Bilder meiner Psyche - Kurt Pfeilegger - E-Book

Bilder meiner Psyche E-Book

Kurt Pfeilegger

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Beschreibung

Kurt arbeitet auf dem Sozialamt. Die ergreifenden Schicksale, mit denen er täglich konfrontiert wird, setzen ihm immer mehr zu - bis er eines Tages nicht mehr kann, psychisch erkrankt und aus dem Dienst ausscheidet. Von nun an findet er sich auf der anderen Seite der Gesellschaft wieder: ganz unten. In dieser ausweglos erscheinenden Situation entdeckt Kurt durch Zufall die Fotografie für sich und schafft es allmählich mit Hilfe eines kreativen Langzeitprojekts, sich gleichsam am eigenen Schopf aus dem Sumpf der erlittenen Traumata zu ziehen und eine neue Lebensperspektive zu gewinnen ... Bilder meiner Psyche erzählt mit schonungsloser (selbst)analytischer Präzision und in einer glasklaren, pointierten Sprache vom Absturz eines Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und dem anschließenden langen Weg - buchstäblich - aus der Dunkelheit zurück ins Licht. In exemplarischer Absicht spiegelt sich der Bewusstseinszustand des Ich-Erzählers in den Alltagsaufnahmen von überfluteten, verstopften, zugewachsenen Gullys und Schneisen der Zerstörung nach Lawinenabgängen. Durch die zielgenaue Kombination von Text und Fotografie wird die komplexe Empfindungswelt eines durch unsere kapitalistische Gegenwart Versehrten überaus plastisch vorgeführt, Psychoanalyse geradezu sinnlich erlebbar gemacht. Eindrucksvoll wie selten trifft Bilder meiner Psyche mitten ins Herz unserer modernen Existenz!

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Seitenzahl: 29

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Bilder meiner Psyche

Flashback

Der Zaun

Brain-Gully

Wochenfotos

Perspektiven

Rückblende Traumwelten

Über die Wichtigkeit Kanaldeckel zu fotografieren

Too much

Graue Phase

Land unter

Risse und Bruchstellen

Under Pressure

Helle Phase

Schatten meiner selbst

Spiegelung oder Die zwei Seiten des Schreibtischs

Comeback-Gedanken

The Race

Life

Aufgeräumt

Ausstellungsfotos

BILDER MEINER PSYCHE

Darf ein Mensch „Schwächen“ zeigen? Oder ist das gesellschaftlich verpönt? In Zeiten, in denen Logarithmen unsere Leistungen messen, liegt die Antwort praktisch auf der Hand. Es sei denn, man nimmt auch eine bestimmte Gruppe wahr, die stetig im Wachstum begriffen ist: Personen mit einer psychischen Erkrankung. Die Zahl der Betroffenen nimmt Jahr für Jahr zu.

Mein Name ist Kurt. Vor über 15 Jahren wurde bei mir erstmals eine psychische Erkrankung diagnostiziert. Einige Tage verbrachte ich stationär in einer klinischen Einrichtung, im Anschluss folgten ambulante Therapien bei FachärztInnen für Psychiatrie sowie PsychologInnen. Obwohl ich seither viel an der Verbesserung meiner Situation gearbeitet habe, kommt es gelegentlich zu Rückfällen – vergleichbar mit der Situation eines Sportlers, dem eine alte Verletzung immer wieder zu schaffen macht. Ein auslösender Schlüsselreiz (Trigger) genügt, und die früheren Erlebnisse kehren in Gedanken zurück. In der Fachsprache wird dies „Flashback“ genannt.

FLASHBACK

Ich hatte geglaubt, die größten Probleme bewältigt zu haben, als in der kleinen Seitenstraße, in der ich wohne, Wahlplakate angebracht wurden. Jedes einzelne Plakat beinhaltete das Wort „Mindestsicherung“, das als Schlüsselreiz einen Flashback bei mir auslöste. Es vermittelte den Anschein, dass die Sozialhilfe in den Fokus der Politik geraten wäre. Sofort tauchten Erinnerungen an meinen ehemaligen Job im Sozialamt auf, die mit großer Bitterkeit verbunden waren. Ich fühlte mich in Situationen zurückversetzt, die längst vergangen waren.

Während meines Dienstverhältnisses kamen viele Menschen zu mir, die von Zwangsräumungen bedroht waren. An einem Morgen – zwischen 8:00 und 8:45 Uhr – waren es gleich drei Familien mit Kindern. Die Möbelpacker warteten schon vor der Wohnungstür – und die Betroffenen stürmten panisch mein Büro.

Auch das Bild eines Kriegsflüchtlings aus Ex-Jugoslawien stieg in mir hoch. Mit Tränen in den Augen hatte er mir von seiner Heimat auf dem Balkan erzählt: „Krieg ist, wenn dein Nachbar auf dich schießt, nur weil es ein anderer will.“ Früher hatte er ein Haus besessen und ein gutes Leben geführt, das ihm durch einen bewaffneten Konflikt entrissen worden war. Aus Sicht unseres Sozialsystems stellte er lediglich einen Kostenfaktor dar, der bei uns nichts verloren hatte.

Und dann war da ein junger Mann, der mit Suizid gedroht hatte, sollten wir von Amts wegen seine Mutter kontaktieren. Uns Mitarbeitern wurde damals gesagt: „Wenn wir uns von jeder Selbstmorddrohung beeindrucken lassen, können wir zusperren.“ Am nächsten Tag war der junge Mann tot. Es hinterlässt Spuren, wenn Menschen ihre Ankündigung, sich das Leben zu nehmen, in die Tat umsetzen.

Während der letzten Monate in meinem Job hatte ich immer Traubenzucker dabei. Grund dafür waren wiederkehrende Schwindelanfälle und meine Angst, plötzlich umzukippen. Mein Körper wollte mir etwas sagen, doch ich hatte seine Warnungen (zu) lange ignoriert.

Als die Plakate ringsum in unserem Wohnviertel hingen, dauerte es nicht lange, bis die ersten Nachbarn auf mich zukamen und sagten: „Du hast im Sozialamt gearbeitet – du kennst dich aus.“ Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie ich diesen Satz hasse. Ich weiß, weshalb ich den Job an den Nagel gehängt habe: weil er mit Vollgas auf meine Gesundheit fuhr.