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Der deutsche Karrierejurist DR.HEINRICH SCHNEE, 1893 mit gerade einmal 22 Jahren promoviert, trat 1898 in den Auswärtigen Dienst des wilhelminischen Kaiserreichs ein, um den Posten als Richter und stellvertretender Gouverneur in der Kolonie Deutsch-Neu-Guinea zu übernehmen. Von 1912 bis 1918 war Schnee schließlich der letzte Gouverneur der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Im Jahr 1904 veröffentlichte er nach seiner Rückkehr nach Berlin einen umfangreichen Erlebnisbericht, der einen faszinierenden Einblick in das Leben unter »Kanaken« und Kannibalen in den deutschen Südsee-Kolonien Neuguinea, Neupommern, Neuhannover, Neumecklenburg und Neulauenburg des späten 19. und frühen 20.Jahrhunderts aus der Sicht eines sendungsbewußten Vertreters des kaiserlichen Deutschlands gibt. »Bilder aus der Südsee.« ist ein zeitgeschichtliches Dokument aus einer Ära, in der Kolonialismus, Rassendünkel und christlicher Missionarsgeist üblich und selbstverständlich waren, das aber auch das gefährliche Leben in den Südsee-Kolonien zeigt, dem zwischen 1876 und 1903 mindestens 133 Kolonisten und deren Arbeiter, darunter auch Frauen und Kinder, durch von Einheimische begangene Morde zum Opfer fielen. Vollständige editierte Neuausgabe, mit 35 Abbildungen aus der Originalausgabe von 1904,
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Die Maritime BibliothekSelbstverlag T.Rohwer - Unterjörn 77 - D-24536 Neumuensterwww.maritime-bibliothek.de
Das Thema »Deutscher Kolonialismus« ist ein Thema, das seit Errichtung der ersten Kolonien des deutschen Kaiserreichs im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts bis in die heutige Zeit fast immer nur ideologisch und moralisch, aber nur äußert selten rein sachlich behandelt und diskutiert worden ist.
Zur Zeit des Kaiserreichs wurden dessen koloniale Bestrebungen wahlweise mit dem Wunsch nach einem bzw. dem »Recht« auf einen »Platz an der Sonne« begründet. Andere Großmächte, mit denen man sich in Konkurrenz sah und sich notorisch unterlegen fühlte, hatten teils umfangreiche Kolonialreiche auf allen Kontinenten - also musste Deutschland selbstverständlich auch so etwas haben. Reichte das Streben nach Großmachtgeltung nicht als Begründung, verwies man auf die kulturelle und nicht selten auch »rassische« Überlegenheit der Europäer, der »Weißen«, und speziell der Deutschen, gegenüber den »Eingeborenen«. Noch wieder andere erblickten in Kolonien den Ursprung von nationalem Reichtum.
Dieser Reichtum war aber in der Realität sehr häufig nur eine Illusion. Selbst das Britische Empire zog seinen Reichtum im 18. und 19.Jahrhundert nicht aus allen seinen zahlreichen Kolonien, sondern nur aus einigen wenigen, namentlich Indien, und außerdem den »überseeischen Englands« Kanada und Australien. Objektiv war die klare Mehrzahl der Kolonien ein Zuschussgeschäft, das deutlich mehr kostete als es wirtschaftlich einbrachte. Teilweise ließen sich diese Kosten natürlich durch den (see-)strategischen Nutzen mancher der Kolonien rechtfertigen, aber die vermeintlich Ausbeutung der Kolonien durch die Kolonialmächte war unter dem Strich nicht selten zumindest in wirtschaftlich-finanzieller Hinsicht für die Kolonialherren in Wirklichkeit eine Selbstausbeutung.
Kaum jemand hat das besser erkannt als der Reichskanzler Otto von Bismarck, der genügend Gelegenheit gehabt hatte, die englischen und französischen Kolonialreiche genau zu beobachten, bevor das Deutsche Kaiserreich sich auch daran machte, eigene Kolonien zu »erwerben«. Was zu dieser Zeit den Versuch bedeutete, sich einige von den letzten Flecken der Weltkarte zu sichern, die nicht schon längst verteilt waren.
Bismarck hielt herzlich wenig von solchen Aktivitäten, er setzte die Prioritäten in der Verbesserung des Verhältnisses zu England und dem »Erbfeind« Frankreich, parallel zu seiner freundschaftlichen Politik gegenüber Rußland, das er als Bündnispartner für Deutschland präferierte. Dem Journalisten Eugen Wolf, der ein Wortführer verstärkter deutscher Kolonialaktivitäten war, entgegnete er: »Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Rußland, und hier (…) liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte, das ist meine Karte von Afrika.«
1889 erwog Bismarck sogar einen Rückzug Deutschlands aus der Kolonialpolitik. Die deutschen Aktivitäten in Ostafrika und auch die Bestrebungen bezüglich Samoas wollte er ganz beenden. Dem italienischen Ministerpräsidenten Francesco Crispi bot Bismarck im Mai 1889 die deutschen Besitzungen in Afrika zum Kauf an - was der mit einem Gegenangebot bezüglich der italienischen Kolonien beantwortete...
Als Heinrich Schnee seinen ersten Posten in »Deutsch-Neuguinea« übernahm, waren solche rationalen Bedenken längst weggewischt.
Das Verständnis der deutschen Kolonialherren für die Menschen in den Kolonialgebieten war im besten Fall vom Glauben an eine kulturelle Überlegenheit und einen Auftrag christlicher Missionierung der »Heiden« bestimmt, im schlechtesten Fall von einer rassistischen Überheblichkeit, die die »Eingeborenen« auf einer Zwischenstufe irgendwo zwischen dem Menschen und den Primaten ansiedelte. Und oft war es schlicht ein Konglomerat aus all diesem.
Das unterscheidet nun die deutschen Kolonialherren nicht von ihren englischen, französischen, portugiesischen oder belgischen Konterparts, wenn es Unterschiede gab, dann beruhten die weniger auf einer anderen Einstellung zu den »Ureinwohnern« in den Kolonialgebieten als mehr auf teilweise jahrhundertelangen praktischen Erfahrungen, mit welchen Umgangsweisen man am besten die gewünschten Ergebnisse erzielen konnte. Dem deutschen Glauben, die Welt könne, solle und müsse am »deutschen Wesen genesen«, stand gerade hinsichtlich der Kolonien und ihrer Verwaltung ein eklatanter Mangel an praktischen Erfahrungen gegenüber.
Die eigene Kolonialismus-Geschichte wurde in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg lange Zeit weitgehend ausgeblendet, was durch den viel kleineren Umfang des Kolonialreiches verglichen mit den beiden großen Kolonialmächten England und Frankreich erleichtert wurde. Es war eine exotische Petitesse, nicht ein wesentlicher Bestandteil der eigenen nationalen Geschichte. Erst in den letzten zwanzig, dreißig Jahren begann in Deutschland eine umfassendere Beschäftigung mit diesem oft beschämenden Teil der eigenen Geschichte.
Liest man Bücher wie das hier neu herausgegebene, dann wird man mit der Denkweise eines vergangenen Jahrhunderts konfrontiert. Es führt in die Irre, die damaligen Einstellungen und Verhaltensweisen ausschließlich aus einer heutigen Perspektive zu berurteilen und mit heutigen Maßstäben zu messen. Ebenso wäre es falsch, historische Ereignisse mit dem Argument »So war es früher nun einmal, so haben die Menschen seinerzeit gedacht und gehandelt!« einfach als Vergangenheit hinzunehmen. Würde das Handeln nicht sowohl moralisch und ethisch als auch vor dem Hintergrund eines sich verändernden Rechtsverständnisses immer wieder neu kritisch hinterfragt und beurteilt werden, gäbe es keinen Fortschritt.
Das beantwortet auch die gelegentlich gestellte Frage, ob man »solche Bücher« heute noch wieder neu veröffentlichen dürfe. Man darf es nicht nur - man muss es. Denn nur anhand von originalen Quellen lässt sich die Geschichte wirklich erfassen und begreifen. Hinzu kommt, daß ein naiver, gutmeinender Respekt vor anderen Kulturen schnell dazu führen kann, daß man verdrängt, daß gerade auch viele »indigene Kulturen« in keiner Weise den heutigen Vorstellungen von einer guten Gesellschaft entsprechen. Wer sich über die Taten der Kolonialherren echauffiert, sollte nicht vergessen, daß Krieg, Unterdrückung und Chauvinismus auch gerade Frauen gegenüber selbstverständliche Bestandteile vieler indigener Kulturen waren. Der Umgang mit den Bewohnern der Nachbarinseln im Bismarck-Archipel durch die dort lebenden »Ureinwohner« war ja nicht friedlicher oder zivilisierter als das Vorgehen der deutschen Kolonialbeamten.
Und gerade wer heute meint, »Raubkunst« müsse ihren früheren Eigentümern zurückgegeben werden, muss sich mit den Ereignissen beschäftigen, die dazu führten, daß Exponate entlegener Kulturen in europäischen Völkerkundemuseen gelandet sind und oft bis heute dort ausgestellt werden. Nur am Rande sei dabei angemerkt, daß nicht selten diese Exponate schon längst nicht mehr existieren würden, wären sie nicht nach Europa oder Nordamerika verbracht worden. Und last but not least war die Aneignung fremder Kulturschätze und ihre Ausstellung in Museen schon immer ein wichtiges Mittel des Austausches zwischen den vielen verschiedenen Kulturen der Menschheit.
Eine Welt, in der Lüppertz-Skulpturen nur in Deutschland, Rubens-Gemälde nur in Holland oder Picasso-Grafiken nur in Spanien aufbewahrt werden dürften, weil alles andere ja eine inakzeptable Aneigung fremder Kulturgüter wäre, sie wäre eine arg verarmte kulturelle Welt. Ganz von der Frage abgesehen, wo denn bitte der »rechtmäßige Platz« für einen Picasso wäre - in seinem Geburtsland Spanien oder seinem Exil und überwiegenden Lebensmittelpunkt Frankreich? Und was sollte dann erst mit Dürer-Grafiken geschehen, gehören die nach Deutschland - obwohl es ein »Deutschland« zu Lebzeiten Dürers noch gar nicht gegeben hat? Müssten sie in fränkischen Museen zusammengesammelt werden, und wäre ein Dürer, der in einem Kölner Museum hängt, nicht objektiv betrachtet »geraubtes Kulturgut«?
