Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Liebe Leserin, lieber Leser, SICH SELBST EIN FREUND ist eine fesselnde Reise zu sich und anderen. Mitgerissen wird Marlon Sonntag, als ihm die »große Liebe« zu Helen Schneyder widerfährt, jene zur Partnerin Kim König und seiner Tochter Merlin hat er schon, »seine drei Frauen«. (Merlins Internatsjahre aber enden im Fiasko.) Auch hat er drei Berufe, um sich und andere nicht nur durchzubringen. Ferner Ziele in der Musik und Politik. Prallvoll ist sein Leben, ist sein Kopf, der ihm oft wer-weiß-wo steht. Vielleicht, so fragt er sich später, hoffentlich nicht zu spät, müssen wir uns erst verraten, um zu sehen, was das ist: Sich selbst ein Freund. Hoch engagiert ist auch Kim als Werbechefin und sehr erfolgreich dazu. Beide sind aber keine Alleinherrscher über ihr Leben, viele Kräfte wirken, voran das Begehren, Wirtschaftsmacht und Gier. (Die Rolle der Frau im Beruf: ein Drama!) Dies und anderes führt zu Begegnungen erstaunlicher Personen, ihrer Familien, Freunde und Bekannten. Wir werden Zeuge großer Mühen, Zeiten des Glücks und herber Schläge infolge von Untreue und mehreren Kriminalfällen. Und oftmals weist das Gestern auf die Lebensgeschichte Einzelner hin. Auf die Weise entsteht schließlich ein großer Gesellschaftsroman mehrerer Generationen, erfüllt von Liebe und Schönheit in den Zeiten von Dauerleistung und Naturverlust. Die Handlungsorte liegen überwiegend in Nord- und Ostdeutschland, teilweise in Osteuropa und Fernost. – Ein stürmisches Jahr im Leben einer vielseitigen und bunten Schar von Menschen, die ihre Hoffnungen und Ziele zumeist noch vor sich sehen. Trotz Unrecht, Liebesleid und Verrat überwiegen im Roman Zuneigung, Daseinsfreude und Aufbruchstimmung. Horst H. Büchle
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 452
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Hyperion
Ja! eine Sonne ist der Mensch,
allsehend, allverklärend, wenn er liebt,
und liebt er nicht,
so ist er eine dunkle Wohnung,
wo ein rauchend Lämpchen brennt.
FRIEDRICH HÖLDERLIN
In Galicien trage ich auch fast nie Schuhe.
Das erinnert mich daran, wie ich
früher als kleines Kind barfuß durch
die lehmigen, rot glänzenden Furchen
eines frisch gepflügten Feldes ging.
Diese Momente physischen Empfindens
sind die glücklichsten in unserem Leben.
DAVID CHIPPERFIELD
Optimieren – zuletzt das Glück
Härteprüfungen im Doppelpack
Glanz und Wirrnis
Ein Hoffnungsschimmer
Der Brandbrief
Dramatische Besuche
Größe – weniger Chaos
Schockwellen-Parallelen
Der Orient zu Besuch
Aufbruch wider Willen
Nehmen und Zurückgeben
Von Feinen zu Freunden
Bewegte Lebenswege
Erneute Härtebeben
Claudios Brief-Gigant
Gewinnen und Verlieren
Finales Glück im Unglück
Wenn uns jemand sagte, wir wären im Innern noch Jäger und Sammler, unser Protest käme postwendend. Dennoch sammeln wir Geld, Kontakte, Strandmuscheln, ein Kleinkind schon sammelt in Greifnähe alles, am liebsten Rotbuntes, ›reife Früchte‹, hinein in den Mund. Oder wir sind zur Jagd, auf der Autobahn, im Wald, in Liebesdingen. Meinte er ferner, wir fühlten auch wie einst Bauern und Viehzüchter, wir schüttelten verärgert den Kopf. Dabei gießen wir Blumen, füttern Hunde und Katzen, Fische und Vögel, gesunden im Garten und denken modern. Während wir leben in unserer Zeit, führt in uns die Vorzeit ein Eigenleben. Mögen viele Beziehungen auch auf Dauer angelegt sein, der Natur genügt ein Sekundenblitz zum Verlieben, ein Augen-Blick.
Marlon Sonntag hätte es schon viel früher beachten sollen. So naiv war er ganz und gar nicht, dass ihm all die Anzeichen entgangen wären. Über mehrere Jahre hinweg reichten nun schon seine weitverzweigten Wahrnehmungen. Selbst ein Verdacht keimte in ihm bei mehreren seiner Eindrücke. Er war für seine Person sogar sehr erfahren, auch im überlieferten Wortsinn, weit hinaus- und hinübergefahren zu sein, als fahren noch gehen und wandern, außerdem reisen, reiten und schwimmen, warum nicht noch lieben!, bedeutete.
Auch hat er es gern zu Fuß getan, wandernd bis zur Sichtgrenze und drüber hinaus durch Kultur- und Naturlandschaften, sofern er letztere noch irgendwo und Zeit dafür fand.
»Den Horizont weiten!«, hat er gesagt und es bis in die späteren, noch nicht von den dramatischen Erlebnissen erfüllten Wochen sogar zunehmend bewusster unternommen.
Dabei stellte er immer wieder fest, dass Gehen und Erfahren zusammengehören, wie Sehen und das Gesehene erkennen oder wie Hören und das Gehörte auch verstehen.
»Wenn ich nicht in ihr gegangen bin, habe ich eine Gegend nicht unvergesslich erlebt und verstanden«, meinte er.
Um mehr von ihr zu haben und weiter hinauszukommen, fuhr er mit dem Rad, benutzte es dafür aber bald weniger.
»Nur, wo ich gegangen bin, war ich persönlich gewesen«, sagte er und bedauerte, einen Sommer lang etwas versäumt und beinahe selber Naturverlust betrieben zu haben.
»Von der Landschaft im letzten weiß ich fast nur noch das Bildhafte, kaum das Essenzielle, wozu Himmel und Erde, ein Sandkorn im Schuh, selbst winzige Pflanzen oder die grobschorfige Rinde eines Baumriesen gehören, wie mein Gangrhythmus in Zwiesprache mit all den Gesten und Gestalten der Gegend.« – Natur war ihm aber nicht Privatbesitz, ein Waldpfad kein Event-Parcours, Felder und Fluren nicht abgrundtiefes Gewerbe-, Industrie- und Bauernland, sondern Gemeingut wie Berge, Wind und Meer als Zeugnisse des Lebens mit unsagbar vielen Wundern, darin mächtige Interessen mit Vernutzung, Tod und Trauer herrschten. Ihn entsetzte, dass deren haltloses Streben eine armselige Werkbank aus ihr machte und alle Vielfalt vernichtete. »Wo seid ihr Falter, Lerchen, Goldammern? Einsamkeit macht krank!«
Ähnlich traf ihn, dass die Natur auch medial bis aufs Mark ausgebreitet wurde, TV- und IT-Zimmer aber kein Naturersatz sind, weil besonders Kinder und Jugendliche ihr Seelenheil nicht in staubfreien Bildern, sondern nur inmitten allen Seins und Leben finden. Müssen nicht, fragte er, wenn wir die Embryonalphasen des Fisch- und Lurch-, des Reptilien- und Vogelseins im Mutterleib bereist haben, nach der Geburt erst noch weitere Phasen folgen? So die des Saugens von Milch, allerlei Saftigem und Luft, spielend unter Pflanzen, Tieren in Erde, Wasser, Sand und Waldzonen, um nicht an einer künstlichen, hypertechnisch-armen bild- und lärmverseuchten Erwachsenenwelt innerlich zugrunde zu gehen?
»Also werde ich wieder gehen und wandern, Smartphone aus, und neben der Brücke den Bach durchwaten. Erst dann war ich tatsächlich dort, erst dann hat er Spuren in meinem Dasein hinterlassen, wie ich, ohne Ruin, in seinem. Weit intensiver noch bei meinem Pudel Blacky, der abends seine Pfoten mit all den Düften beschnuppert, die daran haften und Zeugnis ablegen, wo er als Naturwesen gewesen war, das auch wir, trotz allem, noch bis in ferne Zeiten sind.«
Mit dem Fahrrad ging das nicht, mit dem Auto gar nicht.
»Eine Landschaft muss sich im Schritttakt, der dem unseres Herzens entspricht, zu einem nuancenreichen Seelenbild entfalten, wenn man sie wahrhaftig in sich tragen will und sich nicht wie im Auto quasi mit einem Schlag eröffnen und schon wieder zuklappend versinken«, meinte er.
»Ähnlich kennt man das Antlitz eines lieben Menschen erst dann, wenn man es immer wieder zu einer jeden Tageszeit und in vielen Gemütslagen betrachtet hat mit all seinen Feinheiten, jede eine kleine wunderbare Welt«, sagte er. So kannte er noch nach Jahren ein ihm vertrautes Gesicht genau, falls es nicht zu viele Wandlungen durchgemacht hatte.
