Bildung im digitalen Wandel - Elke Hemminger - E-Book

Bildung im digitalen Wandel E-Book

Elke Hemminger

0,0

Beschreibung

Schulen und Hochschulen sind herausgefordert, auf eine zunehmend digitalisierte Arbeitswelt vorzubereiten. Im Fokus stehen dabei folgende Fragen: Wie lassen sich die digitalisierten Alltags- und Arbeitsprozesse von Lehrenden und Lernenden selbstbestimmt gestalten? Wie beeinflussen Digitalisierung und Digitalität Gesellschaft, Bildung und Kommunikation? Wie müssen sich Schulen und Hochschulen in einer Kultur der Digitalität entwickeln? Diese Fragen beantwortet das vorliegende Buch soziologisch und pädagogisch. Neben der begrifflichen Differenzierung führt es dabei die sozio-kulturelle und technische Perspektive auf die digitale Transformation zusammen. Auf Grundlage von empirischen Daten werden das Verhältnis von Bildung und Digitalität analysiert und die Ausbildung der Lehrenden in den Blick genommen. Abschließend entwickelt die Autorin ein Szenario zur Umgestaltung von Bildung, um so u.a. durch Investition und Innovation Schulen und Hochschulen eine chancengerechte und zukunftsfähige Perspektive zu eröffnen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Titelei

Persönliches Vorwort

1 Einführung: Von schwierigen Begriffen und falschen Vorannahmen

2 Mensch, Technik und Gesellschaft

2.1 Technik als Begriff

2.2 Technik und Gesellschaft

2.3 Technik, gesellschaftlicher Wandel und soziale Ungleichheit

2.3.1 Genome Editing im Kontext sozialer Ungleichheit

3 Bildung: Ein schillernder Begriff

3.1 Bildung als ökonomische Ressource

3.2 Der kritische Blick auf den Bildungsbegriff

3.3 Der Bildungsbegriff der Aufklärer

4 Digitalisierung, Digitalität und Digitale Transformation: Begriffsbestimmungen

4.1 Doppelte Herausforderung

4.2 Veränderte Kommunikation

4.3 Digitalisierung: Annäherung an einen systematisch undefinierten Begriff

4.4 Digitale Transformation

4.5 Kultur der Digitalität

4.6 Herausforderungen für Gesellschaft und Bildung der Zukunft

5 Lehren und Lernen im Wandel: Zukunftsperspektiven auf Bildung im Kontext von Digitalität

5.1 New Learning

5.2 Bildungstrends nach Corona

5.3 Zwingende Veränderungen für die Zukunft?

5.4 21st Century Skills

6 Medienbildung aktuell: Das Beispiel Baden-Württemberg

6.1 Mögliche Maßnahmen in Schulen und Lehrer:innenbildung

6.2 Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze für die (Lehrer:innen-)‌Bildung

7 Science and Technology Awareness in der Hochschulbildung

7.1 Die Herausforderung der inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit

7.2 STA in der Praxis der Hochschullehre

8 Bildung im digitalen Wandel: Lehr- und Lernräume als Lebensräume

8.1 Mut zur Tradition: Was wir haben

8.2 Mut zur Investition: Was wir brauchen

8.3 Mut zur Innovation: Wohin wir wollen

8.4 Bildungs-Oasen als Lebens- und Erfahrungsräume in der Mitte der Gesellschaft

8.4.1 Wo entstehen Bildungs-Oasen und wie sehen diese aus?

8.4.2 Welche Akteur:innen gestalten die Bildungsprozesse in den Bildungs-Oasen?

8.4.3 Wie verlaufen die Bildungsprozesse in den Bildungs-Oasen und welche Rolle spielen weiterhin die traditionellen Bildungsinstitutionen?

