Bis die Zeit verzeiht - Horst H. Büchle - E-Book

Bis die Zeit verzeiht E-Book

Horst H. Büchle

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Beschreibung

Liebe Leserinnen und Leser, im Roman "Bis die Zeit verzeiht" wird eine Epoche besichtigt, die vom Ende des II. Weltkriegs bis weit in die sechziger Jahre reicht. Es ist eine Zeit dramatischen Wandels, besonders in den Lebensgeschichten jener Millionen, die von Krieg, Flucht und Vertreibung geprägt sind. In der für Europa und die Welt zentralen Ära werden nicht nur zerstörte Gebäude, Fabrikanlagen und die Infrastruktur erneuert, was ins Wirtschaftswunder der 50er, 60er Jahre mündet. Es ringen Arbeiter, Bauern und Künstler, Politiker, Unternehmer und Intellektuelle um Rechte und Reformen, West- wie Ostorientierung, Kultur und Wiederaufrüstung, Schuld und Sühne, Täter- wie Opfersein. Zuvor jedoch fliehen die Haffners im Februar 1945 erneut, jetzt aus dem 1939 von Deutschen geraubten Westpolen, bis die sechsköpfige Familie, die nach "Schwaben" will, in Niedersachsen ankommt. - Heim? Da ist dann das kleine Bargdorf mit Bauern und Flüchtlingen, die Kleinstadt Maien mit Arbeitern, Bürgern, Kaufleuten und das große Berlin. Da ist auch Hans, jüngster Haffner, der bald alle drei Orte in sich trägt. Seine Familie und andere begleiten den Roman wie die Vorhut der Leidensströme auch unseres Jahrhunderts. Ein biblischer Bergsturz, darin das Aufeinanderprallen von Sprechweisen, Sitten und Eigenarten zwischen Ansässigen und Fremden, Besitzenden und Habenichtsen mit bäuerlicher wie städtischer Kultur. Mittendrin wehrlose Kinder wie Hans in verhetzten, maroden Familien, allein mit ihrer Not und "Integration" (heutiges Wort). Ein Weg der jungen Bundesrepublik, der primär dazu führt, was wir sind. Für kurze Zeit ist es, als gäbe es 1945 nur "kleine Leute". Dann wirken die Mühen um einen Neuanfang von Akteuren wie Rebekka und Arno Haffner (Landwirt), Rainer Noris (Kunstmaler, Bundestagsabgeordneter), Harald Beineck (Metallwerker, Gewerkschafter), Sieglinde Morgenau (Journalistin, Autorin), Theresa und Richard Redekker (Modehaus), Andreas Päring (Chemiefabrikant) und anderen. Und da ist, was uns heute im "Silent Spring" (Rachel Carson) sehnsüchtig stimmt, darin ein jedes Wesen mit seinem Glanz: Die ländliche Natur. Überall bricht sie hervor, im Frühling 1945. Hans bleibt auf immer ihr Geschöpf. "Die Not und Phantasie treiben viele Blüten, nicht bunter, selten bitterer, war je das Land." Welchen Weg werden die Haffners, die Bauern und Bürger, Beineck und Noris, Sieglinde und andere nehmen, wann, wie und wo angekommen sein? - Kaum beruhigt, zeugt neues Leid der Kalte Krieg.

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Seitenzahl: 556

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Die wichtigsten handelnden Personen

F

RÜHLING

1

Lerchen, Ankunft, Heimweh

2

Der Maler und die Butterblume

3

Von Staren und dem Staat

S

OMMER

4

Die Ziege und das Zahnweh

5

Schwalben und Schultage

6

Kornblumen und Kanalwasser

H

ERBST

7

Das Blei und die Buchstaben

8

Pulver und Lunte

9

Berlin und das Bewusstsein

W

INTER

10

Herzklopfen und Hasenjagd

11

Vom Haus zum Helm

12

Festfreuden und Frühlingsföhn

Chronik der historischen Ereignisse

Die wichtigsten handelnden Personen

Familie Beineck: Eltern Melitta und Harald, Stahlarbeiter; Sohn Bernhard

Familie Dräger: Bauern; Großeltern; Eltern; Söhne Konrad und Richard

Familie Haffner: Flüchtlinge; Eltern Rebekka und Arno; Kinder Karl-Heinz, Christel, Selma, Hans und Paul

Familie Richard Herrot: Buchdruckereibesitzer

Florence Jaspar: Hans Haffners Kollegin und Freundin

Familie Kreutz: Mutter Hausfrau, Vater Landarbeiter, als Soldat vermisst in Kroatien; Söhne Hagen und Henning

Familie Lorgeberg: Bauern; Knecht Hubert Johnke

Familie Mahn: Kürschnereibesitzer

Sieglinde Morgenau: Journalistin; Oliver, ihr Pflegekind

Rosemarie und Rainer Noris: er MdB a. D.; Markus, Neffe

Familie Ohltheim: Bauern; Vater Fritz, Großmutter blinde Frau Ohltheim; Knecht Kurt

Familie Päring: Chemie-Unternehmer; Vater Dr. Andreas; Sohn Lukas; Enkel Stephan

Familie Redekker: Flüchtlinge; Einzelhändler; Eltern Theresa und Richard; Kinder Franz, Veronika; Schwiegersohn Jan

Dr. Sprecher: Zahnarzt; Zahnarzthelferin Frau Galinski

Dr. Stern: Praktischer Arzt in Konin

Thomas Stubbe: Ober im Bahnhofswartesaal

Familie Unheim: Bauern; Großeltern, Lisa und Friedrich Wilhelm; Eltern Ruth und Karl, Kriegsgefangener in Russland; Sohn Heiner; Mägde Maria und Magdalena; Knecht Jakob [Onkel Jakob]

Familie Weidebaum: Gastwirt; Vater »Kräuger«; Kinder Bettina und Holger; Enkel Kathrin, Bettinas Tochter

Familie Wogenried: Eltern Susanne und Manfred, Realschulrektor; Sohn Dieter; Gisela, seine Freundin, spätere Frau

FRÜHLING

1Lerchen, Ankunft, Heimweh

Herein in den Hof, das Gespann hält von selbst. Die froststeife Pferdeleine reglos in Händen, dann mühsam befestigt, absteigen, so sie sind da. Nur ein Zwischenaufenthalt hier in Bargdorf bei Maien? Wer weiß schon, dass es für immer sein wird! Die fünfjährige Christel aus dem Planwagen heraus: »Papa, wo sind wir?« Hilfloses Schweigen. Leblos gefroren sein Gesicht, Raureif an Brauen und Bart. Von der Anstrengung beim Ausspannen wollen die starren, blauroten Finger brechen. Seine Fäustlinge gingen schon vor Wochen verloren, irgendwo in Pommern. Pommernland ist abgebrannt …

Dieser Orkan aus dem Osten! Millionen treibt er wie die Schneemassen vor sich her. Rasende Flocken peitschen die Pferde. Treu haben sie durchgehalten, bis hierher. Nie wird er es ihnen vergessen! Doch der Feuersturm hat sich noch nicht gelegt. Reich seine Ernte, leblose Leiber, Fuhrwerke in Straßengräben, zerstörte Dörfer, Seelen, Städte, Geschichte des Ostens Europas. Wer hat den Wind gesät?

Nicht drandenken jetzt! Die Mutter hebt Selma herunter, nun Hans, den Jüngsten, presst sie an sich, spendet Wärme, schöpft neue Kraft. Dann stehen alle Sechs vor der Tür. Sie gehört Unheims, wie das große Wohnhaus, die Zimmer mit Möbeln, Kleidung, Bettzeug und Wärme. Die Tenne mit Futter, Freiheit und Saaten. In den Scheunen Wagen, Mäh- und Dreschmaschine, Geräte und Sicherheit. Die Keller voll Kartoffeln, Brikett, Obst, Gemüse, Säften und Kräften. Kammer mit Wurst, Speck, Schmalz und Geräuchertem. Küche voller Milchtöpfe, Hoffnung und Hausrat. In den Ställen Schweine, Kühe, Pferde und Geborgenheit. Im Hof Hühner, Hund und Tauben. Ringsum viele Hektar Ackerland, Wiesen, Heimat und Stolz. Es gibt einen erbberechtigten Sohn, die Mutter, Großeltern, zwei Mägde, einen Knecht. – Jetzt auch Flüchtlinge. Familie Haffner bittet, aufgenommen zu werden. Habenichtse sind auf dem Hof.

»Wat wollen se denn bi üsch upn Hoff?« Der Großvater Karl Wilhelm Unheim steht drohend in der Haustür, zornesrot.

Wie weit und weiß acht Tage zuvor Norddeutschland unterm Himmel liegt! Schnee bis an die Fenster, auf den Dächern Zuckerwattehauben, wirkt die schiefste Kate noch wie ein Feenhaus. Windgeschützte Weiden wiegen einen Hauch von Kätzchensilber, blitzend wie Schneekristalle in der bereits kräftigen Märzsonne, die an alles ihr strahlendes Herz zu hängen scheint. Das glockenhelle Zi-zi-dee von Blaumeisen klingt aus bald harzig knospenden Kastanienbäumen am Wegesrand. Wenn doch nur schon Frühling wäre! Sehnsucht nach ihm lockt wie die nach Frieden. Doch Arno Haffner, der Vater, trägt den Krieg innerlich mit, will sich nichts vormachen, wittert ihn weiterhin überall, während sie durch die Lüneburger Heide südwärts fahren. Wie lange dauert er denn noch, verloren wie längst alles ist?

Welche Not seiner schwangeren Frau Rebekka auf der furchtbaren Flucht über Pommern und Mecklenburg nach Schleswig-Holstein! Die Pferde völlig erschöpft, die Kinder entkräftet, halb verhungert, verfroren, zwei im Fieber. Er war zuletzt, trotz der Hiebe von Gewehrkolben, sechs Tage ohne Halt und Schlaf durchgefahren, aus Angst, doch noch von Sowjetpanzern eingeholt zu werden. Überholt hat sie aber nur derselbe Wehrmachts-Mercedes mit zwei Sanitätsoffizieren, auf dessen Rücksitz Karl-Heinz schon vor Tagen jenes Bild hat liegen sehen wollen, das er meinte, aus der Praxis des Arztes Dr. Stern in Konin, Polen, her zu kennen, wo sie seit dem Spätsommer 1941 gelebt hatten.

