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Metaphern wirken wie konzentriertes Storytelling Oft untermalen Klient:innen im Coaching ihre Problemthematisierung mit aussagestarken Sprachbildern. Wenn man als Coach mit diesen Metaphern arbeitet, kommt meist Bewegung in den Prozess. Die Metapher wirkt hierbei wie konzentriertes Storytelling; sie bildet die Essenz der Wirklichkeitskonstruktion der Erzählenden ab. Dieses Buch ist ein Plädoyer für den kreativen Umgang mit Sprache in Coaching und Beratung: Es beschreibt Möglichkeiten und Auswirkungen eines metaphernsensiblen Beratungsstils. Das schöpferische Potenzial von Sprache und die Wirkmacht von Metaphern für Veränderungsprozesse nutzbar zu machen, ist das Anliegen der Autorin. Das Buch … - beschreibt die Potenziale von metaphernsensiblem Coaching, - gleicht diese mit den aktuellen Erkenntnissen der Neurobiologie ab und - bietet durch Praxisbeispiele Anregungen für eine wirkungsvolle Umsetzung in unterschiedlichen Formaten.
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2023
Birgitta SchulerBilder bewegen – Coaching mit Metaphern
Plädoyer für einen kreativen Umgang mit Sprache in Coaching & Beratung
Oft untermalen Klient:innen im Coaching ihre Problemthematisierung mit aussagestarken Sprachbildern. Wenn man als Coach mit diesen Metaphern arbeitet, kommt meist Bewegung in den Prozess. Die Metapher wirkt hierbei wie konzentriertes Storytelling; sie bildet die Essenz der Wirklichkeitskonstruktion der Erzählenden ab.
Dieses Buch ist ein Plädoyer für den kreativen Umgang mit Sprache in Coaching und Beratung: Es …
beschreibt die Potenziale eines metaphernsensiblen Coachings, gleicht diese mit den aktuellen Erkenntnissen der Neurobiologie ab und bietet durch Praxisbeispiele Anregungen für eine wirkungsvolle Umsetzung in unterschiedlichen Formaten.© Uta Konopka
Dr. Birgitta Schuler ist Mediatorin, Trainerin, Coach und Supervisorin. Studium der Germanistik, Philosophie, kath. Theologie, langjährige ehrenamtliche Mitarbeit bei der Telefonseelsorge. https://birgitta-schuler.de
Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2023
Coverbild: Rainer Zapka – iStockphoto
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2023
ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0445-9
ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0446-6 (EPUB), 978-3-7495-0447-3 (PDF).
Immer wieder finde ich es faszinierend, was Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen, bewirken. Auch dieses Buch hat eine Geschichte.
Zunächst gab es die Idee und den Entwurf eines Exposés. Auf der Suche nach einem aussagekräftigen Arbeitstitel kam ich nicht weiter. Was ich brauchte, war ein Brainstorming mit Menschen, die sich mit der Wirksamkeit von Geschichten auskennen. Das schenkten mir meine erwachsenen Kinder an einem Familienwochenende.
Die Ideen sprudelten nur so, während Erinnerungen an lange zurückliegende Vorleseabende wach wurden. Die Gefühle der Kinder zu dem, was sie hörten, spiegelten sich damals in ihren Gesichtern wider. Man konnte förmlich die innere Bewegung sehen, wenn das Bild, das sie sich von der Welt gemacht hatten, erweitert wurde. Das Erleben von Spannung, das Mitfiebern, die Erleichterung, wenn alles gut ausgegangen war, und das Vertrauen, Einfluss auf diese Welt nehmen zu können, waren real:
Bilder bewegen.
„Schläft ein Lied in allen Dingen, Die da träumen fort und fort. Und die Welt hebt an zu singen, Triffst Du nur das Zauberwort.“
(Joseph von Eichendorff)
Meine ersten Erinnerungen sind Bilder. Und gleich danach kommen Worte. Worte als das Medium, das Menschen zueinander in Beziehung setzt, und Worte als der Stoff, aus dem Geschichten sind.
Sprache hat mich schon immer fasziniert. Wenn sie emotional berührt, lässt sie Bilder in unserem Inneren aufsteigen. Diese Bilder sind hochwirksam: Wir können sie kreativ einsetzen und mit ihnen spielen oder sie zielführend funktional nutzen, zum Beispiel zur Stärkung von Motivation und Volition oder einfach zur Entspannung.
Die Freude an Geschichten lehrte mich lesen und ich tauchte ein in Wirklichkeitsbeschreibungen, die so ganz anders waren als meine eigenen Wahrnehmungen. Ich lernte, dass Menschen einander ähnlich und doch unterschiedlich sind. Ich las von Erfolgen und vom Scheitern, von Träumen und Enttäuschungen und von der unglaublichen Überlebens- und Willenskraft der Menschen. Zu hören oder zu lesen, dass es Lebensentwürfe gibt, die so ganz anders sind als mein eigenes Leben, weitete den Blick auf neue Möglichkeiten. Die Dinge müssen nicht so sein, wie ich sie erlebe, sie können sich auch ganz anders darstellen. Es gibt andere Wirklichkeitserfahrungen als meine.
Die Geschichten meiner Kindheit haben sich in den Bildern, die sie hervorgerufen haben, in meine Erinnerung eingeprägt. Welche Macht entfalteten diese Sprachbilder in meinem Denken? Mein Leben veränderte sich, weil sich mein Denken veränderte. Geschichten, die mich positiv berührten, veränderten mein Leben, weil ich seither andere Sehnsuchtsbilder im Kopf habe. Durch Geschichten, die mich faszinierten und durch deren emotionale Anziehungskraft erhielt mein Leben eine neue Ausrichtung.
Wenn diese persönliche Erfahrung gleichzeitig eine universelle menschliche wäre, wie ließe sie sich in Mediation, Supervision und Coaching nutzen, insbesondere vor dem Hintergrund des systemischen Denkens bzw. meines systemisch-konstruktivistischen Arbeitsansatzes? Und wie würde sich die Nutzung emotional positiv geprägter Sprachbilder in der Beratung auswirken? Welche Sprachbilder lassen sich besonders wirksam einsetzen, um Systeme zu irritieren und Veränderung gleichsam wie von selbst zu ermöglichen?
Sprache ist das zentrale Medium in jedem Beratungsformat. Wenn Sprache eine hilfreiche Intervention darstellt, vermag sie zu
akzeptieren,
ermutigen,
hinterfragen,
fokussieren
konfrontieren,
interpretieren,
modifizieren,
kontextualisieren,
reframen.
Sprache ist nicht nur ein Instrument, um Inhalte zu transportieren, sie dient auch und ganz wesentlich der Beziehungsgestaltung. Wird Sprache gezielt als systemische Intervention genutzt, beinhaltet sie immer beides. Menschliche Kommunikation zielt nicht ausschließlich auf inhaltliches, sondern auch auf emotionales Verständnis. Wer sich verstanden fühlt, kann Bestehendes leichter loslassen und wird offen für Neues. Trifft man als Coach die im jeweiligen Kontext hilfreichen Worte und gelingt es, in der Sprachwelt der Klient*innen heimisch zu werden, sodass im beratenden Kontakt die passenden Sprachbilder gefunden werden, fördert dies bei den Klient*innen das Gefühl, auf beiden Ebenen verstanden zu werden. Die den Klient*innen vertrauten Sprachbilder – wo es zielführend ist – sensibel zu verändern, sodass die sie den nächsten Entwicklungsschritt gehen können, entspricht im Kern dem Pacing- und Leading-Prinzip (s. a. Lindemann 2016, Band 1, S. 44). Hier geht es jedoch nicht darum, die Klient*innen in die Richtung des Coachs zu ziehen. Im Gegenteil, dem Coach kommt die Aufgabe zu, aus der Sprachwelt der Klient*innen die Metaphern auszuwählen, die geeignet sind, ihre intendierte Weiterentwicklung in die gewünschte Richtung zu erleichtern. Als Coachs unterstützen wir unsere Klient*innen in ihrer Zielerreichung dann besonders wirkungsvoll, wenn wir aufmerksame Zuhörer*innen sind.
