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"Bildung, Was sonst?" beleuchtet das unerschöpfliche Thema Bildung aus unterschiedlichen Perspektiven und macht Lust auf gesellschaftspolitisches Engagement und die bewusste Gestaltung des eigenen Bildungs- und Lebensweges. In diesem Buch fokussierten sich fünf Autorinnen und Autoren auf unterschiedliche Schwerpunkte: - Bildung - Soziale Ungleichheit, lebensweltliche Bildung und die Bedeutung des Selbstwertgefühls bei Lern- und Bildungsprozessen - Finanzbildung - Ansätze, Umsetzung, Kritik und Ausblick - Bildung in der Arbeitswelt - Bewegung als Bildung von Beginn an
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Editorial
Vorwort
Artikelkurzfassungen
Karl Garnitschnig
Bildung
Gerlinde Grübl-Schößwender
Soziale Ungleichheit, lebensweltliche Bildung und die Bedeutung des Selbstwertgefühls bei Lern- und Bildungsprozessen
Herbert Grübl
Finanzbildung – Ansätze, Umsetzung, Kritik und Ausblick
Alexander Mernyi
Bildung in der Arbeitswelt
Elisabeth Saribekyan
Bewegung als Bildung von Beginn an
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Liebe Leserin, lieber Leser!
Dieses Buchprojekt entstand anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Vereins für Familienbegleitung im September 2018 und wurde im Juli 2021 überarbeitet und aktualisiert.
Vereinsmitglieder erklärten sich bereit, einen Beitrag zum Thema: „Bildung. Was sonst?“ aus ihrer Sicht zu verfassen und so das unerschöpfliche Thema „Bildung“ aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. In den verschiedenen Beiträgen wird auch die Vielfalt des Vereins sichtbar.
Was uns verbindet, ist die Überzeugung, dass die Menschenrechte, Toleranz, Respekt, wechselseitige Achtung, Wertschätzung und Anerkennung Prinzipien sind, die ein friedvolles Zusammenleben ermöglichen. Bildung für alle ist für uns ein Weg, um dieses friedvolle Zusammenleben zu verwirklichen. Die ersten grundlegenden Bildungsprozesse finden in der Familie statt. Lebensweltliche und institutionalisierte Bildung haben für uns den gleichen Stellenwert. Spezifisch erworbene Lebensführungskompetenzen sind ebenso wichtig und wertvoll wie Abschlusszeugnisse von Institutionen. In diesem Sinne entstand auch das Buch.
Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Autorin und den Autoren für ihre Zusage und ihr Engagement, besonders bei a. o. Univ. Prof. Dr. Karl Garnitschnig, welcher den Entstehungsprozess fachlich sehr gut begleitete.
Ihnen liebe Leserin, lieber Leser, wünsche ich eine gute Lektüre!
Gerlinde Grübl-Schößwender
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Dr. Gerlinde Grübl-Schößwender Obfrau des Vereins für Familienbegleitungwww.familienbegleitung.at
Baden bei Wien, im August 2021
Bildung kann für jeden Menschen nicht hoch genug veranschlagt werden, wenn sie so gefasst wird, dass erst durch Bildung das entsteht, was der Mensch schafft und ist: Wissenschaft, Wirtschaft, Recht und Ethik, Religion, Kunst und Technik, ein Gesellschaftswesen und ein Individuum, das in einem Prozess des Werdens zu seiner höchstmöglichen Vollendung in einer globalen, solidarischen Weltgemeinschaft kommt. Wird Bildung in diesem weiten Sinn als sich bilden verstanden, das lebenslang fortgesetzt wird, kommt man zur höchstmöglichen Ausformung des Menschseins in sich selbst. Wenn wir das in allen Lebensbereichen versuchen, jede Person dort, wo sie etwas kann und wo sie sich noch bilden möchte, kommen wir weg von der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen hin zu einer besseren Welt. Übernehmen wir alle auch Verantwortung für unser Staatswesen und werden wir uns bewusst, welchen Staat wir wollen. Lassen wir uns nicht von außen bestimmen, werden wir selbst initiativ, dann werden wir sehen, dass es sich lohnt sich zu bilden.