9 Schlussbemerkungen

Literatur

Verzeichnis der Onlinequellen ohne Autor:innen (in der Reihenfolge ihres Vorkommens im Text)

Die Autorin

Prof. Dr. Elke Hemminger lehrt seit 2017 Soziologie im Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (Standort Bochum). Ihre Arbeit fokussiert sich auf Themen der Techniksoziologie, Digitalität und Bildung, Soziale Netzwerkforschung sowie Methoden der empirischen Sozialforschung. Vor ihrer interdisziplinären Promotion im Bereich der Game Studies an der PH Schwäbisch Gmünd und der University of Waikato in Hamilton (NZ) im Jahr 2009 war sie mehrere Jahre als Lehrerin im Schuldienst tätig. Ihre besondere Leidenschaft gilt der Wissenschaftskommunikation und dem Storytelling – beides bringt sie gerne in ihre Forschung und Lehre ein.

Elke Hemminger

Bildung im digitalen Wandel

Soziologische Perspektiven

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.

1. Auflage 2023

Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:ISBN 978-3-17-039560-2

E-Book-Formate:pdf: ISBN 978-3-17-039561-9epub: ISBN 978-3-17-039562-6

Persönliches Vorwort

Dieses Buch zu Ende zu bringen, war ungleich viel schwieriger als gedacht. Ein Buch zu schreiben über Bildung im digitalen Wandel, ist im Prinzip keine schlechte Idee. Allerdings sollte keine Pandemie in die Quere kommen.

Ich bin nicht nur Soziologin und ausgebildete Lehrerin, sondern auch voll berufstätige Mutter von zwei Kindern. Ein wissenschaftliches Buch über Bildung im digitalen Wandel zu schreiben, während die eigenen Kinder im Grundschulalter (und ich selbst natürlich auch) die Folgen der Corona-Pandemie im Bildungssystem am eigenen Leib zur spüren bekamen, dabei den notwendigen Abstand zu wahren und nicht polemisch zu werden, das war nicht immer einfach. Viele gelaufene Kilometer gegen den Frust, unzählige Gespräche mit Freund:innen, zahlreiche Fragen an Kolleg:innen zeugen von meiner Not, ein Thema wissenschaftlich zu bearbeiten, das letztlich fast alle sehr persönlich betrifft. Auch und gerade deshalb ist dieses Buch ein besonders wichtiges Projekt für mich geworden.

Der zweite Grund für meine Schwierigkeiten war der sehr plötzliche und völlig unerwartete Tod meines Vaters im Juni 2022. Das Manuskript war in halbfertigem Rohzustand, nur in meinem Kopf weitgehend fertig. Mit meinem Vater hatte ich viel über das Buch gesprochen und meine Ideen konkretisiert. Plötzlich war er weg, wir konnten keine Gespräche mehr führen. Selbst Wissenschaftler, war er auch der einzige Mensch, der immer ohne Murren und oft kurzfristig jeden meiner Texte Korrektur gelesen hat. Seine kritische, aber stets offene Haltung wird mir unendlich fehlen. Ich habe dieses Buch zu Ende geschrieben, weil es das letzte ist, über das ich mit ihm sprechen konnte. Und weil er nicht gewollt hätte, dass ich es aufgebe.

Das Korrekturlesen hat dankenswerterweise mein jüngster Bruder übernommen, der seinen Urlaub dafür auf dem Altar der Geschwisterliebe geopfert hat. Du darfst dich dafür aus dem Weinkeller bedienen, versprochen!

Elke Hemminger, im Februar 2023

1 Einführung: Von schwierigen Begriffen und falschen Vorannahmen

»Bildung beginnt mit Neugierde. Man töte in jemandem die Neugierde ab, und man stiehlt ihm die Chance, sich zu bilden.«Peter Bieri (2005, S. 1)