Sprachlich vermittelte Beziehungsgestaltung kann eine Offenbarung sein oder eine Bürde.
Sprachlich vermittelte Beziehungsgestaltung kann eine Offenbarung sein oder eine Bürde. Je nachdem, wie wir miteinander reden, erzeugen wir eine Atmosphäre der Freiheit oder des Zwangs. Sprache kann ebenso reglementierend wie befreiend wirken. Unser Denken und Handeln werden durch unsere Sprache geprägt. Wie aber lässt sich Sprache im Coachingprozess so einsetzen, dass sie einen Ermöglichungsraum kreiert? Einen Raum, in dem die Coachees Vertrautes als anschlussfähig erkennen und von da ausgehend Neuland betreten sowie hilfreiches und zieldienliches Neues als erstrebenswerte Möglichkeiten in ihre Lebensausrichtung integrieren können?
Das vorliegende Buch beschreibt die Auswirkungen eines metaphernsensiblen Beratungsstils. Das schöpferische Potenzial von Sprache und die Wirkmacht von Bildern für den Beratungsprozess nutzbar zu machen, ist mein Anliegen. Dieses Buch ist ein Plädoyer für den kreativen Umgang mit Sprache in der Beratung: Das Wort ernst nehmen, geduldig und spielerisch nach dem passenden Wort suchen, das Wort hinterfragen, es neu hören, ihm neue Bedeutungen geben und es wirksam werden lassen – all das gehört dazu. Sprachliche Kreativität eröffnet neue Perspektiven und ist eine wunderbare systemische Intervention. Sie beginnt metaphorisch wirksam zu werden, wo der Verstand aufhört, vermeintliche Wahrheiten zu konstruieren und so das ressourcenorientierte Denken zu behindern. Dann wird die Beratung zum reflexiven Raum und damit selbst zur Metapher.
Wenn ich meine metaphorische Brille aufsetze, sehe ich: Anscheinend ist das systemisch-konstruktivistische Repertoire per se (zumindest fast) ein metaphorisches. Ausgehend von dem Gedanken, dass meine Perspektive ausschließlich mein Bild von der Welt darstellt, besitzt dies eine immanente Logik. Gleichzeitig umfasst die systemische Tool-Box von „reiner“ Metaphernarbeit über Genogramm und Timeline bis hin zu Aufstellungen eine beeindruckende metaphorische Methodenvielfalt.
Geprägt durch meine Erfahrungen und gespeist aus meinen Vorannahmen bildete ich für mich folgende Hypothesen, die ich in meinen Supervisionen, Coachings, Mediationen, Trainings und Organisationsberatungen auf den Prüfstand stellte:
Menschen kommen in Beratung, weil „etwas“ anders werden soll als es aktuell ist.
Motivation braucht ein Motiv. Das Motiv ist in unserem Unterbewusstsein bereits als Bild verankert.
Jeder Mensch hat seine eigenen, gute Gefühle vermittelnden Bilder, auf die er in Krisenzeiten zurückgreifen kann.
Diese Bilder lassen sich als Metaphern für abstrakte Inhalte zielführend in der Beratung nutzen.
Sprache, die in der Interaktion an sich schon eine hochwirksame Intervention ist, wird noch relevanter, wenn es gelingt, mit Worten Bilder zu malen, die im Unterbewusstsein auch dann noch wirken, wenn wir längst nicht mehr an sie denken.
Die Statik der Metapher lässt sich, falls erforderlich, im Narrativ auflösen.
Die Dynamik des Narrativs antizipiert die reale Entwicklung und wirkt sich damit handlungsleitend auf sie aus.
Je intensiver und individueller die sprachlich vermittelte Vision, desto magnetischer ist ihre Anziehungskraft im Veränderungsprozess.
Die Metapher als Verdichtung von subjektivem Erleben potenziert die Wirksamkeit weiterer Coaching-Tools. Damit erweitert die implizit verwendete
und explizit aufgegriffene
Metapher die beraterischen Möglichkeiten.
„What is metaphoric is not language, but the world.“
(Samuel R. Levin)
Sprache ist das Medium der Beratung. Ihre enorme schöpferische Kraft lässt uns gestalten, indem wir Worte finden, mit denen wir das ausdrücken können, was wir im Innersten meinen. In besonderer Weise gilt dies für das Stilmittel der Metapher. In der Beratung überzeugt die Metapher vor allem durch die Kraft ihrer Bilder, die Emotionen freisetzt und der Treibstoff für Entwicklung ist.
Die Metapher ist essenzieller Bestandteil unserer Sprachkultur, sie ist jedoch weitaus mehr als ein rein sprachliches Phänomen. Warum ist das so und wie lässt sich dies im Beratungsprozess nutzen?
Definition
Der wissenschaftliche Diskurs zur Definition der Metapher ist vielschichtig. Die meisten Überlegungen gehen auf das zurück, was Aristoteles in seiner Poetik dazu formulierte. Eine Metapher ist demnach „die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird) und zwar entweder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung oder von einer Art auf die andere oder nach den Regeln der Analogie“ (Aristoteles 1994, S. 67). Wir haben es also mit einem Sprachbild zu tun, das zur treffenden Erfassung eines Sachverhalts verwendet wird, dessen ursprüngliche Bedeutung jedoch in einem anderen Umfeld zu finden ist. Auf der semantischen Ebene weichen wir bei Verwendung einer Metapher von der sprachlichen Normalform ab. Wir übertragen die ursprüngliche Bedeutung eines Wortes auf etwas anderes. Um die veränderte Bedeutung des metaphorisch verwendeten Begriffs zu verstehen, sind wir in der Regel auf den Kontext angewiesen. In Aristoteles’ Poetik wird die Metapher „in den Dienst des emotionsgetragenen Erkenntnisgewinns gestellt. Dichtung und Drama sollen den Hörer und Zuschauer auf bildhafte Weise bewegen, läuternde Katharsis auslösend und Modelle des Handelns vor Augen führend“ (UIlmann 2012, S. 24).
Menschliches Denken ist metaphorisch strukturiert.
Nun ist die Metapher keineswegs überwiegend in poetischen Texten zu finden. Menschliches Denken ist metaphorisch strukturiert und metaphorische Redewendungen sind selbstverständlicher Bestandteil unseres Sprachgebrauchs. Klar als solche zu erkennende metaphorische Sprache wirkt durch ihre Bildlichkeit oft eindringlicher. Häufig sind Metaphern jedoch so sehr selbstverständlicher Bestandteil unserer Alltagssprache geworden, dass wir sie kaum noch als solche wahrnehmen. Als sogenannte verblasste Metaphern, z. B. in Begriffen wie „Tischbein“ oder „Türflügel“, sind sie impliziter Bestandteil unserer Alltagsprache. Der „Wolkenkratzer“ ist dagegen schon deutlicher als bildlich-poetische Übertragung zu erkennen, das „Datennetz“ befindet sich wiederum bereits „auf dem besten Weg“ zur verblassten Metapher.