Auch mit permanenten Wanderausstellungen des Weltkulturerbes käme man diesem Problem nicht wirklich bei.
T.F.R.
Heinrich Albert Schnee wurde 1871 als Sohn eines Landgerichtsrats in Neuhaldensleben (heute Sachsen-Anhalt) geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er Jura in Heidelberg, Kiel und Berlin, und wurde 1893, also im Alter von 22 Jahren, als Jurist promoviert.
Vier Jahre später erhielt er eine Anstellung im Auswärtigen Amt. 1898, gerade einmal 27 Jahre alt, wurde er als Richter und stellvertretender Gouverneur in die Kolonie Deutsch-Neuguinea versetzt. Im Jahr 1900 wechselte er als Bezirksamtmann und stellvertretender Gouverneur nach Deutsch-Samoa.
1904 kehrte er als Legationsrat in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes wieder nach Berlin zurück. 1905 wurde er Kolonialbeirat an der deutschen Botschaft in London, 1906 Vortragender Rat, 1907 Dirigent und ab 1911 Ministerialdirektor sowie Leiter der politischen und Verwaltungsabteilung im Reichskolonialamt Berlin. Von 1912 bis Ende 1918 war Schnee Gouverneur der Kolonie Deutsch-Ostafrika.
Nach Beginn des Ersten Weltkriegs scheiterte der britische Versuch, Deutsch-Ostafrika zu besetzen, am erfolgreichen Widerstand der deutschen Kolonialtruppen unter Oberstleutnant Paul von Lettow-Vorbeck. Gemäß den Waffenstillstandsbedingungen von Compiègne (Vertrag von Versailles) legte die Schutztruppe dann aber am 25.November 1918 ihre Waffen nieder, wurde interniert und ab Januar 1919 nach Deutschland abtransportiert. Die Überführung der militärisch ungeschlagenen Schutztruppe in die Heimat gehörte zu den wenigen Zugeständnisse der Siegermächte im Waffenstillstandsabkommen. Am 2.März 1919 zogen Lettow-Vorbeck und Schnee an der Spitze ihrer Truppen durch das Brandenburger Tor in Berlin ein.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Schnee für die Deutsche Volkspartei (DVP) in den Reichstag gewählt. 1925 wurde er zum Dr.rer.pol.h.c. der Universität Hamburg ernannt. 1932 trat Schnee aus der DVP aus, Ende 1932 wurde er in der deutschen Presse zeitweilig als möglicher Reichskanzler diskutiert. Von 1933 bis 1945 gehörte er der NSDAP an und wurde von Adolf Hitler erneut als Abgeordneter für den Reichstag bestimmt.
Schnee wurde auch international als führender Repräsentant der deutschen Kolonialinteressen angesehen und wurde unter anderem zu Vortragsveranstaltungen in die Vereinigten Staaten und ins europäische Ausland eingeladen. Sein Ansehen führte 1932 zur Berufung in die Mandschurei-Kommission des Völkerbundes (sog. Lytton-Kommission), die angesichts des militärischen Konflikts zwischen China und Japan um den Einfluss in der Mandschurei Verhandlungen mit den beiden Mächten führte und dem Völkerbund Bericht erstattete.
1926 wurde Schnee Präsident des Bundes der Auslandsdeutschen (BdA). Der BdA verlor nach Schnees Absetzung im Mai 1933 und dem Übergang großer Teile zur Auslandsorganisation der NSDAP im Zuge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten seine Bedeutung. Im Mai 1933 übernahm Schnee den Vorsitz der »Deutschen Gesellschaft für Völkerbundfragen«, die die Nachfolgeorganisation der »Deutschen Liga für Völkerbund« war. Die Tätigkeit der Gesellschaft kam nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund im Oktober 1933 zum Erliegen. Sie existierte jedoch unter dem Namen »Deutsche Gesellschaft für Völkerrecht und Weltpolitik« bis 1945 fort und befasste sich vor allem mit völkerrechtlichen Studien.
1941 erhielt er den »Adlerschild des Deutschen Reiches«, eine unter Reichspräsident Friedrich Ebert 1922 gestiftete nichttragbare Auszeichnung des Deutschen Reichs. Es handelte sich um die höchste Ehrenwürde während der Weimarer Republik, die aber auch noch im »Dritten Reich« verliehen wurde. Insgesamt wurden etwa 65 Personen ausgezeichnet.
Zwischen 1930 bis 1936 war Schnee der letzter Präsident der »Deutschen Kolonialgesellschaft«, die dann im »Reichskolonialbund« aufging. Von 1933 bis 1945 war er Präsident der »Deutschen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft«, einer Unterorganisation des BdA. Von den Alliierten wurde wegen seines NSDAP-Mandats im Reichstag zunächst als belastet eingestuft und konnte nach dem Zweiten Weltkrieg seine Arbeit nicht mehr aufnehmen.
Im Juni 1949 starb Heinrich Schnee im Alter von 78 Jahren bei einem Autounfall in Berlin.
T.F.R.
Schon seit dem 18.Jahrhundert begleiteten deutschsprachige Reisende Forschungsexpeditionen in die Südsee, und Händler aus den deutschsprachigen Ländern Europas versuchten, in der Südsee Handel zu treiben. Besonders bekannt wurde dabei der Hamburger Kaufmann Johan Cesar Godeffroy. 1857 gründete er eine Niederlassung auf den Samoainseln, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht von europäischen Nationen kolonisiert oder durch »Schutzverträge« unterworfen waren.
Godeffroys Station Apia auf Samoa war für seine Zwecke perfekt gelegen, denn seine Schiffe verkehrten unter anderem zwischen den Häfen Melbourne (Australien), San Francisco (USA) und Valparaíso (Chile). Ausgehend von Samoa baute die Firma ein Handelsnetz auf, das schließlich aus 45 Stationen bestand und die Tonga-, Salomon- und Marshallinseln sowie die später »Bismarck-Archipel« genannten Inselgruppen nordöstlich der Insel Neuguinea umfasste.
Wichtigster Handelsartikel war Palmöl, das zunächst flüssig in Fässern, später dann als Kern der Kokosnuss (»Kopra«) ausgeführt wurde. Zur Erweiterung der einheimischen Produktion ging das Unternehmen zum Plantagenanbau über und holte dafür Arbeiter aus Asien auf die Südsee-Inseln. Das führte zu Problemen durch den Import von bisher dort unbekannten Krankheitserregern und auch durch den Verkauf von Alkohol, der zum Niedergang der alten kulturellen Traditionen beitrug.
Godeffroy förderte auch Wissenschaftler und organisierte zahlreiche Forschungsreisen. 1861 gründete er in Hamburg das Museum Godeffroy und gab eine ethnologische Zeitschrift (»Journal des Museum Godeffroy«) heraus. 1879 wurde das Handelshaus Joh.Ces.Godeffroy & Sohn, mittlerweile weltweit tätig, insolvent. Die Südsee-Aktivitäten wurden an die neu gegründete »Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft« (DHPG) abgetreten, die später an das Londoner Bankhaus Baring Brothers verpfändet wurde.
Reichskanzler Otto von Bismarck hielt aus nationalem Interesse ein Eingreifen des Deutschen Kaiserreichs für notwendig.. Er forcierte die Gründung einer Rettungsgesellschaft und legte 1880 dem deutschen Reichstag einen Vertrag vor, der eine staatliche Garantie beinhaltete, die Samoa-Vorlage. Der Bundesrat stimmte der Vorlage am 15.April 1880 zu, der Reichstag lehnte sie am 27.April aber ab. Trotzdem kann die Samoa-Vorlage als der Beginn der offiziellen deutschen Kolonialpolitik unter Bismarck betrachtet werden, der grundsätzlich dem Erwerb von Kolonien immer sehr skeptisch gegenüber stand, da er koloniale Aktivitäten für eine Ablenkung von den wirklich wichtigen außenpolitischen Interessen des Deutschen Kaiserreichs ansah und seine Politik auf die Ausgleichs- und Gleichgewichtspolitik im Spannungsfeld der rund um Deutschland positionierten europäischen Großmächte konzentrieren wollte.
Bis dahin prägten die Südseepolitik des 1871 gegründeten Deutschen Reiches mehr diplomatische als koloniale Züge. 1876 war z.B. ein Freundschaftsvertrag mit dem Inselstaat Tonga zustande gekommen. Rufe nach »Reichsschutz« stießen bei Bismarck zunächst auf Zurückhaltung, obwohl sich zunehmend staatliche Interventionen ankündigten.
1878 hatte der deutsche Korvettenkapitän Bartholomäus von Werner, der mit der Korvette SMS »Ariadne« eine Weltumfahrung durchführte, die das Schiff auch intensiv in die Gebiete der »Südsee« (Melanesien, Polynesien, Mikronesien) führte, auf den Inseln Makada und Mioko im späteren Bismarck-Archipel gewisse Rechte an Häfen erworben. Die Inseln kamen formal aber erst 1884/85 unter deutsche Herrschaft.
In Mikronesien über nahm 1886 der erste »Kaiserliche Kommissar« Wilhelm Knappe die Marshall-Inseln offiziell für das Deutsche Kaiserreich, nachdem schon am 15.Oktober 1885 auf der Insel Jaluit die deutsche Flagge als Zeichen der Besitznahme gehisst worden war. Von 1894 bis 1897 war dann Georg Irmer »Landeshauptmann« der Deutschen Marshallinseln. 1906 wurden die Inseln offiziell Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea.
Im Ersten Weltkrieg besetzte nach der Kriegserklärung Japans an Deutschland (23.August 1914) die japanische Marine im September und Oktober 1914 die unverteidigte Inselgruppe und begann sofort, Militärbasen zu errichten und die Bewirtschaftung der Inseln zu übernehmen. Nach dem Ende des Krieges wurde Japan im Rahmen des japanischen Südseemandats vom Völkerbund offiziell mit der Verwaltung der Inseln betraut.