Vorbei ging’s auch an Schwerin, das bald erneut brennt. Nur allein fahren, sagt er, dann gibt es vielleicht Hoffnung; auch auf Trecks hat es die Rote Armee abgesehen. Manche Überlebende mussten, einer nach dem andern, wieder mit Familie, Pferd und Wagen zurück, ins Heimatdorf oder weiter ostwärts, nach ›Sibirien‹, wie er erfährt.

Am siebten Tag wird Haffner von Müdigkeit und Husten niedergerissen. Kaum Schlaf, gesehenes Grauen stellt sich ein: Tausende quellen, hasten über die Oder, ihr Eis. Die Brücken verstopft, gesprengt, zerstört. Wogen von Fuhrwerken, Familien mit Handkarren, überladen mit Habseligkeiten einer verlorenen Heimat. Frauen allein, zu zweit oder mit Alten, oft einen Säugling, unterm Mantel, im Kinderwagen, ein anderes Kleinkind, zu schwach für den hohen Schnee, bei sich, im Arm, auf der Schulter, im Tuch. Nicht überall trägt das Eis, nicht in Ufernähe, wenn Gespanne in Hast, verwirrt, zu dicht aufeinanderfahren, kaum über Strudeln im Strom.

Ende Februar 1945 hat das britische Militär den Haffners schließlich erlaubt, das Lager bei Bad Segeberg, darin sie und Tausende Flüchtlinge erfasst worden waren, zu verlassen. Richtung Süden. Nach Baden-Württemberg. Heim?

»Glöwen se denne, wi häbben bi üsch noch wat fri un nich sülben genaug Sorgen?«

Die Bäuerin Ruth Unheim, gut dreißig Jahre alt, starrt aus der Tür, die Mägde aus Fenstern, das Heinerle hält die Großmutter Lisa am Strampelanzug auf der Diele fest. Wer hatte je Haffners gefragt, als sich die rumänische Regierung dem Ultimatum der Sowjetunion vom 26. Juni 1940 beugen musste und das Land abtrat, das erst im März 1918, nach deren Schwäche durch Revolution und Bürgerkrieg, zu Rumänien gekommen war? Schon zuvor geschah es ganz im Geist der Zeit ohne Volksbefragung, als die deutsche Reichsregierung im geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 »das völlige politische Desinteresse an Bessarabien« erklärte. Fast Hunderttausend Deutsche verloren das, was sich hier kaum jemand als Heimat vorstellen kann: Bessarabien, eine historische Landschaft in Südosteuropa.

»Wo liggt dat man bloß?«, höhnt Ruth Unheim.

Es lässt sich umrieseln von archaisch-munteren Fluten des Dnjestrs und Pruths. Seine Füße netzt eine sanfte Dünung, das Schwarze Meer. Es ist ein Land, in dem flossen bei uns Milch und Honig in eines jeden Gottesfürchtigen Lebensglück. Sommers brannte heiß die Sonne auf Arme und Reiche, Gerechte und Ungerechte. Es ist dieselbe, der einen Steinwurf weiter östlich die Krimweine ihren Weltruhm danken. Aber auch unsere Weine, Zottler, Trollinger – ach, was sage ich, alle waren solcher Wunder voll. Melonen gediehen groß wie Kürbisse, Weinbeeren pflaumendick, wie schweres Gold wogten Weizenfelder, übermannshoch der Mais. Um Häuser glühten, und fast so hoch wie sie, die Sonnenblumen auf weiten Feldern. Ein zufrieden übermütiger Herbst dankte unsere Mühen mit reichen Ernten, wir unserem Gott dafür.

Winters gingen schönste Araberblutpferde vor schnellen glockenklingenden Schlitten, schroff-kontinentaler Frost ließ Spritzwasser zur Erde prasseln, als Eisperlen, oder Vögel vom Himmel hoch fallen, erfroren. Von Südwesten verkündete die Donau weit übers Land, wenn sie frühjahrs ihren Eispanzer donnernd sprengte. Steil stiegen dann unsere geliebten Lerchen engelgleich zum Höchsten hinan und lobpreisten jubilierend seine Frohe Botschaft weit übers erwartungsvolle Land, dass alle sie gesegnet vernahmen: Nun beginnt erneut ein frohes Jahr, der holde Frühling ist just da! Allerorts Glockengeläut zu Ostern, und jedermann ging, dass er sich segnen ließe, ein jeglicher in seine Kirche. Alle Leute im Sonntagsstaat, aber in Demut vor dem HERRN.

Dann jauchzten mehrstimmig geübte Stimmen zur Ehre Gottes. Lieder von Gerhardt, Luther und Gellert wurden begleitet vom Halleluja silberreiner Orgeln bester deutscher Baumeister. Bachsche Präludien drangen dankesfroh zum Herzen und Himmel. Orgel wie auch Prachtbibel, aus der unser deutscher Pastor feiertags Psalmen las, waren die Donau abwärts gekommen, aus Stuttgart, über Regensburg und Passau. Und vieles mehr, auch weitere Auswanderer in »Ulmer Schachteln«, ein Einweg-Bootstyp, im Verlauf von Hundertzwanzig Jahren. Zum Schluss dann, donauaufwärts, auch wir, Herbst 1940. Nun ade, du mein lieb Heimatland …

»Un nu wollen se bliwen, bi üsch in Bargdörp, one wat?«, empört sich der Großvater.

Es will sich nicht beruhigen der geängstigte Wächter an der Kette auf Unheims Hof. Noch Jahre später bellt jeder fremde Hund dem jetzt dreizehn Monate alten Hans Haffner manch Wunde ins Herz. Allein die Pferde im Stall scheinen sich zu freuen. Wiehernd begrüßen sie die kleineren zähen und abgemagerten Artgenossen im Hof, dankbar für die Abwechslung in dem strengen, langen Winter.

»Wollen?« ›Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!‹ Herr Unheim, Schwiegervater der Bäuerin, ihr Mann ist an der Ostfront, ist so frei, nach Haffners Willen zu fragen. Haben sie auch nur noch die Freiheit, nicht zu antworten?

Immanuel Kant, Verfechter von Freiheit und Vernunft, der zehn Jahre zuvor in Königsberg verstorben war, als sich Rebekka Haffners Vorfahren von dort aus im Spätsommer 1814 aufmachten, um nach Bessarabien zu ziehen, beantwortete die selbstgestellte Frage, was Aufklärung sei, so: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«

Die Königsberger Protestanten hatten Kant vernommen. Als mutige Pioniere waren sie, wie auch Haffners Vorfahren, Ulmer Schwaben, in Bessarabiens menschenarme Steppe gezogen, auf der Suche nach Freiheit und fruchtbarer Schwarzerde, die noch unter mannshohem Steppengras lag. Zar Alexander I. hatte im Herbst 1813 Siedlern Selbstverwaltung in deutscher Sprache, Religionsfreiheit, je Familie 60 Desjatinen Land, 65,5 Hektar, und stete Militärdienst-Befreiung zugesichert. Vielleicht konnten sie hier eher Kants Forderung einlösen, im Alltag und auf eigenem Land, frei von Unterdrückung durch Fürsten und Diener, auch denen im Geiste.

»Wi häbben man sülben genaug dörn Krich verlören! Un min Mann is wierhen Soldat un kariokelt nich midde Kinner inne Gegend erumme!«, schimpft Ruth, die junge Bäuerin.

Vor Wochen sind Haffners ohne Erlaubnis in der Nacht aus einem Dorf nahe Schneidemühl einfach auf und davongefahren. Der örtliche Bonze der NSDAP, ein wahrer Held, organisiert erst mit viel Geschrei den »Volkssturm«, bei dem auch Haffner mitmachen und -exerzieren muss, dann zögert er die längst gebotene Flucht der Bewohner wie die Weiterfahrt des Trecks mit Kriegsrechtsdrohungen hinaus, bis am Morgen von einer sowjetischen Vorauspanzereinheit überraschend gestoppt wird. Haffner ist da schon fort. Er hat alles, buchstäblich seinen Kopf eingesetzt, Hufe und Nüstern der Pferde mit Tüchern verhangen. Dass auch nicht der kleine Hans zu schreien beginnt, er weint so oft in letzter Zeit; die Front ist nur entfernt zu hören, jeder Laut würde schlafende Hunde wecken. Der eigene mutige Verstand hat ihm gesagt, dass entgegen des Befehls der Gau- und Heeresleitung Menschenkraft und Pferdemuskeln gegen Panzermotoren nicht ankommen, die Panzer aber kommen werden.

Seit Tagen ist Wehrmacht auf dem Rückmarsch durchgekommen. In Eile werden Linien zurückgenommen, neue aufgebaut, aber westwärts von Schneidemühl bei Dresden, der Ort dann in Feindeshand. Haffners sind die einzigen, die jetzt noch mutig ›frei‹ ziehen können, in ein ungewisses Morgen.

»Use Vei un wi sünd genaug dör Sükendrägers anestoken worn!«, klagt Karl Wilhelm, der Bauer.

Zwei Tage hinter Arnswalde überqueren sie morgens die Oder südlich von Stettin. Andere wollen hinauf zum Haff, um möglichst noch über die Pommersche Bucht auf Schiffen fortzukommen. Doch Haffner fährt, geleitet von einem inneren Drang, allein nach Westen. Am Abend liegt ein Städtchen im Dunst unter Schwärmen von Krähen, Prenzlau oder Pasewalk. Haffner weiß es nicht genau, er hat keine Karte, Ortsschilder fehlen oder sind verdreht; die festgefahrene Schneedecke ist vereist, die Stute lahmt, ein Sturz, bei jedem Schritt möglich, wäre dann das Ende. Aus verlassenen Gehöften abseits vom Weg steigt letzter Rauch eines Fliegerangriffs. … ihre Dächer sind zerfallen, / und der Wind streicht durch die Hallen, / Wolken ziehen drüber hin.

Kaum im Hof, sammeln Christel und Karl-Heinz Brennholz zum Kochen, säubert Mutter notdürftig den Hans und die zweieinhalbjährige Selma, sucht Vater in verkohlten Stallungen und der seltsam unversehrten, strohgefüllten Scheune nach einem Hufeisen. Üb immer Treu und Redlichkeit … Ihm wird elend bei der Suche in so viel Untergang, um den eigenen abzuwenden. Da hilft auch nicht, dass es angebranntes herrenloses Gut ist, in dem er nach einem Ausweg stöbert.