Diese Gedanken war ihm aber nicht Spätlinge alter Empfindsamkeits-Zeiten, eher eine Art Notfallseelsorge im Dauereinsatz für eine maßlos technikaffine naturverlustige Zivilisation, die unter Natur oft nur das uns Nützliche aus Massentierhaltung und -pflanzenanbau kennt und anderes kaum mehr schätzen lernt. Erst abwerten, dann ausrotten! Welches Kind findet noch an Feld- und Wegrändern Blumen (Unkraut!) für Mamas Geburtstagsstrauß? Zuvor muss es Papa bitten: um Geld! Ist wirklich alles zu kaufen?, fragte er.
Ebenso konnte Marlon die Flanke eines Hügels erinnern, darauf er ein Weilchen gekauert hatte, vor sich zwei Graureiher in der Wiesenniederung, die mit langen speerspitzen Schnäbeln der Beute harrten. Schon bearbeitete Blacky ein Mauseloch mit den Pfoten, wovon er sich die Erde aromareich und kühlend über die erhitzten Hände krümeln ließ.
So wusste er dann ebenso, dass dort selten Gewordenes wie Kuckucks-Lichtnelken, der Wiesen-Storchschnabel und das Fünf-Fingerkraut gedieh, sah er doch in ihnen und anderen oft die letzten ihrer Art. Umso schmerzhaft näher waren sie ihm – und nicht die millionenfache Massenflucht in ferne Erdregionen, zugepflastert noch das letzte Südseeatoll, versunken im Pegelanstieg die Inseln und Uferzonen auf Meereshöhe, als hörten wir nicht alle, was die Klima-Uhr geschlagen hat. Daher meinte er, jedermanns Nah-Naturzugang wollten auch der Schöpfer, die Natur und Mutter Erde.
Bei den drei Begriffen war er nicht wählerisch, sie waren ihm aber auch nicht einerlei. So war er kein Freigeist, sondern kritisch gegenüber deren Festlegung zu Dogmen, weil er sah, wie man sich diese Vokabeln nach Gutdünken ausborgte. Auch kalt oder desinteressiert, dass er keine seinsmäßigen Ansichten hegte, war er nicht. Stattdessen modern, wie er meinte, und der Zeit in manchem voraus, dabei skeptisch, insoweit er wusste, wie sehr unser Verstehen auf die Denk- und Betrachtungsweisen unserer Art begrenzt ist.
Dennoch begab er sich weiterhin auf die Suche und intensivierte sie sogar. Dabei wurde er methodisch variabler wie im Denken und Tun sicherer. Und er hatte eine Lust an allem, was er unternahm, sowohl in der Anzahl der Felder und Fragen als auch im Wollen um Zugang zu neuen Blickwinkeln und Erfahrungen. Oder wie er bündig sagte:
»Durchs Schlüsselloch aufs All!« Das war seine Sichtweise.
Im Zuge seiner multiplen Daseinssuche wurde er in vielem klarer und erfolgreicher. So erlaubtem ihm seine Eindrücke früh, Zuneigung, gar Liebe wie auch Kummer, Konflikte und Gebrechen anderer zu erkennen. Ebenso konnte er kleine Bäche, Rinnsale noch, vorhersagen, die in Gräser gebettet erst zu sehen waren, wenn man fast schon hineinstolperte. Denn von der Farbe des Grüns, dem Vegetations-Ensemble, der Luftfeuchte und Bodenform her konnte er den Verlauf eines Bachbettes oft von ferne ausmachen.
Dadurch wurde der lange, schlanke Marlon, eine virile Charakterfigur, feinfühliger, aber auch gefährdeter. Sein Erkunden galt ja nicht nur der Natur im Allgemeinen. Natur war ihm letztlich alles, auch der wie beiläufige Blick eines Mannes oder einer Frau nach den Bewegungen, der essenziellen Formensprache einer Frau. Oder die unter Asphalt und Beton begrabene Erde in Stadt, Land und Zwischenland. Die geröteten Wangen, ob von Leben, Krankheit oder Tod eines Kindes. Die vom Neuntöter aufgespießten Käfer. Die hochgedüngten, totgespritzten Flächen der Agrarindustrie. Die von Eulen ausgewürgten Gewölle. Das Breischlürfen eines zahnlosen, leidlich hungrigen alten Menschen.
Es mehrten sich nicht nur die Eindrücke in ihm, sondern auch die Schlüsse, die zu ziehen und von ihm als Vater und Liebender, Dozent, Redakteur und Komponist, als Berater und Stadtrat zu beachten waren. Natur war ihm kein seit Klassik, Romantik und Realismus erledigtes Thema, sondern brandaktuell und elementar wichtig wie nie zuvor – und beherzt zu besingen, sollte nicht unrettbar viel verlorengehen.
So war es ihm und Kennern seiner Person nur gemäß, dass er beim erstmaligen Betreten des Penthauses dieser fesselnden und verwirrenden Frau und Musikerin, die zutiefst beteiligt war an seinem Wandel, anfangs wie regungslos mit ihr am Tisch sitzen blieb. Denn die Summe der Signale wie ihrer Folgerungen ging rasend schnell in ihm vonstatten.
Als sei er von langer Fahrt endlich angekommen, was er in mehrfacher Weise auch war, ging sein Atem etwas schwer. So brachte er vorerst nur erklärend hervor, dass er nichts zu sagen oder zu fragen brauche, da er ohnehin bereits so gut wie alles um sich herum begreife, meinte er.
Und diese kluge und sensible Frau verstand ihn seiner Ansicht nach auch. Hatte sie doch soeben miterlebt, wie er alles aufnahm, auch ohne seine Augen schweifen zu lassen, was sich sowieso nicht geschickt hätte. Sein Gesamteindruck aus der Fülle des Einzelnen war ihm beredt genug.
Danach saßen sie sich noch minutenlang in einer beziehungsreichen Unterhaltung gegenüber, während sie im Innern mehr, als sie wohl jemals zugeben würde, erregt war, wie auch er, für andere jedoch weit deutlicher. Denn er hatte sich angewöhnt, seine Ansichten und Gefühle anderen mitzuteilen. Anfangs hielt er das eher als Folge seines fast mediterranen Herkommens und Aufwachsens in noch etwas freier Natur. Später war er sich nicht mehr so sicher. Endlich sah er ein, dass in ihm noch ein anderes Motiv angesiedelt war, eine Art Aufbegehren. Erlebte er doch an manch Leuten, durch sein vieles Tun wurden es mehr und immer andere, wie sehr sie ihre Eindrücke und Regungen verbargen. Manche machten es so ›erfolgreich‹, dass sie von sich selbst kaum Genaues mehr wussten. Umso mehr mühte er sich und zeigte sie. Meist ging das gut, etwa dann, wenn er darlegen konnte, wie er zu Sichtweisen gekommen war, damit sie ihren Ballast einmal abschüttelten, der sie plagte.
Ab und zu stieß er damit an, setzte er sich doch mit anderen, von denen er eine hohe Meinung hatte, das waren anfangs nicht wenige, gern in eins, öffnete bei sich gleichsam ein weites Tor. Damit verwirrte er mitunter, denn etwas Interesse oder Sympathie gab es bei ihm oft nicht, sondern mehr die völlige Ausgabe. Manchmal schien ihm selber, als wollte er mit viel Zuneigung vorleben, dass andere sie ähnlich zeigten, zumindest etwas auch ihm! Und das hatte Folgen. War er ihnen eben noch zugetan und glaubte, es selbst zu erfahren, so fühlte er sich mitunter auf einmal allein.
Daran gewöhnte er sich mehr unbewusst eine Zeit lang, wenn auch unter Verlusten. Auf die Weise wurde er zugleich bedrohter. Dank seiner Gesundheit, die er sich im Verlauf der Jahre nahezu selbst zugelegt hatte, konnte er einiges abfedern, musste er doch viele sogenannte Kinderkrankheiten durchstehen, kannte bald ihre Anzeichen und vermochte sie später oft noch im Keim zu ersticken. Gegen manch andere Plagen war er wohl inzwischen immun geworden.
Infolge einer Dauerlast, die er sich aufgebürdet hatte, sah er aber ein, dass eine jede Überforderung nicht nur Gewinn brachte, sondern auch Lebenszeit stahl, weil sie durch Ruhe und Ausgleichsuche budgetiert werden musste. Da nutzte andererseits nicht, dass diese Last nicht ohne seine Herkunft, seine Zeit wie sein Umgang damit verständlich war, ...
»Wer nicht schafft, soll auch nicht essen!«
... ebenso nicht ohne die Einflüsse aus Pflichten und Beziehungen, wozu die zu der Musikerin und Rundfunkreporterin, wie wir noch sehen, die vielleicht tragischste ist.
