, zu akzeptieren. Nikolaus II. hatte seine Krone gerettet, aber seine Herrschaft stand auf tönernen Füßen.
Am 22. Januar 1905 erschießen Polizisten in St. Petersburg rund 200 friedliche Demonstranten, angeführt vom Priester Georgi Gapon. Der Tag wird Petersburger Blutsonntag genannt.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Balkanpolitik
FRÜHER
1830 Serbien wird als autonomes Fürstentum innerhalb des Osmanischen Reichs anerkannt.
1859 Die Fürstentümer Moldau und Walachei werden innerhalb des Osmanischen Reichs autonom.
1878 Der Berliner Vertrag erkennt die volle Unabhängigkeit Serbiens, Montenegros und Rumäniens an.
SPÄTER
1918 In Belgrad wird das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen ausgerufen.
1920 Nach dem Vertrag von Trianon verliert Ungarn einen Großteil seines Staatsgebiets an die Nachbarstaaten.
1922 Der Griechisch-Türkische Krieg endet mit der Vertreibung der Griechen aus Anatolien.
Im 19. Jahrhundert spalteten sich mit Griechenland, Serbien, Montenegro, Rumänien und Bulgarien, auch bekannt als die Balkanstaaten, diverse unabhängige Länder in den südosteuropäischen Territorien des zerfallenden Osmanischen Reichs ab. Das destabilisierte die Region unweigerlich. Untereinander bestanden Rivalitäten, und Österreich-Ungarn sowie Russland betrachteten den Balkan als wichtige Einflusssphäre.
1903 brachte ein Putsch in Serbien ein härteres Regime an die Macht. Auf dem Spiel standen die Territorien Bosnien und Herzegowina mit großen serbischen Bevölkerungsteilen, die nominell noch osmanisch, aber seit 1878 von Österreich-Ungarn verwaltet waren. Obwohl 1908 die Annexion durch Österreich-Ungarn folgte, schürten die Serben dort weiterhin nationalistische Gefühle. Zugleich drängte Russland Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland zu einem Bündnis gegen die Osmanen.
1908 erklärte Bulgarien seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, gefolgt 1912 von Albanien. Es folgte der Erste Balkankrieg (Oktober 1912 – Mai 1913), in dem Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland die Osmanen fast vollständig aus Europa vertrieben. Im Zweiten Balkankrieg (1913) fiel Bulgarien, unzufrieden mit den Ergebnissen des ersten Kriegs, in Serbien und Griechenland ein, wurde aber besiegt, nachdem Rumänien in den Krieg eintrat. Auch 1914 blieb der Balkan ein Pulverfass.
»Der Balkankrieg wird offenkundig in einer Katastrophe für Österreich münden.«
Peter I. von Jugoslawien
1912
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Osmanische Politik
FRÜHER
1839 Sultan Abdülmecid I. stößt mit seinem Edikt von Gülhane die Modernisierung des Osmanischen Reichs an.
1856 Im Krimkrieg ist das Osmanische Reich Teil der siegreichen Allianz gegen Russland, hat jedoch hohe Schulden und geringe Geländegewinne.
SPÄTER
2. August 1914 Das Osmanische Reich stimmt im Geheimen dem Kriegseintritt an der Seite Deutschlands zu.
29. Oktober 1914 Osmanischer Kriegseintritt durch Angriff auf russische Häfen am Schwarzen Meer.
1923 Nach Aufhebung des von den Alliierten auferlegten Friedensvertrags wird Mustafa Kemal zum ersten Präsidenten der neuen Türkischen Republik.
Mitglieder der Jungtürken-Bewegung demonstrieren im Juli 1908. Ihr Aufstand stellte die verfassungsgemäße Regierung des Reichs wieder her, fünf Monate später wurde auch das Parlament wieder eröffnet.
Von Osman I. 1299 als kleines Fürstentum gegründet, erlangte das Osmanische Reich Ende des 17. Jahrhunderts seine größte Ausdehnung, als es sich weit in den Nahen Osten, nach Nordafrika und Europa hinein erstreckte. Mitte des 18. Jahrhunderts begann jedoch der Niedergang, bis es in den 1850er-Jahren als »der kranke Mann am Bosporus« bezeichnet wurde.
Zur Eindämmung der sozialen Unruhen im Reich verkündete Sultan Abdülhamid II. am 23. Dezember 1876 die erste osmanische Verfassung, um das politische System zu modernisieren. Kurzzeitig entstand ein Zweikammer-Parlament.
Montenegro, Rumänien und Serbien gehörten offiziell zum Osmanischen Reich, genossen jedoch eine gewisse Unabhängigkeit. Gemeinsam mit Russland erklärten sie im Frühjahr 1877 den Osmanen den Krieg und bedrohten sogar die Hauptstadt Konstantinopel (heute Istanbul).
Im März 1878 unterzeichneten die Osmanen einen Friedensvertrag, mit dem sie Gebiete im Kaukasus an Russland abtraten, die volle Unabhängigkeit Montenegros, Rumäniens und Serbiens anerkannten sowie Bulgarien und Bosnien-Herzegowina Autonomie gewährten. Abdülhamid löste das Parlament auf und setzte die Verfassung außer Kraft. Doch die Risse im Reich ließen sich nicht verdecken: 1882 ging die Kontrolle über Ägypten an Großbritannien, der Einfluss nationalistischer Gruppen wuchs, die Wirtschaft stürzte ab.