Plötzliches Motorengeräusch und Türenschlagen trifft alle. Als sie hinzueilen in den Hof, ist er schon voller sowjetischer Soldaten und ihren Stimmen. Unter Todesangst versuchen Haffners vermeintliches Kriegsgeschrei gegenüber ihnen herauszuhören. Der »Feind«, bislang nur Gefahr, aber ungreifbare, jetzt steht er da, handgreiflich, dennoch so vertraut – fast bekannte Gesichter darunter.

»Ah-so, se hett de Gemeindeverwaltung, use Börgemester Bode, hereschickt!«

Des alten Unheims Stimme verspritzt Angst und Ablehnung gegenüber Fremden; Hans schlägt sie zur Mutter. Karl-Heinz und Christel folgen dann Vater, als er mit dem Bauern die Bodentreppe hinaufsteigt, Strohsäcke zu stopfen. Frierend liegen sie später zur Nachtruhe darauf, dicht aneinan-dergedrängt, ein Häufchen Elend, eine deutsche Familie, März 1945, über sich das freundliche spinnennetzverhangene Ziegeldach des großen Strohbodens. Dort wird später einer der raren vertrauten Plätze von Hans sein. Noch im tiefsten Winter verweht hier der friedensstiftende Geruch von Heu und Stroh wie ein bunter Nachgesang auf all die mannigfaltigen Sommerfreuden, die er an Feldern, Wiesen und Wegen mit ihren zahllosen, jetzt getrockneten Kräutern, Blumen und ihren geflügelten Gästen finden wird.

Die Russen sind gekommen, jetzt werden sie Vater mitnehmen! Oder ihn gleich hier erschießen und uns alle verschleppen! Warum nur hat Vater das Jagdgewehr nicht längst weggeworfen? Was will er noch damit! Aus Anhänglichkeit, weil es ein Geschenk von Verwandten ist, das er mitnahm und als Andenken ehrt? Schießen liegt nicht in seiner Natur, darum hat er die Schrotflinte auch noch nie angerührt.

Vater zögert, an den Soldaten vorbei zum Wagen zu gehen. Sein Russisch reicht zwar für eine Unterhaltung und mehr; es wurde daheim an deutschen Schulen gelehrt. Aber würden die Soldaten nicht jeden seiner Schritte beobachten? Doch wenn sie den Wagen durchsuchen, Waffe und Patronen finden, werden sie ihn anders als Partisanen behandeln, ihn und vielleicht Frau und Kinder? Diese Praxis ist gerade deutschen Truppen, wie die Welt weiß, auf dem Balkan, dem Apennin, in den Pyrenäen, der Sowjetunion, immer sinnfälliger geworden, je sinnloser sie selbst ihren Krieg überall hält, den Hinrichtungsstätten deutschen und europäischen Geistes.

Welcher Friedensengel sollte jetzt Sowjetsoldaten an ihnen zur Schonung beflügeln, waren Haffners denn nicht Deutsche, vom Scheitel bis zur Sohle? Darin lag doch der Grund, der es den Bessarabiendeutschen geradezu verbot, nach dem Verlust ihrer Heimat zuzusehen, wie ähnlich den Maßnahmen in der übrigen UdSSR ihre Landwirtschaft und Gewerbe kollektiviert werden sollten, an denen ihr ganzer Lebenswille hing. Dann schon lieber weg von hier, irgendwohin, »heim ins Reich« oder nach Amerika, Kanada, nochmal neu anfangen wie schon ihre Vorfahren, die Ururgroßeltern, nur nicht Verrat an ihnen üben! Das wäre aber so, wenn sie hierblieben, als Knechte, wie sie es sahen, auf ehemals eigenem Hof, dann unter fremden Herrn, oft ein russischer Funktionär.

Denn zur Freiheit gehört – mit dem Wissen im Herzen hatten sie ja ihre Heimat ums Herzogtum Warschau, das 1807 nach dem Frieden von Tilsit gegründet und 1812 dezimiert worden war, sowie Württemberg verlassen –, spürbar frei zu sein auf eigenem Besitz, wie gering auch immer, das gewichtige Erlebnis des Fehlens bedrückender wirtschaftlicher und sozialer Abhängigkeit, ganz gleich, von wem und was. Sie hatten hier überwiegend ihr eigenes Auskommen erwirtschaftet, von Hof zu Hof und in Gewerbebetrieben, zumeist noch rein auf Familienbasis, in oft erträglicher Weise.

Das aber würden sie ihrer Meinung nach als Kolchosbauern werden: unerträglich abhängig vom Kolchosleiter, sicher einem Russen, Parteifunktionären und ferngelenktem Wirtschaftsplan mit empörendem Soll an abzuliefernden Ernteerträgen. Und noch mehr von manchen schon jetzt ihrer Unterstützung bedürftiger Familien. Ihr arbeitsreiches Leben war schwer genug. Vornehmlich dies Empfinden machte sie untauglich für jedweden Sozialismus, der über gemeinschaftliches Handeln im Alltag und zu Notzeiten hinausging.

Bargdorf mit den Bauern Unheim, Lorgeberg, Ohltheim, Dräger und sechs anderen ist nicht sozialistisch. Was es hier gibt, wächst, angebaut und aufgebaut wird, gehört längst irgendeinem Bauern, ein wenig Land noch der Kirche.

Verweht, vergessen, ist eine tausendjährige Geschichte, während der zumeist Weide, Wald, Sumpf- und Ödland, insgesamt große Flächen, von den bäuerlichen Dorfbewohnern gemeinschaftlich genutzt werden durften: die Allmende, die einst allen Ansässigen in der Gemeinde gehörte. Auch Verarmte, Kranke, Krüppel, nicht Erbberechtigte, Kinderreiche, Ernte- oder Kriegsgeschädigte, und, wo geduldet, auch mittellose Mägde und Knechte, konnten fürs Überleben Wildfrüchte und Brennholz sammeln, eine Ziege, ein paar Schafe oder Schweine, Hühner, Gänse halten, die sich und sie von der Allmende ernährten. Segensreich war ihr Wirken.

Die Allmende allein konnte zwar keinen völligen sozialen Ausgleich sicherstellen. Doch für des Einzelnen Lebensgefühl war und ist es im Übrigen schon bedeutsam, dass nicht buchstäblich alles, wohin er seine Schritte und Gedanken lenkt, bereits Eigentum eines anderen mit dann oft verbotenem Zutritt ist, Zaun drum, Warnschilder drauf! Geblieben ist von der Allmende in Bargdorf, wie überall, nur wenig: das Bruch, ein mooriges, sonst unnützes Sumpfstück mit Weiden-, Birken- und Erlenbüschen darauf, sowie die Sandkuhle. Sie können, nun als Gemeindeeigentum, noch von allen geringfügig genutzt werden, auch von den Flüchtlingen, die aus den Ostgebieten ankommen, und später von den Vertriebenen, von denen jetzt allerdings noch niemand weiß.

Verwandelt in Sprache und Kunstwerk ist jedoch mehr erhalten. Der deutsche Wald, unsere Landschaften, Seen, Gebirge und Auen haben als kollektives geistiges Eigentum Eingang in Literatur, Musik und Bildende Kunst gefunden und begleiten seitdem die Tage vieler Menschen auf Erden.

Darf man aber sich und die Seinen nicht verraten, aber seinen Gott? Predigten nicht ihre Pastoren, hingebungsvolle Hirten einer gern gottesfürchtigen Herde: Gott, der HERR, er lebt! Ist sein allmächtiges Wirken nicht allenthalben im Wachstum der Saaten und Menschenkinder, einer jeglichen Kreatur und ihres göttlichen Bauplans mit eigenen Augen zu sehen?

Sie haben unter Bedingungen, die an Dramatik nicht von der populären Besiedlung des US-amerikanischen Westens übertroffen werden, Land ihrer neuen Heimat urbar gemacht und, zumindest als Gruppe, überlebt. Noch 1940 waren sie eine Minderheit unter Rumänen, Ukrainern, Großrussen, Juden, Bulgaren, Polen, Gagausen, nicht mal drei Prozent der übrigen Völker. Nur im südlichen Kernsiedlungsgebiet, dem Budschak, das sie kaum so nannten, überwog ihre Zahl.

Der Sozialismus aber warf seinen scharfen atheistischen Schatten auf ihren Lebenssinn. Nie hätten sie in der Nähe ihrer zumeist in Eigenleistung errichteten schönen weißen Kirchen, dem einzigen dörflichen ›Luxus‹, weiterleben können, sollten sie einmal von ihnen verwaist sein.

Das brauchten sie auch nicht, denn am 5. September 1940 war ein sowjetisch-deutscher Umsiedlungsvertrag geschlossen worden. Und schon am 22. Oktober 1940 rollte der letzte Treck über die Pruthbrücke zurück nach Norden.

Die 93.000 hatten jetzt nur noch das, was mit ihnen gehen durfte: etwas Kleidung, Bettzeug, stückweise Geschirr, ihren Ehering, eine Uhr, etwas Papiergeld: rumänische Lei. Sämtliche Wertsachen, Guthaben, ja Druckerzeugnisse, Bücher, Kirchenbücher, Akten mussten bleiben. Außer ihrem Leben blieb letztlich alles zurück: die Heimat. Zuletzt auch, bei Erreichen der Donau: Pferde und Wagen, selbst Hunde, die bis hierher die zweihundert Kilometer gegen den Willen ihrer Herrn, gefolgt waren. Noch den Donaudampfern liefen sie jammervoll bellend nach, auf denen die Männer ihren mit Lkw und Eisenbahn vorausgebrachten Familien folgten.

Wortlos kommen Haffners in der ehemaligen, brandschwarzen Küche zusammen. Zum Hof hin, auf dem sich eine Sperlingsschar um letzte Körner balgt, liegt sie offen da, die Außenwand eingestürzt. Offen auch den Blicken der russischen Soldaten, die um ihre Fahrzeuge und das Fuhrwerk herumstehen. Sie betrachten Haffners Planwagen mit den wenigen Habseligkeiten darauf, die müden, kopfhängigen, noch eingeschirrten Pferde, die Stute mit schräggestelltem Bein, in dem der Schmerz zuckt. Vater bemüht sich, ihr Gespräch zu verstehen. In den meisten sieht er Bauernsöhne, auch in einem der beiden Offiziere. Langsam, was kann er jetzt noch falsch machen, räumt er Schnee und Schutt von einem gusseisernen Herd, der dem Angriff standhielt, setzt das verformte Ofenrohr wieder darauf. Als Qualm zu den Wölkchen der noch glimmenden Brandnester aufsteigt, gehen die Soldaten auseinander und durchsuchen die Gehöfte.

