Biss zur Mitternachtssonne (Bella und Edward 5) - Stephenie Meyer - E-Book

Biss zur Mitternachtssonne (Bella und Edward 5) E-Book

Stephenie Meyer

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Beschreibung

Endlich Neues von Biss-Autorin Stephenie Meyer. Ihre TWILIGHT-Liebesromane standen über Wochen auf den Spiegel-Bestsellerlisten. Millionen von Leser*innen haben sich mit Bella in Edward verliebt. Jetzt erfahren sie Edwards Sicht der Geschichte. Die Geschichte von Bella und Edward ist weltberühmt! Doch bisher kennen Leser*innen nur Bellas Blick auf diese betörende Liebe gegen jede Vernunft. In Biss zur Mitternachtssonne erzählt nun endlich Edward von ihrer ersten Begegnung, die ihn wie nichts zuvor in seinem Leben auf die Probe stellt, denn Bella ist zugleich Versuchung und Verheißung für ihn. Der Kampf, der in seinem Innern tobt, um sie und ihre Liebe zu retten, verleiht dieser unvergesslichen Geschichte einen neuen, dunkleren Ton. Ein Muss für alle Fantasy-Romance-Fans und eine berauschende Liebesgeschichte, die unter die Haut geht.

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Stephenie Meyer, Biss zur Mitternachtssonne

Die Geschichte von Bella und Edward ist weltberühmt! Doch bisher kennen Leser*innen nur Bellas Blick auf diese betörende Liebe gegen jede Vernunft. In Biss zur Mitternachtssonne erzählt nun endlich Edward von ihrer ersten Begegnung, die ihn wie nichts zuvor in seinem Leben auf die Probe stellt, denn Bella ist zugleich Versuchung und Verheißung für ihn. Der Kampf, der in seinem Innern tobt, um sie und ihre Liebe zu retten, verleiht dieser unvergesslichen Geschichte einen neuen, dunkleren Ton.

Biss zur Mitternachtssonne lässt uns noch einmal in die Welt von Bella und Edward eintauchen, die Millionen von Fans verzaubert hat. Eine bildgewaltige Geschichte über das unbändige Verlangen und die schicksalhaften Folgen einer unsterblichen Liebe.

Ein Muss für alle Fantasy-Romance-Fans und eine berauschende Liebesgeschichte, die unter die Haut geht.

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Dieses Buch ist allen Leserinnen und Lesern gewidmet, die seit fünfzehn Jahren auf so wunderbare Weise zu meinem Leben gehören. Als wir uns kennenlernten, waren viele von euch Teenager, die mit leuchtenden Augen von der Zukunft träumten. Ich hoffe, dass ihr alle in den vergangenen Jahren eure Träume gefunden habt und dass die Wirklichkeit all eure Hoffnungen übertrifft.

Auf den ersten Blick

Nie wünschte ich mir sehnlicher, schlafen zu können, als zu dieser Tageszeit.

Schule.

Oder sollte ich lieber Fegefeuer sagen? Sollte ich je für meine Sünden büßen können, müssten mir diese Stunden angerechnet werden. An diese Langeweile würde ich mich nie gewöhnen – jeder Tag erschien mir noch eintöniger als der vorherige.

Vielleicht könnte man das sogar als meine Form des Schlafs betrachten – wenn man Schlaf als Zustand der Untätigkeit zwischen aktiven Phasen definiert.

Ich betrachtete die Risse im Putz an der gegenüberliegenden Wand der Cafeteria und stellte mir Muster vor, die gar nicht da waren. Das war eine Methode, die Stimmen auszublenden, die wie ein endloser Strom in meinem Kopf rauschten.

Hunderte dieser Stimmen ignorierte ich aus Desinteresse.

Was menschliche Gedanken betraf, hatte ich alles schon gehört, und zwar mehr als einmal. Heute drehte es sich um die banale Tatsache, dass es an der kleinen Schule eine neue Schülerin gab. Schon solch eine Kleinigkeit versetzte alle in Aufruhr. Immer wieder sah ich das neue Gesicht aus allen möglichen Blickwinkeln in den Gedanken der anderen. Nur ein ganz gewöhnliches Mädchen. Der Wirbel um ihre Ankunft war auf ermüdende Weise vorhersehbar – als hielte man einer Gruppe Kleinkinder einen glitzernden Gegenstand hin. Die Hälfte der Jungen, einfältig, wie sie waren, war im Geiste schon in sie verliebt, nur weil sie den Augen einen neuen Reiz bot. Ich strengte mich noch mehr an, die Stimmen auszublenden.

Vier Stimmen schaltete ich schon aus purer Höflichkeit aus: die meiner Familie, meiner beiden Brüder und meiner beiden Schwestern. Sie waren schon so daran gewöhnt, in meiner Nähe keine Privatsphäre zu haben, dass sie kaum noch einen Gedanken daran verschwendeten. Und ich ließ ihnen so viel Privatsphäre wie möglich. Wenn es irgend ging, versuchte ich nicht hinzuhören.

Aber sosehr ich mich bemühte … ich wusste doch Bescheid.

Rosalie dachte, wie üblich, an sich selbst – ihre Gedanken waren ein seichter Tümpel ohne besondere Überraschungen. Sie hatte ihr Profil in jemandes Brille erhascht und sonnte sich in ihrer Vollkommenheit. Keine andere hatte solche Haare wie pures Gold, eine Figur wie eine Sanduhr, keine andere hatte ein solch makellos symmetrisches ovales Gesicht. Sie verglich sich nicht mit den Menschen hier, das wäre lächerlich gewesen, absurd. Sie dachte an andere wie uns, von denen keine mit ihr mithalten konnte.

Der sonst so sorglose Emmett sah wütend aus. Er fuhr sich mit seiner Pranke durch die tiefschwarzen Locken und drehte die Haare in der Faust. Er ärgerte sich immer noch darüber, dass er gestern Nacht einen Ringkampf gegen Jasper verloren hatte. Es kostete ihn all seine spärliche Geduld, das Ende des Schultags abzuwarten, um eine Revanche einzufädeln. Wenn ich Emmetts Gedanken lauschte, kam ich mir eigentlich nie indiskret vor, denn er dachte niemals etwas, das er nicht auch aussprechen oder in die Tat umsetzen würde. Vielleicht las ich die Gedanken der anderen nur deshalb mit einem schlechten Gewissen, weil ich wusste, dass ich bestimmte Dinge nicht erfahren sollte. Wenn Rosalies Gedanken ein seichter Tümpel waren, dann waren die von Emmett ein glasklarer, schattenloser See.

Und Jasper … litt. Ich unterdrückte ein Seufzen.

Edward. Alice rief im Geist meinen Namen und hatte sofort meine Aufmerksamkeit.

Es war genauso, als hätte sie mich laut gerufen. Ich war froh darüber, dass mein Name in den letzten Jahrzehnten aus der Mode gekommen war – es war früher doch lästig gewesen; immer wenn jemand an irgendeinen Edward dachte, hatte ich unwillkürlich den Kopf gewendet.

Jetzt drehte ich mich nicht um. Alice und ich beherrschten solche Privatgespräche sehr gut. Nur selten ließen wir uns ertappen. Mein Blick ruhte immer noch auf den Rissen im Putz.

Wie hält er sich?, fragte sie.

Ich verzog nur ganz leicht den Mund. Das würde mich nicht verraten. Ich hätte ebenso gut aus Langeweile genervt dreinschauen können.

Jasper saß schon zu lange reglos da. Ohne die kleinen menschlichen Bewegungen, die wir uns angewöhnt hatten, um nicht aufzufallen, so wie Emmett, der an seinen Haaren zog, Rosalie, die ihre Beine mal rechts und mal links übereinanderschlug, Alice, die mit der Fußspitze auf den Linoleumboden tippte, oder ich, der beim Betrachten der Wandmuster den Kopf bewegte. Jasper wirkte wie gelähmt, stocksteif saß er da, nicht einmal sein honigfarbenes Haar schien sich in der Heizungsluft zu bewegen.

Jetzt klang Alice alarmiert, und in ihren Gedanken sah ich, dass sie Jasper aus dem Augenwinkel beobachtete. Besteht irgendeine Gefahr? Sie forschte in der unmittelbaren Zukunft, suchte in Visionen von Eintönigkeit nach dem Grund meiner Verstimmung. Dabei vergaß sie nicht, ihre kleine Faust unter das spitze Kinn zu legen und regelmäßig zu blinzeln. Sie strich sich eine Strähne ihrer kurzen schwarzen Haare aus den Augen.

Langsam drehte ich den Kopf nach links, als würde ich mir die Ziegelsteine in der Wand anschauen, seufzte und schaute dann wieder nach rechts zu den Rissen im Putz. Der Rest meiner Familie würde denken, dass ich Mensch spielte. Nur Alice wusste, dass es ein Kopfschütteln war.

Ihre Anspannung legte sich. Sag mir Bescheid, wenn es zu schlimm wird.

Ich bewegte nur die Augen, schaute hoch zur Decke, dann nach unten.

Ich danke dir.

Ich war froh, dass ich ihr nicht laut antworten konnte. Was hätte ich sagen sollen? Es ist mir ein Vergnügen? Das war es wohl kaum. Es machte mir keinen Spaß, Jaspers inneren Kämpfen zu lauschen. Musste er sich unbedingt derart auf die Probe stellen? Konnte er sich nicht einfach eingestehen, dass er seinen Durst vermutlich nie so im Griff haben würde wie wir anderen, und sich nicht so viel abverlangen? Warum das Unglück herausfordern?