Anfang des 20. Jahrhunderts kam die reformorientierte Bewegung der »Jungtürken« auf. Ihr einflussreiches Komitee für Einheit und Fortschritt (KEF) fand Unterstützer in der Regierung und im Militär. Im Juli 1908 erhoben sich KEF-Mitglieder gegen Abdülhamid und zwangen ihn zur Wiedereinsetzung der Verfassung und zu Wahlen. Nach einem Gegenputsch des Sultans im April 1909 ersetzte ihn das KEF durch seinen Halbbruder Mehmed als Strohmann auf dem Thron.
Die Niederlage im Italienisch-Türkischen Krieg (1911/12) kostete das Osmanische Reich seine letzten Stützpunkte im heutigen Libyen. Kurz vor Kriegsende griff ein Bündnis von Balkanstaaten das Osmanische Reich im Ersten Balkankrieg an und besiegte es im Mai 1913. Gleichzeit erhob sich Albanien gegen das Reich und erlangte seine Autonomie.
Osmanische Streitkräfte kämpfen im Oktober 1911 vor Tripolis in Nordafrika gegen italienische Soldaten. Der Sieg der Italiener im Italienisch-Türkischen Krieg beendete die osmanische Herrschaft in Nordafrika.
Angesichts der auch im Inneren instabilen osmanischen Politik übernahmen im Januar 1913 KEF-Mitglieder die Macht. Im Zweiten Balkankrieg (Juni–August 1913) erlangten die Osmanen einige der im Ersten Balkankrieg verlorenen Gebiete zurück, verloren aber fast ihr gesamtes verbliebenes Territorium in Europa.
1913 stiegen drei KEF-Mitglieder zu den führenden Persönlichkeiten im Osmanischen Reich auf. Sie wurden mit dem osmanischen Ehrentitel »Pascha« bezeichnet. Als Marine-, Kriegs- und Innenminister führten diese jungtürkischen Politiker das Osmanische Reich in eine engere Allianz mit dem Deutschen Reich und im Oktober 1914 in den Ersten Weltkrieg.
Sultan Abdülhamid II.
Der 1842 in Konstantinopel (Istanbul) geborene Abdülhamid II. war der letzte osmanische Alleinherrscher. Der Sohn des von 1839 bis 1861 regierenden Abdülmecid I. gelangte im August 1876 nach der Absetzung seines kranken Halbbruders Murad V. auf den Thron.
Abdülhamid genehmigte die erste osmanische Verfassung, setzte sie aber nach einem Streit mit dem Parlament aus. Er leitete Reformen in der Bildung ein, baute Militärschulen, reorganisierte das Justizsystem und verbesserte die Infrastruktur, häufte dabei aber hohe Schulden an.
In seine Herrschaftszeit fielen Gräueltaten an Armeniern und Assyrern, seine Geheimpolizei verfolgte Dissidenten. Attentatsversuche waren die Folge.
Als 1909 der Versuch scheiterte, die im Jahr zuvor verlorene absolute Macht zurückzuerlangen, und die Verfassung wiederhergestellt wurde, setzte man Abdülhamid in Saloniki (Thessaloniki) gefangen. Vor der griechischen Einnahme von Saloniki 1912 schickte man ihn nach Konstantinopel, wo er bis zu seinem Tod 1918 im Beylerbeyi-Palast festgesetzt wurde.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Kolonialismus
FRÜHER
1494 Der Vertrag von Tordesillas teilt Amerika zwischen Spanien und Portugal auf – ein Vorbild für die künftige Kolonialisierung.
1814/15 Nach den Koalitionskriegen bestätigt der Wiener Kongress die britische Herrschaft über Ceylon, die Kapkolonie und andere Regionen.
SPÄTER
1919 Der Versailler Vertrag nimmt Deutschland alle Kolonien in China, dem Pazifik und Afrika.
1922 Ägypten wird als erste europäische Kolonie nach dem Krieg von Großbritannien unabhängig.
1962 Die Unabhängigkeit Algeriens markiert das Ende des französischen Imperialismus in Afrika.
In den 1880er-Jahren hatten die europäischen Mächte bereits den Großteil der Welt kolonialisiert und machten sich nun daran, Afrika aufzuteilen, wo die Kolonien bislang klein waren und an der Küste lagen. Neben den Veteranen Großbritannien, Frankreich, Portugal und Spanien bemühten sich nun auch Deutschland und Italien um afrikanische Besitzungen und Ressourcen. Dieser Imperialismus war eine Wurzel des Ersten Weltkriegs.
Um einen bewaffneten Konflikt zu vermeiden, wurde auf der Kongokonferenz 1884/85 in Berlin die Aufteilung Afrikas beschlossen, natürlich ohne die Afrikaner selbst zu befragen. Die rassistische europäische Vorstellung von der intellektuellen und moralischen Überlegenheit über die indigene Bevölkerung bestimmte den Diskurs.
