Bikini Story - Patrik Alac - E-Book

Bikini Story E-Book

Patrik Alac

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Beschreibung

Im Jahre 1946 entdeckt die Welt auf den Marshallinseln ein Atoll namens Bikini, auf dem die Amerikaner verheerende Atomtests durchführen. Nur wenige Tage später bedient sich der französische Modemacher Louis Réart des skandalträchtigen Namens für ein neuentworfenes Badekostüm, das den weiblichen Körper wie nie zuvor entkleidet, um ihn — mit einem winzigen Stück Stoff — besser zur Geltung zu bringen. Zuerst aus Wolle — der soeben zu Ende gegangene Zweite Weltkrieg ist wirtschaftlich spürbar —, später, nach Dupont de Nemours Erfindung der Nylonfaser, aus eben diesem Material, wird der Bikini in den 1950er-Jahren zum Symbol einer neuen Generation von Frauen. Als immer mehr verbreitetes Bekleidungsstück am Strand führt der Bikini zu einem ganz neuen Blick auf den weiblichen Körper. Seit den 1960er-Jahren helfen sportliche Tätigkeiten, Diäten und später auch die ästhetische Chirurgie der Natur nach. So entwickelt sich ein neues Schönheitsideal, das wesentlich vom Kino und seinen Stars geprägt ist: Marylin Monroe, Brigitte Bardot und Ursula Andress bedienen sich des Bikinis, um ihre runden Formen besser in Szene zu setzen. Weit mehr als nur ein einfaches Badeutensil trägt der Bikini in den 1970er-Jahren wesentlich zur sexuellen Befreiung und den Veränderungen der Beziehung zwischen den Geschlechtern bei.

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EPUB

Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Autor: Patrik Alac

Redaktion der deutschen Ausgabe: Klaus H. Carl

Layout:

Baseline Co. Ltd

61A-63A Vo Van Tan Street

4. Etage

Distrikt 3, Ho Chi Minh City

Vietnam

© Confidential Concepts, worldwide, USA

© Parkstone Press International, New York, USA

Image-Barwww.image-bar.com

Weltweit alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.

Patrik Alac

Danksagung:

Dank an die Marken diNeila, Lenny Swimwear, RiodeSol und Pain de sucre.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Geburt des Bikinis

Von Skandal zu Skandal

Die Grenzen der Fantasie

Der Bikini im Film

Die Konditionierung des Körpers

Die neue Freiheit

Der Strand als gesellschaftlicher Freiraum

Nachwort

Ein Blick in die Zukunft des Bikini

Eine Retrospektive

Bestandsaufnahme

Zukunftsvision

Den Bikini nach Hause bringen – oder an den Pool, oder auf die Jacht, oder an den Strand…

Bibliografie

Eine provisorische Umkleidekabine. Bearbeitete Photographie Ende des 19. Jahrhunderts. Die mittlere Dame, bereits umgezogen, wartet im SchutzEinermuschelartigen Konstruktion auf ihre Freundin, die hinter einem aufgespannten Tuch mit dem Umziehen beschäftigt ist. Die dritte Frau, vielleicht die Mutter, steht in voller Montur mit Hut und Kopftuch rechts im Bild, mit einem Schirm auf einen Stuhl gestützt. Im Hintergrund sind zwei weitere Frauen zu sehen, die in schwarzen Badeanzügen und mit Hüten am Strand spazieren gehen. Die gestellte Szene, die einen ungewöhnlich freizügigen Einblick in den Ausschnitt der sich umziehenden jungen Dame gewährt, könnte auch ein erotisches Genrebild sein.

Einleitung

Eine Fotografie von Coney Islandzu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Badeort, der als „Sodom am Meer“ galt, scheint seinem Ruf in der Abbildung dieser fünf Damen, die eine Tanzfigur in Can-Can-Manier vollführen, gerecht zu werden. Die fünf Schönen tragen Badekostüme, die den ganzen Körper außer den Armen bedecken. Interessant ist die mehrfache Schichtung der Stoffe: über einer dicken Wollstrumpfhose eine kurze Unterhose, die mit Bändern an den Oberschenkeln festgehalten wird, dann erst folgt das eigentliche Badekleid darüber. Die „Rubensfiguren“ der humoristisch aufgelegten Tänzerinnen sind typisch für die Epoche.

Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends erwachte auch das Bedürfnis, einen Überblick über das vergangene Jahrhundert zu gewinnen. In den verschiedenen Versuchen, eine Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts zu schreiben, bürgerte sich schnell die Formel vom „Jahrhundert der Kriege und Grausamkeiten“, vom „Jahrhundert der Barbarei“ ein, während die Betrachtung vieler durchaus positiver Ereignisse und Errungenschaften außer Acht gelassen wurde. Diese konnten natürlich, neben dem Gewicht der unheilvollen Ereignisse, nur nebensächlich und frivol erscheinen, doch ist nicht auszuschließen, dass eine künftige Geschichtsschreibung zu einer umfassenderen Sicht der vergangenen hundert Jahre finden wird, in der das „Historische“ nicht allein durch die Häufung der verursachten Leiden, das Ausmaß der Katastrophen und Kriege, die Zahl der Getöteten und die Liste der zerstörten Städte bestimmt wird. Zu den positiven Ereignissen dieser Art gehört zweifellos die durch den Niedergang des Christentums ermöglichte Rückbesinnung auf den Körper, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine die ganze westliche Welt umfassende Bewegung zur Befreiung des Körpers hervorrief. An diesem Prozess, der längst überholte, aber noch nicht abgeschaffte Moralvorstellungen und -gebote endgültig zur Seite brachte, war der Bikini in entscheidender Weise beteiligt.

Jenna Pietersen am Strand mitCanail-Bikini vonPain de sucre.

Foto: Èric Deniset, 2009.

Orange-goldener Bikini von

Pain de Sucre, 1990. Model: Sonia,

Modelagentur Farn, Paris. Foto: Delavigne

Ein weiteres Bild von Coney Island mit einer vergnügten Badegesellschaft aus denselben Jahren. Die Frauen tragen Badekleider, die an Schlafhemden erinnern. Wahrscheinlich marineblau mit weißen Streifen (das Marinemotiv wurde häufig verwendet, besonders bei Strandbekleidung für Knaben), Schleifchen, Kragen und Gürtel, reichen diese Badekleider bis zur Mitte der Waden.

Ein Strand in Italien, zwischen Genua und Santa Marguerita, um 1900. Im Vordergrund waten zwei Paare durch das Wasser. Die Männer tragen dunkle Badeanzüge, die an Sportkleidung erinnern, die Frauen Badekleider, die in der Hüfte talliert sind und bis unter die Knie reichen. Im Hintergrund die über den Halbkreis der Bucht sich drängende Masse, die sich noch heute an den italienischen Stränden tummelt. Rechts die auf den Wellen treibenden Köpfe einiger Schwimmer und im linken Hintergrund ein Komplex von Strandkabinen und Vergnügungszelten.

Eine provisorische Umkleidekabine. Bearbeitete Photographie Ende des 19. Jahrhunderts. Die mittlere Dame, bereits umgezogen, wartet im Schutz einer muschelartigen Konstruktion auf ihre Freundin, die hinter einem aufgespannten Tuch mit dem Umziehen beschäftigt ist. Die dritte Frau, vielleicht die Mutter, steht in voller Montur mit Hut und Kopftuch rechts im Bild, mit einem Schirm auf einen Stuhl gestützt. Im Hintergrund sind zwei weitere Frauen zu sehen, die in schwarzen Badeanzügen und mit Hüten am Strand spazieren gehen. Die gestellte Szene, die einen ungewöhnlich freizügigen Einblick in den Ausschnitt der sich umziehenden jungen Dame gewährt, könnte auch ein erotisches Genrebild sein.

Eine Damenriege um 1910.Die Schönen tragen knielange Badekostüme, die in ihrer Buntheit und Phantasie einer Jahrmarktsgarderobe entstammen könnten. In der Mitte ist deutlich ein „Weihnachtsmann“ mit weißen Bordüren erkennbar, links davon zwei Gestalten, die die Narren eines mittelalterlichen Hofes sein könnten, links außen ein gestreiftes, zum Badekostüm umfunktioniertes Kleid. Die Nähe von Unterwäsche und Bademode ist deutlich erkennbar. Alle Frauen tragen Schuhe (die vierte von links sogar Boxerschuhe) und Strümpfe.