Zwei Wochen war es her, seit wir das letzte Mal auf der Jagd waren. Für uns andere war das auszuhalten. Gelegentlich etwas unangenehm – wenn ein menschliches Wesen uns zu nahe kam, wenn der Wind aus der falschen Richtung wehte. Doch die Menschen kamen uns selten zu nah. Ihr Instinkt verriet ihnen, was sie mit dem Bewusstsein nicht erfassen konnten: dass wir gefährlich waren.

Jasper war in diesem Moment brandgefährlich.

Es kam nicht oft vor, aber hin und wieder verblüffte mich die Blindheit der Menschen um uns herum. Wir waren daran gewöhnt und verließen uns darauf, doch manchmal war es zu frappierend. Niemand achtete auf uns, wie wir uns an dem ramponierten Cafeteriatisch lümmelten, dabei wäre eine Gruppe lauernder Tiger weniger gefährlich gewesen als wir. Doch sie sahen nur fünf etwas sonderbar aussehende Jugendliche, den anderen hier gerade so ähnlich, dass man sie als solche durchgehen ließ. Kaum vorzustellen, dass man mit solch stumpfen Sinnen überleben konnte.

In diesem Moment blieb ein schmales Mädchen am Kopfende des Nebentisches stehen und unterhielt sich mit einer Freundin. Sie warf das kurze, sandfarbene Haar zurück und fuhr mit den Fingern hindurch. Die Heizung blies den Geruch des Mädchens zu uns herüber. Ich war an die Empfindungen gewöhnt, die der Geruch bei mir auslöste – an den trockenen Schmerz in der Kehle, das hungrige Verlangen im Magen, die automatische Anspannung der Muskeln, den übermäßigen giftigen Speichelfluss …

Das war alles ganz normal und ließ sich für gewöhnlich leicht ignorieren. Jetzt gerade war es schwieriger, weil die Reaktion, während ich auf Jasper achtete, stärker war, doppelt so stark.

Jasper ließ sich von seinen Fantasien treiben. Er malte es sich aus – stellte sich vor, wie er von seinem Platz neben Alice aufstand und neben das Mädchen trat. Wie er sich zu ihr hinunterbeugte, als wollte er ihr etwas ins Ohr flüstern, und die Lippen an die Wölbung ihrer Kehle legte. Wie sich der heiße Puls unter der zarten Haut an seinem Mund anfühlen würde …

Ich trat gegen seinen Stuhl.

Ganz kurz schauten wir uns an, ich sah das schlechte Gewissen in seinen schwarzen Augen, dann senkte er den Blick. Ich hörte, wie Scham und Starrsinn in ihm miteinander rangen.

»Tut mir leid«, murmelte Jasper.

Ich zuckte die Achseln.

»Du hast nichts im Schilde geführt«, flüsterte Alice ihm zu, um ihn zu besänftigen. »Das habe ich gesehen.«

Ich verkniff mir ein Stirnrunzeln, um ihre Lüge nicht preiszugeben. Wir mussten zusammenhalten, Alice und ich. Wir hatten es nicht leicht als Außenseiter in einer Familie von Außenseitern. Ich hütete ihre Geheimnisse und sie meine.

»Es hilft ein bisschen, wenn du sie dir als Personen vorstellst«, empfahl Alice mit ihrer hohen, melodischen Stimme. Sie sprach so schnell, dass kein Mensch sie verstanden hätte, selbst wenn jemand nah genug gewesen wäre. »Sie heißt Whitney. Sie hat eine kleine Schwester, die sie über alles liebt. Ihre Mutter hat Esme zu der Gartenparty eingeladen, erinnerst du dich?«

»Ich weiß, wer sie ist«, sagte Jasper kurz angebunden. Er wandte sich ab und starrte zu einem der kleinen Dachfenster hinaus. Sein Ton ließ keine Antwort zu.

Er musste heute Nacht auf die Jagd gehen. Es war absurd, dass er solche Risiken einging und seine Selbstbeherrschung derart auf die Probe stellte, nur um sein Durchhaltevermögen zu trainieren. Jasper musste einfach lernen seine Grenzen zu akzeptieren.

Alice seufzte leise und erhob sich, sie nahm das Tablett mit dem Essen – in Wirklichkeit reine Staffage – und ließ ihn in Ruhe. Sie wusste, wann er von ihrem Zuspruch genug hatte. Rosalie und Emmett trugen ihre Beziehung zwar offener zur Schau, doch wenn es darum ging, die Stimmung des anderen zu spüren wie die eigene, waren Alice und Jasper ihnen weit voraus. Als könnten auch sie Gedanken lesen – aber nur untereinander.

Edward.

Reflexartig drehte ich mich um, obwohl mein Name gar nicht gerufen, sondern nur gedacht wurde.

Den Bruchteil einer Sekunde lang begegnete mein Blick einem Paar schokoladenbrauner Augen in einem blassen, herzförmigen Gesicht. Obwohl ich das Gesicht noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, kannte ich es. Es hatte heute in allen menschlichen Köpfen an erster Stelle gestanden. Die Neue. Isabella Swan, Tochter des Polizeichefs der Stadt, die von nun an nicht mehr bei ihrer Mutter, sondern hier bei ihrem Vater lebte. Bella. Sie korrigierte jeden, der ihren vollen Namen benutzte …

Gelangweilt wandte ich den Blick ab. Es dauerte eine Sekunde, bis ich merkte, dass nicht sie es gewesen war, die meinen Namen gedacht hatte.

Klar, dass die sich sofort in die Cullens verguckt. So ging der Gedanke weiter.

Jetzt erkannte ich die Stimme.

Jessica Stanley. Sie hatte mich schon länger nicht mehr mit ihrem Gedankengeschwätz belästigt. Wie erleichtert war ich gewesen, als sie ihre deplatzierte Schwärmerei überwunden hatte. Ihren unaufhörlichen, albernen Tagträumen konnte ich damals kaum entkommen. Seinerzeit hätte ich ihr gern ganz genau erklärt, was geschehen würde, wenn meine Lippen und die Zähne dahinter sich ihr näherten. Das hätte diesen ärgerlichen Fantasien ein rasches Ende bereitet. Als ich mir ihre Reaktion vorstellte, musste ich fast grinsen.

Das wird ihr aber noch leidtun, dachte Jessica weiter. Die ist ja noch nicht mal hübsch. Ich weiß echt nicht, wieso Eric sie so anstarrt … oder Mike.

Bei dem letzten Namen zuckte sie innerlich zusammen. Ihre neue Flamme, der allseits beliebte Mike Newton, beachtete sie überhaupt nicht. Umso mehr schien er das neue Mädchen zu beachten. Noch ein Kind, das die Hand nach dem glitzernden Gegenstand ausstreckte. Deshalb war Jessica so gereizt, auch wenn sie nach außen hin freundlich zu der Neuen war und ihr alles über meine Familie erzählte. Offenbar hatte das Mädchen sich nach uns erkundigt.

Mich gucken heute auch alle an, dachte Jessica selbstgefällig. Was für ein Glück, dass Bella zwei Kurse zusammen mit mir hatte … Garantiert wird Mike mich fragen, was sie …

Ich versuchte das Gedankengeplapper auszublenden, bevor all die Banalitäten mich noch in den Wahnsinn trieben.

»Jessica Stanley breitet vor dem neuen Swan-Mädchen den ganzen üblen Tratsch über den Cullen-Clan aus«, flüsterte ich Emmett zu, um mich abzulenken.

Er lachte in sich hinein. Hoffentlich macht sie ihre Sache gut, dachte er.

»Ziemlich uninspiriert. Kaum Skandale und kein bisschen Horror. Da bin ich doch ein wenig enttäuscht.«

Und die Neue? Ist sie von dem Klatsch auch enttäuscht?

Ich versuchte zu hören, was Bella, die Neue, von Jessicas Geschichten hielt. Was sah sie, wenn sie die merkwürdige, kreidebleiche Familie betrachtete, die von allen gemieden wurde?

Es fiel in meine Verantwortung, ihre Reaktion zu überprüfen. Ich war für meine Familie eine Art Wächter – ein besseres Wort fiel mir nicht ein. Damit sollte ich uns schützen. Falls einmal jemand Verdacht schöpfte, konnte ich die anderen frühzeitig warnen und zum Rückzug blasen. Gelegentlich kam das vor – manche fantasiebegabten Menschen erkannten in uns Figuren aus Büchern oder Filmen. Für gewöhnlich lagen sie daneben, trotzdem wechselte man besser den Ort, als zu riskieren, dass jemand der Sache auf den Grund ging. Nur ganz selten hatte einmal jemand die richtige Ahnung. Doch wir gaben niemandem die Chance, seine Theorie zu überprüfen. Wir verschwanden einfach und verwandelten uns in eine gruselige Erinnerung.

Das war seit Jahrzehnten nicht passiert.

Obwohl ich mich auf den Platz neben Jessicas nichtssagendem inneren Monolog konzentrierte, hörte ich nichts. Es war, als säße da niemand. Wie eigenartig, hatte das Mädchen sich umgesetzt? Das war unwahrscheinlich, denn Jessica redete immer noch auf sie ein. Verunsichert schaute ich nach. Ich brauchte sonst nie zu überprüfen, was mein »zweites Gehör« mir verriet.

Wieder traf mein Blick ihre großen braunen Augen. Sie saß noch auf demselben Platz wie vorher und schaute uns an, was nur natürlich war, da Jessica sie immer noch mit Klatschgeschichten über die Cullens unterhielt.

