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Twitter verbannt Trump, autoritäre Regime verfolgen unliebsame Inhalte, Content Moderatoren durchkämmen Soziale Medien nach Bildern, die nur kurz oder gar nicht ins Sichtfeld geraten sollen. In Verpixelungen oder Blurring-Effekten schließt die visuelle Grammatik der Zensur im Netz erkennbar an Kontrollformen der vordigitalen Zeit an. Neu sind die technischen Prozesse der Bilderfassung und -löschung: Nach welchen Kriterien sie funktionieren, bleibt trotz ihrer globalen Wirksamkeit häufig undurchsichtig. Müller-Helle untersucht diese Infrastrukturen der Löschung und zeigt, wie Formen der aktivistischen und künstlerischen Umnutzung von Zensurpraktiken aussehen können: von Black Lives Matter bis #freethenipple.
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Seitenzahl: 76
Veröffentlichungsjahr: 2022
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E-Book-Ausgabe 2022
© 2022 Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Covergestaltung: Studio Jung, Berlin.
Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.
Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.
ISBN: 9783803143426
Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3714 2
www.wagenbach.de
DIGITALE BILDKULTUREN
Durch die Digitalisierung haben Bilder einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren. Dass sie sich einfacher und variabler denn je herstellen und so schnell wie nie verbreiten und teilen lassen, führt nicht nur zur vielbeschworenen »Bilderflut«, sondern verleiht Bildern auch zusätzliche Funktionen. Erstmals können sich Menschen mit Bildern genauso selbstverständlich austauschen wie mit gesprochener oder geschriebener Sprache. Der schon vor Jahren proklamierte »Iconic Turn« ist Realität geworden.
Die Reihe DIGITALE BILDKULTUREN widmet sich den wichtigsten neuen Formen und Verwendungsweisen von Bildern und ordnet sie kulturgeschichtlich ein. Selfies, Meme, Fake-Bilder oder Bildproteste haben Vorläufer in der analogen Welt. Doch konnten sie nur aus der Logik und Infrastruktur der digitalen Medien heraus entstehen. Nun geht es darum, Kriterien für den Umgang mit diesen Bildphänomenen zu finden und ästhetische, kulturelle sowie soziopolitische Zusammenhänge herzustellen.
Die Bände der Reihe werden ergänzt durch die Website www.digitale-bildkulturen.de. Dort wird weiterführendes und jeweils aktualisiertes Material zu den einzelnen Bildphänomenen gesammelt und ein Glossar zu den Schlüsselbegriffen der DIGITALEN BILDKULTUREN bereitgestellt.
Herausgegeben von
Annekathrin Kohout und Wolfgang Ullrich
Twitter-Post von Jan Böhmermann, Januar 2021
Als sich am 6. Januar 2021 Hunderte von Menschen gewaltsam Zutritt zum Kapitol in Washington verschafften, hatte dies eine neuartige Form der Sprachlosigkeit zur Konsequenz: Der amerikanische Präsident durfte sich über Twitter nicht mehr äußern. Nach einer Rede zur Anstachelung der Massen hatte sich Donald Trump in Schweigen gehüllt, offenbar mit dem Ziel, koordinierte Maßnahmen gegen die Eskalation zu verhindern. »Six hours of paralysis«, titelte die Washington Post.1 Erst nach einer von Joe Biden hastig zusammengestückelten Rede, in welcher der designierte US-Präsident von einem »Angriff auf die Demokratie« sprach, postete Trump über die Plattformen Twitter, Facebook und YouTube ein Statement aus dem Garten des Weißen Hauses – er verurteilte die Gewalt, bekräftigte aber gleichzeitig die Behauptung, der Wahlsieg sei ihm gestohlen worden. In den Sozialen Netzwerken war zu diesem Zeitpunkt längst ein Bilderkrieg ausgebrochen. Die Eindringlinge zwängten sich als selbstermächtigte Berichterstatter:innen mit Handys und Bodycams durch Fenster und Türeingänge des Kapitols, schossen in Bild und Ton Trophäen für die Selbsthistorisierung und speisten die Echtzeitdokumentationen in die Bildzirkulation der Sozialen Medien ein. Der politisch motivierte Sturm war innerhalb kürzester Zeit zum Bildersturm in Form von Selbststilisierungen der Putschist:innen geworden. Die Bilder des QAnon-Schamanen oder der hochgelagerten Füße auf Nancy Pelosis Schreibtisch wurden allerdings schnell zum beweiskräftigen Material für OSINT-Operationen (Open Source Intelligence) – eine neue Form digitaler Forensik, welche die freigebig über