Beschreibung

Die Bombe tickt … Der nervenzerreißend spannende Thriller »Bis zur letzten Sekunde« von Rudolf Jagusch jetzt als eBook bei dotbooks. Die Morgenandacht im Kölner Dom ist ein Ort der Besinnung und der Ruhe. In diese friedliche Atmosphäre stürmt Roman Winter mit einem Bombengürtel: Er fordert 50 Millionen Euro, sonst sprengt er sich und die Gottesdienstbesucher in die Luft. Unter den Gläubigen befindet sich auch Kommissar Landgräf. Der Ermittler weiß, wen er vor sich hat: Vor Jahren ist er Winter schon einmal begegnet, er hat ihn ins Gefängnis gebracht. Doch jetzt muss er nach den Regeln des Erpressers spielen: Winter hat weitere Bomben in der Stadt versteckt, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen – und so beginnt ein tödliches Spiel auf Zeit … Jetzt als eBook kaufen und mitfiebern: der actiongeladene Thriller »Bis zur letzten Sekunde« von Rudolf Jagusch. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 412


Über dieses Buch:

Die Morgenandacht im Kölner Dom ist ein Ort der Besinnung und der Ruhe. In diese friedliche Atmosphäre stürmt Roman Winter mit einem Bombengürtel: Er fordert 50 Millionen Euro, sonst sprengt er sich und die Gottesdienstbesucher in die Luft. Unter den Gläubigen befindet sich auch Kommissar Landgräf. Der Ermittler weiß, wen er vor sich hat: Vor Jahren ist er Winter schon einmal begegnet, er hat ihn ins Gefängnis gebracht. Doch jetzt muss er nach den Regeln des Erpressers spielen: Winter hat weitere Bomben in der Stadt versteckt, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen – und so beginnt ein tödliches Spiel auf Zeit …

Über den Autor:

Rudolf Jagusch wurde 1967 in Bergisch Gladbach geboren. Seit der studierte Verwaltungswirt 2006 seinen ersten Roman veröffentlichte, ist er eine feste Größe in der deutschen Krimi-Landschaft. Er lebt mit seiner Familie im Vorgebirge am Rand der Eifel, wo auch die meisten seiner Romane spielen.

Rudolf Jagusch veröffentlichte bei dotbooks bereits die beiden Kriminalromane Nebelspur und Leichensabbat.

***

eBook-Neuausgabe August 2019

Dieses Buch erschien bereits 2019 unter dem Titel Amen bei Wilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Originalausgabe 2014 Rudolf Jagusch

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/freedomnaruk und Borisb17

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (cg)

ISBN 978-3-96148-242-9

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Bis zur letzten Sekunde an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Rudolf Jagusch

Bis zur letzten Sekunde

Thriller

dotbooks.

1

»Alle raus hier, schnell«, rief der Domschweizer mit überschlagender Stimme. Mit großen Schritten und wehendem roten Rock lief er an Martin Landgräf vorbei, der im Halbdunkel eines mächtigen Tragpfeilers des Kölner Doms auf der Gebetsbank kniete.

Seit seiner schweren Erkrankung schlief er nachts unruhig. Um seine Familie nicht zu stören, zog es ihn hinaus ins erwachende Köln und zum Gebet in die Basilika. Normalerweise nutzte er hier die Ruhe vor dem Ansturm der Touristenmassen, um sich zu sammeln und den Geruch nach Weihrauch zu genießen, der beruhigend auf ihn wirkte. Doch heute schien ihm dieser dämliche Wächter einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen. Ärgerlich schaute er dem davoneilenden Mann nach.

Kurz hielt der bei einem Kollegen inne. »... hat eine Bombe ...« Mit einem Arm winkte er hektisch in Landgräfs Richtung, dann zog er den anderen Wächter mit sich zum Hauptportal hinaus.

Dumpf rollte das Geräusch der zufallenden Tür durch das Hauptschiff des Doms. Mit einem leisen Echo verklang es und hinterließ die angenehme Stille, die Landgräf so sehr schätzte. Missmutig schüttelte er den Kopf. Eine Bombe? Er musste sich verhört haben. Dass ihn sein Beruf, durch den er letztlich krank geworden war, bis hierhin verfolgen würde, hielt er für ziemlich ausgeschlossen.

Landgräf senkte den Blick, faltete die Hände und murmelte: »Vater unser, der du bist im Himmel ...«

Ein irres Kichern drang an seine Ohren.

»... geheiligt werde dein Name.«

Er hörte ein Plumpsen, als ob ein schwerer Rucksack auf den Boden gefallen wäre. »Zu uns komme dein Reich.«

»Verfluchte Scheiße, ist das kalt. Da friert man sich ja den Arsch ab«, ertönte eine Männerstimme.

Waren denn heute Morgen alle verrückt geworden? Landgräf fuhr hoch und versuchte den Störenfried auszumachen. Im Dom erlebte man ja so einiges: Leute, die sich angeregt unterhielten, als ob sie sich gegenüber in der Halle des Hauptbahnhofs befänden, oder Eltern, die ihre Kinder herumtoben ließen wie auf dem Spielplatz. Aber eine derart rüde Ausdrucksweise und das zu dieser frühen Stunde, das ging eindeutig zu weit. Einen Funken Anstand und Respekt konnte man wohl verlangen. Im Übrigen war das mit der Kälte maßlos übertrieben. Zwar war es ein wenig schattig, doch die Temperatur lag eher im zweistelligen Plusbereich als in der Nähe des Gefrierpunkts. Wie es nicht anders zu erwarten war an einem Frühlingstag kurz vor Einzug des Sommers.

Die Strahlen der aufgehenden Sonne brachen sich in den östlichen Fenstern des Kapellenkranzes und schienen den Worten des Mannes ebenfalls Hohn sprechen zu wollen. Für einen Moment fühlte sich Landgräf, als befände er sich inmitten eines riesigen Kaleidoskops. Bunt reflektierten die von zahllosen Besuchern abgewetzten Steinplatten am Boden das Licht.

Suchend ließ er den Blick über die Bänke wandern. Niemand zu sehen. Er sah auf die Uhr. Zehn nach sechs. Er war zwar immer einer der Ersten, doch in der Regel blieb er nie lange allein. Inzwischen hätten sich schon Touristen einfinden müssen. Landgräf hörte ein Martinshorn, weit weg, von den mächtigen Mauern des Doms gedämpft, dann ein weiteres. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus.

In diesem Moment erklang wieder das Kichern. Dann: »Kommt nur, ihr Loser! Hört euch an, was ich zu sagen habe!«

Erschrocken zuckte Landgräf zusammen. Das kam von weiter vorn. Das Holz unter seinen Knien knarrte, als er sich aufrichtete, um in Richtung Altar zu linsen.

Tatsächlich.

Genau in der Mitte, dort, wo sich das Hauptschiff des Gebäudes mit dem Querschiff schnitt, bei dem großen Holzpodest, auf dem sich der Altar befand, saß ein Mann auf der untersten Stufe.

»Jetzt geht der Tanz los«, sagte der in diesem Moment und strich sich die dunklen Haare nach hinten. Landgräf hatte einen Obdachlosen erwartet, der hier im Suff Selbstgespräche führte. Doch der Mann da vorn war eindeutig kein Penner, dazu passten nicht die schicken Klamotten, die er trug. Dazu passte auch nicht, was der Mann mit der linken Hand umklammert hielt. Es sah aus wie der Griff eines Joysticks. Und am oberen Ende leuchtete verräterisch eine rote LED.

Ein Zünder, da war Landgräf sich sicher.

Und wo ein Zünder war, da war eine Bombe nicht weit. Die unförmige Wölbung am Bauch des Mannes, über den locker ein Pullover hing, ließ keinen Zweifel daran, wo sich der Sprengstoff befand.

Im Stillen leistete Landgräf dem Aufseher von eben Abbitte.

Der Mann auf der Podeststufe schaute nach oben, als ob er etwas an der Decke suchen würde. Das Licht der Morgensonne huschte über sein Gesicht, und für einen Atemzug spiegelte es sich in seinen Augen.