Die Situation auf der polynesischen Inselgruppe Samoa war 1879 durch innersamoanische Konflikte im Streit um die Nachfolge des Königs Susuga Malietoa dominiert. 1879 griffen die drei an Samoa »interessierten Mächte« (»Three Powers« - England, USA, Deutschland) in diese Streitigkeiten ein, um dem von ihnen bevorzugten Anwärter auf die Königswürde Malietoa Talavou im Kampf um die Macht zum Sieg zu verhelfen. Am 2.September 1879 erklärten die drei Mächte Apia und das die Stadt umgebende Gebiet zur neutralen Zone unter der gleichberechtigten, gemeinsamen Verwaltung der Konsuln dieser Staaten. Diese Verwaltung hatte die Aufgabe, den Handel der Europäer zu schützen und die Beziehungen zwischen Europäern und Samoanern zu regulieren.
Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck ließ am 14.April 1880 eine Gesetzesvorlage, die »Samoa-Vorlage«, in den Reichstag einbringen, nach der das Deutsche Reich der Disconto-Gesellschaft und weiteren Investoren eine auf 4,5% festgesetzte Zinsrate garantieren sollte, um das vor allem infolge seiner Unternehmungen in Samoa bankrotte Handelshaus Joh. Ces. Godeffroy & Sohn übernehmen zu können.
Wie schon erwähnt, lehnte die Mehrheit im Reichstag lehnte die Vorlage ab. Der »Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee-Inseln zu Hamburg« (DHPG) gelang es aber auch ohne Rückhalt aus der Politik, mit Kapital privater Investoren die samoanischen Besitzungen von Joh. Ces. Godeffroy & Sohn mit ihren ausgedehnten Kokospalmenplantagen und Handelsposten zu übernehmen. 1877 kontrollierte die DHPG fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Anbaufläche Samoas.
Im März 1881 setzten die drei Mächte den vor allem von England unterstützten Malietoa Laupepa als Nachfolger des am 9. November 1880 verstorbenen Malietoa Talavou als »Vertragskönig« ein, der von den Deutschen unterstützte Tupua Tamasese Titimaea sowie der zumindest anfangs von den USA unterstützte Mata’afa Iosefo opponierten dagegen. Eine »Samoa-Konferenz« von Vertretern der USA, Englands und Deutschlands in Washington im Juli 1887 verlief ergebnislos, da England und die USA nicht bereit waren, ein deutsches »Mandat«, also eine de-facto-Kolonialherrschaft über Samoa anzuerkennen.
Seit 1880 kämpften verschiedene Mata’i (»Familienoberhäupter«) um die Herrschaft auf Samoa, wo es traditionell kein zentrales Königshaus gab. Die Konflikte zwischen den lokalen Mächtegruppierungen und ihren jeweiligen ausländischen »Schutzmächten« führten 1887-1889 und 1893/94 zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
Nach einer Schlägerei auf einer Kaisergeburtstagsfeier am 22.März 1887 in Apia zwischen Europäern und samoanischen Ehrengästen, darunter Anhängern des Malietoa Laupepa, ließ der deutsche Konsul Heinrich Becker Laupepa verhaften und am 17.Juli 1887 über Kamerun und Hamburg nach Jaluit (Marshall-Inseln) deportieren. Becker setzte Tupua Tamasese Titimaea als »Vertragskönig« und stellte ihm den Artillerieleutnant Eugen Brandeis als Ratgeber zur Seite. Am 24.August 1887 besetzte deutsche Marineinfanterie Apia. Tupua Tamasese wurde unter dem Salut deutscher Kriegsschiffe zum König gekrönt.
In der Nacht vom 8. zum 9.Januar 1889 zerstörte ein vermutlich von Anhängern Mata’afas unter der Führung des Amerikaners John Klein gelegter Brand das deutsche Konsulat und einen großen Teil Apias. Nachdem der deutsche Konsul Wilhelm Knappe am 19.Januar 1889 eigenmächtig das Kriegsrecht verhängte und der Kommandant des Kanonenbootes SMS »Adler« das militärische Oberkommando in Apia übernahm, drohten der englische und amerikanische Konsul mit Gegenmaßnahmen.
Knappe wurde vom Reichskanzler Bismarck von seinem Posten abberufen. Bismarck lehnte Knappes Forderung nach sofortiger Annektion der Samoa-Inselns als »Ab irato (im Zorn) gehandelt« ab. Knappes Nachfolger wurde Oscar Wilhelm Stübel. Auch die Amerikaner beriefen ihren Konsul sowie ihren militärischen Befehlshaber, den Kommandanten der Korvette USS »Adams«, ab.
Am 8.November 1889 entschärften die drei Mächte den Konflikt und setzten den Malietoa Laupepa wieder als König ein. In der angespannten Situation wäre es vermutlich zu militärischen Zusammenstößen zwischen Deutschland, den USA und England gekommen, hätte nicht in der Nacht vom 15. auf den 16.März 1889 ein schwerer Zyklon (tropischer Wirbelsturm) mehrere der ausländischen Kriegsschiffe zerstört oder schwer beschädigt. In Folge der Naturkatastrophe kehrten die drei Mächte wieder an den Verhandlungstisch zurück.
Auf einer Konferenz in Berlin im Juni 1889 wurden die Streitigkeiten durch die »Samoa-Akte« zunächst beigelegt. Ein formal unabhängiges Königreich Samoa wurde gegründet, das unter gemeinsamer Verwaltung Englands, Deutschlands und der USA stand. Die Justiz sollte künftig in der Hand Englands und der USA liegen, während dem »Munizipalrat« ein deutscher Beamter vorstand. Erster »Munizipalpräsident« wurde Arnold Freiherr Senfft von Pilsach. Dieses »Tridominium« funktionierte zunächst mehr schlecht als recht bis 1899.
1899 wurde mit dem »Samoa-Vertrag« (»Tripartite Convention«) die Inselgruppe Samoa schließlich zwischen Deutschland (westliche Inseln) und den USA (östliche Inseln) aufgeteilt, Großbritannien verzichtete auf seine Ansprüche, wofür Deutschland wiederum auf jegliche Ansprüche auf die benachbarten Tonga-Inseln verzichtete, sowie auf alle Inseln der Salomonen-Inseln südöstlich von Buka und Bougainville. Gleichzeitig wurde in Westafrika die sogenannte »Neutrale Zone« (Salaga-Gebiet) zwischen der deutschen Kolonie Togo und der britschen »Goldküste« (heute Ghana) aufgeteilt. Außerdem gab Deutschland seine exterritorialen Rechte an der Insel Sansibar vor der ostafrikanischen Küste auf.
Im selben Jahr wurde dem deutschen Staatsmann Wilhelm Solf, wahrscheinlich von britischer Seite, vorgeschlagen, sich auf den Posten des Munizipalpräsidenten zu bewerben. Er traf am 3.Mai 1899 auf Samoa ein und wurde am 6.August 1899 in das Amt gewählt.
Mit einem Erlass vom 17.Februar 1900 wurden die Samoa-Inseln westlich des 171.Längengrades westlicher Länge unter »deutschen Schutz« gestellt, am 1.März 1900 wurde auf der Halbinsel Mulinu’u bei Apia als Zeichen der Inbesitznahme Westsamoas die Reichsflagge gehisst. Die erste Amtshandlung des neuen Gouverneurs Wilhelm Solf war die Abschaffung der Königsherrschaft und die Einsetzung Mata’afa Iosefos, der in der Bevölkerung viele Unterstützer hatte, zum »Ali’i Sili« (Höchster Häuptling). Mata’afa wurde eine Honoratiorenversammlung (»Faipule«) zur Seite gestellt, die sich aus den lokalen Distriktvorstehern und Vertretern renommierter samoanischer Familien zusammensetzte.
Bereits 1903 sah sich Solf mit heftigen Angriffe aus den Reihen der deutschen Siedler konfrontiert, die seine Amtsführung kritisierten, insbesondere da sich die Erwartungen der kleinen Zahl der deutschen Einwanderer auf schnelle und einfache Profite nicht erfüllte. Der Konflikt war auch ein Interessenskonflikt zwischen der »Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft« und den aus Deutschland eingewanderten kleineren Plantagen-Betreibern. Erst Ende 1904 konnte Solf seine Position auf den Samoa-Inseln endgültig festigen.
1904 gründete der Halbsamoaner Pullack, Sohn eines deutschen Zollbeamten aus Apia, eine samoanische Kopra-Handelsgesellschaft, die »Oloa-Bewegung« oder »Cumpani«, mit der die Samoaner sich aus der ökonomischen Abhängigkeit der Deutschen lösen wollten. Der Angriff auf das deutsche Handelsmonopol war natürlich eine Gefahr für die wirtschaftlichen Grundlagen der Kolonialmacht.
1909 kam es zum sogenannten »Mau-Aufstand«, der sich nicht grundsätzlich gegen die deutsche Kolonialherrschaft richtete, welche durchaus Befürworter in Teilen der einheimischen Bevölkerung hatte. Ziel war die Ablösung Mata’afa Iosefos durch Malietoa Tanumafili I. (1879–1939).
Der Erste Weltkrieg beendete die deutsche Kolonialherrschaft über die Inseln schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn im August 1914 ohne militärische Auseinandersetzungen, die deutsche Verwaltung begab sich nach Pago Pago (Amerikanisch-Samoa) und wurde dort interniert.
Wegen eines gewachsenen Bedarfs an Plantagenarbeitern begannen in den frühen 1880er Jahren sowohl die britische Kolonie Queensland als auch die europäischen Grundbesitzer auf Samoa, einheimische Bewohner des Neubritannien- und Salomonen-Archipels als Zwangsarbeiter auf ihre Plantagen zu bringen.
Aufgrund des Infolge des handelspolitischen Interessenskonflikts zwischen australisch-britischen und deutschen Kaufleuten verfügte die britische Kolonie Queensland (in Ost-Australien) im April 1883 mit der Annexion aller nicht durch die Niederlande beanspruchten Landmassen Neuguineas (also der Hauptinsel östlich des 141.Längengrades).
Diese Maßnahme erfolgte ohne Absprache mit dem britischen Kolonialministerium in London und führte in der Folge zu Streitigkeiten zwischen der britischen Regierung und der Kolonialregierung von Queensland. Die Regierung in London ließ den deutschen Botschafter vertraulich wissen, daß man die deutschen Wirtschaftsinteressen im Nord-Osten von Neuguinea und den vor der Küste gelegenen Inseln anerkenne und sich die britischen Aktivitäten auf die Südküste und die dort gelegenen Inseln beschränke.