Es wäre ganz natürlich gewesen, wenn sie an uns gedacht hätte.

Aber ich hörte keinen Laut.

Verlockendes, warmes Rot färbte ihre Wangen, als sie den Blick senkte, eine Reaktion auf den Fauxpas, einen Fremden anzustarren und sich dabei erwischen zu lassen. Nur gut, dass Jasper immer noch aus dem Fenster schaute. Ich mochte mir nicht vorstellen, welche Wirkung der Anblick ihres rasch zirkulierenden Bluts auf seine Selbstbeherrschung hätte.

Ihre Gefühlsregungen waren ihr gleichsam auf die Stirn geschrieben: Überraschung, als sie unbewusst die feinen Unterschiede zwischen ihresgleichen und meinesgleichen registrierte, Neugier, als sie Jessicas Geschichten hörte, und dann noch etwas … Faszination? Es wäre nicht das erste Mal. Wir wirkten schön auf sie, unsere potenziellen Opfer. Und dann schließlich Verlegenheit, als ich sie ertappte.

Und obwohl ihre Gedanken so deutlich in ihren seltsamen Augen zu lesen waren – seltsam wegen ihrer Tiefe –, hörte ich von ihrem Platz nichts als Schweigen. Absolut nichts.

Ich war verunsichert.

So etwas war mir noch nie passiert. Stimmte etwas nicht mit mir? Ich fühlte mich genau wie immer. Jetzt lauschte ich noch angestrengter.

Alle Stimmen, die ich ausgeblendet hatte, riefen plötzlich in meinem Kopf durcheinander.

… was für Musik sie wohl gut findet … ich könnte ja mal mit ihr über die neue CD …, dachte Mike Newton zwei Tische weiter, den Blick auf Bella Swan geheftet.

Wie der sie anstarrt. Reichts ihm noch nicht, dass die Hälfte aller Mädchen nur darauf wartet, dass er … Das waren die gehässigen Gedanken von Eric Yorkie, die sich ebenfalls um die Neue drehten.

… abstoßend. Ist ja fast, als wär sie eine Berühmtheit oder so … Sogar Edward Cullen glotzt sie an … Lauren Mallory war so eifersüchtig, dass ihr Gesicht eigentlich knallgelb hätte sein müssen. Und Jessica, wie sie sich mit ihrer neuen besten Freundin aufspielt. So ein Witz … Das Mädchen versprühte in Gedanken Gift und Galle.

… Das ist sie bestimmt schon von jedem gefragt worden. Aber ich würd mich gern mit ihr unterhalten. Was könnte ich nur Originelles sagen?, dachte Ashley Dowling.

… vielleicht hab ich ja Spanisch mit ihr zusammen …, hoffte June Richardson.

… heute Abend noch so viel tun! Trigonometrie, und dann noch die Englischarbeit. Hoffentlich ist Mom … Angela Weber, ein stilles Mädchen mit ungewöhnlich freundlichen Gedanken, war als Einzige am Tisch nicht von dieser Bella besessen.

Alle konnte ich hören, jedes noch so belanglose Detail in ihren Gedanken. Doch von dem neuen Mädchen mit den täuschend beredten Augen – nichts.

Natürlich hörte ich, was sie sagte, wenn sie mit Jessica sprach. Ich brauchte keine Gedanken zu lesen, um ihre leise, klare Stimme auf der anderen Seite des länglichen Raums zu hören.

»Wer ist der Junge mit den rötlich braunen Haaren?«, fragte sie. Dabei lugte sie aus dem Augenwinkel zu mir herüber, schaute jedoch gleich wieder weg, als sie sah, dass ich sie immer noch anstarrte.

Falls ich gehofft hatte, mithilfe ihrer Stimme dem Klang ihrer Gedanken auf die Spur zu kommen, die für mich unerreichbar irgendwo herumschwirrten, so wurde ich augenblicklich enttäuscht. Für gewöhnlich war die Stimme, mit der die Menschen dachten, ihrer tatsächlichen sehr ähnlich. Doch diese leise, scheue Stimme kam mir nicht bekannt vor, sie glich keinem der vielen Gedankenstimmen, die durch den Raum hüpften, da war ich mir sicher. Sie war vollkommen neu.

Na dann viel Glück, du dumme Gans!, dachte Jessica, ehe sie die Frage des Mädchens beantwortete. »Das ist Edward. Der ist supersüß, klar, aber mach dir keine Hoffnungen. Er ist an Mädchen nicht interessiert, zumindest nicht an den Mädchen hier. Anscheinend ist ihm keine hübsch genug.« Sie rümpfte die Nase.

Ich wandte mich ab und verbarg ein Lächeln. Jessica und ihre Klassenkameradinnen hatten keine Ahnung, wie glücklich sie sich schätzen konnten, dass mir keine von ihnen sonderlich gefiel.

Abgesehen von diesem Anflug von Heiterkeit verspürte ich einen merkwürdigen Impuls, den ich nicht ganz einordnen konnte. Er hatte etwas mit Jessicas Gedanken zu tun, von denen das neue Mädchen nichts ahnte.

Ich verspürte den höchst eigenartigen Drang, dazwischenzutreten und Bella Swan vor Jessicas boshaften Gedanken zu schützen. Wie seltsam. Ich versuchte zu ergründen, was hinter diesem Impuls steckte. Ich schaute mir das neue Mädchen noch einmal an, diesmal durch Jessicas Augen, denn ich konnte sie nicht schon wieder anstarren.

Vielleicht war es nur ein lange verschütteter Beschützerinstinkt – der Starke für die Schwache. Das Mädchen wirkte zarter als seine Mitschülerinnen. Ihre blasse Haut war so durchscheinend; kaum vorstellbar, dass sie ihr großen Schutz vor der Außenwelt bieten konnte. Darunter sah ich, wie das Blut rhythmisch durch die Adern gepumpt wurde … Doch darauf sollte ich mich lieber nicht konzentrieren – zwar fiel mir das Leben, das ich gewählt hatte, nicht schwer, doch ich war ebenso durstig wie Jasper und wollte mich nicht unnötig in Versuchung führen.

Zwischen ihren Augenbrauen hatte sie eine kleine Falte, deren sie sich nicht bewusst zu sein schien.

Es war so frustrierend! Ich sah genau, dass es eine Qual für sie war, dazusitzen, sich mit fremden Leuten zu unterhalten und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Die Haltung ihrer zarten Schultern verriet Schüchternheit – leicht vorgebeugt, als rechne sie jeden Moment mit einer Zurückweisung. Und doch konnte ich nur beobachten, nur raten, nur vermuten. Nichts als Schweigen von diesem gewöhnlichen Mädchen. Ich konnte nichts hören. Warum nicht?

»Sollen wir?«, fragte Rosalie und störte meine Konzentration.

Mit einer gewissen Erleichterung wandte ich den Blick von der Neuen ab. Ich wollte mich nicht weiter vergeblich mühen – ich war es nicht gewohnt, etwas nicht zu können, es ärgerte mich. Ich wollte nicht anfangen mich für ihre verborgenen Gedanken zu interessieren, nur weil sie mir verborgen blieben. Zweifellos würden sich ihre Gedanken, wenn ich sie erst einmal entschlüsselt hatte – und das würde mir gewiss noch gelingen –, als ebenso banal erweisen wie die aller anderen Menschen. Nicht der Mühe wert, die ich dafür aufbringen musste.

»Und, hat die Neue schon Angst vor uns?«, fragte Emmett, der immer noch keine Antwort auf seine letzte Frage erhalten hatte.

Ich zuckte die Achseln. Es interessierte ihn nicht so brennend, dass er insistiert hätte.

Wir standen auf und verließen die Cafeteria.

Emmett, Rosalie und Jasper gaben sich als Zwölftklässler aus und gingen zu ihren Kursen. Ich tat so, als wäre ich etwas jünger. Ich ging zu meinem Biokurs und machte mich auf eine langweilige Stunde gefasst. Es war kaum anzunehmen, dass Mr Banner, ein höchstens durchschnittlich intelligenter Mann, eine Überraschung für jemanden bereithielt, der zwei Abschlüsse in Medizin hatte.

Im Klassenzimmer setzte ich mich auf meinen Platz und breitete meine Bücher – wieder nur Requisiten; es stand nichts darin, was ich nicht schon wusste – auf dem Tisch aus. Ich hatte als Einziger einen Tisch für mich allein. Die Menschen waren nicht schlau genug, um zu wissen, dass sie Angst vor mir hatten, doch ihr Selbsterhaltungstrieb hielt sie immerhin von mir fern.

Langsam trudelten alle vom Mittagessen ein und der Raum füllte sich. Ich lehnte mich zurück und wartete, dass die Zeit verging. Wieder einmal wünschte ich mir, schlafen zu können.

Weil ich gerade an die Neue gedacht hatte, als Angela Weber mit ihr hereinkam, weckte ihr Name meine Aufmerksamkeit.

Bella scheint genauso schüchtern zu sein wie ich. Bestimmt ist das heute nicht leicht für sie. Ich würde so gern irgendwas sagen … aber das würde sich wahrscheinlich nur blöd anhören …

Super!, dachte Mike Newton, als er sich auf seinem Stuhl umdrehte und die Mädchen hereinkommen sah.

Doch von dort, wo Bella Swan stand, immer noch nichts. Es ärgerte und nervte mich, dass dort, wo ihre Gedanken sein sollten, nichts als Leere war.

Was, wenn ich nun meine Gabe verlor? Wenn das hier nur der Anfang war?