Landgräf erschrak, als er ihn erkannte. Diese Augen! Nie würde er sie vergessen. Selbst auf die Distanz und im Halbdunkel glaubte er es zu erkennen: Sie waren von unterschiedlicher Farbe – eins hellblau, das andere dunkelbraun. Entsetzt ließ er sich auf das Kniebrett fallen und zog den Kopf ein. Am liebsten wäre er den Domwächtern hinterhergerannt. Aber seine Beine zitterten wie Espenlaub und würden ihn vermutlich keine zwei Meter weit tragen. Sein Brustkorb war wie eingeschnürt. Ängstlich legte er eine Hand darauf. Sein Puls raste, keuchend schnappte er nach Luft. Landgräf zwang sich, gleichmäßig zu atmen. In seinem Kopf rasten die Gedanken.

Das konnte nicht sein! Landgräf musste sich zusammenreißen, dass er es nicht laut herausschrie. Wie wahrscheinlich war es, genau hier und jetzt den Mann wiederzutreffen, den er vor sechs Monaten so verbissen gejagt hatte? So einen Zufall gab es doch gar nicht.

Sein Herz vollführte einige Zusatzschläge. Die Rhythmusstörungen traten immer dann auf, wenn er sich zu sehr aufregte. »Ist reine Kopfsache«, hatte der Arzt in der Reha gesagt. »Ihnen fehlt nichts.«

Landgräf glaubte ihm nicht.

Hoffentlich ließ ihn sein Herz nicht wieder im Stich wie beim letzten Mal, als er dem Mann, der dort in der Mitte des Doms auf dem Boden hockte, gegenübergestanden hatte.

2

Ein Aufschrei ging durch das Rhein-Energie-Stadion. In der Südkurve skandierten die Fans »Schiri raus«-Rufe, Fäuste wurden in die Höhe gerissen, Leuchtraketen abgefeuert, ein Hexenkessel überschäumender Gefühle. Die Nummer zehn des FC krümmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden. Eine Traube von Spielern bedrängte wild gestikulierend den Schiedsrichter.

Kriminalhauptkommissar Martin Landgräf schlenderte am Spielfeldrand entlang. Da er sich für Fußball nicht sonderlich interessierte, schenkte er dem Spielgeschehen keinerlei Beachtung. Er wich der Auswechselbank aus, vor der sich gerade ein Spieler warm machte. Der Trainer stand mit rotem Kopf neben dem jungen Mann und brüllte ihm Anweisungen ins Ohr, unterstrich dabei jedes Wort mit einer energischen Handbewegung.

Landgräf schüttelte verständnislos den Kopf. Diese Leute taten, als ginge es um Leben und Tod. Deren Sorgen möchte ich haben, dachte er. Er wandte den Blick ab, sah in die Menge. »Wo bist du, du Schweinehund?«, murmelte er.

»Hast du was gesagt?«, hörte er die Stimme von Günther Noske, dem Leiter des SEK, über das Headset.

Plötzlich brach Jubel aus.

Landgräf wandte sich zum Spielfeld. Ein Spieler der gegnerischen Mannschaft verließ wutentbrannt den Platz und lief ihn dabei fast um.

»Martin? Hast du etwas gesehen?«, fragte Noske.

»Nein, nichts«, antwortete Landgräf ins Mikro. »Hab nur mit mir selbst gesprochen.« Er seufzte. »Fünfzigtausend Besucher. Ausgerechnet heute ausverkauft. Macht es nicht einfacher, den Mistkerl zu finden.«

»Mir musst du das nicht erzählen«, kam es von Noske zurück.

»Ja, ja, schon klar.« Landgräf schloss die Augen und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken. Sie hatten es bei der Einsatzbesprechung lang und breit beredet. Es war unwahrscheinlich, dass Nero so blöd sein würde, hier aufzutauchen, um das Geld persönlich in Empfang zu nehmen. Doch die Hoffnung starb zuletzt.

Zusätzliches Wachpersonal hatte die Besucher bis auf die Unterhosen gefilzt. Außer ein paar Klappmessern und einigen Dosen Pfefferspray war nichts Gefährliches aufgetaucht. Dazu hatten sie den ganzen Tag das Stadion vom Keller bis zu den obersten Lampen am Flutlichtmast nach Sprengstoff durchsucht. Eine Bombe konnten sie nicht finden, ansonsten hätten sie das Spiel nicht freigegeben. Vermutlich hatte Nero eine falsche Fährte gelegt. Seit einigen Monaten spielte er mit ihnen Katz und Maus. Anfangs war man den Drohungen nur routinemäßig nachgegangen. Dann vor zwei Monaten hatte Nero eine Bombe auf dem Schrottplatz nahe der Ausfahrt Bocklemünd hochgehen lassen. Es war ein Fingerzeig gewesen, aber ausreichend genug, um das SEK in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Als Landgräf die Augen wieder öffnete, fiel ihm ein Mann auf, der im Mittelblock aufstand und die Stufen hinauf in Richtung Ausgang schlenderte. Seltsam. Das Spiel steht auf der Kippe und der Typ geht, dachte Landgräf und ließ den Zuschauer nicht aus den Augen.

Der Mann blieb auf der Treppe stehen, zögerte, drehte dann um und ging zurück zu seinem Platz.

Aha, na schön. Landgräf schlug den Kragen seiner Jacke hoch, sah in den Himmel und verzog das Gesicht. Sprühregen rieselte vor den Scheinwerfern des Flutlichts herunter. Es wurde langsam mehr als ungemütlich. Er schaute auf die Uhr. Noch fünf Minuten, dann würde der FC eine erneute Heimniederlage einstecken, und das so kurz vor der Winterpause. Ihm war es egal. Aber er mochte es nicht, wenn die Kollegen sich montagmorgens über nichts anderes unterhielten als über verpasste Torchancen und falsche Schiedsrichterentscheidungen. Es gab schließlich wichtigere Dinge auf der Welt.

Gespannt verfolgte er die letzten Sekunden auf der Anzeigetafel. Ein Mittelsmann würde mit Sicherheit das Durcheinander ausnutzen, das entstand, wenn alle gleichzeitig das Stadion verlassen wollten. Fünfzigtausend Menschen, die in kürzester Zeit durch die wenigen Tore ins Freie drängten. Perfekt, um unauffällig einen Griff in eine Mülltonne zu tun.

Zwei Minuten Verlängerung wurden angezeigt. Die gegnerische Mannschaft spielte auf Zeit, wechselte einen Spieler aus. Begleitet von Buhrufen aus der Südkurve schlenderte der Mann vom Platz. Mit Elan sprintete der Ersatzspieler über den Rasen, konnte jedoch seine spielerischen Fähigkeiten nicht mehr unter Beweis stellen. Der Schiedsrichter gab nur kurz den Ball frei, steckte dann seine Pfeife in den Mund und blies dreimal kurz hinein. Das Spiel war vorbei.

»Passt gut auf, Jungs«, murmelte er ins Mikro. »Jetzt oder nie.«

»Wir sind bereit«, bestätigte Noske.

Rasch begab sich Landgräf zum Ausgang von Block S. Die Tribüne leerte sich zusehends. Zufriedene Gesichter wechselten sich mit mürrischen Blicken ab, je nach Farbe der Fankleidung.

»Da wühlt jemand im Mülleimer«, rief Noske heiser. »Ich hab ihn auf dem Monitor.«

Landgräfs Herz begann wild zu pochen. Ein schmerzhafter Stich folgte. Er versuchte den Schmerz zu ignorieren. Das kam in letzter Zeit häufiger vor und würde auch wieder vergehen. Vorsichtig spähte er um den Pfeiler herum, hinter dem er sich verbarg.

Ein pickeliger Teenager kramte in dem Papierkorb, in dem sie vor einigen Stunden das Geld deponiert hatten. Fünfzigtausend Euro in kleinen Scheinen. Das Pickelgesicht schwankte hin und her. Offensichtlich war er ziemlich angeheitert. Ungestüm zog er die Tüte mit dem Geld heraus und blickte hinein. Abschätzend sah er sich um, seine Hände zitterten.