Erst im September 1884 vollzog die Regierung in London eine Wende und teilte dem Deutschen Kaiserreich mit einer Note mit, Großbritannien gebe nunmehr den australischen Forderungen statt und erhebe auch Gebietsansprüche auf die Nordküste Neuguineas. Die daraus resultierenden Verwicklungen führten im Februar 1885 zu einer Konferenz in London. Auf ihr wurden die Interessenssphären beider Nationen in Ozeanien abgesteckt. Die Ansprüche Großbritanniens auf den Süd- und Ostteil Neuguineas und die Gilbert- und Elliceinseln wurden festgeschrieben. Dem Deutschen Reich fiel das Gebiet des späteren Kaiser-Wilhelms-Lands an der Nordostküste Neuguineas zu, einschließlich der nördlich vorgelagerten Inseln, also des ab 1885 so bezeichneten Bismarck-Archipels. Samoa, Tonga, die Salomonen und die Neuen Hebriden blieben vorerst unabhängig, bis nach den Samoa-Streitigkeiten zwischen England, Deutschland und den USA die bereits beschriebenen Aufteilungen vollzogen wurden. Kaiser-Wilhelms-Land und der Bismarck-Archipel bildeten für das Deutsche Kaiserreich nun das »alte Schutzgebiet« Deutsch-Neu-Guineas, das durch weitere Schritte dann um »neue Schutzgebiete« erweitert wurde.
Als Modell für die Verwaltung des neuen Schutzgebiets diente die Charta der britischen »North Borneo Company«. Die Ausstellung des Schutzbriefes an die »Neuguinea-Kompagnie« (Gründung: Mai 1884) verzögerte sich zunächst wegen Streitigkeiten der verschiedenen in der Region aktiven Handelshäuser. Mit Übernahme der »landeshoheitlichen Rechte« durch die »Neuguinea-Kompagnie« mit dem Schutzbrief vom 17.Mai 1885 konnte die Gesellschaft dann das Gebiet autonom verwalten, unbesiedeltes Gelände in Besitz nehmen und eigenständig Landkäufe tätigen. Die Regelung der Beziehung zu fremden Mächten blieb der kaiserlichen Regierung vorbehalten. Im Gegenzug übernahm die Kompagnie die Verpflichtung zur wirtschaftlichen Nutzbarmachung des Gebiets, d.h. zur Errichtung brauchbarer Häfen, der Erkundung des Landesinneren, der Anlage von Versorgungsdepots und der Errichtung einer Rechtsordnung und der Anwerbung deutscher Siedler. Diese Leistungen hatte die Kompagnie ohne finanzielle Zuschüsse des Kaiserreichs zu erbringen.
Zur Durchführung der Verwaltung wurden bis Mai 1888 sogenannte Kompagniebeamte eingesetzt, die den Handels- und Plantagenbau-Niederlassungen der Neuguinea-Kompagnie vorstanden, als Zoll- und Steuerbeamte fungierten und richterliche Funktionen versahen. Höchster Beamter im Schutzgebiet war der Landeshauptmann.
Im Frühjahr 1888 kam es zu einem schweren Vulkanausbruch, bei der ein großer Teil der vorgelagerten Ritter-Insel versank und durch einen darauf folgenden Tsunami über 3.000 Menschen starben. Die nächste Katastrophe folgte im Jahre 1891, als Neu-Guineas Hauptstadt Finschhafen aufgrund einer Malariaepidemie aufgegeben werden musste. 1901 wurde Finschhafen allerdings wieder neu errichtet.
Aufgrund einer drohenden Insolvenz der Neuguinea-Kompagnie war das Deutsche Reich gezwungen, im Oktober 1898 die Hoheitsrechte für die Kolonie Kaiser-Wilhelms-Land zurückzukaufen. Ab dem Jahr 1899 verwaltete das Kaiserreich die Kolonien als Teil von Deutsch-Neuguinea. Die Position des früheren Landeshauptmanns übernahm ein kaiserliche Gouverneur. Dieser hatte seinen Sitz in Herbertshöhe (Kokopo) auf der Gazelle-Halbinsel im Bismarck-Archipel, dadurch verlor Friedrich-Wilhelmshafen (Madang) seine Stellung als Verwaltungshauptstadt.
Von der direkten Verwaltung versprach sich die Reichsregierung unter anderem eine Stabilisierung der Wirtschaft. Die Hauptausfuhr der Kolonie bestand jedoch weiterhin aus Naturprodukten wie Kautschuk, Kopra und Steinnüssen. Insbesondere Kokospalmen wurden auf Plantagen angebaut, dazu »importierten« die deutschen Kolonisten zunehmend chinesische und malaiische Arbeitskräfte.
Nachdem das Deutsche Reich im Streit um die Karolinen-Inseln 1885 zunächst unterlag, erwarb es im Deutsch-Spanischen Vertrag 1899 (in der Folge der spanischen Niederlage im Krieg 1898 gegen die USA, nach der die Philippinen und Guam von den USA annektiert wurden) von die Karolinen- und Palau-Inseln sowie die nördlichen Marianen von Spanien. Der Kaufpreis betrug 25 Millionen Pesetas (knapp 17 Millionen Mark). Auf diese Weise vergrößerte sich das Verwaltungsgebiet Deutsch-Neuguinea in Richtung Norden und Westen.
1905 wurde auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft eine Volkszählung und -einordnung unternommen, deren Ergebnis im »Deutschen Kolonial-Atlas 1906« veröffentlicht wurde. Die damalige Bevölkerung Deutsch-Neuguineas umfasste demnach etwa 200.000 Einheimische und 1.100 Europäer, darunter etwa 700 Deutsche, wobei die Gruppe der »rassisch gemischten« Bevölkerung unbeachtet blieb.
T.F.R.
Dieser Neuausgabe liegen zwei Originale des Buches zugrunde, das 1904 im Verlag Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Berlin, erschienen ist. Zum einen handelt es sich um ein Exemplar aus dem Bestand der Bibliothek des Peabody Museum of Archaeology and Ethnology an der Harvard University (Cambridge, Massachussetts), zum anderen um ein Exemplar der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen aus dem DFG-Projekt »Digitale Sammlung Deutscher Kolonialismus«.
Vor allem bei der Verwendung von alten Büchern, die vom Suchmaschinenanbieter Google digitalisiert wurden, stellt sich regelmäßig das Problem, daß diese Digitalisierungen leider ohne jegliche Qualitätskontrolle erfolgen, so daß häufig Buchseiten entweder fehlen oder ganz oder teilweise unlesbar sind. Auch im »Projekt Gutenberg«, das sich der Neuveröffentlichung rechtefrei gewordener Bücher widmet, gibt es nicht selten erhebliche Qualitätsmängel, so sind manche Texte willkürlich und ohne entsprechenden Vermerk gekürzt.
Durch die Verwendung von möglichst mindestens zwei Original-Werken bemüht sich die Maritime Bibliothek, wirklich vollständige (und vollständig neu gesetzte) Neuausgaben zu schaffen.
Der Text dieses Buches wurde, wie bei allen anderen Neuausgaben der Maritimen Bibliothek auch, vollständig und ungekürzt übernommen. Lediglich offensichtlich Schreib- bzw. Satzfehler sind korrigiert worden. Der Originalausgabe beigefügte Errata sind eingearbeitet, ohne daß dies gesondert vermerkt ist. Die Schreibweise aus der Zeit der Veröffentlichung ist unverändert übernommen, »Bilder aus der Südsee.« ist im Jahr 1904 erstmals veröffentlicht worden, die Rechtschreibung entspricht daher weitestgehend der bis zur letzten »Rechtschreibreform« von 1996.
Fußnoten des Autors finden sich im Original nach dem Muster 1), 2) usw. am Fuß der jeweiligen Seite, in dieser Ebook-Ausgabe am Ende des jeweiligen Kapitels. Einige erklärende Fußnoten des Herausgebers finden sich nach dem Muster a), b) usw. ebenfalls jeweils am Ende des Kapitels.
In der Originalausgabe von 1904 sind Personennamen gesperrt gesetzt, dies wurde in der Neuausgabe aus Gründen besserer Lesbarkeit durch eine Darstellung in Kapitälchen ersetzt.
Die Illustrationen sind aus der Originalausgabe übernommen, sie finden sich aus technischen Gründen nicht exakt an derselben Stelle des Buches wie im Original, aber in etwa im selben Zusammenhang mit dem Text im jeweiligen Kapitel. Auf den Abdruck der im Original enthaltenen Landkarte wurde aus technischen Gründen des Print-on-Demand-Druckverfahrens verzichtet, der Leser hätte nicht wirklich einen Nutzen davon. Stattdessen sind vor dem eigentlichen Buchtext zusammen mit einigen Erläuterungen des Herausgebers mehrere Landkarten enthalten, die die Gebiete Südostasiens, Australiens und der Insulide der Südsee zeigen.
T.F.R.
Ich habe in diesem Buch versucht, eine kurze Darstellung dessen zu geben, was ich während einer nahezu zweijährigen amtlichen Tätigkeit 1898-1900 im Bismarck-Archipel erlebt und beobachtet habe. Mit der Verwaltung und Rechtsprechung in dem östlichen, den Bismarck-Archipel und die Salomonsinseln umfassenden Teil des Schutzgebiets Deutsch-Neu-Guinea betraut, habe ich Gelegenheit gehabt, die Hauptinseln dieses weiten Gebiets zu besuchen und bin in vielfache Berührungen, sowohl freundlicher, wie zum Teil auch feindlicher Natur mit den kannibalischen Stämmen des Archipels gekommen. Neben der Schilderung meiner Fahrten und Züge habe ich versucht, auch einiges zuverlässiges, auf eigenen Wahrnehmungen beruhendes Material über die Gebräuche und Gewohnheiten der Eingeborenen zu geben. Wenn dieses Material verhältnismässig gering erscheinen mag, so beruht dies einmal auf der ungemeinen Schwierigkeit, welche die komplizierten sprachlichen Verhältnisse im Bismarck- Archipel der Forschung bereiten. Sodann war die Natur der Aufgaben, welche mich nach den einzelnen Teilen des Inselgebiets führten, bisweilen solche, dass eingehendefriedliche Erkundungen unter den Eingeborenen ausgeschlossen waren. Endlich habe ich mich darauf beschränkt, nur dasjenige wiederzugeben, was ich für sicher festgestellt halten durfte.
