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Deauville im Frühling. Bereits zum fünften Mal lockt der Ort mit seinem Krimi-Festival "Mord am Meer" die Besucher an. Und diesmal ist es den Organisatoren sogar gelungen, den berühmten Bestsellerautor Jean-Paul Picard für eine Lesung zu engagieren. Der Autorenabend ist ein voller Erfolg. Doch am nächsten Morgen liegt Picard tot in seiner Hotelsuite. Das Letzte, was er zu sich genommen hatte, war ein Calvados – und der hatte es in sich: Picard wurde vergiftet. Bei seinen Ermittlungen trifft Kommissar Leblanc auf missgünstige Autoren, gierige Verleger und weibliche Fans, die es faustdick hinter den Ohren haben.
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2017
Buch
Deauville im Frühling. Bereits zum fünften Mal lockt der Ort mit seinem Krimi-Festival Mord am Meer die Besucher an. Und diesmal ist es den Organisatoren sogar gelungen, den berühmten Bestsellerautor Jean-Paul Picard für eine Lesung zu engagieren. Der Autorenabend ist ein voller Erfolg. Doch am nächsten Morgen liegt JPP tot in seiner Hotelsuite. Das Letzte, was er zu sich genommen hatte, war ein Calvados – und der hatte es in sich: Zyankali. Hat der Bestsellerautor sich umgebracht oder wurde er vergiftet? Bei seinen Ermittlungen trifft Kommissar Leblanc auf missgünstige Autoren, gierige Verleger und JPPs zahllose Geliebte
Catherine Simon
ist das Pseudonym für Sabine Grimkowski. Seit 1999 ist sie als Redakteurin beim Südwestrundfunk in der Redaktion Literatur tätig. Sie hat Sachbücher geschrieben, unter anderem den Reisebegleiter »Normandie«, und Romane zu Fernsehserien. Regelmäßig fährt sie in die Normandie und verbringt in Trouville einen Teil des Jahres. Sie wohnt dort im legendären »Hôtel des Roches Noires«, wo schon Marcel Proust logierte und Marguerite Duras eine Wohnung besaß. Sabine Grimkowski lebt in Baden-Baden.
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CATHERINE SIMON
Bitterer Calvados
Der dritte Fall
für Kommissar Leblanc
EINS
Hier in der ersten Etage, Madame, befindet sich das größte Büro des Kommissariats, vom Foyer einmal abgesehen. Es könnte für eine Lesung infrage kommen. Aber das hängt davon ab, mit wie vielen Zuhörern Sie rechnen. Sie entscheiden, ich habe Ihnen freie Auswahl zugesichert.«
Kommissar Jacques Leblanc sah von seinem Computer auf und blickte fragend zu seiner Kollegin Nadine hinüber. Nadine zuckte mit den Schultern, um anzudeuten, dass sie von dem Besuch nichts wusste. Beiden war die näselnde Stimme bekannt, die vom Flur in ihr Büro drang. Bevor Leblanc eine Bemerkung entschlüpfen konnte, klopfte es fast unhörbar an die Tür, gerade mit so viel Nachdruck, als wolle jemand zeigen, dass er der Höflichkeit Genüge tat, aber eigentlich rechtmäßig befugt wäre, den Raum ohne Ankündigung zu betreten. Unmittelbar darauf wurde die Tür geöffnet, und das runde, leicht gerötete Gesicht des Bürgermeisters von Deauville erschien im Türrahmen. Schon schob Monsieur Fabius seinen schmalen, aber in der Bauchgegend nach vorn drängenden Körper über die Schwelle und trat beiseite, um einer Frau Platz zu machen, die ihn um mehr als einen Kopf überragte. Vom Treppensteigen noch außer Atem, wandte er sich an seine Begleiterin.
»Sie befinden sich hier gewissermaßen in der Schalt- und Gedankenzentrale unseres Kommissariats, Madame Colbert. Darf ich Ihnen Kommissar Leblanc vorstellen? Und das ist seine Kollegin Nadine Liard. Sie kennen Kommissar Leblanc vielleicht aus der Presse. Es wurde viel über ihn berichtet, er hat einige bedeutende Fälle bravourös gelöst.«
»Ich habe von Ihnen gehört, Monsieur.«
Die Dame schenkte Leblanc ein kurzes Lächeln, dann wurde ihre Miene wieder ernst. Gegensätzlicher konnten zwei Menschen kaum aussehen als der Bürgermeister und seine Begleiterin. Er klein, von zartem Körperbau, aber mit Bauchwölbung, sie knochig und groß, gut ein Meter achtzig, schätzte Leblanc. Er machte keine Anstalten aufzustehen. Sie würde auch ihn überragen, wenn er neben ihr stünde. Als wolle sie den Eindruck der Strenge, den ihre hagere Gestalt hervorrief, noch unterstreichen, hatte sie ihre braunen Haare straff nach hinten gebürstet und zu einem Knoten gedreht. Eine runde Hornbrille verlieh ihren Augen etwas Eulenhaftes.
»Madame Colbert ist eine der Organisatorinnen des Festivals des Kriminalromans Mord am Meer«, erklärte der Bürgermeister. »Sie wissen ja Bescheid.«
Leblanc dachte an die Plakate, die ihm seit zwei Wochen in Deauville und Trouville auf Schritt und Tritt begegneten, Plakate, auf denen markant in Pose gesetzte Schriftsteller und Schriftstellerinnen angekündigt wurden, die aus ihren »mörderischen Werken« lesen würden.
»Ich unterrichte Literatur hier am Lycée André Maurois und bin seit drei Jahren Mitglied des Festivalkomitees«, erklärte Madame Colbert. »Mord am Meer findet zum fünften Mal in Deauville statt, der Erfolg ist ermutigend. Im letzten Jahr haben wir zum ersten Mal Krimiautoren aus aller Welt einladen können. Das setzen wir in diesem Jahr fort. Da wir ständig auf der Suche nach neuen Leseorten sind, haben wir uns ans Rathaus gewandt. Eine Lesung in einem Kommissariat, das wäre sensationell, haben wir gedacht. Und Monsieur Fabius hat gleich zugesagt. Wir sind Ihnen sehr dankbar, Herr Kommissar, dass Sie uns einen Raum zur Verfügung stellen wollen.« Ihr Lächeln galt nun zu gleichen Teilen Leblanc und dem Bürgermeister.
»Leider haben wir nichts davon erfahren, sonst hätten wir uns auf Ihren Besuch und Ihr Anliegen natürlich besser vorbereitet. Einen Kaffee können wir Ihnen aber anbieten.« Leblanc konnte seinen Ärger darüber, dass über seinen Kopf entschieden und er nicht einmal informiert worden war, nicht ganz verhehlen.