»Rebekka, wohi willschst?«, hört sie seinen Schreck, weiß aber nur eins: ich muss! Eine innere Stimme, so sagt sie noch bei manch anderer Gelegenheit, habe sie gemahnt, dass sie es tun müsse. Das dunkle Tuch um Kopf und Schultern mit Händen haltend, übersteigt sie die Trümmer und geht, eine kleine schwangere Bauersfrau, über den großen Hof, die Augen ernst auf den Boden gerichtet: Gleich wird der Schuss fallen! Ein Schauspiel vor ihren Füßen, wenn schrittweise Schneekörner über die dünne Eisschicht rieselnd rauschen, als mähe man mit der Sichel. Dass mir das jetzt einfällt, lieber Gott: Schnee, wie daheim als Kind! Vorbei an den Fahrzeugen, besiegelt vom Blutrot ihrer Hoheitszeichen, deren Zacken ihr wehtun; vertraut sind ihr solche Sterne, viel kleiner, nur vom Christfest her. Fürchtet euch nicht! …

Das Hengstfohlen, eigentlich ist es noch zu jung zum Ziehen, hebt den Kopf und blickt stumm, als sie auf ihren Wagen steigt. Von der Küche aus folgen ihr verstohlen angststarre Augen, auch, wie sie wieder auf dem Boden ist und ins Dämmergrau der Scheune wechselt, aus der sie nach bangen Minuten zurückkommt. »Ich hab’ sie durchbrechen müssen, sonst hätt’ sie nicht unter den Mantel gepasst. Die Patronen stecken auch im Stroh«, flüstert sie.

Vater sagt kein Wort. Ist er erbost über ihren Leichtsinn, beschämt ihn ihr Mut? Hätten die Soldaten ihn zum Wagen und mit der Flinte zur Scheune gelassen? Wenn sie ihn dabei gestellt hätten? – Den roten Stern an der Mütze als drittes Auge auf ihn gerichtet, steht plötzlich ein Soldat, der durch die früheren Wohnräume gekommen sein muss, in der leeren Tür. »Tschassi!« (Uhr), hört Haffner ihn fordern und, nach einigem Zögern, das Durchladen seines Karabiners. Sicher weiß er, dass fast jeder deutsche Mann einen Ehering und eine Taschenuhr bei sich trägt. Vater löst die Silberkette vom Gürtel und legt sie mit der Uhr daran in dessen Hand.

Er kann ihm nicht ins Gesicht sehen. In Bessarabien hat er mit Russen – sie kamen als Händler nach Klöstitz, man traf sich auf Märkten – wie oft sich unterhalten, miteinander gegessen, getrunken, wie man jedem, der auf den Hof kam, gleich gute Gastfreundschaft gewährte. »Kuschei Harbus, Chljeb mi ma!« (Iss Melonen, Brot haben wir nicht!), hätte er dem vermutlichen Ukrainer gern hinterhergerufen, wie sie daheim scherzten, wenn bei Familienfeiern selten unter hundert Personen an herrlich gefüllten Tischen saßen, mit Köstlichkeiten von goldbraun in Butter gebratenen jungen Tauben, Hühnern, Enten, Gänsen, Perlhühnern, Puten, erlegten Trappen und Wachteln, die Lebern, Herzen, Mägen gesondert und schmackhaft gedünstet, gebräunt.

Mit gebratenem Lamm und Kalb in Paprika-Zwiebelsoße, süßsauer vom Rahm; mit saftigen Lendenstücken vom Rind, Schwein, gepökelt, gepfeffert, gewürzt von Lorbeer, Nelken und mit Knoblauch, in Öl zerstoßen, bestrichen. Eingehüllt in Brotteig, so groß und eckig wie die Bratröhre fasst, fertig so zart, dass Gaumen und Zunge genügten. Mit Karbonade, im Geschmack ein kleines Himmelreich; mit kaltem Braten von diesem und jenem; mit Schüsseln voller Strudeln, Band- und Dampfnudeln, Spätzle und Knöpfle, alles ordentlich »abgeschmelzt« mit in Fett gebräunten Weißbrotkrumen. Mit goldgelben, in heißem Öl gesottenen Viertelstücken kleiner Kartoffeln, und, je nach Jahreszeit, mit grünen Erbsen, eingelegten, verdämpften und gefüllten Paprikaschoten. Dazu Tomaten, Rettich, Schnittbohnen, Weiß- und Rotkraut; sommers mit Kopfsalat und Dill in dicker Milch; mit goldgelben Honigmelonen und grasgrünen bis rötlichen Wassermelonen (Harbusen), frischem Obst und Weintrauben, weißen, roten, halbroten, sooo großen!

Zum Nachtisch gab es Halva, eine honiggesüßte Paste aus Ölsamen und Nüssen, ferner mehrerlei Kompott, Zucker-, Streusel-, Obstkuchen und Hefezöpfe aus dem Brotbackofen, den mehrere Höfe fürs ganze Dorf hatten, daraus auch das Weißbrot kam, das man nie versäumte, in restliche Soßen zu tunken, blanke Teller hinterlassend, zum Gedenken an gut bekannte schlechtere Zeiten. Danket dem HERRN, denn er ist freundlich …, klang ausgangs das Tischgebet.

Wer schon konnte, trank Wein, Schnaps, wer noch nicht, Milch, süße, saure, Säfte, Brunnenwasser, kühl, stets frisch gepumpt. Alles war reichlich, übervoll. Man rupfte für eine Kindstaufe, Hochzeit oder Konfirmation wohl an die dreißig Tauben, was bei hundert oder mehr auf manch Höfen nichts weiter hieß: Übers Jahr zogen sie vier-, fünfmal an die sechs, acht Junge auf, die sie in den Sommermonaten ohne Not mit Getreide wie Mais stopften, Körnern groß wie Tonmurmeln, dass man meinen konnte, sie erstickten daran.

Geld hatten die wenigsten mehr, als unbedingt zum Leben nötig. Wozu auch, man war fast Selbstversorger und sah seinen natürlichen Reichtum in Hof, Land, Vieh, Vorräten und in seinen Kindern. Mehr Geld zu haben, galt ihnen als biblisch schnöder Mammon, woraus ihre Pfarrer in pietistischklaren Kanzelpredigten auch keinen Hehl machten.

»Mutti, ich hab’ Hunger!«, sagt Christel zaghaft.

»Der Herd ist warm, ich koch’ uns«, tröstet Mutter. Der achtjährige Karl-Heinz ist in ihren Spuren durch den Schnee vom Wagen mit dem Notwendigen zurück. Mit den Händen legt er Pulverschnee frei und füllt ihn in den Topf. Gegenüber in der Scheune haben sich die Soldaten zum Essen eingefunden und sitzen auf verstreuten Strohbunden.

Als Haffners ihre dünne Ribbelsuppe essen, die ihnen Spatzen neiden, gehen einige Soldaten zu ihren Fahrzeugen. Zwei Rotarmisten kommen von den Stalltrümmern auf sie zu. Vater sieht sie an und grüßt auf Russisch. Schon ist es für ihn unerheblich, zu wissen, ob dies nun Arbeiter- oder Bauernsöhne von Usbeken, Kasachen, Tadschiken oder Angehörige anderer der mehr als hundert sowjetischen Völker sind, wie er’s sonst gern aufgespürt hätte. Im selben Atemzug, wie er die etwa Zwanzigjährigen auf ihre Stummheit ansprechen will, weiß er um die Vergeblichkeit: An ihren strapazierten Uniformen, drohenden Karabinern, der gespannten Haltung, in ihren von Kriegsleid gepeinigten Gesichtern, den ausgeleerten, jetzt starren Augen sieht er, dass hier ausschließlich Militär vor ihm steht, feindliches. Gedrillt von der Überlebensantwort auf den bestialischen großdeutschen Eroberungswillen – »Es zittern die morschen Knochen / der Welt vor dem roten Krieg. …« –, wie ihn noch keine als zivilisiert geltende Nation sich anerzogen hatte. Herzen und Panzer: Industriestahl zweierlei Aggregatzustands.

Er kennt die bluttriefenden Bilder »allzeit siegreicher« deutscher Panzerverbände, Artillerie, Görings Luftgeschwader, hörte die frohlockenden Reichsrundfunkmeldungen von »deutscher Landnahme im Osten«, die Deutschen naturgesetzlich zukomme. Er weiß um die himmelschreienden Unmenschlichkeiten: So weit das Auge reicht, brennende russische Dörfer, Städte, Menschen und Vieh; gespenstische, von deutschem Ingenieurgeist geschaffene Ruinen, bar allen Lebens einer vordem kulturell reichen europäischen Stadt- und Dorflandschaft, die er hautnah vom eigenen Vater her kennt, der in der Leibgarde des Zaren die siebenjährige Wehrpflicht abdiente, da Bessarabien bis 1918 russisch war. Und der darauf ein Leben lang des Erzählens all der gesehenen Wunder der Menschen und der Natur nicht mehr satt wurde:

Über die mediterranen Reize Sankt Petersburgs, den eleganten Newski-Prospekt, den riesigen Hafen zum endlosen Meer, die Ostsee, über die weiße Klipper, Schoner, Fregatten aller Länder wie paradiesische Falter einher- und davonsegelten und buntbeflaggt die schwarzen Rauchfahnen erster Dampfer grüßten, wenn deren Sirenen laut den neuen Maschinengeist verkündeten, dass der Möwenschrei im Lärm erstarb. Er erzählte vom burlesk-spielerischen wie religiösandächtigen Warschau des Königreichs Polen, das bis 1918 hundertdreiundzwanzig Jahre unter des Zaren Fuchtel stand, der Selbstbestimmung beraubt, von der Landkarte getilgt. Vom weltgewandten Moskau mit seinen schattigen Alleen, Parks, turmgezierten Bauten, den zum Lobe des einen lichten Gottes wie des thronnahen Klerus goldglänzenden Kathedralen-Kuppeln, den nach dem großen, Napoleons Besatzung verheerenden Brand von 1812 neu erbauten Boulevards mit allem nie gesehenen Chic und Charme aus Europa und der Welt für Adel, Hof und reiches Bürgertum. Und von vielen Menschen, vertrauten, exotischen, in vielerlei Sprachen; buntblühenden geheimnisvollen Frauen, deren Faltenwurf noch den Sommerwind verwirrte; Kindern wie selbstvergessenen Jungvögeln, die kreischend die Ufer der Wolga herabpurzelten; heiligen Greisen im Geist und Alter Abrahams. Vom verschwenderischen weißen Marmorpflaster, anziehend in seiner Gott verklärenden, gotteslästerlichen Pracht, auf dem jeder eiserne Hufschlag adeliger Rosse Weltecho und vornehmes Feuerwerk versprach, den staunenden Armen wohl-weißlich ihren Mangel überblendend.