Meine im Bismarck-Archipel gesammelten Notizen haben längere Zeit unbenutzt liegen müssen, da ich zunächst durch eine, mit kurzer Unterbrechung bis Anfang 1903 währende amtliche Wirksamkeit in Samoa verhindert war, mich der Bearbeitung derselben zu widmen. Obwohl jetzt bereits mehrere Jahre verstrichen sind, seit ich den Archipel verliess, habe ich mich doch entschlossen, diese Aufzeichnungen zu veröffentlichen in der Annahme, dass sie einiges enthalten möchten, das noch nicht bekannt oder wenigstens noch nicht zuverlässig bestätigt ist.
Der Bismarck-Archipel gehört mit Neu-Guinea zu den am wenigsten bekannten Gebieten der Erde. Manche Teile des Inselgebiets sind von der Forschung noch wenig berührt, das Innere einiger der grossen Inseln ist noch völlig terra incognita. Auch über diejenigen Teile des Archipels, welche durch Handel oder Arbeiteranwerbung, durch Besuche von Kriegsschiffen oder Regierungsexpeditionen in den Kreis der dem Europäer bekannten Gegenden gezogen sind, gibt es noch keine umfangreiche Literatur. Von rein wissenschaftlichen Werken und Abhandlungen abgesehen, beschränkt sich dieselbe mit wenigen Ausnahmen auf die Veröffentlichungen federgewandter Weltreisender, welche den Archipel flüchtig auf der Durchreise oder im besten Fall durch einen mehrwöchentlichen Aufenthalt kennen gelernt haben. Dass solche Reiseschilderungen, soweit sie sich nicht auf das Selbstgesehene beschränken, keinen Anspruch auf absolute Zuverlässigkeit machen können, bedarf keiner weiteren Erörterung.
Auch in wirtschaftlicher Beziehung hat der Bismarck Archipel, zum Teil wohl gerade infolge der stiefmütterlichen Behandlung in der Literatur, noch nicht entfernt in der Heimat diejenige Beachtung gefunden, welche diesem auf absehbare Zeit neben Samoa aussichtsreichsten Kolonialgebiet Deutschlands in der Südsee zukommt. Möge dieses Buch, in dessen Schlusskapitel die wirtschaftliche Entwicklung des Archipels einer Erörterung unterzogen ist, dazu beitragen, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf das wertvolle Inselgebiet zu lenken.
Bei der Darstellung der Ereignisse ist die zeitliche Reihenfolge nicht streng innegehalten, insbesondere sind der Übersicht halber bei Schilderung der Expeditionen nach den verschiedenen Gegenden des Archipels die früheren Vorkommnisse und der Gang der weiteren Entwicklung in diesen Gebieten kurz mit dargestellt. Hierbei, wie bei dem Rückblick auf die Geschichte der Besiedelung des Archipels sind fast ausnahmslos die Angaben amtlicher Berichte zugrunde gelegt. Die im vierten Kapitel gegebene Liste der Mordtaten der Eingeborenen muss leider noch um zwei Fälle vermehrt werden, welche sich ereignet haben, während dieses Buch sich im Druck befand. Anfang 1904 wurde der australische Schuner a) »Will« in den Admiralitätsinseln von den Eingeborenen genommen und ein Teil der farbigen Besatzung desselben ermordet. Ferner wurde auf der Insel Durour die Station der Firma Hernsheim & Co. überfallen, wobei der Händler Reimers und zwei Chinesen getötet wurden.
Einen Beitrag über Fauna und Flora des Archipels (Kapitel 16) dem Buch hinzuzufügen, hat mein Bruder, Dr. med. Paul Schnee in Grosslichterfelde, früher Regierungsarzt auf den Marshallinseln, sich bereit finden lassen, der im Jahre 1896 als Schiffsarzt des Norddeutschen Lloyd den Bismarck-Archipel wiederholt berührt und dabei auch Gelegenheit zu eigenen Beobachtungen gefunden hat.
Die Abbildungen sind nach Originalaufnahmen angefertigt, welche mir von Seiten im Archipel lebender Herren freundlichst zur Verfügung gestellt sind. Die Mehrzahl derselben ist von dem Administrator der Neu- Guinea-Kompagnie in Herbertshöhe Herrn Geisler hergestellt, einige rühren von Herrn Thiel, Teilhaber der Firma Hernsheim & Co. in Matupi, Herrn Missionar Fellmann in Raluana und Herrn Privatdozenten Dr. Pflüger in Bonn her. Ich verfehle nicht, den genannten Herren auch in dieser Stelle meinen verbindlichsten Dank auszusprechen.
Auf der am Schlusse des Werkes beigefügten Karte sind die im Buche beschriebenen Fahrten ersichtlich gemacht. Auf der Karte finden sich bezüglich der Schreibweise einzelner Namen geringfügige Abweichungen von der im Text angewandten, da in ersterer an der für Karten angenommenen Konsonantenbezeichnung, z.B. is für z, festgehalten ist, während im Text die Namen in der im Archipel meist gebräuchlichen Art geschrieben sind. Eine Beseitigung dieser Unstimmigkeiten liess sich, da bei Hervortreten derselben ein Teil des Buches schon gedruckt war, nicht mehr herbeiführen.
Berlin, im Mai 1904.
Der Verfasser.
a) Schuner - unübliche Bezeichnung für den Segelschiffstyp des Schoners, einem Schiff mit zwei oder mehr Masten, an denen keine Rahsegel, sondern nur Gaffelsegel geführt werden, und das daher mit vergleichsweise kleiner Besatzungsstärke gefahren werden kann.
Nach mehrwöchentlichem Aufenthalt auf Java trat ich im November 1898 von Batavia aus mit dem Dampfer »Stettin« des Norddeutschen Lloyd, Führer Kapitän Krebs, die Weiterreise nach dem Bismarck- Archipel an. Unterwegs wurden Samarang auf Java, wo wir einige hundert für die Plantagen der Neu-Guinea-Kompagnie in Kaiser-Wilhelmsland bestimmte javanische Kulis an Bord nahmen, ferner Makassar auf Celebes und die lieblichen Molukkeninseln Amboina und Banda angelaufen.
Fast zwei Wochen, nachdem wir Batavia verlassen hatten, näherten wir uns der grössten Insel der Welt, welche wohl eher ein Kontinent genannt zu werden verdient — Neu-Guinea. In der Ferne tauchten gewaltige Gebirgsketten auf, welche sich bläulich schimmernd von dem helleuchtenden Tropenhimmel abhoben. Beim Näherkommen verschwand diese Färbung, dafür erschien das Ganze, Flachland wie Gebirge, von einem gleichmässigen dunklen Grün bedeckt. Das Land macht mit seinen hochragenden Gebirgen und dem undurchdringlichen Urwald, der auch kein Fleckchen frei lässt, einen erhabenen und gleichzeitig düsteren Eindruck. Wir konnten den Anblick voll geniessen, da wir während eines grossen Teiles der Reise ziemlich nahe an der Küste, zunächst des holländischen — westlichen — Teiles der Insel, entlang fuhren. Abgesehen von vereinzelten, aus dem Urwald aufsteigenden Rauchwölkchen, welche wohl von Herdfeuern der Eingeborenen herrührten, war auch nicht das geringste Zeichen zu entdecken, das die Anwesenheit von Menschen hätte vermuten lassen. Wohin das Auge blickte, war das Land bis hoch in die Gebirge hinein mit Urwald wie mit einem gewaltigen grünen Tuch überdeckt. Nur vereinzelt wechselte der »Busch«, wie man im deutschen Schutzgebiet allgemein den Urwald nennt, mit Grasflächen ab. Von weitem erinnern diese Grasflächen bisweilen lebhaft an unsere heimischen Wiesen. Ich sollte indessen später mit Enttäuschung die nähere Bekanntschaft dieser anscheinend lieblichen Wiesen machen. Tatsächlich sind es Graswildnisse, deren Gräser, Alang alang genannt, bis zu anderthalbfacher Mannshöhe emporragen und einem Vordringen des Menschen erheblichsten Widerstand entgegensetzen, daneben noch der Luft fast jeden Durchzug verwehrend.
Der holländische Teil lag hinter uns, wir fuhren nun an der Küste des deutschen — nordöstlichen — Teiles entlang, der den stolzen Namen »Kaiser-Wilhelmsland« trägt. Auf der Karte finden sich hier mannigfaltige Namen —hafen, —huk, —point, —spitze usw. verzeichnet, doch in der Natur späht man vergeblich nach den Zeichen der Kultur aus, auf welche die vielen europäischen Namen hinzudeuten scheinen. Die paar Kanakerdörfchen 1), die bisweilen von fern sichtbar werden, verschwinden fast gegenüber der erdrückenden Masse des Urwaldes.
Endlich, am 5.Dezember, wurde der erste Anlaufplatz des Dampfers in dem Schutzgebiet der Neu-Guinea-Kompagnie erreicht, Berlinhafen, dessen Hafeneigenschaften allerdings für ein Laienauge schwer erkennbar sind. Es erscheint eher als eine offene Bucht mit ein paar Inselchen darin. Von letzteren lösten sich bei unserem Näherkommen eine Anzahl von Eingeborenenkanus und einige Boote ab. Unser Schiff war bald von einer Menge Kanus mit nur mit Lavalava (Hüfttüchern) bekleideten schwarzen Kerlen umringt, welche mit ihren hohen Haarschöpfen, durchbohrten Nasen und Ohren und ihrem aufgeregten Schreien und Gestikulieren einen so wilden Eindruck machten, dass unsere Javanen, die dagegen äusserst zart und zivilisiert aussahen, ganz ängstlich diese merkwürdigen orang (malaiisch: Menschen) anschauten. Bald darauf erschienen auch die katholischen Missionare von dem kleinen Inselchen Tumleo (früher Tamara genannt) an Bord, um die für sie angekommenen Gegenstände abzuholen. Unglücklicherweise kenterte das eine beladene Boot beim Landen in der starken Brandung, wobei ein Teil des Proviants verloren ging. Die Missionare haben hier einen harten Kampf zu bestehen, es gehört Aufopferungsfähigkeit und Ausdauer im höchsten Masse dazu, um in dieser Fiebergegend und unter diesen schwer erziehbaren Eingeborenen nicht den Mut zu verlieren.