Das lag jedoch vor seiner, wie es ihm schien, grundlegenden Neueinsicht, die ihn zu einer versuchsweisen Kursänderung bewog, nachdem sein bisheriges Leben schon eine Reihe starker Wechsel aufzuweisen hatte.
Dabei gewann er die kuriose Erkenntnis, dass er im Kern seit Kindheit und Jugend trotz aller Studien- und Wanderjahre derselbe geblieben war. Mochten diese Wandlungen, vor allem bedingt durch Berufs-, Wohnsitz- und Partnerinnenwechsel, auch noch so deutlich gewesen sein: Im Innern blieb er eher wie er war, meinte er.
Diese Einsicht alarmierte ihn jedoch weniger, als dass er eher zufrieden damit war, was ihn dennoch verwunderte. Gab es also in ihm eine Person, die sich trotz allen Wandels treu blieb? – Wie schön!, dachte er einige Zeit.
Endlich stellte er fest, getrimmt auf stete Hochleistung, dass zwar irgendeine, ihm jedoch rätselhafte Person sie mit ihm gemeistert hatte. Und ob sie es war, die ihn die Jahre über begleitet hatte, konnte er selbst nicht genau sagen. Er wusste aber, dass durch viel Einsatz und Routine eine jede seiner Aufgaben, von denen er und andere lebten, gut erledigt worden war. Nur wer war das? Der Junge in ihm, Sohn von Kriegsflüchtlingen, der barfuß in kurzen Hosen in Staub und Wirrnis auf fremder Leute Bauernhof angstvoll, gehetzt und träumend aufwuchs, der konnte es unmöglich sein!
In seinen knappen Zeitspannen bis zum nächsten Einsatz meinte er mehr unbewusst auch etwas für die in ihm befindliche(n) Person(en) tun zu müssen, die offenbar nur so zu ihrem Recht käme(n). Danach lief gleich die nächste Aufgabenserie ab, und zwar wie am Schnürchen:
Auf die Minute genau zum Wagen, zügig über Landstraßen und Autobahnen zum nächsten Einsatzort. Im Institut Eigenheiten erörtert, Räume und Material inspiziert, Geräte geprüft und in Gang gesetzt. Dann Begrüßen der Studierenden aus vielen Ländern, Kulturen, Sozialisationsformen und Berufen. Verschieden ferner von Lernvermögen, Alter und Geschlecht. Jetzt die Konzeption vermittelt, Medien ausgegeben, Aufgaben geregelt: ein effektiver Dozenteneinsatz, teilnehmernah, praxisorientiert und erlebnisreich.
Beifall kam von sehr Engagierten, den Brennenden, wie er sagte und selber einer war, was er wusste, sowie den Nachdenklichen, wobei beide Gruppen meist ein und dieselbe war, wenn er es genau nahm. Das musste er auch, meinte er, all seine Aufgaben genau nehmen. Weniger sich.
Sein Einkommen war danach, setzte jedoch fürs nächste Quartal den Erwartungshorizont, der zwar auf sublime Weise, doch faktisch an ihn herangetragen wurde. Damit konnte er gleichfalls lange Zeit gut umgehen, gerade auch, weil es so normal war. Viele lebten so oder ähnlich, Festangestellte zwar weniger; er war es nicht, sondern freiberuflich.
Manches konnte er ohnehin nur leisten, wenn er sich selber so gut wie vergaß. Das war aber kaum nötig, denn durch sein vieles Tun vergaß er sowieso von sich, gerade am Computer. Manche Lernende waren nach dem PC-Training verstört und wussten wenig von sich, als kämen sie aus einem Thriller oder von der Achterbahn. Die Konzentration auf die Arbeit brachte ihn fort von sich wie die vielen Studierenden seine Aufmerksamkeit erzwangen. Marlon hatte sich daher angewöhnt, alles ständig zu optimieren und seine Aufgaben dann zu bewältigen, wann sie getan werden mussten, unabhängig davon, wie er sich fühlte, was um ihn vorging, welches Wetter und welche Tages- oder Nachtzeit war.
»Morgenstund’ hat Gold im Mund.«
Das machte ihn flexibel und leistungsfähig, hielt ihn jung und gesund, meinte er. Andere wie er in der Lebensmitte waren längst müde geworden vom Dasein, an dem sie mitunter wie teilnahmslos wirkten. Daher war es für ihn ein starker Ausdruck von Altern, unbeteiligt zu sein; er sagte:
»Wer gern an allem Anteil nimmt, ist und bleibt jung!«
Nur gaben es sich die wenigsten zu, anderen schon gar nicht. Das hatte zudem Einfluss auf seine sich anbahnende Wandlung. Zwar hatte er von jung auf erfahren, wie sie sich täglich abmühten, aber auch bemerkt, wie sehr sie sich nach beschaulicheren Dingen außerhalb von Beruf und Belastung sehnten. Das eine erschien ihm als Basis des anderen, weil es sich erholen und wieder in sich ruhen ließ.
Diese gesunde Ordnung vermisste er zunehmend bei anderen, anfangs weniger bei sich. Immer mehr durchdrang ihn die erschreckende Einsicht, dass es letztlich den menschlichen, oder so: einen zivilen Bereich neben Beruf und Belastung kaum mehr gab. Danach ging es termingespickt weiter zu Ärzten, Baumarkt, Elektronikläden und Fitnessstudios, ohne dass dabei der spielerisch schöpferische Mensch herausgeschaut hätte. Oder einer, der sich selbstvergessen ein Weilchen im warmen Wind am Wasser wiegt. Oder jemand, der etwas seiner Kontemplation frönt. Viele waren nur noch aktiv, so rastlos wie ratlos, so ruhelos wie routiniert.
Trotzdem wäre es mit ihm wohl noch länger so fortgegangen, hätte er nicht durch die für ihn vielleicht vernichtende Erfahrung dieser ungewöhnlichen und musikalischen Frau in seiner Entschlussfreudigkeit Zuspruch erhalten und er daraufhin eine Wende herbeizuführen versucht, deren Tragweite und Nachwehen er bislang nur erahnte.
So bedurfte es erst eines zweiten, ähnlich strengen Falls und seiner Folgen, bis ihm die Umstände eher einräumten, anders handeln und leben zu können, sofern er es noch einzurichten verstand. Wenn es ihn denn seiner gewünschten und sicher wünschenswerten Erfüllung näher bringt. ...
Anlässe hatte Marlon also genug gehabt, sich viel eher klar zu werden. Hätte er nur all das Erlebte und Gehörte zu einer Art von Erkenntnisbausteinen formen können, mit denen er umso besser ein Gebäude errichtet hätte: SICH.
So erinnerte er eines Morgens, als es ihm für manches bereits spät, wenn auch noch nicht zu spät vorkam, beim Lauschen in die Stille wieder eine dieser Geschichten, die das raue Land gebiert. Schon früher war sie ihm wie ein Weckruf erschienen, ohne dass er ihn ganz verstanden hätte. Der einsame alte Jäger hatte sie ihm als Jungen einst erzählt, nachdem er seinem Ärger über die kleine Landwirtschaft Luft gemacht hatte. Dieser musste er sich mangels ausreichender Einkünfte aus der von ihm betriebenen Dorfschänke, Jahre später mit neuem Inhaber ein bekanntes Gourmet-Restaurant, auch noch annehmen.
Drüben am Wald soll es nach dem Krieg gewesen sein, der sich vorm Himmel in Ost-West-Richtung erstreckt, als wollte er von Ferne noch bedeuten: Bis hierher und nicht weiter!
Damals waren dort noch Feuchtwiesen, ein Sumpf und der neue Kiesteich des Großbauern Brome. Hier hatte der junge Stefan, Flüchtling aus Pommern, seine Hütte gebaut, und hier hat man ihn auch überfallen. Er hätte selbst Schuld gehabt, hieß es bei Bauern. Er habe nicht gehört, als ihn Brome davongejagt hat. »Du kömmst nich op min Hof!«, hat er gebrüllt und ihm den Melkeimer hinterhergeschleudert. Luise, seine hübsche Tochter, aber hat er wüst ins Haus befördert und vergattert, sich nie mehr mit ihm abzugeben.
Nur Tage später wurden beide im Wald gesehen. Daraufhin wurde es entschieden, und »so hat man es denn auch exerziert«, wie es der Jäger nannte. Als Stefan eines Abends wieder in der Hütte weilte, um Wasservögel mit der Leica einzufangen, die ihm der schwerversehrte Kriegsreporter Heinlein hinterlassen hatte, machten sich mehrere über ihn her. Übel haben sie ihn, Sack über den Kopf, zugerichtet, ihn zuletzt an eine Erle gefesselt, Dornenzweige in den Hosenschlitz gepresst und zugebunden. Sein Schreien soll stundenlang bis ins ferne Dorf zu hören gewesen sein, so auch von der in ihrem Zimmer eingesperrten Luise.