Metaphern binden unsere bildliche Vorstellungskraft an den abstrakten Inhalt.
Hans Blumenberg geht in seiner Metaphorologie davon aus, dass wir nicht anders können als metaphorisch zu denken. Er unterscheidet zwischen die Sprache schmückenden und absoluten Metaphern. Absolute Metaphern sind für ihn konstitutive Bestandteile unseres Denkens, z. B. die Metapher des Lichts, die in der philosophischen Tradition immer wieder für Erkenntnis und Wahrheit Anwendung findet. Solche Metaphern erweitern das Spektrum der Sprache. Gerade in der Philosophie wird Denken häufig metaphorisch als Begrenzungen überwindende Bewegung gekennzeichnet. So träumte Hannah Arendt davon, „ohne Geländer“ zu denken.
Während für Aristoteles die Metapher eine Art schmückendes Beiwerk der Sprache ist und etwas benennt, das es eigentlich nicht gibt, steht für Blumenberg fest, dass wir gar nicht anders als metaphorisch sprechen können. Demnach wäre alles Metapher. Meiner Meinung nach ist die Metapher weit mehr als schmückendes Beiwerk und gleichzeitig bezweifle ich, dass wir ausschließlich metaphorisch sprechen können. Wäre Letzteres zutreffend, wäre die Metapher kein in der Sprache zu identifizierendes Merkmal mehr, sondern selbst Sprache. Für uns würde es deutlich schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich, unser Wirklichkeitsverständnis mithilfe der Metapher zu reflektieren (Blumenberg 1988).
Metaphern im Kontext Beratung
Im Kontext Beratung ist die Wirkung von Metaphern zwar bedeutsamer als ihre Definition, ganz ohne Definitionen geht es aber auch hier nicht. Sie sind notwendig für ein gemeinsames Sprachverständnis und damit als Basis des Verständnisses überhaupt.
Hans Blumenberg definiert die Metapher als Störung: „Zunächst ist sie, in einen Text gegeben, eine Störung des Zusammenhanges, der Homogenität, die das Herunterlesen des Textes ermöglicht. Die Metapher blockiert die Flüssigkeit der Rezeption des Textes“ (Blumenberg 2007, S. 61). Wenn dies zutrifft, dann ist die Metapher die systemische Intervention schlechthin, denn systemische Beratung will irritieren, um Muster zu unterbrechen und die Voraussetzung für Veränderung zu schaffen.
Das, was sich kaum ins Wort bringen lässt, findet oft in einer Metapher seinen Ausdruck.
In Veränderungsprozessen wird die Metapher damit zur kognitiven Strategie. Mit ihrer Hilfe kann die Angst vor Veränderung nicht nur bewältigt, sondern die Veränderung selbst kann auch gedacht werden. Die Metapher kann damit konstitutiv für die individuelle Zukunft sein. Sie formt einen mentalen Transitraum und regt Imagination an. Klient*innen denken mit ihrer Hilfe über das derzeit Gegebene hinaus und konstruieren, zunächst mental probehandelnd, ihre mögliche neue Wirklichkeit. Spielerisch verführt die Metapher zum Über-sich-Hinausdenken. Veränderungsrelevantes Verstehen stellt sich nicht rein kognitiv ein, sondern ereignet sich im mentalen Visualisieren der Metapher. Immer dann, wenn es darum geht, tiefe Gefühle und archaische Erfahrungen zu artikulieren, verwenden Menschen Metaphern. Das, was sich kaum ins Wort bringen lässt, findet oft in einer Metapher seinen Ausdruck. Im Coaching bietet die Metapher ein handhabbares Gegenüber, mit dessen Hilfe sich – parallel zum übermächtigen Erleben – die erfahrene Komplexität der Welt reduzieren lässt.
Sprache kann rational begründen und emotional bewegen. Die Metapher vermag beides in komprimierter Form. Sie ist Komplexität in Reduktion, denn „sie ist mehr als nur eine rhetorische Sprachfigur. In ihr kommen Wort und Bild, Begriffe und Geschichte gewordene emotionale wie körperliche Bewegung zusammen“ (UIlmann 2012, S. 15). Ullmann weist darauf hin, dass es sinnvoll ist, mit der Metapher in der Beratung nicht nur spielerisch, sondern auch skeptisch zu hantieren (ibid. S. 21).
Metaphern als Nährboden für Lösungen
Metaphern sind ambivalent – ein Phänomen, das wir im Coaching berücksichtigen müssen. Mithilfe von Metaphern können wir unbeschreibliche Emotionen ausdrücken und sie gegebenenfalls auch im Artikulieren bewältigen. Wir sind in der Lage, Neues gedanklich zu entwickeln und Zukunft gedanklich vorwegzunehmen. Aber: So, wie das Denken in Metaphern Denkprozesse flexibilisieren kann, kann es sie genauso erstarren lassen. Mit einer Metapher kann man Dinge ins Blickfeld rücken und man kann sie auch ignorieren. Indem die Metapher einen ganz bestimmten Fokus setzt, werden andere Perspektiven ausgeblendet.
Die Rigidität einer Metapher, die radikal einengt, kann auch ein Hinweis auf mangelnde Veränderungsbereitschaft desjenigen sein, der sie verwendet. Als Coach kommt uns hier die Aufgabe zu, den guten Grund für diese rigide Metapher zu würdigen und gleichzeitig die Coachees feinfühlig zu ermutigen, Bewegung im bisher starren Bild zuzulassen. Wenn Coach und Coachee sich in ihrem Verständnis einer Metapher (oder auch mehrerer Metaphern) treffen, können beide diese über mehrere Sitzungen hinweg kooperativ weiterentwickeln. Eine Veränderung wird zunächst auf metaphorischer Ebene verbalisiert, und wenn dies gelungen ist, kann auch die Veränderung jenes mentalen Konstrukts angestoßen werden, das der Metapher zugrunde liegt und bislang die Entwicklung des Coachee behindert.
Im Mittelpunkt meines hier dargestellten beraterischen Ansatzes steht das Phänomen der nahezu unbewusst artikulierten Metapher der Klient*innen. Hierbei konzentriere ich mich auf die Interventionsmöglichkeiten, die sich aus dem unmittelbaren kommunikativen Alltagssprachgebrauch der Coachees ergeben. Ihre scheinbar unwillkürlich verwendeten Metaphern nehme ich wörtlich und entwickle dann – als bewussten Prozess – zieldienliche Metaphern mit ihnen. Mir geht es hier nicht um eine Betrachtung und Analyse der Metapher aus sprachwissenschaftlicher oder philosophischer Sicht, das erscheint mir nicht zielführend. Aufgrund meiner systemisch-konstruktivistischen Haltung richtet sich mein Blick vielmehr auf die wirklichkeitskonstituierenden Auswirkungen der Nutzung von Metaphern im Coachingprozess. Komplexe Inhalte werden auf sinnlich nachvollziehbare Weise in prägnante Sprache gefasst. Damit reduziert die Metapher systemisch gesehen Komplexität, ohne den Reflexionsprozess zu simplifizieren. Gleichzeitig lassen sich Metaphern als „eine Form mentaler Repräsentation“ (Skirl & Schwarz-Friesel 2013, S. 8) verstehen. Sie drücken Konzepte aus, gravieren sie im Bewusstsein ein und ermöglichen gleichzeitig die Veränderung von Konzepten, die bisher Gültigkeit beansprucht haben.
