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Millas Wurzeln liegen in Russland. Ihr Lebensweg führte sie als Vierzigjährige nach Deutschland. Der Themenbogen ihrer Geschichten ist weit gespannt. Persönlich erlebtes mischt sich mit Beobachtetem. Es sind humorvoll-ironische Geschichten einer Autorin, die inzwischen nach 28 Jahren in Deutschland angekommen ist. In diese Zeit hat sie viele Erfahrungen gesammelt und so ganz nebenbei die deutsche Sprache gelernt.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2020
Vorab
Bevor das Buch beginnt
Ein Leben in zwei Welten
Unsere Erinnerungen
Russische Wurzeln
Bittere Bonbons
Miroslawa
Wenn die Haare
Salzheringe
Erinnerungen an meinen Vater
Geweckte Sehnsüchte
Reise ins Schlaraffenland
Zwischen den Welten
Koriander
Meine ersten Schuhe
Wer glaubt, wird selig
Zwischen Glauben und Grauen
Ostern vor 90 Jahren
Verwunschener Ort
Verlorenes Paradies
Bis hier hin und nicht weiter
Mein Freund, das Buch
Angekommen
Deutsche Sprache – schwere Strafe
Rüstiger Rentner sucht Traumfrau
Selbstverteidigungskurs für Frauen
Im Frühtau zu Berge...
Berufswunsch Rentner
Einkaufen mit Enkel
Im Internet zuhause
Wer hat die Bank geklaut?
Zu jung für einen Rollator
Bei mir fängt es auch an
Abschied
Häppi Bösdey
Die Geschichten Milla Dümichens werden in diesem Büchlein in drei Abschnitten erzählt, einer Gliederung, die sich gleichsam von selbst ergibt:
Unter dem Titel Russische Wurzeln geht es um Episoden und Erlebnisse in ihrer ersten Heimat Russland, aus der sie beim Zusammenbruch der UdSSR als Vierzigjährige mit ihrer Mutter nach Deutschland kommt. Immer wieder spürt der Leser nicht nur die realistische Sicht der Autorin auf das verlassene Land, sondern auch einen Rest Sehnsucht, wenn sie darüberschreibt.
Im zweiten Teil geht es ebenfalls um das Land ihrer Kindheit, ihr Verlorenes Paradies, wie Milla eine dieser Erzählungen wehmütig überschreibt. Auch nach ihrem Weggang wecken manche Ereignisse, Beobachtungen oder Gedanken Erinnerungen an die alte Heimat. So entstehen Erzählungen Zwischen den Welten, Geschichten über ihr Russland, gespiegelt an Erfahrungen in Deutschland.
Der letzte Abschnitt, Angekommen, fasst Erzählungen aus dem ganz normalen Alltagsleben der Autorin hier in einer westfälischen Kleinstadt zusammen. Der schwierige Umgang mit der deutschen Sprache, Irritationen bei der Partnersuche und im Umgang mit den Enkeln, Unannehmlichkeiten des Alltags und der lockere Umgang ihrer Mutter mit dem Älterwerden – der Themenbogen ist weit gespannt. Man spürt einfach die Lust der Autorin, das, was sie bewegt, aufzuschreiben – auch wenn sie das hier in ihrer zweiten Heimat in einer erst spät erlernten Sprache tut. Und bevor sie in diesem Vorwort selbst erzählt, wie sie dazu gekommen ist, diese Geschichten aus ihrem Leben aufzuschreiben, möchte ich Milla Dümichen als Autorin etwas näher vorstellen:
... und doch wieder nicht. Ihre Geschichten, die Milla uns hier erzählt, spielen nur geografisch in unterschiedlichen Ländern: Anfangs in ihrer ersten Heimat Russland – in Sibirien und Georgien – und dann in Deutschland, dem Land, in dem sie sich jetzt heimisch fühlt.
Doch beim näheren Hinhören wird es immer deutlicher: Es ist im Grunde eine Welt, die in den kleinen Episoden entsteht, die Welt eines empfindsamen Herzens in einer starken Frau. Ob Milla von dem kleinen Mädchen berichtet, dessen Kindheit neben bitteren Bonbons auch schöne Momente für sie bereithält, ob ihr Vorgänge im engen Umfeld wie auch in der großen Politik zu denken geben oder ob sie das Leben ihrer Eltern nachdenklich und liebevoll betrachtet – immer hört man neben ihrem wachen Verstand vor allem ihr Herz sprechen.