alle Kanäle geteilten Bilder für polizeiliche Zwecke abschöpfte und gegen die Eindringlinge selbst richtete.2 Das Ausmaß des politischen Schadens und der Konsequenzen, im Einzelfall sogar Inhaftierungen, zeigte sich erst in den Auswertungsszenarien der Untersuchungsausschüsse Monate später. Zuvor hatte der Microblogging-Dienst Twitter erneut sein Potential zur politischen Mobilmachung bewiesen.3 Um den chaotischen Ereignissen kurzfristig Einhalt zu gebieten, trat Twitter in politischer Funktion auf, und es kam zu einer bis dato einmaligen Geste der Disruption in Sozialen Netzwerken: die dauerhafte Sperrung des Accounts @realdonaldtrump mit 88 Millionen Followern. (# 1)
# 1 Screenshot Block-Page Twitter-Account @realdonaldtrump
Die sogenannte »Block-Page«,4 die Sperrseite des Trump-Accounts auf Twitter, wurde schnell zum Metabild des Regulationsgeschehens in digitalen Bildkulturen. Millionenfach wurden Screenshots des blockierten Trump-Profils als besonderes Ereignis in der sozialmedialen Kommunikation geteilt.5 Das durch Teilen und Retweeten wiederholte Blocken im polarisierten Meinungsgeschehen verweist auf die Akteur:innen der Plattformbetreiber hinter dem Account, dessen User den Ausschluss aus der Sharing-Ökonomie erlebt hat. Die erzwungene Inaktivität des prominenten Accounts machte sichtbar, was sich sonst, in der alltäglichen Nutzung des Netzwerks, nicht im Blickfeld befindet: die sozio-technische, als ein Zusammenschluss von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren beschreibbare Steuerung tausendfacher Tweets, Postings und Accounts im digitalen Datenverkehr. In der visuellen Kultur der Sperrung ist das staatsmännische Profilbild durch einen abstrakten Kreis ersetzt, die Nationalfarben in Rot-Blau sind einem fahlen Grau gewichen.
Das Negativ-Profil bleibt sichtbar, wird in den »Echokammern der Bilder« vervielfacht und in Sekundenschnelle geteilt, um andernorts neue Bilder zu provozieren.6 Die Screenshots der Block-Page waren nicht nur zeithistorische Dokumente – der Sperrung des Präsidenten der Vereinigten Staaten –, sondern wurden zur Vorlage der memetischen Umarbeitung und Kommentierung durch aufgebrachte User:innen. Denn die turbulenten Verhältnisse gaben Anlass zum Widerstand, zum Schulterschluss und auch zur Parodie: Kurz nach der Sperrung eröffnete etwa ein Account mit Fake-Bart und Brille. Der maskierte Tonald Drump ließ verlautbaren: »Having a hard time at the moment, just looking to make friends. #2024 it will be YUGE! – Parody.« (# 2)
# 2 Fake-Twitter-Account »Tonald Drump«
Die Leerstelle des Profils als Zeichen für machtvolle Löschgesten im Netz wurde durch viele Bild- und Textkommentare gefüllt, in denen Szenarien der Wiederwahl erprobt, Spott oder jubelnde Zustimmung zum gesperrten User geäußert wurden. Durch Trumps Nutzung von Twitter als Megafon für politische Botschaften hatte sich nicht nur die Form der politischen Repräsentation ins Digitale verschoben. Auch die auf sie dynamisch reagierenden (Bild-)Kommentare prägten eine neue Art des Meinungs- und Bilderaustauschs, die seither eine nicht mehr wegzudenkende Kultur der Debatte in der digitalen Öffentlichkeit darstellt. Die Kehrseite dieser Debattenkultur – und ihres Eskalationspotentials – ist der abrupte Ausschluss von User:innen, wie es im Fall Trump geschah.
Facebook und Instagram zogen mit Account-Sperrungen nach, auch YouTube fror den Trump-Account noch vor der Amtseinführung von Joe Biden ein, um der Gefahr einer Anstiftung zum erneuten Aufstand vorzubeugen. Parler, ein unreguliertes, als Free-Speech-Tool bezeichnetes und bei rechten Gruppierungen besonders beliebtes Soziales Netzwerk, wurde vorerst von Apple abgeschaltet. Ein solches deplatforming, »der regulative Akt, eine Gruppe oder ein Individuum zu sperren bzw. zu löschen und den Zugang zu interaktiven Plattformen zu verweigern«,7 wurde bisher vor allem bei rechtsextremen Gruppierungen und Hassakteuren oder im Kontext von Gewalt- und Nacktheitsdarstellungen praktiziert. Dass Twitter und andere Sharing-Plattformen die Accounts des amerikanischen Präsidenten sperren, weist auf eine Neusortierung der Machtverhältnisse, Regularien und Begriffe hin, nach denen die Spielregeln auf dem Meinungsmarkt des Plattformkapitalismus8 festgelegt werden.