Damit aber die Badende im Bikini eine solche Welt der Möglichkeiten betreten kann, muss sie sich in einen bestimmten Raum begeben, in dem sich diese Verwandlung erst vollziehen kann. Dieser Raum ist die wie eine dünne Atmosphäre um die Küsten der Kontinente gezogene Badelandschaft, ein Streifen, der als eine scheinbar endlose Kette von Strandabschnitten die Gesetze und Regeln, die im Alltag gelten, außer Kraft setzt. Wir alle kennen diese Badelandschaft bestens, sie gehört unersetzlich zu unserer Welt. Doch es war ein langer Prozess nötig, um sie zu errichten und in ihr ein so extravagantes und zauberhaftes Bedekostüm wie den Bikini zu erlauben. Die ersten Seebäder, die sich mit unseren Stränden vergleichen lassen, wurden gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts errichtet. Bis dahin galt das Meer als etwas verstörend Unheimliches und Mysteriöses. Die vielbesungene See der Antike geriet im Mittelalter, das die Welt in einen dunklen Innenraum verwandelte, fast vollständig in Vergessenheit. Man fürchtete sich nicht nur vor dem Unbekannten, das im Meer auf den Menschen lauerte, sondern schon die Nähe der See galt als gefährlich und ungesund. Die Küstenanwohner bauten ihre Häuser so weit wie möglich ins Land hinein, um sich vor „gefährlichen Ausdünstungen“ und dämonischen Kräften zu schützen.

Dieser Glaube an die gesundheitsschädigende Wirkung bestimmter Orte, der immer mit dem Element Wasser verbunden war, setzte sich bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert fort, als beispielsweise dem Kolosseum in Rom „unheilvolle Dämpfe“ zugesprochen wurden. In Stendhals Spaziergängen in Rom ist öfters davon die Rede, und in Henry James’ Daisy Miller stirbt die gleichnamige Heldin nach einer verrückten Nacht, die sie im alten Amphitheater zugebracht hat. Das Meer wurde eigentlich nur bei unheilbaren Krankheiten empfohlen. Dieser Rand zum Unbekannten, hinter dem man lange Zeit einen Abbruch ins Nichts, die eckige Begrenzung der Welt, vermutete, erschien als letzte Hoffnung. Ein Beispiel dafür ist die im siebzehnten Jahrhundert gebräuchliche „Medizin“ gegen Tollwut. Sie bestand einfach darin, sich dreimal kopfüber ins Meer zu werfen. Im neunzehnten Jahrhundert wurden Kuren an der See vermehrt empfohlen. Man vermutete therapeutische Qualitäten im wildbewegten Salzwasser, das man bei Anämie, Nervenkrankheiten, Rekonvaleszenzen von Brüchen und Stauchungen, Asthma und Hautkrankheiten verordnete. Doch diese „Kuren“ waren – wie alles im neunzehnten Jahrhundert – streng rationalisiert und exakt abgemessen. So sollte man sich, die Füße im Wasser, genau fünf Minuten lang im untiefen Gebiet dicht am Strand in lockeren Bewegungen ertüchtigen, dann mutig nach vorne schreiten und auf einmal bis zum Kopf eintauchen und in dieser Stellung möglichst bewegungslos verharren. Dann war das Wasser unverzüglich zu verlassen und der arg verlangsamte Kreislauf mit ausholenden Bewegungen am Strand wiederherzustellen.

Badende am Strand von Deauville um 1925. Das Badekleid, das an ein über die Hüften gezogenes Unterhemd gemahnt, liegt eng an und betont die Körperformen. Die Frau, die in einem scheinbar besorgten Blick an der Kamera vorbeischaut,ist sehr schlank und hebt sich klar von den Badendenum 1900 ab. Im Hintergrund ist die Strandperspektive zu sehen, auf der Liegestühle und Tücher die voluminösen Körbe und Zelte ersetzt haben. Der Massenansturm auf die Strände der Welt hat bereits begonnen

