Bild vom Bild vom großen Mond - Friederike Kretzen - E-Book

Bild vom Bild vom großen Mond E-Book

Friederike Kretzen

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Beschreibung

Als Kind fuhr die Ich-Erzählerin im Küchenschrank ihrer Großmutter zur See. Heute reist sie im Flugzeug in den Iran. Die Liebe zur Ferne ist geblieben – und die Sehnsucht danach, den Raum zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu überwinden. Während sie durch Teheran streift, führt sie immer auch ihre Vergangenheit mit, die sich mit der Gegenwart überlappt. Und immer ist sie – geprägt von Lévi-Strauss" Traurigen Tropen – auf der Suche nach einer Katze, mit der sie ein Gespräch führen kann ...Soghaft, präzise und bildreich, mit feinem Gespür für surreale Momente, erzählt Friederike Kretzen von einer Reise nach Persien und überwindet dabei die Grenzen der Entfernung und des Unsagbaren.

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Friederike Kretzen

Bild vom Bildvom großen Mond

Roman einer Reise

DÖRLEMANN

Die Autorin dankt der Landis & Gyr Stiftung und dem Fachausschuss Literatur BS / BL für ihre großzügige Unterstützung der Arbeit an diesem Buch. Der Verlag bedankt sich ebenfalls.

Alle Rechte vorbehalten © 2022 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf unter Verwendung eines Fotos von Friederike Kretzen Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-911-9www.doerlemann.com

Inhalt

CoverTitelei und ImpressumMotto1 – Saturn, Venus, Mars2 – Kino3 – Reise zum Mond4 – Riders on the Storm5 – Der kleine Ali6 – Brief an den Botschafter7 – Gräser der Steppe8 – Umkehr der Richtung9 – In der Wohnung des Waffenhändlers10 – Foucault träumt11 – Amt für die intellektuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen12 – Versammlung des Kinos13 – Wenn die Berge sich erheben, lichten die Gärten ihre Anker.14 – Jalehs Salon15 – Lepra16 – Hosna, die Architekten aus Graubünden und Paris17 – Kirschgarten Teheran18 – Speedy Gonzales, die schnellste Maus von Mexiko19 – Wofür das alles gut sein soll20 – In Teheran ist Sonntag am Freitag21 – Eine Weinfabrik in Moskau22 – Gärten der Nomaden23 – Im Palast der Phäaken24 – Tout va bien25 – Die Übersetzung von Mond ist Mond26 – Was ich in mein Buch von Persien schreiben soll27 – Die Katze spricht28 – Ausflug nach Detroit29 – Gedreht unter Anleitung toter Indianer der Schlacht von Bloody Run 176330 – Süden der Zeit31 – Im Guevara-Café von Rages32 – Wolken warten und der Mond ist rot33 – Reise um das Haus der Memorizer34 – Heft des FreundsZur AutorinZum Buch

 

Als ich Kind war, reiste ich auf den Mondund kam nicht mehr wieder.Seitdem träume ich von der Erdeund meine mich.

1

Saturn, Venus, Mars

Habe ich Persien gesehen oder einen Film von Kiarostami? In dem ein Kind vor sich hin träumt und in sein Heft schreibt: Eines Tages werde ich aufbrechen und in ein Land reisen, in dem es Filme gibt, die von Kindern handeln, die auf dem Mond von der Erde träumen. In der Nacht schlafen sie neben der Katze.

Was in Träumen vorkommt, existiert, und ich treffe am Abend, es ist schon dunkel, in Isfahan, in einer kleinen Gasse am Ausgang des großen Platzes, ein Kind im Café seiner Eltern. Es sitzt am Tisch, allein, die Gäste bleiben aus, über ihm brennt die Lampe. Unterwegs im Meer der Wörter, gestrandet am Ufer der Zeit schreibt es von einem Kind, das durch einen Film rennt. Es sucht das nächste Dorf, das Haus seines Freunds. Eilt hin und her durch die hohe, weite Steppe. Will ihm sein Heft zurückgeben, in das es die Geschichte von einer Reise durch einen Film geschrieben hat, der wie das Land ist, in dem die stacheligen Büsche der Berberitzen, die dünnen Wasserläufe, die Biegungen der Wege und Straßen, die Skorpione und Schlangen sprechen. Die Bewohner des Lands, wenn sie gefragt werden, wer ihre Dörfer gebaut hat, sagen: Ihre Ahnen.