Die vergangenen Jahre, geprägt von der Corona-Pandemie und damit einhergehend auch von politischen und sozialen Unruhen, waren bildungspolitisch von einem Paradoxon bestimmt: Obwohl normalerweise eine gewisse Einigkeit darüber zu herrschen scheint, dass unser Bildungssystem in irgendeiner Form – wie dies auszusehen hat, da gehen die Meinungen dann schnell wieder auseinander – reformbedürftig ist, so war in der Diskussion um Bildung häufig der Wunsch zu spüren, zum vor-pandemischen Zustand zurückzukehren. Nicht immer und überall, aber doch deutlich und teils überschwänglich wurde das Lehren und Lernen in Präsenz, wie es ›damals‹ war, idealisiert. Von der Neugierde als Grundlage und Ausgangspunkt des Bildungsprozesses, wie sie Peter Bieri verlangt, war kaum die Rede. Auch von Aufbruchsstimmung, Zuversicht oder Innovationsschub war und ist in der Praxis insgesamt eher wenig zu spüren. Gleichzeitig kursiert die Digitalisierung als allgegenwärtiges Buzzword, und niemand weiß so Recht, was eigentlich damit gemeint ist. Nicht nur im Bildungskontext, in allen gesellschaftlichen Bereichen spielt die Digitalisierung zumindest als Schlagwort eine herausragende Rolle. Kaum ein Wort zeigt sich prominenter im neuen Koalitionsvertrag der Bundesregierung aus dem Jahr 20211. In digitale Infrastruktur und Bürgerrechte gelte es zu investieren, digitale Innovationen müssten gestärkt und IT-Sicherheit gewährleistet werden, am Zusammenhalt der digitalen Gesellschaft müsse gearbeitet werden, so wird dort geschrieben. In Deutschland brauche es einen digitalen Aufbruch (ibid., S. 15 ff.). Nach über zwei Jahren Pandemie, in denen die Schwachstellen der deutschen Digitalisierungspolitik schonungslos offengelegt wurden, ist das nicht verwunderlich.

An Hochschulen und Schulen, in Gesundheitsämtern und im Sozialwesen, selbst in der Wirtschaft hinken wir in Sachen Digitalisierung der globalen Entwicklung hinterher. Trotzdem ist der Ruf nach dem digitalen Aufbruch auch mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Nicht aus einer grundsätzlichen Technikskepsis oder gar Angst heraus, sondern vor dem Hintergrund der Erfahrung bisheriger politischer Perspektiven auf die Frage danach, wie mit Digitalisierung umgegangen werden soll. Denn die Thematik hatte es schon früher auf die Wahlplakate geschafft, als die FDP in ihrer Kampagne zur Bundestagswahl 2017 forderte: »Digital First. Bedenken Second.« Deutschland wird in einer Erklärung zur Kampagne auf der Homepage der Partei kurzerhand zur Beta-Republik ausgerufen.2 Eine Beta-Version ist eine noch unfertige Version eines Programms (häufig eines Spiels), die zum Testen an die Nutzer:innen ausgegeben wird. Es ist in der Beta-Version spielbar, aber noch nicht endgültig fertig und muss mit Hilfe der Rückmeldung der Testpersonen perfektioniert werden, bevor es endgültig in die Öffentlichkeit geht. Als Beta-Republik wäre Deutschland somit also ein Land, in dem die Testversion eines Computerprogramms in Gebrauch genommen wird, bevor die offensichtlichen Probleme und Fehler abgestellt wurden und die Programmierer:innen nach einer systematischen Testphase gehört haben, was die Nutzer:innen zu dem Programm zurückmelden. Eine einzige große Testrepublik – erst einmal digitalisieren und dann die Folgen bedenken, während wir schon mit ihnen leben müssen. Das ist angesichts der schon jetzt deutlich sichtbaren gesellschaftlichen Disruptionen im Zuge einer Kultur der Digitalität mehr als unklug. Denn darum, und das wird einer der wesentlichen Punkte sein, die in diesem Buch ausgeführt werden, geht es ja eigentlich, wenn die Frage nach einer sinnvollen Bildung der Zukunft gestellt wird: nicht, oder zumindest nicht vorwiegend um Digitalisierung, sondern um die Kultur der Digitalität und den gesellschaftlichen Umgang damit, an dem Bildung selbstverständlich beteiligt sein sollte (Stalder 2019). Stalder bezeichnet als Kultur der Digitalität die Pluralisierung der kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten im Zuge der Ausbreitung komplexer Technologien, die zu herausfordernden sozialen Aushandlungs- und Beteiligungsprozessen führen können. Die genaue Unterscheidung grundlegender Begriffe und warum diese trennscharfe Differenzierung so wichtig ist, werden in Kapitel 4 dieses Buches thematisiert.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck und weder eine Gesellschaft noch ein Individuum muss jeden technischen Trend mitmachen, den die Digitalkonzerne des Silicon Valley uns anbieten oder aufdrängen wollen. Bedenken sind erlaubt und kritisches Nachfragen sollte erwünscht sein. Aber auch die Verweigerung einer Auseinandersetzung mit technischer Innovation und wissenschaftlichen Erkenntnissen ist keine Lösung.