Die Bademode zu Beginn des 19. Jahrhunderts.Sechs Grazien sitzen in identischer Pose auf einem Bootsrand. Sie tragen alle Badekappen (eine ist sogar mit Federn verziert), einteilige Badekostüme, die sich an den gerade aufkommenden Sporttenues inspirieren und halten das rechte Knie mit zwei Händen über dem linken Bein angewinkelt. Die Badekostüme, die nur noch knappdie Oberschenkel bedecken, zeigen deutlich die beginnende Tendenz einer Reduktion der Bademode, die nun auch sportlichen Zwecken dienen muss. Alle sechs sindgeschminkt und haben ihre Münder mit Lippenstift nachgezogen. Man sieht vor allem in der Art ihrer „Puppenköpfe“ (weißgeschminkte Gesichtshaut, davon abstechende Lippen, unter Kappen geklemmte Frisuren, manieriert geneigte,lächelnde Gesichter), dass das Spiel mit der Unschuld, die einen sichimmer mehr entkleidenden Körper wie eine Maske zur Schau trägt, bereits begonnen hat.

Zeitungsannonce für den Wettbewerb um die „hübscheste Schwimmerin”, 1946. Zu diesem Zeitpunkt waren sich Leser noch nicht bewusst, dass der Bikini auf der Bildfläche erscheinen und das Verständnis von Bademode nachhaltig verändern würde.

Die Badegewohnheiten ließen ohnehin wenig Platz für tiefere Einblicke. So bewältigte man bis zum Ersten Weltkrieg die große Distanz zwischen Strand und Meer in einer schiebbaren Badekabine auf Rädern, die man erst „auf See“ verließ. Die ersten Abbildungen dieses Buches vergegenwärtigen, wie sich die Bademode langsam zu organisieren begann. Die Überwindung des absoluten Schamgebots, die Schwierigkeit, sich „schwimmtaugliche“ Badebekleidung zu verschaffen, sind die großen Probleme, zu deren Lösung Erfindungsreichtum gefragt ist. Zugleich sieht man auf diesen Fotografien einer entschwundenen Epoche, wie sich der Raum des Strandes zu bilden beginnt. Die Jahrmarktselemente der Kleidung im letzten Bild verweisen dabei auf den Volksfestcharakter, den die sommerlichen Zusammenkünfte am Meer trugen.

Der Strand gestattete ja in seiner ursprünglichen Form keine Trennung der Klassen und Stände, so dass er schon durch seine vermischende Funktion allein einen Raum der Freiheit bildete. Auch sieht man deutlich, wie die Vergnügungsindustrie – die später unsere Tourismusindustrie werden wird – in der unmittelbaren Nähe des Meeres Fuß zu fassen beginnt. Die großen, mehrstöckigen Bauten auf Coney Island, die als eine Art „Prater am Meer“ auf Pfählen in die See ragen, die Masse der Sonnenhungrigen am Strand bei Genua, hinter der schon ein wildes Zeltdurcheinander entstanden ist, vermitteln uns eine Idee von den tastenden und improvisierten Anfängen unserer Badelandschaft. Noch deutlicher erscheint die Funktion dieses neugeschaffenen Raumes jedoch in den Gesichtern der ersten Badenden. Denn es sind alles lächelnde, vergnügte Gesichter, die für jede Werbung taugen. Sie sind das stärkste Zeichen für die Außerterritorialität des Strandes als Ort aller Vergnügen und Freuden. Sie zeigen den gelungenen Aufbau einer Welt, in der es nur Zufriedenheit, Spaß und Unterhaltung gibt. Nach dem Ersten Weltkrieg sind alle Voraussetzungen für die uns bekannte Strandwelt versammelt. Ein Bild von 1925 zeigt eine Frau in einem sehr schlichten Einteiler, die in Deauville zwischen Liegestühlen im Sand sitzt. Die dargestellte Szene könnte sich, abgesehen von der Kostümierung, ebenso gut heute an einem beliebigen Badeort abspielen. Die im Vordergrund abgelegten Accessoires – Sandalen, eine Tasche, ein Badetuch und ein Schirm – bezeugen die familiäre Inbesitznahme des Strandes. Es sind nur noch zwanzig Jahre bis zur endgültigen Errichtung des globalen Badekomplexes, der die Menschen aller Sprachen und Länder die universale Leidenschaft des Badens teilen lassen wird, nur noch zwanzig Jahre bis zur Geburt des Bikinis...

Das überfüllte Schwimmbad Deligny in Paris am 12. Juli 1958.