Ein besonderer Faktor für die Wirksamkeit der Arbeit mit Metaphern ist, dass sich Klient*innen selbst intensiv am Lösungsprozess beteiligen.
Ein besonderer Faktor für die Wirksamkeit der Arbeit mit Metaphern ist, dass sich Klient*innen selbst intensiv am Lösungsprozess beteiligen und auf diese Weise das veränderte Bewusstsein nachhaltiger etablieren. Metaphern sind damit der Boden, auf den Klient*innen Lösungsideen säen können.
Bisher nicht Bekanntes bzw. Vertrautes wird mithilfe von Metaphern denkbar. Wenn man versucht, die Wirklichkeit in Metaphern abzubilden, deutet man sie bereits um. Metaphern stiften nicht nur Erkenntnis, sie stiften auch Sinn. Umberto Eco schreibt dazu: „Wer eine Metapher benutzt, möchte etwas aussagen, das jenseits der buchstäblichen Wahrheit liegt“ (1985, S. 32). Und Metaphern helfen uns, Erfahrungen, zumindest partiell, zu strukturieren (vgl. Lakoff & Johnson 2018, S. 182).
Wenn wir in der Entwicklungsbegleitung bei unseren Coachees Metaphern erkennen, die Statik vermitteln, dann besteht unsere Herausforderung darin, sie zu Metaphern dynamischer Strukturen weiterzuentwickeln und so neue Perspektiven auf bekannte Phänomene und die Wahrnehmung neuer Phänomene zu erleichtern. Indem man gängige Metaphern spielerisch hinterfragt, kommt „Bewegung ins Spiel.“ Gerade dann, wenn Metaphern nicht mehr als solche wahrgenommen werden, kann ihre erkenntnis- oder handlungsleitende Funktion genutzt werden. Außerdem mildern Metaphern die Gefahr, dass eine im Coaching vermittelte Botschaft als erhobener Zeigefinger aufgefasst wird und damit das Risiko, dass Coachees den Prozess als Bevormundung erleben.
Wenn sich im kontextuellen Spannungsfeld aus Klient*innenanliegen und Coachingprozess lebendige Metaphern entwickeln, ist dies ein ko-kreativer Prozess. Wenn durch einen treffenden metaphorischen Ausdruck plötzlich ein neuer, ver-rückter Blick auf das Anliegen möglich wird, irritiert das zunächst. Aber eine Veränderung in der Sicht der Welt zieht eine Veränderung des Verhaltens zu dieser Welt nach sich, zumal durch die Metapher meist neue Handlungsoptionen sichtbar werden.
Wenn laut Lakoff und Johnson (2018) Metaphern der Schlüssel zum Verstehen sind, dann schließen sie – metaphorisch gesprochen – das Tor zu dem Raum auf, in dem man es antrifft. Sie führen in neue Räume, in denen anderes Handeln zunächst denkbar und dann umsetzbar wird. Man durchschreitet also einen semantischen Möglichkeitsraum, von dem aus sich immer neue Türen öffnen.
Fazit
Metaphern haben wirklichkeitskonstituierenden Charakter, und darauf baut das Konzept des metaphernsensiblen Coachings auf. Mittels unserer Fantasie können wir uns innerlich Dinge vor Augen führen, die in der äußeren Welt noch nicht oder nicht mehr existieren. Was auf diese Weise für uns sichtbar wird, kann uns ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit vermitteln. Die visualisierten Produkte unserer Fantasie sind ein Ergebnis unseres Versuchs, sich einer als übermächtig erlebten Welt zu bemächtigen. Metaphern haben deshalb Ermächtigungscharakter.
Metaphern bringen etwas in Bewegung. Sie lösen Suchbewegungen aus! Aufgrund dieses Potenzials werden Metaphern zum entscheidenden Medium im Coaching. Sie unterstützen jeden Veränderungsprozess nachhaltig.
Metaphern lassen einen Fokus erkennen. Worauf dieser jeweils liegt, entscheidet darüber, in welcher Form die Metapher im Coaching veränderungsrelevant werden kann.
Metaphern erzählen immer eine Geschichte. Und manchmal benötigen wir eine Geschichte, um metaphorische Blockaden aufzulösen. Dann verbinden wir eine unproduktive oder unproduktiv gewordene Metapher erzählerisch mit einem neuen Sprachbild. Durch Geschichten, die wir uns erzählen, geben wir unserem Erleben eine Struktur. Wir machen das, was wir erfahren, für uns handhabbar. Fantasie und Sinnstreben finden ihren Ausdruck in Geschichten. Im biografischen Erzählen suchen wir den roten Faden in unserem Leben; wir streben danach, unsere Erfahrungen in einen Sinnzusammenhang zu bringen.
Erst Geschichten lassen unsere Gespräche zu einer gelungenen Kommunikation werden.
Erst Geschichten lassen unsere Gespräche zu einer gelungenen Kommunikation werden. Sie transportieren nicht nur Fakten und Emotionen, sondern sie verleihen unserem Erleben Struktur. Doch sie vermögen weitaus mehr. Als mythologische Erzählungen geben sie Menschen eine mögliche Antwort auf ihre Fragen nach der Herkunft und dem Sinn ihrer Existenz. Die religiösen Geschichten aus der Bibel und dem Koran prägen das Wertesystem ganzer Kulturen. Gregor Adamczyk schreibt: „Eine gute Geschichte beleuchtet also Zusammenhänge und stiftet damit Sinn“ (2015, S. 27).
Wenn wir unsere Geschichten mit Leitmotiven, Symbolen und Metaphern gestalten, werden sie zum Storytelling. Gezieltes Storytelling kann – ebenso wie Metaphern es können – die Komplexität der Welt reduzieren. Als Coach greife ich gerne darauf zurück, weil es ein Medium zur Reflexion und Analyse einer Situation sein kann. Im Storytelling lassen sich Erfahrungen in einen allgemeinen Kontext stellen. Es ermöglicht Identifikation mit anderen Perspektiven und ist deshalb vor allem beim Konfliktmanagement von großer Bedeutung. Insgesamt lässt sich feststellen: Storytelling stärkt die Veränderungsbereitschaft. „Die narrativen Geschichten, die Menschen sich erzählen, gestalten die Gegenwart ebenso wie die Zukunft“ (Neumann-Wirsig 2000, S. 24).
