Herbstrauschen - Milla Dümichen - E-Book

Herbstrauschen E-Book

Milla Dümichen

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Beschreibung

Was machen alleinstehende 65-jährige Damen, die sich einen Partner wünschen? Die nach der zunehmenden Arbeitsverdichtung der letzten Jahre ihrer beruflichen Tätigkeit in der bodenlosen Leichtigkeit des Ruhestands versinken, der zwar wohlverdient, aber trotz allem irgendwie menschenleer ist. Ironisch und mit klarem Blick auf die häufig unbarmherzigen Alltäglichkeiten begleitet Milla Dümichen ihre Protagonistin auf ihrer Suche nach dem passenden Partner durch den Dschungel von Online Dating & Co.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis:

Geleitwort

Vorab

Oma, du bist peinlich!

Zweiter Frühling

Dating & CO

Unverhofft kommt oft

Kurschatten

Peter

Olga

Guten Morgen, liebe Sorgen …

„Schatz, ich hab die Küche umgeräumt…“

Jeder nach seiner Fasson…

Paula

Älterwerden

Was Frauen….

Leo

David

Bis das Internet uns scheidet

Vererbte Alleinerziehung

Patchwork-Familie

Senioren-WG

Tante Elli

Klassentreffen

Kosmetikstudio

Meine russische Sippe

Bikini

Katrins Einladung

Auf dem Boot

Wieder Zuhause

Bei Viktor

Sag einfach ja!

Geleitwort

Was machen alleinstehende 65-jährige Damen, die sich einen Partner wünschen? Die nach der zunehmenden Arbeitsverdichtung der letzten Jahre ihrer beruflichen Tätigkeit in der bodenlosen Leichtigkeit des Ruhestands versinken, der zwar wohlverdient, aber trotz allem irgendwie „außen vor“ und schlimmstenfalls menschenleer ist. Die nicht mit der Gesellschaft eines Haustiers zufrieden sind. Denen ihr Ehrenamt in ihrer nun üppigen Freizeit zwar viel Spaß macht, aber nicht ausreicht, auch wenn der möglicherweise attraktive Bürgermeister ihnen einmal jährlich über den Kopf streichelt.

Mit der Figur Ella geht Milla Dümichen in ihrem dritten Buch dieser Frage nach. Ironisch und mit klarem Blick auf die häufig unbarmherzigen Alltäglichkeiten begleitet sie ihre Protagonistin auf ihrer Suche nach dem passenden Partner durch den Dschungel von Onlinedating & Co. Dass ich dabei sein durfte, als Lektorin, hat mir viel Spaß gemacht. Denn es bedeutete viel mehr als das Lesen und Korrigieren eines Textes am Computer im Hinblick auf Satzbau, Grammatik und Kommasetzung. Es war verbunden mit intensiven Gesprächen, vielen Tassen Tee, Laugenecken, mit Eiersalat nach russischer Art, geschmortem Lammfleisch, Kuchen und Plätzchen… Schade, dass es vorbei ist. Damit hätte ich enden können, aber nein!

Das nächste Projekt wartet bereits.

Eva von Kleist

Vorab

Meine Freundin Ella ist seit über 30 Jahren Single. In unserem Bekanntenkreis gibt es immer wieder unterschiedliche Meinungen zu der Frage, ob sie sich glücklich schätzen kann oder ihr doch etwas Wesentliches im Leben fehlt, nämlich ein Mann.

Eine ihrer Freundinnen sagte ihr: „Sei froh! Keiner fragt dich nach einem Taschentuch, nach Socken oder Bier oder nach einem sauberen Hemd.“

Da hatte sie recht: Als gute Partnerin kannst du deinem Mann nicht sagen: „Tut mir leid, Schatz, ich habe es nicht geschafft, die Hemden zu bügeln. Ich war bei Kathy, die hat eine Krise und brauchte mich zum Reden.“

Noch schlimmer wäre die Antwort: „Die Hemden sind im Schrank, Taschentücher ebenfalls. Und Bier ist im Keller. Ich bin bei Kathy.“

„Was glaubst du, was für große Augen dein Mann macht? Und wenn er nicht antwortet, glaub ja nicht, dass die Sache vom Tisch ist. Er wird tagelang beleidigt spielen und schmollen. Weil er bei der Suche nach einem Taschentuch sämtliche Schubladen aufreißt, aber nur die Damentaschentücher mit Spitze findet. Stolz, wie er ist, steckt er eins davon in seine Jackentasche und geht zur Arbeit.