Eine der Bestimmungen der »Kongoakte« lautete, dass ein Land zumindest einen Teil eines angestrebten Territoriums besetzen musste, um Rechte darauf anzumelden. Das führte zu einem hektischen Wettlauf, bei dem binnen vier Jahrzehnten 80 Prozent Afrikas kolonialisiert wurden.
Der Wettstreit führte unvermeidlich zu Konflikten zwischen den Reichen. Während der Faschoda-Krise von 1898 kam es wegen strittiger Ansprüche auf den Oberen Nil beinahe zum Krieg zwischen Briten und Franzosen, bevor Letztere nachgaben. Während der Ersten Marokkokrise von 1905/06 forderte Deutschland die französische Vorherrschaft in Nordafrika heraus. Die daraus folgende Algeciras-Konferenz bremste 1906 Frankreichs Ambitionen, aber Deutschland stellte fest, dass nur Österreich-Ungarn seine Interessen bei den Verhandlungen unterstützte. Andere europäische Mächte und die USA schlugen sich auf die Seite Frankreichs – die späteren Allianzen zeigten sich bereits.
Eine französische Karikatur zeigt Otto von Bismarck, wie er bei der Kongokonferenz einen für Afrika stehenden Kuchen aufschneidet. Bei dieser Konferenz wurde der Kontinent unter den europäischen Mächten aufgeteilt.
In der Zweiten Marokkokrise von 1911 standen sich Deutschland und Frankreich erneut gegenüber. Um einen Krieg abzuwenden, akzeptierte Deutschland die französische Herrschaft über Marokko und konnte im Gegenzug seine Kolonie Kamerun um Land des französischen Kongo erweitern. Auch hier hatten die Afrikaner erneut kein Mitspracherecht.
Der Wettlauf um Afrika schuf künstliche Grenzen, die sich weder um präkoloniale Stammes- noch Religionsgrenzen scherten. In vielen Fällen wurden ethnische Gruppe auf konkurrierende Kolonialgebiete verteilt. Die meisten der künstlichen Grenzen existieren bis heute.
Wo immer sie sich niederließen, zwangen die Europäer den Einwohnern ihre Kultur auf. Die Sprache der jeweiligen Kolonialmacht wurde zur Lingua franca ihrer Besitzungen, deren Bewohner zudem die christliche Religion annehmen und in den Kolonialarmeen dienen mussten. Die Kolonialherrschaft hat auch einen bleibenden Einfluss auf Verwaltung, Wirtschaft und Infrastruktur afrikanischer und anderer Länder, der sich bis heute in Regierungen, Bildungssystemen, Handelsorganisationen, Streitkräften und Fluggesellschaften wiederfindet.
Flugzeugbomben in Libyen
Im September 1911 beanspruchte Italien die Kyrenaika und Tripolitanien für sich und erklärte dem Osmanischen Reich, das die Regionen beherrschte, den Krieg. Der Konflikt dauerte mehr als ein Jahr und brachte den ersten Luftangriff der Welt.
Am 1. November 1911 warf Leutnant Giulio Gavotti drei Granaten aus einer Etrich Taube (einem der neun Flugzeuge Italiens) auf die Tagiura-Oase und eine auf türkische Soldaten in Ain Zara am Rand von Tripolis ab. Sie richteten nur geringen Schaden an, aber der Angriff zeigte, dass Luftangriffe im Krieg eine vernichtende Wirkung entfalten konnten.
Die Italiener flogen auch die ersten Luftaufklärungsmissionen der Geschichte und fotografierten dabei Feindstellungen. Nur acht Jahre nach dem Jungfernflug der Gebrüder Orville und Wilbur Wright hatten italienische Piloten bewiesen, dass Flugzeuge verlässlich und stabil genug waren, um eine Rolle in zukünftigen Kriegen zu spielen.
Türkische und nordafrikanische Soldaten suchen im Italienisch-Türkischen Krieg von 1911/12 Deckung vor einem angreifenden Eindecker.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Diplomatische Allianzen
FRÜHER
1815 Preußen, Österreich und Russland schließen die Heilige Allianz, um ihre Monarchien zu sichern.
1839 Im Vertrag von London erkennen die europäischen Großmächte die Unabhängigkeit und Neutralität Belgiens an und garantieren diese.
1873 Das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Russland schließen das Dreikaiserabkommen.
SPÄTER
26. April 1915 Italien unterzeichnet in London einen Geheimvertrag mit der Triple Entente zum Kriegseintritt auf deren Seite.
3. März 1918 Im Vertrag von Brest-Litowsk beendet Sowjet-Russland seine Teilnahme am Krieg und ist kein Bündnispartner der Alliierten mehr.
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gingen die europäischen Großmächte eine Reihe von Bündnissen ein, um ihre eigenen Interessen zu wahren und sich gegen die Ambitionen anderer Länder zu schützen. Das entstehende Netz aus Verträgen und Verpflichtungen zog den Kontinent schließlich in den Ersten Weltkrieg hinein.