Jetzt schien es Marlon, als hörte er ihn, wie er morgens im Trubel seiner Gedanken neben Kim lag, sie in Wellen begehrte und so wenig schlafen konnte wie Stefan sich befreien oder seiner Liebsten nähern. Es hieß, gleich anderntags sei Luise »auf Nimmerwiedersehen übern Deister«, wie es der wetterfrohe Jäger zornig nannte, nachdem er vom Sud des Kautabaks ausgespuckt hatte, den er als Röllchen genussfreudig hinter den Backenzähnen verwahrte.
Später, es geschah in einer der ersten freien Wahlen der Nachkriegszeit, wurde Stefan auch mit einigen Stimmen von Flüchtlingen und Vertriebenen Bürgermeister. Er hat dann nicht eher geruht, bis dieses Gebiet als »besonders erhaltenswert« unter Naturschutz gestellt und der Kiesabbau begrenzt wurde, was der Bauer aber auch bedauerte, begreiflicherweise. Stefan jedoch blieb zeitlebens allein.
Als Kim sich ihm zuwandte und er die kaum mehr Schlafende behutsam in die Arme nahm, war es, als suchte er eher ihre Nähe wie sie sich auch nur gestisch anzueignen.
Und so wie danach war es ihm schon oft ergangen: Wollte er das einer Situation Gemäße tun, verpasste er es mitunter. Denn er erinnerte zur Unzeit, dass sie die nächsten beiden Jahre noch keine Kinder wollte, was kein Hindernis gewesen wäre, so katholisch war sie nicht und er auch aus Anhänglichkeit protestantisch wie einige, die er kannte.
Mitunter waren es aber seine Gedanken an erledigte wie vor ihm liegende Aufgaben. Überwand er solch Widerstände, so spürte Kim dennoch seine Unruhe und hörte fast seinen Kopf arbeiten. Als sie jüngst darüber redeten, meinte er:
»Das ist nur normal, entschuldige bitte, bei den Pflichten! Zum Glück kommt wieder Sonntag, danach Pfingsten, wo wir für drei Tage alles hinter uns lassen.« Dann werde sich schon alles aufs Neue finden und erfüllen, hoffte er. Das ist heutzutage nicht anders zu haben, eben der übliche lebenserhaltende Kompromiss, Leben vor sich herschieben und aufsparen wollen, als wäre es Geld und gar verzinsliches.
Er sah, wie sie im Halbdunkel die Augen aufschlug und zur Uhr sah. Sie legte einen Arm um seine Schulter, den anderen über ihre bloße Brust, denn es war kühl heut’ Morgen, doch die Schwalben flogen schon, wie sie aus den Schatten am Fenster schloss. Die darüber in den Nestern hausenden Jungen gaben wohlige Laute von sich, wenn die Eltern sie fütterten. Jetzt ein Kind von ihm!, streifte sie ein sehnsüchtiger, aber etwas befremdlicher Gedanke, den sie sogleich wieder verlor, als sie an den heutigen Tag dachte: Besuch der Marketing-Manager von Einweg & One-way aus Hamburg, interessante, wichtige Leute.
Sie überlegte letzte Feinheiten ihrer Präsentation, die sie bereits fertig hatte. Die Overhead-Folien (einen Beamer hatte ihr Chef bis heute nicht genehmigt) lagen seit dem Abend ausgedruckt auf ihrem Schreibtisch, daneben CDs und anderes Werbematerial. Die Andrucke für die neueste Kampagne mit Prospekten und Schautafeln sollten um neun im Hause sein. Um zehn Uhr dann der Termin mit der Geschäftsleitung und den Hanseaten. Am Mittag das Arbeitsessen bei Poselhöf, ein stilvolles Hotelrestaurant in Universitätsnähe der Landeshauptstadt. Freudig sagte sie sich:
»Mein neuer Hosenanzug, dazu die bezaubernde Seidenbluse, beides von Marlon zum Geburtstag: ein guter Tag!«
Mit einer lebhaften Bewegung drückte sie sich an ihn, was er aber anders deutete. Denn als er sich nun einigermaßen als Mann fühlte – der kommende Tag trat fordernd und kreislauffördernd hinzu –, gab sie ihm, den Kopf hebend mit Blick auf die Leuchtziffern der Radiouhr zu verstehen, dass es schon »zu spät!« sei und sie noch duschen wolle.
»Das kannst du, bitte, auch danach! Ich habe doch ebenfalls nicht mehr viel Zeit.«
»Schatz!«, erwiderte sie nur, und ihrer silbrig zauberhaften Silhouette konnte er im Gegenlicht des Flures einigermaßen betroffen folgen, bis das Bad sie stahl.
Nicht wenig verraten wie ein Verräter fühlte er sich beim Aufstehen, was er so gut es ging verdrängte. Im Wellnessbad, das sie sich in dem von ihm vor einigen Jahren erworbenen Wohnhaus aus den Neunzigern neben einem Musikzimmer eingerichtet hatten, hörte er die Handvoll Rinder grasen, die sich der benachbarte Landwirt im Ruhestand noch hielt.
Erneut fiel ihm der seiner Natur wie seines Lebensrechts so erbärmlich beraubte Stefan ein. Da spürte er wieder, wie leer sich letztlich der vor ihm liegende Tag darstellte. Doch das luxuriöse Bad tat ihm gut und besserte seinen Zustand nicht unwesentlich ins Stabile hinein, wofür es sicher auch eigens ausgebaut und ausgestattet worden war.
Bis zum Abend, als sie sich wiedersahen, war er nicht ganz frei davon, etwas nicht getan, versäumt und daher verraten zu haben. Besonders deutlich hatte er es aber nicht in sich. Auch dann nicht, als sie sich flüchtiger, als es Gründe gab, küssten und zuerst ein Weilchen beieinander waren, bevor ein jeder vor dem Schlafengehen noch einmal sein Büro aufsuchte, »der nächsten Aufgaben wegen«, wie beide sich es zu ihrer neuen Natur hatten werden lassen.
Wie lange das schon so mit ihnen ging, konnte er nicht genau sagen. Als sie sich an Ostern vor fünf Jahren auf dem Jubiläum der Kraynsen KG in Hannover kennenlernten, zu dem er als Reporter der örtlichen Tageszeitung eingeladen war, faszinierte und irritierte ihn ihr Können. Als Werbeleiterin war sie bei dem mittelständischen Autozulieferer, der Kunststoffteile für die Innenausstattung von Kraftfahrzeugen fertigte, zugleich Public-Relations-Managerin. Beides aber »nur halbtags, denn anders rechnet es sich noch nicht«, wie Kurt Kraynsen, ihr Chef, meinte. Alles, was und wie sie es vortrug, war glänzend. Dabei ließ sie die dreißigjährige Unternehmensgeschichte in einer grandiosen PR-Show zu einer beachtlichen Erfolgsgeschichte werden.
Die Multimediaschau galt den Besuchern als so gelungen, dass mehrere bei ihr um die Adresse der vermeintlich tätig gewordenen Agentur nachfragten. Sie aber trat aufs Podium und erklärte, wobei ihr Zeigefinger virtuos pendelte:
»Nix da, bei meiner Öffentlichkeitsarbeit ist alles Eigenproduktion!«, und lachte mit allen begeistert.
Er spürte, wie angestrengt sie war und sich vieles abverlangen musste, worunter ihre Natürlichkeit erstaunlicherweise nicht litt. Im Interview anderntags wollte er etwas hinter dieses Phänomen kommen. Sie aber zeigte sich bedeckt und ließ sich außer zu ihrer Doppelrolle im Betrieb nichts entlocken, woraus er auf ihre Person hätte schließen können.
»Sie ›steht‹ nicht nur als Frau, sie schlägt auch, wenn’s sein muss, manch einen Mann!«, sagte er sich beeindruckt und zugleich eine Spur betroffen.
Durch ihre Fingergeste wurde er an sie erinnert, als sie sich an einem Sonntag im August wiedersahen. Es war in einem Gasthaus, dessen Obstwiese man zu einem beliebten Cafégarten ausgestaltet hatte. Selbst die betagte, mit Backsteinfeldern versehene und in gefüllten Rundbögen ausgeführte Ziegelmauer, die das Anwesen nach anderen Höfen hin abschloss, wirkte heiter durch all das Gestühl, Geschirm und Getisch mit den bunten und vergnügten Menschen daran.
Kim saß in einem der weißen Plastiksessel, die mancherorts noch sommers das Land bevölkern, fast so wie früher die Gänse, auch sie zumeist nur Sommergäste und ähnlich dicht am Haus wie um die Beine herum. Anfangs konnte er sie nicht wiedererkennen. Sie trug eine blaue Sonnenbrille, zum Radfahren knielange blau-weiß gestreifte Shorts und hatte ihre in rote Riemchenschuhe geschnürten Füße elegant und bequem auf dem Nachbarsessel postiert.