Erst Tage später, immer noch schmollend, erzählt er von der Blamage, als die Kollegen ihn wegen seines Taschentuches ausgelacht haben. Wie peinlich ist das denn? Und die gute Ehefrau fühlt sich richtig hinterhältig dabei. Reumütig nickt sie und gibt ihm recht: „Es tut mir leid, mein Schatz!“ Und schon läuft sie in den Keller, um Bier zu holen.

Und das nächste Mal wird sie gleich sagen: „Dauert zwei Minuten, Schatz!“, und schaltet das Bügeleisen an, um das Hemd zu bügeln.

Eine andere Freundin erzählt Ella von ihrer miesen Lage als Ehefrau und Mutter dreier Kinder, wie sie in finanzieller Abhängigkeit von ihrem Ehemann lebt und für jedes kleine bisschen Eigenbedarf betteln muss. Nicht nur einen Besuch bei der Kosmetikerin oder beim Frisör betrachtet er als überflüssigen Luxus, sondern auch schöne Unterwäsche oder einen Kurzurlaub in einem Wellness Hotel. Seine mit erhobenem Finger ausgesprochenen Warnungen, nicht zu viel von seinem sauerverdienten Geld auszugeben, machen sie krank. Aber sie ist seit zwanzig Jahren Hausfrau und hat keine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Wahrscheinlich bleibt ihr nur das Putzen übrig. Ihr Mann gönnt sich Golfspielen und Kneipentouren mit seinen Kumpels. Bitterlich bereut sie, ihr Studium geschmissen zu haben, als sie sich in ihren Mann verliebt hatte und sich für Kinder und Familie entschied. Ihre Mutter bekam einen Herzinfarkt, als sie davon hörte, aber es war zu spät, weil sich das erste Kind angekündigt hatte.

Ella hat ihr Studium beendet und sogar ihre Doktorarbeit geschrieben, und das war die beste Entscheidung ihres Lebens. Ihren Liebsten, den sie kurz danach geheiratet hatte, setzte sie nach zwei Jahren samt Koffer vor die Tür. Auch das war eine gute Entscheidung, denn ihr Exmann mutierte zum Lebenskünstler, der Geld nur sporadisch verdiente. Damit blieb auch der Unterhalt für ihre Tochter aus. Zum Glück hatte Ella einen guten Job, ihre Eltern und ihre liebe Oma, die ihre Tochter liebevoll umsorgten. Sie konnte es sich leisten, zweimal im Jahr zu verreisen und ihrer Tochter Musikunterricht zu ermöglichen.

Ella hat nie wieder geheiratet. Es schien, als müsse sie in ihrem Singleleben nichts vermissen. Aber irgendwann, als Ella im Ruhestand war, fiel mir eine Veränderung an ihr auf. Als ob sie traurig und antriebslos wäre. Fühlte sie sich ausgemustert?

Hatte sie womöglich Probleme mit dem Älterwerden? Was war jetzt noch zu erwarten?

Ich halte mich mit nicht erbetenen Ratschlägen zurück. Ella soll versuchen, ihr Gleichgewicht selbst zu finden. Solche Phasen gibt es immer wieder mal, sie gehören zum Leben. Ich kann ihr beistehen, wenn sie mich braucht, wenn auch nur, um zuzuhören. Dafür sind doch beste Freundinnen da!

Und doch ist dieses Buch viel mehr als die Geschichte meiner Freundin. Ella ist eines der vielen Gesichter, die in der Generation der dritten Zähne, der Lesebrillen und Hörgeräte angekommen sind. Ich zähle mich auch dazu. Wie meistern wir unseren Alltag, unser Älterwerden, die Probleme, die das Alter so mit sich bringt? Wie kommen wir mit der neuesten Technik zurecht, mit klugen und manchmal frechen Enkelkindern, mit Verlusten, mit dem Alleinsein oder mit dem Verlieben mit über 65 Jahren? Sind die Schmetterlinge im Bauch die gleichen wie mit 18, 20 oder 40? Haben wir das Lieben verlernt?