Wir fuhren an Land und besichtigten die hübschen Holzhäuser und Anlagen der sechs Missionare, welche neben einer Anzahl in mehreren kleinen Dörfchen verteilter Eingeborener die Insel Tumleo bewohnten. Die Insel war, abgesehen von den von den Missionaren geklärten Plätzen mit dichtestem Urwald bestanden, von dem man gerade nur soviel niedergelegt hatte, als für die erbärmlichen Hütten der Eingeborenen notwendig war.
Auf Seleo, dem anderen Inselchen, dem wir alsbald einen Besuch abstatteten, hatte die Neu-Guinea-Kompagnie ein Lager zur Versorgung von Händlerstationen mit Tauschartikeln unter Aufsicht eines Beamten angelegt, der daneben einen Teil der Insel mit Kokosnussbäumen bepflanzt hatte. Im ganzen enttäuschte uns Berlinhafen, da wir etwas mehr als diese minimalen Anlagen doch erwartet hatten.
Weiter ging es immer an der Küste von Kaiser-Wilhelmsland entlang. Überall war Urwald und Gebirge und wieder Urwald, bisweilen durch Grasflächen unterbrochen. Wir kamen am 6. Dezember nach Friedrich-Wilhelmshafen, einem sicheren, herrlich gelegenen Hafen. Der Ort war damals seiner ungesunden Lage wegen halb aufgegeben, ist aber später wieder zu einer Hauptstation der Neu-Guinea-Kompagnie und zum Sitz des Bezirksamtmanns für Kaiser-Wilhelmsland erhoben worden. Wir gingen an Land und fuhren auf gutem Wege eine Stunde weit ins Innere, nach Jomba, wo die Neu-Guinea-Kompagnie früher Plantagen gehabt hat. Landschaftlich war die Fahrt sehr schön, aber von irgend welchen Kulturarbeiten war wenig genug zu erblicken. An dem Platze, wo früher die Pflanzungen gestanden hatten, wucherte schon wieder haushohes Gestrüpp. In dem geräumigen Lagerhaus in Friedrich-Wilhelmshafen lagerten in grösserer Anzahl Maschinen und Geräte, zum Teil schon verrostet.
Am selben Tage vor Anbruch der Dunkelheit verliess die »Stettin« Friedrich-Wilhelmshafen, da schon eine Nacht in dem Hafen des Malariafiebers wegen als verderblich galt. Am folgenden Morgen trafen wir in Erimahafen ein, welches in Wirklichkeit kein Hafen, sondern nur eine geschützte Reede ist. Wir fuhren an Land, von dort per Ochsenkarren auf dem von der Neu-Guinea-Kompagnie angelegten Schienenweg in mehrstündiger Fahrt durch prachtvollen Urwald, viel von grossen bunten Schmetterlingen umgaukelt, nach Stephansort. Nach einem Festessen, das uns zu Ehren von den Beamten der Kompagnie in dem kleinen Klubhaus in Stephansort veranstaltet wurde, besichtigten wir mit dem Landeshauptmann Skopnik zusammen, der in liebenswürdiger Weise die Führung übernahm, die umfangreichen Plantagen der Kompagnie in Stephansort, auf denen damals in erster Linie Tabak gebaut wurde. Leider hat der Tabakbau nicht die erhofften Erfolge gezeitigt und ist später, 1902, wieder aufgegeben worden.
Nach zweitägigem Aufenthalt, den wir zu verschiedenen Besichtigungen der Pflanzungen und ansehnlichen Viehbestände der Kompagnie in Stephansort benutzten, ging es auf der »Stettin« weiter nach der Langemakbucht bei Finschhafen, das seiner Zeit aufgegeben worden war, nachdem eine grössere Anzahl von Europäern dort hintereinander gestorben waren. An der Langemakbucht befand sich eine Station der protestantischen Neuendettelsauer Mission, auf der zwei deutsche Missionare ein anscheinend recht beschwerliches Dasein führten. Ausserdem hatte sich dort der ungarische Professor Birolaios auf längere Zeit zu Forschungszwecken niedergelassen. Unsere Absicht, einen Ausflug an Land zu machen, gaben wir auf, da nach Auskunft der Missionare kein für Europäer gang barer Pfad vorhanden sein sollte. An Stelle dessen machten wir mit Erlaubnis unseres liebenswürdigen Kapitäns ein Boot klar und fuhren in den hier mündenden Bubuifluss hinein. Nach halbstündiger Fahrt auf klarem grünem Wasser inmitten des auf beiden Seiten wie Mauern emporragenden Urwaldes drangen wir in einen ganz schmalen Nebenfluss ein, uns förmlich unter den Bäumen und Schlingpflanzen durchwindend. Nur eine kurze Strecke noch und wir befanden uns vor einem allerliebsten kleinen Wasserfall, der in der üppigen Pflanzenumgebung sich wunderhübsch ausnahm. Nach einem erfrischenden Bade in der klaren kühlen Flut ging es zurück zur »Stettin«, welche kurz nach unserer Rückkehr die Anker aufhob und die Weiterfahrt nach Herbertshöhe auf Neupommern antrat.
Am Morgen des 11. Dezember 1898 bei Sonnenaufgang fuhr die »Stettin« in den Hafen oder vielmehr die Reede von Herbertshöhe ein. Der Anblick, der sich uns bot, war wundervoll. Rechts von uns glänzten die »Mutter« mit der »Südtochter« und der »Nordtochter« auf ihren beiden Seiten — so heissen die drei erloschenen Vulkane, welche auf der einen Seite die Blanchebucht begrenzen — gerade vor uns erstreckte sich die liebliche Blanchebai mit ihren Kokosnussplantagen, aus denen die weissen Häuser der Pflanzer weit hervorleuchteten, hinter uns wurde die Szenerie durch die hohen zackigen Berge Neumecklenburgs abgeschlossen, welche im Licht der Morgensonnebläulichviolett schimmerten. Es ist ein grandioser Anblick, der sich wohl den schönsten auf der Welt an die Seite stellen kann.
Allmählich lösten sich Boote vom Land, es erschienen die Leiter und Angestellten der Neu-Guinea-Kompagnie und der übrigen Firmen, endlich auch der Kaiserliche Richter Dr.Hahl 1), der nach dreijähriger Wirksamkeit im Bismarck-Archipel seinen Heimatsurlaub antreten sollte und zu dessen Ablösung ich bestimmt war. Wir fuhren zusammen an Land und kletterten den Hügel empor, auf welchem das bisher zur Wohnung für den Richter bestimmte primitive kleine Häuschen lag. Die vier Tage, welche die »Stettin« in Herbertshöhe und in Matupi, einer kleinen in der Blanchebucht belegenen Insel, Sitz der Firma Hernsheim & Co., sich aufhielt, vergingen schnell in Besprechungen, Besuchen, Vorstellungen der hauptsächlichsten Häuptlinge, welche zu Ehren des scheidenden Kukurei (Richters) ein grosses Malagene (Tanzfest, pidginenglisch Singsing) veranstaltet hatten. Die wenigen für die Verwaltung zur Verfügung stehenden Hilfsmittel waren bald besichtigt und übergeben. Ein kleines dreizimmeriges Holzhäuschen am Strande — das auf dem Hügel war zu baufällig geworden — für meine persönliche Benutzung, ein anderes, aus zwei Zimmern bestehendes einstöckiges Häuschen auf hohen Holzpfählen als Bureau, eine fünfriemige Rudergig, ein kleiner Batackerhengst als Reitpferd, endlich gegen 30 schwarze Polizeijungen, etwa je ein Drittel aus Neupommern, Neumecklenburg und den Salomonsinseln stammend, die mit Kavalleriekarabinern bewaffnet waren, das war alles. Als Gehilfen für die Verwaltung des gewaltigen Inselgebiets standen dem Richter nur der Gerichtsaktuar Warnecke und der Polizeimeister Schuberth, ein ehemaliger Schiffskapitän, zur Seite. Beide Beamte waren Angestellte der Neu-Guinea-Kompagnie, welche damals noch die Landeshoheit über Kaiser-Wilhelmsland und den Bismarck-Archipel ausübte und sämtliche Beamtenstellen besetzte, mit alleiniger Ausnahme der Stelle des Richters in Herbertshöhe. Letzterer wurde vom Reichskanzler (Auswärtiges Amt) ernannt, da es mit Rücksicht auf die widerstreitenden wirtschaftlichen Interessen der Neu-Guinea-Kompagnie und der verschiedenen Firmen des Bismarck-Archipels allseitig als erwünscht erachtet worden war, dass die Gerichtsbarkeit durch einen von der Kompagnie unabhängigen Beamten wahrgenommen werde. Dem Richter war daneben auch die Verwaltung des Bismarck-Archipels unter Oberleitung des höchsten Beamten des Schutzgebietes, des in Stephansort (Kaiser-Wilhelmsland) residierenden Landeshauptmanns übertragen worden. Tatsächlich hatte sich auch die Stellung des Richters als Verwaltungsbeamten zu einer ziemlich unabhängigen gestaltet, da nur alle acht Wochen einmal eine Verbindung zwischen Herbertshöhe und Kaiser-Wilhelmsland durch den Lloyddampfer »Stettin« stattfand und so naturgemäss nur in beschränktem Umfang von Stephanort aus eine Verwaltungstätigkeit im Bismarck-Archipel ausgeübt werden konnte. Derselbe Lloyddampfer stellte auch, von einem kleineren von Sydney über Britisch-Neu-Guinea nach Herbertshöhe und zurück fahrenden Dampfer der australischen Firma Burns, Philp & Co. abgesehen, die einzige regelmässige Verbindung mit Deutschland dar, wohin ein Brief via Singapore 45 Tage brauchte.