Oft hatte ich mir gewünscht, der Kakofonie entfliehen zu können. Normal zu sein – soweit es mir möglich war. Doch jetzt erfüllte mich die Vorstellung mit Panik. Wer wäre ich ohne meine Gabe? Ich hatte noch nie gehört, dass so etwas vorkommen konnte. Ich musste Carlisle danach fragen.

Jetzt kam sie näher und ging an meinem Tisch vorbei zum Lehrerpult. Armes Mädchen, der einzige freie Platz war der neben mir. Automatisch räumte ich ihre Hälfte des Tisches frei und schob meine Bücher zu einem Stapel zusammen. Ich bezweifelte, dass sie sich hier besonders wohlfühlen würde. Sie hatte ein langes Halbjahr vor sich – jedenfalls in diesem Kurs. Aber vielleicht würde es mir, wenn ich neben ihr saß, ja gelingen, das Versteck ihrer Gedanken aufzuspüren … nicht, dass ich dafür normalerweise große Nähe brauchte. Und nicht, dass ich irgendetwas zu hören bekommen würde, wofür es sich lohnte.

Bella Swan trat in den Strom warmer Luft, die von der Lüftung zu mir geblasen wurde.

Ihr Geruch traf mich wie ein Rammbock, wie eine explodierende Granate. Kein Bild könnte die Gewalt dessen beschreiben, was in diesem Augenblick mit mir geschah.

Ich war auf der Stelle verwandelt. Von einem Moment auf den anderen hatte ich nichts mehr mit dem Menschen gemein, der ich einmal gewesen war; von den Überresten der Menschlichkeit, in die ich mich all die Jahre gekleidet hatte, blieb nichts übrig.

Ich war ein Raubtier und sie war meine Beute. Nur noch diese Wahrheit gab es auf der Welt, sonst nichts.

Es gab keinen Raum voller Zeugen – die waren in meiner Vorstellung schon Kollateralschäden. Vergessen war das Geheimnis von Bella Swans Gedanken. Ihre Gedanken waren bedeutungslos, denn sie würde sie nicht mehr viel länger denken.

Ich war ein Vampir, und sie hatte das süßeste Blut, das ich in den letzten achtzig Jahren gerochen hatte.

Ich hätte nie für möglich gehalten, dass es einen solchen Duft geben könnte. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich schon vor langer Zeit danach auf die Suche gemacht. Die ganze Erde hätte ich nach ihr durchkämmt. Ich konnte mir den Geschmack vorstellen …

Wie Feuer brannte mir der Durst in der Kehle. Mein Mund war ausgetrocknet, die Zunge klebte am Gaumen. Das Einschießen des Gifts half nicht, dieses Gefühl zu vertreiben. Als Antwort auf den Durst krampfte sich mein Magen vor Hunger zusammen. Meine Muskeln spannten sich zum Sprung.

Nicht einmal eine Sekunde war vergangen. Sie war noch mitten in dem Schritt, der mir ihren Duft entgegengeweht hatte.

Als ihr Fuß den Boden berührte, schaute sie verstohlen, wie sie meinte, zu mir herüber. Ihr Blick traf meinen, und ich sah mich in ihren großen Augen gespiegelt.

Der Schreck über diesen Anblick rettete ihr für einen kurzen Moment das Leben.

Und sie machte es mir nur noch schwerer. Als sie meinen Gesichtsausdruck registrierte, schoss ihr wieder das Blut in die Wangen und färbte ihre Haut in dem köstlichsten Rotton, den ich je gesehen hatte. Ihr Duft hing wie ein dichter Nebel in meinem Gehirn. Meine Gedanken überschlugen sich, waren unzusammenhängend, entzogen sich meiner Gewalt.

Sie ging jetzt schneller, als hätte sie begriffen, dass sie fliehen musste. Vor lauter Eile stolperte sie, geriet ins Wanken und fiel dabei fast auf das Mädchen vor mir. Schwach und verwundbar. Noch schwächer und verwundbarer als gewöhnliche Menschen.

Ich versuchte mich auf das Gesicht zu konzentrieren, das ich in ihren Augen gesehen hatte, ein Gesicht, das ich voller Abscheu erkannte. Das Gesicht des Monsters in mir – das Gesicht, gegen das ich seit Jahrzehnten angestrengt und mit kompromissloser Disziplin ankämpfte. Wie mühelos es jetzt zutage trat!

Ihr Duft umschwirrte mich wieder, verwirrte meine Gedanken und schleuderte mich fast aus dem Stuhl.

Nein.

Ich griff mit einer Hand unter den Tisch und packte eine Strebe vom Stuhl, um mich daran festzuhalten. Das Holz war dem nicht gewachsen. Die Strebe brach und ich hatte die Hand voll bröseliger Splitter. Im verbliebenen Holz zeichneten sich meine Finger ab.

Spuren verwischen. Das war eine Grundregel. Schnell zerrieb ich mit den Fingerspitzen die Umrisse des Abdrucks und hinterließ nur ein ungleichmäßiges Loch und ein Häufchen Sägespäne auf dem Fußboden. Ich verteilte sie mit dem Fuß.

Spuren verwischen. Kollateralschäden …

Ich wusste, was jetzt kam. Das Mädchen würde sich neben mich setzen und ich musste es töten.

Die unschuldigen Zuschauer im Klassenzimmer, achtzehn junge Menschen und ein Mann, durften den Raum nicht verlassen, wenn sie alles mit angesehen hatten.

Beim Gedanken an das, was ich tun musste, zuckte ich zusammen. Selbst in meinen schlimmsten Zeiten hatte ich nie so eine Gräueltat begangen. Noch nie hatte ich Unschuldige getötet, in mehr als acht Jahrzehnten nicht. Und jetzt plante ich zwanzig auf einen Streich abzuschlachten.

Das Gesicht des Monsters in meinen Gedanken verhöhnte mich.

Auch wenn ich vor dem Monster erschauerte, so plante ich doch gleichzeitig die Tat.

Wenn ich zuerst das Mädchen tötete, hätte ich nur fünfzehn oder zwanzig Sekunden mit ihr, bevor die anderen reagierten. Vielleicht ein wenig länger, falls sie nicht gleich merkten, was geschah. Ihr würde keine Zeit bleiben, zu schreien oder Schmerz zu empfinden; ich würde sie nicht brutal ermorden. So viel konnte ich für diese Fremde mit dem schrecklich begehrenswerten Blut schon tun.

Doch dann musste ich die anderen an der Flucht hindern. Wegen der Fenster brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, zu hoch und zu klein. Blieb also nur die Tür – wenn ich die versperrte, saßen sie in der Falle.

Wenn sie in Panik gerieten und wild durcheinanderrannten, wäre es schwieriger und umständlicher, sie alle zu überwältigen. Nicht unmöglich, aber es würde viel Lärm geben. Zeit für jede Menge Geschrei. Irgendjemand würde etwas hören … und dann wäre ich gezwungen, in dieser schwarzen Stunde noch mehr Unschuldige zu töten.

Und während ich die anderen tötete, würde ihr Blut abkühlen.

Ihr Duft war eine Strafe, er verschloss mir die trockene, schmerzende Kehle …

Also die Zeugen zuerst.

Ich plante die Sache ganz genau. Ich befand mich in der hintersten Reihe. Als Erstes würde ich mir die rechte Seite vornehmen. Ich schätzte, dass ich pro Sekunde in vier oder fünf Hälse beißen konnte. Das würde keinen Lärm machen. Die rechte Seite hatte es besser, sie würden mich nicht kommen sehen. Dann vorn herum zur linken Seite – ich würde höchstens fünf Sekunden brauchen, um jedes Leben in diesem Klassenzimmer auszulöschen.

Aber doch lange genug, dass Bella Swan sehen konnte, was auf sie zukam. So lange, dass sie Angst bekommen konnte. Vielleicht sogar so lange, dass sie losschreien würde, wenn sie nicht vor Schreck erstarrte. Ein Schrei, so leise, dass niemand zu Hilfe käme.

Ich holte tief Luft, und ihr Duft war ein Feuer, das durch meine trockenen Adern raste, in meiner Brust brannte und alle besseren Regungen zerstörte, deren ich fähig war.

Jetzt drehte sie sich um. In ein paar Sekunden würde sie sich neben mich setzen, nur wenige Zentimeter entfernt.

Das Monster in meinem Kopf frohlockte.

Links neben mir klappte jemand eine Mappe zu. Ich schaute nicht nach, wer von den Verdammten es war. Doch die Bewegung wirbelte mir einen Strom gewöhnlicher, neutraler Luft ins Gesicht.

Einen kurzen Moment konnte ich wieder klar denken. In diesem wertvollen Moment sah ich zwei Gesichter nebeneinander in meinem Kopf.

Das eine war meins, besser gesagt, war einmal meins gewesen: das rotäugige Monster, das so viele Menschen umgebracht hatte, dass ich nicht mehr mitgezählt hatte. Es waren Morde, die ich begründen und rechtfertigen konnte. Ich war ein Mörder von Mördern, ein Mörder anderer, schwächerer Monster. Ich schwang mich zu einer Art Gott auf, bestimmte darüber, wer die Todesstrafe verdiente. Es war ein Kompromiss, den ich mit mir selbst geschlossen hatte. Ich hatte mich von menschlichem Blut ernährt, doch nur, wenn man den Begriff sehr weit fasste. Meine Opfer waren mit ihren finsteren Taten kaum menschlicher als ich gewesen.

Das andere Gesicht war das von Carlisle.