Ferner ist klar und wird in den Beiträgen deutlich gemacht, dass Lernen und Sich-Bilden darüber erfolgt, dass wir uns mit uns selbst, mit anderen und mit der gesamten Mitwelt in Beziehung setzen. Mit je mehr und bewusster wir uns in Beziehung setzen, desto mehr lernen wir und desto gebildeter werden wir. Das müsste für alle und jeden sehr lustvoll sein, so dass man sich fragen muss, warum sich so und so viele nicht weiterbilden. Vermutlich wurde ihnen schon in der Schule das Lernen verleidet und sie sind später nicht mehr auf den Geschmack gekommen.
Höhere Bildung hängt mit vielen Faktoren menschlicher Lebenspraxis zusammen, vor allem mit einer befriedigenden Arbeit, aber auch einer guten Gesundheit, mit einem ausreichenden Einkommen und einem höheren sozialen Status. Eine niedrigere Bildung führt zum Gegenteil.
Politisch und gesamtgesellschaftlich gesehen brauchen wir Menschen, die bereit sind Verantwortung zu übernehmen, wirtschaftliche Prozesse, gesellschaftliche und politische Strukturen durchschauen und sie in dem Sinne mitgestalten, dass wir uns zu einer gerechten, solidarischen Gesellschaft entwickeln, in der jeder das bekommt, was er braucht, um menschenwürdig leben zu können.
Beginnen wir jetzt für uns zu sorgen und seien wir uns bewusst, dass niemand von uns isoliert ist, wir alle einander beeinflussen, in Resonanz zu einander stehen. Was wir tun, beeinflusst in unbewusster Weise alle anderen. Wir sind verantwortlich. Wir sind in der Lage, uns selbst zu bestimmen und in wechselseitiger Anerkennung mit anderen eine lebenswerte Welt zu bauen, die auch noch für unsere zukünftigen Generationen Platz hat und lebenswert ist. Besinnen wir uns mehr auf uns selbst und unsere Mitmenschen, seien wir achtsam, dann werden wir uns zur Freude für uns selbst und die anderen weiterentwickeln. Achten wir darauf, was uns wirklich innerlich bewegt, wir werden über uns selbst erstaunt sein. Glauben wir an uns selbst. In uns stecken noch viele ungehobene Schätze. Bleiben wir nicht unter unserem Wert, sondern bringen wir uns zur höchsten Vollendung.
Merken wir, dass Bildung sich lohnt und dass sich bilden lustvoll ist, werden wir nicht mehr aufzuhalten sein, jede Gelegenheit für Bildung, die sich uns bietet, zu nützen. Bildung hilft uns privat und öffentlich unser Bestes zu geben. Geben wir – wohlgemerkt nicht „das Beste“ sondern – unser Bestes, bilden wir uns durch unser Leben und wir kommen zu unserer bestmöglichen Form. Das wird unser Glück befördern und wir werden zum Glück anderer beitragen.
Karl Garnitschnig
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Univ. Prof. Dr. phil. Karl Garnitschnig Wissenschaftlicher Berater und Vorstandsmitglied des Vereins für Familienbegleitung
Bildung
Karl Garnitschnig
Wir bilden uns, wenn wir uns mit uns selbst, mit anderen und der Welt im weitesten Sinn in Beziehung setzen. Gebildet ist derjenige, der in der Lage ist, sich selbst Wissen anzueignen, von sich her die Welt zu verstehen und zu gestalten. Ziel von Bildungsprozessen ist wohl das, was schon Wilhelm von Humboldt gültig formuliert hat: Das Menschsein in sich zur höchstmöglichen Ausformung zu bringen, was nur möglich ist, wenn der Mensch sich mit vielem in Beziehung setzt. Dazu werden verschiedene Ansätze angeboten. Dietrich Benner differenziert Bildung nach den Konstituenzien des Menschseins und den Praxisfeldern, die für alle Menschen relevant sind. Hirst und Peters definieren Bildung über die Wissenschaften, die jeweils auf der Basis ihres methodischen Zugangs zur Welt diese spezifisch begreifen.