»Sie sind nicht benachrichtigt worden?«, fragte der Bürgermeister etwas kleinlaut. »Wir haben selbstverständlich die Präfektur in Caen informiert und um Zustimmung gebeten. Die kam prompt, aber irgendwie sind Sie wohl vergessen worden.«
Sein Bedauern über dieses Versäumnis hielt nicht lange an und wurde sogleich durch freudigen Optimismus ersetzt. »Ein hoffentlich verzeihlicher Fehler, dann erfahren Sie es eben jetzt – zugegeben, ein wenig kurzfristig. Aber es geht ja nur um einen Raum, und das dürfte doch kein Problem sein. Sie sind mit mir sicher einer Meinung, dass es sich bei diesem Festival um eine unterstützenswerte Unternehmung handelt. Ich denke, es ist eine ausgezeichnete Idee, einen Schriftsteller, der Verbrechen erfindet, an den Ort zu bringen, an dem Verbrechen aufgeklärt werden. Und die Zuhörer bekommen einen Eindruck von den tatsächlichen Gegebenheiten eines Kommissariats.«
Nach diesem erhellenden Vortrag, der möglichen Widerspruch im Keim erstickte, wartete der Bürgermeister auf eine Reaktion. Aber Leblanc schwieg. Er behielt seine Zweifel für sich. Eine öffentliche Lesung würde eine Menge Unruhe mit sich bringen. Der Raum musste ausgeräumt, Stühle müssten herbeigeschleppt werden. Zusätzlich zu den Polizisten, die Bereitschaft hatten, würden weitere Kollegen gebraucht, um die Besucher zu empfangen und in den ersten Stock zu bringen. Der Unmut spiegelte sich in seinen Gesichtszügen. Um zu vermeiden, dass ihrem Chef eine unbedachte Äußerung entfuhr, mit der er sich beim Bürgermeister unbeliebt, die Entscheidung aber nicht rückgängig machen würde, ergriff Nadine das Wort.
»Natürlich sind wir dabei, das wird sicher ein großartiges Ereignis. Wann soll denn die Lesung stattfinden? Und wissen Sie schon, welcher Schriftsteller aus seinem Buch vortragen wird?«
Leblanc durchschaute die wohlgemeinte Strategie seiner Kollegin und zwang sich zu einem Nicken. Die Knotenfrau, wie er Madame Colbert bei sich nannte, nahm Nadines Fragen zum Anlass, sie über das Krimi-Festival aufzuklären.
»Ich vermute, Sie haben unser Programm nicht bekommen.« Sie nahm ein paar Broschüren aus ihrer Tasche und legte sie auf den Tisch. »Ich lasse Ihnen einige Programmhefte da, darin finden Sie alle teilnehmenden Schriftsteller, die Lesungen und Leseorte. Das Festival beginnt morgen Abend mit der spektakulären Eröffnung im Theatersaal des Casinos. Wir konnten den Bestsellerautor Jean-Paul Picard gewinnen, die Karten sind längst ausverkauft. JPP ist Ihnen sicher ein Begriff, seine Kriminalromane sind in siebzehn Sprachen übersetzt und sogar verfilmt worden. JPP wird auch an der Diskussionsveranstaltung am Samstagabend teilnehmen, wo Autoren und Kritiker über die gegenwärtige Popularität des Kriminalromans debattieren. Die Veranstaltung hier im Kommissariat haben wir auf Freitag, achtzehn Uhr angesetzt. Im Programm ist noch kein Raum angegeben, das heißt, wir müssen im Foyer eine Tafel zur Orientierung für die Besucher anbringen. Vorgesehen für diese Lesung ist die Schriftstellerin Esther Badiou, die ihren neuen Roman Wenn der Hahn kräht, bist du tot vorstellen wird, eine Persiflage auf die immer beliebter werdenden regionalen und dörflichen Kriminalromane. Wir würden uns natürlich freuen, wenn Sie beide anwesend wären.«
Lebhaft, fast leidenschaftlich trug Madame Colbert ihre Ausführungen vor. Ihre großen Hände bewegten sich, als wollte sie ein Orchester dirigieren, die Finger tanzten auf und ab, und sie verlor dabei ihre strenge Lehrerinnen-Ausstrahlung. Leblancs Fantasie setzte die begonnene Verwandlung fort: Der Knoten öffnete sich, und die braunen Haare fielen auf die Schultern, die Brille verschwand, die hohen Wangenknochen kamen zur Geltung, den Mund betonte ein dunkler Lippenstift, statt des biederen Faltenrocks trug sie enge Jeans und eine seidene Bluse, die einen Blick auf die zimtfarbene Haut des Dekolletés zuließ. Eine Modelfigur, so schlank und langbeinig, wie sie war.
»Wir kümmern uns darum, dass der Raum übermorgen entsprechend hergerichtet wird, nicht wahr, Chef?«
Leblanc nickte erneut. Er war gerade woanders. Diese gedanklichen Abschweifungen passierten ihm gelegentlich, auch wenn sie bei der Person, die sie auslöste, zu gar nichts führten. Die reine Vorstellung belebte ihn und versetzte ihn in einen angenehmen Erregungszustand. Irgendetwas in ihm führte ein Eigenleben. Er zwang sich zur Aufmerksamkeit.
»Ja, natürlich, das machen wir.«
»Ich wusste, dass Sie Feuer und Flamme für dieses Projekt sein würden«, kommentierte der Bürgermeister die Zustimmung des Kommissars. »Unsere Stadt ist stolz darauf, dass wir neben dem mittlerweile legendären Festival des amerikanischen Films nun auch das Festival des Kriminalromans vorweisen können, das sich zu einem einschlägigen, großartigen Event entwickelt.«
»Ich freue mich über Ihre Kooperation«, unterbrach Madame Colbert den Bürgermeister. »Zur Organisation würde ich vorschlagen, dass Sie den Raum bis spätestens sechzehn Uhr geräumt haben. Wir lassen Stühle hertransportieren und aufstellen, darum müssen Sie sich nicht kümmern. Einen Schreibtisch können Sie für die Autorin stehen lassen. Wir werden natürlich darauf hinweisen, dass es der Original-Arbeitsplatz eines wirklichen Kommissars ist.« Madame Colberts Lächeln machte die Runde vom Bürgermeister über Leblanc bis zu Nadine. »Die Lesung wird etwa eineinhalb bis zwei Stunden dauern, danach sind alle Zuhörer verschwunden, und Sie können sich wieder Ihrer Arbeit widmen.«
»Falls Sie Ihr Büro am Freitagabend überhaupt noch benötigen. Wir gehen davon aus, dass sich die Verbrechen in den nächsten Tagen nur auf dem Papier abspielen.« Der Bürgermeister lächelte über seinen Scherz. »Leblanc, dieses Festival liegt uns sehr am Herzen. Die Hotels, und nicht nur die vor Ort, sind komplett ausgebucht. Nationale und internationale Presse hat sich angemeldet«, setzte Monsieur Fabius nach.