Zog die Gardetruppe zum Geleit des Zaren über Land, kam Großvater an keinem sanften Tal und Hügel, keiner singenden Lerche, keinem der zärtlich wie von Blumenhand hingestreckten meist ärmlichen Dörfer, keinem Falterschwarm, keiner der meist kleinen Holzkirchen, zart, zerbrechlich, keinem Feld, keinem Grüppchen Feldarbeiter, die mit Händen ihr Dasein einem allerwärts geizigen Boden abrangen, ungeschoren davon. Das Stolpern über Erinnerungen, die schmerzhaft hereinbrechenden Stürze in Heimatsehnsucht, brachten ihm diese Menschen zum Umarmen nahe, die dieses oder jenes Stückchen Welt, denselben grenzenlosen Himmel darüber ihr Zuhause nannten, das sie liebten, wie er seine Gegenden, Sommersonne, Winterkälte, lebendigen Geschöpfe Groß und Klein.

Jetzt kämpften die sowjetischen, von den Nazis abgrundtief erniedrigten Völker um die kärglichen Reste des ihnen Verbliebenen, erbittert, verbissen, opferbereit, wie’s ihnen die perfektionierteste Kriegsmaschinerie, die je die Erde sah: das im Tötungsrhythmus erschreckend gut synchronisierte Deutschland (»Räder müssen rollen für den Sieg!«), grausamer und menschenverachtender nicht lehren konnte.

Das Land doch auch der Dichter und Denker, der Anarchisten und sprachesiedenden Wort-Alchimisten, der komischen Käuze und Künstler, der Modernen und Moderaten, der Träumer und Tatenreichen, der Weltverneiner, Weltverbesserer und Weltvernebler, der Eleganten, Protestanten und nonkonformen Emigranten, der Querulanten und schöngeistigen Spekulanten eines Arnim, Brecht, Claudius, Döblin, Eichendorff, Fontane, Goethe, Heine, Immermann, Jean Paul, Kant, Lessing, Mann (H. und Th.), Novalis, Opitz, Pinthus, Quidde, Remarque, Schiller, Tucholsky, von Unruh (Fritz und Friedrich), Valentin, Wedekind, von Wartenburg und Zuckmayer, so, als gäbe es sie und die vielen anderen, deren Buchstaben und Geist sie hier mit verkörpern, nicht!

Jetzt gab es nur noch dies: »Ein Volk, ein Reich, ein Führer«, die neue heilige Dreieinigkeit, selbst Teilen der Kirchen verdaulich, sakrosankt. Sonst noch führende Geister hatten weniger Anpassungsprobleme oder sie wurden zu Verfolgten, Gefolterten, deren Bilder, Bücher man verbannte oder verbrannte wie manche von ihnen selbst, oft die Besten. Jene, die man nicht mehr als nationale Bannerträger rekrutieren konnte, bestahl man schlicht ihres Werks und schmiedete es im Propagandafeuer für den totalen Krieg um. So schmückte sich Hitler vor deutschen Universitätsleuten mit dem Weltbürger Goethe, indem er wähnte, dass auch er sich – »Die Fahne hoch! Die Reihen dicht geschlossen!« – der nationalsozialistischen Bewegung angeschlossen hätte.

»Nazi, Nazi!« schreiend dringen beide Soldaten auf Haffner ein, stoßen mit Gewehrkolben. »Tschassi, Tschassi!« (Uhr, Uhr), brüllen sie verstandesstarr, wie wohl einer ihrer allgemein als brutal bekannten Vorgesetzten. Der Deutsche versteht offenbar nicht: Das ist ein Befehl! Dass er seine Uhr bereits hergeben musste, wissen sie sicher, auch deshalb kommen sie wohl, wollen es von ihm gar nicht nochmals erfahren. Die Sowjettruppen haben ihre jetzige Überlegenheit unter derart großen Strapazen und millionenfachen Opfern erkämpft, rücksichtslos angetrieben von der eigenen politischmilitärischen Führung, dass der Deutsche ihnen nur noch als verhasster Quell all dieses Leids gilt und nun nichts als der vollständig erledigte Feind zu sein hat: einen Dreck! Und ein dermaßen Erledigter erklärt sich nicht mehr wie Haffner, sondern erfüllt nur noch Befehle. Denn im Ausführen eines völlig absurden Befehls liegt ja der komplette Beweis eigener Ohnmacht, Minderwertigkeit, Niederlage. Das soll Haffner jetzt vorführen wie schon viele Sowjetbürger.

Doch die Rotarmisten übersehen, dass ihr Befehl nicht nur sinnlos, sondern undurchführbar ist, denn Haffner hatte lediglich die eine Uhr. Klar, was man mit Befehlsverweigerern macht! Der Tötungsschuss aber, die eiskalte Exekution, erlaubt nur geringe innere Beteiligung; darum stoßen die Kolben weiter zu, wird weiter »Tschassi!« geschrien, überschrien das Weinen und Flehen von Frau und Kindern, weggestoßen ihre Hände; darum kann weiter befohlen und bei Nichterfüllen deutlich erlebbar gestraft werden, bis zum Ende.

Doch dazu kommt es nicht. Ein Offizier ist, für alle überraschend, zu den Soldaten getreten und hat nur »Stoi!« (Halt!), gerufen. Verwundert wenden sie sich etwas vom Liegenden ab, prüfen ihren Vorgesetzten und wollen schon fortfahren. Doch sie haben bemerkt, wie er seine Waffe auf sie richtet, das genügt. Ohne weiteren Blick für Familie und Soldaten geht er mit wieder baumelnder Maschinenpistole zu seinem Fahrzeug, die Soldaten zu ihrem. Kurz darauf bleiben von ihnen nur die Spuren zurück, die sie im Schnee auf dem Hof, in den Gesichtern und Herzen der Familie und am Körper des Vaters hinterlassen haben.

Unschuldig wie am ersten Schöpfungstag zieht die Sonne gen Westen. Rosiger Dunst wogt in sanften Streifenschleiern über verschneite Wiesen und Felder in einer Pracht, dass Arno seine Schmerzen vollends für Strafe hält. Warum nur erinnert ihn dieser Anblick jetzt an die Schwärme von Rosapelikanen, die er als Rekrut über die endlosen silbrig-grünen Schilfsümpfe des Donaudeltas segeln sah? Vom rumänischen Militärdienst, dem dreijährig stumpfsinnig groben, hat er die Schiffsfahrt auf dem Kilijaarm ans Schwarze Meer ein Leben lang als glücklichsten Tag im Gedächtnis bewahrt.

Das ehemalige Gasthaus, an dem die gepflegte Chaussee vorbeiführt, wirkt mit dem Wehrmachts-Mercedes davor wie im Frieden liegend. Ein blaugrauer Täuber gurrt vom First herab, als eine Taube vom Hofplatz auffliegt. »Wir halten nur kurz«, hört er seine Frau neben sich sagen, die jetzt die Zügel führt, »vielleicht find’ ich etwas Verband oder Leintuch.«

Während sie von Osten her in den Hof einbiegen, tritt ein schlanker deutscher Offizier in Reithosen aus dem trotz oder wegen seiner Verlassenheit vornehmen Gebäude, mit Gegenständen vor sich, die er rasch in den Kofferraum stopft. Ein zweiter wartet im Auto mit laufendem Motor; dann fährt der Wagen derart schnell an und auf die erschreckten Pferde los, um noch vorbeizukommen, dass sie sich aufbäumen und durchgegangen wären, hätte Mutter es nicht mit straffen Zügeln verhindert. Doch der Mercedes muss erst zurück in den Hof und das Fuhrwerk einfahren lassen, wobei Karl-Heinz mit Winken und Rufen der Mutter hilft. Dann quetscht sich das Auto an ihnen vorbei, als es in den Sonnenuntergang rast, dass das Gepäck auf dem Rücksitz durcheinandergerät.

»Das Ölbild – die haben ja das Ritterbild aus Konin!«, ruft Karl-Heinz aufgeregt hinterher, was scheinbar niemand hört.

»Hätten sie uns nicht helfen können, es waren doch Sanitätsleute«, klagt Mutter, als sie mit ihm ins Haus geht. Sie muss nicht lange suchen. Was die Schränke bei der Flucht der Bewohner bargen, liegt verstreut und nach Wertsachen durchwühlt am Boden, auf dem sie widerwillig ein Bettlaken aufnimmt. Rasch verlassen sie das unglückselige Haus.

An ihrem ersten Morgen in Bargdorf werden Haffners früh von alliierten Flugzeugen geweckt, die von Einsätzen im Berliner Raum zurückfliegen. Seltsamerweise verursachen die mit konstanter Tourenzahl fliegenden Bomber, Wellingtons und viermotorigen Fliegende Festungen, die Karl-Heinz fast stolz heraushört, dazwischen hellklingende, im Jägerkampf schrill aufheulende Spitfires, Hurricans und einzelne deutsche Messerschmitts und Heinkels, nicht nur körperlich peinigende Furcht vor deren Frequenzen und Frachten. Die Töne von oberhalb der Wolken ermuntern noch die Sinne zum dramatischen Miterleben ihrer stimmgewaltigen Ausdruckskraft, dem Bomberbass wie dem Jagdhörnerklang der Jagdflugzeuge, dem Trommeln und Pfeifen der Bordwaffen. Mehr noch durch ihren wie inszenierten Zusammenklang zur Aufführung eines gigantisch grausamen Stücks.

Früh treibt der Flugzeuglärm die Eltern hinaus und in den Hof. Christel und Karl-Heinz sind wenig später auf und helfen beim Abladen. Selma ist wieder eingeschlafen und regt sich kaum auf dem knisternden Strohsack. Neben ihr ruht Hans mit seinem schmalen schwarzhaarigen Kopf halb in ihren Armen. Ein mildes Strahlenband frühen Sonnenlichts, das aus diesigem Himmel durch eine einzelne gläserne Dachpfanne dringt, hat seine helle Freude an dem blonden Zopf des Mädchens. Es verblasst aber an der Blutarmut in seinem Gesicht, das bleich und fast elend herausschaut unter der moosfarbenen Decke, die beide Kinderleiber mehr gestaltvoll nachbildet als wärmt.