Oft wird die Frage gestellt, ob die Schulen nach der Pandemie nicht am besten zum herkömmlichen, altbewährten Unterricht mit Büchern, Stift und Papier zurückkehren sollten.3 Schon allein, um die wertvolle soziale Interaktion zu fördern, die dabei entstehen könne. Das gleiche Argument wird auch für die Präsenzlehre an Hochschulen häufig vorgebracht, weil das angeblich so wunderbar funktioniert hat, fast idyllisch war. Solche Argumentationen werden weder der Komplexität von Lehren und Lernen gerecht noch spiegeln sie die reale Situation an Schulen und Hochschulen wider. Auch bilden sie nicht annähernd die äußerst diversen Lebenslagen von Lehrenden, Studierenden und Schüler:innen ab. In die stark polarisierte Diskussion gilt es zunächst etwas Ordnung zu bringen. Auf der einen Seite steht der Ruf nach schnellen Investitionen in die Digitalisierung, vor allem in Form von mehr technischer Ausstattung und schnellerem Internet an Schulen. Andererseits diktieren Warnungen vor einer Abkehr vom Präsenzunterricht und leidenschaftliche Plädoyers für eine Rückkehr zur Präsenzlehre die Sichtweise.

Wer über die Zukunft von Bildung nachdenkt, muss unweigerlich auch über Technik nachdenken. Meist geschieht dies unter dem Begriff der Digitalisierung und stark verkürzt auf die Frage nach digitalem Lehren und Lernen und der dafür notwendigen Infrastruktur. In diesem Buch wird die Frage nach Zukunft von Bildung in einen weiteren Rahmen gestellt. Die fast schon inflationäre Thematisierung von Digitalisierung und Bildung täuscht darüber hinweg, dass Komplexität und Vielschichtigkeit des Prozesses der Digitalisierung weder wissenschaftlich noch gesellschaftlich bislang ausreichend wahrgenommen und diskutiert werden. Insbesondere im Bereich der Bildung ist die Diskussion um Digitalisierung kontrovers und stark polarisiert. Vielen Initiativen und Diskursen fehlt es nicht nur an einer starken theoretischen Grundlage, die die Entwicklung von sinnvollen Konzepten erst möglich machen würde, sondern auch an Verständnis für die vielschichtigen Potentiale von Bildungsprozessen im Kontext von Digitalität. Gerade die Frage danach, was unter Digitalisierung oder Digitalität grundsätzlich zu verstehen ist und wo daraus resultierend im Bildungsbereich Handlungsbedarf entsteht, ist noch nicht hinreichend wissenschaftlich diskutiert. Einer solchen Diskussion muss eine gründliche Begriffsklärung voraus gehen, die in Kapitel 4 dieses Buches vorgenommen wird.

Trotz aller Diskussionen um die Begrifflichkeit steht die gesellschaftliche Idee im Raum, dass an der Digitalisierung kein Weg vorbei führe und wir ihr ohnehin ausgeliefert seien. Dass wir im Grunde doch jeden Trend mitgehen, Digitalisierung um jeden Preis vorantreiben müssten. In dieser unreflektierten Einfachheit ist das gefährlich, gesellschaftszersetzend und dumm. Aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, egal wie viele Bedenken geäußert werden und wie viele Sorgen die Entwicklungen hervorrufen. Deshalb wäre es genauso dumm und gefährlich, die Digitalisierung völlig zu ignorieren und nicht auf sinnvolle Art und Weise mitzugehen. Denn dann überlassen wir auf Dauer die digitalen Räume den Verschwörungsmystiker:innen, den Fundamentalist:innen und den Hater:innen. Digitalisierung – das wird im Verlauf dieses Buches klar werden – ist nur die technische Basis für das eigentliche gesellschaftliche Potential (und damit auch für das Problem, das uns beschäftigt). Es gilt, Digitalisierung sinnvoll voranzutreiben, um die Kultur der Digitalität aktiv und zukunftsorientiert mit zu gestalten. Die Grundlage dafür bildet auch ein klares Begriffsverständnis. Dazu will dieser Band beitragen. Zunächst befassen wir uns jedoch mit einigen gängigen Vorannahmen, die im Kontext von Digitalisierung und Bildung immer wieder in Diskussionen auftauchen und einer sachlichen Analyse im Wege stehen, sofern sie unreflektiert bleiben.