»Das habe ich mir gedacht.«
»Gut. Ich verlasse mich auf Sie und erwarte einen reibungslosen Ablauf.«
»Im Namen des Festivalkomitees möchte ich mich ganz herzlich für Ihre Mitarbeit bedanken. Als kleine Entschädigung für Ihre Mühe habe ich Ihnen zwei Karten für den Eröffnungsabend morgen mit JPP im Casino mitgebracht, die werden schon auf dem Schwarzmarkt gehandelt, wie gesagt, die Veranstaltung ist längst ausverkauft.«
Die Knotenfrau legte die Eintrittskarten für JPPs begehrte Lesung auf Leblancs Schreibtisch. Dann verabschiedeten sich die beiden Besucher.
»Was die sich wieder ausdenken! Vor allem ohne uns zu fragen«, schimpfte Leblanc, als draußen kein Geräusch mehr zu hören war.
»Tja, so läuft das«, erwiderte Nadine, »der Präfekt kriegt eine Anfrage, sagt zu und vergisst, die Sache weiterzuleiten. Das ist jetzt etwas kurzfristig, zwei Tage vor der Veranstaltung, aber eigentlich finde ich die Idee gar nicht schlecht. Und Karten für JPP! Ich würde wahnsinnig gerne zu der Lesung gehen. Aber morgen Nachmittag habe ich frei, und leider habe ich versprochen, meine Mutter und meine Tante zu meiner Großmutter zu bringen. Sie hat Geburtstag, und wir kommen erst spät zurück. Schade, ich habe alle seine Bücher verschlungen. Aber Sie sollten unbedingt hingehen. Nehmen Sie doch Ihre … äh, ich meine, eine Freundin mit.«
Das Klingeln seines Handys bewahrte ihn davor, etwas sagen zu müssen. Es war seine Tante Amélie, deren Anrufe er fürchtete. Sie meldete sich immer dann, wenn sie sich über seine Mutter beklagen wollte. Maman wohnte nämlich, seit sein Vater gestorben und sie aus Kamerun zurück war, bei ihrer Schwester in Versailles. Eine Zeit lang hatte es heftige Streitereien gegeben, weil seine Mutter sich nicht so verhielt, wie die streng katholische und auf Tradition bedachte Amélie es für angemessen hielt. In den letzten Monaten war es allerdings ruhig gewesen, und Leblanc wähnte sich in Sicherheit, einer trügerischen, wie er jetzt merkte, denn sein Magen zog sich zusammen, und alle Antennen waren auf Alarm ausgerichtet.
»Na, Tante Amélie, wie geht’s?« Er bemühte sich, möglichst unverkrampft zu klingen. Damit war es aber in der nächsten Sekunde vorbei.
»Deine Mutter«, brüllte Amélie mit größter Verachtung ins Telefon.
»Was ist mit Maman? Ihr habt euch doch so gut verstanden in letzter Zeit«, versuchte Leblanc zu retten, was nicht zu retten war.
»Sie ist mehrere Nächte nicht nach Hause gekommen. Ich glaube, sie hat einen Liebhaber. Jacques, stell dir das nur vor, mit Anfang siebzig.« Amélies Empörung machte sich Luft.
»Woher weißt du das denn? Hat sie es dir gesagt?«
»Nein, hat sie nicht, sie redet nicht mit mir darüber. Sie verschwindet einfach und kehrt erst am Morgen oder am Nachmittag zurück.«
»Jede Nacht?«
»Nein, nicht jede Nacht, aber es ist schon einige Male vorgekommen.«
»Amélie, Maman ist erwachsen, sie kann ihre Nächte verbringen, wo sie will. Außerdem ist das mit dem Liebhaber doch gar nicht sicher.«
»Ha, ich sage dir, meine Nase trügt mich nicht. Wie sie sich in letzter Zeit aufdonnert. Sie trägt diese merkwürdigen bunten Kleider aus Kamerun. Das müsstest du mal sehen!«
»Was soll ich tun, Amélie? Ich werde Maman sicher nicht davon abhalten können. Du weißt doch, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat …«
»Nicht in meinem Haus, Jacques! Dann hol sie zu dir, wenn du dieses gotteslästerliche Leben billigst. Entweder du redest mit ihr, oder ich setze sie in den nächsten Zug.«
»Amélie …« Leblancs Beschwichtigungen zeigten keinen Erfolg. Seine Tante fiel ihm ins Wort.
»Nein, nein. Ich hätte sie schon damals, als sie mit dem Drogenhandel anfing, vor die Tür setzen sollen. Sie kann sich einfach nicht in eine zivilisierte Gesellschaft einfügen. Dann soll sie doch nach Afrika zurückgehen.«
»Na, Drogen ist doch etwas übertrieben. Es handelt sich um eine Wurzel, die irgendwie zur Ausübung ihrer Religion gehört …«
»… und die hier verboten ist, das weißt du genau. Spiel das jetzt bloß nicht runter«, unterbrach ihn Tante Amélie.
»Gut, ich rede mit ihr.« Leblanc sah keinen anderen Ausweg, als Amélie nachzugeben. Er stieß schnaubend Luft aus, nachdem er das Gespräch beendet hatte.
»Schlechte Nachrichten, Chef?«, fragte Nadine.
»Hm«, brummte Leblanc. Er redete nicht gern über seine Familie, er war es auch nicht gewohnt, denn bis zum letzten Sommer, bis zur Rückkehr seiner Mutter nach Frankreich, hatte er gar keine Familie gehabt. Der Kontakt zu seinen Eltern in Kamerun hatte sich auf ein Minimum beschränkt, alle paar Jahre mal ein Brief. Wieso sollte er sich jetzt um eine Mutter kümmern, die er kaum kannte. Auf jeden Fall musste er verhindern, dass Tante Amélie ihre Schwester auf die Straße setzte. Er fuhr sich mit einer Hand durch die dicken grauen Haare.
»Wenn Sie möchten, dass ich mit zu der Lesung gehe, sage ich meiner Mutter ab, sie wird es schon verstehen.« Mit diesem nicht ganz uneigennützigen Angebot hoffte Nadine Leblanc aufzuheitern.