Nach Abfahrt der »Stettin« begann ich mich durch Ritte und Wanderungen zunächst in der Umgebung von Herbertshöhe zu orientieren und mit den weissen Ansiedlern und den Eingeborenen näher bekannt zu machen. Mein Häuschen war nahe dem Strande gelegen auf Terrain, welches zu der damals etwa 800 bepflanzte Hektare umfassenden Plantage der Neu-Guinea-Kompagnie gehörte. Leiter war der Administrator Geisler, ein langjähriger Tropenkenner, dessen unermüdlicher Arbeit das Aufblühen der Herbertshöher Pflanzung in erster Linie zu verdanken ist. Gepflanzt wurden damals überwiegend Kokosnüsse, daneben zum Teil Baumwolle, ferner Kaffee, Kapok und etwas Mais. In der Nähe des Strandes lagen eine Reihe von Wohnhäusern der Beamten der Neu-Guinea-Kompagnie, ferner das Hospital für die eingeborenen Arbeiter, welches unter Leitung des Dr.Danneil, später des Dr.Fuhrmann stand. Östlich an die Pflanzung angrenzend erstreckte sich die Plantage des Pflanzers Mouton, eines der wenigen noch im Archipel lebenden Mitglieder der Expedition des berüchtigten Marquis de Rays. Auf die etwa 300 mit Kokosnüssen bepflanzte Hektare umfassende Mouton’sche Pflanzung folgte östlich Vunapope, die Hauptstation der katholischen Mission vom Heiligsten Herzen Jesu und Residenz des apostolischen Vikars von Neupommern, des Bischofs Couppé. Weiter östlich folgte streckenweise bepflanztes Terrain, von Busch unterbrochen, teils Mouton, teils der Frau Kolbe gehörig, dann kamen weiter die Küste entlang einzelne Händlerstationen.
Westlich an die Pflanzung der Neu-Guinea-Kompagnie schloss sich die grosse Plantage Ralum der Frau Kolbe an, damals bereits nahezu 1000 bepflanzte Hektare umfassend, zum grössten Teil mit Kokosnussbäumen, daneben zum Teil mit Baumwolle und — auf kleinerem Areal — mit Kaffee bepflanzt. Die Eigentümerin ist Frau Kolbe, eine Dame halbsamoanischer Abstammung, welche durch eigene Tätigkeit die Pflanzung, wie das Handelsunternehmen der Firma E.E.Forsayth aus kleinen Anfängen zu glänzender Entwicklung geführt hat. Der ausgedehnte Handelsbetrieb der Firma wurde damals von Frau Kolbe und ihrem Sohn aus erster Ehe C.M.Forsayth geführt, während die Leitung der Plantage in den Händen ihres Ehemanns, des Herrn Kolbe, sowie des als Südseeforscher weiteren Kreisen bekannt gewordenen Herrn Parkinson, beide deutscher Abkunft, lag. Letzterer ist mit der Schwester der Frau Kolbe verheiratet, welche gleichfalls eine umfangreiche wirtschaftliche Tätigkeit entfaltet und daneben eine ausgezeichnete Kennerin der Sprache und Gebräuche der Eingeborenen auf der Gazellehalbinsel ist. Ihre Residenz Maulapao lag ungefähr am westlichen Ende der Ralumpflanzung, dann folgten westlich Grasflächen und Busch. Die etwa eine halbe Stunde entfernte nächste weisse Ansiedlung war 1898 die Missionsstation Raluana der australisch-wesleyanischen Mission, auf welcher der im Dienste seines Glaubens unermüdlich tätige Missionar Fellmann mit Gattin, beide Deutsche, wohnte. Nahe bei Raluana, auf einem Hügel mit prachtvoller Aussicht schlug 1899 in einem neuerbauten kleinen Hause die Schwester Auguste Hertzer nach langjähriger Ausübung ihres aufopferungsvollen Berufs in Deutsch-Ostafrika und Neu-Guinea ihr Heim auf.
Im Winkel der Blanchebucht nahe der »Mutter« liegt das Inselchen Matupi (der richtige Eingeborenname ist Matupit), der Sitz der Firma Hernsheim & Co., deren Leitung im Archipel seit langen Jahren in den Händen des Herm M.Thiel liegt, Mitinhabers der Firma und Schwagers des Gründers und ersten Leiters derselben E.Hernsheim. Matupi geniesst nicht nur als Hauptstation dieser altbewährten Firma, welche einen grossen Teil der Pionierarbeit im Bismarck-Archipel geleistet hat, sondern auch als einer der gastlichsten Plätze in der Südsee einen wohlberechtigten Ruf, den es allerdings noch mit anderen Plätzen im Archipel, besonders mit Maulapao und Ralum teilen muss.
Während Matupi in etwas über zwei Stunden im Ruderboot von Herbertshöhe aus zu erreichen ist, bedarf es einer vierstündigen, bei schlechtem Wetter gar nicht ungefährlichen Fahrt, um nach dem Sitz der langnamigen »Zweigniederlassung der Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Südseeinseln zu Hamburg« zu gelangen. Auf dem kleinen Inselchen Mioko in der Neulauenburggruppe liegen die Gebäude der »Zweigniederlassung«, welche in der Hauptsache die Arbeiteranwerbung für die »Hauptagentur« derselben Gesellschaft in Apia (Samoa) besorgt und daneben noch mit Hilfe einer Anzahl von Händlerstationen im Bismarck-Archipel Handeltreibt. Vorsteher der »Zweigniederlassung« war seit längeren Jahren Herr A.Schulz, welcher bereits durch frühere Tätigkeit auf Samoa mit Südseeverhältnissen vertraut geworden war.
Wenngleich es naturgemäss an einzelnen, teils auf persönlichen Antipathien, teils auf den Interessegegensätzen der verschiedenen Firmen beruhenden Differenzen nicht fehlte, so herrschte doch im allgemeinen unter den weissen Ansiedlern des Archipels ein angenehmer gesellschaftlicher Verkehr und speziell eine so weitgehende und liebenswürdig gebotene Gastfreundschaft, wie ich sie noch nirgends wieder so allgemein angetroffen habe. Eine Anzahl junger Damen, meist Verwandter der Frau Kolbe, halbsamoanischer Abstammung, erhöhten die Annehmlichkeit des geselligen Verkehrs, zu dem im übrigen eine Reihe tüchtiger deutscher junger Kaufleute und Pflanzer, Angestellter der Firmen, das Hauptkontingent stellte. Durch das Ganze ging ein Zug der Frische und Lebensfreude, der mich nach dem müden »wir leben nicht, wir vegetieren nur in dieser Kolonie«, welches ich in Java im Osten wie im Westen öfters von Ansiedlern hatte hören müssen, umso angenehmer berührte. Zu berücksichtigen ist dabei allerdings, dass in Herbertshöhe die Temperatur trotz des hohen Durchschnitts von 24 bis 33 Grad Celsius infolge der beständigen Winde den grössten Teil des Jahres über recht erträglich und dass es des Nachts meistens so kühl ist, dass man sich mit einer Decke beim Schlafen zudecken muss, während an vielen Plätzen Javas die unangenehm hohe Temperatur auch des Nachts nicht herabgeht, welcher Umstand natürlich die Nachtruheerheblich beeinträchtigt. Andrerseits mussten die Ansiedler im Archipel auf manche Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichten, welche dem Europäer in fortgeschritteneren Kolonien geboten werden. An frischem Fleisch gab es fast nur Schweine und Hühner, daneben zeitweise wilde Tauben. Gänse und Enten bildeten schon Delikatessen, ein Hammel wurde nur ganz vereinzelt einmal aus Sydney importiert. Die grösste Seltenheit war aber frisches Rindfleisch. Während meines nahezu zweijährigen Aufenthalts kam es kaum häufiger als ein halbes dutzendmal vor, dass ein Rind geschlachtet wurde. Es lag dies daran, dass die Rinderherden im Archipel für regelmässiges Schlachten noch nicht gross genug waren und die Einfuhr von Rindvieh aus verschiedenen Gründen erheblichen Schwierigkeiten unterlag. Fische wurden meist mit Dynamit geschossen und waren in genügender Menge vorhanden. Dagegen herrschte grosser Mangel an frischen Gemüsen. Wer nicht selbst glücklicher Besitzer eines Gemüsegartens war, sah sich fast völlig auf in Blechdosen (Tins) aus der Heimat importiertes Gemüse angewiesen. An Früchten gab es überall Bananen, ferner im Bereich der europäischen Ansiedlungen Ananas, an einzelnen Plätzen auch grüne Apfelsinen, und seltener einige andere Tropenfrüchte. Eis gab es in Herbertshöhe nur, wenn gerade der Postdampfer oder ein Kriegsschiff da war, sonst wurde Salpeter mit Wasser vermengt erfolgreich zur Kühlung der Getränke verwandt. Mosel mit Sodawasser, deutsches Flaschenbier, Whisky mit Soda bildeten die Hauptgetränke. Ein Hotel oder Restaurant gab es damals in Herbertshöhe noch nicht, das erste wurde 1900 gegründet. Die Leiter der grösseren Firmen verfügten über chinesische Köche, deren Gehalt etwa 60 Mk. monatlich betrug; auch mir war es geglückt, noch eines »Konkong«, wie die Chinesen von den Eingeborenen des Archipels genannt werden, habhaft zu werden. Im übrigen waren die Europäer, soweit sie nicht als Angestellte einer Firmafreie Verpflegung genossen, was z.B. bei Hernsheim & Co. und der Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Fall war, auf die Verwendung der ungeschickten, schwer erziehbaren schwarzen Jungen als Köche angewiesen. Das Kochen bestand denn auch dort, wo keine Hausfrau vorhanden war, häufig genug bloss darin, dass ein paar Tins geöffnet und auf das Feuer gesetzt wurden. Die chinesischen Köche entfalteten im Gegensatz dazu bisweilen eine bedeutende Kunstfertigkeit darin, das ewige Schweinefleisch derart zuzubereiten und mit Zutaten zu versehen, dass man zuweilen den Ursprung gar nicht mehr herausschmecken konnte. Einen oder mehrere schwarze Jungen als Bedienung konnte sich jeder leicht halten, da die Kosten, ein Lavalava (Hüfttuch), ein paar Stangen Tabak und Waren im Wert einiger Mark pro Monat nicht hoch waren. Die Leistungsfähigkeit besonders der frisch aus dem heimischen Dorf kommenden Boys war allerdings recht gering, die von der Gazellehalbinsel stammenden entliefen auch meist nach ein paar Wochen oder Monaten in ihre Heimat.