Hans schläft nur noch leicht, Husten schüttelt ihn. Eigentümlich saugt er an drei Fingern der linken Hand. Von der Helligkeit wendet er sich ab, als wolle er sagen, dass er nur über Mangel an Märzsonne nicht zu klagen habe, denn seine Haut ist davon, wie zeitlebens, schon südländisch braun. Der ernste, wissende Ausdruck um die Augen, auffällig bei einem Kleinkind, belebt sich auch im Wachen nur wenig. Er ist von vielem sehr geschwächt und gilt als stilles, wehmütiges Kind, das man nicht oft voll Fröhlichkeit erlebt, als habe es bereits viel gesehen und halte Lachen leicht für Lügen.

Am Dachsparren klebt die Puppe eines Falters. Vorjährige Spinnen haben Kaskaden silberweißer Segel ans Gebälk gehisst hinterlassen, weil winters kaum mehr als ein trockener Windhauch diese Stille stört. Das Messinggelb von Strohbunden erzeugt die Illusion von Sattheit und Reichtum, der sich nach Vielem hungernde Kinder durch Erklettern und Herunterrutschen erfreuen können. Doch bleibt meist das schlechte Gewissen, nicht in eigenem Heu und Stroh zu spielen. Gerät Hans später dabei ins Schwitzen, dann oft in Fieber, eine falsche Hitze, ähnlich einem Strohfeuer, das junge Herzen mehr wärmt als den Ofen, den es samt Rohr und Kamin nur gefährlich verrußt.

Ein matt ergrautes Grün mit fahlen Resten einstmaliger Wiesenbuntheit verwehrt die klare Zuordnung der Farbe des Heus. Locker, ungebunden, anarchisch häuft es sich neben den dicken geometrischen, aber kraftschwachen Blöcken der Strohstapel. Unterm Schauer, den das zum Hof hin ausladende Scheunendach als Schutz für Erntewagen bildet, lärmt freudig ein Spatzenvolk, befreit vom Dunkel und der ärgsten Kälte der Nacht, die rasch feuchter Meeresluft gewichen ist und obersten Schnee bereits schwer macht. Satte, glückliche Kinder lassen sich gern von ihnen wecken und aufheitern. Hans hält den Gaumen still, lauscht – und weint. Sicher, er ist hungrig, fiebrig verschwitzt und friert auch, wie Selma, die, angesteckt von ihm, schließlich mitweint. Aber in seiner Stimme liegt Trauer. Das klingende Glück anderer, und seien es Sperlinge, ruft nach Teilhabe, weckt Sehnsucht nach Befriedigung. Doch dieses kindlich lustvolle Leben hat Hans noch kaum kennengelernt. Manchmal scheint es daher, als warte er in seiner Einsamkeit darauf, dass er es endlich fühle. So wird ihm ein Zeichen des Glücks anderer mitunter nur zum schmerzhaften Indiz des auf seiner Familie und ihm lastenden Unglücks. Da hilft auch keine Zuwendung seitens der Mutter, das vergrößert mitunter sogar sein Leid. Denn sie kann sich doch nur wenige Augenblicke nehmen, die sie den vielen Pflichten abtrotzen muss, und dann kämpft sie an gegen eine ständige innere Unruhe und Hast.

All das muss sich dem Hans mitgeteilt haben. Als Mutter, vom Weinen gerufen, über Unheims noch stillen Hof zur Scheune und die Holztreppe zum Strohboden ersteigt und ihn holt, hört er auch unten nicht auf, sich in seinen von ihr geahnten Kummer zu stürzen, was ihn weiter schwächt. Auf dem Wagen, wo sie ihn wegen der Nasskälte nicht umziehen kann, verhindert sein Schluchzen das Füttern, und als er durchgeschwitzt verstummt, ist sein überanstrengter Magen nicht mehr empfänglich für den Grießbrei, darin, ein Wunder, etwas Kuhmilch ist. Mutter ist erneut schwanger, ihre Milch versiegt. Schließlich gibt er alles wieder von sich. Lieber Gott, klagt es da still aus ihr heraus, was soll ich jetzt nur machen, ich hab’ doch nichts mehr zu essen für ihn!

Hans würde, entkräftet, wie er seit langem auch von der noch schwelenden Erkältung ist, nicht die nächsten Tage mit Fieber ohne Essen überleben. Wie während seiner Kindheit noch häufig, entwickelt sich jedes Mal nach einer Überanstrengung, die meist seelischer Natur ist oder dazu führt, eine Krankheitsspirale. Er bekommt Fieber, durch Schwitzen und Schwächung eine Erkältung und so einen kranken Magen. Wie ein mitfühlendes Organ mit einem seltsam erinnernden Bewusstsein reagiert er auf jede Regung in seiner Umwelt, jeden Kummer, jede falsche Kost und lehnt sich auf. Wenn er aber nichts bei sich behält und Mutter ihm nicht sofort im Warmen trockene Kleidung anziehen kann, wird er erneut aus Schwäche Fieber mit kaltem Schweiß und davon einen Rückfall bekommen. Das würde dieses Mal das Ende, eine Spirale zum Tode hin sein. Mutter weiß es, Rückfälle waren beim Hans viel heftiger als die Erkältung zuvor.

Als sie im dunklen Mantel mit schwarzlangem Kopftuch und dem Häufchen Jammers auf dem Arm im gekachelten Flur mit klopfendem Herzen in Unheims Küchentür steht, verschlagen ihr die herausquellenden Hitzewellen fast den Verstand. Dort lagern sie, in leichten Hemden, luftigen Blusen am langen Frühstückstisch, stärken sich und starren.

»Bitte, ich brauche noch einmal etwas warme Milch; mein Kind ist krank und hat erbrochen, es stirbt mir sonst!«

Laut kräht der Hahn beim Hühnerstall. Deren Blick fühlt Mutter überall! Den Stuhl gerückt, herangerauscht, die Hand gezückt, das Kleid gebauscht: »Se schössten sik wat schämn, üsch heier wat wechzunehmn!« Sie droht, sie tobt, sie schreit so laut, nie mehr wird sie dem Hans vertraut …

»Aber Frau Unheim, ich bitte doch nicht für mich, sondern für meinen Sohn!«

»Ach, wat se nich seggen! Gah rut ut mine Köke! Ik well se heier nich häbben!«

»Nein, ich gehe nicht! Dies Kind ist dem Herrgott so lieb wie Ihres, und ich bin seine Mutter. Geben Sie mir, bitte, noch ein Tröpfchen Milch!«

»Un morgen gar ne Kau, un owermorgen noch ne Sau! Se sind ja wohl nich ganz bei Trost! Se sind, na klar, ik lache, ne richtige Polacke!«

»Frau Unheim, versündigen Sie sich nicht! Dies Kindchen braucht dringend Ihre Hilfe, sonst tragen Sie vor Gott und den Menschen die Schuld an seinem Tod!«

Da reicht es dann dem Bauern Karl Wilhelm: »Wat quaddelt die denn bloß?! Gute Dochder, gib ihr man noch’n betten Melk, dat sie nur endlich wechgeit – un bloß nich mehr weerkummt!«, peitscht er, an der Stirnseite thronend, über den Tisch. Der Hieb trifft Mutter besonders hart, macht sie jedoch jetzt nur noch härter.

Als das die Bäuerin sieht, schwillt sie strähnig zornesrot von Brust übers Gesicht bis zur Kopfhaut an: Sich von diesem Weib, im eigenen Hause!, etwas gefallen lassen müssen! Es schreit in ihr: Gib ihr nichts, sonst bleiben sie bloß noch länger hier und wollen jeden Tag nur mehr! Sie zögert weiter und starrt sie schamlos an. Doch der Bauer wird nervös: »Na Ruth, wat is ’n nu? Ik will bi’n Eten mine Ruh!«, stellt er fest, kurz, klipp und klar. Da fließt auf einmal, ganz weiß, die Milch in Strömen – ’ne kleine Tasse voll!

Mutter fühlt sich schwanken. Hans liegt still in ihrem Arm, blickt abwechselnd aufmerksam zu ihr empor, dann zu Frau Unheim und den anderen hinüber. Es ist ihr, als wolle er ihr nicht mit Zappeln und Weinen störend in die Arme fallen, wo der Kampf um ihn ohnehin alle ihre Kraft kostet. Kluges Kind, denkt sie. Aber ich habe erst ein Gefecht bestanden, wie soll ich die Schlacht gewinnen? – Ich muss!

Frau Unheim reicht ihr den kleinen Topf zurück. Mit der wenigen Milch darin will sie nochmals deutlich verletzen; jeder sieht es an ihrem triumphierenden Gesicht. Mutter aber nimmt den Topf, geht die zwei Schritte links zum Herd an ihr vorbei und stellt ihn auf den Rand der Kochplatte ab.

»Mein Kind hat Fieber«, sagt sie mit zitternder Stimme, »ich muss es im Warmen umziehen. Draußen auf dem Wagen habe ich aber nur noch feuchte, kalte Wäsche.«

»Dat is denn woll die Höhe!«, stößt da Maria laut protestierend hervor. Ihr Platz als Magd, die nur so vom Bauern bezeichnet und behandelt wird, ist neben der alten, inzwischen gebrechlichen Großmutter Lisa Unheim, der sie beim Essen zeitweilig helfen muss. Die junge Bäuerin, von so viel Tapferkeit Frau Haffners überrascht, die sie doch im Geiste schon mit ihrem Geschirr gedemütigt auf und davongehen sieht, wirft einen etwas hilfesuchenden Blick zum Schwiegervater. Dem schaut Mutter, noch bevor er mit vollem Mund loslegen kann, mit aller Festigkeit, die sie in ihre sanften braunen Augen legen kann, an und sagt:

»Sie macht es nicht ärmer, uns nicht reich, wenn Sie Ihre Tochter bitten, etwas schlichte Kinderwäsche zu borgen.«

Magdalena, die zweite, unter Maria stehende Magd, sieht kurz, von der so menschlichen Frau verlegen gemacht, zum Knecht Jakob hinüber. Sie bekommt ihren Rang ständig zu fühlen und hat meist die Schwerst- und Drecksarbeit zu beschicken. Mit Jakob, der seine allmorgendliche heiße Milchsuppe löffelt, versteht sie sich jedoch leidlich. Wie sie ist er ein Habenichts. Nach der Verwundung in Rommels Afrikakorps, hat es ihn mit seinem einen Bein, das rechte tönt nun hölzern beim Gehen, zu Unheims per amtlicher Dienstverpflichtung verschlagen. Hier hat er die Lücke zu füllen, welche die Einberufung Karl Unheims, des Mannes der jungen Bäuerin, zur Wehrmacht riss. Die Bauern bilden als Nährstand in der platten nationalsozialistischen Ideologie neben dem Wehrstand der Soldaten und dem schulischen Lehrstand die dritte staatstragende Säule, was ihrem Selbstwertgefühl mehrheitlich gut bekommt.

