Falsche Austern - Catherine Simon - E-Book

Falsche Austern E-Book

Catherine Simon

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Beschreibung

Honfleur, Normandie, an einem Sonntagmorgen im September: Albert Barat, Leiter des Kunstmuseums, verlässt sein Haus, um eine kleine Segeltour entlang der Küste zu unternehmen. Er braucht dringend Ablenkung von seinen quälenden Gedanken, denn vor zwei Tagen hat er erfahren, dass das bedeutendste Gemälde seines Museums, »Stillleben mit Austern und Zitrone«, eine Fälschung ist. Außerdem fühlt er sich verfolgt. Als Barat sein Segelboot betritt, trifft ihn ein tödlicher Schuss aus dem Hinterhalt. Das Letzte, was er in seinem Leben wahrnimmt, ist der von Nebelschleiern verhangene Himmel über Honfleur. Kommissar Leblanc übernimmt den Fall, ist aber nicht ganz bei der Sache, da er unter Liebeskummer leidet. Und das hat beinahe fatale Folgen ...

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Seitenzahl: 349

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Buch

Honfleur, Normandie, an einem Sonntagmorgen im September: Albert Barat, Leiter des Kunstmuseums, verlässt sein Haus, um eine kleine Segeltour entlang der Küste zu unternehmen. Er braucht dringend Ablenkung von seinen quälenden Gedanken, denn vor zwei Tagen hat er erfahren, dass das bedeutendste Gemälde seines Museums, »Stillleben mit Austern und Zitrone«, eine Fälschung ist. Außerdem fühlt er sich verfolgt. Als Barat sein Segelboot betritt, trifft ihn ein töd­licher Schuss aus dem Hinterhalt. Das Letzte, was er in seinem Leben wahrnimmt, ist der von Nebelschleiern verhangene Himmel über Honfleur. Kommissar Leblanc übernimmt den Fall, ist aber nicht ganz bei der Sache, da er unter Liebeskummer leidet. Und das hat beinahe fatale Folgen …

Informationen zu Catherine Simon sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

CATHERINE SIMON

Falsche Austern

Der vierte Fall für Kommissar Leblanc

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Originalausgabe Februar 2018 Copyright © 2017 by Catherine Simon Copyright © dieser Ausgabe 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbHNeumarkter Str. 28, 81673 München Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagmotiv: © Gettyimages/© Dado Daniela Umschlaginnenseiten: Udo Bernhart/Huber Images Redaktion: Regina CarstensenBH · Herstellung: kw Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-19298-3V003
www.goldmann-verlag.de
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Für meine Freundin Lydie Pour mon amie Lydie

EINS

Albert Barat hatte schlecht geschlafen. Seit Tagen marterten ihn quälende Gedanken. Wie ein ständig sich abspulender Film tauchte eine Szene in Endlosschleife in seinem Kopf auf. Sobald er sich abzulenken versuchte, ergriffen die Bilder von ihm Besitz, Bilder, die er längst vergessen zu haben glaubte. Bei der Arbeit oder beim Essen mit der Familie überfielen sie ihn wie ein böses Insekt, das sich nicht abschütteln ließ und einen Giftstachel in sein Fleisch bohrte. Noch schlimmer war: Er hatte Angst, zum ersten Mal in seinem Leben hatte er furchtbare Angst und das Gefühl, verfolgt zu werden. Ich drehe noch durch, wenn das so weitergeht, dachte Barat, ich werde zu einem Psychopathen, der alle zwei Minuten kontrolliert, ob jemand hinter ihm her ist. Ich muss damit aufhören und zur Normalität zurückfinden. Aber wie? Albert Barat fühlte sich wie ein Gefangener in einer ausweglosen Situation. Was sollte er tun? An wen sich wenden?

Vorgestern hatte er seinen Freund Xavier angerufen, ihn jedoch nicht erreicht. Im Nachhinein dachte er: besser so. Als Anwalt hätte Xavier ihm geraten, juristische Schritte einzuleiten. Und das wäre keine Lösung für sein Problem und würde ihm die Angst nicht nehmen. Gestern war er nahe daran gewesen, sich Laure anzuvertrauen, hatte das Vorhaben aber wieder verworfen. Seine Frau wäre beunruhigt gewesen und hätte ihm doch nicht helfen können.

Die Leuchtziffern des Weckers zeigten sechs Uhr fünfzehn an. Es war noch dunkel, aber der durch die offenen Jalousien zu erkennende Himmel verhieß Morgendämmerung. Laure lag zusammengerollt auf der linken Seite. Ihr regelmäßiger Atem ließ darauf schließen, dass sie tief schlief. Es war Sonntag, was für Albert, Laure und die Kinder bedeutete, sie mussten nicht wie gewöhnlich um sechs Uhr dreißig aufstehen. Als Kunsthistoriker leitete Albert Barat zwei Museen, das Kunstmuseum in Le Havre und das kleinere Museum Eugène Boudin in Honfleur. Mehr Zeit verbrachte er in Le Havre, achtete aber darauf, dass das Museum in Honfleur nicht benachteiligt wurde. Normalerweise genoss Barat die Morgenstunden am Sonntag, wenn er sich noch einmal umdrehen und in einen Halbschlaf hineindämmern konnte. Heute nicht. Er schlug die Bettdecke zur Seite und setzte seine Füße auf den Dielenboden. Als er auf der Bettkante saß und sich mit den Händen durch die dichten schwarzen Haare fuhr, erwachte Laure und drehte sich zu ihm um. Er hatte die Tiefe ihres Schlafes überschätzt. Leise murmelte sie:

»Wie spät ist es?«

»Viertel nach sechs«, antwortete er, »schlaf weiter.«

»Wieso stehst du schon auf?«

»Ich geh aufs Boot.«

»Hm«, brummte sie zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, und drehte sich auf die andere Seite.