Landgräf zuckte zurück, versteckte sich hinter dem Pfeiler. Jetzt nur nicht auffallen. Das Pickelgesicht sollte sich in Sicherheit wiegen.

»Der Typ ist es. Hat sich die Tüte unter sein FC-Trikot gestopft«, berichtete Noske. »Sieht jetzt aus wie eine schwangere Tunte und macht sich auf dem Weg.«

»Bestens«, sagte Landgräf. »Vielleicht haben wir ja Glück, und er führt uns direkt zu Nero.«

»Na, ich bin gespannt«, murmelte Noske skeptisch.

Landgräf wollte etwas erwidern, aber in diesem Moment schwankte das Pickelgesicht eilig an ihm vorbei zum Ausgang, ohne nach links oder rechts zu schauen. In den Reihen der anderen Bierbauchträger fiel sein vorgestülptes Trikot nicht mehr weiter auf.

»Also schön«, sagte Noske. »Dann mach ich mich jetzt auch auf den Weg.«

»Seid vorsichtig. Nero darf davon nichts mitbekommen, sonst fliegt uns die halbe Stadt um die Ohren«, warnte Landgräf und schickte sich an, den jungen Mann ebenfalls zu verfolgen.

Landgräf saß auf dem Beifahrersitz des unauffälligen Ford Mondeo. Neben ihm flegelte sich sein Kollege Hauptkommissar Manfred Schmitz, die Knie drückten gegen das Lenkrad, die Schultern stießen fast gegen die Nackenstütze. Sein kräftiger Körper war eindeutig zu groß für einen automobilen Durchschnittssitz.

Gemeinsam blickten sie zu Pickelgesicht hinüber, der mit einigen Kumpels auf dem Neumarkt saß und eine Flasche Wodka kreisen ließ.

Noske und sein Team hielten sich versteckt und warteten auf den Zugriffsbefehl.

Schmatzend kaute Schmitz seinen Salat, den er geordert hatte, als sie auf der Fahrt hierher an einem Drive-in gehalten hatten. Die Narben auf seinem rechten Unterarm hoben sich blass von der ansonsten gut gebräunten Haut ab.

Landgräf rümpfte die Nase. »Wie kannst du das Grünzeug nur fressen? Schmeckt doch nach nichts.« Er riss ein großes Stück von seinem Hamburger ab und kaute genüsslich.

Skeptisch schaute Schmitz ihn an. »Meinst du, ich will so enden wie du?« Er drückte den Zeigefinger in Landgräfs Speckrolle, die über den Gürtel der Jeans quoll. »Weißt du, dass sie dich im Präsidium Homer Simpson getauft haben?«

»Hab davon gehört«, sagte Landgräf und legte eine Hand auf seinen Bauch. »Alles teuer bezahlt«, verteidigte der sein Übergewicht.

»Mit zu vielen Kohlenhydraten und Cholesterin«, konterte Schmitz.

»Das schmiert die Blutbahnen.«

Verständnislos schüttelte Schmitz den Kopf. »Du wirst schon sehen, was du davon hast.« Damit schien das Thema für ihn erledigt zu sein. Er wies mit dem Kinn in Richtung Pickelgesicht. »Was schlägst du vor?«

Nachdenklich trank Landgräf einen Schluck Cola. »Kommt mir seltsam vor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der sich einfach so mit den Tausendern auf den Neumarkt hockt, wenn er ein Geldbote ist. Abliefern wäre die richtige Vorgehensweise.«

»Könnte eine Art Prüfung von Nero sein. Ob wir etwas unternehmen und damit verraten, dass wir seine Anweisungen nicht befolgt haben.«

»Er wird kaum erwarten, dass wir das Geld nicht im Auge behalten«, sagte Landgräf. »Egal, wie oft er das fordert.« Er grübelte, während er die Jugendlichen beobachtete. Eine Geldübergabe im alten Stil war heutzutage eine idiotische Sache. Jeder Gauner, der etwas mehr Grips als ein Fisch hatte, musste mit einer Verfolgung rechnen. Also was sollte das Ganze? Steckte trotz des dilettantischen Vorgehens ein Plan dahinter? Suchte Nero vielleicht nach Möglichkeiten einer gefahrlosen Übergabe und inszenierte deswegen das ganze Brimborium?

Die Gruppe auf dem Neumarkt schien die Welt um sich herum vergessen zu haben. Die Jungs soffen, lachten und grölten, scherten sich nicht um die Passanten, die auswichen und ihnen vorwurfsvolle Blicke zuwarfen.

»Die Wodkaflasche hat er mit dem Geld aus der Tüte gekauft«, sagte Schmitz. Er pulte sich mit dem Fingernagel Essensreste aus einer Zahnlücke. »Riskiert doch niemand, der einen Auftraggeber im Nacken hat.«

Landgräf schob den letzten Bissen seines Hamburgers in den Mund, leckte sich die Fingerspitzen ab und spülte mit Cola nach. »Vielleicht verprasst er nur seine Entlohnung.«

»Und hockt seelenruhig im Kreis seiner Kumpels, während sein Auftraggeber wartet?«

Die Motorik des Pickelgesichts wurde immer fahriger und unkontrollierter. Die Tüte mit dem Geld schwankte bedenklich in seiner rechten Hand. Sollte es Neros Plan gewesen sein, einen Mittelsmann zu schicken, der für ihn die Kastanien aus dem Feuer holte, dann war das gründlich schiefgegangen. Er hätte sich nicht einen Alkoholiker aussuchen sollen, dem der Rausch lieber war als die Zukunft, auch wenn diese nur aus dem nächsten Tag bestand. So weit voraus dachten solche Leute nicht. Ein Anflug von Mitleid regte sich in ihm. Der Junge war höchstens zwanzig und schon ein Säufer. Schaffte er nicht bald den Absprung, war ihm ein Leben in der Gosse sicher. Immer auf der Suche nach Alkohol, um sich den Tag erträglich zu saufen und die Minderwertigkeitsgefühle für einige Stunden zu verdrängen. Was war in seiner Kindheit falsch gelaufen, dass er so auf den Hund kommen konnte? War er ohne jeden Zuspruch, ohne jede Liebe aufgewachsen? Waren seine Eltern ebenfalls Trinker gewesen? Oder hatten ihn falsche Freunde auf die schiefe Bahn gebracht?

Landgräf schüttelte sich, um die düsteren Gedanken zu verscheuchen. Egal was den jungen Kerl aus der Bahn geworfen hatte: Er war es leid zu warten und schnappte sich den Hörer des Funkgerätes. »Nehmt ihn fest! Wir treffen uns im Präsidium.«

»Wurde ja auch Zeit«, murmelte Schmitz und startete den Wagen. »Mal sehen, was der Kleine zu erzählen hat.« Er fädelte in den Verkehr ein und gab Gas, während Noske mit seinem Team den Neumarkt stürmte.

Landgräf hieb mit der Faust auf den Tisch. »Wer ist dein Auftraggeber?«

Pickelgesicht, der sich als Oliver Hornbusch, achtzehn Jahre alt, ausgewiesen hatte, verzog keine Miene. Er beugte sich vor und sah Landgräf aus kleinen Pupillen an. »Hab ich dir doch schon tausendmal verklickert. Nix Auftraggeber, nix abgesprochen. Alles Zufall.«

Landgräf sah entnervt zur Decke, wo eine nackte Leuchtstoffröhre ihr kaltes Licht verbreitete. So kamen sie nicht weiter. Seit einer Stunde verhörten sie Hornbusch, und bisher hatten sie nichts erfahren, was sie nicht ohnehin schon wussten.

In der Ecke lehnte Schmitz an der Wand des Vernehmungszimmers. Jetzt drückte er sich mit der Schulter ab und setzte sich auf die Tischkante. Aus der Brusttasche seines Hemdes fingerte er eine Packung Zigaretten, klopfte eine Kippe heraus und bot sie Hornbusch an.