»Dat gifft et ja woll nich!«, wütet Frau Ruth Unheim. »Dat kummt garnich in ne Tüte! Wi häbben man bloß gute Sachen for unsern Heinerle …«

»Un nu is Schluss!«, will der Bauer gerade weiterdonnern, als sich Frau Haffner, die beim Hereinkommen einen Stapel frischer Geschirrtücher auf einem Tischchen vorn rechts liegen sehen hatte, umdreht und sagt:

»Gut, dann werde ich mein Kind eben in diese Tücher hier wickeln!« Doch kaum hat sie Hans auf die kleine Tischplatte gelegt, greift an ihr der nackte, starke Arm der Bäuerin vorbei und zerrt die Tücher so gewaltsam an sich, dass Hans erfasst wird und ganz herabgestürzt wäre, hätte Mutter ihn nicht blitzschnell aufgefangen. Foxi, die kleine braune Hündin, fegt unterm Tisch hervor und bellt reihum die Leute aus. Damit gerät für Hans die Welt vollends aus den Fugen, was die große geflieste Küche klanglich unterstützt. Ist’s ein Segen, dass er jetzt aus Leibeskräften schreit und dem Bauern wohl endgültig die Tischruhe verdirbt oder ist es aufblitzendes Mitgefühl für dessen noch zu vernehmenden Lebenswillen, was ihn vom Tisch her in Bewegung bringt:

»Magda!«, brüllt er, Zornesadern stauen sich am Kragen, »hol ’n betten Anzutrecken for dat Balg, aber dalli!«

Magdalena rennt zur Küche hinaus, die Treppe hinauf, hinab. Was sie dann, aus Verwirrung oder unbewusst gewollt, der Mutter reicht, ist viel mehr, als Frau Unheim wohl jemals herausgegeben hätte; wütend trifft sie daher deren strafender Blick. Entsprechend boshaft schreit sie ihr hinterher, als diese, in scheinbarer Ruhe, ihr Kind auf dem Tischchen neu wickelt und wortlos den Raum verlässt. Sie schafft es noch bis zum Wagen, vorbei an Flocki, dem irrsinnig bellenden Kettenhund. Dort muss der Schwangeren vom herbeieilenden Ehemann auf den Planwagen geholfen werden, wo er sie, so gut es geht, bettet, Hänschen neben sie.

Die Wäsche geht später gepflegt zurück; ein jedes Stück.

Am liebsten würde Arno Haffner den Futtersack samt Geschirr und Töpfen, die sie gerade in den kleinen Stall abgestellt haben, der ihnen gestern Abend noch vom Bauern – »Aber nur for’n paar Dage!« – zugewiesen worden war, und der später ihr Hühner-, Schweine-, und Ziegenstall, ihr Kartoffel-, Holz-, Kohlen-, und Gemüselager sein wird, gleich wieder packen. Da die Flurtür offenstand, waren bäuerlicher Bass und Sopran samt Hänschens Finale bis hierher gedrungen. Als er schon zu ihr wollte, kam seine Frau heraus. Nun starrt sie durch ein handgroßes Dreieck in der Plane, das ihnen Zweige während eines Schneesturms rissen, in einen milchigen Himmel, über den nur ab und zu ein Vogel huscht. Hans schläft, kaum dass er neben ihr liegt, friedlich ein, aus Schwäche wie der trockenen Wäsche wegen, was sie besorgt und befriedigt zugleich fühlt.

Im Liegen hat sie aber Angst, wie oft ihr zermürbendes Leben lang. Aber weniger vor der nächsten harten Kraftprobe, sondern sie fürchtet, sich sagen zu hören: Es ist genug, ich kann, ich will nicht mehr! Also nur nicht länger liegen bleiben, als bis Hans fest schläft. Im Liegen fühlt sie sich am hellen Tag so schwach, so sehr besiegt, und das mit schlechtem Gewissen gegenüber den Ihren, dass ihr davon elender wird, als von Unheims ganz anderem, untilgbaren Elend, in das sie soeben geblickt hat, zum Erschaudern.

Die Milch!, durchfährt es sie. Schon ist neuer Ansporn in sie gefahren, nach dem sie wohl unwillkürlich gesucht hat. Sofort sind ihre Bedenken getilgt, anstatt auszuruhen, aufzustehen. Fast wäre sie aufgesprungen. Hans, hastig drei Finger laut im Mund, hindert sie noch.

Frau Unheim will die Milch schon weggießen. Dann müssten sie aber der einen schmutzigen Topf nachtragen, was ihre Würde als junge Herrin so wenig zulässt, wie deren Geschirr von der Magd reinigen zu lassen. Die Kröte kommt aber sicher gleich zurück, und die will sie hier nicht mehr sehen.

»Magda«, fordert sie deshalb, »bring de Polackin de Melk rut!« und schaut sie strafend an. Das würde eine gute Kur für ihre Eigenmächtigkeit sein, wofür sich Magdalena soeben, seltsam unbeteiligt, schwere Vorwürfe anhören musste. Dem Bauern missfällt das Ganze immer mehr, was sein rosig straffes Gesicht zum Glänzen bringt. Es fehlt nur noch, denkt er, dass durch mein Gesinde denen draußen von meinem Besitz etwas zugesteckt wird! Magdalena, die immer nur schweigt, wenn er sie zu dieser oder jener Arbeit abkommandiert, stets eine Spur zu heftig, kommt ihm schon lange verdächtig vor. Darum schreit er: »Nee, Marrie bringt et rut!«

»Wieso ’n ik?«, wendet sie mit so viel Entrüstung ein, wie sie wagt, Öl ins Feuer zu gießen, sich mit einem Seitenblick bei der Bäuerin absichernd, die nicht wollen kann, dass Magdalena so leicht davonkommt. Den Bauern beunruhigt aber zudem, was er zwischen Jakob und Magdalena an knappstem Gefühlsaustausch meint gesehen zu haben. Barsch, damit ihm die Schwiegertochter zu ihrem Nachteil nicht mehr dazwischenkommen kann, sagt er: »Ik häbbe’s secht! – Un nu gah!« Da die Bäuerin sich aber nicht geschlagen geben will, greift Großmutter Lisa, die fühlt, was ihren Mann bewegt, ein und sagt mit klarer Stimme: »Nu lat man. Magda muss mik noch helpen bi’n Upstan un Treppenstigen.«

Maria kehrt mit hochrotem Kopf zurück. Dem hinausgehenden Bauern scheint, sie ist erbost. In Magdalenas raschem Blick ist jedoch ein ahnendes Suchen in Marias Augen. Trotz mancher Gewöhnung aneinander, die das spätere Leben für die meisten etwas erträglicher macht, geht Maria den Haffners möglichst aus dem Weg, als wolle sie sich, aus zwiespältigen Gründen, an nichts erinnern lassen.

Das Tauwetter kommt rasch, mit Nieselregen, Dunst und mehreren Graden über Null. Das nahe Meer ist ein gewichtiger Wortführer unter den endlos zerstrittenen Köchen in der fast täglich wechselnden Wetterküche dieses windigen, von Wiesen und Weite verwöhnten Winkels. Diesmal hat es sich mit einem schwülen Gericht durchgesetzt. »Wohl nur voribergehend«, wie der Vater zu seiner schon wieder regen Frau meint, »Väderle Froscht hät bstemmt au noh e Wertle mitzrede.« Er sagt es unter Husten und klopft sich auf die Brust. Als das mürbe Wolkengespinnst aufreißt und sein dünner Regen vom Schneeschwamm aufgesogen ist, fügt die frühlingshafte Sonne ihre tropfende Beilage dem Tauwetterbrei hinzu, schön wie spitzdünne Spargelstangen.

Haffners haben darüber schon viel Schmackhaftes gehört, dass sie ihre nasskalten Füße kaum mehr spüren, als Mutter auf der aus aufgelesenen Backsteinen am Schuppen gebauten Feuerstelle dünne Speckstückchen ausbrät, ein paar Kartoffeln hineinschneidet, etwas Wasser darübergibt und bei abgedeckter Pfanne schonend langsam »verdämpfen« lässt. Als sie das Essen wendet, gewährt sie den Kindern einen Blick in die Verlockungen, die so gegarte Glücksknollen verströmen, vom Frost nur etwas unangenehm süß geworden – und die am Morgen noch geradezu garstige Gegend öffnet sich zu einem großartigen Garten Eden, in dem an Manna und golden Glück kein Ende scheint. So dankt Vater dann auch etwas hoffnungsvoller, als an den Tagen zuvor: »Komm, Herr Jesus Christ, sei onser Gascht, und segne, was du ons bscheret hascht.« Das Amen spricht auch Mutter mit und reicht allen ein Stück Brot dazu, damit es länger satt hält.

Hans hat nach dem Milchbrei bis Mittag geschlafen. Ohne Aufhebens aß er und behielt ihn bei sich, als sei er es ihm und seiner in ihrem Sieg todunglücklichen Mutter schuldig. Nun zeigt er gleichfalls Appetit, was alle dankbar aufnehmen: Isst Hänschen erst mal wieder, dann singt er auch bald Lieder! Ja-ja, Hoffnung stärkt alleweil die Glieder.

»Noh isch Pole netta verlore!«, spricht der Vater mehr zu sich selbst. Pole, wieso komm ih jetzt dadrauf?

Es war ein Verbrechen; nie hätten sie das Land, den Hof annehmen dürfen; es klebte Blut an jeder Scholle, jeder Tür. Du sollst nicht stehlen! Wozu hatten sie das als Konfirmanden gelernt! Unrecht Gut gedeihet nicht! Wie oft hatten das die Alten den Kindern erinnert, schreckliche Räubergeschichten mit stets gleichem Ausgang erzählend! Jetzt hat die Wirklichkeit erneut gelehrt, dass es nicht nur Schulweisheiten waren, denen sie zuwidergehandelt hatten. Wie konnten sie, neunzigtausend Deutsche, Erlerntes nur so vergessen und die braunen Brutalitäten mitansehen, mitmachen? Als Bauer auf einem kurz zuvor noch polnischen Hof!