Aber er wehrte ab. »Nein, danke, ich weiß selbst noch nicht, ob ich mir diesen Monsieur Bestseller ansehe.«
»Er hat Ähnlichkeit mit George Clooney.«
»Ein Grund mehr, nicht hinzugehen.«
ZWEI
Als Leblanc an diesem 21. März um Viertel vor sechs das Kommissariat verließ, stand die Sonne schon tief, aber es war noch nicht dunkel. Die Tage blieben jetzt merkbar länger hell. Pünktlich zu seinem Beginn bescherte der Frühling der normannischen Kanalküste einen dieser Tage von unübertrefflicher Schönheit, mit stahlblauem Himmel, der sich gegen Abend ins Violette verfärbte, mit einer Sonne, die um die Mittagszeit kräftig wärmte und die Leute nach draußen lockte, und mit dem ersten Grün der Blätter, die vorsichtig ihre Spitzen hervortrieben. Gegen Abend sanken die Temperaturen wieder, aber nicht so sehr, dass ein Spaziergang unangenehm gewesen wäre. Leblanc schätze es, dass der Winter vorbei war. Die Luft beflügelte ihn so sehr, dass er gegen seine Gewohnheit beschloss, auf den Planches am Strand eine Runde zu drehen, bevor er seinen Freund Lulu im Bistro aufsuchte, um ein Sandwich zu essen. Er bummelte durch die Rue Désiré le Hoc, schlenderte am Casino vorbei, wo sich die Plakate mit der Ankündigung des Festivals Mord am Meer häuften, und blieb vor einem stehen, das einen Mann zeigte, der tatsächlich Ähnlichkeit mit George Clooney hatte, allerdings mit einem George Clooney vor zehn Jahren, noch nicht so grau und ohne Bart. Unter dem Foto waren nur drei fett gedruckte Buchstaben zu sehen: »JPP«. Das war also der Erfolgsautor. Leblanc musste sich eingestehen, dass der Mann eine Aura besaß. Er strahlte etwas Siegessicheres aus, als würde alles, was er anfasste, zu einem Erfolg, alles, was aus seiner Feder floss, zu einem Verkaufsschlager werden. Oder war es umgekehrt? Hatte er diese Ausstrahlung erst bekommen, weil sich seine Bücher millionenfach verkauften? Leblanc beschloss, sich einen Roman von diesem JPP zu besorgen. Normalerweise las er nur die alten Kriminalromane von Georges Simenon mit Kommissar Maigret gerne. Die eigentümliche, biedere Häuslichkeit dieses Kommissars war ihm völlig fremd, aber mit welchem Gespür für Menschen und Milieus er die Fälle löste, das, fand er, hatte Simenon genial beschrieben. Ob er zu der Lesung morgen gehen sollte? Eigentlich hatte er keine Lust, sich einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Schriftsteller anzusehen, der von seinen Fans, wahrscheinlich vorwiegend weiblichen, angehimmelt wurde. Vielleicht sollte er Marie anrufen und fragen, ob sie mitkommen würde. Marie traute er genug Besonnenheit und Kritikvermögen zu, um nicht in Lobeshymnen auszubrechen. Er würde es sich überlegen. Inzwischen war er auf dem Holzplankenweg am Strand angelangt. Der Frühlingsabend hatte einige Spaziergänger ins Freie gelockt, noch warm verpackt mit Mützen und Schals. Leblanc fröstelte leicht in seinem Wollmantel, durch den jetzt der Wind blies, der sich vom Meer erhob. Als er an einem Café vorbeikam, auf dessen Veranda Heizpilze die Sitzenden wärmten, beschloss er, sich einen Moment niederzulassen. Er nahm an einem der Tische Platz und bestellte einen Calvados. Am Nebentisch nippten zwei Frauen, von den Heizspiralen dazu verführt, die Reißverschlüsse ihrer Daunenjacken zu öffnen, an farbenfrohen Cocktails. Die Lautstärke ihrer Unterhaltung zwang Leblanc, das Gespräch mit anzuhören. Es waren Besucherinnen des Festivals, die, vom schönen Wetter verleitet, einen Tag früher ans Meer gefahren waren. Sie fieberten der Eröffnung mit JPP entgegen.
»Einmal, vor fünf Jahren, habe ich ihn in Paris gesehen, im Théâtre de l’Odéon. Da hat er aus seinem damals gerade erschienenen Roman Der Managermörder gelesen. Unglaublich intensiv und spannend! Als ich nach Hause ging, habe ich mich dauernd umgesehen, als ob der Mörder hinter mir her wäre, obwohl ich nun wirklich keine Managerin bin. Der Mann ist ein Phänomen, seine Krimis stehen sofort bei Erscheinen auf den Bestsellerlisten an Nummer eins. Und wie er aussieht!«, sagte die eine mit vor Begeisterung überschnappender Stimme.
Die andere pflichtete ihr bei und sah versonnen in das pinkfarbene Mixgetränk, das im Ton zu ihrer Jacke passte. »Ja, fantastisch. Seine Lesungen sind genial.«
»Und leider immer sofort ausverkauft. Es gibt Fans, die verbringen die Nacht vor der Verkaufsstelle, um eine Karte zu ergattern. Den Internetverkauf kannst du vergessen, da dringt man gar nicht durch.«
»Bin ich froh, dass meine Schwester in einer Ticketagentur arbeitet. Sonst hätten wir die Karten hier nicht so leicht bekommen«, raunte die mit der Pink Lady und nahm den Strohhalm zu Hilfe, um die letzten Reste der Flüssigkeit aus ihrem Glas zu saugen.
Die andere setzte ihre Lobeshymne auf den Bestsellerautor fort. »JPP ist unübertroffen. Mir gefallen auch andere Krimis, aber seine sind einfach um Klassen besser, die Themen immer brisant und aktuell.«
Dass für Schriftsteller in ähnlicher Weise geschwärmt wurde wie für Popstars, wunderte Leblanc. Offenbar musste ein Autor heute nicht nur gut schreiben können, sondern auch attraktiv aussehen und ein Talent zum Entertainment besitzen. Er trank seinen Calvados aus, der ihm das Gefühl gab, von innen gewärmt zu werden, und brach auf.
In Lulus Bistro hatte sich Leblanc länger aufgehalten als beabsichtigt, und nun war er auf dem Heimweg. Ein Glas Wein zu viel benebelte seine Gedanken. Egal, dann würde er vielleicht einschlafen können. Oft lag er stundenlang wach oder, wenn er gerade eingedämmert war, plagten ihn Albträume. Mit Lulu hatte er über seine Mutter und die Drohung Tante Amélies, sie auf die Straße zu setzten, sprechen können. Lulu hatte ihn beruhigt. »Wer sagt denn, dass deine Mutter überhaupt zu dir ziehen will«, hatte Lulu gesagt. »Sie sollte sich ’ne eigene Bude suchen und sich aus den Klauen ihrer Schwester befreien. Nichts gegen deine Tante, sie ist eine reizende alte Dame, ich habe sie ja Weihnachten kennengelernt. Aber, weißt du, wenn ich mir vorstelle, jemand mäkelt dauernd an mir rum – Lulu, tu dies nicht, Lulu, bleib heute zu Hause, Lulu, trink nicht so viel –, ich würde verrückt werden.«
In Gedanken an diese tröstlichen Worte schritt Leblanc durch die stillen Straßen Deauvilles. Der Geruch der Hyazinthen in den Vorgärten stieg ihm in die Nase und rief in ihm das beglückende Gefühl hervor, dass es mit dem Winter endgültig vorbei war. Morgen würde er Marie anrufen. Warum sollte er sich diesen Schriftsteller nicht mal ansehen. Marie würde ihn bestimmt gern begleiten, und vielleicht ergab sich hinterher noch etwas. Wenn sie nur ein bisschen lockerer wäre. Er merkte, dass sie ihn noch immer mochte, aber sie ließ sich auf nichts ein und wirkte angespannt. Diese Gemengelage brachte ihn manchmal in Verlegenheit. Er hätte nichts dagegen, an die gemeinsame Zeit in Paris anzuknüpfen. Aber Marie … Warum mussten Frauen so kompliziert sein? Statt den Moment zu genießen, dachten sie an Zukünftiges, statt Freiheit wollten sie Verbindlichkeiten und Festlegungen. Ach, was wusste er.