Veränderung ist anstrengend. Der Psychiater und Hirnforscher Daniel J. Siegel beschreibt in seinen Vorträgen, dass die erzählten Handlungen, die wir emotional durchleben, eine sichtbare Auswirkung auf die neuronale Vernetzung unseres Gehirns haben. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Erzählmuster Denk- und Verhaltensmuster prägen und neu gestalten können. Dieses Neugestalten unserer Denk- und Verhaltensmuster nennt er „narrative Integration“.1
In seinem Buch Wie Werbung wirkt: Erkenntnisse des Neuromarketing gibt Christian Scheier (2018) an, dass 95 % aller wahrgenommenen Informationen unbewusst verarbeitet und im emotionalen Erfahrungsgedächtnis abgespeichert werden. Storytelling bahnt den Weg zu diesen Kompetenzen und Ressourcen. Geschichten zu erzählen bedeutet: Wir haben die Möglichkeit, ihren Ausgang zu beeinflussen. Geschichten erlauben uns, an bekannte Muster anzuknüpfen und uns langsam erzählend aus ihnen herauszubewegen. So können wir uns neu erzählen.
Die Charaktere, als die sich Coachees in ihren Geschichten darstellen, sind nicht unbedingt Held*innen im klassischen Sinn. Sie sind Handelnde, die sich verändern und dazu lernen möchten und können. Im Bild der Heldenreise stellen mutige Held*innen sich den Anforderungen ihres Alltags, gehen ein Stück weit aus ihrer vertrauten Welt heraus und kehren gestärkt zurück. Im Storytelling wird es möglich, die passende Held*innenreise für die eigene Lebenssituation auszuwählen.
Wie wirksam Narrationen sein können, beschreibt Fritz Breithaupt, Professor für Germanistik und Kognitionswissenschaften an der Indiana University in Bloomington (USA): Als Kind hatten ihn in Museen vor allem die Nachstellungen längst ausgestorbener Tiere fasziniert. „Ich war im dauernden Dialog mit diesen Tieren, wenn ich mich vor sie stellte und sie anschaute. Wie beredt ihre Blicke waren. Jedes drang darauf, mir seine Geschichte zu erzählen … Es war mir, als könnte ich die Geschichten dieser Tiere hören und sehen“ (Breithaupt 2022, S. 61). Am Beispiel seiner Kindheitserinnerungen möchte Breithaupt zeigen, „wie wir unser Leben in kleinen Erzählungen erinnern, erleben, planen und kommunizieren“ (ibid.). In seinem Experimental Humanities Lab forscht er zu Narrationen und Empathie. Sein Forscherteam leitete einmal eine Versuchsgruppe zu einem Stille-Post-Spiel an: Ein Proband las eine Geschichte und sollte sie schriftlich nacherzählen. Das Geschriebene wurde dann von der nächsten Person zuerst gelesen und erneut schriftlich nacherzählt. Auf diese Weise wollte man herausfinden, was die Geschichte in ihrem Kern ausmacht, was „erhalten bleibt, was übertrieben wird oder was einfach wegfällt“ (ibid., S. 62). Breithaupt suchte eine Antwort auf die Frage: Was ist das Besondere am narrativen Denken? „Das Denken in Narrationen erzeugt seine eigene Zeitzone und seinen eigenen Raum. Es schafft sich ein Museum. Insofern war mein stummer Kindheitsdialog mit den ausgestorbenen Tieren gar nicht so ungewöhnlich. Wer in eine Erzählung eintritt, begibt sich in gewisser Weise in eine Welt jenseits unserer Eigenzeit. Normalerweise befinden wir uns mental im Hier und Jetzt … Wenn wir in eine Narration eintreten, verändert sich unser Bezugsrahmen. Statt in unserem eigenen Hier und Jetzt sind wir mental auf einmal in dem Hier und Jetzt der Geschichte“ (ibid.). Dies bedeutet: Wenn wir über vergangene Momente erzählen, rufen wir sie uns zurück und erleben sie erneut. Doch wir können noch etwas anderes: „Wir können uns in die Perspektive eines anderen Menschen hineinversetzen und Empathie empfinden. Oder wir können uns etwas vorstellen, was es vielleicht nie geben wird. Diese Episoden werden dann für eine kurze Zeit das Hier und Jetzt, das wir erleben“ (ibid.).
Bereits beim zweiten Erzählen eines Erlebnisses sind unsere Gefühle verändert.
Die von Fritz Breithaupt beschriebene Form, sich zu erinnern, wird in der Wissenschaft als episodisches Gedächtnis bezeichnet, welches laut Breithaupt „ein Spezialfall des narrativen Denkens“ (ibid.) ist. Neben dem Perspektivwechsel ermöglicht es die Veränderung von Emotionen im Zusammenhang mit der erinnerten Situation. Bereits beim zweiten Erzählen eines Erlebnisses sind unsere Gefühle verändert. Jedes Erzählen vertieft oder verflacht die originalen Emotionen, die die Erfahrung ursprünglich begleiteten. Wir können uns über das Erzählen emotional regulieren, indem wir Distanz zum Erlebten herstellen oder es mit unserer heutigen Erfahrung anders bewerten. Wir können uns aber auch beim wiederholten Erzählen immer mehr in unsere Ursprungsemotionen hineinsteigern, sodass die vergangene Erfahrung im narrativen Hier und Jetzt emotional sogar intensiver wirkt als in der ersten Erinnerung. Ohnmachtsgefühle werden deshalb in Narrationen besonders intensiv erlebt, weil der Erzähler bereits weiß, wie die Geschichte ausgeht und nichts mehr daran ändern kann. Im Hier und Jetzt der biografischen Realität ist die Zukunft offen und es gibt mindestens zwei Handlungsoptionen. Im Hier und Jetzt der Narration ist die Zukunft jedoch festgeschrieben und wir „sind der Geschichte oder erinnerten Episode gegenüber ausgeliefert“ (Breithaupt 2022, S. 64).
„Menschen sind narrative Wesen. Wenn wir uns als Produkt der Evolution begreifen, ist das ein sehr sonderbares Dasein. Als Lebewesen sind wir auf Handlung programmiert. Doch dieses narrative Denken führt uns dazu, dass wir uns immer wieder in der Lage finden, nicht eingreifen zu können, auch wenn wir es noch so dringend wollen. Dies ist der Ursprung der Reflexion“ (ibid., S. 65).
Auf die Frage, was den nacherzählten Geschichten Stabilität verleihe, antwortete eine große Mehrheit der knapp 20.000 Teilnehmer*innen an Breihaupts Experiment, es sei die Kausalität. Und tatsächlich erwies sich die kausale Verknüpfung als das stabilste Element der Nacherzählungen. Emotionen waren ein weiteres wichtiges Element. Ob jemand traurig, wütend, glücklich, ängstlich, überrascht oder peinlich berührt war, wurde präzise von einer nacherzählenden Person zur nächsten weitergegeben. Damit erwies sich auch die Gefühlslage der beschriebenen Personen als stabiles Element der Narration.
Als Coach werde ich zum Echoraum der Emotionen der Klient*innen. Indem ich ihre Emotionen (aus)halte und mich als Resonanzraum zur Verfügung stelle, erfahren sie Akzeptanz.
Menschen streben nach Verbundenheit. Beim Hören oder Lesen einer Geschichte wechseln wir die Perspektive. Wir können uns identifizieren und verbunden fühlen. Der Auslöser und das Ergebnis dieses empathischen Prozesses sind Emotionen, und sie sind der Antrieb für Veränderung. Als Coach werde ich zum Echoraum der Emotionen der Klient*innen. Indem ich ihre Emotionen (aus)halte und mich als Resonanzraum zur Verfügung stelle, erfahren sie Akzeptanz. Erst dann kann Schritt für Schritt eine Veränderung der Narration gelingen. Aus „Warum musste es passieren?“ wird die Leitfrage für die neue Narration: „Wozu könnte es gut gewesen sein?“ Die Akzeptanz des Gewesenen und die Öffnung der Kausalität von der Frage „Warum?“ auf die Frage „Wozu?“ tragen dazu bei, das jüngere Ich im Museum der Erinnerungen zu trösten. Anschließend ist es möglich, die musealen Erinnerungen zu verlassen und die Entwicklung im Hier und Jetzt kann beginnen. Coaching kann Klienten dabei begleiten, sich aus dem Museum ihres Denkens in die Werkstatt ihres Hier und Jetzt zu begeben.