Als ich von ihr gebeten wurde, die Texte auf übrig gebliebene Reste des russischen Satzbaus und die (wenigen) verlorenen Kämpfe mit der deutschen Grammatik durchzusehen, habe ich das sehr vorsichtig getan. Ich wollte möglichst wenig Originalton Milla verändern. Denn jede ihrer Geschichten ist eine Botschaft. Ihre Art zu erzählen, ihr Umgang mit der spät erlernten fremden Sprache, die warmherzig-spröde Information des Lesers, gerade das bringt ihr und ihren Geschichten bei uns am Autorenstammtisch und in der Füllhornredaktion so viel Sympathie und Ermunterung ein.
Ich sehe sie immer vor mir, wenn ich eine Geschichte von ihr lese. Mit dem munteren Lächeln im Gesicht, mit dem prüfend fragenden Blick, ob ich ihre Botschaft auch mitbekomme und dem befreiend glücklichen Lachen, wenn sie merkt, dass ich verstanden habe, um was es ihr geht.
Ich wünsche allen Lesern dieses Bändchens meine Freude an Millas Geschichten!
Rudolf Köster
Die Jugend ernährt sich von Träumen, das Alter von Erinnerungen.
(Jüdisches Sprichwort)
Geht es Ihnen auch so, wenn Sie ein altes Foto oder einen alten Gegenstand in den Händen halten oder ein altes Lied im Radio hören, dass die Erinnerungen an diese Zeit und die Menschen in ihr ganz bestimmte Emotionen hervorrufen? Wir werden melancholisch, nachdenklich, manchmal bis zu Tränen gerührt oder auch heiter und vergnügt. Dann möchten wir es unseren Kindern, unseren Partnern oder Freunden mitteilen. Warum brauchen wir das? Und warum ist das gerade im Alter so stark ausgeprägt? Weil der größte Teil unseres Lebens vorbei und die Zukunft begrenzt ist? Haben wir jetzt mehr Zeit, um in dem alten Krempel zu wühlen?
Früher, als Berufstätige, hatten wir viele Verpflichtungen: Arbeit, Familie, Haushalt. Jetzt sind die Kinder aus dem Haus, die Rente kommt pünktlich zum Ersten des Monats. „Das bisschen Haushalt“ für zwei Personen ist schnell gemacht. Einmal in der Woche kommt die Putzfrau, ab und zu hilft uns ein Gärtner, und manchmal gehen wir auswärts essen. Was machen wir mit dem Rest des Tages? Erinnern.
Doch wer will die alten Kamellen hören?
Unsere erwachsenen Kinder werden vom Berufsleben beansprucht, das heute ganz anders aussieht als zu unserer Zeit. Qualifiziert, flexibel und leistungsfähig sollen sie sein, mehrere Fremdsprachen oder mindestens Englisch müssen sie können. Auch der Umgang mit dem Computer ist ein Muss.
Und wenn sie das alles beherrschen, dann haben sie es vielleicht geschafft. Doch dann lesen sie wahrscheinlich lieber Shades of Grey als unsere Schnulzen.
Und die Kindeskinder kommen in dieser neuen Welt auch schon ganz gut zurecht. Wenn mein 11-jähriger Enkelsohn bei mir zu Besuch ist, läuft er den ganzen Tag mit dem Brett (Tablet) vorm Kopf herum, aus dem ständig das Rattern eines Maschinengewehrs dringt. Das Geräusch klingt grässlich in meinen Ohren. Doch ich halte mich mit Kritik zurück. Jede Zeit hat ihre Musik und Idole.
Als ich elf war, war Elvis Presley der vergötterte Superstar unserer Generation. Seine Auftritte, seine extravagante Garderobe und besonders sein legendärer Hüftschwung wurden unter uns Jugendlichen zum Kult. Ich erinnere mich sehr gut an diese Zeit. In unserem Wohnzimmer grölte Musik von Elvis, und mein Bruder kniete mit seiner Gitarre auf dem Boden. Er imitierte den King. Meine 16-jährige Schwester machte mit, und ich zappelte daneben. Mama hielt sich die Ohren zu. Mit Kirchenmusik vom Blasorchester ihres Vaters aufgewachsen, war ihr dieser vulgäre, rebellische Musikstil fremd. Unser Vater schüttelte nur den Kopf und eilte nach draußen.