Er nahm den Fahrstuhl, um in den fünften Stock zu seiner Wohnung zu kommen. Als er um die Ecke bog, blieb er wie angewurzelt stehen. Ihm stockte der Atem. Auf dem Boden im Flur, gegenüber seiner Wohnungstür, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, kauerte ein Etwas, ein Jemand. Der Kopf des Wesens lag auf den Knien, und eine Wolke blonden, lockigen Haares ergoss sich über die angewinkelten Beine. Das Gesicht war nach unten gerichtet, ein Zittern lief durch den Körper, ließ die schmalen Schultern erbeben. Leblanc näherte sich so langsam, wie ein Jäger sich an einen Rehbock heranpirscht. Keinesfalls wollte er die auf dem Boden kauernde Frau erschrecken. Auch wenn das Gesicht verborgen war, wusste Leblanc doch sofort, wer ihm da vor die Füße gefallen war: Liliane, die, seit er sie das erste Mal gesehen hatte, seine Gedanken beflügelte. Liliane, die ihm wie ein Engel erschienen war und sein Herz in einen Zustand ungekannter Sehnsucht versetzt hatte. Liliane, die seinem Nachbarn René angehörte und von der er sich fernzuhalten hatte. Leblanc atmete schwer. Er stand jetzt so nah vor ihr, dass sie seine Schuhe bemerken musste. Er sollte etwas sagen.
»Li-liane?«
Sie hob ganz langsam den Kopf und sah ihn an, als käme sie gerade von einem anderen Planeten. Tränen liefen ihr über das Gesicht, die Haut hatte ihren samtenen Schimmer verloren, die Augen waren gerötet. Aber selbst diese unvorteilhafte Veränderung ihrer Physiognomie konnte nicht verhindern, dass Leblanc dahinschmolz wie eine brennende Wachskerze. Der Engel weinte. Der Engel war traurig. Sein Herz floss über vor Mitleid. Ihre Stimme krächzte, als sie die Worte hervorbrachte:
»Monsieur Leblanc … ich meine, Jacques …«
»Was ist passiert?«
»Er hat mich rausgeworfen und will mich nicht mehr sehen.«
»Wer? René? Warum?«
Sie begann schon wieder zu schluchzen. »Weil ich gewonnen habe.«
»Gewonnen? Was? Du kannst hier nicht auf dem Flur sitzen bleiben. Komm mit zu mir! Ich habe noch eine Flasche Wein. Dann erzählst du mir, was passiert ist, ja?«
Leblancs Hand gehorchte ihm nicht, als er seine Wohnungstür aufschließen wollte. Er fand das Schlüsselloch nicht auf Anhieb und ließ den Schlüssel fallen. Beim zweiten Versuche klappte es. Liliane machte zunächst keine Anstalten, sich zu erheben. Er streckte ihr die Hand hin. Sie ergriff sie und ließ sich hochziehen. Wie ein Kind ließ sie sich aufs Sofa setzen und putzte sich die Nase. Leblanc holte die letzte Flasche von dem Jura-Wein, den ihm Lulu geschenkt hatte, aus dem Kühlschrank, öffnete sie und stellte ein Glas vor Liliane auf den Tisch. Sie trank einen Schluck, und ohne dass Leblanc erneut nachfragen musste, brach es aus ihr hervor.
»René und ich, wir haben beide an dem Wettbewerb zum besten französischen Pâtissier in Paris teilgenommen. In den letzten drei Jahren hat René regelmäßig den Titel gewonnen. Ich wollte mich erst gar nicht anmelden, bin ja noch nicht so lange in dem Metier, aber er hat mich ermutigt. Na ja, dann habe ich mich beworben und war tatsächlich unter den elf Finalisten. Wir mussten verschiedene Torten und Schokoladenobjekte gestalten, und dann bekamen wir von der Jury die Aufgabe, einen Ispahan herzustellen.«
Sie nahm noch einen Schluck Wein und gewann langsam ihre Fassung zurück.
»Wissen Sie, ach, Entschuldigung, für mich bist du immer noch der Herr Kommissar, ich muss mich an das Du erst gewöhnen. Also, weißt du, der Ispahan wurde von dem Meisterpâtissier Pierre Hermé kreiert – Hermé ist mein großes Vorbild –, ein Rosenmacaron mit frischen Himbeeren und einer Creme aus Himbeeren, Litschis und Rosen. In der Pâtisserie Charlotte hat René bisher immer die Ispahans gemacht, die Herstellung bedarf schon einiger Kunstfertigkeit.«
Leblanc saß in seinem Sessel und starrte sie an. Ihre Worte schwirrten wie farbenprächtige Kolibris um seinen Kopf, er vermochte sie nicht festzuhalten, verstand nur »Wettbewerb« und »Himbeeren«. Er war froh, dass er nichts sagen musste. Liliane kam jetzt richtig in Fahrt.
»Leichte Variationen vom Grundrezept waren erlaubt, und ich habe eine Prise gemahlenen Bockshornkleesamen in die Creme gegeben. Das darf nur ein Hauch sein, sonst wird der Geschmack zu nussig. Aber dieser Hauch bringt das Aroma der Himbeeren wunderbar zur Geltung. Die Jury hat das überzeugt, und ich habe den Titel gewonnen. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich die beste Pâtissière Frankreichs sein soll. Mir würden jetzt alle Türen offen stehen, aber ich habe mich entschieden, bei René zu bleiben. Wir haben überlegt, von Charlotte wegzugehen und eine eigene Pâtisserie aufzumachen.«
Ihre Tränen waren versiegt, blau wie das Meer im Sommer strahlten die Augen Leblanc an. Er versank in ihnen. Schlagartig verfinsterte sich ihr Gesicht wieder.