Oma, du bist peinlich

„Ommma! Mach die Tür zu!“

Meine Freundin Ella wischt sich die Tränen ab. „Gestern war sie noch das süße Kind mit zwei blonden Zöpfchen, lieb und niedlich! Und heute ist sie ein pickeliges, freches Wesen, das mich einfach aus seinem Zimmer rauswirft und uns alle mit seinen hysterischen Wutausbrüchen terrorisiert. Sie knallt die Türen und färbt sich die Haare pink!“

Wir sitzen in einem gemütlichen Café. Ella braucht jemanden zum Reden.

„Warst du bei Amelie?“, frage ich vorsichtig.

Ella ist 65, eine stolze Mutter und Oma. Amelie ist ihre einzige Tochter und Jackie das einzige Enkelkind. Ich könnte ihr sagen: Ach, du hast Glück, Mädchen sind weit weniger dramatisch als Jungs! Doch ich verkneife mir die Bemerkung.

Sie nickt und putzt laut die Nase. „Ich könnte viel häufiger hinfahren und mich um Jackie kümmern. Es sind nur 70 km. Und ich würde es für mein Leben gern tun. Ich finde es wunderbar, Großmutter zu sein.“

Für einen Moment leuchten ihre Augen. „Doch seit Jackie älter geworden ist“, fährt sie leise fort und nestelt an ihrem Taschentuch, „ist das Verhältnis zwischen uns nicht immer harmonisch, ja sogar ab und zu anstrengend. Sie ist zu nervig, zu laut und oft ganz schön frech. Selbst solche harmlosen Fragen wie ‚Hast du deine Hände gewaschen?‘ führen zu unendlichen Diskussionen.“

Wem sagst du das?, denke ich mir. Aber ich höre nur zu.

„Auf meine Forderung, endlich ihr Zimmer aufzuräumen, wirft sie mich raus, mit der Begründung, sie möchte jetzt ihre Ruhe haben oder chillen, wie sie das nennt. Sie sagt zu mir: ‚Oma, du bist voll peinlich!‘ Normalerweise verliere ich nicht so leicht die Nerven, aber wenn sie ihre Musikanlage so laut aufdreht, dass die Nachbarn immer wieder mit Anzeige drohen, dann ist meine Geduld schnell am Ende.“

Ich höre zu und denke an meine eigenen beiden Enkelkinder, zwei süße, aber auch anstrengende Jungen. Bei uns geht es auch nicht anders zu. Als sie kleiner waren und Räuber und Gendarm spielten, schrien sie laut und schubsten sich kräftig. Mag ja wild ausgesehen haben, war aber harmlos. Nun sind ein paar Jahre vergangen, und die beiden sind jetzt in der Pubertät. Sie spielen nach außen den großen Macker, aber ich erkenne dahinter ihr Bemühen, mit den körperlichen und seelischen Veränderungen klarzukommen.

Ich versetze mich in meine eigene Jugendzeit und muss gewaltige Unterschiede feststellen. Die Autorität meines Vaters war unerschütterlich. Noch mit 40 hatte ich großen Respekt vor meinem Vater und vor allem, was er sagte. Die Mutter wickelten wir oft um den Finger. Aber sie ließ es gern geschehen. Sie ist bei einer Stiefmutter aufgewachsen und musste viel Leid erfahren. Sie liebte uns Kinder, ihre Enkel und Urenkel abgöttisch und verwöhnte uns grenzenlos.

Ich bin etwas anders als meine Mutter, ich gebe es zu. Von der Rolle des Babysitters bin ich weit entfernt. Ich habe meine eigenen Rituale, eigene Termine, möchte spontan sein, verreisen und meinen Hobbys nachgehen.

Doch die Zeit mit den Enkelkindern ist trotz mancher Auseinandersetzungen mit ihnen kostbar für mich. Und wenn ich einmal die Nerven verliere und laut zu ihnen werde, schwöre ich mir, mich beim nächsten Mal besser im Zaum zu halten.

Denn ich will keine zänkische, brüllende und uncoole Oma sein. Nein, ich möchte in den Augen meiner Enkelkinder eine Oma sein, die jung im Kopf ist, die über aktuelle Trends auf dem Laufenden ist und Verständnis für ihre Pubertätsprobleme hat. Ich möchte eine charmante alte Dame werden, die im Alter mit Vergnügen in die Vergangenheit schaut und sich gerne an eigene Erfolge und Abenteuer erinnert. Je mehr Abenteuer wir erleben, desto mutiger werden wir. Umso größer ist die Chance, dass uns diese Erinnerungen nach vielen Jahren noch erwärmen.