Zwischen den beiden Gesichtern gab es keinerlei Ähnlichkeit. Sie waren schwärzeste Nacht und helllichter Tag.

Es gab auch keinen Grund für irgendwelche Ähnlichkeiten. Carlisle war nicht mein Vater im biologischen Sinn. Unsere Gesichtszüge glichen einander nicht. Die Ähnlichkeit unserer Hautfarbe rührte nur daher, dass wir beide Vampire waren; alle Vampire hatten die gleiche eisbleiche Haut. Mit der Augenfarbe war es etwas anderes – die war Folge einer gemeinsamen Entscheidung.

Und doch, obwohl es keinen Grund für eine Gemeinsamkeit gab, hatte ich mir eingebildet, mein Gesicht hätte in den über siebzig Jahren, in denen ich Carlisles Entscheidung gefolgt und in seine Fußstapfen getreten war, bis zu einem gewissen Grad angefangen seines zu spiegeln. Meine Züge hatten sich nicht verändert, doch mir schien es, als zeichnete sich etwas von seiner Weisheit in meinem Gesicht ab, als könnte man sein Mitgefühl an der Form meines Mundes erkennen und Spuren seiner Geduld auf meiner Stirn.

All diese kleinen Verbesserungen waren im Gesicht des Monsters verloren gegangen. In wenigen Augenblicken würde nichts mehr von den Jahren zu erkennen sein, die ich mit meinem Schöpfer, meinem Mentor, meinem Vater in jeder wesentlichen Bedeutung des Wortes verbracht hatte. Meine Augen würden rot glühen wie die des Teufels, jede Ähnlichkeit wäre für immer dahin.

In meiner Vorstellung verurteilten Carlisles freundliche Augen mich nicht. Ich wusste, dass er mir diese Gräueltat verzeihen würde. Weil er mich liebte. Weil er mich für besser hielt, als ich war.

Bella Swan setzte sich mit steifen, sicher vor Angst unbeholfenen Bewegungen auf den Platz neben mir und der Geruch ihres Bluts hüllte mich erbarmungslos ein.

Mein Vater würde sehen, dass er sich in mir getäuscht hatte. Diese Tatsache schmerzte fast so sehr wie das Feuer in meiner Kehle.

Angewidert drehte ich mich von ihr weg – voller Abscheu vor dem Monster, das sich danach verzehrte, sie zu packen.

Warum musste sie hierherkommen? Warum musste es sie geben? Warum musste sie das bisschen Frieden zerstören, das ich in diesem Nicht-Leben hatte? Warum war dieses unerträgliche Mädchen überhaupt geboren worden? Sie war mein Untergang.

Ich wandte das Gesicht von ihr ab, als mich plötzlich heftiger, blinder Hass durchfuhr.

Ich wollte kein Monster sein! Ich wollte nicht all die harmlosen jungen Leute im Raum töten! Ich wollte nicht alles verlieren, was ich mir in einem Leben voller Entsagung und Selbstverleugnung aufgebaut hatte!

Das durfte nicht geschehen.

Sie würde mich nicht dazu bringen.

Das Problem war der Geruch, der grauenhaft verlockende Geruch ihres Bluts. Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe zu widerstehen … wenn mir nur ein frischer Wind den Kopf durchpusten würde.

Bella Swan warf ihr langes, dichtes mahagonifarbenes Haar in meine Richtung.

War sie verrückt?

Nein, es kam keine freundliche Brise. Aber ich musste ja nicht atmen.

Ich hielt die Luft an. Die Erleichterung war sofort zu spüren, doch sie war nicht vollkommen. Ich hatte immer noch die Erinnerung an den Geruch im Kopf und den Geschmack hinten auf der Zunge. Selbst auf diese Weise würde ich nicht lange widerstehen können.

Jedes Leben im Raum war in Gefahr, solange wir beide uns gemeinsam darin aufhielten. Ich müsste weglaufen. Ich wollte weglaufen, weg von der Hitze des Mädchens neben mir und dem unerträglich brennenden Schmerz, doch ich war mir nicht hundertprozentig sicher, dass ich, wenn ich die Muskeln löste, um aufzustehen, mich nicht stattdessen auf sie stürzen und das Verbrechen begehen würde, das ich bereits geplant hatte.

Doch vielleicht konnte ich eine Stunde widerstehen. Würde ich mich nach einer Stunde so weit im Griff haben, dass ich gefahrlos aufstehen konnte? Ich zweifelte daran, doch ich nahm es mir fest vor. Es musste gelingen. Die Zeit musste reichen, um aus diesem Raum voller Opfer zu entkommen. Opfer, die es vielleicht gar nicht geben musste, wenn ich eine kleine Stunde widerstehen konnte.

Es war unangenehm, nicht zu atmen. Mein Körper brauchte keinen Sauerstoff, doch es lief meinen Instinkten zuwider. In Stresssituationen verließ ich mich stärker auf meinen Geruchssinn als auf alle anderen Sinne. Er leitete mich bei der Jagd, er warnte mich bei Gefahr. Mir begegnete nur selten etwas, das so gefährlich war wie ich, aber der Selbsterhaltungstrieb war bei meinesgleichen ebenso stark ausgeprägt wie bei einem durchschnittlichen Menschen.

Es war unangenehm, aber auszuhalten. Jedenfalls erträglicher, als sie zu riechen und nicht die Zähne in diese zarte, dünne, durchsichtige Haut zu schlagen und das heiße, strömende, pulsierende …

Eine Stunde! Nur eine Stunde. Ich durfte nicht an den Geruch denken, nicht an den Geschmack.

Das stille Mädchen beugte sich vor, sodass sich ihre Haare über ihre Mappe ausbreiteten. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, konnte nicht versuchen die Gefühle in ihren klaren, tiefen Augen zu lesen. Verbarg sie ihre Augen vor mir? Aus Angst? Aus Schüchternheit? Um ihre Geheimnisse für sich zu behalten?

Mein anfänglicher Ärger darüber, von ihren lautlosen Gedanken ausgeschlossen zu sein, verblasste neben dem Verlangen und dem Hass, die mich jetzt beherrschten. Denn ich hasste dieses zerbrechliche Mädchen, hasste es mit der ganzen Inbrunst, mit der ich mich an mein altes Ich klammerte, an die Liebe zu meiner Familie, an meine Träume, besser zu sein, als ich war … Sie zu hassen, das zu hassen, was sie in mir auslöste – das half ein wenig. Der anfängliche Ärger war schwach gewesen, aber auch er half ein wenig. Ich klammerte mich an jedes Gefühl, das mich von der Vorstellung ablenkte, wie sie schmeckte …

Hass und Ärger. Ungeduld. Ging diese Stunde denn nie vorbei?

Und wenn die Stunde vorbei war … dann würde sie aus dem Klassenzimmer gehen. Und ich?

Wenn ich das Monster in Schach hielt, es überzeugen konnte, dass sich der Aufschub lohnte, dann könnte ich mich vorstellen. Hallo, ich bin Edward Cullen. Soll ich dich zu deinem nächsten Kurs bringen?

Sie würde Ja sagen. Das wäre die normale, höfliche Reaktion. Auch wenn sie bereits Angst vor mir hatte, was ich vermutete, würde sie der Konvention folgen und mitkommen. Es dürfte ein Leichtes sein, sie in die Irre zu führen. Ein Zipfel des Waldes ragte wie ein Finger bis an den Parkplatz heran. Ich könnte behaupten, ich hätte ein Buch im Auto vergessen …

Würde sich jemand daran erinnern, dass ich der Letzte war, mit dem sie gesehen wurde? Es regnete, wie üblich; zwei dunkle Regenjacken, die sich in die falsche Richtung bewegten, fielen sicher nicht besonders auf, sie würden mich nicht verraten.

Nur dass ich heute nicht der Einzige war, der sich für Bella Swan interessierte – wenn auch brennender als alle anderen. Vor allem Mike Newton entging keine ihrer Bewegungen, als sie auf ihrem Stuhl herumrutschte – sie fühlte sich unbehaglich in meiner Nähe, wie es jedem gehen würde und wie ich es schon geahnt hatte, bevor ihr Geruch jedes freundliche Mitgefühl zunichtemachte. Mike Newton würde es auffallen, wenn sie den Raum mit mir verließ.

Wenn ich es eine Stunde aushielt, schaffte ich es dann auch zwei?

Der brennende Schmerz ließ mich zusammenzucken.

Nach der Schule würde sie in ein leeres Haus zurückgehen. Polizeichef Swan arbeitete den ganzen Tag. Ich kannte sein Haus, wie ich jedes Haus in dieser winzigen Stadt kannte. Es schmiegte sich an den dichten Wald, direkte Nachbarn gab es keine. Selbst wenn sie Zeit hätte zu schreien, was ausgeschlossen war, würde niemand sie hören.

Ja, so konnte ich die Sache auf verantwortungsvolle Art angehen. Ich hielt es schon mehr als sieben Jahrzehnte ohne Menschenblut aus. Da konnte ich wohl noch zwei Stunden durchhalten, wenn ich den Atem anhielt. Und war ich erst mit ihr allein, bestand kein Risiko, dass andere zu Schaden kamen. Und dann gibt es auch keinen Grund, die Sache überstürzt zum Abschluss zu bringen, stimmte das Monster in meinem Kopf zu.

Es war schon ziemlich spitzfindig zu denken, dass ich kein ganz so schlimmes Monster wäre, wenn ich dieses unschuldige Mädchen tötete und dafür die neunzehn Übrigen im Raum durch meine Geduld und Selbstbeherrschung rettete.