Und mir fällt der Film einer anderen Reise ein. Zwei Männer an der Grenze eines leeren Lands, sie fahren von Kino zu Kino, verlieren nicht viele Worte. Suchen sich, ihre Geschichte, irgendwas, das ihnen sagt, dass es sie gegeben hat. Bevor sie wieder auseinandergehen, trinken sie zu viel Whisky, schlagen sich. Am nächsten Morgen sitzt an einer Bahnstation, die wie im wilden Westen aussieht, ein Kind in der Sonne. Das schreibt in sein Schulheft, was es sieht: Mann, Sonnenbrille, Koffer. Der Mann fragt das Kind, ob sie tauschen könnten? Heft gegen Sonnenbrille und Koffer. Das Kind lächelt. Der Tausch ist besiegelt. Nun kann es losfahren.

Alles muss anders werden, schreibt der Mann in das Heft des Kinds. Und ich füge hinzu: Vom Anfang des Reisens schreibe ich, und an den Anfang des Schreibens reise ich. Und ich schreibe vom Reiseschreiben in Begleitung träumender Kinder auf dem Mond. Hingesunken über ihre Hefte, in die ihnen ihre Mütter die Sterne gemalt haben. Auch Saturn, Mars, Venus. So dass sie sich auf ihrer Reise übers große Meer orientieren können und nicht verloren gehen.

2

Kino

Ich erinnere mich, dass wir ein paar Kinder waren.

Laufen zwischen Leintüchern, die sich im Wind bewegen, schaukelnde Segel, die an der Wäscheleine hängen. Mit erhobenen Händen werfen wir uns gegen die Tücher, strecken uns ihnen entgegen. Wogen aus Leinen, von denen wir uns über die kleinen Körper streichen lassen. Tuch um Tuch sinken wir hinein, die Augen geschlossen, den Kopf im Nacken. Wir können nicht genug bekommen. Wieder und wieder werfen wir uns gegen die nachgiebigen Wände, als wären wir schwankende Bilder aus Licht und Schatten, die schneller laufen, als sie versinken können. Laterna magica der kleinen Körper, machen uns unser leibhaftiges Kino vor. In unseren Herzen stürmen die Steppen, die Wüsten, donnert der Hufschlag Blut schwitzender Pferde. Körper und Schatten wie flatternde Fahnen und wir flüstern im Wind, im Aufruhr zwischen den Tüchern: Gib uns ein Morgenlicht!

Dann hält alles an. Sturm und Angst und Wüste legen sich uns zu Füßen. Wir stehen im Hof unserer Großmutter, sehen hinauf zum Osten, gleich hinter dem Bayerwerk mit dem brennenden Kreuz. Unter dem sind wir zur Welt gebracht worden. In der großen Zeit nach der Zerstörung, das deutsche Wirtschaftswunder lodert aus Kaminen, verdüstert den Himmel, vergiftet noch den kleinsten aller Flüsse.

Wie alle Kinder wissen wir, als wir Kinder sind, nicht, dass wir Kinder sind. Was wir tun, tun wir ganz. Wir sind Wind, Schwerkraft, Vorstellung. Wir folgen den Eingebungen. Wir leben von dem, was in der Luft liegt. Wie der Nachmittag, der sich neigt. Gleich wird die Tante auf ihrem rot und gelb gestrichenen Fahrrad aus dem Bayerwerk kommen. Fünf Uhr. Wir haben die Sirene gehört. Das große Tor des Pförtner Vier mit den Löwen auf ihren Posten, einer links, einer rechts wie im Zirkus. Zwischen ihnen drängen Schwärme von Menschen hervor, verlassen Maschinen, Labore, Kessel, Dunkelabteilungen für die Filmentwicklung. Taumelnde Masse, als käme sie aus einer anderen Beschaffenheit, aus der Zone der Übergänge, dem Gebiet der Verwandlungen. Und jede und jeder muss sich erst wieder, kaum durchs Tor getreten, zurückbesinnen auf eine menschliche Gestalt, da war doch was, ein Körper, ein Kopf, wo kommen die her, wo waren die denn? Die Kleider geraderücken, die Kostüme, hoffentlich nicht aus Versehen vertauscht. Ob sie noch erkennbar sind, irgendwas an ihnen, was Vertrauen weckt? So, wie sie aus der Fabrik kommen? Die ihre Wolken in den Himmel steigen lässt, Tag und Nacht. Manchmal brennt der Himmel, manchmal lösen sich die Nylonstrümpfe an den Beinen der Frauen auf, manchmal haben Autos große rostige Löcher im Lack, und der Rhein ist blau, gelb und rot gestreift. Voller Zweifel setzen sie sich auf ihr Werksfahrrad. Da ist eine Nummer dran, es weiß Bescheid. Kennt den Weg zurück, von wo sie am Morgen, vor der Schicht gekommen sind, wie im Schlaf. Langsam kehren sie zurück, treten die Pedalen, fester, schneller, lösen sich aus dem Pulk der Heimkehrer. Während ihre Kinder Ausschau halten, sie erwarten wie wir.