Heute Morgen hörte ich im Bus einen Jungen „Friedhofsgemüse“ zu einer alten Dame sagen. Seine Freunde krümmten sich vor Vergnügen. Friedhofsgemüse! Das muss man sich vorstellen! Doch im Internet kursieren noch sehr viel weniger schmeichelhafte Bezeichnungen: „Abstellgreis und Verwesungsanwärter“. Gut, die alte Dame sah nun mal wirklich komisch aus. Ihr gelber Wollmantel und die kleine grüne Mütze mit der bunten Bommel erinnerten mich an eine Möhre. Die alte Dame machte ein Nickerchen, ihr Mund stand halb offen und sie schnarchte sogar leise. Ich drehte mich zum Fenster und musste schmunzeln. Es fiel mir schwer, bei dieser Szene ein ernstes Gesicht zu bewahren!

Während ich daran denke, schaue ich meine Freundin an und versetze mich in meine Kindheit. Was haben wir über Nachbars Opa gelacht, der nach dem Toilettengang vergessen hatte, seine Hosen zuzumachen! Als er das merkte, schmunzelte er fröhlich: „Im Hause, wo die Leiche liegt, stehen die Türen offen.“

Es ist doch ganz normal, dass wir in den Augen der Kinder alt, grau und manchmal auch peinlich erscheinen. Sie sind so jung, so neugierig, auf der Suche nach sich selbst. Teenager eben. Die Welt steht ihnen offen.

Ich rede Ella gut zu: Sie soll den Verlust ihrer süßen kleinen Enkelin nicht so dramatisieren. Ich spreche von dieser sensiblen Phase, von Pubertät und Druck in der Schule, von Mobbing wegen teurer Handys und Markenklamotten. Dass sie manchmal eigentlich gar nicht anders können, als zickig zu reagieren und bei der kleinsten Kritik wie eine Rakete abzugehen.

Ich rede davon, dass die Zeit so schnell vergeht, dass unsere Enkelkinder in ein paar Jahren ihr eigenes Leben, ihre eigene Wohnung haben werden. Dass wir sie Monate, vielleicht Jahre nicht zu Gesicht bekommen werden. Darüber werden wir alt, unsere Glieder werden steif, das Gehör und die Sehkraft lassen nach, und - ruck, zuck! - sind wir wirklich altes Gemüse. Das ist der Kreislauf der Natur.

Noch ein Gedanke beschäftigt mich. Egal, wo wir unseren Lebensabend verbringen werden, in einem Altenheim oder im Familienkreis: Wer pflegt schon gerne eine alte, schlecht gelaunte, unfreundliche, verbitterte Oma oder solch einen Opa?

„Möchtest du lieber in einem Altenheim deinen Lebensabend verbringen oder bei deiner Tochter?“

Ella zuckt zusammen.

„Ich?“

„Ja, du?“

Mit meiner Frage möchte ich sie von ihren düsteren Gedanken ablenken. Ich rede einfach drauflos und plötzlich kommt mir eine Idee:

„Weißt du was?“, frage ich sie. „Wäre es nicht schön, wenn wir uns so eine Art Bonuskonto einrichten, in das wir unseren verständnisvollen Umgang mit der Jugend eintragen können. Verständnis gezeigt – ein neuer Bonuspunkt! Ein Bonuskonto wie in einem Supermarkt! Und dieses Konto wird von keinem Zusammenbruch des Bankensystems, von keiner Überschwemmung und von keinem Erdbeben zerstört!“

Meine Freundin schaut mich erstaunt an.

„Ja“, fahre ich fort, „wenn wir dann im Alter pflegebedürftig werden, schauen wir uns den Stand unseres Bonuskontos an. Dann fällt es uns nicht so schwer, Hilfe anzunehmen. Selbst wenn wir einen Gedächtnisverlust erleiden, das Konto wird weiterbestehen und uns angenehmes Altwerden ermöglichen!“

Ella wischt ihr Gesicht mit einem verknüllten Taschentuch ab und sagt leise:

„Das klingt aber nach einem Kalkül.“ Doch jetzt lächelt sie zum ersten Mal seit zwei Stunden.