»Heute hat er mir gesagt, dass er nicht mit mir arbeiten kann und mit mir leben auch nicht. Er könne einfach keine Frau an seiner Seite ertragen, die besser sei als er. ›Und du bist besser, ich gebe es ja zu‹, hat er gesagt. Und dass er sich eine andere Stelle suchen wolle und dass es ihm leidtue. Es tut ihm leid! Das muss man sich mal vorstellen! Wir hatten doch gemeinsame Pläne. Hätte ich bloß nicht an diesem dämlichen Wettbewerb teilgenommen.«
Da begann Liliane wieder zu weinen. Hilflos zog Leblanc ein Papiertaschentuch aus einem Päckchen und reichte es ihr.
»Er beruhigt sich bestimmt wieder«, sagte Leblanc. Seine Wünsche dagegen, einmal losgelassen und aus der Tiefe seines Herzens hervorgebrochen, ließen sich nicht mehr bändigen und flüsterten auf ihn ein: »Wenn er verschwindet, ist Liliane frei.« Er fand, dass René seine Loyalität nun nicht mehr verdient hatte.
»Wenn du willst, kannst du hierbleiben. Ich schlafe auf der Couch und überlasse dir mein Bett.«
»Danke, du bist sehr nett, aber ich möchte lieber nach Hause. Morgen muss ich sehr früh aufstehen.«
»Ich bringe dich«, beeilte sich Leblanc zu erwidern. Sein Vorstoß mit dem Übernachtungsangebot hatte ihn selbst überrascht.
»Wirklich? Das nehme ich gerne an.« Für den Moment hatte Liliane ihren Kummer samt René vergessen. »Weißt du«, fuhr sie fort, »dass morgen Abend im Casino JPP auftritt. Ich finde seine Bücher sensationell und hätte ihn wahnsinnig gern mal auf der Bühne erlebt. Er sieht cool aus, ein bisschen wie George Clooney.«
Leblanc unterdrückte ein Seufzen. Sie sprach weiter:
»René hat versprochen, Karten zu besorgen. Hat er natürlich vergessen, jetzt ist alles ausverkauft. Na ja, ist auch egal, er würde sowieso nicht mehr mit mir hingehen.«
Leblancs Wünsche triumphierten: Jetzt spiel das Ass schon aus!
»Ich habe zwei Karten. Wenn du mit mir gehen willst …« Wo war die Abneigung gegen den smarten Schriftsteller geblieben, wo die Absicht, Marie einzuladen, wo das Unbehagen, unter einer Meute JPP-begeisterter Anhängerinnen zu sitzen?
»Echt?«
Wie diese Augen leuchten konnten! Und das strahlende Lächeln!
»Ja, wirklich«, bekräftigte er. Das Leuchten und Strahlen sollte nicht aufhören.
»Natürlich komme ich mit. Super. Ich kann es gar nicht fassen.«
»Gut, ich hole dich morgen Abend ab. Und jetzt los, ich fahre dich nach Hause, sonst gibt es morgen bei Charlotte keine Croissants. Wo wohnst du denn?«
»Avenue des Pins 3, oben bei der Kirche Notre Dame.«
DREI
Als Jean-Paul Picard am Nachmittag des 22. März mit seinem silbergrauen Bentley Mulsanne vor dem Hôtel Royal Plage hielt, waren gleich zwei Bedienstete in Hoteluniform – schwarze Hose, rote Jacke – zur Stelle. Einer ergriff seine zwei Hartmann-Aluminium-Koffer, um sie in die Empfangshalle des Hotels zu tragen, der andere erbat den Autoschlüssel, um den Bentley in die Tiefgarage zu fahren. Jeder, der geglaubt hätte, der JPP auf den Plakaten wäre eine beschönigte Variante des echten, hervorgegangen aus einer sorgfältigen Fotoretusche, hätte sein Urteil im Moment von JPPs Erscheinen revidieren müssen. Das Foto reichte in puncto Attraktivität kaum an die Gestalt heran, die nun in der Lobby vom Empfangschef begrüßt wurde. JPP war ein auffallend gut aussehender Mann: schlank, schmal in den Hüften, athletisch, etwa ein Meter fünfundachtzig groß, mit kurz geschnittenen, dichten schwarzen Haaren, in die sich nur wenige graue mischten. Das Interessanteste an ihm aber war sein Gesicht. Die markanten Gesichtszüge – hohe Wangenknochen und eine ausgeprägte Nasolabialfalte – erhielten durch die braunen, ein wenig umschatteten Augen etwas Weiches, was von den nach oben weisenden Mundwinkeln noch unterstützt wurde. Es schien, als würde er immer lächeln. Seine Kleidung konnte man als elegant und zugleich sportlich bezeichnen: Zur Jeans trug er ein weißes Hemd und ein hellgraues Kaschmirjackett, um seinen Hals schlang sich locker ein Seidenschal, ein Mantel in einem etwas dunkleren Grau als das Jackett hing über seinem Arm. JPP war eine Erscheinung, anders konnte man das nicht nennen. Der Empfangschef händigte ihm die Chipkarte für seine Suite aus.
»Wir kümmern uns um Ihr Gepäck, Monsieur, haben Sie sonst noch Wünsche?«
»Ja, lassen Sie mir eine Flasche vom besten Calvados aufs Zimmer bringen.«
»Wir hätten da einen dreißig Jahre alten aus dem Hause Roger Groult. Wäre Ihnen der recht?«
»Ja, gut, sehr gut.«
Nachdem JPP die Eincheck-Formalitäten erledigt hatte, näherten sich ihm zwei Damen vom Festivalkomitee. Die eine hielt eine Mappe mit Informationen zum Ablauf des Festivals in den Händen, wie sie jedem Teilnehmer bei seiner Ankunft überreicht wurde. Die andere war Madame Colbert, die für ihre Verhältnisse überschwänglich ihre Freude zum Ausdruck brachte, den berühmten Schriftsteller zu Gast zu haben.
»Wir haben eine Suite mit Meerblick für Sie ausgesucht, Monsieur Picard. Sie sollen sich bei uns wohlfühlen.«
Wenn die Organisatorinnen Anerkennung erwartet hatten für den finanziellen Kraftakt, den die Anmietung der Suite – die anderen Teilnehmer mussten sich mit Zimmern begnügen – das Komitee gekostet hatte, wurden sie enttäuscht. JPP zeigte keine Reaktion, was darauf schließen ließ, dass er die Unterbringung für selbstverständlich hielt, wie es eben einem Bestsellerautor gebührte. Madame Colbert fuhr fort, ohne sich die Enttäuschung anmerken zu lassen.
»Sicher möchten Sie sich nach der Fahrt ausruhen.«
JPP zog die prägnanten Augenbrauen ein wenig in die Höhe.