Fazit
Metaphern wirken wie konzentriertes Storytelling. Sie bilden die Essenz der Wirklichkeitskonstruktion der Erzählenden ab. Die neurobiologische Forschung zeigt: Mit jedem Abruf einer erinnerten Wirklichkeitskonstruktion aus dem episodischen Gedächtnis wird diese Erinnerung modifiziert und die abgerufene Version durch die erinnerte Aktualisierung überschrieben. Unser episodisches Gedächtnis verfügt also über das Potenzial, unsere Wirklichkeitskonstruktionen zu verändern. Dabei werden nicht nur die in einer Metapher gefassten Narrationen, sondern auch die an sie gekoppelten Emotionen verändert.
Metaphernsensibles Coaching bedient sich der menschlichen Fähigkeit, Denk- und Verhaltensmuster mithilfe von Erzählmustern zu prägen und neu zu gestalten. Die neue zielführende mentale Ausrichtung wird narrativ integriert. Diese narrative Integration ermöglicht es, eine als limitierend erfahrene Umwelt nicht nur in eine Handlungsspielraum gebende Metapher umzudeuten, sondern diesen Handlungsspielraum tatsächlich zu erleben.
„Solang der Himmel des Du über mir ausgespannt ist, kauern die Winde der Ursächlichkeit an meinen Fersen, und der Wirbel des Verhängnisses gerinnt.“
(Martin Buber)
Zuhören als Intervention
Menschliches Sein ist immer auch Kommunikation, denn wenn ich einem anderen gegenüber offen bin, kann ich mich zugleich selbst verwirklichen. Ihre volle Wirksamkeit erlangt Sprache erst im Dialog. An ein Gegenüber gerichtet kommt das gesprochene Wort in den Kontext von Mitmenschlichkeit (s. a. Biser 1974, S. 1769), und echtes Zuhören ist eine Würdigung der erzählten Erfahrung.
Für Francesc Torralba ist Zuhören „die einzige Möglichkeit, Beziehungen erfolgreich zu gestalten“ (2007, S. 7). Es ist die „beständige Suche nach der Substanz des anderen“ (ibid., S. 13). Ein guter Zuhörer „nimmt auch auf, was nicht gesagt wird, was ausgelassen wird, was sich hinter den Worten verbirgt“ (ibid., S. 14). Und weiter: „Zuhören bedeutet, in die Welt des anderen einzutreten. Es geht darum, sich selbst zu vergessen, um die Worte des anderen aufzunehmen“ (ibid., S. 23).
Für das Zuhören im privaten und freundschaftlichen Kontext mag Torralbas Definition voll und ganz zutreffen, doch im professionellen Kontext, in einer Beratungssituation, braucht es mehr: Man ist ganz beim Sprechenden, taucht in seine Welt ein, um dann mit leichten, schnellen inneren Bewegungen zu sich selbst zurückzukehren. Um zu überprüfen, was resoniert und wo mein Beraterinnen-Ohr möglicherweise gefärbt hört. Als Coach darf ich mich selbst gerade nicht vergessen: Ich pendele kontinuierlich zwischen (mindestens!) zwei Wahrnehmungsebenen.
Als Coach bin ich davon überzeugt, dass professionelles Zuhören mehrere Ebenen erfordert: Eintauchen in die Wirklichkeit der Klient*innen, professionelles Weghören mit dem Ziel der Mustererkennung, Wahrnehmung (und Hinterfragung!) der eigenen Resonanz, um dann sehr bewusst zu entscheiden, worauf und wie ich reagiere. Ich entscheide, was von dem Gesagten ich aufgreifen will und welchen Fokus ich im Hinblick auf Zieldienlichkeit setzen möchte. Für die Coachees sind meine Reaktionen auf das Gehörte keine Bestätigung ihrer Aussagen, sondern Impulse, über sich nachzudenken.
In Coaching und Beratung geht verstehendes Zuhören also über rein emotionales Verständnis hinaus, es ist hier auch immer eine Aufmerksamkeit, die auf Mustererkennung zielt. In dieser Form des empathischen und professionellen Zuhörens pendeln wir ebenso zwischen Konzentration und freischwebender Aufmerksamkeit hin und her wie zwischen Nähe und Distanz.
Wann immer möglich, die Sprachbilder der Klient*innen aufgreifen, denn ihre metaphorischen Redewendungen sind ein Hinweis auf ihre Repräsentation von Wirklichkeit.
Veränderung ist immer mit Anstrengung verbunden. Als Coach kann ich meinen Klient*innen hier einiges erleichtern, indem ich mich auf ihre Erfahrungen einlasse, in ihre Sprachwelt eintrete. Konkret bedeutet das: Wann immer möglich, die Sprachbilder der Klient*innen aufgreifen, denn ihre metaphorischen Redewendungen sind ein Hinweis auf ihre Repräsentation von Wirklichkeit.
Kontext und Irritation
Was ist aber, wenn wir beide aus ganz unterschiedlichen Welten kommen, sozial jeweils ganz anders geprägt wurden und kein gemeinsames Verständnis einer Metapher haben? Wenn wir beide den Sinn einer Metapher unterschiedlich sozial konstruieren? Im Folgenden beziehe ich mich auf die Ausführungen von Kruse et al. (2011), die von einer „habituellen Standortbezogenheit“ sprechen: „Wie man etwas wahrnimmt und etwas versteht, d. h. die Wirklichkeit konstruiert, ist voraussetzungsreich und in jedem Fall von der eigenen sozialen und kulturellen Position abhängig: Geschlecht, Alter oder die Einbindung in einem Milieu bzw. in einem Kulturkreis sind einige der beeinflussenden Faktoren“ (Kruse et al. 2011, S. 25). Dieser habituelle Standort limitiert die eigene Perspektive auf eine soziale Wirklichkeit.
Eine offene und reflexive Kommunikation ist die einzige Möglichkeit, mit diesem Phänomen umzugehen. Dafür darf man jedoch seine eigenen Prägungen keineswegs ignorieren, man sollte sie aber zurücknehmen, denn darin liegt die Chance für ein echtes gelingendes Zuhören. Fremdes ist immer eine Irritation, aber „neue Erkenntnis [wird] nur dann möglich […], wenn wir irritiert werden. […] Die Irritation unseres eigenen Relevanzsystems ist der Wegweiser zu neuer Erkenntnis bzw. zum Verstehen fremden Sinns“ (Kruse et al. 2011, S. 18). Diesem Verständnis folgend kann also jede Form der Beratung nur dann Veränderungsrelevanz entfalten, wenn sie irritiert. Erst die Irritation von personalen oder organisationalen Systemen gibt den Impuls zur Veränderung.