Mit zittrigen Fingern griff Hornbusch danach. »Danke.«

Schmitz gab ihm Feuer.

»Spielst hier den guten Cop, was?«, nuschelte Hornbusch zwischen zwei Zügen und grinste schmierig. »Ich kenn die Tricks. Aber trotzdem danke.«

Landgräf ließ sich von Schmitz ebenfalls eine Zigarette und Feuer geben. Genüsslich zog er den Rauch ein, der sofort seine Nerven beruhigte. Seit sie im Vernehmungszimmer waren, hatte er nicht mehr geraucht. Eine ganze Stunde lang. Normalerweise qualmte er zwei Packungen am Tag, da blieb kaum eine Minute ohne Kippe zwischen den Fingern. Sein Chef, Kurt Schmadtke, hatte ihm bereits angedroht, seinen Schreibtisch vor die Tür zu stellen. Als ob er etwas dafürkonnte, dass im Präsidium Rauchverbot herrschte. Nur im Vernehmungszimmer setzten sie sich hin und wieder darüber hinweg, wenn es angeraten schien, um einen Verdächtigen gefügig zu machen. So wie in diesem Fall.

Schmitz lachte. »Blödsinn«, sagte er und klopfte Hornbusch auf die Schulter. »Wir sind hier alle gute Cops. Nur die vielen Überstunden, die sind Gift für die Seele. Und wenn wir übermüdet sind, werden wir schon mal etwas grimmig.«

»Versteh ich«, gab sich Hornbusch weltmännisch. »Bulle sein ist auch scheiße.« Er aschte seine Zigarette achtlos auf den Boden ab.

»Du sagst es«, bestätigte Schmitz und seufzte theatralisch. Lässig wies er mit dem Kinn auf Landgräf. »Der liebe Kollege ist so oft hier, dem mussten wir letztens zeigen, wo er wohnt. Hatte er echt vergessen.«

Hornbusch lachte, seine Mundwinkel zuckten amüsiert. Für einen Moment vergaß er sein cooles Gehabe.

»Pass auf, ich verrate dir jetzt was Wichtiges«, raunte Schmitz und beugte sich zu Hornbusch hinab. »Aber das behältst du schön für dich, verstanden? Wenn nicht ...« Er sah demonstrativ zu Landgräf. »Wenn nicht, dann werden wir zu den Gebrüdern Grimmig. Verstanden?«

»Gebrüdern was?«

»Vergiss es. Hör einfach zu. Ich hab einen überlebenswichtigen Rat für dich.«

Zögerlich nickte Hornbusch. »Okay, von mir aus. Kann ja nicht schaden.«

»Pass auf!«, wiederholte Schmitz und beugte sich weiter vor, um es ihm ins Ohr zu flüstern. »Was du da gefunden hast, das ist Mafiageld. Schmutziges Geld, Drogen und so, du verstehst?«

Hornbusch schluckte. »Echt? Die Mafia? In Deutschland?«

»Glaub mir, Junge, die gibt es überall.«

»Und die schmeißen einfach so Geld in Mülleimer?«

»Das sollte jemand anderes mitnehmen und säubern.«

»Geldwäsche?«, hauchte Hornbusch.

Mit dem Zeigefinger tippte Schmitz ihm auf die Brust. »Genau. Du bist ein schlaues Bürschchen. Wir wollen da einen dicken Fisch an Land ziehen.« Er richtete sich auf, streckte sich. »Einen richtig dicken. Dagegen ist Michael Corleone der reinste Goldfisch im Wasserglas.«

»Corle wer?«, fragte Hornbusch.

»Der Pate?«, fragte Schmitz.

Der junge Mann zuckte mit den Schultern. »Kenn ich nicht.« Und als Schmitz ihn fassungslos ansah: »Ehrlich nicht!«

Schmitz lachte und winkte ab. »Na ja, nicht so wichtig.« Dann verfinsterte sich seine Miene.

Sein schauspielerisches Talent überraschte Landgräf immer wieder. Der Kollege hätte bei jedem Laientheater sofort die Hauptrolle übernehmen können.

»Was ist?«, fragte Hornbusch. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Sein rechtes Bein zuckte nervös auf und ab.

»Du bist so gut wie tot«, sagte Schmitz und machte einen zerknirschten Eindruck.

Hornbusch schreckte zusammen. Seine Zigarette fiel auf den Boden. »Ey, was soll das heißen? Ich hab doch nichts damit zu tun«, fuhr er auf und fuchtelte mit den Armen.

»Das spielt keine Rolle«, erklärte Schmitz. »Unser Mann, also der große Fisch, lässt die Geldboten umlegen, sobald sie den Zaster übergeben haben. Ist einfach sicherer für ihn. Und das ist auch der eigentliche Grund, warum wir ihn jagen. Denn bei Mord verstehen wir nun mal keinen Spaß.« Er bückte sich, hob die Kippe vom Boden auf und drückte sie im Aschenbecher auf dem Tisch aus. »Dem Big Boss ist es vollkommen egal, dass du nichts damit zu schaffen hast. Du hast sein Geld. Das wird er sich holen und dann ...« Er brach ab, streckte den Zeigefinger, stellte den Daumen auf und zielte auf Hornbuschs Kopf. »Bumm.«

Hornbusch machte ein Gesicht, als wolle er in Tränen ausbrechen, er zitterte am ganzen Körper. »Mann, ich hab wirklich nichts damit zu tun. War alles nur Zufall.« Er winselte fast.

Bedauernd zuckte Schmitz mit den Schultern. »Pech für dich.«

Hornbusch wurde kreidebleich. Seine Hand schoss nach vorn und umklammerte Schmitz' vernarbten Unterarm. »Sie müssen mich beschützen!«, rief er schrill.

Schmitz sah ihn fragend an. »Warum sollten wir das tun? Du hast uns ja auch nicht geholfen.«

»Aber ich hab euch doch alles erzählt. Ich bin ins Stadion und hab mir das Spiel angesehen, und dann hab ich was zu futtern gesucht. Ehrlich, Mann, so war es.« Verzweifelt huschte sein Blick zwischen Landgräf und Schmitz hin und her.

»Woher hattest du das Geld für die Eintrittskarte?«, fragte Landgräf scharf.

Hornbusch ließ Schmitz' Arm los und legte die Hände in den Schoß. Verlegen sah er zu Boden und schwieg.

Schmitz seufzte und wandte sich ab.

Landgräf tat es ihm gleich. »Na dann«, murmelte er. »Ich hätte dich klüger eingeschätzt. Eine Hand wäscht die andere, den Spruch kennst du doch, oder?«

Sie gingen zur Tür.

»Wartet«, rief Hornbusch.

Die beiden Kommissare drehten sich um. Schmitz verschränkte die Arme vor der Brust.

Hornbusch fuchtelte mit den Händen. »Ich ... ich ... Ach, was soll's.« Er straffte sich. »Ich hab da einen Kumpel von früher, sind zusammen zur Schule gegangen. Wir konnten uns immer gut leiden. Der macht ab und zu den Ordner im Stadion. Dann lässt er mich umsonst rein. Aber nur Stehplatz. Ich hab nichts gesagt, weil ... Ich will halt nicht, dass er Ärger bekommt.«

»Wir sind an deinem Kumpel nicht interessiert«, sagte Landgräf, »nur an deinem Auftraggeber.«

Hornbusch sah ihn hilflos ans. »Es gibt keinen Auftraggeber. Es war nur ein bescheuerter Zufall.«

Schmitz zog die Tür auf und trat zur Seite. »Okay. Du kannst gehen.«

Hornbusch riss die Augen auf, rührte sich nicht vom Fleck. Einen Moment lang sah er sie an. Dann sackte er in sich zusammen. »Ich ... Sie ... Ach, Mist, verdammt noch mal. Es hat sich so angehört, als wäre es eine todsichere Sache, Mann«, sprudelte es plötzlich aus ihm heraus. »Ich konnte ja nicht ahnen, dass da noch so ein ..., so ein Obermotz mit drinhängt ...«

Landgräf setzte sich. »Vergiss den Obermotz mal für einen Moment. Was genau habt ihr abgemacht?«

Hornbusch zierte sich erneut.