Es sind mehrheitlich Männer zu sehen. Die wenigen

Damen tragen sowohl Ein- als auch Zweiteiler.

Der Bikini

5. Juli 1946: Réards Präsentation mitMicheline Bernardini im Schwimmbad Molitorin Paris für die Wahl der schönsten Badenden.

Die Geburt des Bikinis

5. Juli 1946: Réards Präsentation mitMicheline Bernardini im Schwimmbad Molitor inParis für die Wahl der schönsten Badenden, (detail).

Am 1. Juli 1946, um 9 Uhr morgens, explodierte über dem bisher kaum bekannten Bikiniatoll im Südpazifik eine Atombombe von 23.000 Tonnen Sprengkraft, versenkte gut ein halbes Dutzend abgetakelter Kriegschiffe, die in der japanischen, bzw. amerikanischen Flotte gedient hatten und beschädigte mindestens doppelt so viele schwer.

Die atmosphärischen Bedingungen für den Test waren ideal, der Himmel unbedeckt, und es herrschte vollkommene Windstille. Eine gigantische Rauchsäule, die aus einer zunächst blendend weißen, dann sich orange und bordeaux und schließlich gräulich-grün verfärbenden Feuerkugel zu entstehen schien, stieg über der Inselgruppe auf. Die nach Schätzung der Piloten zehntausend Meter hohe Rauchwolke wurde sofort von unbemannten, ferngelenkten Flugzeugen durchflogen, die hochempfindliche wissenschaftliche Messgeräte und Apparaturen sowie einige Versuchstiere an Bord trugen. Dies war der erste „offizielle“ Atomtest seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den verheerenden Bombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Alle wichtigen Tageszeitungen berichteten über die Versuche im Südseeparadies, deren Wirkung bedacht propagandistisch sein sollte. Die USA, als einzige Atommacht jener Zeit, wollten vor allem ihrem sowjetischen Gegenspieler die Wirkung dieser einzigartigen Waffe, in deren Besitz sie sich befanden, demonstrieren.

Das PariserSchwimmbad Deligny am 1. Juli 1946.

Die erkennbaren zweiteiligen Bademodelle

sparen für heutige Verhältnisse nicht an Stoff.

So wurden absichtlich Gerüchte über die allweltzerstörende Wirkung der Bombe in Umlauf gesetzt, die inoffizielle Stellen, die um die wirkliche Bedrohung wussten, zusätzlich nährten. Als aber die Zeitungen den 2. Juli titelten und die Welt sich nach wie vor in der gewohnten Richtung drehte, stellte die Menschheit beschwichtigt fest, „dass die Erde sich nicht verflüssigt, der Himmel nicht in Flammen aufgegangen und der Ozean nicht zu Stein geworden war“ (Le Monde vom 2. Juli 1946). Militärisch galt der Versuch den nautischen Einsatzmöglichkeiten der Atombombe als ein vollkommener Misserfolg. Nur wenige der insgesamt vierundzwanzig der Explosion ausgesetzten Schiffe, die man für diesen Anlass gelb und grell orange angemalt hatte, waren gesunken. Zugleich hatte die Bombe ihr eigentliches Ziel, den amerikanischen Zerstörer „Nevada“, deutlich verfehlt. Die russischen Beobachter, die von den Amerikanern auf das Atoll geflogen worden waren, verließen das Testgebiet kaum beeindruckt, und ein amerikanischer Admiral bemerkte enttäuscht, dass die Bombe gegen Schiffe nur in Verbindung mit einer anderen, zielsicheren Waffe einsetzbar sei, beispielsweise einem Torpedo.

So blieb die von den Amerikanern erhoffte Wirkung des Atomtests aus, und der Name „Bikini“ ging nicht als ehrfurchtvolles Raunen um die Welt. Doch vier Tage später, am 5. Juli, ereignete sich in einem öffentlichen Schwimmbad in Paris, in dem gerade ein Wettbewerb unter den anwesenden Badeschönheiten abgehalten wurde, ein kleiner, scheinbar unbedeutender Skandal, der den Namen „Bikini“ nun tatsächlich in der ganzen Welt und für lange Zeit bekannt machen sollte. Ein französischer Modedesigner, Louis Réard, stiftete den Preis des Schönheitswettbewerbs und nutzte die Gelegenheit, um seine neueste Badekreation vorzuführen. Unter den dicht um den Swimmingpool gedrängten Besuchern mochte einigen schon vor der Endausscheidung eine ausgesprochen knapp bekleidete Frau aufgefallen sein, die sich scheinbar gedankenverloren durch die Menge wand. Als sie dann aber aufs Podium gerufen wurde, auf dem man der Jury die Finalistinnen präsentierte, ging ein Raunen durch die Zuschauer. Dies lag nicht an der außergewöhnlichen Schönheit der Badenden oder daran, dass man in ihr eine berühmte Persönlichkeit wiedererkannt hätte, sondern am speziellen Badekostüm, das sie trug.