Als wären es Schaufensterauslagen, beschnupperte sie sein schwarzer Pudel, was sie faszinierte. Die Arme zuerst vor sich verschränkt, dann mit den Händen in Blackys Locken, wofür er mit Blicken und Wedeln dankte. Sie schaute Marlon aufmerksam an und lächelte über ihre Berliner Weiße hinweg, als er sie, wie oft durch unmöglich Erscheinendes gereizt, fragte, ob er sich auf den vermutlich freien Sessel zu ihren Füßen setzen dürfe, weil er wohl der letzte sei.
Da sah er ihn wieder, den pendelnden Zeigefinger ihrer schönen Hand, der Nein, nein! bedeutete: »Mein Freund ist nur einen Moment fort!« Als er sie jetzt aber bei ihrem Namen nannte, seine freudigen Blicke auf ihr Gesicht, ihre Hände und Beine gerichtet, erinnerte auch sie sich seiner im Interview. Braungebrannt, hemdsärmelig und barfuß in Sandalen, war er gleichfalls recht verändert. Da kannte sie sogar noch manche seiner Fragen fast im Wortlaut.
Etwas war mit ihnen geschehen in diesen Momenten, wie sie sich auch bewusst waren, als er sich im Innern nicht wenig betrübt, nach außen umso freundlicher verabschiedete. Verändert setzte er mit Blacky den Weg zu Fuß fort, den er seit dem Mittag durch Felder und Wiesen genommen hatte. Im Nachbarort kannte er ein weniger besuchtes Café einer Hotelpension, mit dem er sich für heute begnügen wollte.
Ins stille Gehen drangen Geräusche von Fahrzeugen auf der benachbarten Chaussee. Etwas vermochte er das Störende daran abzuwehren, indem er sich selbst als ein Vielfahrer ins Spiel brachte. So wechselte er eine Zeit lang zwischen dem Autofahrer und dem Wanderer in sich. Er verglich beide miteinander und bemerkte, wie wesentlich ihm Gehen und Wandern und wie unverzichtbar Autofahren bei ihm war. Doch schien ihm, als sollte es nie anders sein: gehen, einen natürlichen und schon erfolgreichen Schritt vor den andern setzen, dabei die Arme wie im Spiel hin und her, Kopf und Rumpf im angenehmen Taumel lassen. Spüren, wie sich die Brust beim Atmen hebt und senkt. Fühlen, wie ihn das Blut durchströmt. Gehen, eine großartige Gabe, ein vollkommenes Naturkunstwerk, bei dem alles ineinanderwirkt.
Bei jedem Schritt ferner eine neue Perspektive und um eine Erfahrung reicher. Bei jedem Tritt zugleich das Abrollen über die Ferse zum Ballen, am besten barfuß. Mit nackten Sohlen im warmen Sommersand, oder durch angenehm laue Pfützen. Oder wie als Kind nach dem Baden nackig auf dem Velourssofa, wenn Opa, angekommen im Lebensherbst, vor Freude über seinen rosaroten Enkel noch einmal feuerrote Wangen haben durfte wie dieser en miniature.
Und nicht so brutal wie im Auto darüber hinweg und vorbei, nicht all das, was er liebte wie die Menschen und das Leben – die wenigen übrig gebliebenen Blumen, Vögel, Käfer und Schmetterlinge, das Wunder der Weiden mit Stuten und Fohlen darauf –, so von sich abstreifen und wie abstrafen. Bleib einfach hier bei dir!, hörte er sich im Stillen. Dies Gehen und Sehen, wie er es als Einheit so klar in sich trug!
Warum nur werde ich schon morgen wieder ein so anderer sein, der, einmal aus der Kurve getragen, dies Kleinod aus Leben und Sinnlichkeit mit einem Schlag auszulöschen vermag? Auch die Gedanken kommen nicht schießend wie Autos daher, sondern eher schrittweise, sagte er sich. Gerade darum fühlte er sich beim Wandern so aufgehoben. Mit jedem Schritt ein bisschen Muße, der Kopf ist dann bereit.
Neuen, belebend aus seinem Innern aufsteigenden Klängen sann er summend nach und war bald von einem sommerfarbenen Musikwunder erfüllt, in das blitzend blaue Augen und Kims hellblondes Haar wie Sonnenstrahlen fielen. Konturen eines neuen, einzigartigen Lebens, seines Lebens, auf das er insgeheim schon lange gewartet hatte, zeichneten sich in ihm ab und erwarben sich Gehör beim Gehen. Werde ich ihnen diesmal folgen und mich ihnen nachhaltig zuwenden?, spürte er unruhig und andeutungsweise die Frage. Reichte dafür die Kraft dieses Anstoßes?
Es war schon etwas spät für den Cafégarten. So saß er dann mit seinem Pudel fast allein im gelb-weiß gepolsterten Teakholzsessel wie an Deck eines großen grünen Schiffs auf der Wiese unterm Pflaumenbaum. Hungrige Wespen surrten, denen Blacky mit Augen und Ohren folgte. Ein schneeweißes Hühnervolk plusterte sich in Bodenmulden in der Sonne, was ihm als Geleitzug in voller Takelage erschien. So war er mit der lebendigen Musik im Innern gar nicht einsam.
Endlich ging er doch in den verklinkerten Fachwerkbau, der das Wesen des alten Bauerndorfs gleichsam präsidierte, um Tee, Toast und ein Früchteeis zu bestellen. Häusliche Ruhe und die Frische der in Schachbrettmanier gefliesten Diele strömten ihm entgegen. Eine an Mensch wie Tier gewöhnte Katze lag verträumt auf einer Birkentruhe in der Mulde eines bestickten Kissens und grüßte mit Schnurren und leicht gesträubtem Fell, dies für ihn, jenes für Blacky. Die wohl auf ewig die kleegrünen Kaminkacheln gegenüber anblickende Standuhr holte so majestätisch mit dem Pendel aus, wie sie es den Sekunden für angemessen hielt, die sie einem jeden Betrachter gnädig zuzumessen schien.
Auf mächtigem Eichentisch lag vorm Sprossenfenster das Gästebuch aufgeschlagen. Und weil er in dem Frieden, der ihn wie selten als Kind umgab, nicht schellen wollte, blätterte er mehr zum Zeitvertreib darin. Vielleicht wären ihm die fünf Strophen unter den Mühen anderer um Scherz und Lebenssinn gar nicht weiter aufgefallen, wäre diese Handschrift nicht gewesen: Fantasiedurchwobene Bögen wurden wie gezähmt von ruhigen geraden Strichen.
Er ahnte eine starke, charaktervolle und jugendliche Frau. Auch spürte er geradezu ihren Geist und ihre Wärme.
Der/dem unbekannten Suchenden
Vielleicht wird die Stille
dir sagen, wer du bist,
weil der Lärm deiner Tage
es oftmals nicht hört.
Vielleicht lässt Innehalten
dich nicht verlieren,
was du durch Eile
nicht gewinnst.
Vielleicht hast du,
was du suchst, längst gefunden,
und was du glaubst zu haben,
längst verloren.
Vielleicht musst du
erst manches verlieren,
um zu erkennen,
was dir geboten war.
Vielleicht musst du
dich erst sattsam verraten,
um zu sehen, was das ist:
Sich selbst ein Freund.
Schon hatte er in der Weise, zu handeln, bevor er sich des Ziels noch ganz gewiss war, sein Notizbuch genommen, um das Gedicht festzuhalten, ehe dessen beunruhigenden Worte bewusster auf ihn einwirken konnten.
Als die Kellnerin, eine hübsche Zwanzigjährige aus dem Ort, die Treppe herunterkam, ihn dort barfuß warten sah und schmunzelte, hatte er aus Sorge, es nicht abschreiben zu dürfen, sein Merkheft bereits wieder eingesteckt.
Er fragte, auf die Buchseite deutend, wessen Gedicht es mit dem Namenskürzel sei. Sie schaute aufs Datum, schlug in der Gästeliste nach und sagte, es sei eine Musikerin, eine Klarinettistin, gewesen. Den Namen dürfe sie aber nicht sagen, außer, dass es »ein sehr heller Vorname« sei, wie sie neckisch anmerkte. Sie habe den Gästen ein Gratiskonzert im Garten gegeben. Marlon konnte ihr, als sie weiter davon erzählte, noch die Begeisterung im Gesicht ablesen.
Sie plauderten ein Weilchen, dann lud er sie zu einem Eis in den Garten ein, was sie lächelnd wegen ihrer »anderen Aufgaben im Hotel« ablehnte.
Als er gegen Abend den Heimweg antrat, hatte er vom Gedicht der rätselhaften, noch unbekannten Frau – später lernte er es allerdings auswendig – wie von der mädchenhaften Figur der Kellnerin fast vergessen. Nicht so von der entzückenden Werbedame, die er sich schon bei Eis und Tee sehr herbeigewünscht hatte und die ihn auch jetzt wieder gedanklich wie musikalisch begleitete.