Kruse et al. weisen darauf hin, dass in bestimmten professionellen Kontexten Metaphern generiert werden, „die in anderen kommunikativen Alltagssituationen sonst vermutlich keine Anwendung finden würden“ (2011, S. 27). Auch hier gilt: Metaphern sollten nicht isoliert betrachtet werden. Es sollten immer der Kontext, in dem sie entstanden sind sowie die Bedingungen, unter denen Reflexion möglich ist, mitbedacht werden.
Beim professionellen Zuhören, wenn ich versuche, die Metaphern der Klient*innen zu verstehen, orientiere ich mich an den drei Axiomen von Kruse et al. (2011):
„Wirklichkeit ist stets konstruierte Wirklichkeit“ (S. 28). Für den Beratungsprozess bedeutet dies, dass Wirklichkeit immer kontingent ist. In der individuellen Wahrnehmung könnte sie sich ganz anders gestalten.
„Alles hat bzw. ergibt einen Sinn!“ (S. 28). In diesem Bewusstsein respektiere ich die Metaphern der Klient*innen.
„Nichts ist selbstverständlich!“ (S. 29). Erfolgreiche Beratung löst sich von vermeintlichen Gewissheiten, denn diese limitieren den Prozess.
Metaphern benötigen Kontext, um verstanden zu werden. „Welche Bilder stehen hinter diesen spezifischen Ausdrücken? Wie kommen sie zustande? Welche Bedeutung haben sie?“ (Kruse et al. 2011, S. 38). Was ich glaube, gehört und verstanden zu haben, ist immer und ausschließlich meine Interpretation des Gehörten. Als „echte“ Zuhörerin sollte mir bewusst sein, dass meine Vorannahmen und mein Relevanz- bzw. Herkunftssystem mein Verständnis des Gehörten einfärben. Daher höre ich als Coach nicht fokussiert-konzentriert zu, sondern mit einer freischwebenden Aufmerksamkeit.
Ko-Kreativität und Veränderung
Metaphernsensibles Coaching schafft den kreativen Raum, um sich weiterzuentwickeln.
Kruse et al. sprechen von Ko-Produktivität. Aus ihrer Forschungsperspektive sind sie mehr auf das Ergebnis, das Produkt ausgerichtet. Als Coach bin ich jedoch ergebnisoffen. Meine Verantwortung ist es, den Prozess zu gestalten, die Inhalte liegen in der Verantwortung der Klient*innen. Daher spreche ich in diesem Zusammenhang von Ko-Kreativität. Wenn Coaching eine Anleitung zu mehr reflexiver Beweglichkeit sein darf, stärkt dies die Veränderungskompetenz der Klient*innen. Die so geförderte kognitive Flexibilität begünstigt die Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulation und fördert die innere seelische Balance in herausfordernden Zeiten der Veränderung. Metaphernsensibles Coaching schafft den kreativen Raum, um sich weiterzuentwickeln.
Durch die gewählten Metaphern der Klient*innen erfahre ich viel über deren aktuelle emotionale Verfassung. So verwendet z. B. jemand, der von sich selbst sagt, es gehe ihm gut, im Gespräch eine Metapher, die einen Selbstvorwurf enthält. Wenn sich bewusste und unbewusste Äußerung widersprechen, lohnt es sich zumindest, die unbewusste ernst zu nehmen.
Bindernagel et al. (2018) sprechen in ihrem Buch zur idiolektischen Gesprächsführung von Schlüsselworten. Welch wunderbare Metapher! Worte können der Schlüssel zu etwas sein, sie können bisher verschlossene Türen aufschließen. In diesem Wortsinn erschließen Worte neue Welten und neue Möglichkeiten. Sie können der Wegweiser zu mehr Freiheit sein.
Über die Sprachbilder meiner Klient*innen erhalte ich auch wichtige und hilfreiche Informationen zu ihren Ressourcen. So gibt es nicht nur Problem- und Lösungsmetaphern. Es lassen sich auch Ressourcenmetaphern entdecken, die Hinweise darauf geben, welche Kompetenzen, welches Entwicklungspotenzial es bei den Klient*innen gibt. Grundsätzlich kann jede Metapher, die Entwicklung begünstigt, zur Ressourcenmetapher werden. Eine Ressource schenkt die benötigte Kraft, um Ziele zu erreichen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen.
Als Coach hat man es mit komplexen Anforderungen zu tun: Die Sprache der Coachees hören, verstehen und sprechen, die Wahrnehmungstypen identifizieren, Pacing und Leading sprachlich (nach)vollziehen, den Coachees emotional da begegnen, wo sie sich befinden, Ressourcenmetaphern erkennen und (ver)ankern, Empathie ausdrücken, Perspektivwechsel vollziehen, Resonanzen nachspüren, Synergie anstreben und Sprache als Intervention nutzen.
Wenn ich als Coach zuhöre, dann bedeutet das auch, Fragen zu stellen. Das Ziel jedes Coaching- oder Beratungsprozesses ist eine gestärkte Autonomie aufseiten der Klient*innen. Als Beraterin bzw. Coach, die intensiv und lösungsorientiert zuhört, stelle ich deshalb Fragen, die genau diese Autonomie stärken, z. B. Fragen nach Auswirkungen von Verhalten und nach Unterschieden. Aus der Beobachterinnenperspektive stelle ich hypothetische Fragen zur Zukunft, bei denen es nicht um richtig oder falsch geht. Ich kann nicht wissen, was in Bezug auf ihr Anliegen das Beste für meine Klient*innen ist, sie selbst sind die Expert*innen für ihr Leben. Ich begleite sie in Veränderungsprozessen, die für sie zu meistern sind.
Es geht hier nicht um Selbstoptimierungsstrategien, sondern um ein bewussteres, reflexives In-der-Welt-Sein.
Im Coaching wird man in einem solchen Dialog die Differenz zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit zur Sprache bringen und auf diese Weise auch ein „Noch-nicht“ artikulieren, dessen Möglichkeit die Klient*innen schon einmal ausprobieren. Eine solche Erfahrung kann für sie wahrer und wichtiger sein als die „Wirklichkeit“. Es geht hier nicht um Selbstoptimierungsstrategien, sondern um ein bewussteres, reflexives In-der-Welt-Sein, um eine kontinuierliche Praxis zur Erweiterung der eigenen Perspektive auf die Welt und auf sich selbst innerhalb dieser Welt.
Echtes Zuhören bereichert unser Leben. Es markiert den Beginn von etwas Neuem. Der kontinuierliche, von echtem Interesse getragene Austausch mit anderen bietet die Grundlage zur Selbsterkenntnis. Im Zusammenspiel mit Akzeptanz ist dies die Grundlage jeder Veränderung.
Fazit
Beim metaphernsensiblen Zuhören greift man eine metaphorische Redewendung, die sich aus dem Gespräch heraus entwickelt, auf und bietet sie als Motiv für die aktuelle Beratungseinheit an. Empathisch zuhörenden Berater*innen entgeht nicht, wenn von Klient*innen verwendete Worte stark mit emotionaler Bedeutung aufgeladen sind. In einem solchen Fall kann das entsprechende Wort „metaphorisiert“ werden, und so kommt durch Perspektivenvielfalt Bewegung in erstarrte Muster. Metaphernsensibles Zuhören versteht Worte als Hinweise auf innere Bewegung und nutzt ihre Emotionen als motivationale Antriebsenergie für eine intendierte innere oder äußere Entwicklung.