Es war, wie bei ihren Konkurentinnen, ein Zweiteiler, nur zu solchen Dimensionen geschrumpft, dass man das Gefühl hatte, sie sei eher nackt als angezogen. Zwei geizige Dreiecke bedeckten die Brüste, die ein dünner, um den Nacken gewundener Faden festhielt, und das Unterteil, vorne zu einem Dreieck ausgeschnitten, endete abrupt auf Hüfthöhe und ließ die Seiten der Oberschenkel und Hüften frei. Nur ein dünner Faden bog sich nach hinten, deutlich unter dem Bauchnabel, der sichtbar blieb.

Diese für uns heute gewöhnliche Erscheinung, die an jedem Strand anzutreffen ist, wurde an diesem heißen Sommernachmittag im Schwimmbad Molitor in Paris von den Anwesenden als ein Gipfel der Schamlosigkeit und Obszönität empfunden.

18. Mai 1940. Covermodel für diePicture Post

präsentiert den neuen Sommerbikini, ein handtuchhaftes

Konstrukt mit Fransen, kombiniert mit einem

perlenverzierten Sonnenhut.Picture PostCover 607,

1940. Foto: IPC Magazines/Picture Post/Getty Images.

Der Bikini-Coup vom 5. Juli war lange und minutiös vorbereitet. Réard hatte zunächst versucht, seine üblichen Modelle für eine Demonstration zu gewinnen; als diese aber alle entsetzt ablehnten (vor allem wegen der Rückseite des Bikiniunterteils, das in einer noch nie gesehenen Mischung zwischen Tanga und String die Pobacken fast vollständig frei ließ), muss ihm eine Ahnung des Skandals gekommen sein, den das Prunkstück seiner neuesten Kollektion auslösen würde. In diesem Moment entschloss er sich, alles auf eine Karte zu setzen und die Entrüstung der Öffentlichkeit zur Werbung zu benützen.

In Micheline Bernardini, einer Nackttänzerin aus dem Casino de Paris, war schnell das Mädchen gefunden, das sich im knappen Bikini noch äußerst bekleidet fühlen würde. Der Rahmen der Präsentation bereitete ihm noch Kopfzerbrechen, aber spätestens am 2. Juli, als er in der populären Tageszeitung France Soir die Reportage über eine Bademodenschau in einem Flugzeug zwischen Paris und New York gelesen hatte, in der Stewardessen in bunten Zweiteilern zwischen den staunenden Fluggästen im Gang hin- und herspazierten, dürfte er die Idee einer öffentlichen Präsentation während einer „Misswahl“ adoptiert haben.

In der Mittagsausgabe von France Soir des 5. Juli findet sich die Anzeige, die die Pariser einlädt, den Nachmittag im Schwimmbad Molitor zu verbringen, wo die „schönste Badende“ von einer ausgewählten Jury von Sportlerinnen und Mannequins gekürt werden soll. Der Preis, die „Coupe Réard“, erklärt im Nachhinein, wozu diese Badeveranstaltung in Wirklichkeit diente.

Réard war sofort klar, dass er einen besonderen Namen für seinen revolutionären Zweiteiler finden musste. Die Aktualität der Atombombenversuche auf den Bikini-Inseln die in den Zeitungen ausführlich beschrieben wurde, gab ihm den erforderlichen Anlass. Einige Modehistoriker behaupten, Réard habe sich bei der Namensgebung vor allem am Konkurrenzmodell des großen Couturiers Jacques Heim inspiriert, der im gleichen Sommer 1946 einen Zweiteiler vorstellte, der sehr gewagt war. Doch Heims Atom