Die Nazis wollten ein »Bollwerk gegen den Bolschewismus!« errichten, wie es Presse und Reichsrundfunk gleichgeschaltet verkündeten. Ansiedlung als strategische Maßnahme. Sicher, auch er, Frau und Kinder, alle waren froh, dass die Monate des zehrenden Lagerlebens in Mühlhausen, Thüringen, zugunsten eines ›eigenen Hofs‹ ein Ende haben würden. Wer aber hat mit einem solchen gerechnet!

Oftmals hatten deutsche Bauern polnische Mägde und Knechte zugeteilt erhalten, darunter die ehemaligen Besitzer! Was ist dann nicht alles passiert, als die Polen ahnten, wie auch sie, dass der Krieg so ausgehen würde, wie es sich Deutsche für andere gedacht hatten! Jetzt rächte sich, wie manch neuer Grundherr mit Polen seit der Ansiedlung im Sommer und Herbst 1941 umgegangen war. Im Nachbardorf fand er einmal eine Familie noch lebend, aber völlig unbeweglich: Nägel hindurch und dann ins Tisch- und Türholz. Trostreich war für Haffner, dass ihm das polnische Bauernehepaar beim heimlichen Schweine- und Gänseschlachten sowie beim Packen des Fluchtfuhrwerks voller Anteilnahme half. Gerührt und freundlich verabschiedeten sie sich, wie’s Menschen tun, die sich achten und durch ungewisse Wege bald auf immer voneinander getrennt sind.

»Tauwedder – Sauwedder!«, ruft ihnen Bargdorfs Bürgermeister Bode ärgerlich zu, als er zum Halten mit dem Rad auf Unheims Hof eine trockene Stelle für seine gewichsten Schnürschuhe und ledernen Gamaschen zu finden sucht. In Ermangelung dessen will er wenden, bleibt aber stecken und muss, übel oder wohl, im ärgsten Schneematsch herunter. Schlagartig steht er bis zu den Waden im Nassen. Jetzt spürt er wohl deutlicher, wie es Haffners zumute ist.

»Arno«, sagt er in einem Ton, der ohne Eisbad sicher sanfter ausgefallen wäre, um diese Anrede zu rechtfertigen, denn sie hatten sich erst vor drei Tagen kennengelernt, »Sie können nicht mehr weiterfahren! Der Feind steht bei Kassel und im Ruhrgebiet. Nach Süden ist also kein Durchkommen mehr! Sie müssen bleiben. Ich werd’ sie hier einquartieren, wie’s die Kreiskommandantur angeordnet hat. Hier, ihre Lebensmittelmarken«, und will sie ihm reichen.

Vater steht da, nichts außer seinen fragenden Augen rührt sich, so streckt er auch keine Hand aus. Ihm ist, als sei plötzlich eine Wolke aufgezogen, dunkler ist es jedenfalls um ihn herum geworden. Er hat, aufgrund von Erfahrungen daheim wie im Reich, wenig Grund zu naivem Vertrauen in fremde Amtspersonen. Herr Bode aber ist Kleinbauer, wie er weiß, und verrichtet seinen Posten gewissenhaft. Warum sollte er ihn hier festhalten wollen? Doch auf diesem Hof bleiben und vor allen wie ein Hungerleider die Marken annehmen! Mutter kennt ihn und weiß, wie schwer es ihm fällt, sich zu überwinden. War es ihr aber leichter gefallen, zu Unheims zu gehen? Dann besser die Marken, sie stehen ihnen zu.

»Bitte, geben Sie mir, «, sagt sie zu Bode.

»Rebekka, mir kennat net dobleibe! Ih kan net!«

»Aber Arno, was hat denn das mit den Marken zu tun?!«

»Nehmen Sie nur«, sagt Bode, »denken Sie an Ihre Kinder. Unheim ist der größte Bauer. Einige Zimmer und den kleinen Stall benutzt er kaum. Es wird schon werden!«

Wer keine Wahl hat, kommt scheinbar nicht ins Grübeln, was verpönt ist. Erhält er nur die gegebenen Verhältnisse als einzige vorgesetzt, ist der Beweis für viele schon erbracht, dass sie auch die richtigen seien. So hier zwar nicht für Haffner, der weiß, dass es falsch ist, auf dem Hof zu bleiben; dafür hat er jetzt aber keine andere Wahl mehr. Hier hätte er sie jedoch nötig gehabt. Andererseits wäre er im Wählen dessen, was er wollte, ziemlich ungeübt, wie ähnlich viele andere.

Bode kommt nach gut einer Stunde wieder hinaus, der Kampf hat ihm die Hitze ins Gesicht gejagt, und ruft: »Frau Haffner, Arno, kommen Sie!« Ein kleiner, quadratischer Raum, ihr späteres »Küchele«, liegt Tür an Tür mit der großen bäuerlichen Wohnküche. Tisch, vier Stühle, der Kohlenherd, der weiße Schrank, das Sofa, etwas Platz zum Herumgehen. Hinten links auf dem Flur eine Schlafkammer, zwei Eisenbetten, Kommode, Marmorplatte, Spiegel.

Soll’n sie danken, soll’n sie verzweifelt schreien? Herrn Bode, er verdient es, wird gedankt. Er wartet noch, bis Maria und Magdalena manch Brauchbares – abgelegte Tisch- und Bettwäsche aus der Kommode, älteres Geschirr aus dem Küchenschrank – auf den Hausboden getragen haben. Dann sind Haffners allein und richten sich ein. Nebenan wird zornig mit Töpfen und Stühlen gehadert.

Wissen Grashalme vom Dasein, das sie schenken, wo immer uns ein heimatloses Leben über ihr Grün gehen lässt? Als verstünden sie sein Leid, streifen sie ihn bei jedem Schritt. Langsam, offenen Blicks, geht Haffner den leicht ansteigenden Grasweg zu seinem von der Gemeinde zugewiesenen Garten hinauf, übersät von Erdhäufchen, die Würmer nachts aus ihren Röhren wühlten. Ringelschnecken kauern unter altem Laub. Huflattich, von dem die Kinder pflückten, steht in messinggelben Knospen. Rebhuhnketten, die winters bis zu dreißig Tiere zählen, gliedern sich in Paare. Auf taufeuchten Stiefeln glänzt die Morgensonne, glitzert tausendfach im Gras. An watteweißen Meereswolken vorbei wärmt sie das zum Frühling erwachte Land. Am Osthang der Sandkuhle liegt alter Schnee, rötlich braun und gelb gestreift, blasser, als die Schichten Sandes, den die jüngste Eiszeit sanft gewellt über die weite Gegend hingewaschen hat.

Als er den Spaten in die Humusschicht darüber aus feinem Löss drückt, weicht der Mutterboden, vom Winterwetter mürbe gefroren und von Regenwürmern – pro Spatenstich wohl ein Dutzend – mürbe gearbeitet, und atmet ihren herbsüßen Duft aus; ein gutes Zeichen, dass sich in ihr schon Leben regt. Der Wettlauf zwischen Unkräutern und Nutzpflanzen ist erneut entbrannt. Darum reißt er die weißlich spitzen, dünnen armlangen Queckentriebe heraus und wirft sie zum Trocknen und späteren Untergraben auf den Weg.

Selten hat er in den letzten Jahren mit der Hand gegraben. Doch vorbei ist die Zeit, da er hinterm Pflug ging, davor oftmals drei Pferde nebeneinander, die noch bei härtester Arbeit tänzelten und unvergessen machten, dass ihre Ahnen als wilde Steppenrenner sich jeder Gefahr im Galopp zu entziehen suchten. Diesen Drang behielten sie noch vor schwerem Gerät bei und machten das Arbeiten mit ihnen zu einem Abenteuer wie zur Strapaze, jedenfalls unvergessen. Nachdem er sie schon bei der Umsiedlung verloren hatte, musste er kürzlich ihre polnischen Nachfolger samt Wagen an eine versprengte Wehrmachtseinheit abgeben. Ein harter Schlag, gab er doch zugleich sich selbst hin, seine bäuerliche Existenz. Doch ihr Schuften und Sterben erfüllt keinerlei Zweck; den Karren zieht niemand mehr aus dem Dreck.

Eine Lerche fliegt dicht neben ihm auf, dass er den vollendet schönen Flügelfächer wie einen sanften Schmerz empfindet. Er richtet sich auf, folgt ihr mit den Augen und kreist mit ihnen langsam höher und höher. Er folgt ihr bis ins Blau und hört ihre einzigartige Ansprache, die zu ihm herunterklingt und Ton um Ton in ihn tropft, wie aus ihm auf einmal Tränen, wie seit der Jugend nicht mehr. Plötzlich steht er daheim im Maisfeld, lauscht den Glocken der Klöstitzer Kirche und saugt das Lied der Lerche ein. Der gleiche Gesang, dieselbe meisterliche Botschaft. Ausgebreitet spendet sie Segen wie schon immer über alles grünende Land.

Bald beißt ihm die Sonne in die Augen; das wunderbare Geschöpf davor ist jetzt nur noch ein fernes Flimmern, das nicht verlorengehen darf. Dann eine letzte Perlenschnur Silbertöne, und die Morgenfeier bricht ab; das Flirren wird zu einem fallenden Punkt, bremst kurz, schwingt gespreizt auf, schließt sich und fällt zuletzt bis dicht auf den Boden, über den das erdfarbene Tierchen dahinschwingt, zurück zum nie verlorenen Nistplatz in der jungen Saat, unweit von ihm.

Bis Dorlfeld ist es sehr weit, um die Balkenkreuze an den Lastwagen zu erkennen, die von dort in Richtung Maien rollen; Haffner genügen Silhouetten und Motorengeräusche. Wo kommt diese deutsche Einheit jetzt noch her? Gestern Abend war doch scheinbar die letzte fluchtartig vorbeigerollt; Hannover, dreißig Kilometer westlich, ist in der Hand der amerikanischen Neunten Armee, wie Bode sagte. Darum ging er heute erstmals zum Garten; für ihn ist dieser Krieg zu Ende, jener um seine Familie aber noch nicht entschieden. Und auch die Pflanzen gönnen keine Ruhe mehr.

Ein Beiwagen-Motorrad kurvt zwischen den Lkw, Schlaglöchern ausweichend. Sie kommen bis zur Bargdorfer Mühle. Bei aufgerollter Plane kann er dicht gedrängt aufgesessene Infanterie erkennen. Wann endlich schickt man sie nach Haus, um menschlich zu kämpfen, gegen Hunger und Not, die das Land schon lange vor den Alliierten besetzt halten?