Weniger gastfreundlich und liebenswürdig als die Weissen sind die Eingeborenen der Gazellehalbinsel. Schon körperlich sind sie durchschnittlich eine wenig schöne Rasse. Die dünnen Beine und der Wollkopf, dessen Haare bei dem richtigen Buschkanaker gewöhnlich in langen Strähnen über die Stirn fallen und dem Kopf bisweilen das Aussehen eines Pudelkopfes geben, die aufgestülpte Nase, deren Flügel mit Opossumzähnen oder anderen Zierraten durchbohrt sind, das dünne Ziegenbärtchen sind für europäische Begriffe nichts weniger als anmutig. Das beständige Betelkauen und Spucken, das scheue Wesen, welches die meisten Eingeborenen, soweit sie nicht als Arbeiter usw. bei Europäern gelebt haben, an den Tag legen, trägt ebenfalls nicht dazu bei, die Leute angenehm erscheinen zu lassen. Dagegen sind die Kinder häufig recht niedlich und unter den jungen Mädchen finden sich bisweilen ganz gut geformte Gestalten.
Bei meinen Touren in die Umgebung, um mich mit den Eingeborenen bekannt zu machen, konnte ich nur vereinzelt ein Pferd benutzen. Meist kann man auf den schmalen Kanakerpfaden, die sich bergauf bergab in Windungen durch den Urwald oder das über mannshohe Gras dahinschlängeln, nur zu Fuss vorwärts kommen. Die Niederlassungen der Kanaker, gewöhnlich aus 2 bis 5 von einem Zaun umschlossenen Hütten bestehend, liegen im Busch zerstreut. Beim Herannahen an ein Gehöft, oder wenn wir sonst unterwegs Eingeborenen begegnen, tönt uns ein etwa wie ein kurzes »ö« klingender Laut entgegen, der mit Rülpsen eine verzweifelte Ähnlichkeit hat. Es ist dies der Gruss der Eingeborenen. Dann kommt uns der Häuptling entgegen, reicht uns Betel nebst Zutat, daneben bisweilen auch etwas »Tabu« (Muschelgeld) und lädt uns zum Eintreten in seine Hütte ein. Der Aufenthalt in diesen meist kleinen und schmutzigen Hütten ist an sich nicht angenehm, der Anblick der ewig Betel kauenden Kanaker mit ihren von rotem Saft triefenden Mäulern, sowie der meist entsetzlich hässlichen nackten oder fast nackten alten Weiber erhöht die Annehmlichkeiten eines solchen Besuchs nicht gerade. Die Eingeborenen auf der Gazellenhalbinsel gingen ursprünglich alle gänzlich nackt. In der Gegend der weissen Ansiedlungen tragen sie jetzt Lavalava, Lendenschurze aus europäischen Stoffen, die Weiber manchmal auch ein leichtes Gewand oder Tuch um den Oberkörper. Ein wenig landeinwärts von Herbertshöhe habe ich auch noch 1900 bei Wanderungen im Busch häufig gänzlich unbekleidete Eingeborene, Männer wie Weiber, getroffen.
Nach kurzer Rast in einem Eingeborenengehöft geht es weiter auf steilem Pfade bergauf, abwechselnd durch hohes Gras und durch Busch. Auf einer Anhöhe landeinwärts der Blanchebucht angekommen, haben wir ein herrliches Panorama vor uns. Auf der einen Seite die erloschenen Vulkane Mutter und Tochter, rechts davon im Hintergrunde die zackigen, blau verschwimmenden Berge von Neumecklenburg, davor die niedrigen bewaldeten Inseln der Neulauenburggruppe und das tiefblaue Meer, auf der anderen Seite Busch und Grasland, daraus hervorragend der runde Kegel des Varzin »(Vunakokor« der Eingeborenen), dahinter die kompakte Masse des Baininggebirges. Ein prachtvoller Anblick, der uns die Mühen des Kletterns vergessen lässt.
Auf schmalem Pfade wandern wir weiter. Von drei Seiten strömen auf Kanakerpfaden Scharen von hochbeladenen Weibern nach einem Punkt, dem »tavul a bung« (Marktplatz) zusammen, der sich durch mehrere Kokos- und andere Bäume aus dem umgebenden Grasland abhebt. Eine Anzahl von Männern begleiten sie, alle unbewaffnet. Früher gingen sie bewaffnet zum Schutz der Weiber mit zum Markt, jetzt, da infolge des Eingreifens der weissen Verwaltung friedliche Zustände herrschen, hat sich der Brauch des Mitgehens der Männer erhalten, die Waffen werden zu Hause gelassen. Während die Weiber auf dem Marktplatz, einem von Busch und Gras freien mit einigen Bäumen bestandenen Platz sich niederlassen und gegenseitig Waren austauschen (Nahrungsmittel wie Taro, Jam, Fische) oder gegen kleine Endchen Muschelgeld verkaufen und dabei einen ärgeren Lärm als unsere heimischen Marktweiber entfalten, hocken die Männer stumpfsinnig aus kurzen Tonpfeifen rauchend in der Nähe.
Nun klettern wir wieder auf steilem Pfade hinab zur Küste, an welcher sich der breite von der Verwaltung angelegte, beziehungsweise auf ihre Anordnung von den Eingeborenen gebaute Weg rings um die Blanchebucht herumzieht. Die Zeit ist noch gar nicht fern, dass alle diese Eingeborenen, die jetzt, wenigstens in erreichbarer Nähe der weissen Verwaltung, friedlich nebeneinander leben, sich gegenseitig totschlugen und auffrassen. Die einzelnen Stämme um die Blanchebucht herum waren völlig voneinander abgeschnitten, es gab nicht einmal einen gemeinsamen Kanakerpfad, der eine Verbindung zu Lande rings um die Bucht ermöglicht hätte. Die gegenseitigen Überfälle wurden meist vom Meer aus in Kanus ausgeführt.
Auch Angriffe auf Weisse waren vor noch nicht sehr langer Zeit erfolgt. Nachdem im Jahre 1890 zwischen Herbertshöhe und dem nahe gelegenen Ralum ein von den Philippinen stammender Aufseher von den Kanakern ermordet worden war, brachen im Jahre 1893 unter den Eingeborenenstämmen in der Umgebung von Herbertshöhe Unruhen aus. Es hatte sich unter den Kanakern der Glaube verbreitet, dass eine von einem ihrer Zauberer erfundene Salbe, »mailau« genannt, den Körper kugelfest mache. Im Vertrauen auf dieses Zaubermittel schlossen die umwohnenden Stämme ein Bündnis in der Absicht, die Weissen zu vernichten und gingen bei den folgenden Kämpfen mit einem von ihrer gewöhnlichen Feigheit sehr abstechenden Elan vor. Die Pflanzer, welche einen Teil ihrer Arbeiter bewaffnet hatten, wiesen die Angriffe der Kanaker ab und machten ihrerseits Vorstösse ins Innere gegen die feindlichen Dörfer. Ausser der Polizeitruppe beteiligte sich auch ein Landungskorps S.M.S. »Sperber« an dem Vorgehen gegen die Eingeborenen. Eine besonders grosse Wirkung hatten einige Granaten, welche das Kriegsschiff auf 5—7 km Entfernung in der Richtung auf die feindlichen Dörfer in den Busch feuerte. Ein Eingeborener wurde durch eine Granate getötet, ein anderer vor Schreck gelähmt. Die Kanaker, deren Mut schon erheblich gesunken war, als trotz der Zaubersalbe eine Anzahl von ihnen, darunter auch der Verfertiger des Mailau selbst, unter den Kugeln der Europäer gefallen war, wagten hinfort keine weiteren Feindseligkeiten gegen die Weissen, welche auf so weite Entfernungen Tod und Verderben schleudern konnten und dadurch bewiesen, dass sie im Besitz viel grösserer Zauberkräfte sein mussten, als die Zauberer der Eingeborenen. In der Folgezeit ist dann an der Blanchebucht die Ruhe nicht wieder gestört worden, während an anderen Stellen der Gazellehalbinsel auch später noch Kämpfe und Mordtaten vorkamen.
Man kann von den Küsteneingeborenen der Gazellehalbinsel nicht sprechen, ohnegleichzeitig das »Tabu« zu erwähnen. Tabu, bei manchen Stämmen Tambu gesprochen (dasselbe Wort heisst auch »verbotene), ist das Muschelgeld, welches aus kleinen auf Schnüren aneinander gereihten weissen Muscheln etwa von der halben Grösse eines Einpfennigstücks besteht. Dieselbe Art Muschelgeld wird auch auf der Neulauenburggruppe gebraucht und führt dort den Namen Diwara. Das Muschelgeld ist dasjenige, was der Kanaker am meisten liebt, auf dessen Erwerb von klein auf sein Sinnen und Trachten gerichtet ist. Mit Tabu kann der Eingeborene alles erlangen, was sein Herz begehrt, Nahrungsmittel, Waffen, Geräte, Weiber. Er kann Hilfe im Kampf und selbst Meuchelmörder, um sich seiner Feinde zu entledigen, damit erkaufen. Wer viel Tabu hat, ist nicht nur bei Lebzeiten ein grosser, angesehener und gefürchteter Mann. Sogar für das Leben nach dem Tode ist es wesentlich, viel Muschelgeld besessen zu haben. Nur die Seele desjenigen hat ein angenehmes Dasein nach dem Tode zu erwarten, der eine angemessene Menge Tabu hinterlassen hat. Die Seele eines Armen kann nie nach den Vergnügungsplätzen der Geister der Verstorbenen gelangen, während die Seele eines »uviana«, eines reichen Mannes, nach seinem Tode in Gestalt einer Sternschnuppe dorthin fliegen kann. So ist der Arme nicht nur im Leben eine Null unter seinen Stammesgenossen, sondern ihn erwartet auch nach dem Tode ein freudenleeres Dasein.
Bei solchen Anschauungen erscheint es nicht wunderbar, dass die Kanaker habsüchtiger und geldgieriger sind, als der ärgste jüdische Wucherer. Jeder sucht so viel Tabu zusammenzuscharren, wie er nur irgend bekommen kann.
Das Tabu wird sowohl in ganzen Fäden, deren Länge durch seitliches Ausstrecken beider Arme gemessen wird, wie auch in kleinen eine grössere oder geringere Zahl von Muscheln enthaltenden, von dem Faden abgetrennten Stücken in Zahlung gegeben. Wenn der Kanaker eine grössere Anzahl Fäden beisammen hat, so legt er sie in Form eines Ringes nebeneinander und umwickelt sie mit Bast und Schnüren. Das Ganze, das dann etwa wie ein dickes Wagenrad, oder wie ein Rettungsgürtel aussieht, nennt man »Loloic.