Annahme 1: Online-Unterricht bzw. Online-Lehre ist in jedem Fall immer nur die zweitbeste Lösung

Was wir zu Corona-Zeiten und vor allem in den ersten Monaten der Pandemie erlebt haben, war Notfall-Unterricht. Mit didaktisch und technisch durchdachten Konzepten und sinnvoll erarbeitetem Online-Unterricht hatte das, was an Schulen und Hochschulen angeboten wurde, in den allermeisten Fällen nichts zu tun. Es fehlte nicht nur an Geräten und schnellem Internet, an Software und Zugang zu Lernplattformen, sondern auch am notwendigen Wissen bei allen Beteiligten darüber, wie sinnvoll gelehrt und gelernt werden kann im Online-Unterricht. Es gibt jedoch durchaus Argumente für einen didaktisch sinnvoll konzeptionierten und technisch gut umgesetzten Online-Unterricht, vor allem auch in Verbindung mit analogen Formaten. Zum Beispiel für Schüler:innen mit besonderen Hilfsbedarfen oder Studierende und Lehrende, die so Care-Arbeit und Studium bzw. Beruf besser koordinieren können. Auch lassen sich manche Themen, Formate und Methoden online tatsächlich besser umsetzen als in Präsenz, zum Beispiel ist es in sehr großen Gruppen (wie in der klassischen Einführungsvorlesung, in der manchmal über 200 Studierende sitzen) im Online-Unterricht viel einfacher in Kleingruppen zu arbeiten, als dies im Hörsaal in Präsenz umzusetzen ist. Außerdem müssen in vielen Studiengängen ohnehin spezifische Methoden und Formate für die Arbeit in digitalen Räumen erlernt und erprobt werden (u. a. in der Sozialen Arbeit und anderen pädagogischen Studiengängen), sodass sich entsprechende Seminarangebote auch in der Lehre anbieten. Ökologische Aspekte gilt es zudem zu bedenken, genauso wie Aspekte der individuellen Förderung und des persönlichen Gesundheitsschutzes, die sich in digitalen und hybriden Formaten sehr viel flexibler umsetzen lassen. Ebenso ist an Hochschulen die internationale Zusammenarbeit sowie die Kooperation mit außeruniversitären Akteur:innen in der Lehre in ganz anderen Formaten möglich als dies ohne Online-Lehre umsetzbar wäre. Das sind nicht zweitbeste Lösungen, sondern einfach andere, neuartige Varianten der bisher bekannten Lehre, die neue Perspektiven eröffnen und vielfach einen echten Mehrwert für die Bildung bieten. Zudem müssen wir auch in Zukunft mit extremen Wetterlagen, weiteren pandemischen Notlagen und einer Zunahme an Anforderungen an unsere Mobilität und Flexibilität rechnen. Da kann Online-Unterricht, nicht als Notfall-Lösung, sondern gut vorbereitet und sinnvoll eingesetzt, durchaus die beste Lösung sein. Ohne Frage gibt es dahingehend noch eine Menge Diskussionsbedarf. Und genau deshalb darf nicht einfach unreflektiert vorausgesetzt werden, dass Präsenzunterricht in jedem Fall besser ist als Online-Unterricht. Zumal die räumliche Situation an Hochschulen oft alles andere als ideal ist und die Präsenzlehre unter Umständen nicht so idyllisch war, wie es teilweise dargestellt wird. Aufgrund all dieser Punkte müssen wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Online-Unterricht auch einen Mehrwert bieten kann: in manchen Situationen, für manche Gruppen, in manchen Konstellationen. Wenn wir das diskutieren und aktiv gestalten, können wir das Potential der Erfahrungen aus der Notfall-Lehre in Zukunft sinnvoll nutzen.