Bildung wird ferner über unterschiedliche Deutungsebenen differenziert, die sich aus der Bestimmung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt ergeben. Man kann sich und die Welt als determiniert betrachten und sich damit völlig als von außen bestimmt ansehen (1). Man kann auch die Welt als sich verändernd betrachten und die Subjekte als von dem abhängig, wie sie diese Welt erleben und verstehen. Bildung wird dann zum Hineinwachsen in die Gesellschaft, damit das Wissen an die nächste Generation weitergegeben werden kann (2). Begreift sich eine Person als reflektierendes Subjekt, kommt sie in die Lage, was sie bestimmt zu bedenken und eigene Vorstellungen zu entwerfen, wie sie ihr Leben gestalten möchte. Eine solche Person beginnt sich selbst zu bilden (3). Da wir aber unser so und so gewordenes Bewusstsein nicht willentlich überspringen können, wir uns aber selbst beschränkten, wenn wir nichts Neues in unserem Denken zuließen, ist es günstig, sich der Intuition zu überlassen. Das heißt, wir können uns von dem bisher Gedachten leer machen, damit Neues, eine neue Einsicht in unserem Bewusstsein auftauchen kann. Dann begeben wir uns in einen Prozess des Werdens und des uns Bildens. Wir können unser Menschsein zur höchsten Entfaltung bringen (4).
Angesichts der politischen Entwicklungen wird es immer wichtiger, dass mehr und mehr Menschen autonom ein kritisches Bewusstsein entwickeln und in wechselseitiger Anerkennung Vorstellungen eines guten Zusammenlebens unabhängig von Diktaten von außen entwerfen und ihr Leben bewusst danach gestalten.
Soziale Ungleichheit, lebensweltliche Bildung und die Bedeutung des Selbstwertgefühls bei Lern- und Bildungsprozessen
Gerlinde Grübl-Schößwender
Ausgehend von einem umfassenden Bildungsbegriff wird die häufig übliche eindimensionale Sicht auf Bildung als formale Bildung erweitert.
In Folge befasst sich der Artikel mit sozialer Ungleichheit, konkretisiert in Arbeitslosigkeit, niedrigem Lebensstandard und Armut sowie mit Bildung und Lebenswelt, konkretisiert in der Herkunftsfamilie und der Ausbildung von Schlüsselkompetenzen.
Weiters wird die Bedeutung des Selbstwertgefühls in Bezug auf die Leistungsmotivation bei Lern- und Bildungsprozessen und der Zusammenhang von materieller Ausstattung, Abwertungs- und Vernachlässigungserfahrungen und deren Auswirkungen auf den formalen Bildungserfolg behandelt.
Auf die Lage in Österreich in Bezug auf soziale Ungleichheit wird anhand aktueller statistischer Daten eingegangen. Abschließend werden aus den Ausführungen resultierende Vorschläge formuliert, um die negativen Auswirkungen aus sozialer Ungleichheit, der geringen Wertschätzung von lebensweltlicher Bildung und einem aus Armut und damit einhergehender Ausgrenzung stammenden schlechtem Selbstwertgefühl auf den Bildungserfolg zu reduzieren.
Finanzbildung – Ansätze, Umsetzung, Kritik und Ausblick
Herbert Grübl
Der Artikel befasst sich mit einem Teilaspekt des umfassenden Themenkomplexes „Bildung“ und fokussiert auf die Bereiche Finanzwissen und -bildung. Ausgehend von der Definition wird eine Beschreibung der relevanten Schwerpunkte der aktuellen Ansätze ausgewählter Finanzbildungsinitiativen, des aktuellen Diskussionsstandes und eine kritische Betrachtung der Wirkungen der Maßnahmen dargestellt. Trotz einer hohen Dichte an Initiativen für Kinder und Jugendliche, neuer Ansätze von Angeboten für Erwachsene, versuchter Messung der Vorgaben und Fragen zur Evaluierung der Maßnahmen sind die Ergebnisse durchwegs ernüchternd. Der Stand an Finanzwissen ist gesamt gesehen ungenügend.