Doch der Aufstieg von Elvis war nicht aufzuhalten. Seine Ohrwürmer wie It`s Now Or Never, Blue Suede Shoes oder In The Ghetto bleiben mir unvergessen. Und mein Vater hat die Rechnungen für die Platten ohne Widerrede bezahlt. Deswegen erdulde auch ich heute das Rattern und die lauten neuesten Songs meines Enkels.
Wenn ich ihm von früher erzählen möchte, hört er mir eine Weile zu, dann unterbricht er mich mit dem Anspruch: „Danach spielen wir aber am PC mein Spiel. Okay Oma?“ Ich verstehe, er hört mir aus Höflichkeit zu. Der kleine Charmeur!
Also für wen möchten wir diese Vergangenheit lebendig halten? Weil kein wirkliches Interesse bekundet wird, rennen wir in Workshops und Schreibwerkstätten, um mit Gleichgesinnten die Vergangenheit aufzuarbeiten. Vor kurzem hörte ich, dass Kinder einer verstorbenen alten Dame, die jahrelang ehrenamtlich Beiträge für ein Magazin geschrieben hatte, in der Redaktion nach diesen Beiträgen gefragt haben. Jetzt, da die Dame tot ist, möchten die Kinder wissen, womit sich ihre Mutter tagsüber beschäftigt hat, worüber sie sich Gedanken gemacht hat. Sie möchten mit diesen Geschichten gerne ihre Mutter wieder ein Stück lebendig werden lassen. Vielleicht hatten sie früher nicht genug Zeit oder Interesse, ihre Texte zu lesen? Vielleicht ging es den Kindern nicht anders als uns – damals, als wir unsere Verpflichtungen hatten?
Ich gebe zu, mir geht es ähnlich. Seit dem Tod meiner Mutter hat alles einen anderen Wert. Jede Notiz, jedes Foto, jeder Gegenstand aus ihrer Wohnung ist jetzt ein Zipfelchen gewesenen Lebens eines geliebten Menschen. Soll ich es weggeben, in einen Container werfen, unter Bedürftige verteilen? Ich bin noch nicht so weit, vielleicht bald, vielleicht irgendwann.
Die Kraft unserer Erinnerungen ist gewaltig. An glückliche Erlebnisse denkt man schließlich immer wieder gerne zurück. Heute, beim Frühstück, höre ich das alte Lied Voyage, Voyage, das in den 80-er Jahren zum internationalen Nummer-Eins-Hit wurde. Und schon tauche ich in meine eigene Vergangenheit und die damit verbundenen schönen Erlebnisse. Ich bin wieder Anfang Dreißig mit langer blonder Mähne, trage ein weißes Sommerkleid, bin vergnügt und unbeschwert.
Es fühlt sich gut an.
Mit meinen Erinnerungen habe ich meinen Mann angesteckt. Er geht zu seiner Musikanlage, kramt unzähligen Platten heraus, und schon wird unser Wohnzimmer mit Musik von damals überflutet. Und wir können nicht anders, als zu tanzen – und das morgens um 11 Uhr! Discofox, Walzer, Cha-Cha-Cha. Unsere alten Knochen werden langsam wärmer und geschmeidiger. Es macht richtig Spaß! Und wir beschließen, es öfter zu tun. Der Tag ist heller und schöner geworden. Meine Rückenschmerzen sind weg. Den Haushalt erledige ich mit links. Und auch danach bin ich voller Elan, will etwas unternehmen.
Also brauche ich meine Erinnerungen. Und damit sie nicht verloren gehen und für meine Kinder erhalten bleiben, schreibe ich sie auf. Vielleicht liest ja einer meiner Ururenkel in 100 Jahren meine Geschichten und wird genauso stolz auf seine Vorfahren sein, wie ich es bin. Nichts ist so spannend und ergreifend wie die Geschichten, die das Leben schreibt.
Sonnenstrahlen suchen sich eine Lücke durch die zugezogenen Gardinen und kitzeln meine Nase. Ich öffne die Augen und lausche. Es ist still im Haus. Wo sind sie denn alle? Dann fällt es mir wieder ein: Mama und Papa sind schon eine Woche weg! In diesem Sommer wollten sie ja endlich auch mal alleine in Urlaub fahren!