Annahme 2: Im Präsenzunterricht in der Schule bzw. in der Präsenzlehre an der Hochschule entstehen soziale Interaktion und soziale Bindungen, in digitalen Räumen geschieht das nicht

Die strikte Trennung zwischen digitalen und analogen Räumen ist ein künstliches Konstrukt, das empirisch so nicht haltbar ist. Menschen gestalten ihre sozialen Erfahrungen nicht getrennt danach, in welchen Lebens- und Erfahrungsräumen sie sich bewegen, und deshalb werden Erfahrungen, die in digitalen Räumen gemacht werden, als ebenso real empfunden wie solche, die im analogen Raum gemacht werden (Hemminger 2011 & 2009). Sonst wären ja auch Cybermobbing und Hatespeech im Internet kein derartig relevantes soziales Problem. Natürlich bedeutet das nicht, dass sich soziale Interaktionen im digitalen und analogen Raum in ihren Merkmalen nicht voneinander unterscheiden. Zum Beispiel fällt in einem Zoom-Meeting, in dem Studierende nur briefmarkengroße Kacheln ihrer Kommiliton:innen sehen, die Körpersprache als Element der Kommunikation fast vollständig weg. Das ist aber in einem überfüllten Vorlesungssaal mit 300 Studierenden, in dem eine Person ganz hinten auf dem Boden in der Ecke sitzen muss, ebenso der Fall. Andererseits können die Erfahrungen, die in digitalen Räumen gemacht werden, genauso Sinn stiftende soziale Erfahrungen sein wie solche in analogen Räumen. Das zeigen Studien aus Gaming Communities und Social Media Plattformen, in denen sich Menschen sozial vernetzen und gerade auch während der Pandemie Sozialkontakte knüpften und aufrecht erhielten (Hemminger 2009 & 2014 & 2020; Riva et al. 2020). Im Umkehrschluss ist die Entstehung von sozialer Interaktion im Präsenzunterricht ebenso wenig ein Automatismus wie im digitalen Raum. Nur weil Personen sich im selben Raum (analog oder digital) aufhalten, entsteht noch keine soziale Interaktion und erst recht keine soziale Bindung. Dafür muss immer aktiv etwas getan werden und im Kontext von Bildung bedeutet das eine didaktische Anstrengung. Es darf mit Recht bezweifelt werden, dass der Fokus der meisten didaktischen Überlegungen an Schulen und Hochschulen vor der Pandemie auf der Förderung von sozialen Interaktionen lag. Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird. Sollte dies ein bildungspolitisches Ziel sein, so muss es aktiv angestrengt werden, sowohl in digitalen als auch analogen Zusammenhängen. Es bleibt festzuhalten: Weder in digitalen noch in analogen Bildungssituationen entstehen automatisch soziale Interaktionen, immer müssen diese aktiv angebahnt und didaktisch unterstützt werden. Geschieht dies, ist soziale Interaktion sowohl in digitalen als auch in analogen Lehr-Lernzusammenhängen möglich.

Annahme 3: Die Digitalisierung von Schulen und Hochschulen hat etwas mit Bildung zu tun

Digitalisierung ist zunächst nichts anderes als technische Aufrüstung. Aber die Ausstattung mit Notebooks und W-LAN Infrastruktur schafft noch keine Inhalte. Erst das Wissen darüber, wie mit Notebook und Lernplattformen, im Internet und mit Lernsoftware gelernt und gelehrt werden kann, ermöglicht im Zuge von Digitalisierung auch so etwas wie Lehren und Lernen. Zu Bildung gehört aber noch wesentlich mehr dazu, sie erschöpft sich nicht in der Technik, noch nicht einmal im Lehren und Lernen im Unterricht. Bildung im Kontext einer Kultur der Digitalität bezieht sich auch und wesentlich auf die Thematisierung der Wechselwirkungen zwischen technischer und wissenschaftlicher Innovation und gesellschaftlichen Entwicklungen und geht damit über die Digitalisierung von Bildungsinstitutionen weit hinaus. Der Nachholbedarf bezüglich dieses erweiterten digitalen Bildungsverständnisses ist beträchtlich und es ist unbedingt notwendig, sich an best practice Beispielen anderer Länder zu orientieren, um hier schnellstmöglich gute Ideen nachhaltig im deutschen Bildungssystem zu etablieren.