Positiv kann der eingeschlagene und beschriebene Weg der Oesterreichischen Nationalbank gesehen werden, welche neue Initiativen in Form von Projekttagen, Workshops mit Jugendlichen und neue „online tools“ umsetzt. Weiters ist eine Initiative einer Bankengruppe, die Finanz- und Wirtschaftsthemen interaktiv, erlebnisorientiert präsentiert und Neugier und Spaß ins Zentrum des Lernprozesses stellt, als zukunftsweisend herauszustellen.
Bildung in der Arbeitswelt
Alexander Mernyi
Der bisherigen Erfahrung des Autors nach wird Wissenserwerb kaum in die tägliche Berufspraxis transferiert, wenn die Informationen lediglich passiv dargeboten oder angenommen werden. Hier sind jetzt Methoden gefragt, die den Geschulten in eine aktive Position versetzen, um durch Reflexion und Verknüpfung des Neuen mit bereits erworbenen Fähigkeiten eine breitere, vertiefende Verarbeitung der Informationen im Gehirn zu ermöglichen. Durch diese „vermehrte“ Beschäftigung des Gehirns mit dem Dargebotenen werden eine bessere Gedächtnisleistung und ein umfassender Blick auf das Ganze ermöglicht. Bildung entsteht durch Reflexion des Gehörten und dessen Verknüpfung und Bewertung mit bereits erworbenen Erfahrungen. Hier geht Wissen in Können über. Die Entwicklung von theoretischem Wissen zum praktischen Können und Tun wird anhand von Erkenntnissen der Neurobiologie und bewährten Modellen aus der klassischen Psychologie aufgezeigt und durch Praxisbeispiele aus der Arbeitswelt erläutert.
Bewegung als Bildung von Beginn an
Elisabeth Saribekyan
Bewegung ist populär, Bildung ebenfalls. Der vorliegende Artikel bringt diese beiden Begriffe in engen Zusammenhang und fokussiert auf die ersten Lebensjahre. Dabei wird der Frage nachgegangen, was frühkindliche Bildung durch Bewegung bedeutet. Die Entwicklung von Kleinkindern wird in Zusammenhang mit Ergebnissen bewegungspädagogischer Forschung gestellt. Es wird behandelt, was unter Bildung und frühkindlicher Bildung verstanden wird und ein Überblick über kindliche Entwicklungsprozesse gegeben. Bewegung wird dabei als ein Hauptaspekt von frühkindlicher Entwicklung aufgefasst. Im Anschluss an eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema folgen konkrete Handlungskonsequenzen für den pädagogischen Alltag mit besonderem Fokus auf Familie als Bildungsort. Es werden Antworten auf die Frage gegeben, wie Kinder die Fähigkeit entwickeln können, sich selbst zu bilden und zu selbstständigen und eigenverantwortlichen Menschen zu werden. Der aktuellen Forschungslage folgend ist der leitende Gedanke dieses Artikels, Kinder als Akteure ihrer Entwicklung zu verstehen und sie in ihrer frühkindlichen Bildung zu stärken und zu fördern. Dabei geht es darum, die richtige Mischung von Freiräumen, Herausforderungen und Anregungen zu finden – immer in dem Bewusstsein, dass die Grundlage für frühkindliche Bildung förderliche Beziehungen sind.