Ich freue mich darüber und erwidere ihr Lächeln.

„Nein, das bedeutet nur, dass unsere Zukunft in unseren eigenen Händen liegt. Wir wissen nicht, wie lange wir leben und wie lange wir noch fit bleiben, aber ich bin für jeden Tag dankbar. Und ich möchte gleich mit den Bonuspunkten anfangen. Ich werde mich ganz bewusst bemühen, nicht nur meine Enkelkinder, sondern alle Kinder und Jugendlichen mit Toleranz und echtem Verständnis für ihr Verhalten zu behandeln. Ich werde ihnen zeigen, dass ich nicht alles so verbissen sehe und dass ich auch meine Schwächen habe.“

Zuhause suche ich mir ein sauberes Heft und trage mein verständnisvolles Schmunzeln von heute Morgen ein. Mein erster Bonuspunkt.

Zweiter Frühling

Ellas Enkelin hatte vor kurzem ihren fünfzehnten Geburtstag. „Sie ist zickig wie zuvor“, erzählt mir Ella. Als sie mich anruft, denke ich, dass sie wieder Probleme mit Jackie hat. Sie klingt so aufgeregt, dass ich vermute, sie braucht mich zum Reden. Bewaffnet mit zwei Päckchen Taschentüchern mache ich mich auf den Weg.

Ich sehe sie schon von weitem und beim Näherkommen stelle ich eine leichte Bräune fest.

„Warst du im Urlaub?“, frage ich.

„Ich war in Norddeich bei Tante Elli“, dabei verzieht sie ihr Gesicht.

Tante Elli, die jüngere Schwester ihrer Mutter, ist Ellas einzige Verwandte aus der älteren Generation. Ellis Ehe ist kinderlos geblieben, und nach dem Tod ihres Mannes lebt Tante Elli in ihrem großen Haus an der Nordsee ganz allein. Ella kümmert sich um ihre Tante, so gut sie kann, besucht sie zwei-, dreimal im Jahr.

Einmal war ich mit ihr im Sommer dort und war von der Lage und dem Haus selbst sehr begeistert. Es liegt nur fünf Minuten vom Strand entfernt, mit einem großen Garten, ein Paradies!

Tante Elli ist 78, würde aber jünger aussehen, wenn sie ihre Birkenstocksandalen gegen ein paar elegantere Schuhe austauschen würde, sich einen kurzen Haarschnitt gönnte und fröhlichere farbige Kleider tragen würde.

„Wie geht es deiner Tante?“, frage ich vorsichtig. Hoffentlich ist ihrer Tante nichts passiert, mache ich mir Sorgen.

„Tante Elli geht es ausgezeichnet!“, zischt Ella.

Ups … Ich zupfe vorsichtshalber ein Taschentuch aus der Packung. Ella weint aber nicht, dafür ist sie viel zu wütend. Nur auf wen?

„Habe ich dir schon erzählt, dass sich Tante Elli einen Computer gekauft hat?“ Daran kann ich mich gut erinnern. Die beiden wollten sich per Skype öfter unterhalten.

„Hast du! Das war doch eine prima Idee!“

„Ja, natürlich! Das dachte ich mir auch. Aber Tante Elli hat sich mit dem Ding irgendwann bei einer Partnervermittlung angemeldet. Und dann lernte sie diesen Hermann kennen!“

„Was?“, rutscht es mir heraus. Endlich habe ich es begriffen. Tante Elli hat einen Partner!

„Das ist doch wunderbar!“, jubele ich laut.

Ellas scharfer Blick lässt mich verstummen.

„Sie hat sich ihre Haare färben lassen!“

Ehrlich gesagt, ich verstehe Ellas Aufregung nicht.

„Du hast dir doch immer Sorgen um deine Tante gemacht, dass sie in ihrer Einsamkeit depressiv werden könne. Mit einem Partner ist doch alles viel schöner...“

„Sie verplempern mein Erbe!“ Ella ist so aufgeregt und laut, dass sich manche Besucher zu uns umdrehen.

Ich bin sprachlos. Was ist mit Ella los? Ich weiß, dass Tante Elli schon vor Jahren ein Testament gemacht hat und alles ihrer Nichte vermachen will. Außer dem Haus besitzt Tante Elli noch ein Aktienpaket, das ihr verstorbener Mann erworben hat. Tante Elli hat keine Ahnung von Aktien und lässt es einfach weiterlaufen.