Wo bleibt unsere Tante? Die mit der gelben Mütze? Der Wind hat sich gelegt, liegt hinter den weiß blühenden Büschen des kleinen Gartens neben dem Tor. Müdigkeit ist eingekehrt, macht die Zeit nachgiebig, an die wir uns schmiegen. Untätig, nein, wir warten. Schauen die Schießbergstraße hinauf, die leichte Erhebung am Ende der Straße, die Kurve, dahinter versteckt der Pförtner mit den Löwen und Bäumen, dem großen Kiosk. Die ersten Fahrräder tauchen am Horizont auf, kommen näher.

Da, die Tante, ihre Mütze, wie die eines Kapitäns. Immer näher, wir halten die Hand über die Augen, schauen aufs Meer hinaus. Schon ist sie nah, kommt an Land. Gerettet. Der Tag wird weitergehen, sie wird uns versammeln, und mit uns all unsere Bildchen, Schatten, Vorstellungen, die wir den Tüchern übergeben haben, den sanften Wellen des Nachmittags. Wovon sie nichts erfährt und später die Tücher abhängen, falten, in die Schränke räumen wird. In denen die Abdrücke unserer Körper zurückbleiben, der Atem der leichten Matrosen.

Sie biegt ins Tor ein. Ungleich viel kleiner als das der Fabrik, über dem früher noch ein steinerner Pferdekopf hing, in den letzten Tagen des Kriegs weggeschossen. Wir stürzen uns auf sie, hängen an ihren Armen, bringen sie beinahe zum Umfallen.

Hey, Kinder, langsam, ruft sie, steigt ab, streicht uns über den Kopf, das Haar, stellt das Rad ab. Wir folgen ihr in die Küche, wo die Großmutter sitzt, mit heißem Kaffee wartet. Hier rundet sich der Tag, beugt sich weiter seinem Anfang entgegen, um zu enden. Schon nimmt das Licht ab, wird dichter. Ein anderes Licht breitet sich aus, das aus dem Keller kommt, aus dem Nichts, dem nahen Rhein. Wir setzen uns um den Tisch in der Mitte des Raums, das Wachstuch darauf, dünne Rosengirlanden, die Schnitte im Tuch. So oft mit dem Finger nachgefahren. Den Kopf auf dem Tisch und mir vorgestellt, dort, wo der Finger sich auf der Holzfläche bewegt, bin ich weit fort, in einem anderen Land unterwegs, und begleite mich von fern her.

Die Tante holt das Brot aus dem Schrank. Der manchmal unser Schiff wird, wenn sich die Großmutter nach dem Mittagessen zum Schlafen in ihr Zimmer zurückzieht. Dann lauschen wir. Stellen uns vor, wie sie ihren Zopf löst, sich ins Bett legt, hören es knarren. Neben ihr auf der Kommode reihen sich die Flaschen mit aufgesetztem Feuerwasser. Beleuchten ihren Schlaf. Das dunkle Rot der Schwarzen Johannisbeeren, altes Licht des Sommers, wie es langsam hochsteigt, die klare Flüssigkeit trübt. Allein vom Ansehen macht es uns trunken. Sobald wir ihren Atem, ein leichtes Schnarchen hören können, öffnen wir die Schranktüren, zwängen uns in das tiefe, untere Fach, kauern neben einem Steinguttopf, in dem der für den Sonntag eingelegte Sauerbraten liegt. Sein blasses, grobfaseriges Fleisch, die Piment- und Pfefferkörner, die auf der Essiglake schwimmen. Wie Bojen, an die wir uns auf unserer nachmittäglichen Fahrt in geheimer Mission der Kinder orientieren. Da bleiben wir, bis wir an Armen, Beinen und Schultern aus dem Schiffsbug gezogen werden. Dass ihr mir den Topf nicht umwerft, sagt Großmutter. Sie ist erwacht, aufgestanden, wir haben nichts gehört. Sie will Kaffee kochen, bald wird die Tante kommen, und was haben die Kinder wieder in ihrem Schrank zu suchen.