»Okay, fangen wir anders an. Wie hat er das Ganze angeleiert? Wie kam der Kontakt zustande?«, fragte Landgräf, um die Hürde niedrig zu setzen. Er wusste aus Erfahrung: War diese erst erfolgreich übersprungen, konnte man die Latte höher legen.

»Er hat mich abgefangen.«

»Wo?«

»Ich hab da einen Schlafplatz, direkt am Bahndamm, ein altes Schrebergartenhäuschen.«

Aus seiner Zeit als Streifenpolizist wusste Landgräf, dass das nicht ungewöhnlich war. In der Nähe von Bahntrassen war es zu laut, zu dreckig und zu unwegsam, als dass jemand freiwillig dort spazieren ging. Die Obdachlosen waren ungestört.

»Wieso gerade du?«

»Vermutlich weil ich vertrauenswürdig aussehe.«

Schmitz lachte. »Scheint ja ein großer Menschenkenner zu sein, dein Auftraggeber.« Dann wurde er wieder ernst. »Du hattest also niemals zuvor Kontakt mit dem Kerl?«

Hornbusch schüttelte den Kopf. »Ich schwör's.«

»Wie sah er aus?«, fragte Landgräf.

»Normale Größe.«

»Weiter!«

Hornbusch biss sich auf die Unterlippe und überlegte konzentriert. »Dunkle Haare hatte er, eine richtige Matte. Schickimicki-Kleidung, Krokodil auf der Brust, 501 am Arsch.«

»Narben, Warzen oder andere Auffälligkeiten?«

»Na ja ...« Hornbusch brach ab und runzelte die Stirn.

»Was?«, drängte Landgräf.

»Seine Augen«, stieß Hornbusch aus. »Er hatte unterschiedliche Augenfarben. Ja, das eine Auge war dunkelbraun und das andere blau. Echt seltsam. Hatte die ganze Zeit so ein Scheißgefühl, als der mich anglotzte.«

»Okay, gut«, brummte Schmitz. »Und jetzt erzähl doch mal, was er genau von dir gewollt hat.«

»Also, ich sollte zum Spiel gehen und die Tüte aus dem Mülleimer fischen. Reinglotzen verboten.« Er senkte den Kopf. »War aber neugierig. Und als ich die Kohle sah, hab ich gedacht ..., wird schon nicht ... so schlimm sein, wenn ich mir was davon ... äh ... leihe.«

Mit auf dem Rücken verschränkten Armen schlenderte Schmitz auf und ab. »Wo sollte die Übergabe stattfinden?«

»Weiß nicht, er wollte wieder Kontakt mit mir aufnehmen.«

»Wie?«

»Weiß nicht, ehrlich nicht«, murrte Hornbusch.

»Hat er dir noch weitere Instruktionen gegeben?«

»Instruk...?«

»Anweisungen.«

»Ich sollte mich ganz normal verhalten. Wie immer. Daher hab ich auch am Neumarkt abgehangen. Bin da ja immer abends unterwegs.«

Schmitz blieb stehen. »Was noch?«, fragte er scharf.

Hornbusch wand sich auf seinem Stuhl. »Und ich sollte Haken schlagen.«

»Haken?«

»Ja, Verfolger abhängen, kreuz und quer durch Köln latschen, durch dunkle Gassen und so weiter. Aber ihr seid mir ja zuvorgekommen.« Hornbusch straffte sich. »Was ist jetzt? Helfen Sie mir, dem Obermotz zu entkommen?«

»Sonst noch was, das wir wissen müssten?«, fiel Landgräf ihm ins Wort. Wenn sie Hornbusch weiterhin im Ungewissen ließen, würde er weiterplappern.

»Nee, ey, ich hab euch alles gesagt.« Er sah von einem zum anderen. »Echt jetzt, alles. Versprochen.« Er hob die Hände und kreuzte Zeige- und Mittelfinger. »Ich schwör's.«

»Dabei überkreuzt man die Finger nicht«, sagte Landgräf. Hornbusch war wirklich nicht der Hellste.

»Nicht?« Rasch spreizte Hornbusch alle Finger. »Dann eben so. Ich schwör's.«

»Also gut«, sagte Landgräf und stand auf. »Du zeigst uns jetzt deinen Schlafplatz.« Er hatte die winzige Hoffnung, Hornbusch würde dort vielleicht noch etwas Wichtiges in den Sinn kommen. »Anschließend schauen wir, wie wir dir helfen können.« Unwirsch zog er ihn auf die Beine und schob ihn vor sich her zur Tür hinaus.

Ein Güterzug rollte kaum zwanzig Meter entfernt an ihnen vorbei. Die Räder der Waggons quietschten so ohrenbetäubend, dass Landgräf Zahnschmerzen bekam.

Hornbusch zwängte sich durch eine Johannisbeerhecke und winkte ihnen, ihm zu folgen.

»Scheiße«, fluchte Schmitz. »Mann, gerade erst gekauft.«

Landgräf hielt den Strahl seiner Taschenlampe in Schmitz' Richtung. Ärgerlich starrte der auf einen Riss in seiner Daunenjacke.

Hornbusch stapfte unterdessen weiter voraus auf eine Wellblechhütte zu, die in einem winzigen Garten von annähernd fünfundzwanzig Quadratmetern stand. Ringsherum versperrte eine mannshohe Hecke die Sicht auf die Parzelle. Nur durch den schmalen Durchgang, den sie gerade benutzt hatten, konnte man hineinschauen.

Der Güterzug entfernte sich, und eine wohltuende Ruhe kehrte ein.

Hornbusch zog einen Schlüssel unter seinem Sweatshirt hervor, der an einem Lederband um seinen Hals baumelte. Der Eingang zur Blechhütte war mit einer schweren Kette und einem Vorhängeschloss gesichert. Er steckte den Schlüssel hinein und schloss auf.

»Meine Güte«, knurrte Schmitz. »Man könnte meinen, er würde Goldbarren da drinnen aufbewahren.« Sie folgten Hornbusch ins Innere. »Dabei brauchst du nur ein Stück von dem Blech abzureißen und das ganze Heiligtum ... O Mann!« Er schlug die Hand vors Gesicht und würgte. Es stank entsetzlich: nach Schweiß, Urin, Kloake. Der Raum war winzig. Zu dritt passten sie kaum hinein. Die einzigen Möbel waren eine Liege und ein Campingtisch mit einem Gaskocher darauf. An der Wand über der Liege hing ein Regal, auf dem zahlreiche leere Bierflaschen von Hornbuschs Alkoholproblem zeugten. Eine halb leere Wodkaflasche stand griffbereit am Kopfende der Liege auf dem nackten Boden, der notdürftig von einem fadenscheinigen Teppich bedeckt war.

Mit der Schuhspitze tippte Landgräf etwas Dunkles auf dem Boden an. Es kullerte davon. Rattenkot, stellte er fest. Seine vage Hoffnung, dass die Spurensicherung hier etwas Brauchbares finden würde, zerstob augenblicklich. »Hier könnte ich auch nur besoffen überleben«, murmelte er angewidert. »Was für ein Schweinestall.«

»Nichts für Weicheier«, lachte Hornbusch und zündete eine Petroleumlampe an, die er unter der Liege hervorgeholt hatte. Als die Flamme brannte, stellte er die Lampe auf den kleinen Tisch, legte sich auf sein Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Er schien sich hier pudelwohl zu fühlen.

»Gütiger Gott«, murrte Schmitz, der sich noch immer die Nase zuhielt. »Hast du eine Wasserleiche unter dem Bett?«

Hornbusch sah ihn verständnislos an. »Wasserleiche? Quatsch! Wieso Wasserleiche?«

»Der Geruch, Mann«, erklärte Schmitz und fächelte sich Luft zu.

Hornbusch schnupperte demonstrativ. »Ich riech nichts.«

Schmitz verdrehte die Augen.

»Und hier hat dich der Kerl aufgesucht?« Landgräf wollte es hinter sich bringen, und dann so schnell wie möglich raus.