Ich hasste das Mädchen und wusste gleichzeitig, dass mein Hass ungerecht war. In Wirklichkeit galt der Hass mir selbst. Und wenn sie tot war, würde ich uns beide noch mehr hassen.

Auf diese Weise überstand ich die Stunde – indem ich mir ausmalte, wie ich sie am besten umbringen könnte. Die Tat an sich versuchte ich mir besser nicht vorzustellen. Das wäre womöglich zu viel für mich gewesen. Ich plante nur das Vorgehen, mehr nicht.

Einmal, gegen Ende der Stunde, spähte das Mädchen durch den Vorhang seiner Haare zu mir herüber. Als unsere Blicke sich trafen, spürte ich, wie ich ungerechtfertigten Hass versprühte – ich sah ihn in ihren verschreckten Augen gespiegelt. Ehe sie sich wieder hinter ihrem Haar verschanzte, schoss ihr das Blut in die Wangen, und da war es fast um mich geschehen.

Doch dann klingelte es. Das erlösende Klingeln – wie abgedroschen. Sie war vom Tod erlöst, ich wenigstens für kurze Zeit davon, jenes albtraumhafte Wesen zu sein, das ich fürchtete und verabscheute.

Ich musste weg.

Obwohl ich mich voll und ganz auf die einfachsten Bewegungen konzentrierte, konnte ich nicht so langsam gehen, wie es geboten gewesen wäre. Hätte mich jemand dabei beobachtet, wäre er vielleicht auf die Idee gekommen, dass mit meiner Art der Fortbewegung etwas nicht stimmte. Doch niemand beachtete mich. Die Gedanken aller kreisten immer noch um das Mädchen, das dazu verdammt war, in kaum mehr als einer Stunde zu sterben.

Ich versteckte mich in meinem Wagen.

Dass ich mich verstecken musste, gefiel mir nicht. Wie feige das war. Doch ich brachte nicht mehr genug Disziplin auf, um mich unter Menschen aufzuhalten. Nachdem ich so sehr mit mir gerungen hatte, um die eine nicht zu töten, hatte ich keine Kraft mehr, den anderen zu widerstehen. Und das wäre wirklich Verschwendung. Wenn ich dem Monster schon nachgeben musste, sollte es die Niederlage wenigstens wert sein.

Ich legte eine CD ein, die mich normalerweise beruhigte, doch hier und jetzt half sie kaum. Nein, was jetzt half, war die kühle, nasse, saubere Luft, die zusammen mit dem Nieselregen durch die heruntergelassenen Scheiben hereinkam. Zwar konnte ich mich an den Geruch von Bella Swans Blut noch genau erinnern, doch als ich die frische Luft einatmete, war es, als würde ich damit das Gift aus meinem Körper waschen.

Ich war wieder zurechnungsfähig. Ich konnte wieder denken. Und wieder kämpfen. Ich konnte gegen das ankämpfen, was ich nicht sein wollte.

Ich musste nicht zu ihr nach Hause fahren. Ich musste sie nicht töten. Ich war ein vernunftbegabtes, denkendes Wesen, und ich hatte eine Wahl. Man hatte immer eine Wahl.

Im Klassenzimmer hatte ich anders empfunden … aber jetzt war ich nicht länger neben ihr.

Ich musste meinen Vater nicht enttäuschen. Ich musste meiner Mutter weder Aufregung noch Sorge oder Schmerz bereiten. Ja, auch meiner Adoptivmutter würde ich damit wehtun. Esme war so gütig, so liebevoll und sanft. Jemandem wie Esme Leid zuzufügen, wäre wirklich unverzeihlich.

Vielleicht musste ich mein Leben doch nicht ändern, wenn ich alles daransetzte, dem Mädchen aus dem Weg zu gehen. Ich hatte mein Leben gut eingerichtet. Warum sollte ich mir das von einem lästigen Niemand zerstören lassen – so köstlich dieser Niemand auch roch?

Welch eine Ironie, dass ich dieses Mädchen vor der armseligen, zahnlosen Bedrohung von Jessica Stanleys hinterhältigen Gedanken hatte beschützen wollen. Ich war der Letzte, der Bella Swans Beschützer sein konnte. Vor nichts und niemandem musste man sie mehr beschützen als vor mir.

Wo war Alice eigentlich die ganze Zeit?, fragte ich mich plötzlich. Hatte sie nicht gesehen, wie ich das Swan-Mädchen auf vielfache Weise ermordet hatte? Warum war sie mir nicht zu Hilfe gekommen – entweder um mich aufzuhalten oder um mir beim Beseitigen der Spuren zu helfen? Hatte sie die ganze Zeit aufgepasst, dass Jasper nicht auf Abwege geriet, und war ihr dadurch diese viel schrecklichere Gefahr entgangen? Oder war ich stärker, als ich dachte? Hätte ich dem Mädchen in Wirklichkeit gar nichts angetan?

Nein, ich wusste es besser. Alice konzentrierte sich offenbar ausschließlich auf Jasper.

Ich suchte in der Richtung, in der sie sich aufhalten musste, in dem kleinen Gebäude, wo die Englischkurse stattfanden. Ich brauchte nicht lange, um ihre vertraute »Stimme« aufzuspüren. Und ich hatte recht. All ihre Gedanken galten Jasper, sie folgte ihm auf Schritt und Tritt.

Ich hätte sie so gern um Rat gefragt, doch gleichzeitig war ich froh, dass sie nicht wusste, wozu ich fähig war. Jetzt überfiel mich eine neue Regung – brennende Scham. Ich wollte nicht, dass meine Familie von der Sache erfuhr.

Wenn ich Bella Swan aus dem Weg gehen konnte, wenn ich es schaffte, sie nicht zu töten – als ich das nur dachte, wand sich das Monster vor Enttäuschung und knirschte mit den Zähnen –, dann brauchte auch niemand davon zu erfahren. Wenn ich mich nur von ihrem Duft fernhalten konnte …

Nichts sprach dagegen, es wenigstens zu versuchen. Die richtige Entscheidung zu treffen und so zu sein, wie Carlisle mich sah.

Die letzte Schulstunde war fast vorüber. Ich beschloss, meinen neuen Plan sofort in die Tat umzusetzen. Das war besser, als hier auf dem Parkplatz herumzusitzen, wo sie jederzeit vorbeikommen und meine Bemühungen zunichtemachen konnte. Wieder empfand ich Hass auf das Mädchen, obwohl es nichts dafür konnte.

Ich ging schnell – etwas zu schnell, doch es gab keine Zeugen – über das kleine Schulgelände ins Sekretariat.

Dort war niemand außer der Sekretärin, die mich nicht gehört hatte, als ich lautlos hereinkam.

»Ms Cope?«

Die Frau mit den unnatürlich roten Haaren blickte auf und erschrak. Egal, wie oft sie einen von uns schon gesehen hatte, die kleinen Unterschiede, die sie nicht verstand, trafen sie doch immer unvorbereitet.

»Oh«, stieß sie ein wenig nervös hervor. Sie strich ihr T-Shirt glatt. Wie albern, dachte sie. Er könnte fast mein Sohn sein. »Hallo, Edward. Was kann ich für dich tun?« Sie klimperte hinter der dicken Brille mit den Lidern.

Unangenehm. Aber ich konnte charmant sein, wenn ich wollte. Es fiel mir leicht, weil ich immer sofort wusste, wie meine Worte und Gesten beim anderen ankamen.

Ich beugte mich vor und erwiderte ihren Blick, als schaute ich ihr tief in die ausdruckslosen, kleinen braunen Augen. Schon waren ihre Gedanken in Aufruhr. Es würde ein Kinderspiel sein.

»Ich frage mich, ob Sie mir wohl bei meinem Stundenplan behilflich sein könnten«, sagte ich mit der weichen Stimme, die ich einsetzte, wenn ich die Menschen nicht verschrecken wollte.

Ich hörte, wie ihr Herz schneller schlug.

»Natürlich, Edward. Wie kann ich dir helfen?« Zu jung, zu jung, predigte sie sich. Damit lag sie natürlich daneben. Ich war älter als ihr Großvater.

»Ich habe überlegt, ob ich statt Biologie eine andere Naturwissenschaft belegen könnte. Zum Beispiel Physik?«

»Gibt es Probleme mit Mr Banner, Edward?«

»Ganz und gar nicht, es ist nur so, dass ich den Stoff bereits durchgenommen habe …«

»In der Schule für Hochbegabte, die du in Alaska besucht hast, ich verstehe.« Während sie darüber nachdachte, schürzte sie die schmalen Lippen. Die müssten eigentlich alle auf dem College sein. Ich hab die Klagen der Lehrer gehört. Alle glatt Eins-Komma-null, nie ein Zögern bei der Antwort, nie ein Fehler in den Klausuren – als hätten sie es raus, in allen Fächern zu schummeln. Mr Varner denkt lieber, dass in Trigonometrie einer schummelt, als dass ein Schüler schlauer ist als er … Ich wette, ihre Mutter unterrichtet sie … »Der Physikkurs ist eigentlich voll, Edward. Mr Banner möchte nicht mehr als fünfundzwanzig Schüler in einem Kurs haben …«

»Ich würde auch nicht stören.«

Natürlich nicht. Doch nicht einer von den perfekten Cullens. »Ja, ich weiß. Aber es gibt auch gar nicht genug Plätze …«

»Könnte ich den Kurs dann streichen? Ich könnte in der Zeit für mich alleine lernen.«

»Biologie streichen?« Ihr blieb der Mund offen stehen. Das ist absurd. Es kann doch nicht so schwer sein, eine Stunde abzusitzen, in der man nichts Neues lernt! Da muss es doch ein Problem mit Mr Banner geben. »Dann hast du für den Abschluss aber nicht genug Stunden belegt.«

»Die kann ich ja nächstes Jahr nachholen.«

»Sprich doch noch mal mit deinen Eltern darüber.«

Hinter mir ging die Tür auf, doch die Person, die da hereinkam, dachte nicht an mich, deshalb ignorierte ich sie und konzentrierte mich auf Ms Cope. Ich beugte mich noch etwas weiter vor und schaute ihr noch tiefer in die Augen. Die Wirkung wäre besser gewesen, wären meine Augen golden gewesen statt schwarz. Schwarz machte den Leuten Angst, das war ja auch der Sinn der Sache.