Die Tante verteilt die schmalen Brettchen vor uns, die die Farbe des Brots haben, ein Glas mit Quittengelee steht auf dem Tisch, Kaffee, Kakao für die Kinder. Kein Abendbrot, nur ein bisschen Ausruhen, ein paar Bissen vom süßen Brot an der Biegung des Tages, die Stunde des Aufschubs und der Trauer über das schwindende Licht. Versammlung der Stämme und Herden, erstes Innehalten vor dem der Nacht, kaum merklicher Wechsel des Modus. Da sitzen wir in der Küche der Großmutter, die jeder Weltlage standhält, teilen uns in die Wörter, schneiden die Brotschnitten in kleine Stücke, der hellgelbe Gelee auf der dünnen Schicht Butter. Wir beschwören die Stunde der Rückkehr, unseren Aufenthalt, und denken, ganz leicht, wie beiläufig, während wir über den Tisch schauen, zum Herd, zur Türe, an die Decke, und innerlich von Ton zu Ton wechseln, von Wort zu Wort, an die Abwesenden.

3

Reise zum Mond

Wir, das sind mein Cousin Berthold, den wir Beddy nennen, ein halbes Jahr jünger als ich. Und seine Schwester Isabella, zwei Jahre älter, die Bella heißt. Mit ihnen reise ich das erste Mal in meinem Leben nach Persien, Gebiet innerer Anschauung, das weit über uns hinaus bis zum Mond reicht. Wohin wir uns während einer Kindervorstellung von Peterchens Mondfahrt aufmachen.

Das Jahr ist 1960, ein Tag vor Weihnachten, an dem wir nicht von dieser Welt sind. Unsere Großmutter sagt: Macht, dass ihr wegkommt. Unsere Mütter sagen das Gleiche. Sie wollen uns aus den Füßen haben. In Ruhe kochen, den Weihnachtsbaum schmücken, Geschenke einpacken, alles in Ordnung bringen, endlich mal die Kinder, ihre Unruhe los sein. Auch diesmal ist es unsere Tante, die uns da rausholt. Weder Mutter noch Ehefrau, fürchtet sich nicht, klagt nicht, macht keine Vorwürfe, hält uns die Stange. Auf sie ist Verlass. Kommt, sagt sie an diesem Tag der Vertreibung, wir gehen in die Rheinterrassen. Ich habe Karten für die Weihnachtsvorstellung.

Wir ziehen unsere Helme aus Wolle mit Bommeln an, laufen ihr voraus, dem Rhein zu, die Strecke, die wir gut kennen, täglich gehen, um Milch zu holen oder wenn wir die Fähre nehmen dürfen. Unterwegs ein Büdchen, kaufen für ein paar Pfennige süße Waffeln mit rosa und weißem Schaum dazwischen, den wir Wolke nennen. Unsere erste Astronautennahrung.

Später Nachmittag, der kürzeste der Tage, die Raunächte sind da. Ziehen zwischen Fluss und Fabrik durch die alten Straßen am Rhein. Die kleine und die große Kirchstraße rauf, die Niederfeldstraße runter, ihr kalter, harter Atem. Wir fliegen den Rheinterrassen zu, schon seit Tagen aufgeregt. Adventszeit, die Lichter von Sonntag zu Sonntag eines mehr. Dazu die Türchen des Kalenders, morgen das letzte, das große in der Mitte, vorher noch einmal schlafen. Nun sind wir da, die Rheinterrassen, vor vielen Jahren ein lichtdurchströmtes Ausflugslokal. Direkt am Rhein, der einmal blau war. Nicht grau, nicht rot oder gelb, wenn wieder irgendetwas in der Fabrik, die unsere Zukunft ist, ausfällt. Die Terrasse mit den weißen Stühlen und Tischen, Sonnensegel gegen die Sonne, der ziehende Himmel über dem Fluss, Blick auf die andere Seite mit den hohen Bäumen. Im Sommer winken uns an klaren Tagen ihre silbernen Blätter herüber. Nun ist alles abgeräumt, die Terrasse grau, Fugen und Mauervorsprünge von Ruß verkrustet. Die großen Fensterscheiben beschlagen. Im Restaurant dieselbe Aufregung wie die zuhause. Das Licht dunstig, warm. Auf den Tischen grüne Weihnachtsdecken, Kerzen, in der Ecke neben der Theke ein Tannenbaum. Mit Lametta geschmückt, Kugeln, in denen sich der Raum spiegelt, verzieht, schiefsteht, ganz rund wird. Es ist laut. Viele Kinder mit Großeltern und Tanten wie wir. Wir bekommen Limonade und Plätzchen mit Schokoladenüberzug. Schauen durch die hohe lange Fensterreihe, wo sich im Dunkeln die vom Fluss durchströmte Bucht der Rheinischen Tiefebene bis zum Meer ausdehnt. Noch sind die großen Türen zum Saal, in dem lange vor dem Krieg Tanzveranstaltungen gegeben wurden, geschlossen. Davon hat mir meine Mutter erzählt. Ihre Brautzeit, neben ihr mein Vater, sie haben Wein getrunken und dann miteinander getanzt, bis der Krieg da war.