Karl Garnitschnig
Wer nach Bildung fragt, stellt vorbehaltlos die Frage nach dem Menschen, der er ist und werden könnte, wohin er sich also entwickeln und bilden kann und will. Die Frage nach dem, wer er ist, steht in der Spannung zwischen dem, wer er zu einem gegebenen Zeitpunkt geworden ist und der er werden könnte. Die Vorstellung, wer man werden könnte, ist grundsätzlich offen zu halten, denn sonst würde man sich in seinen Möglichkeiten einschränken. Schon dieses Bewusstsein der Spannung muss nicht da sein. Aber es ist klar, dass Bildung jeweils anders konzipiert werden wird, je nach dem, wovon man ausgeht. Entweder man begnügt sich mit dem so und so gewordenen Dasein, fragt also nach dem, wie eine Person sozialisiert worden ist, wozu sie geworden ist, oder nach dem, wozu sie werden will, wie sie sich als Mensch darstellen möchte. Es ist die Spannung zwischen Fremd- und Selbstbestimmung.
Selbstbestimmung/Selbstbewusstsein ist eine notwendige Bedingung für Handeln. Bestimmt man sich nicht selbst, wird man von anderen, von außen bestimmt. Man handelt nicht, sondern verhält sich bloß. Erst wenn wir unser Handeln selbst bestimmen, sind wir frei und kommen zu einem geglückten Leben. Reflektiert man, wodurch man bestimmt ist, was einen hindert, der zu sein, der man ist, wird es möglich es zu verändern und so sein Handeln und Leben selbst zu gestalten. In dieser Tätigkeit der Suche nach einer letzten Bedingung des Handelns ist sowohl ein hypothetisches als auch ein kategorisches Moment gegeben. Es besteht keine Notwendigkeit nach einer letzten Begründung zu suchen (hypothetisch), aber wenn ich es tue, was gerade jetzt der Fall ist, dann ist es nur unter der Bedingung möglich (kategorisch), dass ich mich dazu bestimme – ich könnte auch etwas anderes tun – und dass ich mir dessen bewusst bin.
In unserem normalen alltäglichen Handeln taucht zunächst diese Frage nicht auf, außer wir werden uns faktisch einer Begrenzung unseres Handelns bewusst. Dann auch formuliert sich erst das als Norm, was Bedingung von Handeln ist, nämlich dass wir unser Handeln selbst steuern, selbst bestimmen. Es gilt also die Regel, verhilf dir selbst und anderen von Fremd- zu Selbstbestimmung. Im Fall, dass diese Bedingung nicht erfüllt ist, sprechen wir von einem bloßen Verhalten. Im alltäglichen Handeln geschieht es häufiger, dass wir uns verhalten, als dass wir handeln. Nochmals: Handeln ist ein Verhalten mit dem Bewusstsein davon. Wir verhalten uns dann nochmals zu uns selbst und handeln selbstreflexiv und können es auch selbstverantwortet tun.
Wollen wir nun Selbst- und Fremdbestimmung weiter konkretisieren, dann müssen wir alle jene Bezugsgrößen zu erfassen suchen, denen wir unterworfen sind:
Natur, einschließlich unseres Körpers
Soziale Umwelt: Recht, Sitte, Arbeit, Politik usw.
Selbst: sofern ich mir auch selbst vorgegeben bin, meine Geschichtlichkeit, meine Lerngeschichte, aber auch sofern ich mir aufgegeben bin, meine Handlungsentwürfe in Bezug auf die Natur und die soziale Umwelt, mich selbst und welchen Sinn ich meinem Handeln gebe. Der Sinn, den jemand seinem Handeln zugrunde legt, muss offengehalten werden, denn man würde sich selbst beschränken, wollte man sich auf einen bestimmten Sinn festlegen und sei er zu einem gegebenen Zeitpunkt von einer Person noch so stimmig.
In den ersten beiden Bezügen stehen wir faktisch in jedem Fall, wir sind uns auch vorgegeben, wann immer wir uns auf uns selbst beziehen. Aber darüber hinaus besteht die Möglichkeit zu Reflexion und Selbstbestimmung. Diese sind uns nicht mehr bloß vorgegeben. Zu ihnen müssen wir uns selbst bestimmen, sollen sie für unser gesamtes Handeln real werden. Es ist ein Sprung über Grenzen, die wir uns selbst gesetzt haben.