»Ja«, bestätigte Hornbusch, angelte sich die Wodkaflasche und trank einen großen Schluck. Mit dem Handrücken wischte er sich über den Mund. »Der hat noch nicht mal geklopft. Stand einfach plötzlich vor mir und starrte mich mit seinen Monsteraugen an.« Er schüttelte sich und nahm noch einen Schluck. »Braun und blau, hab ich genau gesehen.«

»Fällt dir noch was ein? Hat er irgendetwas angefasst?« Landgräf sah sich um. Er wusste, es war eine dumme Frage. Niemand würde hier freiwillig etwas anrühren.

Hornbusch überlegte kurz. »Nee. Stand da einfach wie 'ne Erscheinung. Wodka hab ich ihm angeboten. Aber er wollte nicht. Und den Rest hab ich euch ja schon erzählt.«

Schmitz seufzte. »Ich glaube, den Weg hätten wir uns sparen können.« Er blickte Landgräf an. »Komm, lass uns abhauen.«

»Wie jetzt?«, rief Hornbusch und setzte sich auf. »Ich denke, ihr wollt mich vor dem Obermotz beschützen?

Schmitz sah ihn ungerührt an. Dann holte er sein Portemonnaie aus der hinteren Hosentasche, zückte einen Zehneuroschein und warf ihn aufs Bett.

Hornbusch glotzte den Polizisten fassungslos an.

»Schenk ich dir«, erklärte Schmitz. »Hol dir noch eine Pulle bei Lidl. Wird dir helfen, den Obermotz zu vergessen.«

Sie traten ins Freie.

»Findest du es richtig, einem Alki noch Geld zu geben?«, fragte Landgräf.

»Spiel jetzt nicht den Moralapostel«, knurrte Schmitz. »Der holt sich doch sowieso seine Ladung, egal ob ich ihm Geld gebe oder nicht. Die zehn Euro machen den Kohl nicht fett.«

»Ey«, jaulte Hornbusch halbherzig, »ihr könnt mich doch nicht ... Wenn ich morgen ein Loch im Kopf hab, dann seid ihr Schuld.« Er kam aus der Bude und folgte ihnen.

Schmitz winkte ab. »Ich rede mit dem Obermotz, mach dir keine Sorgen.«

»Aber haben Sie nicht gesagt, Sie suchen noch nach dem Typen?«

Hat wohl gerade seinen hellen Moment, dachte Landgräf. Im Grunde war der Junge ihm nicht unsympathisch. Landgräf nahm sich vor, morgen mal bei der Stadt anzurufen. Vielleicht schickten die ja einen Sozialarbeiter vorbei.

Landgräf zwängte sich durch den Zuweg. Er wollte so schnell wie möglich zurück ins Präsidium und die Datenbank durchgehen. Zwar gab es in einer Großstadt unzählige Männer mit dunklen Haaren – unterschiedliche Augenfarben hingegen waren nun wirklich nicht sehr verbreitet. Wenn Nero jemals auffällig geworden war, dann würde er sich finden lassen.

Als Landgräf durch das Gebüsch auf den kleinen Weg trat, den sie gekommen waren, spürte er, wie ihn Schwindel ergriff. Er taumelte und stieß dabei fast mit einem Jogger zusammen, der hier gerade entlangtrabte. Bei dem Versuch, ihm auszuweichen, geriet der Jogger ins Straucheln und schlug der Länge nach hin.

»Was ...?«, hörte Landgräf Schmitz hinter sich ausrufen.

Landgräf hob eine Hand. Alles in Ordnung. Der Schwindel verschwand so schnell, wie er gekommen war. Nur sein Herz tat noch ein paar Extraschläge.

Der Jogger rappelte sich hoch und klopfte sich Erde von der Hose.

»Entschuldigen Sie«, stammelte Landgräf. Das Ganze war ihm peinlich. »Selbstverständlich zahle ich Ihnen die Reinigung.«

»Schon okay«, murmelte der Mann und lächelte Landgräf freundlich an. »Ist nichts weiter passiert.« Er strich sich mit einer Hand durch seine schwarzen Haare.

»Doch, doch, geben Sie mir einfach ...« Landgräf brach ab. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe erhellte das Gesicht des Fremden. Er schluckte, konnte den Blick nicht abwenden. Das eine Auge des Mannes war braun, das andere blau. Landgräf stand wie gelähmt da. Seine Gedanken rasten.

Während er noch fieberhaft überlegte, was zu tun war, trat Hornbusch aus dem Gebüsch.

»Ey, das ist doch der Typ!«

Das Lächeln auf dem Gesicht des Mannes gefror. Ansatzlos sprang er vor, schubste Landgräf gegen Schmitz und rannte den Weg hinunter.

»Der haut ab«, schrie Hornbusch.

»Ach nee«, knurrte Schmitz. »Schnellmerker.« Er spurtete los.

Landgräf setzte sich ebenfalls in Bewegung. Gleichzeitig versuchte er Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Was machte Nero hier? Wusste er nichts davon, dass sie Hornbusch aufgegriffen hatten? Wollte er seine Beute abholen? Oder war er ihnen bewusst bis hierher gefolgt? Brauchte er den Kick, sie bei ihren Ermittlungen zu beobachten?

Landgraf schnaufte wie eine altersschwache Dampflok, während er lief. Lange würde er das nicht durchhalten. Kurz überlegte er, einen Warnschuss abzugeben. Doch das Ziehen der Pistole hätte ihn aus dem Rhythmus gebracht, und so entschied er sich dagegen. Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe hüpfte auf und ab. Unter seinen Füßen knirschte Kies. Nach etwa zwanzig Metern knickte der Weg nach links ab. Als Landgräf um die Ecke bog, sah er hundert Meter weiter vorn die Mauer einer Gewerbehalle, die das Weiterkommen unmöglich machte. Eine Sackgasse, jubilierte er stumm und mobilisierte noch einmal alle Kräfte. Gleich würden sie ihn haben, gleich wäre die monatelange Suche zu Ende.

Der Mann war bereits stehen geblieben, und Schmitz hatte sein Tempo gedrosselt, sodass Landgräf ihn schließlich einholte. Wenige Meter von ihnen entfernt, zögerte der Mann kurz, dann brach er nach links durch die Hecke. Geäst krachte.

»Mist«, presste Schmitz hervor und warf sich ebenfalls in die Büsche. Ohne zu zögern, folgte Landgräf ihm. Äste peitschten ihm ins Gesicht, Dornen rissen an seiner Kleidung und an seiner Haut. Mit einem Arm versuchte er seine Augen zu schützen. Endlich waren sie durch und standen am Fuß des Bahndamms.

Unter Zuhilfenahme der Hände krabbelte Nero hoch und hatte schon fast den oberen Rand erreicht. Wenige Meter noch und er würde über die Gleise entkommen.

Schmitz kämpfte sich nach oben, Schottersteine rutschten unter seinen Füßen weg. Landgräf folgte ihm, ignorierte einen Stein, der ihn fast ins Gesicht traf. Sein Blick war auf die Dammkrone gerichtet, auf Nero, der sich gerade aufrichtete und einen kurzen Blick zurückwarf. Der Mond stand hinter ihm, und sein Körper warf einen langen, drohenden Schatten.

Verächtlich lachte er auf.

Schmitz und Landgräf hielten inne und starrten nach oben.

»Schlappschwänze!«, rief Nero, drehte sich um und verschwand aus ihrem Blickfeld.

»Freu dich nicht zu früh«, keuchte Schmitz und legte einen Gang zu.

Landgräf hatte Mühe, ihm zu folgen. Oben angekommen, richtete er sich auf und wollte auf der anderen Seite der Böschung wieder hinabrennen. Aber er kam nicht weit. Sein rechter Arm schmerzte, als ob er sich ihn verbrannt hätte, sein Rücken fühlte sich an wie durchgebrochen, und in seiner Brust schien ein Feuer zu toben. Wie in Zeitlupe sah er Schmitz Nero nacheilen. Landgräf wollte ihn rufen. Doch seine Stimmbänder waren wie gelähmt. Er brachte nur Gurgellaute zustande, taumelte zur Seite, drehte sich und fiel rücklings auf die Steine. Das Letzte, was er sah, bevor er in die erlösende schwarze Watte sank, war der Mond, der hell und friedlich auf ihn herabschien.