Abschalten steht hoch im Kurs. In digitalen Kulturen zeichnet sich derzeit ein Trend zur verschärften Regulierung ab. Sarah T. Roberts, Plattformexpertin an der University of California, bemerkte bereits 2017 nostalgisch: »Die in der Bay Area ansässige Online-Community ›The WELL‹ hat in den ersten sechs Jahren ihres Bestehens bekanntlich nur drei Nutzer gesperrt, und das auch nur vorübergehend.«9 Auf Internetplattformen werden heute täglich millionenfach User:innen blockiert und Tweets gelöscht, und man stößt auf unzählige Sperrzeichen, hinter denen verbotenes, zurückgehaltenes oder anstößiges Wissen verborgen liegt. Provider ganzer Länder werden in Krisensituationen abgeschaltet, User:innen-Accounts werden blockiert, Bilder und Tweets, einzelne Begriffe oder gar Buchstaben werden entfernt (wie das Z-Symbol der pro-russischen Propaganda im Ukraine-Krieg). Alle diese Sperrungen sind kontextabhängig und teils gut begründet. Andererseits wirken sie tiefgreifend auf die Möglichkeiten der Teilhabe an Netz-Öffentlichkeiten zurück. Das Open Observatory of Network Interference (OONI) konnte für digitale Extremlagen in Indonesien, Malaysia, Iran, Russland, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zeigen, dass Menschen aus LGBTQI-Communities durch die Online-Zensur der genannten Staaten nicht nur in Gefahr sind, inhaftiert oder arbeitslos zu werden. Durch Webseitensperrungen werden Individuen von ihrer Community abgeschnitten, aus politischen Zwangslagen entstehen ausgeklügelte Praktiken der Selbstzensur und LGBTQI-bezogener Inhalt wird pornografisiert.10 Laut der Organisation Freedom House leben 67 Prozent aller weltweiten Internetnutzer in Ländern, in denen Inhalte vollständig oder teilweise zensiert werden.11
Auch in den globalen Sozialen Netzwerken, Microblogging-Diensten und auf Sharing-Plattformen wie YouTube, Instagram, TikTok oder Twitter hat analog zum Teilen auch das Blockieren von Inhalten zugenommen. Die Formen der Regulierung sind vielgestaltig und können sich je nach Akteur, Kontext und Perspektive als Zensur, Regulation oder Schutz – etwa von Persönlichkeits- oder Urheberrechten – auswirken. Manche Filterungstechniken können gar als Voraussetzung für das Funktionieren der Plattformen beschrieben werden: Twitter löscht täglich millionenfach Bots und Fake-Accounts, weil andernfalls die Menge an automatisch generierten User:innen die Plattformen überschwemmen und unbenutzbar machen würde. Durch diese, im großen Maßstab gut nachvollziehbare, Kultur des Löschens transformieren sich jedoch die Akteure, Praktiken und Formen der Inhaltsregulierung im Machtgefüge der Netz-Kommunikation. Die Praxis der digitalen Löschung wird zum politischen Instrument, dessen Nutzung im Einzelfall kaum mehr einer Begründung bedarf und im schlechtesten Fall missbraucht werden kann: Twitter sperrt Trump, Putin sperrt Instagram und Facebook.12
Die Entscheidungen darüber, ob ein Eingriff in den Informationsstrom als Zensur oder notwendige Löschung toxischer Inhalte oder aber als legitimer Beitrag zu einer öffentlichen Debatte im digitalen Raum anzusehen ist, sind oft nicht leicht zu fällen. Daher herrschte auch bei der Sperrung des Trump-Accounts erst einmal Verwirrung darüber, ob dieser Vorgang als vorschnelle Zensur oder notwendige Regulierung gefährlicher Hetze zu werten sei. Die einen erkannten in der Löschung die notwendige Konsequenz aus der andauernden gesellschaftlichen Polarisierung durch Soziale Medien, die nicht zuletzt zur Gewalt in Washington geführt habe.13