Alle sozialen Systeme bestehen aus einer komplizierten Struktur von Positionen, die untereinander in Relation stehen. Die Positionen sind durch Rollen gekennzeichnet, die wiederum durch die Verhaltenserwartungen definiert sind, die mit einer Position verbunden sind. Gegenseitige Erwartungen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Erfüllung bzw. Darstellung der Rollen. Bei komplementären Rollen, die nicht unabhängig voneinander existieren können, wie z. B. die Eltern-Kind-Rolle oder die Lehrer-Schüler-Rolle wird dies besonders deutlich. Individuen entsprechen nicht immer den Erwartungen, sondern können sie unter- oder überbieten. Sie können aber auch zu einer individuellen Rollenrepräsentanz kommen, wenn sie eigene Vorstellungen entwerfen, wie sie eine bestimmte Rolle leben möchten. Aber nicht nur das, sondern wie sie überhaupt ihr Leben gestalten möchten. Dies bedeutet aber, dass man zu sich selbst kommt. Versteht man sich, kann man andere besser verstehen. Sehr klar hat diesen Sachverhalt der Dichter Novalis ausgedrückt: „Die höchste Aufgabe der Bildung ist, sich seines […] Selbst zu bemächtigen, „das Ich seines Ichs zugleich zu sein“. […] Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft verstehen lernen.“ (Novalis 1978, S. 80) Andere und überhaupt anderes zu verstehen, erfordert also ein Verstehen seiner selbst. Wer bin ich, ist die immer wieder zu stellende und für sich selbst zu beantwortende Frage, wollen wir unser Menschsein in seiner höchsten Ausformung erreichen.
Bildung kann als Prozess oder nominal als Ergebnis, Produkt verstanden werden. Wir können Bildung aktiv und reflexiv als sich bilden oder passiv als gebildet werden fassen. Dass das jeweils erstere erwünscht ist, versteht sich von selbst.
Im Prozess sein und sich bilden, kann nur ein freies, sich selbst reflektierendes Subjekt, lebenslang fortdauernd. Wir haben die Möglichkeit, uns ständig neu zu bilden, uns ständig neu zu entwerfen, wenn wir uns für Entwicklung offenhalten. Wenn wir uns bilden wollen, werden wir immer wieder Vorstellungen entwerfen, wie wir leben wollen, wie wir sein wollen, immer über das Erreichte, wer wir jetzt sind, hinaus.
Bildung hat wie alles eine inhaltliche Seite, das worin wir uns bilden, und eine formale Seite, mit welcher Intensität wir das tun wollen und unter welchen Voraussetzungen. Wir können uns mit uns selbst, mit den anderen, mit der Welt immer weiter und auch immer intensiver auseinandersetzen. Je tiefer wir uns mit uns selbst, mit anderen und mit der Welt befassen, desto besser wird es uns gelingen, uns zu entwickeln und unsere Welt zu gestalten.
So gesehen ist es selbstverständlich, dass wir von Bildung als aktives fortdauerndes Sich-Bilden sprechen, auch wenn man zuweilen Zuhörender ist. Auch da ist es wieder möglich, bloß passiv oder aktiv zuzuhören. Als aktiv Zuhörender versucht man das Gehörte in seinem Bewusstsein zu verankern, indem man Zusammenhänge mit dem bereits Gewussten herstellt. Erst dann wird es zu einem Wissen in dem Sinn, dass es zur Lebensgestaltung, zur Entwicklung von Wissenschaft, Kultur und Religion beitragen kann.