Nun hatte er Muße, sich ihr Gesicht, ihre Hände und ihre Beine, die ihm so gut zum Gehen, Wandern und Tanzen geformt erschienen, ihre Stimme und ihre Weiblichkeit vor Augen zu führen. Zeit braucht der Mensch!, sagte er, ohne dass er sich anderntags danach zu leben imstande sah.
Gleichwohl schaffte er es, sie unter dem Vorwand eines Zeitungsartikels aufzusuchen, den er ihr zuliebe dann auch schrieb. Er nahm beim Begrüßen ihre Hand und lockte sie regelrecht hinterm Schreibtisch hervor, um auch ihre Beine zu bewundern. Unter der Seidenhose konnte er sie nur etwas erahnen, was bei dem fließenden Stoff schon Ereignis genug war. Doch auch nur eine Verabredung außerhalb ihres Büros zu erreichen, gestaltete sich weit schwieriger, als er nach dem, was er bereits für sie empfand, fast schon für selbstverständlich hielt. Dabei hatte er seiner jetzigen Lebensgefährtin gegenüber kein gutes Gewissen und eigentlich weder für sie noch für die Werbefrau genügend Zeit.
So dauerte es eine Weile, bis sie ein Paar wurden. Auch hing sie an ihrer Beziehung zu einem in die Jahre gekommenen Studenten, der weiter auf der Suche danach war, worauf es ihm ankommen sollte, viel stärker, als er es bei einer so weltoffenen Frau für möglich gehalten hatte.
Ihnen beiden war klar, dass auch er seine inzwischen vermehrt geschäftsmäßig verfasste Partnerschaft mit Lara, der ihr flüchtig bekannten Geschäftsfrau einer örtlichen Parfümerie, nicht beibehalten konnte. Das drängende »Warum eigentlich?« spürte er. Nur unterlag er dem weit verbreiteten Glauben, man dürfe immer nur eines lieben, weil man es sonst verletzt. Dass man auch dann verletzt, mitunter lebensbedrohlich, wenn man sich dem anderen ganz entzieht, war ein Verrat mehr, den er zu der Zeit noch glaubte, guten Gewissens begehen zu dürfen.
Bis sich Lara und er weiter entfremdet und getrennt hatten, dauert es einige Zeit, und bis die hellblonde Kim einzog, weitere Wochen, was alles Spuren in ihm hinterlassen hat, worüber er sich damals noch nicht sehr im Klaren war.
Als Kim an jenem lustverlorenen Morgen zu den ersten Anwesenden ins Konferenzzimmer trat, lagen schon gut zwei Stunden Arbeit hinter ihr. Sie sah freundlich und aufmerksam in die Runde, ehe sie auf einen jeden zuging, denn das heutige Meeting war im Wesentlichen ihres.
Ein jeder, der den schlanken Amerikaner dort stehen sah, war beeindruckt. Kim erging es ähnlich, was sie sich jedoch nicht anmerken ließ. Ein raumfüllender Mann, empfand sie, dabei so ungezwungen. Sie wurde ihm mit »Frau König, unsere famose Frau für PR und Werbung« sowie auch er von Herrn Terholm, dem älteren bärtigen Hamburger, ein passionierter Segler, als sein neuer Assistent so vorgestellt:
»Vielleicht wird Mister Gelory Check einmal einer meiner Juniorpartner.« Letzteres sagte er zwar ohne Emphase, aber auch nicht kühl, was jener mit einem knappen Lächeln quittierte. Für den Gruß nahm Gelory seine Hände aus den Hosentaschen des Glenchecks, ein graukarierter Anzug, der an ihm perfekt und locker wie gute Freizeitkleidung saß.
Während des Vortrags suchte sie ihn anzusehen und sein Urteil abzulesen. Das kostete weitere Energie, die alles eine Spur aktiver an ihr machte. Für das Tempo war sie bei ihrem Chef und den Hamburgern, die für die Kraynsen KG das außereuropäische Marketing übernommen hatten, bekannt. Beifall stellte sich auch jetzt wieder ein, was sie kaum mehr überraschte, geübt und gut vorbereitet wie sie war. Auch ging es maßgeblich nach ihrem Plan. Ihr Chef ließ ihr freie Hand, weil sie sich durch ihr Können, Engagement und ihre Zuverlässigkeit das dafür nötige Vertrauen erworben hatte, wie sie meinte – wenn auch bislang nur halbtags.
Gelory, mit dem versonnenen und etwas intellektuellen Gesichtsausdruck, schien nicht aus der Ruhe gebracht, wenn sich ihre Blicke trafen, was sie etwas irritierte. Später, beim Essen, schien es ihr kein Zufall, dass er sich in ihre Nähe setzte. Als Gegenüber hatte sie Herrn Terholm, den graumelierten Freizeitkapitän, der sich seiner Zigarre entwöhnt hatte, wie er einerseits stolz bemerkte.
»Meine Frau«, meinte er dann doch ehrlicherweise, »hat es fertig gebracht. Sie ist allergisch dagegen geworden!« So hörte man ein doppeltes Bedauern heraus.
An den Gesprächen seines Chefs über die neue Kampagne beteiligte sich der Dipl.-Ök. Gelory Check nur mäßig. Ihr hingegen hörte er aufmerksam und etwas distanziert zu, was sie erneut gereizt wahrnahm.
Kurz vor der Rückfahrt fragte er, ob sie die Messe- und Maschseemetropole liebe, in deren Nordstadt das Restaurant lag, darin sie eingekehrt waren. Zuerst mochte sie es nicht gehört haben, doch ergab sich bei anderen eine Gesprächspause, wodurch es aufgefallen wäre. So sagte sie:
»Hannover ist auch dank seiner Größe, manch vielgestaltiger Gewässer, seiner Kultur- und Sportmöglichkeiten sowie des vielen städtischen, oft citynahen Grüns recht human, überschaubar und macht keine falschen Versprechungen.« Ruhig fügte sie hinzu: »Lieben kann man vor allem Menschen, und das habe ich noch nicht verlernt.«
Seinem gleichmütigen Blick war nicht anzumerken, ob er das als Kritik, Abwehr oder Ermutigung aufzufassen hatte oder auffassen wollte. Als sie später auf ihrer Heimfahrt im Norddeutschen Rundfunk Hits der letzten Jahre hörte, hat sie es selbst nicht näher sagen können, unruhig, wie sie war, was sie aber mehr auf die Tagesleistung schob.
Als Marlon am Abend heimkam, spürte er noch das Fauchen seines Wagens, das er mochte. Überraschend war daher das stille Bild des Friedens, das sich ihm im Wohnzimmer bot. Wohl seinen Schritt auf dem Teppichboden nicht hörend, lag Blacky ausgestreckt wie ein Persianerlamm neben der schlafenden Kim. Ihre linke Hand ruhte unter seinem Lockenohr. Vielleicht lauschte er eher verstehend dem Rauschen ihres Blutes, als sie selbst es vermochte.
Sekundenlang war Marlon ganz Andacht und fühlte doch ein Befremden. War Blacky etwa ihr beider Sprössling? Gehörte er überhaupt so in ihr Leben? Verdrängte er in seiner nie endenden Kindlichkeit nicht geradezu ein mögliches, ja ein notwendiges eigenes Kind?
Soeben noch solche Stille, rollte sich Blacky, der ihn im Schlaf gespürt haben dürfte, plötzlich wie eine Katze vom Sofa und war im Nu bei ihm. Er sprang an ihm jauchzend empor und schaute dem in die Hocke gegangenen Marlon in die Augen, als sei er wieder auferstanden, was er für den intelligenten Pudel, der oft stundenlang auf seine Rückkehr von irgendwo warten musste, gewissermaßen auch war.
»Ist wieder gut Blacky, bist doch unser Bester!«, tröstete er ihn, der es nicht mehr bedurfte, Herrchen war ja da, aber wohl auch sich selber, denn er brauchte es nach dem täglichen Unrecht an dem prächtigen Gefährten.
Kim sandte ihm ein verträumtes »Hallo!« zu und streckte eine Hand nach ihm aus. Sein »Hallo, liebster Schatz!« ging unter ihren Küssen ziemlich unter. Sie schloss ihn so innig wie seit langem nicht in die Arme und bedeutete ihm, wie lieb sie ihn habe, was er ihr bitte glauben solle.
»Aber sicher, Schatz, ich weiß es ja!«
Als er kurz nach zehn Uhr von der Sitzung im Stadtrat wiederkam, lag sie blühend und munter unter seiner Decke. Blacky trollte sich nach einem erneuten Begrüßungsfeuerwerk nur annähernd zufrieden ins Körbchen. Ihre Haut war noch duftend warm vom Baden, ihr Atem und ihre Stimme verlockend wie zu Beginn ihres Zusammenlebens.