Ella wischt den verschütteten Kaffee mit einer Serviette auf und erzählt weiter.

„Tante Elli hat ihr Haus mit Hypotheken belastet und sich einen modernen Wohnwagen mit allem Pipapo gekauft. Sie geht nächstens mit ihrem Hermann auf Reisen.“ Ich muss schlucken. Mir fällt ein Spruch dazu ein: „Reise VOR dem Sterben, sonst reisen deine Erben!“, und ich unterdrücke mein Lächeln.

Ella zeigt mir ein Foto mit dem Wohnwagen und ihrer Tante. Kurzer flotter Haarschnitt, kurze Hosen und bunte Bluse. Ist das tatsächlich Tante Elli?

Ein großer, schlanker, grauhaariger Mann legt eine Hand auf Tante Ellis Schulter und drückt sie an sich. Das ist sicher Hermann.

„Mein Gott, Ella! Deine Tante sieht so glücklich aus, so jung und fit! Du solltest dich über ihr Glück freuen!“

Ella schaut mich verständnislos an: „Ist das dein Ernst? Tante Elli ist doch 78! Ist doch voll peinlich, sich in dem Alter einen Liebhaber zuzulegen. Was sollen die Leute sagen?“

„Welche Leute?“, frage ich.

„Na ja, die Nachbarn, meine Tochter und meine Enkelin.“

So kannte ich meine Freundin nicht. Erst jetzt fällt mir auf: Ella war lange nicht beim Frisör. Ihr Haaransatz ist grau, Ton in Ton mit ihrem grauen Kleid.

Ein Blick unter den Tisch und Ella wird rot. Tante Ellis Birkenstocksandalen!

„Tante Elli hat sie ausrangiert, ist doch schade, sie wegzuschmeißen.“

Meine Freundin mutiert zum grauen Mäuschen. Ich möchte sie nicht beleidigen. Vielleicht ist es auch meine Schuld, dass sie sich so verändert hat. Ich hatte oft keine Zeit für sie und ihre Probleme. Erst ihre pubertierende Enkelin, jetzt ihre Tante!

Zuhause suche ich die Adresse einer Kosmetikerin und vereinbare einen Termin für Ella.

„Was soll gemacht werden?“, fragt die Kosmetikerin.

„Aus einem grauen Mäuschen eine attraktive Dame zaubern“, antworte ich.

„Zunächst gehen wir zusammen shoppen, du brauchst ein bisschen Farbe in deiner Garderobe“, teile ich Ella am Telefon mit. „Wann hast du Zeit?“

Auf dem Weg in die Stadt werfen wir die Birkenstocksandalen in einen Altkleidercontainer.

Gestern hat sich Ella bei mir für den Kosmetik-Gutschein bedankt. Dann kichert sie ein bisschen und vertraut mir an, dass sie sich bei einer Partnervermittlung angemeldet hat.

Dating & CO

Ella hört nicht auf, für Turbulenzen in meinem Leben zu sorgen. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, hat sie mir anvertraut, dass sie sich bei einer Partnervermittlung angemeldet hat. Sie möchte Weihnachten nicht allein verbringen, sondern mit einem Partner.

Ich begrüße ihre Entscheidung. Aber meine Freundin ist und bleibt unverbesserlich! Auch hier muss sie übertreiben. Sie hat sich nämlich für eine sehr exklusive Partnervermittlung entschieden!

„Wie kommst du auf diese Idee?“, frage ich sie nach einer Denkpause.

„Warum nicht?“, antwortet sie ungeniert mit einer Gegenfrage.

„Na ja, bei dieser Partnerbörse sind doch ausschließlich Akademiker und…“

Ich weiß selbst nicht, wer außer Akademikern auf dieser Plattform verkehrt. Ella ist Biologielehrerin im Ruhestand.

„Ha, hast du vergessen, dass ich vor 35 Jahren promoviert habe!“, schaut sie mich triumphierend an. „Jetzt kommt mir die ganze damalige Strapaze endlich zugute. Über 120.000 Mitglieder sind täglich unterwegs in diesem Forum, da werde ich doch bestimmt einen Partner für mich finden!“

Das Kennenlernen über eine virtuelle Plattform ist heute so realitätsnah, wie eine virtuelle Welt sein kann. Früher gab es die Zeitungsanzeige, heute ist es die Internetbörse.