Annahme 4: Medienbildung muss auf die »Anforderungen der digitalen Welt«4 vorbereiten

So steht es im Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2016. Diese zunächst harmlos erscheinende Formulierung offenbart ganz nebenbei eine zentrale Misere unseres Bildungssystems, nämlich die bildungspolitische Grundsatzentscheidung, dass sich Wissenschafts- und Bildungspolitik der Wirtschaftspolitik unterzuordnen haben. Medienbildung reagiert auf die Anforderungen, die die digital durchdrungene Gesellschaft stellt. Das Bildungssystem wird somit vor allem in der Verantwortung gesehen, für den Arbeitsmarkt auszubilden. Das steht aber nicht selten im Gegensatz zu dem, was gesamtgesellschaftlich notwendig wäre. Gerade im Kontext einer von Digitalität geprägten Kultur ist nicht marktorientiertes Wissen, sondern Reflexionskompetenz gefragt. Bildung sollte nicht lediglich darauf vorbereiten, wie den Anforderungen einer digitalen Gesellschaft genügt werden kann, sondern wie diese Anforderungen gegebenenfalls hinterfragt und diskutiert, im besten Fall auch aktiv mitgestaltet werden können.

Annahme 5: Digitalisierung ist von den Lehrenden doch gar nicht erwünscht

In vielen Fällen und so wie es im Moment passiert, stimmt das vielleicht sogar. Und das ist auch verständlich, denn einfach mehr Technik, verbunden mit immer neuen, zeitaufwändigen Aufgaben ohne sinnvolle Begleitung und ohne Zukunftsperspektive – warum sollte sich jemand das wünschen oder sich dafür einsetzen? Wenn Digitalität und Bildung zusammengebracht werden sollen, dann muss in der Lehrer:innenbildung und in der Ausbildung von Lehrenden an Hochschulen angesetzt und konsequent von Anfang an beides zusammen gedacht werden. Lehrende müssen auf diese verantwortungsvolle und komplexe Aufgabe vorbereitet und mit neuen Formen des Lehrens und Lernens und neuen Inhalten vertraut gemacht werden. Es genügt nicht, Geräte und Infrastruktur an Schulen und Hochschulen aufzustellen, ohne sich über didaktische Konzepte, sinnvolle Formate und notwendige Inhalte Gedanken zu machen. Der zentrale Punkt ist nicht die Technik selbst (auch wenn es hier nach wie vor massiven Nachholbedarf gibt), sondern die Thematisierung des Umgangs mit der Kultur der Digitalität. Dazu ist die Technik selbst gar nicht immer notwendig. Natürlich kann dies anhand und mit Hilfe von innovativer Technik geschehen und es ist dringend notwendig, den Schüler:innen und Studierenden konsequent und intensiv Grundkenntnisse zu vermitteln. Auch dies geschieht bislang zu wenig. Aber das ist gar nicht die eigentliche Herausforderung (oder zumindest sollte sie das schon längst nicht mehr sein). Die große pädagogische und gesellschaftliche Herausforderung liegt darin, Räume und Möglichkeiten bereitzustellen, in denen der souveräne und selbstbestimmte Umgang mit der Kultur der Digitalität geübt, diskutiert und reflektiert werden kann. Die dazu notwendigen Kompetenzen sind vielfältig und können nur erworben werden, wenn Schulen und Hochschulen die erforderlichen Ressourcen in Form von didaktisch sinnvollen Lehrveranstaltungen, Projekten und gut ausgebildeten und engagierten Lehrenden zur Verfügung stellen. Die Dringlichkeit, hier schnell und umfassend zu handeln, kann nicht genug betont werden.