Beim kleinsten Geräusch drehen sich die Köpfe der Kinder zur Tür, als wären sie Eulen. Schauen, starren, dann öffnet sich der Saal, ein Sturm, herumwehen zwischen Stühlen und Bänken. Es wird geschrien, gerannt, gestürzt. Wir halten uns an den Händen, dicht um die Tante gedrängt, suchen unsere Plätze. Vor uns die Bühne, noch von einem schwarzen Samtvorhang verdeckt. Das Licht wird weniger, geht unter, der Atem aus. Völliges Dunkel, schon nicht mehr auf der Erde.

Der Vorhang hebt sich, die Augen gehen über. Wie von selbst lösen sich die Füße vom Boden, auch die der Stühle. Die Bühne, wir schlüpften aus, alles rückt ab, still gleiten wir, sind schon auf der Umlaufbahn. Als auf der Bühne der Mond erscheint; riesig, bleich, die Schatten seiner Täler deutlich zu sehen. Mond, oh Mond, rufen wir, unser altes Kinderlied. Peter tritt auf, seine Schwester, der Maikäfer, der Bär, der Sandmann. Werden von Erwachsenen gespielt. Wir sind hier im Theater der Kinder des Olymp. Uns hält nichts mehr. Zehn, neun, acht, sieben, Ground Control, sechs, fünf, vier. Kommt doch mit, rufen wir den anderen Kindern im Saal zu, unter denen auch wir sitzen. Wir warten auf euch, wir müssen jetzt los, höchste Zeit, drei, zwei, eins. Jetzt, rufen wir, unsere Adresse: Dark side of the moon, und schwingen uns auf.

Aus der Ferne sehen wir die Erde. Wie sie sich um ihre schiefe Achse dreht. Seekranker Planet, dem nicht zu trauen ist. Uns wird schwindlig, wir hören ein Aufrauschen. Die sieben Brüder, die verwandelten Schwäne, manchmal sind es auch zwölf. Sie fliegen mit dem ersten Licht am Morgen, nehmen dabei all das, was hinter ihnen liegt, wie ein Tuch auf. Erheben sich mit ihm ins Gebiet der Vorstellungen und Träume, in dem ein anderes Blut fließt, ebenso notwendig wie das, das sich in uns dreht. Und wo im Kinderkörper das Herz schlägt, atmet im großen Raum der Imagination der Mond. Spiegelt das Licht ferner Sonnen wider, den ganzen bestirnten Himmel, Planeten und Sterne, die wir uns an den Haaren herbeiziehen, aus den Fingern saugen, ins Dunkle hängen.

Möge euer Schatten wachsen, der alte Gruß der Perser an die abendlichen Reisenden. Wie sie auf der Erde gehen, noch halb zu den Toten gehören. Gebiet anderer Zusammenhänge, die sich nicht in Morgenland und Abendland auftrennen lassen, weder in Sinn noch in Unsinn. Nur immer wieder dieser Aufschwung in Richtung auf sich selbst zu, wer auch immer das werden wird.

Nacht der Kinder und des Monds, in deren Gesellschaft ich an einem kalten Märztag nach Teheran reise, unseren Schatten folge, unserem Kino, den laufenden Bildern. In denen wir untergehen, und manchmal tauchen wir als andere daraus wieder auf.

4

Riders on the Storm

»Elle est dans la lune.« Sagen die Lehrer. Das heißt Tagtraum auf Französisch bei Frau Kraft in der Sexta, der Quinta, der Quarta. In den langen Jahren des Abtauchens, in denen ich stillhalte, von Mädchen umgeben dasitze, ihren Pferden, Vätern und Müttern. Das ändert sich erst, als ich zu rauchen anfange, die Spur unserer alten Winterreise zum Mond aufnehme. Von dem fällt in der Nacht eine Mädchenblüte. Der Tagtraum geht in Rauch auf. Love will come.