Zuhören heißt also nicht nur, zu hören, was jemand sagt, sondern auch, wie er es sagt – und was er damit über sich aussagt. Echtes Zuhören bedeutet hinhören. Der Zuhörende muss sich jedoch bewusst sein: Was er hört und wie er es hört ist von der Bedingtheit der eigenen Sinngebung gefärbt.
Wenn Selbstreflexivität im Dialog wechselseitig gelingt, verändern sich während des Coachingprozesses beide: Coachee und Coach!
Die Kraft der Fantasie
Für Aristoteles gab es nur zweierlei in der Welt: Das, was Realität ist und das, was nicht existiert. Die Physik würde ihn heute eines Besseren belehren, denn es gibt noch etwas Drittes: Das, was noch nicht existiert, aber Realität werden kann. Vielleicht wird gerade ein elastischer, biegsamer Stab konzipiert, der sich unter bestimmten Bedingungen biegen kann (s. a. Hüther 2018). Sich etwas vorzustellen, das es noch nicht gibt, zeichnet den Menschen aus. Unser Gehirn schenkt uns die Fähigkeit, etwas zu imaginieren, das wahr werden kann. Auch Metaphern drücken etwas aus, das es in der Form nicht gibt, das aber so empfunden wird. Sie können für uns Realitäten sein, an denen wir uns orientieren, sodass sie zum Kompass für unser zukünftiges Handeln werden.
Mittels einer Metapher empfinden wir unsere Erfahrungen als kohärent, wodurch die Metapher zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann. Damit ist die Metapher ein Phänomen des Denkens und des Handelns. Diese Handlungsrelevanz ist für Lakoff und Johnson (2018, S. 177 ff.) aus neurowissenschaftlicher Sicht in der Bildlichkeit von Metaphern begründet. Bilder transportieren Emotionen und sind deshalb enorm aktivierend und auch handlungsleitend. Die Metapher erzeugt „einen mentalen Raum zwischen Logik und Phantasie“ (ibid. S. 9), der neue Wirklichkeitskonstruktionen zulässt. Hüther spricht in diesem Zusammenhang von der „Macht der inneren Bilder“ (zit. nach Arnold 2019, S. 207), auf die wir intentional ausgerichtet sind. Unsere Absichten bzw. unsere Wünsche sind die Basis unseres Willens und unserer Entscheidungsfähigkeit. Sie gehen nicht nur jedem Willensakt und jeder Entscheidung voraus, sondern ermöglichen beides erst. Freud war der Ansicht, es sei nicht der Wille, sondern der Wunsch, der uns motiviere. Nichts anderes als ein Wunsch könne den geistig-seelischen Apparat in Bewegung setzen (siehe May 2015, S. 205). Der Wunsch schafft Fantasiebilder, und diese Kapazität, die eigenen Fantasiebilder gedanklich zu antizipieren, weist auf die visionär gestaltende Dimension des menschlichen Geistes. Weil wir fantasiebegabt sind, verfügen wir über Kraft: über Vorstellungskraft und neuronale Kraft.
Hirnstrukturen und ihre Bedeutung für die Arbeit mit Metaphern
Großhirn, Zwischenhirn, Kleinhirn und Stammhirn: In diese Strukturen lässt sich unser Gehirn grob unterteilen. Das Großhirn gilt als Schaltzentrale. Hier werden Informationen ausgewertet und verarbeitet. Es ist in zwei symmetrische, mit einem „Balken“ verbundene Hälften (= Hemisphären) unterteilt. Die linke Hälfte ist mehr für Logik und Sprache zuständig, die rechte Hälfte eher für räumliches Denken und Gefühlsausdruck (mehr dazu im übernächsten Absatz).
Zu den Strukturen im Zwischenhirn gehören der Thalamus – zuständig für die Filterung aller Sinnesreize, bevor sie ans Großhirn weitergeleitet werden – und der Hypothalamus – zuständig für die Verbindung von Hormon- und Nervensystem; hier wird z. B. unser Temperaturempfinden gesteuert. Das Kleinhirn koordiniert Bewegungen, Gleichgewicht und Spracherwerb. Zunehmend wird seine Rolle in kognitiven Prozessen erforscht.
Zurück zum Großhirn: In der linken Hemisphäre befinden sich das Broca-Areal (= motorisches Sprachzentrum) und das Wernicke-Areal (= sensorisches Sprachzentrum). Allerdings macht die neurobiologische Forschung immer deutlicher, dass nicht nur diese beiden Regionen im Gehirn an der Sprachproduktion und -verarbeitung beteiligt sind, sondern dass noch weitere wichtige Bereiche hier eine Rolle spielen.
Ist die linke Gehirnhälfte für das wortwörtliche Verstehen von Sprache zuständig, so findet sich in der rechten Gehirnhälfte (als Spezialistin für räumliches Vorstellungsvermögen und Gefühle) die Zuständigkeit für das kreative Verständnis. Das bedeutet: Wenn wir Metaphern hören und sie verstehen wollen, aktivieren wir beide Gehirnhälften. Neben Broca- und Wernicke-Areal spielt für die kognitive Verarbeitung von Metaphern auch der präfrontale Kortex (an der Stirnseite des Großhirns gelegen) eine Rolle. Er ist für die Entscheidung über und die Planung von Handlungen zuständig. Dies unterstützt die These, dass Metaphern sich besonders wirksam bei intendierten Verhaltensänderungen einsetzen lassen.
Sinneswahrnehmungen sind in unterschiedlichen Hirnarealen lokalisiert. Spricht eine Metapher mehrere Wahrnehmungskanäle an, aktiviert sie auch unterschiedliche Bereiche des Gehirns.
Sinneswahrnehmungen sind in unterschiedlichen Hirnarealen lokalisiert. Spricht eine Metapher mehrere Wahrnehmungskanäle an, aktiviert sie auch unterschiedliche Bereiche des Gehirns. Sie wird deshalb im wahrsten Sinn des Wortes eindrücklicher wahrgenommen: Sie hinterlässt einen Eindruck, eine Spur in unserem Denken, sie wird erinnert. Und: Was uns emotional berührt, merken wir uns. Die Metapher, die in unserer Vorstellungskraft optische, auditive, haptische, gustatorische und olfaktorische Sinneswahrnehmungen anregt, bringt unser Denken als Gefühl in unseren Körper. Sie regt das „Orchester unserer Sinne“ dazu an, einen Zustand als real zu antizipieren. Die Musik, die so entsteht, kann uns zu neuen Zielen begleiten.
Bei den meisten Menschen sind bestimmte Sinneskanäle dominant; die Neuropsychologie spricht hier von einem Leitsinn. Diese sinnliche Orientierung findet sich auch in der Sprache wieder, und darauf können metaphernsensible Zuhörer*innen Rücksicht nehmen. Wenn dem Augenmenschen ein Licht aufgeht und er klarer sieht, klingelt es dem Hörmenschen vielleicht in den Ohren und der Kinästhet, der von seinem Fühlen und Bewegen geleitet wird, hat wieder festen Boden unter seinen Füßen. Es liegt nahe, dass die Verständigung zwischen zwei Menschen mit gleichem Leitsinn durch weniger Missverständnissen gekennzeichnet ist. Eine sprachliche „Leitsinn-Flexibilität“ der Berater*innen ist hier hilfreich.