Im Prozess-Sein bedeutet immer auch offen für Neues zu sein, wenn wir uns mit anderen und mit unserer Welt, auch mit Literatur auseinandersetzen. Menschsein bedeutet eben auch, immer wieder miteinander Ideen eines guten Zusammenlebens zu entwerfen. Wir wollen es mit Johann Wolfgang von Goethe halten: „In der Idee leben heißt das Unmögliche behandeln, als wenn es möglich wäre. Mit dem Charakter hat es dieselbe Bewandtnis: treffen beide zusammen, so entstehen Ereignisse, worüber die Welt vom Erstaunen sich Jahrtausende nicht erholen kann.“ (1857, 3. Band, S. 195)
„Bildung meint eigentlich Selbstbildung. [...] Der Mensch ist frei und darf von niemandem zu irgendetwas gemacht oder gebraucht werden.“ (Krautz 2011, S. 14) Bildung verweist also auf Selbstbildung, Erziehung „auf die notwendige Führung in einer Beziehung“ (Krautz 2011, S. 15). Wohlgemerkt auf die notwendige Führung und nicht mehr. In Beziehung mit Personen und indem wir uns mit ihnen und Sachverhalten in Beziehung setzen, lernen wir und bilden wir uns. In diesem Prozessmodus entwickeln und gestalten wir uns, werden wir zu Menschen in ihrer höchstmöglichen Form.
Ferner dürfen wir auf die lange pädagogische Tradition verweisen, Hermann Nohl, Martin Buber, auf die derzeitige Neurobiologie (besonders auf Manfred Spitzer, Joachim Bauer und Gerald Hüther) und auf Alfred Adler, dass wir nur in Beziehung lernen. Für Adler ist „das Gemeinschaftsgefühl das Ziel von Erziehung überhaupt“. Wörtlich heißt es bei ihm: „Man muss mit den Augen des anderen sehen, mit den Ohren des anderen hören und mit dem Herzen des anderen fühlen, man muss sich mit ihm identifizieren.“ (Adler 1974, S. 176, zit. nach Krautz 2011, S. 15)
In dem Beitrag zum „Interesse der Psychoanalyse“, in dem Sigmund Freud über das „pädagogische Interesse“ zu sprechen kommt, schreibt er: „Das gewichtige Interesse der Erziehungslehre an der Psychoanalyse stützt sich auf einen zur Evidenz gebrachten Satz. Ein Erzieher kann nur sein, wer sich in das kindliche Seelenleben einfühlen kann, und wir Erwachsenen verstehen die Kinder nicht, weil wir unsere eigene Kindheit nicht mehr verstehen.“ (Freud 1913, S. 419) Was hier für Kinder ausgesprochen ist, gilt auch für Erwachsene.
Die folgenden Prozessmerkmale unter anderen kennzeichnen den Menschen:
Wir bilden uns, wenn wir mit uns selbst, mit anderen und mit unserer Welt in Beziehung treten (vgl. Dörpinghaus/Poenitsch/Wigger 2013, S. 10). Mit je mehr und je intensiver wir uns in Beziehung setzen, desto gebildeter werden wir. Frage sich also jeder:
Wie stehe ich mit wem in Beziehung?
Mit wem sollte ich noch in Beziehung treten?
Womit setze ich mich auseinander?
Womit sollte ich mich noch auseinandersetzen?
Mit welcher Intensität mache ich dies?
Wie könnte ich die Intensität steigern?
Abstrakt könnten wir fordern: Wir müssten mit allen Bereichen von Bewusstsein und Erfahrung und das mit einer gewissen Breite und Tiefe in Beziehung treten (vgl. dazu Hirst/Peters 1972). Konkret werden wir sagen, das müsste jeder für sich je nach seiner Lebenswelt, seiner Ausbildung, seinem Beruf, seinem Familienstand, seinem öffentlichen Engagement usw. entscheiden. Dabei müsse man aber bedenken, wie man in seinem Umfeld das Menschsein zur höchsten Ausformung bringen könne. Wilhelm von Humboldt hat von Bildung in diesen Sinn gesprochen und definiert Bildung über die „proportionierlichste“ Aneignung aller Fähigkeiten, damit das Menschsein durch die Beziehung zur Welt zur höchsten Entfaltung kommen könne (Humboldt 1903).
Der systematische Ort, an dem definiert werden kann, was Bildung ist und wie wir uns bilden sollen, sind die Weisen, in denen wir mit unserer „Lebenswelt“ in Beziehung sind und wie wir sie zum Glück aller bestmöglich gestalten können. Jürgen Habermas hat diesen Begriff mit dem Begründer der Phänomenologie Edmund Husserl eingeführt, um die Grundbedingung kommunikativen Handelns zu beschreiben (1981, Bd. II, S. 198–202).