Im Deutschunterricht lesen wir Auf der Galerie. Ich bin der gefesselte Zuschauer, der nicht merkt, dass er weint. Die Tochter des Zirkusdirektors auf dem Pferd bin ich auch; schwindsüchtig wie mein Vater. Die Krankheit ist wieder ausgebrochen, sie kommt aus dem Krieg. Seit ich auf der Welt bin, weiß ich, wie gefährlich Atmen ist. Er muss ins Sanatorium. Zum Abschied schenkt er mir meine erste Langspielplatte. Wir sitzen in meinem Zimmer auf der Galerie und hören Riders on the Storm. Daniela, eine Französin, die sich in unsere Klasse verirrt hat, leiht mir das Weiße Album. Zurück in Moskau, dazu passend eine weiße Felljacke. Die trage ich zu meiner ersten Liebe unters Dach. Was so lange gut geht, bis der Vater tot ist. Danach ist alles anders und ich reise los.

Erste Flugreise, fragt mich aus Gründen der Sicherheit mein Smartphone. Das war Kreta. Von Athen aus. Nach dem schriftlichen Abitur. Zusammen mit den beiden anderen Trotzkistinnen, die es in der Schule gibt. Alle drei haben wir geträumt abzustürzen. Ein Jahr später stehe ich mitten in Delhi auf dem Campingplatz. Ende August, der Monsun fast vorbei, das Jahr 1976. Bis hierher bin ich mit ein paar Freunden gefahren. Fritz und Petra aus dem Ruhrgebiet, seit ihrer Kindheit ein Paar. Sie kennen sich aus, sind die Route von Gießen nach Indien im Jahr zuvor schon mal gefahren. Wissen, wo wir übernachten, was es anzusehen gibt, wie das Auto über die Grenzen zu schmuggeln ist. Und Georg. Er hat langes, blondes Haar, ist laut, halbstark, ständig bekifft. Jüngerer Bruder meiner großen Liebe, wegen der ich mich auf diese Fahrt begeben habe. Den hat er mir als Ersatz mitgegeben. Zusammen mit der Katze von der letzten Seite der Traurigen Tropen, die mich seitdem immer begleitet. Mit der ich das Gespräch suche, wo immer ich es auch finden werde.

Kaum sind wir von Gießen losgefahren, öffnen sich der Raum, die Zeit, die Entfernung. Ich sitze im Auto, in einer Stadt, einem Dorf, am Strand, ich schlafe, wache, staune am Tag und in der Nacht. Über mir die Sterne, der Mond, die Sonne. Sie bringen mich über die Schwellen, die unmerklichen Übergänge, in denen ich mir abhandenkomme, fremd werde wie die Fremde. Während sich vor mir, am fernen Horizont, Gestalten und Dinge abzeichnen, die undeutlich sind und wunderbar.

Nach sechs Wochen gemeinsamer Fahrt sagen meine Freunde, du reist nicht, du träumst. Höchste Zeit, dass wir auseinandergehen. Fritz und Petra wollen nach Nepal weiterfahren, den schwarzen Mercedes verkaufen, im Herbstsemester wieder in Gießen sein, weiterstudieren. Georg zieht es nach Goa, er hat Zeit. Ich will nach Dharamsala, weg von Indien zu den Tibetern. Dort über den Wolken im Last Chance Tea Shop sitzen und über tibetischen Buddhismus diskutieren. Seit wir unter den Bäumen mit den Geiern, gleich hinter der pakistanischen Grenze, durchgefahren sind, habe ich das Gefühl, dass es nur noch eins gibt: Indien überleben.

Nichts ist hier sicher, alles löst sich auf. Sogar der Mond über dem Taj Mahal hängt schief. Sein Licht scheint auf Lebende und Tote, die in sanften Hügeln entlang den Straßenrändern liegen. Ganze Familienclans, einer neben dem anderen unter dünnen Tüchern aufgereiht. Immer wieder schaue ich voller Schrecken, ob sie sich noch bewegen oder längst schon alle tot sind.