Ich sehe es wieder ganz genau vor mir: Wir Geschwister waren erst mal sprachlos, als die Eltern uns das angekündigt hatten. Doch Papa meinte: „Kinder, seid nicht traurig. Wir hatten doch letzten Sommer einen tollen Urlaub. Aber mit euch drei Rabauken war es für eure Mama ganz schön anstrengend. Außerdem seid ihr keine kleinen Kinder mehr. Nelli ist schon 15, und sie wird als Älteste für euch sorgen.“ – „Und was ist mit mir, Papa? Ich bin doch erst 10!“, empörte ich mich. Aber nichts half, weder Quengelei noch Füßetrampeln.
Während ich mir gähnend die Augen reibe, versuche ich, mich mit der Erinnerung an den letzten Urlaub zu trösten. Zehn Tage hatte es damals mit der Transsibirischen Eisenbahn bis hin zum Schwarzen Meer gedauert – und zehn lange Tage zurück. Heute braucht man auf dieser längsten Bahnstrecke der Welt (insgesamt liegen 9288 Kilometer zwischen Moskau und Wladiwostok) nur noch sechs Tage. Wahrscheinlich wegen der nun viel höheren Geschwindigkeit. Das hat allerdings den Nachteil, dass man die Umgebung nicht so intensiv wahrnehmen kann wie damals, als Züge nur durchschnittlich sechzig Kilometer in der Stunde bewältigen konnten.
Seit 2002 ist die gesamte Strecke elektrifiziert. In den 60er Jahren wurden die Lokomotiven noch mit Steinkohle beheizt. So zog immer feiner schwarzer Staub ins Innere des Zuges. Wer zehn Tage unterwegs war, wurde sehr dreckig, nicht nur die Kinder, die überall herumkrochen. Duschen gab es keine im Zug. Die Schlangen vor den Toiletten waren immer sehr lang. Weil die Toiletten der russischen Eisenbahnen direkt auf die Schienen mündeten (wahrscheinlich ist das auch heute noch so), blieben sie geschlossen, solange der Zug durch eine Stadt fuhr.
Auf unserer Strecke gab es circa 400 Bahnhöfe. Meine Mutter hatte mich zwar ermahnt, rechtzeitig vor Bahnhöfen daran zu denken, ob ein Toilettengang notwendig sei. Aber wie das so ist – wenn ein Kind zur Toilette rennt, ist es meistens schon zu spät. So manches Mal stand ich mit zusammengekniffenen Beinen hinter einer schier unendlich langen Menschenschlange, bis ich es einmal nicht mehr einhalten konnte. Unter mir bildete sich eine Pfütze, die sich im Gang ihren Weg suchte. Ich schämte mich. Tränen verschleierten meinen Blick. Manche übersahen mein Missgeschick, andere überschütteten mich mit vorwurfsvollen Blicken.
Bei unserer Ankunft am Ferienort hatte meine Mutter drei große Säcke mit schmutziger Wäsche zu bewältigen. Für mich war die Reise ein richtiges Abenteuer. Unser Zug ratterte in gleichmäßigem Takt durch die weite Landschaft. Es ging am Baikalsee entlang, dem größten, tiefsten und ältesten Süßwassersee der Erde, und durch insgesamt neununddreißig Tunnel mit einer Länge von bis zu sieben Kilometern.
Am schönsten waren für mich die Aufenthalte in den Bahnhöfen.
Auf den Bahnsteigen verkauften Frauen aus den nahe gelegenen Dörfern Verführerisches: Pirogen mit Fleisch oder Quark, gefüllte Teigtaschen, Gemüse, Früchte und Getränke, auch heiße Kartoffeln und geräucherten Fisch. Ich lief oft zum Schaffner, um zu fragen, wann endlich der nächste Bahnhof erreicht würde.
Zwischen Hin- und Rückreise lagen traumhafte sechs Wochen Urlaub am Schwarzen Meer. Es war die Heimat meines Vaters, und er hat jeden Tag seine Freunde oder die Orte aufgesucht, die ihn an seine Kindheit und Jugend erinnerten. Ich begleitete ihn überall hin.