Wenn Ella sich etwas in den Kopf gesetzt hat, will sie das unbedingt durchziehen.

Ich klicke die Seite im Internet an und lese erst die Erfahrungsberichte. Das Wort Abzocke sticht mir ins Auge. Der Kritiker beanstandet, dass sich das Abonnement automatisch verlängert, wenn es nicht rechtzeitig gekündigt wird.

Ich finde, das kann man nicht als Abzocke bezeichnen. Dafür gibt es die AGB und die sollte man nicht nur bei dieser Plattform lesen. Über den Preis kann man sich auch streiten. Viele empfanden ihn als zu hoch, andere fanden den Preis für den Service und die guten Chancen, einen Partner fürs Leben zu finden, ganz okay. Ich lese auch die Berichte von Frauen, die nach monatelanger Suche und Dutzenden Dates immer noch allein sind.

All das kann Ella nicht von ihrem Plan abhalten, sie ist fest entschlossen. Zuerst soll sie aber diesen umfangreichen Fragebogen ausfüllen, den so genannten Persönlichkeitstest, der von der Vermittlung vorgegeben ist. Man müsse sich Zeit nehmen, empfehlen die Vermittler. Je ausführlicher man ihn beantworte, umso mehr Chancen habe man, einen Partner zu finden, heißt es.

Wir wurschteln uns durch eine Unmenge von Fragen, die mir lächerlich und überflüssig vorkommen. Aber man kommt nicht drum herum, man muss sie beantworten, bevor die Freischaltung erfolgt. Weiter unten lesen wir die Ratschläge, wie wichtig die Optik ist und wie man ein Foto hochlädt.

Es gibt Bildbearbeitungsprogramme, die kleine Falten kaschieren, die Augen größer machen und das Doppelkinn wegzaubern können. Bevor ich etwas sagen kann, ist Ella schon dabei, ihr Foto mit „Photoshop“ zu bearbeiten. Ich schaue sie skeptisch an.

„Willst du wirklich ein gefälschtes Bild von dir hochladen? Und was sagst du dann bei einem Treffen? Versehentlich hast du ein Bild von deiner Tochter hochgeladen? Und wenn dein Auserwählter dir auch ein falsches Bild liefert?“

Am Ende wählen wir ein Urlaubsfoto von Ella, wo sie ganz natürlich, hübsch und sogar ein bisschen erotisch aussieht. Reden wir nicht lange drum herum, es versteht sich, dass viele in diesem Portal einen Liebespartner suchen. Ein menschliches Motiv, an dem nichts auszusetzen ist, wobei es Ella nicht nur darum geht. Sie wünscht sich einen Partner, der ihr mit starken Schultern zur Seite steht.

Einen Ratschlag kann ich Ella aus meiner Erfahrung geben: Man soll sich nicht im Restaurant oder Café treffen, sondern vor der Tür. Oder zumindest als Erste kommen. Sonst ist es aus, bevor es anfängt. Im Sitzen kann man nicht sehen, wie groß das Gegenüber ist, denn sehr viele Männer „korrigieren“ ihre Größe nach oben. Ella ist 1,75 und mit einem Mann, der 1,62 klein ist, wird sie sich nicht glücklich fühlen, hat sie mir gesagt.

Irgendwann sind wir so weit, Ella wird freigeschaltet und kann passende Männer kontaktieren.

Ihr erstes Date hat sie mit einem Steuerberater. Ella hat sich vorher ein bisschen in Steuerfragen schlau gemacht und sich mit Politik und Kunst beschäftigt. Schade, dass sie keine Gelegenheit bekommt zu glänzen. Ihr Gegenüber redet eine Stunde lang über Schwierigkeiten in seinem Steuerberatungsbüro, das er mit seiner Exfrau noch zusammen weiterführt. Dabei gestikuliert er so heftig, dass er sein Weinglas umstößt. Ella ist es peinlich, am liebsten würde sie weglaufen, aber sie hält zwei Stunden durch.

Wissenschaftliche Studien beweisen, dass die ersten Sekunden entscheiden, ob zwei Menschen als Partner zusammenkommen oder nicht. Ich kann