3

Das war vor einem halben Jahr gewesen. Zwei Monate hatte er nach dem Infarkt im Krankenhaus und in der Reha-Klinik verbracht. Eine deprimierende Zeit voller Selbstvorwürfe. Jetzt lebte er mit zwei Bypässen, die wunderbar funktionierten. Dreißig Kilo brachte er heute weniger auf die Waage. Von Homer Simpson war nichts mehr vorhanden, eher glich er Goofy. Jede Menge Ärzte hatte er konsultiert, die ihm allesamt versicherten, er wäre so gut wie neu und unterliege keinerlei körperlichen Einschränkungen. Er hatte es ausprobiert, das Pensum langsam gesteigert. Von ausgedehnten Spaziergängen über kleine Laufrunden bis zum intensiven Radfahren. Seine Kondition wurde von Tag zu Tag besser. Körperlich fühlte er sich so gut wie seit seiner Jugendzeit nicht mehr. Selbst im Bett lief es jetzt wieder rund, seine Frau liebte seinen gestählten Körper. Nur leider hatte er damit seinen Kopf nicht bezwungen. Albträume plagten ihn, ließen ihn die schrecklichen Sekunden mit den unmenschlichen Schmerzen auf dem Bahndamm stetig neu erleben. Tagsüber war es auch nicht viel besser. Die Todesangst, die wie eine alles verschlingende Welle immer und immer wieder über ihn hinwegrollte, lähmte seinen Geist. Deswegen hatte er seinen Dienst noch nicht wieder aufgenommen, was nicht gerade auf große Begeisterung bei seinem Chef Kurt Schmadtke gestoßen war.

Die Martinshörner waren verstummt. Landgräf hockte auf seiner Kirchenbank und versuchte sich vorzustellen, was draußen gerade vor sich ging: Ein Lagezentrum wurde eingerichtet und ein Statiker herbeizitiert, der vorhersagen konnte, wie sich eine Explosion im Dom auswirken würde. Außerdem bezog das SEK bestimmt bereits Stellung. Und tatsächlich: Wie aufs Stichwort hörte Landgräf ein Geräusch, als ob eine Rattenfamilie über den Boden huschen würde. Wissend lächelte er. Das war das Sondereinsatzkommando. Er sah auf die Uhr. Eine Viertelstunde, nachdem der Alarm ausgelöst wurde. Noske hatte ganze Arbeit geleistet.

»Ihr Arschgeigen«, rief Nero.

Landgräf spähte über die Banklehne vor ihm.

Nero hielt die Hand mit dem Zünder nach oben. »Nur zur Info: Solange ich den Knopf gedrückt halte, passiert nichts.« Sein tiefes Lachen rollte vom Echo verstärkt durch das Kirchenschiff.

Abgebrühter Hund, dachte Landgräf. Seltsamerweise berührte ihn die Nachricht nicht weiter. Hier und jetzt den Tod zu finden, entzweigerissen von einer Explosion, erschien ihm tröstlicher, als weiter mit seinen Ängsten leben zu müssen. Sogleich meldete sich sein schlechtes Gewissen. Seine Frau würde sich bedanken, wenn er sie mit den beiden Kindern alleinließe.

Ein kaum wahrnehmbarer Lufthauch strich über den Boden. Kurz darauf hörte Landgräf eine Tür zufallen.

»Susann Lebrowski«, rief eine Frauenstimme. Sie kam vom Hauptportal. »Polizei Köln. Darf ich mich nähern?«

Sie schickten die Psychologin vor, dachte Landgräf. Sie musste neu sein, er kannte ihren Namen jedenfalls nicht.

»Sie sind die Unterhändlerin?«, fragte Nero ohne eine Spur von Unsicherheit.

»Nicht direkt, ich ...« Sie brach ab.

Landgräf stöhnte innerlich auf. Sie hatten eine Anfängerin geschickt. Vermutlich war das ihr erster Einsatz.

»Ja«, versuchte sie ihren Fehler auszubügeln.

Nero lachte gackernd auf. »Eine Frau, ts, ts. Die Bullen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren«, grunzte er. »Aber kommen Sie ruhig her. Ich beiße nicht.«

Das Klackern von Absätzen hallte durch das Kirchenschiff, und kurz darauf tauchte aus dem Halbdunkel eine Frau auf. Sie trug ihre blonden Haare zum Zopf gebunden und steckte in einer hochpreisig aussehenden Kombination aus Hose und Blazer. Auf den ersten Blick wirkte sie selbstsicher, das Kinn vorgestreckt, den Rücken durchgedrückt. Allerdings wurde dieses Bild durch ihr nervöses Fummeln an einem der Knöpfe ihrer Jacke zunichtegemacht. Landgräf schätzte sie auf Ende zwanzig.

Als sie die Bankreihe erreichte, in der er saß, bemerkte sie ihn. Erschrocken zuckte sie zusammen und wäre fast zurückgewichen.

Landgräf legte den Zeigefinger auf die Lippen und machte Zeichen, dass sie weitergehen solle.

Kaum merklich nickte sie und ging noch ein paar Schritte, bis Nero ihr Einhalt gebot.

»Halt!«, rief er barsch. »Was torkeln Sie da herum? Haben Sie sich Mut antrinken müssen? Das wäre mir gar nicht recht. Ich möchte, dass alle bei klarem Verstand sind.«

»Neue Schuhe«, murmelte Susann Lebrowski einigermaßen geistesgegenwärtig. »Ich bin hier ...«

»Ist draußen alles abgesperrt?«

Lebrowski stutzte. Dann sagte sie: »Ja.«

»Und Sie sind die Dumme, die das kürzeste Streichholz gezogen hat?«

Lautlos rutschte Landgräf ein Stück auf dem Boden herum, um einen Blick den Gang entlang riskieren zu können. Lebrowski lehnte mit der Hüfte leicht an einer Bank. Er hoffte, dass das nur eine lässige Geste war und nicht der Beginn eines Kreislaufversagens. Nero lächelte maliziös.

»Also, ich bin hier ...«, setzte Lebrowski erneut an, doch Nero ließ sie nicht aussprechen.

»Sie wollen wissen, was ich fordere.«

»Ich bin hier, um mit Ihnen zu reden.«

Nero lächelte süffisant. »So, so. Einfach nur reden, und hinterher geht es mir dann viel besser, und wir vertragen uns alle und gehen glücklich und zufrieden nach Hause, ja?« Er schien sich bestens zu amüsieren.

Lebrowski verlagerte ihr Gewicht, das Holz der Bank, an der sie lehnte, knarrte. Der Stoff ihrer Jeans spannte sich über ihre runden Hüften und modellierte ihre tolle Figur.

»Also schön«, setzte sie neu an. »Ich bin hier, um zu hören, was Sie fordern.«

»Schon besser. Prächtig. Reden wir also über meine erste Forderung.«

»Wie Sie wünschen.«

»Sie ist einfach umzusetzen.« Nero zwinkerte ihr zu.

»Okay.«

»Zieh. Leine.«

Susann Lebrowski stieß sich von der Bank ab und stellte sich aufrecht hin. Sie strich sich eine Strähne hinters Ohr, ihre Finger zitterten. »Ich verstehe nicht.«

»Mit einer Schlampe verhandle ich nicht. Das ist das Erste, was ich verlange«, wies er sie brüsk an.