Tatsächlich fuhr die Sekretärin zurück, verwirrt von ihren widersprüchlichen Regungen.

»Bitte, Ms Cope.« Ich ließ meine Stimme so weich und unwiderstehlich wie möglich klingen, und das schien zu wirken. »Gibt es nicht irgendeinen anderen Kurs, in den ich wechseln könnte? Da gibt es doch bestimmt noch irgendwo einen freien Platz. Biologie kann nicht das einzige Fach sein, das man in der sechsten Stunde belegen kann …«

Ich lächelte sie an und achtete darauf, die Zähne nicht zu sehr zu zeigen, denn ich wollte sie nicht schon wieder verschrecken.

Ihr Herz schlug noch schneller. Zu jung, mahnte sie sich verzweifelt. »Na ja, vielleicht kann ich mal mit Bob – ich meine Mr Banner – reden. Ich kann mal sehen, ob …«

Nur eine einzige Sekunde und alles war anders: die Atmosphäre im Raum, der Grund, weshalb ich hier war und mich zu der rothaarigen Frau beugte … Auf einmal hatte ich ein ganz anderes Ziel.

Nur eine einzige Sekunde brauchte Samantha Wells, um die Tür zu öffnen, einen unterschriebenen Verspätungszettel in den Ablagekorb neben der Tür zu legen und wieder hinauszurauschen; sie hatte es eilig, die Schule zu verlassen. Der plötzliche Luftzug, der durch die geöffnete Tür kam, traf mich mit voller Wucht. Nur eine einzige Sekunde und mir wurde klar, warum mich die Person, die vorhin hereingekommen war, nicht mit ihren Gedanken unterbrochen hatte.

Obwohl ich mich nicht zu vergewissern brauchte, drehte ich mich um.

Bella Swan drückte sich mit dem Rücken an die Wand neben der Tür, sie hielt irgendeinen Zettel krampfhaft in den Händen. Als sie meinen grimmigen, unmenschlichen Blick sah, wurden ihre Augen noch größer, als sie ohnehin schon waren.

Der Geruch ihres Bluts erfüllte die Luft in dem winzigen, heißen Raum. Meine Kehle ging in Flammen auf.

Wieder starrte mich das Monster aus dem Spiegel ihrer Augen an, die Maske des Bösen.

Meine Hand blieb über der Theke in der Luft hängen. Ohne mich umzuschauen, hätte ich hinüberlangen und Ms Copes Kopf mit tödlicher Wucht auf den Schreibtisch knallen können. Nur zwei Leben anstatt zwanzig. Ein guter Tausch.

Gespannt wartete das hungrige Monster darauf, dass ich es tat.

Doch man hat immer eine Wahl – es musste einfach so sein.

Ich hielt die Luft an und rief mir Carlisles Gesicht vor Augen. Dann wandte ich mich wieder Ms Cope zu, die beim Anblick meines veränderten Gesichtsausdrucks vor mir zurückzuckte. Ihre Überraschung war unüberhörbar, auch wenn sich ihre Angst nicht in zusammenhängenden Worten ausdrückte.

Mit der ganzen Selbstbeherrschung, die ich in jahrzehntelanger Übung gelernt hatte, gelang es mir, meine Stimme ruhig und sanft klingen zu lassen. Die Luft in meiner Lunge reichte gerade noch, um einmal hastig etwas zu sagen.

»Okay. Ich verstehe, dass es unmöglich ist. Haben Sie vielen Dank für Ihre Mühe.«

Ich fuhr herum und stürzte aus dem Raum, ganz nah an dem Mädchen vorbei, und dabei versuchte ich die Hitze ihres Bluts so gut es ging zu ignorieren.

Ich lief viel zu schnell und blieb erst stehen, als ich bei meinem Wagen angelangt war. Die meisten Schüler waren schon fort, es gab also nicht viele Zeugen. Ich hörte, wie ein D.J. Garrett aus der Achten irritiert stutzte, der Sache aber keine weitere Beachtung schenkte …

Wo kommt denn Cullen plötzlich her – als wär er aus dem Nichts aufgetaucht … Wahrscheinlich hat meine Fantasie mir mal wieder einen Streich gespielt. Mom sagt immer …

Als ich mich auf den Sitz gleiten ließ, waren die anderen schon da. Ich versuchte ruhig zu atmen, doch ich schnappte nach Luft, als wäre ich gerade dem Erstickungstod entronnen.

»Edward?«, fragte Alice. Sie klang besorgt.

Ich schüttelte nur den Kopf.

»Was ist denn mit dir los?«, wollte Emmett wissen und vergaß für einen Augenblick den Ärger darüber, dass Jasper nicht in der Stimmung für eine Revanche war.

Statt einer Antwort legte ich den Rückwärtsgang ein. Ich musste von diesem Parkplatz runter, bevor Bella Swan mir auch noch hierher nachkam. Mein persönlicher Dämon, der mich verfolgte … Ich riss den Wagen herum und gab Gas. Noch ehe wir auf der Straße waren, stand der Tacho auf sechzig. Und ehe ich um die Ecke bog, stand er auf hundertzehn.

Ohne hinzusehen, wusste ich, dass Emmett, Rosalie und Jasper alle Alice anstarrten. Sie zuckte die Achseln. Sie konnte nicht sehen, was geschehen war, nur was kommen würde.

Jetzt schaute sie für mich in die Zukunft. Wir verfolgten beide, was sie in ihrem Kopf sah, und waren beide überrascht.

»Du gehst weg?«, flüsterte sie.

Jetzt starrten die anderen mich an.

»Ja?«, zischte ich durch die Zähne.

Da sah sie, wie mein Entschluss ins Wanken geriet und meine Zukunft eine dunklere Wendung nahm.

»Oh.«

Bella Swan, tot. Meine Augen, glühend rot von frischem Blut. Die darauffolgende Fahndung. Dann das vorsichtige Abwarten, bis wir es wagen konnten, Forks zu verlassen und neu anzufangen …

»Oh«, sagte sie wieder.

Das Bild wurde detaillierter. Ich sah das Haus von Polizeichef Swan zum ersten Mal von innen, sah Bella in einer kleinen Küche mit gelben Schränken, wie sie mir den Rücken zugewandt hatte, während ich mich aus dem Schatten an sie heranpirschte … mich von ihrem Geruch locken ließ …

»Stopp!«, stöhnte ich. Mehr ertrug ich nicht.

»Entschuldige«, flüsterte sie.

Das Monster frohlockte.

Und wieder änderte sich die Vision in ihrem Kopf. Ein verlassener Highway bei Nacht, schneebedeckte Bäume am Straßenrand, die mit einer Geschwindigkeit von über dreihundert Stundenkilometern vorbeirasten.

»Du wirst mir fehlen«, sagte sie. »Auch wenn du nur kurz weg bist.«

Emmett und Rosalie wechselten einen besorgten Blick.

Wir hatten jetzt fast die Stelle erreicht, wo der lange Zufahrtsweg zu unserem Haus abzweigte.

»Lass uns hier raus«, sagte Alice. »Du sagst es Carlisle besser selbst.«

Ich nickte und brachte den Wagen mit quietschenden Reifen zum Stehen.

Schweigend stiegen Emmett, Rosalie und Jasper aus; sobald ich fort war, würden sie von Alice eine Erklärung verlangen. Alice berührte mich an der Schulter.

»Du wirst das Richtige tun«, murmelte sie. Das war keine Vision – es war ein Befehl. »Charlie Swan hat niemanden außer ihr. Es würde auch ihn umbringen.«

»Ja«, sagte ich, aber meine Antwort bezog sich nur auf den letzten Satz.

Nervös zog sie die Augenbrauen zusammen, dann stieg sie aus und ging zu den anderen. Die vier verschmolzen mit dem Wald und waren unsichtbar, noch ehe ich den Wagen gewendet hatte.

Ich wusste, dass die Visionen in Alice’ Kopf wie die Lichtblitze eines Stroboskops von hell zu dunkel wechselten, während ich mit hundertvierzig Sachen zurück nach Forks raste. Ich fuhr, ohne zu wissen, wohin. Wollte ich mich von meinem Vater verabschieden? Oder das Monster in mir willkommen heißen? Die Straße flog unter den Reifen meines Wagens dahin.

Wie ein offenes Buch

Ich lehnte mich zurück, der trockene Pulverschnee passte sich an meinen Körper an. Meine Haut war genauso kühl wie die Luft um mich herum, und die kleinen Eisstückchen fühlten sich wie Samt unter meiner Haut an.