Einmal war ich mit ihm in einer großen Stadt unterwegs. Er wollte Zigaretten kaufen, und ich hoffte auf ein Eis. Es war nämlich besonders heiß an diesem Tag, ich brauchte eine Abkühlung. Weil ich Angst hatte, mich zu verlaufen, hielt ich mich an seiner Hand fest. Und dann passierte es dennoch: Ich wollte nur die Eisverpackung in einen Mülleimer werfen und ließ Papas Hand los. Als ich mich umdrehte, war er weg. Ich lief auf dem Bürgersteig hin und her, doch er war nirgendwo zu sehen. Es hatte vielleicht nur ein paar Minuten gedauert, aber für mich war es eine Ewigkeit. Ich begann zu weinen.
Einige Passanten blieben stehen, beugten sich zu mir herunter und fragten mich etwas. Ich verstand sie nicht. Es war eine fremde Sprache. Auch das noch! Jetzt heulte ich richtig los. Plötzlich hörte ich eine Frauenstimme in unserer Sprache: „Was ist denn passiert, Mädchen?“
Ich war schon immer gesprächig. So erzählte ich der mittlerweile groß gewordenen Gruppe Schaulustiger um mich herum lang und breit, dass wir mit der Eisenbahn ganz weit aus dem Osten gekommen seien, um unsere Verwandten zu besuchen.
Vom Besuch mit meinem Papa hier in der großen, ungewohnten Stadt und dass der ganz plötzlich weg sei.
Dabei begann ich, laut und bitterlich zu weinen. Frauen umarmten mich und putzten meine Nase. Langsam fand ich Gefallen daran, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. So erzählte ich schluchzend weiter und weiter. Doch plötzlich riss mich eine Hand aus der Menge und schleppte mich fort.
„Papa!“, schrie ich, „wo warst du? Ich habe dich überall gesucht!“ Doch Papa antwortete nicht, griff nach mir, hielt meine vom Eis klebrige Hand fest und zog mich eilig von den Umstehenden weg. Hinter uns hörte ich einige Frauen rufen: „Nicht zu fassen, er hat das Kind vergessen! Diese Männer!“ Papas Ohren liefen rot an. Aber er blieb still, ich auch. Vorsichtshalber! Zwar hatte ich von Papa noch nie Prügel bezogen, aber ich war mir nicht sicher, ob in diesem Falle nicht ...
Langsam verblassen die Erinnerungen und ich vermisse meine Eltern. Ja, ich zähle schon die Tage, bis die Eltern endlich wiederkommen. Mama hat mir versprochen, ein schönes Kleid mitzubringen. Dabei hatte ich keine wirkliche Vorstellung davon, wie es aussehen sollte, ich konnte mich nicht entscheiden. Jeden Tag träumte ich von einem anderen. Erst sollte es rot sein, mit langen Ärmeln und weißen Spitzenkragen. Am nächsten Tag gefiel mir Karomuster besser, so eins, wie es meine Freundin hatte. Dann wieder etwas ganz Anderes ...
Ich springe aus dem Bett. Noch im Nachthemd laufe ich nach draußen in den Garten. Mein Bruder ist nicht zu sehen. Sein Fahrrad fehlt auch. Und was macht Nelli? O, nein!
Draußen liegt ein Haufen Wäsche, daneben steht Nelli an einer Zinkwanne mit Seifenlauge und Waschbrett. Na toll! Mama ist gerade eine Woche weg, und die große Schwester wäscht schon! Aber es hat keinen Sinn, mit ihr zu diskutieren, sie spielt eben allzu gern die brave Hausfrau.
„Wasch dich und zieh dich an!“, befiehlt sie. „Gleich gibt’s Frühstück!“
Mamas Pfannkuchen schmecken viel besser, aber ich verkneife mir die Kritik. Danach gibt es eine Überraschung! Meine Schwester war morgens früh einkaufen. Unter anderem hat sie eine Tüte Bonbons erstanden. Die hat sie schon gerecht aufgeteilt. Ich bekomme acht Stück. Acht leckere Kügelchen in buntem Glanzpapier. Sofort stecke ich mir eins in den Mund, der Rest wandert in meine Rocktasche.
Von der Straße sind fröhliche Kinderstimmen zu hören. Ich will losrennen. Doch meine Schwester hält mich zurück.
„Du sollst dein Zimmer aufräumen“, befiehlt sie. „Was? Jetzt? Ich will nicht!“ – „Doch, du musst!“ – „Nein!“ – „Doch!“ – „Nein!“