Voll ursprünglicher Lust flüsterte er ihr zu:
»Wir sollten endlich ein Kind haben!« Sie aber hauchte nur wie schon weit entfernt, dass es wegen der Pille jetzt doch gar nicht ginge. »Dann bitte keine Pille mehr, ja?«
Sie antwortete nicht oder nicht mehr. Denn sie war, was er bewundernd wie beim ersten Mal erlebte, bereits unterwegs in ein von aller Welt besungenes Land, das zu betreten Männern wie ihm wohl auf ewig verschlossen blieb. Doch genoss er gerade auch dieses Anderssein Kims. Und er ahnte, dass er nur einiges in sich schließen und Verborgenes öffnen müsste, um so mit sich eins zu werden, wie er erneut Gelegenheit hatte, an ihr phänomenal zu erleben.
Sein Anruf aus Hamburg kam eine Woche nach der Konferenz. »So lange hat er sich also Zeit gelassen!« Als er seinen Namen Gelory Check nannte, hätte Kim am liebsten wieder aufgelegt. Auf sein noch etwas ungebührliches »Wie geht es Ihnen?« kam ihr das eigene reservierte »Danke, gut!« noch eine Spur zu verbindlich vor.
»Es gibt mehrere Punkte beim Marketingkonzept, die ich mit Ihnen durchsprechen müsste. Ich wäre in etwa zwei Stunden da, wenn es Ihnen recht ist.«
»Diese ›Punkte‹ können Sie mir getrost mailen!«
»Auch Terholm meint, alles zu formulieren dauere zu lange, und die Ergebnisse werden schon morgen gebraucht.«
»Wieso kommt er dann nicht selbst?«, fragte sie kühl.
»Terholm ist noch bis morgen in London und hat ohnehin nicht alle Unterlagen dabei.«
Jetzt wollte sie sich damit schützen, dass sie keine Zeit habe. Nur hätte sie das gleich sagen müssen. So sagte sie:
»Es geht aber nur bis zum Pressetermin um vier.«
»Das reicht mir völlig«, äußerte er für sie so bedächtig, dass sie ihn am liebsten angeschrien hätte.
Sie sah ihn dann schon eine Stunde später aus dem Wagen steigen. »Er hat von unterwegs angerufen: Unglaublich, wie sicher er sich ist!«
Als Gelory nach längerem Warten von Kims Sekretärin vorgelassen wurde, entließ sie erst einmal den von der klaren Kompetenz der Chefin etwas gestutzten Grafiker Rumnetz, ein dürrer Mittdreißiger, dessen Zeichen ein Schnauzbart war, den er stolz trug wie sommers ein Murmeltier sein Grasbüschel. Danach nahm sie den Hörer, um noch angeregt mit einer Druckerei über Korrekturen zu sprechen.
Ihr den Rücken zukehrend, blickte Gelory wie abwesend in den Hof, was sie gereizt bemerkte. Wieder nahm er erst zum Gruß die Hände aus den Taschen des Glenchecks, der nicht der alte war, sondern ein hellerer mit Seidenglanz.
Wie es dann allerdings dazu kam, dass sie mit ihm um fünf in Celle am Französischen Garten der alten Residenzstadt, einer Linie der Hannoverschen und Englischen Könige, im Café saß und den Pressetermin »wegen verspäteter Fotos« abgesagt hatte, konnte sie sich selber nicht recht erklären.
Vieles an Gelory war ihr aber ohnehin vom ersten Moment an vertraut erschienen. Sie wusste nur nicht, warum. Sein dunkles langes Haar, das er in Wellen zurückgekämmt trug. Die männlichen Gesichtszüge. Seine Selbstsicherheit und besonders diese Ruhe, die er ausstrahlte. Nicht zu vergessen, seine lässigen Bewegungen: Er schien vor überhaupt nichts Angst oder wenigstens Respekt zu haben!
Als sie am Abend von einer Hotelbar in der Innenstadt aus eine SMS an Marlon sandte, dass es »bedauerlicherweise später werden dürfte«, spürte sie die Weite des Weges, den sie binnen weniger Stunden zurückgelegt hatte.
Nachts neben Marlon liegend, hätte sie sich am liebsten tot gestellt. Zwar war sie so leise wie möglich gekommen. Nur wusste sie mit einem Mal, dass Marlon nichts entginge. Sicher spürt er meine innere Wärme und riecht meinen anderen Duft noch durch die Haut, obwohl ich vor der Heimfahrt im Hotel geduscht habe. Aber selbst Restspuren des Duschgels reichen ihm, fürchtete sie. Genauso hört er mein Herz, das wohl auch ihm anders schlägt als sonst. Dieser Mann hat doch besonderes Wissen von vielem, was ist, und ein gesteigertes von dem, was er liebt. Errät er nicht noch meine Gedanken wie meinen jetzigen Zustand? Da wurde ihr auf einmal ganz elend zumute.
Es war nicht ungewöhnlich, dass Marlon schon fortfuhr, als Kim aufstand. Meist bereitete er sich frühmorgens auf einen Seminar-, Redaktions- oder Beratungstermin vor.
»Vielfach hat Arbeit die Eigenschaft, alle verfügbare Zeit restlos aufzuzehren. Da macht es keinen Unterschied, ob es viel oder wenig Arbeit, viel oder wenig Zeit ist«, sagte er.
Also besah er sich noch abends, was genau der nächste Tag verhieß oder forderte und stand dementsprechend auf. In der nun zur Verfügung stehenden Spanne intensivierte er alles dermaßen, sofern ein jedes EDV- und IT-Instrument mitspielte, dass er pünktlich im Wagen saß und die Arbeit tagsüber gut verlief, weil ihm noch alles präsent war.
Heute Morgen war Marlon nur früher als gewöhnlich fort, weil er weit fahren musste. Dennoch hatte es für sie Bedeutung, allein am Frühstückstisch zu sitzen, den er auch für sie bereits gedeckt hatte.
Bis in den Nachmittag war sie in der Druckerei mit letzten Korrekturen der Prospekte beschäftigt, was volle Konzentration erforderte, die sie sich abrang. Auch gab Frau Weiß, Kims Sekretärin, ihre Handynummer nur nach Rücksprache heraus, sodass sie von Gelory nichts hörte; auch ihr Betrieb meldete sich nicht. Marlon hatte kaum Gelegenheit dazu, besaß aber ihre Rufnummer. Das anstrengende Imprimatur-Erteilen tat sein Übriges, dass sie von sich wie von allem anderen fast vergaß. Danach hatte sie noch am Mac im Büro mit Text und Layout eines mehrseitigen Beitrags für die Zeitschrift Der Automobilbauer zu tun.
Erst, als sie über die Chaussee in die untergehende Sonne heimfuhr, durch die ein großer Starenschwarm flog, dass es ihr wie ein Transparent mit einer plötzlich verständlichen Botschaft darauf schien, geschrieben in wogendem Schwarz auf grellem Rot, den auf ewig archaischen Farben der Lust, sah sie alles in ungeahnter Klarheit und erschrak.
Marlons Wagen stand nicht in der Garage, und auch Blacky war nicht daheim. Im Flur fand sie eine Notiz, dass er noch zu einem Kunden für eine Qualifizierungsberatung gefahren sei, wie sie wusste, und Blacky mitgenommen hatte.
Als sie aufwachte, sie war früh zu Bett gegangen, hörte sie wie von Ferne eine betörend sinnliche Melodie, die untergründig von wellenförmigen Rhythmen geleitet wurde. Bevor sie sich ganz entfaltet hatten, sanken sie zurück und schufen Spannung und Verlangen auf die nächste Folge, als strebten Melodie und Rhythmus endlos zueinander.
Eine Zeit lang hörte sie Marlon zu, der den ersten Satz seiner neuen »Glückskindvariationen« durchspielte, was sie wusste, wie dies, dass es ihr manchmal unzugänglich blieb, was er nicht zuletzt in der Musik der Urvölker Afrikas und Lateinamerikas zu ergründen hoffte. In ihr spürte er zuweilen ähnlich dem Taumel der Ekstase nach, der Erlösung und Einsicht versprach, wie er sagte.
Warum das Fremdartige und Fantastische suchen, fragte sie sich, wenn man im Alltag für eine jede Klarheit dankbar sein muss? Doch er leidet, was sie nicht wollte, darum jetzt diese Musik! Und es tat ihr um ihn sehr weh.
Ihm waren heute die Klaviertasten wie anderes ohnehin zu wirklich, zu belastet und seine jahrelange Prägung durch Elternhaus und Schule, Studium, Arbeit und Alltag zu nachhaltig, als dass ihm mehr als ein Vorgeschmack auf das gelingen wollte, was ihm seit der Jugend als eines der Paradiese erschien: die innere Stille der Musik, ihre Einfachheit und Klarheit bei aller Klang- und Rhythmusfülle.