»Mesdames, ich danke für den Empfang, aber ich komme aus Paris, nicht aus Übersee. Es wäre mir lieber, wenn ich direkt mit dem Aufbau der Projektoren in dem für die Lesung vorgesehenen Saal beginnen könnte. Ist der Techniker, um den ich Sie gebeten habe, vor Ort? Und der Beamer, den ich angefordert habe?«
»Den Techniker rufen wir sofort an, er kann in zehn Minuten hier sein. Er wollte sich auch um die Projektoren kümmern.«
»Gut, dann werde ich mein Zimmer beziehen und mich dann in den Theatersaal des Casinos begeben. Mein Credo ist Perfektion, wissen Sie.«
Bei dem letzten Satz zog JPP seine Mundwinkel nach oben, sodass sein Permanentlächeln an Intensität gewann.
Eine halbe Stunde später war der erklärte Perfektionist im Theatersaal damit beschäftigt, den Aufbau der Projektoren und der Musikanlage zu überprüfen und dem Techniker Anweisungen für den Auftritt am Abend zu geben. Auf seinem Laptop hatte er das Videomaterial gespeichert, das während seiner Lesung auf Leinwände projiziert werden sollte. Der Techniker, ein älterer Herr, der normalerweise bei den Vorträgen im Tourismusbüro die Diaanlage bediente und mit den neuen Geräten nicht vertraut war, hatte Mühe, die Geräte miteinander zu verbinden. Was JPPs Unwillen hervorrief.
»Wo hat man Sie denn ausgegraben! Professionalität nenne ich etwas anderes«, brüllte er.
»Entschuldigen Sie«, stammelte der überforderte Mann, »ich …«
»Nehmen Sie Ihre Finger weg, ich mache das selbst. Und wenn Sie sich heute Abend auch nur einen Patzer erlauben, dann können Sie sich eine neue Arbeit suchen. Das garantiere ich Ihnen.«
Als JPP auf der Bühne stand, um die Lautstärke der Musik zu prüfen, ertönte von unten aus dem Zuschauerraum eine Stimme.
»Na, Jean-Paul, Probleme mit dem Personal?«
»Marc Charpentier, das hätte ich mir denken können. Ich habe gesehen, dass du auch an dieser Veranstaltung teilnimmst. Hat es bei dir endlich mal wieder zu einem Buch gereicht? Nach wie vielen Jahren? Fünf?«
JPP erwog einen dynamischen Sprung von der Bühne in den Zuschauerraum, entschied sich aber wegen der Höhe und der damit verbundenen Sturzgefahr für ein Hinabgleiten vom Bühnenrand. Marc Charpentier wartete mit seiner Antwort, bis JPP sein Manöver beendet hatte und neben ihm stand.
»Vier Jahre, Jean-Paul, nach vier Jahren ist gerade ein Roman von mir erschienen. Mit deinem Tempo kann ich nicht mithalten. Aber du scheinst meine Veröffentlichungsquote ja genau zu verfolgen. Übrigens, das ist Marie Bertaux, man hat mich in ihrem Gästehaus einquartiert.«
Erst jetzt bemerkte JPP, dass Marc Charpentier nicht allein war, aus seinem Schatten trat eine Frau hervor, brünett, schulterlange Haare, schmal, nicht mehr ganz jung, aber hübsch. Reflexhaft überlegte er, ob sich eine Investition lohnte. Noch unentschlossen, aber um nichts zu versäumen, gab er seinem Blick eine wärmere Note und seiner Stimme einen samtenen Ton.
»Bonjour, Madame, enchanté.«
Was sich hinter JPPs Stirn abspielte, dauerte kaum länger als eine Sekunde. Aber Marie spürte, dass sie taxiert wurde. Kühler als beabsichtigt, ganz entgegen ihrer Vorfreude, den bekannten Schriftsteller, dessen Romane sie schätzte, von Nahem zu sehen, fiel ihre Begrüßung aus.
»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
Ihre Zurückhaltung wiederum schien JPP nicht entgangen zu sein. Er war in der Regel mehr Enthusiasmus gewohnt, und sein Interesse erlahmte, bevor es entfacht wurde. Er wandte sich wieder dem Kollegen zu, den er um fast zwanzig Zentimeter überragte. Marc Charpentier machte sich nichts aus sportlicher Betätigung, er ließ seinen schmalen Körper in Ruhe altern.
»Du solltest ein bisschen mehr für dich tun, Marc, mehr Werbung, mehr Präsentation, einfach mehr Styling. So, wie du aussiehst, wirst du keinen Erfolg haben. Ich kann dir einen guten Coach empfehlen, der macht aus dir … na ja, zu einem Shooting-Star wird es nicht reichen, die Gelegenheit hast du verpasst. Aber er könnte dich etwas aufpeppen. Sieh mich an, alle Welt will JPP. Du musst eine Marke werden, Marc. Ha, was für ein Wortspiel: die Marke Marc.«
Für gewöhnlich ließ sich der bedächtige, zögerliche Marc Charpentier nicht aus der Ruhe bringen. Er war alles andere als ein spritziger Gesprächspartner. Aber durch JPPs Sticheleien fühlte er sich zu einer treffenden Replik herausgefordert. »Deine Romane schreibst du aber selbst, oder hast du mittlerweile einen Ghostwriter?«
Fast unmerklich versteinerte sich Picards Miene, bevor er in Lachen ausbrach.
»Nur kein Neid, Marc, nur kein Neid. Glaub mir, du brauchst einen PR-Berater, alles andere kommt von selbst.«
»Die Ideen wohl kaum.«
»Auch die. Wenn du auf den Flügeln des Erfolgs durch die Lüfte segelst, streckst du einfach die Hand aus, und schon hast du hier einen Einfall am Wickel, schnappst dir da eine prickelnde Inspiration.«
»Du bist ein Idiot, Jean-Paul, zweifellos ein erfolgreicher, aber ein Idiot.«
Marie fühlte sich bei dem Schlagabtausch der beiden Schriftsteller unbehaglich. Die Beleidigungen drohten zu eskalieren.
»Ich gehe schon mal nach draußen, Marc, und warte dort.«
Als hätte Maries Entscheidung JPPs Jagdinstinkt neu entfacht, vielleicht auch, um dem Konkurrenten zu beweisen, dass der große JPP nur mit dem Finger schnippen muss, um eine Frau erfolgreich zu erobern, rief er Marie zu:
»Nehmen Sie nachher, vor meiner Lesung, einen Aperitif mit mir, Marie? Ich möchte den schlechten Eindruck, den Sie von mir gewonnen haben müssen, wiedergutmachen. Um neunzehn Uhr in der Bar vom Royal Plage?«
Und Marie, die selbst nicht recht wusste, was sie antrieb, sagte, ohne zu überlegen: »Warum nicht! Ich werde da sein«, und verließ den Theatersaal.