Was für ein Gepäck ich bei mir habe, weiß ich nicht mehr. Einen Rucksack vielleicht und eine Umhängetasche, die ich mir aus burgunderrotem Stoff mit kleinen springenden Hirschen darauf genäht habe. Die drei raten mir, für mein Gepäck ein Schloss zu kaufen. Wofür soll das gut sein?, frage ich. Lässt sich in Indien irgendwas abschließen? In Sicherheit bringen? Und dann fahre ich nach Old Delhi, begebe mich ins Gewimmel von Händlern, Bettlern, Leprakranken und Heiligen. Ich finde ein Schloss. Groß, schwer, wie das, mit dem das Tor der Scheune im Hof meiner Großmutter geschlossen wurde. Ich spüre sein Gewicht in meiner Hand, wie ich als Kind mit ihm gespielt habe, den Bügel auf und zu klappte, den dicken Schlüssel im Schloss drehte, der Kontur des Schlüssellochs mit dem Finger nachfuhr. Das Schloss ist rostig, das Schlüsselloch durch eine Kappe geschützt. Der Bügel geschlossen. Wegen des Preises handle ich. Vielleicht doch nicht sinnlos, so ein Schloss. Alles wird gut. Ich fahre zurück auf den Campingplatz, erschöpft vom Gedränge, der Hitze, dem Verkehr. Freue mich auf die Weiterfahrt morgen, die Kühle der Berge, die kleinen Orte, Dörfer, raus aus der Stadt. Als ich mein Schloss zeige, fragen sie sofort, wo denn der Schlüssel sei? Und Fritz sagt: Bist du auf dem Mond? Dann gehen sie weg und fürchten sich.

5

Der kleine Ali

Ein kalter, grauer Tag Ende März, kein Bauer, keine Rösser, kein Feld. Im Flughafenbus alle schon komatös, selbst das Gepäck. Fertig für den Transport. Ich reise über Wien nach Teheran. Suche das Gespräch mit einer Katze. Wir sind verabredet. Unter mir Gebirge, Steppen, ausgetrocknete Flussbetten, Wüsten. Begleitet vom Wind, dem Rauschen der Maschine, dem des eigenen Bluts im Ohr, wie es sich in der dunklen Kammer des Körpers dreht.

Mit der Entfernung wächst, was gewesen ist. Reise zum Mond. Unternehmung der Lunatics in den Zeiten der Kindheit, der Gottheit des Imaginären geweiht. Sie sind da, begleiten mich. Auch nach Teheran, Stadt in Persien, vielleicht eine Einbildung. Es ist dunkel geworden, frühe Nacht, Sterne um mich rumgehängt. Bald da, wir tauchen ab, Lichter breiten sich aus, Land.

Kaum sind wir gelandet, die Kostümierung. Alle Frauen ziehen sich um. Verschämt, geduckt, sind fast nicht mehr wiederzuerkennen. Medea sagt: Ihr Frauen von Korinth, euch zulieb erschein ich hier. Damit ihr mich nicht scheltet. Seitdem trage ich ein Kopftuch, die langen, dunklen Kleider, die reisenden Frauen empfohlen werden.

Wird Amir da sein, um mich abzuholen? Zur Wohnung zu bringen, wo ich die nächsten vier Wochen bleiben soll? Andreas, Kulturattaché der Schweiz, wartet dort auf mich mit den Schlüsseln. Alles eingefädelt. Where you going Miss? Da ist er, zuverlässiger Chauffeur, der für die Schweizer Botschaft Gäste abholt und sicher in die Stadt bringt. Schon fahren wir los. Mitten in ein Gedicht vom kleinen Ali. In der Nacht ruft ihn im Garten der Teich, in dem ein Fisch schwimmt. Er hat eine Krone, funkelnde Augen, er sagt, kleiner Ali, komm, hier ist es tief, wir schwimmen zum Meer. Und seine Mutter sagt, was hat er nur wieder gesehen? Den Schlaf? Den Traum? Einen Fisch, der über ihn hinwegfliegt? Ein Wundertier mit Diamantaugen und einer Wasserpfeife, aus der dicke Wolken aufsteigen, die über den Garten ziehen? Ein Fisch vom Volk der Kinder und Narren, oder einer aus dem Persischen Golf, der die Schiffe begrüßt? Kommt er aus dem Teich der Träume von hinten im Garten, in dem die Himmel schwimmen? Hat der den kleinen Ali aus dem Schlaf geholt? Jetzt ist er verrückt nach dem Teich, macht kein Auge mehr zu. Da kann die Nacht machen, was sie will.