Bildung wird durch die Lebensbereiche, mit denen Menschen in ihrem Handeln in Beziehung treten und welche spezifischen Fähigkeiten bzw. Kompetenzen dazu gebraucht werden, um sie zu erfassen und aktiv zu gestalten, definiert. Um diese zu beschreiben, lassen sich wiederum systematisch unterschiedliche Zugänge denken. Hartmut von Hentig formuliert in seinem Essay über Bildung lapidar als einen von 14 Grundsätzen von Bildung: „Das Leben bildet.“ (1996, S. 11)
Die beiden Londoner Erziehungswissenschafter Paul H. Hirst und Richard S. Peters (197), die von der Natural Language Philosophy ausgehen, differenzieren Bildung über die unterschiedlichen Zugänge zur Welt, die nicht aufeinander zurückgeführt werden können:
Formale Logik und Mathematik: Sie sind durch die Ableitbarkeit in einem axiomatischen System gekennzeichnet.
Naturwissenschaft: Überprüfung von Aussagen durch Versuchsanordnungen, die eine genaue Beobachtung zulassen und die Natur zwingen, in bestimmter Weise zu antworten.
Bewusstsein und Verstehen unserer selbst und anderer Menschen
Moralisches Urteilen und moralisches Bewusstsein
Ästhetische Erfahrung: Formen des symbolischen Ausdrucks
Religiöses Bewusstsein
Philosophisches Verstehen: Bedenken der eigenen Erfahrungen, des eigenen Wissens und Lebens (Hirst/Peters 1972, S 114)
Über jeden dieser Zugänge setzen wir uns mit der Welt in spezifischer Weise auseinander und entwickeln dabei unsere Fähigkeiten. Nehmen wir auch noch die Wirtschaft, mit ihr verbunden alle Arten von Arbeit, Technik und Sport hinzu, können die Kompetenzen, die wir uns aneignen müssen, um unsere Welt zu erkennen und zu gestalten, beschrieben werden.
Da ein Mensch unmöglich sich alles aneignen kann, konkretisiert sich dieses globale humane Ziel jeweils über die realen Handlungsfelder, in die jeder eingebunden ist bzw. sich jemand einbindet. Einige davon sind allerdings so universell, dass sie für alle bedeutsam sind:
Natur: dazu gehört auch unsere Leiblichkeit und was mit ihr zusammenhängt.
soziale Umwelt: dies schließt auch politisches Bewusstsein ein und unsere Geschichtlichkeit.
Wirtschaft, Technik und Informatik
Selbst: Freiheit als Selbstbestimmung einschließlich der wechselseitigen Anerkennung der anderen Menschen
Transzendenz: Achtsamkeit, Meditation und Spiritualität
Grundsätzlich müsste jeder zu diesen Handlungsfeldern Stellung nehmen können, wie weit, wie intensiv, wie elaboriert, das hängt wieder von seinem konkreten Arbeits- bzw. Betätigungsfeld ab. Und innerhalb dieser Bereiche lassen sich wieder global wichtige Schwerpunkte unterscheiden: Ökologie, Frieden, Subjektivität des Einzelnen im Ich-Du-Verhältnis (vgl. Klafki 1984).
Mit der Intuition hat es eine besondere Bewandtnis. Was intuitiv eingesehen wird, kann nicht direkt herbeigeführt werden, sondern kann nur in einem offenen Bewusstsein auftauchen, emergieren.
Emergenz ist nicht eine Sache des Verstandes. Sie ist definiert als die Fähigkeit oder die Funktion des Denkens, die Zusammenhänge zwischen Merkmalen oder Kräften von Entitäten herstellt: etwa den Zusammenhang zwischen der Erdanziehung und der Zeit beim freien Fall oder der Liebe zu einem Kind und seiner Anerkennung mit seinem Selbstbewusstsein, um nur zwei weit auseinanderliegende Zusammenhänge zu nennen.