Der Himmel über mir war klar mit lauter glitzernden Sternen, gelbes Leuchten im nächtlichen Blau. Die Sterne bildeten erhabene, wirbelnde Gebilde vor dem dunklen Hintergrund des leeren Universums – ein großartiger Anblick. Wunderschön. Oder er wäre wunderschön gewesen, wenn ich ihn richtig hätte wahrnehmen können.

Es ging mir kein bisschen besser. Sechs Tage waren vergangen, seit sechs Tagen versteckte ich mich jetzt schon in der wilden Einöde von Denali und fühlte mich noch immer genauso gefangen wie in jenem ersten Moment, da ich ihren Duft gerochen hatte.

Als ich in den funkelnden Himmel schaute, war es, als trennte etwas meine Augen von seiner Schönheit. Ein Gesicht schob sich dazwischen, nur ein unscheinbares menschliches Gesicht, das ich jedoch nicht aus meinen Gedanken verbannen konnte.

Ich hörte die näher kommenden Gedanken noch vor den Schritten, die sie begleiteten. Die Bewegung war nur ein leises Flüstern auf dem Pulverschnee.

Es überraschte mich nicht, dass Tanya mir hierher gefolgt war. Ich wusste, dass sie seit Tagen über das bevorstehende Gespräch grübelte und es immer wieder aufgeschoben hatte, bis sie genau wusste, was sie sagen wollte.

Etwa sechzig Meter vor mir sprang sie in mein Blickfeld, hüpfte auf einen schwarzen Felsen und balancierte dort auf den nackten Füßen.

Tanyas Haut schimmerte im Licht der Sterne silbern, ihre langen rotblonden Locken leuchteten fast rosa. Ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten, als sie mich halb im Schnee begraben sah, und langsam verzog sie die vollen Lippen zu einem Lächeln.

Wunderschön. Wenn ich Augen dafür gehabt hätte. Ich seufzte.

Menschen hätten sie hier nicht sehen dürfen, so wie sie gekleidet war; sie trug nur ein dünnes Baumwollhemdchen und Shorts. Sie hockte sich auf einen Felsvorsprung, berührte ihn mit den Fingerspitzen und richtete den Oberkörper auf.

Arschbombe, dachte sie.

Sie sprang in die Luft. Ihr Körper wurde zu einem dunklen, wirbelnden Schatten, als sie sich anmutig zwischen den Sternen und mir drehte. Dann rollte sie sich zu einer Kugel zusammen und landete neben mir auf einer Schneewehe.

Ein Schneesturm umtoste mich. Die Sterne verschwanden und ich wurde tief in den zarten Eiskristallen begraben.

Wieder seufzte ich, atmete das Eis ein, machte jedoch keine Anstalten, mich wieder frei zu buddeln. Die Finsternis unter dem Schnee hatte keinerlei Einfluss auf das Bild vor meinen Augen. Ich sah immer noch dasselbe Gesicht.

»Edward?«

Wieder flog der Schnee, als Tanya mich blitzschnell ausgrub. Sie wischte mir die Eiskristalle von der Haut, wobei sie meinem Blick auswich.

»’tschuldigung«, murmelte sie. »War nur Spaß.«

»Ich weiß. Es war lustig.«

Sie zog die Mundwinkel nach unten.

»Irina und Kate haben gesagt, ich soll dich in Ruhe lassen. Sie denken, ich gehe dir auf die Nerven.«

»Überhaupt nicht«, versicherte ich ihr. »Ganz im Gegenteil, ich war unhöflich – furchtbar unhöflich. Es tut mir sehr leid.«

Du gehst nach Hause, oder?, dachte sie.

»Das habe ich … noch nicht … endgültig entschieden.«

Aber hier bleibst du nicht. Wehmut lag in dem Gedanken.

»Nein. Das … hilft mir nicht weiter.«

Sie machte einen Schmollmund. »Es ist meine Schuld, oder?«

»Natürlich nicht.« Tatsächlich hatte sie es mir auch nicht gerade leicht gemacht, aber das einzige wirkliche Hindernis war das Gesicht, das mich verfolgte.

Sei nicht so ein Gentleman.

Ich lächelte.

Ich bringe dich in Verlegenheit, warf sie mir vor.

»Nein.«

Sie zog eine Augenbraue hoch und sah mich so skeptisch an, dass ich lachen musste. Ein kurzes Lachen, das sogleich in ein Seufzen überging.

»Na gut«, gab ich zu. »Ein kleines bisschen.«

Da seufzte sie auch und stützte das Kinn in die Hände.

»Du bist tausendmal reizender als die Sterne, Tanya. Aber das weißt du natürlich längst. Meine Unnachgiebigkeit kann dein Selbstbewusstsein hoffentlich nicht erschüttern.« Ich lachte, weil das wirklich abwegig war.

»Ich bin es nicht gewohnt, zurückgewiesen zu werden«, grummelte sie und schob die Unterlippe aufreizend vor.

»Natürlich nicht«, sagte ich und versuchte vergeblich, ihre Erinnerung an ihre zahllosen Eroberungen auszublenden. Tanya bevorzugte menschliche Männer – von ihnen gab es einfach mehr und sie hatten den Vorteil, warm und weich zu sein. Und allzeit bereit.

»Sukkubus«, neckte ich sie, um sie von den Bildern abzulenken, die sie Revue passieren ließ.

Sie grinste und bleckte die Zähne. »Das Original.«

Anders als Carlisle hatten Tanya und ihre Schwestern ihr Gewissen nur langsam entdeckt. Letztendlich hatte ihre Vorliebe für menschliche Männer den Ausschlag für die Entscheidung gegeben, niemanden mehr abzuschlachten. Jetzt durften die Männer, die sie liebten, leben.

»Als du hier auftauchtest«, sagte Tanya langsam, »da dachte ich, dass …«

Ich wusste, was sie gedacht hatte. Und ich hätte es voraussehen können. Doch mein logisches Denken war in dem Moment nicht ganz auf der Höhe gewesen.

»Du dachtest, ich hätte meine Meinung geändert.«

»Ja.« Ihre Miene verfinsterte sich.

»Ich komme mir vor wie ein Schuft, weil ich mit deinen Erwartungen gespielt habe, Tanya. Ich wollte nicht … Ich habe nicht nachgedacht. Ich bin so überstürzt aufgebrochen.«

»Du willst mir vermutlich nicht verraten, warum?«

Ich setzte mich auf und verschränkte die Arme vor der Brust, die Schultern starr. »Ich möchte lieber nicht darüber sprechen. Bitte verzeih, dass ich so reserviert bin.«

Sie schwieg und spekulierte über meine Motive. Ich ignorierte sie und versuchte vergeblich, die Sterne zu bewundern.

Nach einer Weile gab sie auf und ließ ihre Gedanken in eine andere Richtung wandern.

Wo willst du hin, Edward? Zurück zu Carlisle?

»Ich glaube nicht«, flüsterte ich.

Wo sollte ich hin? Auf dem ganzen Planeten fiel mir kein einziger Ort ein, der mich interessierte. Es gab nichts, was ich sehen oder tun wollte. Denn wohin ich auch ginge, ich würde nicht irgendwo hingehen, sondern nur vor etwas weglaufen.

Das störte mich gewaltig. Seit wann war ich so ein Feigling?

Tanya legte mir einen Arm um die Schultern. Ich erstarrte, entzog mich der Berührung jedoch nicht. Es war nur als freundlicher Trost gemeint. Fast nur.

»Ich glaube doch, dass du zurückgehst«, sagte sie, und der russische Akzent, den sie längst abgelegt hatte, schlich sich beinahe unmerklich wieder ein. »Was dich auch verfolgen mag … oder wer. Du wirst dich ihm stellen. So bist du eben.«

Ihre Gedanken waren genauso zuversichtlich wie ihre Worte. Ich versuchte ihr Bild von mir anzunehmen. Das Bild von jemandem, der sich seinen Problemen stellte. Es war angenehm, mich wieder so zu sehen. Vor dieser furchtbaren Biostunde, die noch gar nicht lange zurücklag, hatte ich nie an meinem Mut und meiner Fähigkeit, Schwierigkeiten zu begegnen, gezweifelt.

Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und wich schnell zurück, als sie ihr Gesicht zu mir drehte. Sie lächelte traurig.

»Danke, Tanya. Es tat gut, das zu hören.«

Eine Gereiztheit trat in ihre Gedanken. »Bitte, bitte. Nur schade, dass du nicht ein bisschen vernünftiger bist, Edward.«

»Es tut mir leid, Tanya. Du bist viel zu gut für mich, das weißt du. Ich … habe einfach noch nicht das gefunden, was ich suche.«

»Tja, falls wir uns nicht mehr sehen, bevor du gehst … auf Wiedersehen, Edward.«

»Auf Wiedersehen, Tanya.« Während ich es aussprach, sah ich es vor mir. Sah mich weggehen. Stark genug, zu dem einzigen Ort zurückzukehren, an dem ich sein wollte. »Vielen Dank noch mal.«

Leichtfüßig stand sie auf, dann rannte sie davon und verschwand so schnell durch den Schnee, dass ihre Füße keine Zeit hatten einzusinken. Sie hinterließ keine Spuren und sah starr geradeaus. Meine Zurückweisung machte ihr mehr aus, als sie sich hatte anmerken lassen, selbst in ihren Gedanken. Sie wollte mich ganz sicher nicht noch mal sehen.

Es versetzte mir einen Stich. Ich wollte Tanya nicht wehtun, auch wenn ihre Gefühle weder tief noch rein waren und ich sie keinesfalls erwidern konnte. So oder so hatte ich mich nicht sehr gentlemanlike benommen.