Du bist jetzt bei uns, sagt der Mond. Ich begleite dich nach Teheran, von dem du nicht weißt, ob es existiert. Vielleicht ist die Stadt eine Riesenfledermaus mit weit ausgespannten Flügeln, unter denen alle Fledermäuse der Welt hängen. Kopf voran, die spitzen Gesichter wie Masken im Schlaf. Das ist das Fledermausteheran im Riesenmantel der Nacht. Doch eins ist das Träumen, das andere die Stadt, in deren Adern Autos fließen, die wie Perlen glänzen.

Von weit draußen im Süden, wo die Wüste liegt, durch die sich der alte Faden der Seidenstraße zieht, fahren wir hoch in den Norden mit den Bergen voller Schnee. Rein in den Tunnel und wieder raus wie der Fisch aus dem Teich. Vorbei an dunklen Feldern, wo die Nacht sich unter leichten Dächern verbirgt, darüber ein grünes Licht auf den gebogenen Kuppeln kleiner Moscheen.

Amir kennt sich aus. Wie alle, mit denen ich in dieser Stadt fahre. Sie sind Raumfahrer, müssen kaum schauen, steuern fast blind. Manchmal haben sie nur noch drei Zähne, oder es fehlt ihnen ein Auge. Doch die Route ist klar. Sie schwimmen ganz einfach. Navigieren mit links im Meer von Straßen, Richtungen, Kreiseln und ich auf ihrem Rücksitz wie diese Vögel, die auf den gerippten Panzern von Krokodilen auf und ab spazieren. Oder sind es Nilpferde? Sie fahren, als wären sie selbst Autos. Ihre Seele der Motor. Und wenn sie mit einem anderen zusammenstoßen, steigen alle aus, gehen einmal um die Autos herum, umarmen sich und fahren weiter. Nie komme ich hier vom Weg ab. Ground Control to Major Tom: Ich bin da. In einem Lied, einem Film, einem Gedicht. Weiter durchs Niemandsland der Nacht. Gleiten gegen Spiegel, die sofort nachgeben. Geglitzer der Oberflächen, der Tage, der Namen und Destinationen.

Weit ist der Weg, sagt Amir. Einer seiner Brüder lebt in Bern. Seine Familie kommt gleich von hier um die Ecke. Immer schon, die Eltern und Großeltern und all die anderen davor, als Teheran noch gar nicht da war. Wer weiß, ob wir es je finden werden. Er zeigt mir die Wahrzeichen der Stadt, was ihn zum Lachen bringt. Wir fahren unter einer sehr hohen, langgezogenen Brücke durch. Sie ist erleuchtet wie ein Ausflugsboot. Ich sehe winzige Menschen an der Reling stehen, sie schwenken Fahnen. Aber da bin ich mir nicht ganz sicher.

Amir ruft Andreas an, dass wir unterwegs sind, in einer halben Stunde da sein werden.

Keine Staus, der Verkehr flüssig, die Stadt leer, wie sie mir später sagen.

Häuser, Straßen, ganze Viertel ziehen vorbei, rasche Schnitte. Ich denke an die Ausflüge mit der Mutter ins nahegelegene Köln. Als Kind, am Tag der Heiligen Drei Könige von Kirche zu Kirche. St. Gereon, St. Maria im Kapitol, Groß St. Martin, St. Kunibert, St. Ursula, St. Cäcilia, sie harren aus in ihren Schiffen, beherbergen Menschen, Gäste, Kamele und Könige unbestimmter Herkunft. Schöne Männer, ihre Kronen, Turbane, die Myrrhe im Kasten, Gold, das Kamel. Wir besuchen ihre alten Knochen im Kölner Dom.

Am Abend stehen wir in der riesigen gebogenen Halle des Bahnhofs mit der 4711-Reklame am Kopfende. Die Zahlen gelb in einer Mandelform. Von einem Band umwunden, mit Schleife auf der einen Seite und an der anderen hängt eine Glocke. Sie schlägt uns die Stunde. Nicht laut genug für das Dröhnen und Donnern der Loks, ihrer Tender und Wagen im Gehäuse aus Stahl. Das Licht schwankt, die Halle vibriert auf dem rostigen Schotter der Gleisbetten. Ich will ins Morgenland reisen, den großen Zügen nach.

Es hat zu regnen angefangen, geht gegen Mitternacht. Amir ist der funkelnde Fisch im Meer der Straßen, der Lichter, der Bahnen. Über uns das Gezweig der grün angestrahlten Bäume am Rand der Fahrbahn. Die Blätter noch fest zusammengerollt in ihren Knospen. Der Frühling ist kalt in Teheran. Ich bin ins Jahr 1398 übergewechselt, es hat soeben angefangen.

6

Brief an den Botschafter

I