Hörbar schnappte sie nach Luft, schien für einen Moment die Fassung zu verlieren, fing sich aber sofort wieder. »Ich versichere Ihnen ...«

»Ist mir scheißegal, was du versicherst. Und wenn du dich hier nackt ausziehst. Verschwinde! Kehr an deinen Schreibtisch zurück und schreib weiter deine Gutachten. Koch für deinen Chef Kaffee und klimper mit deinen Wimpern. Ich rede kein Wort mehr mit dir.«

»Aber Sie müssen doch mit jemandem ...«

»Nicht mit Weibern.« Nero reckte den Kopf. »Ich nehme lieber den Kerl, der dort im Schatten sitzt und meint, ich wäre so blöd, dass ich ihn nicht bemerkt hätte.« Nero lachte. »Dabei ist er vorhin vor mir hier rein und hat sich direkt dort hingesetzt.«

Landgräfs Herz setzte einen Schlag aus, um dann in doppelter Geschwindigkeit die Arbeit wieder aufzunehmen. Einige Sekunden verharrte er regungslos in der absurden Hoffnung, Nero hätte womöglich nicht ihn gemeint.

Vorsichtig spähte er über die Banklehne.

Nero reckte sich noch höher und winkte ihn heran. »Jetzt komm schon her! Wie gesagt, ich beiß nicht.« Er lachte und wedelte mit dem Zünder in der Luft herum. »Das Ding hier könnte allerdings leicht Gulasch aus dir machen.«

4

Ines Winter erwachte aus ihrem unruhigen Schlaf. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Ein scharfer Schmerz schoss durch ihren Kopf, schien ihn spalten zu wollen. Sie stöhnte und bedeckte mit der flachen Hand die Augen, um das grelle Licht der Deckenlampe abzuschirmen. Unerbittlich kehrten ihre Erinnerungen zurück.

Roman hatte sie geschlagen.

Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch diesmal war es schlimmer gewesen als sonst, ein vollkommener Ausraster.

Ächzend stemmte sie sich auf die Ellenbogen, ihr Kreislauf sackte in den Keller, ihr Blickfeld verengte sich. Plötzlich spürte sie, wie jemand sie am Oberarm berührte. Panisch wich sie aus. Roman würde sie diesmal umbringen. Sie drohte in Ohnmacht zu fallen, kämpfte gegen die Bewusstlosigkeit an. Da strich ein warmer, feuchter Waschlappen über ihre rechte Wange, und sie wusste, wer das war. Erleichtert seufzte sie und entspannte sich. Augenblicklich ging es ihr ein wenig besser, ihre Sicht klärte sich.

»Guter Hund«, stieß sie aus.

Die Schäferhündin lag neben ihr auf der unbenutzten Seite des Doppelbetts und wedelte freundlich mit dem Schwanz. Roman war anscheinend nicht zurückgekehrt, zumindest hatte er das gemeinsame Schlafzimmer gemieden.

»Ist schon gut, Camira.« Sie versuchte den rechten Arm zu heben, um den feuchten Liebesbeweis der Hündin abzuwehren, die immer wieder mit der Zunge über ihre Wange strich. Aber ihre Muskeln gehorchten nicht. Der rechte Arm war praktisch lahmgelegt. Mit links funktionierte es. Sie kraulte das Fell. »Bist eine Gute«, flüsterte sie, glücklich, dass Roman die Hündin nicht mitgenommen hatte.

Zufrieden winselte Camira und sah sie aus treuherzigen Augen an.

Eine Weile streichelte sie weiter, kämpfte sich dann stöhnend auf die Beine. Alles an ihrem Körper schmerzte, sie schien innerlich zu brennen. Sie biss die Zähne aufeinander und schlurfte in die Küche.

Erschöpft lehnte sie sich gegen den Tisch, auf dem noch der Topf mit den Dosenravioli von gestern Abend stand. Sie horchte.

Camira war ihr gefolgt und hechelte aufgeregt. Ansonsten war es still. Erleichtert stieß sie den Atem aus. Roman war nicht da. Fieberhaft versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie musste etwas unternehmen, bevor er zurückkam. Da fiel ihr Romans Vorhaben wieder ein. Sofort brach ihr der Schweiß aus. Gehetzt sah sie sich um. Die Digitalanzeige der Backofenuhr schimmerte grünlich. Fünf nach halb sieben. Sie erschrak. Offensichtlich hatte sie die ganze Nacht bewusstlos im Bett gelegen. Das Spiel – es war bereits lange zu Ende. Mit zittrigen Fingern schaltete sie das Radio ein, das unter dem Küchenschrank hing. Falls Roman eine Bombe gezündet hatte, dann würde sie es in gut zwanzig Minuten erfahren. Wenn sie es nicht schon vorher brachten.

Sie trat ans Fenster und lehnte sich vorsichtig mit der Stirn gegen das Glas. Der Anblick der Wohnsilos deprimierte sie, Betonklötze, soweit das Auge reichte. Bunte Graffiti verunzierten die Wände überall dort, wo die Sprayer einigermaßen gefahrlos herankamen. Unrat lag herum, und die wenigen Bäume, die zwischen den Betonplatten ihre Kronen dem Himmel entgegenstreckten, wirkten inmitten der tristen Wohnwelt deplatziert. Wie anders hatten sie doch früher gelebt.

Sie seufzte. Anfänglich schien ihre Beziehung so verheißungsvoll, ein Leben in Liebe und gegenseitiger Wertschätzung, ohne materielle Begrenzungen. Gemeinsam hatten sie jahrelang Höhen und Tiefen durchlebt, in den letzten Monaten aber nur noch in den Abgrund geblickt. Ines grübelte darüber nach, ob sie Mitschuld an dem Desaster trug.

Ihre Gedanken flogen in die Vergangenheit, zu dem Zeitpunkt vor über zwanzig Jahren, als alles mit einer Katastrophe begann.

5

Spätsommer 1988

Entsetzt schaute Ines auf den Schwangerschaftstest, den sie mit verkrampften Fingern in ihrer Hand hielt.

Positiv!

Ihre Knie wurden weich, und sie ließ sich auf die Toilette sinken.

Schwanger, mit achtzehn.

Es war doch nur einmal gewesen. Wut stieg in ihr auf und schnürte ihr die Kehle zu. Das war so schrecklich ungerecht. Nur weil Francesco nicht aufgepasst hatte. Der lief jetzt über Ibizas Strände und vergnügte sich mit anderen Frauen, ohne zu ahnen, was er hier angerichtet hatte. Sie kannte noch nicht einmal seine Adresse oder Telefonnummer.

Warum hatte sie nicht darauf bestanden, dass er ein Kondom benutzte? Statt seine Ausrede zu akzeptieren, dass keine Drogerie in der Nähe sei. Verflucht! Was war denn das für ein lächerliches Argument?

Ines meinte noch die salzige Luft des Meeres auf ihren Lippen zu schmecken und die Wärme des Sandes an ihren Hüften zu spüren. Sie waren allein gewesen, weitab der Hotelburgen und der belebten Strandpromenade. Das Mondlicht hatte auf der Wasseroberfläche geglitzert wie kleine Sterne, die ins Wasser gefallen waren. Das leise Plätschern der Wellen, die flammenden Küsse und seine erfahrenen Hände hatten sie berauscht und leider die Vernunft ausgeschaltet. Es war so wundervoll gewesen.

Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte.

»Weinst du, Schatz?«

Ihre Mutter.

Ines sprang auf, starrte gebannt auf die Türklinke, die sich langsam nach unten bewegte.

»Seit wann schließt du denn ab?«, fragte ihre Mutter erstaunt.

Seit ich die verflixte Brut in mir trage, hätte Ines am liebsten geschrien. »Ich habe ... Na, du weißt schon ... Ich wollte nicht, dass mein Bruderherz mich überrascht«, stammelte sie stattdessen. Sie steckte den Schwangerschaftstest in ihre Hosentasche und öffnete die Tür.

Ihre Mutter lächelte entschuldigend. »Tut mir leid, ich wollte nicht stören. Ich müsste nur mal schnell ...« Sie brach ab. Mit großen Augen starrte sie über Ines' Schulter hinweg. Ihre Lippen formten ein stummes O.

Verwirrt drehte sich Ines um. Auf dem Waschbeckenrand lag immer noch die Verpackung des Schwangerschaftstests. Es durchfuhr sie heiß und kalt. Sie war wie gelähmt.