Annahme 6: Bildung kann die durch Digitalisierung entstandenen gesellschaftlichen Probleme lösen

In dieser These stecken gleich mehrere irreführende Fehlannahmen. Zum einen handelt es sich bei der Digitalisierung als technischem Prozess, wie schon mehrfach erwähnt, nicht um die eigentlich problematische Entwicklung. Der passendere Begriff wäre der der Digitalität oder der digitalen Transformation (▸ Kap. 4). Zum anderen handelt es sich nicht um eine isoliert ablaufende gesellschaftliche Entwicklung, sondern um einen sogenannten Metaprozess des gesellschaftlichen Wandels, der nicht isoliert von anderen Transformationsprozessen zu verstehen ist (Schrape 2021). Die digitale Transformation entwickelt sich in ständiger Wechselwirkung mit weiteren sogenannten Metaprozessen gesellschaftlichen Wandels, beispielhaft seien hier die Globalisierung, Pluralisierung und Individualisierung genannt. Ohne ein Verständnis für diese Wechselwirkungen lässt sich auch die Kultur der Digitalität nicht analysieren (vertiefend hierzu ▸ Kap. 4). Dass Bildung als Allheilmittel für gesellschaftliche Probleme propagiert wird, ist ein häufiges und weit verbreitetes Mysterium. Tatsächlich ist unser Bildungssystem viel mehr ein Teil des Problems (El-Mafaalani 2020). Fehlende Ambiguitätstoleranz, zunehmende Radikalisierung, ein defizitäres Demokratieverständnis und problematisches Kommunikationsverhalten – das alles ist nicht ausschließlich oder vorwiegend begründet in der Nutzung digitaler Medien, sondern in der handfesten Erfahrung von Ausgrenzung, sozio-ökonomischer Not und Sicherheitsverlust. Die Folgen kann Schule oder – ganz abstrakt die Bildung – nicht auffangen. Aber sie sollte die Themen und Problemlagen auf jeden Fall thematisieren, im Bereich der Medienbildung und in allen anderen Bereichen auch. Insgesamt ist die Bewältigung dieses Problems jedoch ein gesamtgesellschaftlicher Kraftakt und zudem eine politische und gesellschaftliche Entscheidung für mehr Verteilungsgerechtigkeit und in der Folge mehr Chancengleichheit (ibid., Simanowski 2021).

Die vorangegangenen Annahmen deuten auf eine Vielfalt komplexer, teils widersprüchlicher Forderungen und Erwartungen an Bildungsinstitutionen und Bildungsakteur:innen hin. Auch die Forderung nach Reformen, vor allem in den Grundschulen, ist nicht neu und schon seit geraumer Zeit wissenschaftlich gut begründet. Nun lassen sich zusätzlich die Folgen der Corona-Pandemie empirisch nachweisen. Vieles deutet darauf hin, dass die Pandemie zu einer weiteren Verschärfung von Bildungsungleichheiten geführt hat (Stanat et al. 2022). Eigentlich sollten das genügend Gründe sein, nicht nur den gesellschaftlichen, sondern auch den bildungspolitischen Willen aufzubringen, zügig nachhaltige und umfassende Reformen auf den Weg zu bringen. Davon ist bislang wenig zu sehen.

6,5 Milliarden Euro umfasst der 2019 nach langen Verhandlungen mit den Bundesländern ausgelobte Digitalpakt Schule, davon war bis Ende 2021 aber nur ein Bruchteil (1,2 Milliarden) tatsächlich an den Schulen angekommen. Zu komplizierte Antragsverfahren und Personalmangel waren die meist angegebenen Gründe, warum so wenige Mittel abgerufen wurden (Kuhn 2021). Gleichzeitig läuft das Aktionsprogramm »Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche« in Höhe von zwei Milliarden Euro für die Jahre 2021 und 2022, getragen durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Hier werden Mittel zur Verfügung gestellt für Freizeit- und Bildungsprojekte in verschiedenen Bereichen, um zu ermöglichen, dass Kinder und Jugendliche »(...) nach der Corona-Pandemie schnell wieder Versäumtes aufholen und nachholen können. Das gilt nicht nur für den Lernstoff, sondern auch für ihr soziales Leben (...).«5 So lobenswert es ist, ein solches Programm ins Leben zu rufen – nachhaltige Förderung von Familien, Einsatz für Verteilungsgerechtigkeit oder Reformen für mehr Chancengleichheit im Bildungssystem sehen anders aus.