Ursprung des Bündnissystems war die gegenseitige Unterstützung, die sich das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn 1879 im Falle eines Angriffs durch Russland zusicherten. Den beiden späteren Mittelmächten bereitete das aufstrebende Zarenreich Sorge. Aus diesem Zweibund wurde 1882 der Dreibund durch Beitritt Italiens, das seine angestrebte Kolonie in Tunesien an Frankreich verloren hatte. Die drei Staaten sicherten sich den gegenseitigen Schutz bei einem Angriff Frankreichs zu, Italien verpflichtete sich zur Neutralität in einem Krieg zwischen Russland und Österreich-Ungarn. Die lange schwelenden Gebietsstreitigkeiten zwischen Italien und Österreich-Ungarn konnte das regelmäßig erneuerte Bündnis nicht lösen.
Ein russisches Plakat von 1914 stellt die Triple Entente dar. Mutter Russland stehen Marianne (links), das nationale Symbol der französischen Republik, und Britannia (rechts, mit Anker) zur Seite.
Das durch den Dreibund potenziell isolierte Russland schloss 1887 den geheimen Rückversicherungsvertrag mit dem Deutschen Reich, in dem sich beide zur Neutralität bei einem Angriff eines Drittstaats verpflichteten. Als Deutschland den Vertrag 1890 nicht verlängerte, wandte sich Russland an Frankreich, das Unterstützung gegen Deutschland suchte. 1891 begonnene Verhandlungen führten 1894 zur Französisch-Russischen Allianz mit der Zusicherung militärischer Unterstützung im Falle eines Angriffs durch den Dreibund. Durch das Abkommen gestärkt verfolgten Frankreich wie auch Russland imperialistische Ziele in Afrika und Asien jetzt aggressiver.
Die Bündnisse
Legende
Dreibund
Triple Entente
Bündnis
Britisch-Japanisches Bündnis
Beistand
Balkan
Am Vorabend des Ersten Weltkriegs waren die Großmächte Europas in zwei Dreierbündnisse aufgeteilt. Beide waren mit dem Balkan und dem Osmanischen Reich verknüpft. Großbritannien und Japan hatten zudem Interessen in China und Korea.
1902 gab Großbritannien seine »Splendid Isolation« durch ein Verteidigungsabkommen mit Japan auf. 1904 legten Frankreich und Großbritannien in der Entente Cordiale ihre kolonialen Streitigkeiten bei. War dies auch keine militärische Allianz, so stärkten sie doch die britisch-französischen Beziehungen; das Deutsche Reich fühlte sich zunehmend »eingekreist«.
Großbritannien und Russland, ständige Rivalen in Asien, drohten in den Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) hineingezogen zu werden. 1904 hielten Schiffe der russischen Ostseeflotte vor der Doggerbank in der Nordsee britische Fischtrawler für japanische Fahrzeuge und beschossen sie. Einen drohenden Krieg konnte eine neutrale internationale Kommission abwenden. 1907 ordneten Russen und Briten schließlich auch ihre Interessen in Persien, Afghanistan und Tibet durch Verträge. Diese Entwicklung führte die drei Länder in die Triple Entente.
Das Osmanische Reich schloss am 2. August 1914 einen geheimen Bündnisvertrag mit dem Deutschen Reich. Es verpflichtete sich zur Allianz mit den Mittelmächten. Damit waren die europäischen Großmächte in zwei Blöcke gespalten.
»Diese Truppen werden den Kampf rückhaltlos und mit aller Kraft aufnehmen, sodass Deutschland zugleich im Osten und im Westen zu kämpfen haben wird.«
Französisch-Russische Militärkonvention
18. August 1892
Konzessionen in Asien
Anfang des 19. Jahrhunderts war China der letzte große Markt, der vom Westen noch auszubeuten war. Chinesische Waren wie Tee und Seide waren gefragt, während man in der riesigen Bevölkerung Millionen Abnehmer für Industriegüter und zu bekehrende Seelen für christliche Missionare sah. Die herrschende Qing-Dynastie zeigte jedoch wenig Interesse an westlichen Produkten und schränkte ausländische Handelsunternehmen ein.
Unter militärischem und diplomatischem Druck gewährte China in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts westlichen Mächten (und Japan) gewisse Gebiete zur Stationierung von Truppen und Schiffen, wo ihre Bürger leben, handeln und missionieren konnten. 1914 gab es Dutzende dieser Konzessionsgebiete entlang der chinesischen Küste und im Inland wie in Peking (Beijing).
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Seeherrschaft
FRÜHER
1805 Mit dem britischen Sieg über Franzosen und Spanier bei Trafalgar ist die britische Vorherrschaft auf See für die nächsten 100 Jahre sicher.
1871 Mit der Vereinigung Deutschlands entsteht auch die Kaiserliche Marine.
SPÄTER
31. Mai – 1. Juni 1916 In der Skagerrakschlacht stoßen britische und deutsche Schlachtschiffe erstmals zusammen.
1922 Das Washingtoner Flottenabkommen stoppt das Wettrüsten auf See. Großbritannien, die USA, Frankreich, Italien und Japan begrenzen ihre Flotten.
1923 Die HMS Dreadnought wird in Schottland abgewrackt. Ihr Schrottwert beträgt 1/40 der Baukosten.
Im 19. Jahrhundert verfügte Großbritannien über die größte Kriegsmarine und die mit Abstand größte Handelsflotte der Welt. Die Politik folgte dem »Two Power Standard«: Die Royal Navy hatte immer stärker zu sein als die zweit- und drittstärkste Kriegsflotte zusammen (in diesem Fall Frankreich und Russland). Vor 1900 war die Kaiserliche Marine zu klein, um eine Gefahr darzustellen, aber das sollte sich in den Jahren bis 1914 ändern.