Anfangs hatte die Liebe zu Kim ihn belebt und er solche Aufbrüche in ihr gesucht und auch erfahren. Höchster Dinge Dienerin war ihm stets die Liebe. So spielte und komponierte er dann öfter als während der Zeit mit Lara, die noch seine Musik allen Ernstes geschäftsmäßig aufgefasst hatte, gewann er doch beim Spielen ihr gegenüber den faden Eindruck, etwas falsch zu machen, bei einem falschen Ton sowieso, denn er verdiente ja nicht daran.
So war er noch in der Hinsicht belastet in die Beziehung mit Kim gegangen. Dass auch sie seine Musik als nutzlos auffassen könnte, glaubte er zwar nicht. Nur war sie ihm bei ihr nach und nach ähnlich abhandengekommen. Zuallererst aber durch seine vielfältigen Pflichten, Tätigkeiten und sonstigen Interessen, was er nicht leugnete. Denn weder konnte er in dieser Region als Dozent von Unterricht in seinen einstigen Studienfächern Germanistik, Geschichts- und anderen Wissenschaften alles Finanzielle bestreiten, noch als freier Journalist. Darum war er außerdem Berater geworden.
Am anderen Morgen läutete sehr früh das Telefon. Marlon war zuerst aus dem Bett, unruhig und gespannt, wie er die halbe Nacht mit Sorgen um andere und sich zugebracht hatte. Kim hörte ihn im Wohnzimmer leise reden, ohne zu verstehen, worüber. Danach ging er ins Bad, kleidete sich rasch an und frühstückte nebenher. Kim kam besorgt und fragte. Er antwortete mit in sich gekehrtem Ausdruck:
»Ich muss ins Internat, mit Merlin ist etwas vorgefallen! Näheres weiß ich auch noch nicht.«
»Soll ich deine Termine absagen?«
»Danke, das mache ich von unterwegs oder von dort aus. Blacky nehme ich mit.«
Als sie seinen Wagen schneller als gewöhnlich ums Haus rollen hörte, hätte sie ihn am liebsten mit Marlon darin umarmt. Wie sie sich aber wieder aufs Kissen warf, war ihr, als hielte sie Gelory mit seinen Locken im Arm und spürte in der lustvollen Wärme des Bettes diejenige seines Körpers.
»Wohin sind nur meine Klarheit und Selbstgewissheit?«, fragte sie sich verzweifelt – und voll quälender Sehnsucht.
Als sie Licht machte, fiel ihr Blick wie zufällig auf das Foto von Marlons Tochter Merlin auf seinem Nachttisch. Sie als junge Schülerin vor acht Jahren, nachdem sie ihre Mutter, Marlons Frau Xenia, durch ein Unglück verloren hatte.
Plötzlich meinte sie alles eingebüßt und eventuell nur etwas noch ganz Unbegreifliches gewonnen zu haben.
Marlon war Blacky dankbar für sein Dabeisein, sonst wäre er nur noch viel schneller gefahren. So aber hatte er trotz seines inneren Fiebers Rücksicht zu nehmen, musste Blacky doch im Stehen das Autofahren meistern. Im Liegen, das ihm wegen des Schaukelns ohnehin nicht gut bekam, er aber bisweilen dennoch versuchte, wäre er auf seinem weichen Fell nur wieder hin und her gerutscht.
In sein Mitgefühl für Blacky konnte er so etwas von dem legen, was ihm zurzeit für Merlin nicht möglich war, sich jedoch als starkes Verlangen in ihn bohrte und ihm fast den Verstand nahm. Obendrein brach sich ein mächtiges Schuldgefühl in ihm Bahn, wie er es noch nie verspürt hatte und es bisher auch durch rein gar nichts begründet war, wie er meinte. Hatte er nicht buchstäblich alles und wirklich nur das Beste für sie getan? Sein allerliebstes Geschöpf!, wie ihm plötzlich wieder klar vor Augen stand.
Südlich der Domstadt Hildesheim wurde die Strecke waldiger und kurvenreicher, umso mehr musste er während der restlichen Strecke zum Landschulheim auf alles achtgeben. Dort im blassen Frühlicht angekommen, konnte er aber in seiner Angst und Eile nicht gut zwischen den verstreuten und von hohen Bäumen umgebenen Gebäuden unterscheiden, was weitere Zeit verschlang, wie er sich nicht verzieh.
Klugerweise hatte bereits jemand die Laterne vor einem quaderförmigen Bau angeknipst. Dann kam auch schon der ihm bekannte, nun ganz gedrückte Klassenlehrer Herr Najer, besuchte er doch Merlin mehrmals zwischen den Ferien und holte sie oftmals auch an Wochenenden heim, wenn sie nicht auf Klassenfahrt ging oder mit Freundinnen und Freunden verreiste, was in den letzten beiden Jahren und nun seit diesem Frühjahr häufiger vorgekommen war.
Auch jetzt hatte er sie für acht entscheidende Wochen, wie er jäh empfand, nicht gesehen. Nur telefoniert hatten sie, wobei sie, wie ihm jetzt klar wurde, weniger gesprächig war. Das hatte er aber nur als natürlichen Reifevorgang angesehen und zu keinem Verdacht geführt. Er betrachtete sie als so gut wie erwachsen, er musste es schlicht!
Dabei hielt er dieses Heim für sie als das Richtige. Zwar erhob es ein hohes Schul- und Erziehungsgeld, hatte doch, wie er sich mitunter ungläubig vor Augen führte, manche Familie nicht zur Verfügung, was allein Merlins Internatsplatz kostete. Dieses, der Hauskauf, jenes, was für Kim aufzubringen war, deren Gehalt nicht ihre Ausgaben deckte, und beider hohe Fahrtkosten bildeten die Balken des Kreuzes, an das er wie ihm schien genagelt war. Trotzdem hatte er es bislang ohne Murren, ja sogar gern auf sich genommen.
Auch waren diese Lehrkräfte wirklich für ihre Schüler da und bildeten mit ihnen familienähnliche Gruppen von beachtlicher Lebensfülle. Es war für Merlin sogar in vielerlei Hinsicht gut, in diesem Internat zu sein. Sie konnte reiten, segeln, Tennis, Volley- oder Handball spielen, künstlerisch wie handwerklich tätig sein oder durch das reichbewaldete Mittelgebirge mit Dörfern und hübschen Städtchen wandern. Vor allem konnte sie allein oder gemeinsam mit anderen musizieren, wie sie mochte, etwa in der Aula nahe der Koppel mit Shetlandponys und Reitpferden.
Schon allein das schien ihm vieles wert. Zu Hause wäre sie nach dem Tod ihrer Mutter, mit der sie innig verbunden war, außerhalb der Schule vielfach allein gewesen, zurückgeworfen wie sie dadurch ohnehin war. So aber konnte sie in Liebe und Mitverantwortung für sich und andere leben, wo doch das eine regelmäßig das andere bedingt.
Als er Merlin dann bleich wie’s Betttuch liegen sah, traf es ihn weit heftiger als erwartet. Seine eigene Tochter, das Letz-te was ihm von der glücklichen Gemeinschaft mit seiner so klugen und warmherzigen Frau Xenia geblieben war, derart ohnmächtig und hilflos im Krankenzimmer wie unter Frem-den! Und die Gruppenleiterin lag selber, wie er hörte, gerade jetzt nach einem Sportunfall im Krankenhaus. – Wer alles hatte Merlin in dem Zustand schon gesehen oder gar angefasst? Welche Rolle spielte dabei Herr Najer, den er zwar von Elterntagen und Heimfesten her gut in Erinnerung hatte, der aber so demütig wie jetzt und als einziger Mann in ihrer Nähe für manchen Verdacht geeignet schien.
Auch die so sehr besorgten wie betretenen Gesichter ihrer Freundinnen Vera Coròn, sie kannte er gut, und Annabell Goffry, die am Bett saßen und je eine Hand Merlins einträchtig, somit aber auch irgendwie schuldbewusst hielten, wie es ihm in seinem inneren Aufruhr vorkam, konnten ihm nicht widerlegen, etwas grundsätzlich falsch gemacht und sich am Leben seines Kindes vergangen zu haben.
Als Herr Najer, der ein wenig rundliche Mittfünfziger mit dem Haarkranz und blassen Wangen eines Pädagogen, der gern in dem Glauben lebte, seine Person ein Stück weit aufgeben zu müssen, wenn er sich für andere hingibt, auch namens der Schulleitung sein tiefes Bedauern äußerte, schien Marlon alles ganz einleuchtend und echt.
Aber was ist, wenn solch ein Charakter gerade in diesen gefährlichen Jahren zur Einsicht gelangt, Wichtiges verpasst zu haben und nachholend jeden Weg für sich rechtfertigt?
Wäre doch nur ein Arzt hier!
Als hätte ihn der Kollege, ein weitgereister Philosoph und profunder Literaturkundler, verstanden, sagte er leise:
