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Glanz der rauen Tage - Lulu Sandmanns Härteprüfung Wenn Lulu Sandmann im Roman von ihren Monaten in der Maritim-Bau AG an der Nordsee erzählt, so fällt ein Glanz der rauen Tage trotz mehrerer Tiefschläge fast märchenhaft auf das Geschehen. Denn Lulu ist dreizehn, als das von ihrem Vater Wolfgang Sandmann bestens geführte maritime Großunternehmen an der Ostsee mit katastrophalen Folgen einem beispiellosen Subventionsskandal erliegt. Sie ist siebenundzwanzig, ein Bachelor und Master, als sie im Spätsommer Vorstandsassistentin der Nachfolgefirma wird und an die nordseenahe Weser geht, um bei den Schuldigen Verantwortlichkeit, zumindest Reue, Bedauern, und für ihren Vater Rehabilitation einzufordern: Dort, wo alles Leid am Tod ihres Vaters und der anhaltende Kahlschlag in Stadt und Region ihren Anfang nahmen. Schon im Winter darauf hat sie nicht nur viel erlebt, geliebt, erlitten, äußerst viel erreicht und wichtige Menschen gefunden - sie übernimmt an herausragender Stelle selbst Führungsverantwortung. Aufgezeichnet als ihr Tagebuch liest man es stets aufs Neue im Roman. So auch über ihre Beziehung zu Stanislaus Grotheken und Mara Vazari, über das Familienleben an der Ostsee während und nach den Umbruchjahren und von ihrem Quartett Café Cherie mit ihren Freundinnen, woran sie als Violinistin maßgeblich beteiligt ist. Wenn nur nicht Geldgier, Neid und Eifersucht zu Untreue, Mord und Firmenschäden führten, denen Lulu und andere mit viel Mut und Risiko begegnen! Die wichtigsten Personen neben Viktoria [Lulu] Sandmann, ihren Eltern und ihrem Bruder sind Mara Vazari, Stanislaus [Stan] Grotheken, beide im Vorstand, Hans-Peter Gernrath, Vorsitzender, Krista Vermehr, Chefsekretärin, Prof. Roland Siebel und Stephan Marwich.
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2017
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… um so den Beweis zu liefern, dass in der zarten Brust einer Dame von einziger Schönheit Klugheit und Tapferkeit bestehen können und alle andern Tugenden, die kaum bei ernsten Männern zu finden sind.
BALDASSARE CASTIGLIONE
(* 6.12.1478 bei Mantua, † 7.2.1529 in Toledo), Der Hofmann. Lebensart in der Renaissance
Nichts schärft das Auge des Menschen mehr, als wenn man ihn einschränkt. Darum sind die Frauen durchaus klüger als die Männer; und auf niemand sind Untergebene aufmerksamer, als auf den, der befiehlt, ohne zugleich durch sein Beispiel vorauszugehen.
JOHANN WOLFGANG GOETHE,
Unterhaltungen Deutscher Ausgewanderten
Lulus Erlebnisse und Handlungen sind ersonnen, ebenso alle Charaktere und Dialoge; Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind also ungewollt. Jedoch geht auch Fiktion auf Erfahrungen und Motive – aus der Realität, Geschichte und Traumwelten, aus Erhofftem wie Gedachtem – zurück und ist mitunter kaum weniger ›wahr‹ als das, was gemeinhin zur Anerkennung gelangt. Offenbar geworden, und somit öffentliches Gut, findet es Einlass in jenes, woraus sich neue Fäden spinnen, die je nach Neigung oder Fantasie erneut zu Fiktion oder Fakten führen und das mitformen, was wir Sichtweisen oder historisches Bewusstsein nennen.
Feiern zum Abschluss
Hinein – ins Vergnügen?
Überraschungen in Folge
Dreierlei Gefühle
Vor Anspannung beinahe blind
Das Schwere der Leichtigkeit
Jähe Reue im Memento mori
Nach Untergang – Erfolg
Ein rätselhafter Winter
Schrille Weihnachten
Mein allmählicher Sinneswandel
Zwei Angebote und ein Sieg
Finden – ein letzter Schritt
Denkwürdige Besichtigungen
Der Katastrophe nahe
Beklemmende Arten von Kampf
Gewinn, Verlust und ein Bedauern
Arte et Marte – modern
Noch ist mein seltsamer Weg nicht zu Ende, jedoch kenne ich das Ziel, es ist mir seither nur noch klarer geworden. Zwar frage ich mich mitunter: Wo ist die Grenze zur fixen Idee? Führt nicht ins Unheil, was zu stark, zu anhaltend betrieben wird? Dann wiederum weiß ich: Meine Bedenken und Selbstachtung werden mich nicht losgelöst handeln lassen von jenen, die ich schätze und die mir vertrauen.
Sicher, es ist ein Wagnis, interessant und gefährlich zugleich. Nach so vielen Mühen jetzt aufzugeben, wäre es allerdings auch, weil ich mich dann gegen mich selber aufbrächte und dabei so oder so verlöre.
23.07. Freitagabend. Von fern sind die Bässe und Trommeln der Five Fire Friends als Erstes zu hören, im offenen Cabrio klingt das fremdartig und überraschend gut. Am Ortsschild einen Gang runtergeschaltet, hat der Motor dazu den passenden Sound. Der heiße Sommerwind zieht mir fast die Bluse aus, prickelnd noch an Wangen und Armen.
Plötzlich rockt Bryans Wolfston aus Megaboxen durch vertraute Straßen, wie fernes Donnergrollen die der anderen. Ich sehe sie schon vor mir in ihren Lackjeans, bunten Flatterhemden. Der Wagen jauchzt in den Kurven, presst uns vier mächtig in die Sitze, die Dächer und Baumwipfel wischen nur so vorbei. Desiree neben mir, unruhig geworden, hätte sich wohl mit Volker am liebsten in den nahen Schlosspark verloren. Er will sie fassen, kommt aber kaum um den Vordersitz herum. Marco ist geschickter.
»Ist dir nicht gut? Fast hätte ich den Radler gestreift! Nicht während der Fahrt, und hört bitte auf zu trinken!«
Jetzt ist Ricky am Keyboard, surft solo auf unglaublichen Klangwogen. An der Kreuzung kommt Caspars Gitarre hinzu, anfangs wie ein Pfauenschrei, dann wendend ins Tremolo, sich steigernd in ein helles Vibrato, verzerrt vom Rauschen des Fanbeifalls, bisher vom Fahrtwind verweht.
Ein erster Halt: mein Geburtshaus bis zum sechsten Lebensjahr, später unser Feriensitz mit Berliner Verwandten. Ich sehe, atme schon die Reihen der blühenden Linden davor, bin auf einmal knietief zu Hause. »Hört nur, wie sie singen!«, flüstere ich und mache den Motor aus. Volker meint ungerührt: »Das sind die Bienen!« Ich gucke ihn gar nicht erst an, als ich sage: »Wir können nachher hier übernachten, die Dachwohnung haben wir nicht vermietet.«
An der Bogenlaterne aus altersgrauem Beton wenden und weiter. Bald geht es übers Steinpflaster der Schlossstraße, das wie wild rüttelt, als ritten Desiree und ich auf ihren Schimmeln. Ums Eck in die Schlossfreiheit. »Dort!«, ruft Marco. Hinein in die Parklücke, Jacke und Tasche an mich genommen. Der Wagen hat Pause, nach herrlichen anderthalb Stunden über flimmernd heiße Landstraßen von der Ostsee über Schwerin ins Herz der Griesen Gegend, bis nach Ludwigslust, ein städtebauliches Kleinod Mecklenburgs. Ein Klick!, und das Dach beugt sich über den Wagen, noch ein Klick!, und es ist zu. Die Strecke zum Schlossplatz nehmen wir im Laufen. Wunderbar, jung, bestgelaunt und voller Vorfreude zu sein!
Ein Ruf: »Ihre Karten!«, nach vorn ist aber kaum durchzukommen, sehr viele drängeln erst noch zu ihren Plätzen, unsere sind in der dritten Reihe. Die Musik kommt in Schussfahrt, das Bummern der Bässe wirkt wie Saugen, Umklammern: bof-bof-bof. »Verflixt ist das gut!«, ruft Desiree zu irgendwem. Volker blickt gereizt, meint denjenigen zu kennen. Marco, plötzlich vor mir, macht mit Brust und Armen eine Art Schneepflug, will es wohl allen mal zeigen, oft genug geht er ja in die Fitnessbude.
Ludwigslusts heimatliches Schlosspflaster: schöne, rundlich dicke, blassbunte Feldsteine, nur nichts für die erste Reihe, die Ladys der Prominenz in ihren Pumps.
Niemand will sitzen, alles bleibt stehen, die Arme oben. Es herrscht Enge, zwischen Stuhlreihen erst recht. Zwei Hits später verblüfft aufs Neue der Wechsel von Moll nach Dur, wie ein Erblühen! Dann das Aufreizen des Takts in Synkopen, jetzt diese Scheidestelle, der burleske Bass- und Gesangsdialog, auf den bei dem Topstück viele warten und mitsingen. Die Saiten wirbeln wilder, rühren noch die Letzten an. Ein grandioses Gewitter tobt in vielen von uns.
Jäh zerbirst Sidneys abfallende Schlagzeugkaskade, dass es einen nur so mitnimmt, als sollten wir auf die Knie, auf den Bauch, bis zur Erde. Tief unten – Enzos Bassgitarre fängt alles wieder auf – dehnt sich krasssüßes Herzweh taktelang. Flammender Nachhall schraubt sich lockend empor, schenkt sein Echo der Stadt, fließt über in satte Akkorde, eine Hymne ans Leben, Ludwigslust, Begehren. Dann, mit einem ausatmenden Paukenschlag: das Ende des Stücks.
Großartig, nicht zu überbieten!
Desiree ist rot vor Eifer, ihr Glutblick weit und fern, ähnlich wie die grelle Abendsonne. Überm Schlosspark sinkt sie, explodiert sie, ergießt sich ein letztes Mal. Blutrot glimmen die tanzenden Massen, das wogende Menschenmeer.
Jäh fließt neues Gleißen über uns hinweg und gegen die barocke Vorderfront des Schlosses, siebzehn Fenster breit. Wie lebendig glühen oben auf der Attika taktgleich die übermannshohen Steinfiguren. Doch dieses Blutrot hat Dauer, wandelt sich ins Gelbe, ins Violette, ins Goldglänzende, verströmt von hinter uns bei den Wasserspielen installierten Lasern. Im Zentrum glänzt golden das Südportal, zerfließt glühend das Schloss, wir am liebsten mit ihm.
Fast jeder glimmt und glitzert zuletzt mit irgendetwas in den Händen. Hitzezungen schnappen zu beim Atmen, doch die Musik kocht weiter. Marco witzelt, in den Hüften wiegend: “A rocking bone gathers no moss!“ – Na klar, wie denn auch bei der Lautstärke, dem Lebenstempo. Ich schon gar nicht. Eins weiß ich genau, ich gebe mal nie auf, egal, was noch kommt! Und es passiert gewiss noch einiges. Bisher war vieles erst Ouvertüre: Studium, Praktika, Examina, vermutlich auch Marco. Danach will ich noch in den Schlosspark, in hellen Nächten wie dieser ist er am schönsten. Hoffentlich kommen nicht zu viele auf dieselbe Idee.
Und schon ist wieder in mir jene tief gründende Sehnsucht nach der Stille von Gräser-, Bach- und Blätterrauschen, fern von Massen und ihrem oft unerträglichen Lärm.
26.07. Freitagabend noch open air in Ludwigslust, Montagmorgen an der Hochschule bereits ins mündliche Masterexamen: das passt! Genauso fallen meine Antworten. Bevor meine Prüfer noch ganz klarkommen mit mir, meinem Auftritt, Agieren, stelle ich bereits Fragen, die ich auch schon mal selbst beantworte, fließend, derweil mich die Herren mit Blicken taxieren. Anmut, Präsenz, Intelligenz – wie eh und je bilden sie eine mächtige Melange, wonach ein jeder verlangt, sie besitzen, naschen oder mitglänzen will.
Auch deshalb liegt die Prüfung dann zum Gutteil in meinen Händen. Mit den Vornoten aus Modulen und Masterarbeit lautet meine Gesamtnote schließlich: Eins Komma null, mit Auszeichnung bestanden! Nicht zu sagen, wie gut das tut … Auch daraufhin habe ich zuerst in Berlin für den Bachelor in Betriebswirtschaft gelernt, gekämpft, gelitten, danach an der Ostsee für den Master of Arts, mein Ticket in die Ökonomen-Führungsklasse, jahrelang.
Jetzt hört mich bitte an: Lulu hat nicht vergessen, und sie kennt ihr Ziel! Es ist mir seither nur noch klarer geworden – zu gewissen Zeiten allerdings auch etwas fragwürdig. Schon früh hat es mich ergriffen, geformt, geschliffen, seitdem nicht mehr losgelassen. Raum für Freiheiten war selten, mit vielerlei Nachteilen und wenigen Vorzügen.
Für meine beiden Praktika während des Grundstudiums im Finanz- und Rechnungswesen habe ich nicht zufällig zwei spezielle Unternehmen in Küstennähe gewählt, um sie geht es mir auch künftig. Und nun? Schon vor dem Master-Examen habe ich mich bei ihnen beworben – und von beiden eine Zusage erhalten. Danke, besten Dank!
Prima wäre es, wenn Marco mir raten könnte, bei wem starten, das kann er jedoch nicht, kann kaum jemand. Mein Vater, der es könnte, ist vor sechs Jahren gestorben. Vermutlich hätte er mir aber davon abgeraten. Und Mama? Sie hat sich ihm, und in manchem auch uns, meinem ein Jahr jüngeren Bruder Alexander und mir, schon seit längerer Zeit entzogen. Ungewiss, ob wir Frauen uns noch einmal ganz nahe kommen, es dürfte auch schwierig werden.
Die hiesige Portbau Aktiengesellschaft an der Ostsee will mich für eine Planstelle im Marketingbereich. Bei der Maritim-Bau AG an der Weser nahe der Nordsee wäre ich nur Assistentin des Vorstands, dazu auf ein Jahr befristet. Ich habe mich trotzdem für die Maritim entschieden: weil dort diese Tragödie ihren Anfang nahm! Zwar wäre ich lieber an der Ostsee in meiner Heimatstadt geblieben, auch bin ich als Assistentin niedriger eingestuft als eine Sachbearbeiterin – beim Weservorstand jedoch um einiges näher vor Ort.
Ohnehin habe ich großes Glück, manch andere Absolventen gehen erst noch und noch einmal ins Praktikum, nicht selten ins Prekariat, mit allen lausigen Folgen.
In Ludwigslust vor siebenundzwanzig Jahren geboren, nennen mich fast alle Lulu. Vielleicht war ›Viktoria‹, mein richtiger Name, meiner Mama aber nur zu lang. Kurz bevor ich eingeschult werden sollte, berief man meinen Vater Wolfgang Sandmann als Werksdirektor zum VEB Eiserne Hand, ein volkseigener Betrieb, an die Ostsee, wohin wir dann umzogen. Gleich nach der alle überraschenden Wende der Jahre 1989/90 hat er ein Fernstudium begonnen und sein Diplom in Betriebswirtschaftslehre gemacht. Er wurde Vorstandsvorsitzender der zur Eiserne Hand AG gewandelten Firma und ist es für einige Jahre geblieben. Später ging, nach deren Konkurs, die Portbau AG daraus hervor, als Vater dort aber schon nicht mehr war.
Jetzt heißt es für mich Zimmer suchen und bald Koffer packen, denn Anfang September geht es an der Weser los. Die anderen wissen noch gar nichts davon.
28.07. Mittwochabend, als Marco zu meiner Examensfeier kommt, muss ihn seine Mutter Isabel bringen. Auch am Freitag war es ihr Wagen, denn er hat einen Zweisitzer und ohnehin noch vier Wochen amtliches Fahrverbot. Darum bekommt er jetzt auch nichts Alkoholisches von mir.
Es tut gut, wenn man für seine Leistung mal so richtig gefeiert wird! Die liebe Isabel Michaelis hat sogar ein Geschenk dabei, das neuste Album der Five Fire Friends: Sunset Glow with You, mit den Hits, die wir life gehört haben. Dankeschön! Damit erobern sie gerade die Charts und wohl endgültig die Rock and Roll Hall of Fame.
Sie selber, meint Marco, fände die Band zwar nicht so angesagt. Das hindert sie aber nicht, ihn weiter zu verwöhnen und auch uns dreien die teuren Karten zu spendieren. Ihr Mann Ralph ist Vertriebschef bei der Portbau, sie selbst führt eine Boutique nahe Marktplatz; beide stammen aus Dortmund, leben seit sieben Jahren hier. Ich lernte Marco im Masterstudium kennen, er im zweiten, ich im ersten Semester, nächstes Frühjahr will er ins Examen.
Nach Desiree und Volker kommen weitere Freunde und Bekannte, darunter Studenten, ein Buchhändler und Verlagsvertreter, ein Jungunternehmer und Forscher der Wirtschaftsgeschichte sowie ein Professor. Da wird es richtig eng bei mir. Auch mein Bruder Alexander gratuliert mir auf seine stille Weise, Simone und Nancy auf musikalische, indem sie mir im Garten ihr neustes selbstkreiertes Lied vortragen mit dem von Nancy angekündigten Titel Ludwigslust-Serenade. Dabei wird Simones Gesang von Nancy am Keyboard begleitet, was gut passt. Anfang und Ende sind eine Art kauzig-luftiger Marsch, den Nancy prima pointiert. Mittendrin hat Simone zwei eigenwillige, langsame Sätze, frei und leicht gehalten, mit einem hauchfeinen Geschmack nach Pfefferminz und Mandelöl.
Schon wollen die Gäste mehr von uns vieren hören: Desiree, Nancy, Simone und mir; denn unser Quartett ›Café Chérie‹, mit dem Untertitel ›Cello catches Coconuts‹, hat sich inzwischen über Hochschulkreise hinaus einen Namen gemacht. Nur hatte ich heute schon viel zu erledigen, und auch Desiree ist nach einem anstrengenden Tag nicht wirklich danach. Andererseits liegt mitunter auch im sich Rarmachen ein Teil des Erfolgs als Künstlerin.
Die dramatisch begabte Nancy, eigentlich heißt sie Beate, Beate Dillen, was sie nicht ausstehen kann, fragt mich mit Chips und Sektglas in Händen, wie es denn bei mir so weiterginge, demnächst. Marco bekommt es zuerst gar nicht mit, bis ihn Volkers Zigarettenschachtel trifft.
Ich kann Lügen normalerweise noch weniger ausstehen als Drumherumreden, so sage ich etwas überrumpelt, denn ich wollte damit heute noch nicht rauskommen, dass ich höchstwahrscheinlich an die Nordsee gehe.
»Tu dir das bloß nicht an!«, so Nancy in ihrer etwas kecken und oft auch deshalb sympathischen Art.
Marco, verblüfft, erregt sich: »Das ist wohl ein Witz!«
»Ich finde ganz bestimmt wieder zurück, schon bald!«, erwidere ich. Er zweifelt. So betone ich: »Du kannst dich darauf verlassen!« Marco bleibt die Party vermiest.
Als Isabel spätabends wiederkommt, wirkt sie bald darauf verstimmt, trotz eines Proseccos ist sie es noch beim Abschied mit Marco. Damit und mit manch anderem muss ich wohl leben. Hat man etwa meinen Vater geschont – oder Mama, Alexander, mich und die vielen anderen von der Eisernen Hand in dieser Stadt und dieser Region?
Sollte Einsamkeit der Preis sein, um mein Ziel zu erreichen, so möchte ich am liebsten innehalten oder gleich umkehren. Schrecklich wäre für mich die Erkenntnis, meine Mühen vor allem meiner Ichbezogenheit zu verdanken und nicht voran Beweggründen, die aus Verbundenheit mit anderen hervorgehen. Zum Glück halte ich mein Vorhaben weder für egoistisch noch eitel und schon gar nicht für paranoid, sondern schlicht geboten und nichts anderes als human. So hoffe ich, dass mir Isolation erspart bleibt und ich auch künftig genügend Gelegenheit finde, mit anderen Vertrauen, Sympathie und Wertschätzung zu teilen.
Denn hierin sehe ich, über das Berufliche hinaus, meine menschliche Erfüllung und mein eigentliches Lebensziel.
16.08. Als mir am Montag die nordseenahe Weser im ICE immer näher rückt, verkrampft sich mir dennoch der Magen, meine ganze Vorbereitung geht hops. Ich zwinge mich, keine Angst vor der Courage zu haben. Genauestens habe ich mir klargemacht, auf was ich mich einlasse. Fürchten muss sich nur, wer Unrecht tut. Leute jedoch, die andere ins Unglück stürzten, zu stellen, ist kein Verbrechen. Ehrlos aber ist, was damals geschah, mit Nachwirkungen bis heute.
Daher muss ich herausfinden und persönlich erfahren, wer sich in erster Linie schuldig gemacht hat – aber nicht aus Rache. Was ich einzig will, ist Verantwortlichkeit, zumindest dies: Reue, ein Bedauern. Oder ist es etwa Nostalgie, für einen Verstorbenen Rehabilitation zu fordern – und Genugtuung für viele Lebende, noch und irgendwie Lebende, die nicht wie ich Gelegenheit dazu haben?
01.09. ›Viktoria Sandmann‹ steht gut lesbar seit heute auf meinem Schreibtisch, ein kleines Namensschild trage ich als Anstecker. Mein Fenster weist hinunter auf den Europahafen und das angrenzende Firmengelände mit Schiffen, Hallen und Kränen. Am Kai entlang die Sprossen der Eisenbahngeleise, dahinter zwei Reihen massiver rolltorbewehrter Schuppen. Etwas entfernt das volle Grün einer Kastanienallee, die sich in die Stadt hinzieht, wie ich von früher weiß. Man hat mir fürs Erste meine Aufgaben erklärt, mich herumgeführt und mit wichtigen Leuten bekannt gemacht. Ein paar kenne ich noch aus der Praktikantinnenzeit, darunter Frau Vermehr, Sekretärin des Vorstandsvorsitzenden Dr. Gernrath, und Frau Uhnson, Sekretärin des Finanzvorstands Herrn Pröller.
Wir begrüßen uns herzlich. Ich habe mich in Businesslook mit etwas Chic gehüllt, der allgemeine Kleidercode. Dr. Hans-Peter Gernrath, ja, auch ich habe einen Chef, keine Chefin, ist etwa fünfzig, mittelblond, groß, schlank, hochintelligent und sehr sympathisch. Er redet wie er handelt: konzentriert, zugleich kommunikativ entspannt, auf Balance bedacht – ein seltener, bewegender Charakter mit Selbstgefährdungspotenzial, wenn ich nicht irre.
Krista Vermehr, etwas jünger als er, ist vorausschauend, versiert, kompetent und im Umgang mit mir verständlicherweise noch etwas knapp. Ihr eleganter schiefergrauer Hosenanzug wirkt an ihr ganz natürlich, ihre Stimme ist klangvoll, ihre kupferfarbene Stirnlocke vielleicht zutraulicher als gewollt. Mal sehen!
02.– 08.09. Meine ersten Arbeiten habe ich nicht anders erwartet, so Angebote, Messeunterlagen und ähnliches ordnen, kopieren oder scannen. Ferner Listen anfertigen, zugleich Excel-Tests, sage ich mir. Später zwei Fachartikel zusammenfassen, einen dritten auf Englisch nach Stichworten schreiben, sicher auch Fremdsprachen- und Word-Tests.
In Abwesenheit von Frau Vermehr tragen mein stimmlicher Reiz und Geschick beim Telefondienst offenbar erste Früchte, denn mehrfach werde ich unter anderem von Führungskräften angerufen. Es gibt Plaudereien, erste versteckte Flirts, beides jedoch nicht vom Chef.
09.09. Seit Donnerstag bereite ich Dokumente für eine Sitzung vor. Basierend auf von mir redigierten Texten zum Bau von Windenergieanlagen erstelle ich Tabellen und Schaubilder. Durch Layout, Farbsystem und Gliederung gebe ich allem eine inhaltlich klare Struktur und ein gefälliges Äußeres. Jetzt zahlt sich aus, dass ich seit der Schule unter anderem Interesse an Grafiken und Gestalten habe, nun versiert darin bin, auch am PC. Für den erfreuten Dr. Gernrath bin ich dann bei der Sitzung mit dabei, lerne fast die gesamte Unternehmensspitze kennen. Prima! Frau Vermehr führt Protokoll, woraufhin ich später im Verteiler stehe und eine Kopie erhalte. Der nächste Erfolg!
15.09. Am Mittwoch verfasse ich eine abends abzugebende Maßnahmeschrift zur Sicherung des Cashflows: den Finanzmittelüberschuss nach Verrechnung von Einnahmen und Ausgaben, und zwar für ein Investitionsgüter-Unternehmen wie die Maritim. Auf drei Seiten richtig losgelegt, womit ich Herrn Gernrath offenbar voll erreiche. Spät noch guckt er herein, sagt lächelnd: »Weiter so, Frau Sandmann!«, und macht mit Daumen und Zeigefinger das Zeichen für gut gemacht. Freudig rufe ich ihm »Danke, danke!« nach.
24.09. Freitag, gleichfalls noch über Frau Vermehr, dann der erste substanzielle Auftrag: Gegenüberstellen der Unternehmensentwicklung bei Umsatz und Ertrag im Bereich Hafenanlagenbau der letzten drei Jahre. Und zwar für die Maritim-Bau wie für ihre beiden wichtigsten Wettbewerber in der EU. Damit verbunden ist das Recht, Unterlagen einzusehen, auszuleihen und externe Informationen zu beschaffen, plus Zugangscode für meinen Rechner. Ein Zeitlimit ergeht nicht, nur mehr Allgemeines zur Ausführung.
Dafür hätte ich mich jetzt zuerst an die jährlichen Geschäftsberichte halten können. Doch sind sie, wie ich weiß, mehr auf Aktionäre, Kunden, Banken und Investoren hin angelegt als an betriebliche Vorgänge und Fakten gebunden. Bis Mitte Oktober setze ich alles daran, vor allem abends und an Wochenenden, tagsüber läuft zu viel dazwischen.
18.10. Am Montag nach der ›Kleinen Besprechung‹, an der ich teilnehme, dann Abgabe meines Berichts, komprimiert, kommentiert, im Anhang detailliert, ausgedruckt auf Qualitätspapier, gefügt in Geschäftsmappe. Darin sind ferner Folien mit Diagrammen, Grafiken, Schaubildern und Tabellen sowie eine CD mit allen Texten und Materialien.
19.10. Frau Vermehr und Finanzvorstand Herr Pröller sind am Dienstag schon länger beim Chef, ich werde noch spät hinzugerufen. Offene und teilweise etwas zwiespältige Gesichter begegnen mir wie erwartet. »Ihr gezeigter Einsatz und analytischer Scharfblick, Frau Sandmann«, meint Herr Gernrath wohlwollend, »sind erstaunlich!« Frau Vermehr sieht mich voll an. Nachdenklich setzt er hinzu: »Sind Sie zugleich eigensinnig?« Jetzt blickt sie vor sich hin.
»Mit einem Optimum an Ergebnissen dienen zu wollen«, antworte ich freundlich, »dürfte nicht Sturheit sein.«
»Übers Ziel hinausschießen ist manchmal wie nicht ankommen!«, meint Herr Pröller seltsam impulsiv, gleichwohl um einen sachlichen Ton bemüht. Doch tief in ihm rumort es. Er blinzelt, als sich unsere Blicke treffen, dabei wandern seine Finger um den Schaft eines wuchtigen Vierfarbstifts, sein breiter goldener Ehering glänzt.
Ruhig sage ich: »Beim Sichten der Unterlagen erkannte ich, dass sich hierbei öffentliche Fördergelder und die Unternehmensentwicklung einander wesentlich bedingen. Diesen Zusammenhang mit herauszuarbeiten hielt ich zentral für die Geschäftsentwicklung, um die es ja geht.«
Dr. Gernrath meint: »Die Maritim leistet, wie Sie noch näher sehen werden, zugleich einen großen Beitrag zu Neuund Ausbau von Häfen und Offshore-Anlagen als Basis weltweiten Handelns und Energieversorgens. Naturgemäß treffen sich darin staatliche und Unternehmensinteressen.«
»Genau das«, sage ich, »fand ich spannend zu belegen. Zumal beide Mitbewerber zwar ungleich viel Subventionen erhalten, proportional jedoch klar mehr als die Maritim.«
»Das festgemacht zu haben«, meint der Chef schmunzelnd, »wird auch Ihr Verdienst bleiben. Ja, wir schneiden im Vergleich der Fördergelder schlechter ab! Darum sollten wir bei Gelegenheit unseren öffentlichen Stellen diesen Teil Ihrer Arbeit zukommen lassen.«
»Danke!«, sage ich erfreut, sehe ihn verbindlich an und bin bereit zu gehen. Frau Vermehr hebt leicht die Hand und meint: »Spannend fanden Sie also auch, eine Dreijahres-Prognose ungebeten anzufertigen!«
Ich atme erst einmal tief, bevor ich gelockert, fast schon vertraulich entgegne: »Ja, Frau Vermehr, aber nicht aus Eigensinn. Prognosewerkzeuge und -techniken faszinieren mich bereits seit dem Studium. Alles Tun hat doch nur Substanz, wenn wir die Zukunft einbeziehen.«
Der Chef: »Akzeptiert!, und was schließen Sie daraus?«
»Wie ich ferner belege«, antworte ich, »sind beide Unternehmen wachstumsstärker und auch profitabler als wir. [Ich gebrauche erstmals dieses Wir.] Die Maritim hingegen ist von Verlusten bedroht. Darin spiegelt sich deutlich dieser Befund wider: Beide Wettbewerber erhalten höhere öffentliche Mittel. Das müssten wir auszugleichen suchen.«
»Und wie bitte?«, fragt der verblüffte Herr Pröller etwas gedehnt. »Vielleicht durch konsequente und erfolgreiche Lobbyarbeit?«, gebe ich fast schon vergnügt zurück.
»War auch sie einer Ihrer Studienschwerpunkte?«, hakt Frau Vermehr nach. »Nicht direkt«, antworte ich, »doch interessieren mich natürlich nicht nur als Staatsbürgerin ökonomisch-politische Allianzen.«
»Ich denke«, sagt Dr. Gernrath, »wir sollten Ihnen für Ihre Fleißarbeit und das Gespräch danken.« »Auch ich danke Ihnen allen sehr«, sage ich zum Abschied lächelnd.
Prima, ein Achtungserfolg, besser als gedacht!, schärfe ich mir auf dem Heimweg ein. Mein Herangehen und Spürsinn haben etwas. Subventionen und ihre Verwendung liegen ohnehin auch künftig auf meiner Fährte.
Leider habe ich bislang noch nichts in meiner Richtung herausgefunden, denn bei den Maritim-Recherchen kam ich nicht weiter zurück als zehn Jahre. Ältere Unterlagen sind in einem Archiv, für das ich keinen Zugang habe und wohl auch kaum erhalten werde. Trotzdem müsste ich noch vier weitere Jahre zurückgehen. Ich war doch gerade erst dreizehn, als alles geschah, als unser Unglück aus der Maritim heraus seinen verheerenden Lauf nahm.
Zwar haben viele Medien, darunter große Nachrichten-Magazine, teilweise jahrelang und engagiert über Aufstieg und Fall der Maritim wie der Eisernen Hand berichtet. Allerdings wurde mir das erst deutlicher bewusst, als meine Suche längst sehr persönlich geworden war.
Heißt es aber nicht ohnehin, Glück habe auf Dauer nur der Tüchtige?, und das meint gewiss auch: der Redliche. Das fragte ich mich schon früher, als meiner Courage wieder einmal die Flamme auszugehen drohte. Kann ich dem aber zustimmen, wenn ich mich nur umsehe?
Etwa zu Marco: So wenig kraftvoll er zurzeit noch agiert, andere, eventuell auch mich, wird er künftig wohl überflügeln. Sein Vater Ralph Michaelis ist Vertriebsleiter, also im Vorstand der Portbau AG an der Ostsee, und in Wirtschafts- und Politikkreisen so angesehen wie gut vernetzt. Er ist kooperativ, agil, planvoll, an beiden Kindern interessiert und ein guter Triathlet. Bestimmt hilft ihm Isabel auch weiterhin voran; oftmals coacht sie ihn regelrecht, was er verhalten annimmt. Bei Marco, der gefügiger ist und seine Mutter verehrt, wird sie eher noch mehr Erfolg haben.
Oder zu Desiree Franow: Ihr Vater Sebastian ist Direktor eines Landesamts in Schwerin. Für Außenstehende wirkt sie mitunter wie durch den Wolf. Das täuscht, so ist sie höchstens privat, beim Austoben. Im entscheidenden Moment kennt sie ihre Rolle und Interessen, hat sie jede Menge Verstand, Stil und Charme, entsprechend handelt sie. Mit achtundzwanzig, gut ein Jahr älter als ich, ist sie stellvertretende Leiterin einer großen Spedition.
Oder zu Volker Wanden, Architekt, neunundzwanzig: Sein Vater Joachim ist ein bodenständiger Bauunternehmer, Alleininhaber und mehrfacher Immobilienbesitzer. Eines Tages wird Volker, das Einzelkind, ihn beerben. Was immer er also vermag, sein materielles Glück scheint schon jetzt gemacht. Desiree ist auch hierbei nicht untätig. Für sie gab Volker seine Ehefrau auf und lebt mit ihr zusammen. Sie wollen bald heiraten, Kinder haben.
Wohin mich mein Weg führt, weiß ich noch nicht. Ausschließlich auf Karriere zu setzen empfinde ich aber als einigermaßen fad. Ähnlich, wie zu viel auf mein Äußeres zu geben, so wirkungsvoll es oftmals auch ist.
23.10. Marco kommt am Sonnabend überraschend früh. Er will über Nacht bleiben und mich möglichst alle vier Wochen besuchen, verkündet er. Ich stecke voll in Arbeit, vor mir ein Berg Bücher, Zeitschriften, Unterlagen. Er aber gibt sich, als wollte er hier ausspannen, und ich dachte schon, er wollte mal wieder richtig Party machen. Als ich uns etwas zu essen bereite, überfliegt er einige Blätter und fragt, als wir uns gegenüber sitzen, ob ich etwa an einer städtischen Baugeschichte schriebe.
»Gar nicht viel daneben!«, antworte ich. »Auch diese Hansestadt ist einst gerade durch ihre Häfen reich und bedeutend geworden, seither ihre stete Pflicht und Mühe.«
»Was geht dich das an?«, fragt er.
»Du bist gut!«, entgegne ich, »bin ich denn nicht bei der Maritim? Sie ist nicht zuletzt in Hafenbau und Hafenausrüstung engagiert, hier wie international.«
»Ich denke«, sagt er, »sie projektiert und baut vor allem Offshore-Windparks!«
»Auch Straßen und Bahnanlagen«, erwidere ich, »nur ist das aufgrund vieler Hürden mühsam. Häfen instandzuhalten, zu modernisieren und gelegentlich neue zu bauen oder auszurüsten ist wohl weniger aufwändig und riskant. Es ist zugleich eine interessante und wichtige Aufgabe, denn Häfen verbinden, sie lassen Völker teilhaben an Kultur und Wohlstand anderer. Sie bauen Schranken ab, verbreiten Toleranz und Weltoffenheit. Man könnte meinen, schon allein darum seien Flüsse, Seen und Meere geschaffen worden.«
Er guckt verwundert drein. Bald erzählt er von seinem Studium, das ihm, wie ich heraushöre, zunehmend hart wird. »Mit dir Lulu, ist alles viel besser gelaufen«, meint er.
»Du hast doch nur noch ein paar Monate«, sage ich. Er wendet sich ab, guckt in die Ferne, zum ›Turm der Lüfte‹ hin beim städtischen ›Universum‹. Mir wird etwas ungemütlich. Ich frage nach Desiree, Simone und den anderen und spüre aus seinen Worten, dass sich unsere Gruppe seit meinem Weggang etwas aus den Augen verliert.
Das darf unserem Quartett aber nicht passieren! Ohnehin müsste ich zum Proben nach Hause, denn an Weihnachten, Silvester und Neujahr geben wir Konzerte. Daher müssen wir uns noch besser abstimmen und bis dahin eine jede ihren Part bis zur Perfektion allein üben.
Mit meinem Wechsel an die Weser hat Marco noch immer ein Problem, denn seine Entwicklung, oder was er danimmt, hat er offenbar bereits stark mit mir verbunden. Am liebsten wäre ihm, ich betrachtete mich als seine Frau. Gern sähe er mich daher zurück an der Ostsee.
Bevor er nun weiter in diese Richtung drängt oder in trübe Stimmung fällt, schlage ich vor, was jetzt gerade nicht auf meiner Agenda steht: »Komm, ich zeige dir die Stadt, dabei lerne ich sie selber besser kennen. Nancy und die anderen werden dich fragen, dann kannst du sagen: Drei mal super: Job, Stadt und Apartment.«
»Damit diese hellwache, verdammt kritische und schlagfertige Nancy mir glaubt, müsste ich schon etwas Reelles anschleppen, wie etwa eure Stadtmusikanten«, meint er.
»Sie und anderes gibt es hier überall«, sage ich lachend.
Bis zum Nachmittag besuchen wir daraufhin den Entdeckerpark und, inmitten der Weser, das Museum für moderne Kunst. Möwen und eine leichte Meeresbrise lassen uns auf dem Weg durch die Altstadt die nahe Nordsee ahnen. Wir sind fasziniert von der Waldbühne im Bürgerpark, ein Juwel von Pavillon, darin wir etwas verweilen und uns ein Kutschersteak mit Bauernsalat gönnen.
Was ich unter anderem an Marco mag, ist dennoch seine Unfertigkeit und relative Unverdorbenheit. Zwar hat er wohl via Internet so gut wie alles durch, wie ich ahne. Man hält ja auch sonst den Ball gern flach, die Pornographie hingegen hoch, und was bietet sich da nicht alles, Jungen bis Greisen! Persönlich scheint er noch etwas unerfahren, kindlichen Gemüts, auch ist er recht arglos, suchend und ehrlich in seinen Ansichten und Handlungen.
Daher nähert er sich mir am Abend auch eher wie ein noch etwas schüchterner Hund. Mir ist, als schnuppere er zuerst an mir und wagt mich nicht recht zu berühren. Dabei lugt er zärtlich aus den Augenwinkeln und versucht, meine Mimik und Gestik zu deuten. Er weicht zurück, wenn es mir unbehaglich erscheint und geht vorsichtig auf andere Weise vor. Halb unbewusst strengt er sich dabei an, sieht mehr mich, sein Weibchen, das er umschmeichelt, als sich selbst. So ist er anfangs sehr mit Küssen, Streicheln und schließlich Auskleiden beschäftigt, bei sich selbst vergisst er fast davon. Das ist schon etwas lustig, für mich als Frau aber ganz angenehm.
Bis er mich bei sich sieht und fühlt, vergeht daher eine Weile. So gelange ich nach und nach eher in Einklang mit mir und allem. Erst als er merkt, dass er mich ganz erreicht hat, dass ich ihm sowohl willig folge wie mich auf gemeinsames Erleben hinbewege, dann erst, so mein Eindruck, gibt er sein auf mich Orientiertsein etwas auf und wendet sich selber mehr zu. Dabei wandern seine Blicke und Hände umher, jetzt stärkere Reize suchend. Er taucht ein, was ihm zuvor tabu erschien; er berührt, um sich zu weiden, genießt es, wenn ich nachgebe, weiß er sich doch inzwischen angenommen.
Als er anklopft, ist es nicht das unsanft Drängende, das manche für Leidenschaft halten. Vielmehr wird es zu einer einvernehmlich vorbereiteten Reise, die man durchs Tor gehend gemeinsam unternimmt. Dabei müht er sich, um mich zu fühlen. Nur so kommt er letztlich zu dem selig Sprachlosmachenden und zum angestrebten Sonnenglänzen, das dann auch meines ist. Er umschlingt mich gar derart, dass er mit mir ein einziges Ringelwesen werden will.
Sein schließliches Niedersinken ist, als ginge ein guter Flug zu Ende. Das entspricht in etwa auch meinem Empfinden, mit dem ich mich noch geraume Zeit danach spüre.
Als Marco die Augen aufschlägt, treffen sich unsere zufriedenen einvernehmlichen Blicke.
Dennoch ist mir nach einer Weile, als hätte ich mich um einen gewissen Wert und manch mögliche Erkenntnis gebracht. Sollte ich daher eher bedauern?
Es ist ja nicht uns allein bestimmt, tätig zu sein, ob in der Liebe, im Beruf oder auf andere Weise. Alle in der Natur sind es, so etwa Bienen, Biber, Mauersegler oder Kletterrosen. Tätig sein ist demnach nur auch für unsere Spezies das Normale. Umso furchtbarer finde ich es, wenn manche, wie einst mein lieber Vater, scheinbar nicht mehr gebraucht werden, arbeitslos gemacht und Gefahr laufen, ichlos zu werden. Oder wenn sie trotz aller Arbeit nicht menschenwürdig von ihr leben können, wie einige, die ich kenne. Oder wenn sie lustlos und fremdbestimmt arbeiten (müssen), fern ihren Anlagen und Neigungen.
Welch Glück, freudig leisten zu können, was einem liegt, von anderen geschätzt und fair entlohnt wird! – Ich bin gespannt, wohin es mich künftig noch führt.
25.10. Montag. Jetzt ist Marco wieder fort, jetzt fehlt er mir. Die Zeit mit ihm blieb nicht spurenlos. Der Austausch von Zuneigung ist für mich ein wichtiger, oftmals gefährdeter Akt. Tagsüber habe ich zwar ständig mit Menschen zu tun, um Arbeit herum entwickelt sich ja allerlei.
Herr Pröller beispielsweise kommt nicht selten, inzwischen sogar zunehmend oft, für mich auffallend gern, und er bleibt auch schon mal. Natürlich, am ehesten, wenn der Chef und Frau Vermehr fort sind. Er macht seine Art Komplimente und sucht, bislang noch mehr hintergründig, meine Nähe, ein Heimlichtuer. Dabei überträgt sich jedoch nur seine innere Unruhe auf mich und zwar keineswegs angenehm. Anderen fällt das alles womöglich gar nicht auf, unbeeindruckt wie ich mich gebe.
In solchen Stunden bin ich als Assistentin des Vorstands auch für andere Bezugsperson, so zugleich für den braunhaargewellten, saloppen Stanislaus Grotheken, den eher noch jugendlichen Vorstand für Recht und Personal, zugleich Arbeitsdirektor des Hauses.
So »dröge« der juristische Teil seiner Aufgaben zuweilen auch sei, wie dieser nette lange Bursche gelegentlich scherzhaft klagt, so lebhaft, humorvoll und aufmerksam ist er in meiner Umgebung.
Nur tilgt das außerhalb der Maritim nicht meine Beziehungsarmut. Bevor ich nun ins Simsen, Twittern oder Chatten mit Schwärmen anonymer Nutzer verfalle – Netzgruppen gegenüber habe ich ohnehin Bedenken, lasse mich auch ungern nochmals übers Internet belästigen –, befasse ich mich lieber weiter mit meinem Ziel. Das hält mich, hoffentlich wenigstens bis dahin.
Inzwischen habe ich nicht wenig in der Maritim erreicht. Meine Arbeit wird zunehmend anerkannt, ich selber werde geschätzt, teilweise mehr als das. Weil ich mich vollständig einbringe, mir nur Bestergebnisse leisten mag, schließt sich nach und nach auch der Zwiespalt in mir, hierzusein und unredlich zu handeln, denn das mache ich ja nicht.
04.11. Trotzdem bin ich überrascht, als mich Herr Gernrath am Donnerstag wie nebenbei anspricht. Ich habe gerade bei Frau Vermehr zu tun, sie sitzt, ich stehe. Der Chef kommt und fragt, ob ich interessiert sei, demnächst bei einer Konferenz mit dem hiesigen Senat mit dabei zu sein. Mein erster Blick gilt Frau Vermehr. Sie gibt sich neutral, ist also wissend, denke ich mir. Dann sehe ich ihn an. Und noch bevor ich etwas sage, kann ich meine Antwort in seinen Augen lesen, denn die Begeisterung spricht offenbar aus mir. Da brauche ich nur noch »Ja, sehr gerne!« zu sagen. »Gut«, meint er, »wenn der Termin steht, sehen wir weiter«, und geht beschwingten Schritts.
Nun kommt bei mir erneut einiges in Bewegung – und schon bricht mein innerer Zwiespalt wieder auf. Mein erstes Teilziel rückt näher. Der Senat, die hiesige Landesregierung, ist mit dem Bürgermeister, in Flächenländern Ministerpräsident genannt, und den Senatoren, Ministern, das höchste staatliche Organ der Freien Hansestadt. In der Konferenz träfe ich also auf die Regierungsspitze. Prima!
Zwar liegt das Geschehen, weswegen ich jetzt hier an der Weser bin, schon drei Wahlperioden zurück. Ich war ja noch ein Mädchen, als Vater uns plötzlich verlorenging. Meine Mama Sonja und wir beiden Kinder hielten ihn für nichts anderes als tot. Für mich ein elementarer, ungeheurer Schmerz! Noch heute trifft es mich wie Feuer, wenn ich nur daran denke.
Nach einer mir endlos erscheinenden Reihe rabenschwarzer Tage tauchte Papa überraschend wieder auf, jedoch wie vernichtet an Körper und Geist! Wie ein vom Blitz Erschlagener! Ein zweiter, fast noch härterer Schock für mich. Nie mehr richtete er sich ganz auf. Als Mama sich ihm immer mehr entzog, nahm sie ihm noch das Letzte.
Wohl nur Alexander und mir zuliebe hielt er, dieser zuvor so optimistische, vielfach begabte und überaus engagierte Mann, noch fast sieben Jahre durch, bis auch sein Junge endlich ins Studium ging. Nie aber sprach er von Rache, von Gerechtigkeit schon. Ich muss, wie ich erneut ganz klar sehe, wenigstens seine Rehabilitation erkämpfen, für ihn, für Alexander, für andere und mich. Sonst gehe ich daran noch ganz gewiss kaputt!
09.11. Am Dienstag erfahre ich von Frau Vermehr, dass die Konferenz mit dem Senat am 7. Dezember stattfindet. Gleich für übermorgen wird eine Vorbereitungssitzung einberufen. Auf dem Verteiler stehen neben dem Chef und Frau Vermehr die Herren Pröller und Grotheken, die Leiterin für Beschaffung, Marketing und Kommunikation Frau Dr. Mara Vazari, der Vertriebsleiter Gernot Orderkempf, die Projektleiter Jens Jever und Uwe Schillig sowie ich.
11.11. Als Dr. Gernrath, Frau Vermehr und ich am Donnerstag den Sitzungsraum betreten, sind alle anderen bereits anwesend. Neugier und Spannung des Vertriebsleiters und der mir noch fremden Projektleiter liegen knisternd wie Zündschnur im Raum. Der Chef macht mich bekannt. Mit Frau Dr. Vazari, eine attraktive Mittdreißigerin, schwarzes Glanzhaar, Prachtlächeln, sind wir in der Runde drei Frauen bei sechs Männern. Nicht schlecht, die Quote!
Der Chef berichtet: »Die Maritim hat zwei kleinere Sanierungsaufträge an der Nordseeküste erhalten. Am neuen Jade-Weser-Port, dem Container-Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven, sind wir leider nicht so beteiligt, wie es der Maritim angemessen wäre.« Hier blickt er zuerst vor sich hin, dann zu Herrn Orderkempf, unserem Vertriebschef, und eine Sorgenfalte zeigt sich zwischen seinen Brauen.
»Ein mittleres Projekt befindet sich in Dubai im Bau«, fährt er fort. »Eines geht nächsten Herbst in Portugal in die Vollendung. Ein wesentlich größeres plant Lettland vor der Küste seiner Hauptstadt Riga. In den Unterlagen ist es noch anonym und wie alles hierzu vertraulich. Es handelt sich um den Bau eines international bedeutenden Hafens für die Seeschifffahrt. Auch größte Container-, Fracht- und Passagierschiffe sollen ihn einmal anlaufen können.«
Lettland, zwischen Estland im Norden und Litauen im Süden gelegen, strebe dabei eine Vertiefung der Partnerschaft der drei Länder an. Sie verfügten ohnehin, ähnlich wie unsere Stadt, über eine uralte hanseatische, noch immer lebendige und selbstbewusste Tradition.
Damit soll laut Herrn Gernrath auch von hier aus an die Hanse angeknüpft werden, zu der schon damals die Hansestadt Riga mit an führender Stelle zählte. Jahrhundertelang vereinte dieses Bündnis anfangs allerlei Kaufleute als Kaufmannshanse und später, darauf aufbauend, zahlreiche Städte als Städtehanse miteinander. Und zwar in Nordeuropa um die Ostsee und die Westsee, heute Nordsee genannt, herum, wie teilweise auch im Landesinnern. In ihrer Blütezeit gehörten der Hanse bis zu zweihundert größere und kleinere Städte an, eine schier unglaubliche Anzahl. Eine frühe und glanzvolle Art europäischer Gemeinschaft.
Das komplexe lettische Hafenbau- und Ausrüstungsprojekt solle gleich ab Angebotsphase erstmals in Form einer Doppelspitze von den Diplomingenieuren Jever und Schillig geführt werden, denn größere Projekte hätten bislang viel Ärger, Verzug und zusätzliche hohe Kosten gebracht.
»Das Neubauvorhaben ist so groß«, sagt Dr. Gernrath, »dass es die Maritim [so heißt die Maritim-Bau AG allgemein als Traditionsunternehmen] finanziell gar nicht alleine realisieren könnte. Auch unsere Landeshilfe dürfte, sofern sie erfolgt, nicht ausreichen. Darum müssen wir außerdem Bundes- und EU-Hilfen anvisieren. Denn unser östlicher Nachbarstaat erwartet parallel zur Auftragsvergabe ein nötiges Finanzierungsabkommen, konkret: Er wünscht Kredit, und zwar auf mehrere Jahre.«
Für die Maritim mit dem Gutteil ihrer sechstausendvierhundert hochqualifizierten Beschäftigten wäre es ab geplantem Baubeginn im nächsten Spätsommer eine Sicherheit für längere Zeit, meint der Chef. Auch eine Reihe von Partnerund Zulieferfirmen profitiere davon. Ein Auftrag von größter Wichtigkeit für die ganze Region. – Wenn er denn erteilt werden sollte und nicht etwa an die Konkurrenz ginge! Das aber wäre der Fall, sagt der Chef, wenn die Maritim auch nur in einem Punkt unterläge: Planung und Angebot, Bauzeit und -durchführung, Preis und Finanzierung.
»Freilich werden wir das gemeinsam mit unserem Vertriebsleiter Herrn Orderkempf nach Kräften zu verhindern wissen«, sagt er. Dieser blickt ihn jovial, ansonsten recht unbeeindruckt an und nickt freundlich.
– Als mein Vater noch Chef der Eisernen Hand war, gab es eine ähnliche Situation. Gleich zwei Ostseehäfen waren zu modernisieren und auszubauen, andere Häfen im In- und Ausland sollten folgen. Die schon damals großen und künftig immer größeren Schiffe sollten problemlos ein- und auslaufen können. Ihre Fracht war in möglichst kurzer Zeit zu laden und zu löschen. Fahrrinnen, Kais, Lagerhallen, Gleis- und Straßenanschlüsse waren aus- oder neuzubauen, Kräne, Containerbrücken und anderes Gerät sollten folgen. Für all das gab es starke Wettbewerber in Westdeutschland, Skandinavien und weltweit. Für die Eiserne Hand war das alles sehr groß und sehr viel. Sie beantragte Landes-, Bundes- und EU-Hilfe, wollte Leute neu einstellen. Ein Vorhaben von größter Bedeutung für die Stadt, die Region und ihre Menschen. Eine Reihe weiterer Unternehmen wäre meist länger beteiligt, große Hoffnungen waren daran geknüpft.
Doch es sollte alles ganz anders kommen! –
Als Dr. Gernrath endet, tragen die Projektleiter Jever und Schillig den jetzigen Planungsstand vor: die ersten Konkretionen der gemeinsam mit dem Kunden skizzierten Gedanken. So sehen wir aus der Luft den künftigen Hafen vor der lettischen Ostseeküste hingestreckt, in bunten Farben und bei Sonnenschein. Hier die neuen Betriebsflächen und Anlagen etwas abseits des hellen Strandes, dahinter grell-gelbe Rapsfelder, grüne Wald- und Flurflächen. Erläutert werden Lage, Infrastruktur, geologische Besonderheiten, Aushubtiefe, Fahrrinne und anderes.
Hieran knüpft Herr Pröller den Finanzbericht: »Grundkapital plus liquide Mittel der Maritim«, sagt er, und seine Stimme gewinnt an Glanz, als er zu mir blickt, »liegen im gut zweistelligen Millionenbereich. Hinzu kommt ein erwarteter fast zweistelliger Jahresgewinn. Der Umfang des Großvorhabens beträgt knapp eine Milliarde Euro.«
Die wenigen bislang noch nicht Eingeweihten, so auch ich, sehen ihn erstaunt, wenn nicht erschrocken an.
Herr Pröller weiter: »Zehn Prozent dessen bringt unser Kunde, die Republik Lettland, auf. Dafür gründet sie eine staatseigene Betreibergesellschaft, die auch den Schuldendienst übernimmt. Der Rest ist auf zehn Jahre zu kreditieren. Bei einer anzustrebenden zwanzigprozentigen Landeshilfe geht die Maritim von nachrangigen dreißig Prozent an Bundes- und zwanzig Prozent an EU-Mitteln aus. Restliche zwanzig Prozent, rund zweihundert Millionen, sind durch eine oder mehrere Banken darzustellen. Ist sie, oder sind sie, erst mit an Bord, steigen Land, Bund und EU üblicherweise umso zügiger und wirksamer mit ein. Wir denken dabei in erster Linie an unsere beiden Hausbanken.«
Ich höre, wie Herr Grotheken, Vorstand für Personal und Recht, mit Blicken zu mir, allgemein empfiehlt, von Anfang an darauf zu insistieren, dass volle Staatshaftung in die Verträge kommt und darin verbleibt. »Gerade auch für den Fall«, sagt er, »dass man später die Betreibergesellschaft privatisieren sollte oder neue Miteigner aufnähme. Sonst gehen leicht Gläubigeransprüche verloren.«
»Ist mir bekannt, trotzdem danke«, meint der Chef.
Die nächsten Schritte klären sich gesprächsweise: Zuerst ist der Jetztstand der Überlegungen und Planungen zu Hafenbau und Ausrüstung darzustellen, danach in Bau- und Ausrüstungsabschnitte zu gliedern und zu erläutern. Für die Senatskonferenz in drei Wochen muss alles plausibel und attraktiv zu Papier gebracht und für einen Beamer, Bildwerfer, tauglich werden. Mit den Einzel- und Gesamtansichten ist daraus eine erstklassige Dokumentation und Präsentation zu schmieden, die in der Konferenz wesentliche Informations- und Überzeugungsarbeit leisten müsste.
»Die Federführung«, so Herr Gernrath, »übernimmt wie bekannt und bestens bewährt Frau Dr. Vazaris Ressort, unterstützt von den Herren Jever und Schillig mit ihren Abteilungen.« Herrn Orderkempf erwähnt er nicht. Er blickt zu mir und meint: »Den Dokumentations- und Präsentationsteil bitte gemeinsam mit Frau Sandmann.« Frau Vazari sieht erst ihn, dann mich kurz freudig lächelnd an. Als Termin für das Vorstellen der Ergebnisse wird Donnerstag, 2. Dezember vereinbart.
16.11. Bislang kann ich nur ahnen, was den Chef dabei bewegt, bald darauf wird es vermutlich klarer. Frau Vermehr hat drei Tage Urlaub, ihr in Südfrankreich lebender Vater wird fünfundsiebzig. So sitze ich dann am Dienstagnachmittag neben Dr. Gernrath im Fond seines Firmenwagens, der uns zu zweien seiner Geschäftspartner, den Herren Henri Hardemur und Rainer Tannen, bringt. Ich habe gegoogelt und unter ihren Namen die Chefs unserer beiden örtlichen Hausbanken gefunden.
Das Gebäude, dessen Hof sich uns freundlich öffnet, ist umgeben von viel herbstlichem Baum- und Gartengrün, meinem Geburtshaus in Ludwigslust ähnlich. Etwas ist mir sogar, ich käme dort an. Wunderbar! Das Begrüßen durch das Ehepaar Hardemur fällt für mich freundlich, fast schon privat aus. Gleichfalls nichts Geschäftliches haben Flur und der Empfangsraum mit einer Bibliothek darinnen.
Als sich die Männer ins Büro zurückziehen – Herr Tannen ist vor uns eingetroffen –, zeigt mir Frau Hardemur, eine geborene Dubrin, wie sie vertrauensvoll erklärt, ihr geräumiges Haus. Viel Helle und schlichter Schönheitssinn begegnen sich darin. Ein Glanzstück ist die luftig-lichte Glasveranda als eine Art Freiluftinsel des Wohnbereichs. Darin befinden sich unter anderem Sessel, Tischchen, eine Vitrine, prächtige Grün- und Blütenpflanzen, einladend und voller Anmut. Ein Haus für Familien.
»In dritter Generation leben wir Dubrins inzwischen hier, meine Eltern seit kurzem in einem Atriumhaus, altersgerecht ebenerdig, ohne Treppe, und ich hier nun mit meinem Mann allein«, sagt Frau Hardemur so natürlich wie warmherzig, ganz ohne Eitelkeit. Ihr kunstvoll im Nacken hochgestecktes hellbraunes Haar und ihre jugendlich elegante Erscheinung im taillierten Jackenkleid scheinen dem zu widersprechen. Sie führt mich vorbei an einigen Gemälden aus Romantik und Gründerzeit sowie einer kleinen Porzellansammlung verschiedener Epochen.
Die Treppe hinauf geht es in ihr stilles Arbeitszimmer. An den Wänden Aquarelle, Ölbilder, Collagen, ausdrucksstarke Arbeiten individueller Prägung. Im Eck eine Staffelei mit einem unfertigen Porträt auf Leinwand im Keilrahmen.
»Sie sind Malerin?«, frage ich interessiert. »Seit ich denken kann, male ich«, sagt sie. »Ein Studium in Düsseldorf endete früh, als ich Mutter wurde. Auch half ich meinem Mann bei Bankgeschäften und seiner Karriere.«
Auf dem Flur kommen wir zu einem großen, kostbar gerahmten Farbfoto. »Unsere Tochter Veronika«, sagt sie verhalten und bleibt stehen, »ich war in ihrem Alter, als ich sie zur Welt brachte.« Diese Schönheit darauf ist, wie ich sehe, etwa Anfang zwanzig, trägt Bluejeans und einen safrangelben Pulli, darüber ein rotes Jäckchen, auf das ihr mittelbraunes Haar fällt. »Eine Kunststudentin?«, frage ich beeindruckt. Sie sieht mich mit seltsam offenen Augen an und sagt: »Sie wollte darin fortfahren, wenn sie aus Dubrovnik zurück ist. Jetzt ist sie wohl für immer dort.«
Ich erschrecke und verstehe doch nicht, denn Frau Hardemur sagt es etwas hintersinnig, dass ich annehme, Veronika lebt dort. Sie schüttelt leicht den Kopf, als erriete sie meinen Gedanken, und sagt wie vor sich hin: »Vermisst seit einem abscheulichen Überfall im Hinterland, Richtung Kosovo, und inzwischen für tot erklärt.«
»Oh, wie entsetzlich! Das tut mir sehr leid. Wann ist es denn geschehen?«
»Heute vor einem Jahr«, sagt sie, nimmt sanft meine Hand und führt mich nach nebenan. Auf dem Bett liegt, oh Schreck!, dieselbe Kleidung wie auf dem Bild. »Dies ist Veronikas Zimmer«, sagt sie, und lässt es mich betrachten. Alles ist unverändert, wie ich spüre, und noch so, als lebte sie darin. Dann nimmt sie das rote Jäckchen und hält es vor mich hin. »Größe achtunddreißig, wie Ihre«, sagt sie und schaut mich an. »Sie sind ihr ähnlich wie eine Schwester.«
Mir wird ganz seltsam zumute. Einem plötzlichen Gedanken folgend, frage ich: »Kannten sich Dr. Gernrath und Veronika?«
»Ja natürlich, wir sind eng befreundet«, sagt sie.
»Hat er Ihnen von mir erzählt?«, frage ich.
»Nur mit den allerbesten Worten, Frau Sandmann.«
Was mache ich jetzt?, denke ich. Dieser Bube, kein Wort zu mir, nicht mal im Wagen! Frau Hardemur fühlt meine Unruhe und meint: »Sie haben großes Glück mit Herrn Gernrath, einen solchen Chef findet man gewiss nicht noch einmal – letztlich wohl nirgends.«
Beinahe hätte ich über ihn geklagt, meinen Ärger rausgelassen. Sie aber fragt: »Macht es Ihnen viel aus, die Sachen einmal kurz anzuziehen?« Ich bemerke an Stimme und Augen dieser noch jugendlichen starken Frau, wie sehr sie es sich wünscht. Auch fühle ich, wie viel es sie zu fragen koste. So lege ich nach kurzem Bedenken meine Tasche und Jacke ab. Sie reicht mir das Jäckchen und geht.
Beim Umziehen reißen mich Wut über meinen Chef und das Leid dieser Mutter wie in zwei Teile. Bevor ich hinausgehe, versuche ich mich etwas zu entspannen. Als ich aber ins Helle trete, stehen dort Arm in Arm Mutter und Vater, der Mann und die Frau. War es Lots Eheweib, die zur Salzsäule erstarrte? Mir jedenfalls ist für einen Moment danach. Dann spüre ich das von mir Erwartete, drehe mich und gehe sogar ein paar Schritte hin und her. Nun kommen beide auf mich zu und nehmen mich dankbar in die Arme.
»Welch Glück Sie uns bereiten!«, höre ich die Mutter.
Der Mann, etwa Anfang sechzig, angenehm markantes Gesicht, groß, kräftig, volles dunkles Haar, prima Gestalt Businessanzug, muss sich ans Fenster setzen, wo er sein Gesicht mit Händen schützt. Keine Spur von einem Bonibanker, kein Manager mehr, nur noch Mensch! Frau Hardemur führt mich auf eine Sitzbank gegenüber. »Wir haben Ihnen sehr zu danken«, sagt sie unter Tränen, »ist es doch beinahe, als lebte Veronika in Ihnen fort.«
Hierauf war ich am wenigsten gefasst, als ich mich heute auf den Besuch begab. Aber ich kann das doch jetzt nicht einfach von mir weisen, oder? Ich kann mich doch nicht kurzerhand entziehen wollen!
»Dürfen wir Viktoria zu Ihnen sagen?«, fragt Herr Hardemur leise und hebt den Kopf. Auch sie sieht mich bittend an und meint: »Noch Ihrer beider Namen sind sich ähnlich.« Mein »selbstverständlich!«, das mir herausrutscht, ist in dem Moment so unüberlegt wie genau richtig. »Ich bin die Claudia und mein Mann heißt Henri«, sagt sie.
Als ich gegen Abend nach einer gemeinsamen Kaffeetafel mit selbstgebackenem Kuchen und Gebäck wieder im Wagen sitze, ist Herr Gernrath verändert, offener, verletzlicher, als habe er angestrengt gekämpft und bislang noch keinen Sieg errungen. Umso weniger kann ich jetzt noch wütend auf ihn sein.
»Seit sechs Jahren führe ich nun die AG«, meint er auch im Ton vertrauensvoll, als wir zurück zur Maritim rollen, »und doch ist mir heute vieles wie neu.«
Mir wird schon etwas unbehaglich, denn so fangen gern auch intime Geständnisse an. Nach einer Pause, als wolle er darin vorankommen, was mich schon irritiert, meint er: »Sie, liebe Frau Sandmann, verstehen jedenfalls einiges, so auch ein Menschenherz zu gewinnen.« Jetzt erschrecke ich sogar! »Sie sind heute«, meint er, »den armen Hardemurs wie zur Tochter geworden, denn Veronika war ihr einziges Kind. Und Sie sehen ihr unglaublich ähnlich.« Ich blicke ihn an, bin überrascht, betroffen. Er spürt es, nimmt kurz meine Hand und bedankt sich sichtlich bewegt.
Meine Absicht, ihm hierzu ein paar Worte, die ersten etwas ernsteren, zu sagen, ist jedenfalls gänzlich dahin.
Nach einer Weile frage ich: »Sind Sie in Sachen Ostseeprojekt vorangekommen?«
Nun sieht er mich erstaunt an und fragt: »Hat Frau Hardemur davon erzählt?«
»Nein, überhaupt nicht, ich nehme es nur an wegen der zeitlichen Nähe«, antworte ich.
»So, Sie kluge Frau! Ja, in einer Richtung ging es voran, von der anderen aber droht Sperrfeuer.«
»Angriff ist doch bekanntlich die beste Art zu Triumph – oder eben Untergang!«, sage ich und lächle. Jetzt entspannt auch er sich etwas.
»Das von einer Frau wie Ihnen zu hören, ist schon etwas Besonderes. Und Sie haben sogar Recht, ich muss nach vorne gehen, allerdings ohne Verlust.«
»Wenn ich schon ganz unwissentlich Recht habe«, sage ich, »um wie viel eher dann wohl, je eingeweihter und mitverantwortlicher ich bin?«
Jetzt zeigt er ein sympathisches Jungenlächeln, wie ich es bei ihm noch gar nicht kenne. »Geduld!«, meint er fast schon zärtlich, »Ihre Zeit kommt noch, schon bald.«
»Nur so viel zu unserem Besuch: Dass der Termin auf heute fiel, ist sicher kein Zufall!«, sage ich.
»Wieder haben Sie richtig vermutet, Veronikas Tod jährt sich heute zum ersten Mal, und sie war ihr beider innig geliebtes Kind.«
»Haben Sie Kinder?«, frage ich.
»Ja, Zwillinge, David und Golo, neunzehn Jahre jung und dennoch kaum mehr zu lenken oder wenigstens zur Besinnung zu bringen.«
»Dass Geben und Nehmen zusammengehören«, sage ich, »lehrt wohl nur ein klares Fordern und Fördern.«
»Wieder treffen Sie den Kern, Frau Sandmann«, erwidert er nachdenklich.
17.11. Roland Siebel, der schwarze Lockenkopf, Professor für Volkswirtschaft in meiner Heimatstadt, kommt Mittwochabend wie angekündigt zu mir. Unsagbar ist seine Freude, als er mich wiedersieht. Er scheint länger geworden, hagerer, fast sieht er aus wie eine Magerwiese, die Nase und Gesichtszüge treten umso schärfer hervor. Anders seine braunen Augen, wie leidend sind sie nach innen gekehrt.
»Ich habe nach der Tagung in Edinburg hier an der Uni zu tun gehabt und möchte sehen, wie es dir geht«, meint er etwas mühsam; sein Verlangen ist umso deutlicher zu spüren. Kalt vor Erregung sind seine Hände, kalt die Nasenspitze, als wir uns umarmen; schwer wie sein Atem fällt es ihm, mich loszulassen, eine Hand in meinem Haar.
»Vielleicht tauscht ein hiesiger Kollege mit mir, und ich bekomme ein Gastsemester«, meint er flüsternd und betrachtet mich, mit den Augen und der Seele suchend.
»Was versprichst du dir davon, Roland?«, frage ich ernst. Als Antwort beginnt er erneut, mich zu umarmen, zu küssen, erfühlt mein Gesicht und drückt mich an sich.
»Wann Lulu«, fragt er, »leben wir endlich zusammen?«, und dringt mit Blicken in mich. »Ich werde krank ohne dich!« Seine Lippen gleiten über meine Wange den Hals hinab. Ich spüre leichten Taumel, als er mich aufhebt und zur Couch trägt, sein Gesicht in meinem Pulli, den Duft meiner Haut einsaugend. Er selber muss bereits im Hotel geduscht haben, gut wie frische Bettwäsche riecht er. Über und über bedeckt er mich mit Zärtlichkeiten; sein Begehren nach mir ist für ihn unwiderstehlich, übergroß.
Ich erlebe, wie er sich in den Wochen zermürbender Sehnsucht in mich versenkt hat, mich nun in- und auswendig kennt. Eine jede seiner kleinen und großen Aktionen ist so sicher wie er erfahren als Mann. Wie mühelos handelt er auf raffinierte und sehr sinnliche Weise.
Auch meine Erregung ist inzwischen wollend, wird mutig und verlangt. Sie sucht, öffnet, greift ins Feste, Warme, Zuckende. Der Drang, sich darum zu schließen wird mit jeder Bewegung stärker. Bald ist mir, als sollte alles geschehen, was dessen Ziel dient, bald fühle ich mich von Roland beflügelt, bald reise ich mit ihm wie auf einem Lustteppich durch Tausendundeine Nacht.
Das Gefängnis unserer Tage – sperrangelweit steht es auf einmal offen. Heraus- und fortgeflogen sind wir beide, wenn auch nur für eine Weile.
18.11. Donnerstag. Überraschend schnell werde ich mit der sympathischen Frau Dr. Mara Vazari vertraut. Gerade bei der Mitarbeit am zurzeit wichtigsten betrieblichen Vorhaben geht es mir ja nicht um Effekthascherei. Gegenüber dem Diplom-Ingenieur Uwe Schillig wäre das erst gar nicht nötig. »Ich als Techniker«, sagt er, »stehe mit schönen Worten und schickem Layout ohnehin auf Kriegsfuß.«
Darauf ich: »Und doch kann keiner besser als der Urheber einer Ingenieurleistung ihr gegenüber Vertrauen gewinnen«, was ihn zurzeit aber nicht zum Umdenken bewegt.