Kaiser Wilhelm II. wollte eine große Kriegsmarine, die Deutschlands Ambitionen als Weltmacht stützte, und fand in Alfred von Tirpitz einen Verbündeten, der 1897 Staatssekretär des Reichsmarineamts wurde. Tirpitz begann den Ausbau der Marine 1898 und 1900 mit zwei Marinegesetzen, die ehrgeizige Pläne festschrieben. Die Kaiserliche Marine wurde zur zweitgrößten Flotte der Welt.
Tirpitz entwickelte eine »Risikotheorie« und berechnete, dass Großbritannien Deutschland auf See im Verhältnis 3:2 überlegen sein müsse, um seine Vorherrschaft zu wahren, und lieber verhandelte, als eine so große Flotte zu bauen. Die Briten rückten zwischen 1904 und 1907 stattdessen näher an Frankreich und Russland heran. Dadurch konnte die Royal Navy Schiffe aus den Kolonien und dem Mittelmeer in heimische Gewässer verlagern, wo sich allmählich alle modernen Schiffe sammelten.
Die HMS Dreadnought revolutionierte den Schlachtschiffbau, kämpfte aber nur in einer bedeutenden Schlacht, in der sie im März 1915 das deutsche U-Boot U-29 rammte und versenkte.
Dreadnoughts
Legende
Britische Schiffe (29)
Deutsche Schiffe (17)
Ab 1906 rivalisierten Großbritannien und Deutschland darum, wer die größten Schlachtschiffe hatte. Anfangs baute Deutschland mehr Einheiten, aber ab 1914 hatte Großbritannien die Nase vorn.
Sir John Fisher, der 1904 Erster Seelord wurde, überwachte die Modernisierung der Royal Navy mit dem Bau von U-Booten und der Umrüstung von Kohle auf Ölbrennstoffe. 1906 gab er den Bau des ersten Schlachtschiffs einer neuen Klasse, der HMS Dreadnought, in Auftrag, das besser bewaffnet und schneller war als jedes andere Schlachtschiff. Als Reaktion bauten Deutschland und andere, darunter Frankreich, Italien, Russland und Japan, ihre eigenen »Dreadnoughts«.
Der Bau des ersten deutschen Modells, der Nassau, begann 1907, und 1908 erließ Tirpitz eine neues Marinegesetz zum Bau von vier Schiffen pro Jahr bis 1911. Mit dieser Eskalation hatten die Briten nicht gerechnet, die 1908 nur zwei weitere Dreadnoughts geordert hatten, und die Öffentlichkeit verlangte nach mehr Schlachtschiffen. Die »Navalisten«, eine mächtige Lobby aus Industriellen, Journalisten und Angehörigen der Königsfamilie, forderte mindestens acht neue Schiffe. Die Regierung gab nach und orderte acht Dreadnoughts.
Der Rüstungswettlauf ging weiter, und als der Krieg im August 1914 ausbrach, besaß Großbritannien 29 Dreadnoughts gegenüber Deutschlands 17. Man war sich einig, dass große Schiffe, die sich in offener Schlacht begegneten, der beste Maßstab für die Seemacht eines Landes waren. In der Praxis dienten sie eher der Ablenkung, und die wirkliche Gefahr ging von Minen, Torpedos, U-Booten und Flugzeugen aus.
Alfred von Tirpitz
Der 1849 geborene Sohn eines preußischen Anwalts war der Architekt der Entwicklung Deutschlands zur zweitgrößten Seemacht der Welt. Er trat 1865 in die preußische Marine ein und kommandierte ab 1877 Torpedoboote und entwickelte ihren taktischen Einsatz in der Kaiserlichen Marine. 1895 zum Konteradmiral befördert, befehligte er die deutsche Kreuzerflotte in Ostasien, bevor er 1897 Staatssekretär beim Reichsmarineamt wurde. Tirpitz’ vier Marinegesetze erlaubten einen schnellen Ausbau der Kriegsmarine, und er erhielt 1911 den Rang eines Großadmirals.
Mit Ausbruch des Kriegs und angesichts der klaren zahlenmäßigen Überlegenheit der alliierten Flotten plädierte Tirpitz für den totalen U-Boot-Krieg. Angesichts zunehmender Widerstände trat er 1916 in den Ruhestand und war 1917 Mitgründer der nationalistischen Vaterlandspartei. Von 1924 bis 1928 saß er als Abgeordneter der Deutschnationalen Volkspartei im Reichstag, bevor er sich in Bayern zur Ruhe setzte, wo er 1930 starb.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Militärstrategie
FRÜHER
1871 Preußens Sieg über Frankreich und die deutsche Reichsgründung bewegen die europäischen Mächte, für einen Krieg zu planen.
1874 Die Franzosen errichten die Barrière de fer – eine Reihe von Befestigungen entlang der Küsten und Grenzen und in einigen Kolonien –, die später im Ersten Weltkrieg Verwendung finden.