Als sie vor dem Casino in der Sonne stand, bereute sie ihre spontane Zustimmung bereits, verstand nicht mehr, was da über sie gekommen war. Und als Marc Charpentier sich nach nicht allzu langer Zeit zu ihr gesellte, fühlte sie sich genötigt, eine Erklärung abzugeben.
»Eigentlich wollte ich …«
»Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. JPP ist eine ungewöhnliche, eine schillernde Persönlichkeit und zieht jeden in seinen Bann. Ich kenne keinen anderen Menschen, der so meisterhaft die Fähigkeit beherrscht, in seinem Gegenüber den Wunsch zu wecken, ihm nahezukommen, hinter die Maske zu blicken. Denn jeder glaubt, dass jenseits der Öffentlichkeitsmaske ein ganz anderer JPP zum Vorschein käme. Diese Wirkung übt er übrigens nicht nur auf Frauen aus, auch Männer fangen an, ihn verstehen zu wollen. Das gehört zu seinem mehr oder weniger bewussten Spiel. Aber machen Sie sich nur selbst ein Bild, treffen Sie ihn, sprechen Sie mit ihm.«
Marie war erst noch unentschieden, aber je mehr Marc Charpentier über JPP redete, desto stärker wurde der Reiz, ihn kennenzulernen. Was sollte ihr schon passieren. Sie innerhalb einer halben Stunde zu verführen? Das hätte selbst Casanova kaum geschafft, und das würde auch JPP nicht gelingen. Marie kicherte.
»Ja, ich werde ihn mir aus Interesse einmal ansehen.«
Marc Charpentier lächelte sanft.
»Ich hole Sie zur Lesung um kurz vor acht in der Hotelbar ab. Oder soll ich Ihnen die Karte geben, wollen wir uns im Saal treffen?«
»Nein, nein, kommen Sie nur in die Bar. Danke, Marc.«
VIER
Unkonzentriert könnte man den Zustand Leblancs nennen, in dem er seine Arbeit im Kommissariat erledigte. Eigentlich hätte der Bericht über den Unfall mit Todesfolge und anschließender Fahrerflucht, der sich letzte Woche ereignet hatte, längst fertig sein sollen. Den Fahrer hatten sie inzwischen gefasst. Aber die Sätze entglitten ihm, er wusste auf einmal nicht mehr, was er schreiben wollte. Mehrmals sah er von seinem Computer auf und starrte versonnen aus dem Fenster. Er verlor auch kein Wort mehr über die am nächsten Tag anstehende Lesung im Präsidium. Nadine warf ihm besorgte Blicke zu.
»Ist was, Chef?«
»Nein, was soll sein?«
»Haben Sie jemanden gefunden, der Sie zu der Lesung heute Abend begleitet? Oder soll ich …?«
»Nein, äh ja, ich habe jemanden. Ich will mir diesen Bestsellerautor doch mal anhören. Vor allem, was er über die Kriminalpolizei schreibt. Könnte interessant sein.«
»Aha.« Das war alles, was Nadine zum Sinneswandel ihres Chefs zu sagen hatte.
Der Tag wollte nicht enden. Sogar das Mittagessen im Restaurant Central, das sonst zu Leblancs Lieblingsbeschäftigungen gehörte, schien sich endlos hinzuziehen. Die Makrelen in Senfsahnesauce mit Salzkartoffeln, die es als Mittagsmenü gegeben hatte, hatten es nicht verdient, ohne jede Würdigung hinuntergeschlungen zu werden. Aber Leblanc schmeckte nichts. Er hörte und sah nichts. Er fieberte dem Abend entgegen und wünschte nur, dass er nicht zu einem Einsatz gerufen wurde.
Sein Wunsch wurde erhört. Bis zum Abend passierte nichts Außergewöhnliches.
Nachdem Leblanc sich zu Hause geduscht und umgezogen hatte – frisches Hemd, gelbes Einstecktuch fürs Jackett –, stieg er gegen sieben in seinen Wagen, um Liliane abzuholen. Er brauchte keine fünf Minuten bis zu ihrer Wohnung. Jetzt konnte er sich das Haus eingehender betrachten als in der Nacht. Restauriertes normannisches Fachwerk mit Giebel und Balkon, halbhohe Lage, Blick aufs Meer. Wie hieß sie eigentlich mit Nachnamen? An der Klingel fand er ein Schild mit der Aufschrift »L. Rossi«, das musste sie sein. Aber Rossi? Das klang doch italienisch. Wie das? Sie sah nicht italienisch aus, jedenfalls nicht so, wie er sich eine Italienerin vorstellte, und ihr Französisch besaß nicht den Hauch eines Akzents. Er würde sie fragen. Kaum hatte er den Klingelknopf gedrückt, wurde im ersten Stock das Fenster geöffnet, und die Erwartete rief ihm zu:
»Ich komme sofort runter.«
Leblanc musste sich eingestehen, dass er aufgeregt war, ja, sogar unsicher. Wenn er Raucher wäre, hätte er sich jetzt eine Zigarette nach der anderen angezündet. Seine Aufgeregtheit behagte ihm nicht, er wäre lieber Herr der Lage gewesen. Er hatte kaum Zeit, über seinen ungewohnten Seelenzustand nachzudenken, da erschien sie, in einem schlichten dunkelblauen Kleid, darüber ein heller Mantel. Die blonden Locken umzüngelten ungebändigt Schultern und Oberarme. Nie hatte er etwas Schöneres gesehen. Und schon wieder dieses Lächeln! Vor Glück, weil sie ihren Lieblingsschriftsteller gleich erleben würde. Er war nur der Vermittler dieses Glücks.
»Ich bin so gespannt auf JPP. Bin ich froh, dass ich dich gestern Abend getroffen habe!«
Das Du kam ihr heute schon leichter über die Lippen.
»Ich auch«, sagte Leblanc. »Ich meine, ich freue mich, dass du mich begleitest.« Er versuchte, möglichst unbefangen zu erscheinen. »Ich dachte, wir trinken noch einen Aperitif in der Casino-Bar.«
»Wenn es dir nichts ausmacht, wäre mir ein Espresso in einem Café lieber.«
»Macht mir gar nichts aus.« Das war die Wahrheit. Eigentlich konnte er dieser angesagten O2 Sofa Bar im Casino nichts abgewinnen. Wenn er mit Isabelle ausging, schleppte sie ihn immer dorthin. Die schöne Isabelle mochte die mondäne Atmosphäre. Liliane, das hatte er schon bemerkt, bevorzugte das Einfache. Nur wenn es um ihre Törtchen ging, konnte es nicht ausgefallen genug sein.
Es war noch so warm, dass sie im Café de Paris in Deauville draußen Platz nehmen konnten. Am liebsten hätte Leblanc die ihm gegenübersitzende Liliane stumm angesehen. Aber das ging nicht, er musste etwas sagen. Also fragte er sie, warum ihr Name italienisch sei.