1899–1902 Taktische Fehler im Burenkrieg und die hohen Verluste an Menschenleben und Geld zwingen die Briten zur Reform ihrer militärischen Führung und Planung.
SPÄTER
2. August 1914 In ganz Frankreich werden einen Tag nach der deutschen Kriegserklärung an Russland Mobilmachungsbefehle öffentlich ausgehängt.
4. August 1914 Großbritannien verurteilt die deutsche Invasion Belgiens, dessen Neutralität im Vertrag von London von 1839 unter anderem auch durch Preußen garantiert wurde.
14. September 1914 Nachdem die Alliierten die deutsche Offensive in der Schlacht an der Marne abgewehrt haben, wird Helmuth von Moltke als Chef des Generalstabs entlassen.
Die französische Infanterie greift Feindstellungen im Deutsch-Französischen Krieg an. Die Attacke in großer Stärke wurde zum Standardmerkmal französischer Militärplanung.
Im Jahr 1914 standen sich in Europa zwei Lager unversöhnlich gegenüber, und das spiegelte sich auch in den Kriegsplänen der Großmächte wider. Das strategische Gleichgewicht beruhte auf den geografischen Gegebenheiten: Deutschland und Österreich-Ungarn hielten die Mitte des Kontinents, eingerahmt von Frankreich im Westen und Russland im Osten. Großbritannien stand vorläufig noch an der Peripherie.
Die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn hatten den Vorteil, aus dem Herzen Europas heraus gegen Feinde operieren zu können, die von außen eindringen wollten, aber Deutschland stand vor einem Zweifrontenkrieg gegen zwei unterschiedliche Feinde. Seit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war Frankreich sein potenzieller Hauptgegner, aber im Osten erwuchs eine neue Gefahr. Die Deutschen sahen den Aufstieg Russlands zur Wirtschaftsmacht als direkte und potenziell überwältigende Bedrohung. Der deutsche Generalstab fürchtete das russische militärische Potenzial so sehr, dass manche Stimmen für einen Präventivschlag plädierten.
»Die gegnerische Front ist nicht das Ziel, es kommt darauf an, die Flanken des Feindes zu durchbrechen.«
Alfred von Schlieffen
Cannae
Der deutsche Generalstab entwickelte verschiedene Pläne gegen Frankreich und Russland, aber der bekannteste ist der von Alfred Graf von Schlieffen, von 1891 bis 1906 Chef des Generalstabs. Der Hauptpunkt des »Schlieffen-Plans« von 1905 war ein schneller und massiver Schlag gegen Frankreich, um sich dann nach Osten und gegen Russland zu wenden. Schlieffen war bewusst, dass Russland deutlich länger für eine Mobilisierung brauchen würde als Frankreich. Sein Plan wurde zwar mehrfach überarbeitet, aber seine Grundsätze bestanden auch 1914 noch fort.
Die deutsch-französische Grenze war kurz, und die Franzosen hatten nach ihrer Niederlage 1871 neue Verteidigungsanlagen entwickelt, die den Deutschen Sorgen bereiteten. Um sie zu umgehen, sah Schlieffens Plan einen Vorstoß durch das neutrale Belgien vor. Dessen Souveränität war zwar seit 1839 durch Großbritannien und Preußen garantiert, aber der deutsche Kanzler tat den Vertrag als »Fetzen Papier« ab. In ihrem engen Blickwinkel verkannten die Deutschen die internationalen Konsequenzen eines derart eklatanten Rechtsbruchs.
Der Chef des Generalstabs, Helmut von Moltke, wollte das Gros der deutschen Streitkräfte im Westen einsetzen. Nahezu 1,5 Millionen Männer in sieben Armeen sollten zu Beginn der Feindseligkeiten entlang der deutschen Westgrenze aufmarschieren. Die 6. und 7. Armee im Süden sollten eine defensive Rolle spielen, während die Hauptstreitmacht durch Luxemburg und Südbelgien vorstoßen und dann die französische Armee aufreiben sollte. Der deutsche Erfolg hing von der Schnelligkeit der Mobilisierung, dem vollständigen Sieg über Frankreich und der langsamen Reaktion Russlands ab. Der Schwachpunkt des Plans war seine mangelnde Flexibilität: Ungeachtet dessen, wo die Gefahr herkam, musste Deutschland zuerst in Frankreich einmarschieren, sobald der Krieg erklärt war.
Legende
Befestigte Städte
Deutsche
Franzosen
Geplante Wege der Deutschen
Deutschland
Alliierte
Neutrale Länder
Der Schlieffen-Plan, die deutsche Strategie für den Krieg gegen Frankreich, beruhte auf einer Großoffensive durch die neutralen Länder Belgien, Niederlande und Luxemburg, um die französischen Truppen einzuschließen. Die Fassung des Plans von 1914 ließ die Niederlande aus.
Ende Juli 1914 verschärfte sich die diplomatische Krise, und die moderateren Stimmen in der deutschen Regierung meldeten Zweifel an einem Angriff auf Frankreich an, wenn die Quelle des Konflikts doch im Balkan und in Osteuropa lag. Der Generalstab schmetterte alle Bedenken ab und argumentierte, eine Änderung der Eisenbahnfahrpläne für eine schnelle Mobilisierung brächte die Planung der Armee durcheinander. Ranghohe deutsche Generäle lehnten eine Änderung des Plans rundweg ab.
Frankreichs Strategie für einen Sieg über Deutschland trug den Namen Plan XVII und sah einen starken Vorstoß nach Lothringen vor, unterstützt durch eine zweite Offensive durch das Elsass. Frühere Pläne waren zurückhaltender und begannen mit einer Defensivphase, die auf den Grenzbefestigungen beruhte, an denen sich der deutsche Angriff brechen sollte. Darauf sollte dann der Gegenangriff auf einen hoffentlich planlosen Feind folgen.
»[Großbritannien] hatte die Vorbereitung von Armeen für einen Krieg auf dem Kontinent nie in Erwägung gezogen.«
Richard B. Haldane
Before the War, 1920
Die aggressive Natur des Plans XVII war das Ergebnis zweier Erwägungen: des Wunschs, Russland möglichst schnell bei seiner Attacke im Osten zu helfen, und der irrigen Annahme der inhärenten Überlegenheit der Offensive. In den Jahren bis zum Krieg hatten französische Militärtheoretiker die Strategie praktisch auf den Transport der Armee zur Grenze reduziert. Einmal dort, würden französischer élan (»Schwung«) und cran (»Mumm«) schon den Sieg bringen. In der Realität versetzte jedoch die stark defensive Natur moderner Schlachten mit schnell feuernder Artillerie und Maschinengewehren der Armee in den ersten Gefechten des Kriegs einen vernichtenden Schlag.
Großbritannien hatte sich traditionell aus den Konflikten des Kontinents herausgehalten, aber der zunehmende deutsche Militarismus ließ es die Nähe zu Frankreich suchen. Die Militärstrategen beider Länder hatten vereinbart, dass ein britisches Expeditionskorps (BEF) im Fall eines deutschen Überfalls auf Frankreich eingreifen würde.
Das britische Parlament und ein Großteil der Regierung erfuhren nichts von diesem Plan, aber er brauchte im Ernstfall ihre Unterstützung. Im Sommer 1914 war der Widerstand innerhalb der Regierung gegen eine Einmischung in europäische Angelegenheiten groß, und die Umsetzung des Plans stand infrage, bis der deutsche Einmarsch in Belgien die Stimmung zugunsten eines Engagements kippen ließ.
Zar Nikolaus II. inspiziert 1907 russische Kadetten. Das russische Militär war nach der Niederlage gegen Japan 1904/05 umfassend reformiert worden.
Legende
Deutsche
Franzosen
Geplante Routen der Franzosen
Mittelmächte
Alliierte
Neutrale Länder
1914 hatte Frankreich den Plan XVII für einen Krieg in Europa entwickelt. Er sah einen massiven Vorstoß durch Elsass und Lothringen in die deutschen Industriegebiete vor. Er trug allerdings der deutschen Invasion Belgiens keine Rechnung.
Österreich-Ungarn plante unter anderem einen Vorstoß von Galizien aus nach Norden, um russische Truppen im polnischen Frontvorsprung abzuschneiden. Dieser Plan war überambitioniert und überstieg die Fähigkeiten der unbeweglichen multinationalen Armee der Doppelmonarchie. Zudem beruhte die österreichische Planung auf der engen Kooperation mit Deutschland, zu der es aber nicht kam, weil der deutsche Plan für 1914 ein defensives Vorgehen vorsah, bis Truppen von der Westfront verfügbar wurden. Im Osten stand nur eine deutsche Armee, deren Aufgabe es war, Ostpreußen zu bewachen.
Russland hatte zwar den Vorteil der großen Reserven, aber die Größe des Reichs und die schlechten Eisenbahnverbindungen hemmten die Mobilmachung und bremsten den Transport an die Front aus. Verschärft wurden diese Probleme durch tief in der Militär- und Zivilverwaltung verankerte Inkompetenz, Korruption und interne Rivalitäten.
Russland war davon ausgegangen, dass das Hauptgewicht seiner Offensive 1914 gegen Österreich-Ungarn gerichtet sein würde, aber weil seine französischen Verbündeten dringend Entlastung an der Westfront benötigten, wurde der Plan um eine sofortige Invasion in Ostpreußen erweitert. Die Offensive gegen Deutschland unterstand General Jakow Schilinski, dessen 1. Armee Ostpreußen aus dem Osten angreifen sollte, während die 2. Armee die Südgrenze überschreiten sollte. Es war an sich ein simpler und vernünftiger Plan, aber konnte die marode russische Armee ihn auch ausführen?
Der letzte große europäische Krieg hatte 1815 geendet, und ein Jahrhundert später debattierte man darüber, wie ein zukünftiger Krieg aussehen möge. Eine populäre Prognose war ein kurzer Konflikt mit wenigen großen Schlachten, die ähnlich wie im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 den Ausgang bestimmten. Eine Reihe von Ökonomen und politischen Kommentatoren vertrat diese Variante auf Basis der logischen Annahme, dass ein moderner Krieg derart zerstörerisch und kostspielig sein würde, dass die verfügbaren Ressourcen nur für wenige Monate ausreichen würden.
Andere militärische und zivile Experten sahen einen langen Zermürbungskrieg voraus, in dem ökonomische Stärke und Ausdauer von entscheidender Bedeutung sein würden. Der deutsche Generalstabschef von Moltke hoffte auf einen kurzen Krieg und einen deutschen Triumph über Frankreich binnen Wochen, plante aber auch für einen längeren Konflikt. Alle Kommentatoren erwarteten einen massiven, chaotischen und blutigen Krieg – sie sollten zumindest in dieser Hinsicht recht behalten.
»In dem kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Ambos sein.«
Bernhard von Bülow
Deutscher Reichskanzler, Reichstagsrede vom 11. Dezember 1899
Alfred von Schlieffen
Der 1833 in Berlin geborene Sohn einer preußischen Adelsfamilie trat 1853 in die Militärakademie ein und kämpfte in den Kriegen gegen Österreich (1866) und Frankreich (1870/71). Er stieg unaufhaltsam in den deutschen Generalstab auf, der für die Entwicklung der deutschen Militärstrategie verantwortlich war, und wurde 1891 dessen Chef.
Von Schlieffen sah die Erfolgsaussichten Deutschlands in einem Krieg gegen Frankreich und Russland skeptisch, deren verbündete Streitkräfte den deutschen Truppen zahlenmäßig überlegen waren, und plädierte ohne großen Erfolg für einen Ausbau der Armee. Sein Memorandum von 1905, der später nach ihm benannte Schlieffen-Plan, war ein Versuch zu zeigen, was mit einer erweiterten Armee möglich wäre. Es kam aber nie dazu und sein Nachfolger Helmuth von Moltke musste den Plan anpassen, um diesem Mangel Rechnung zu tragen. Von Schlieffen trat am Neujahrstag 1906 in den Ruhestand und starb 1913.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Instabiles Europa
FRÜHER
1867 Österreich-Ungarn entsteht durch die Realunion der souveränen Staaten Österreich und Ungarn.
1908 Im Oktober annektiert Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina.
1911 Der Student Gavrilo Princip schließt sich der panslawischen Bewegung Junges Bosnien an.
SPÄTER
28.–29. Juni 1914 In Bosnien brechen antiserbische Aufstände aus.
28. Juli 1914 Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.
28. Oktober 1914 Gavrilo Princip wird zu 20 Jahren Kerker verurteilt. Er stirbt 1918 an Tuberkulose infolge der Haftbedingungen.
Am 28. Juni 1914 traf Österreich-Ungarns Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in der bosnischen Provinzhauptstadt Sarajevo ein, um Militärmanöver zu inspizieren. Österreich-Ungarn hatte sechs Jahre zuvor die frühere osmanische Region Bosnien-Herzegowina annektiert. Zur ethnisch gemischten Bevölkerung zählten serbische Nationalisten, die an einer politischen Union mit dem benachbarten Königreich Serbien arbeiteten.
Der serbische Nationalist Gavrilo Princip schießt Franz Ferdinand in den Hals. Die Gemahlin des Erzherzogs trifft er am Unterleib. Innerhalb weniger Minuten ist das Paar tot.
Zusammen mit seiner Frau Sophie fuhr Franz Ferdinand in einem offenen Wagen zum Rathaus. In der großen Menge der Schaulustigen verbargen sich mehrere Angehörige der serbisch-nationalistischen Bewegung Junges Bosnien, um ihn zu ermorden. Sie waren hierfür von der serbischen Geheimgesellschaft Schwarze Hand unter Führung von Oberst Dragutin Dimitrijević, dem Chef des serbischen Militärgeheimdiensts, bewaffnet und trainiert worden. Die serbische Regierung an sich wollte sich nicht mit Österreich überwerfen, aber einzelne Elemente innerhalb der Administration standen mit dem Attentat in Verbindung.
Am Morgen des 28. Juni warf Nedeljko Čabrinović, einer der Terroristen, eine Bombe auf den Wagen des Erzherzogs, die aber nicht das königliche Paar traf, sondern einen Teil der Insassen im Wagen hinter ihnen verletzte. Nach dem Empfang im Rathaus setzten sie ihren Weg fort, der auch einen Besuch der durch die Bombe Verletzten im Krankenhaus vorsah. Auf dem Weg bog der Fahrer aber versehentlich falsch ab. Als er dies bemerkte, hielt er an, um den Wagen zu wenden, würgte aber den Motor ab. Durch puren Zufall stand ein weiterer Terrorist, der 19-jährige Gavrilo Princip, ganz in der Nähe. Als er das Fahrzeug halten sah, zog er seine serbische Armeepistole und verwundete den Erzherzog und seine Frau tödlich.
Schon vor der Ermordung des Erzherzogs hatten der österreichisch-ungarische Außenminister Leopold Graf Berchtold mit Kollegen einen harten Kurs vertreten und nach Wegen gesucht, Serbien zu annektieren, dessen pro-slawische Propaganda das empfindliche ethnische Gleichgewicht Österreichisch-Ungarns bedrohte. Obwohl die direkte Reaktion auf den Tod Franz Ferdinands und seiner Frau gedämpft war – beide waren in den Regierungszirkeln Österreich-Ungarns unbeliebt –, lieferte das Attentat einen idealen Vorwand für eine Militäraktion.