Barat erhob sich, griff sich Jeans, Pullover und Unterwäsche, die er am Abend zuvor auf einem Stuhl abgelegt hatte, verließ das Schlafzimmer und ging über den Flur ins Bad. Dort zog er sich an. Der Spiegel warf ihm ein blasses, zerfurchtes Gesicht mit dunklen Augenringen entgegen. Lange würde er seinen aufgewühlten Zustand nicht mehr verheim­lichen können, zumindest vor Laure nicht. Es kam ihm vor, als hätte sie ihn in den letzten Tagen mehrmals besorgt angesehen, aber nicht den Mut oder den richtigen Zeitpunkt gefunden, ihn nach dem Grund zu fragen.

Leise stieg Barat die Treppe hinab. Die beiden Jungen, der vierzehnjährige Édouard und der zwölfjährige Edgar, schliefen noch. Innerhalb der nächsten Stunde würden sie mit der geballten Energie von Heranwachsenden in die Küche stürmen. Vor drei Jahren, als er den Posten als Museumsleiter angenommen hatte, war die ganze Familie mit Ausnahme seines ältesten Sohns von Paris nach Honfleur gezogen. Zugleich war, ein weiterer Glücksfall, Laures Bewerbung am Gymnasium in Honfleur erfolgreich gewesen, sie unterrichtete Philosophie, französische Literatur und Kunst. Deshalb hatten sie beschlossen, nicht in Le Havre zu wohnen, sondern auf dem Land, wie Laure sagte, und sie hatten dieses Haus im Chemin du Buquet gekauft, ein wenig oberhalb der Stadt im Grünen. Es hatte ein halbes Jahr gedauert, bis es so umgebaut war, dass es ihnen gefiel, im Erdgeschoss ein großes Wohnzimmer mit offener Küche und Essbereich, im ersten Stock die Schlafzimmer, im zweiten Stock vier weitere Räume, die sie zum Arbeiten und zur Unterbringung von Gästen nutzten. Ihr ältester Sohn Julien besuchte nach dem Abitur eine Vorbereitungsklasse in Paris, um an der École Normale Supérieure, einer der angesehensten Eliteuniversitäten, studieren zu können. Sein Ziel war es, in die Fußstapfen seines Großvaters zu treten und ein bedeutender Historiker zu werden. Der siebzehnjährige Julien, der auch den Namen seines Großvaters trug, lebte in Paris im Haus von Alberts Schwester und ihrer Familie.

Die Gedanken an die Kinder ließen Barat seine bedroh­liche Lage für einen Moment vergessen. Aber als ihm bewusst wurde, was sich da in seinem Kopf verschob, zerbröselte die Konzentration auf seine Kinder, und das Dahinterliegende trat umso stärker hervor. Wieder die Panik, wieder die Angst.

Ein paar Stunden Ruhe und Ablenkung, dachte Albert, dann kann ich auch wieder klar denken und überlegen, was zu tun ist. Auf dem Meer fühle ich mich sicher.

Er würde mit seinem Segelboot rausfahren, einen kleinen Törn die Küste entlang unternehmen. Das Wetter war günstig, goldene Herbsttage, morgens leichter Nebel, den im Lauf des Vormittags ein milder Wind zerstreute, um einen strahlenden Azurhimmel freizugeben – das Hochdruckgebiet hielt schon die ganze Woche an und sollte sich, nach der Wettervorhersage, auch heute nicht ändern. Ideal zum Segeln. Schon sein Vater war ein passionierter Segler gewesen und hatte Albert als Kind regelmäßig mitgenommen. Die Ferien hatten sie auf Jachten am Mittelmeer oder an der Kanalküste verbracht. Seine Mutter hatte diese Leidenschaft nicht geteilt und es bevorzugt, am sicheren Land zu bleiben, wo sie sich die Zeit mit Bridgeturnieren vertrieb. Der Umzug nach Honfleur hatte Barat dazu verleitet, sich ein eigenes Segelboot anzuschaffen. Er musste nicht lange warten, bis ihm jemand ein gebrauchtes verkaufte, ein zwölf Meter langer Langkieler mit Motor und einer kleinen Kajüte, ausgestattet mit zwei Schlafplätzen, Küche und Minibad. Er hatte ihm den Namen seiner Frau gegeben, Laure.

Barat stellte die Kaffeemaschine an und füllte die braune Flüssigkeit aus der gläsernen Kanne in eine Thermoskanne. Neben der Spüle stand eine Plastiktüte auf dem Boden, sie enthielt die Austernschalen vom gestrigen Abendessen. Er würde sie mitnehmen und in die Mülltonne werfen.

Es war Austernzeit. Am Wochenende überschwemmten Tagestouristen die Stadt. An den Ständen am Hafen konnte man frische Austern kaufen, und auf Schildern warben die Bistros mit »Fine de claire« oder der begehrten größeren »Pied de cheval«. Im Grunde war die Regel, nach der Austern im Sommer nicht verzehrt werden sollten, längst überholt. Die genmanipulierten Schalentiere wurden nicht mehr geschlechtsreif und waren daher das ganze Jahr über genießbar. Trotzdem begann für viele Franzosen die Austernsaison im September, man hielt auf Tradition.

Barat steckte die Thermoskanne in seinen Rucksack. Auf ein Blatt Papier, das er aus der Küchenschrankschublade gezogen hatte, schrieb er: »Bin segeln, zum Mittagessen zurück. A.« Er kontrollierte, ob er Schlüsselbund und Handy dabeihatte, zog die Segel­jacke über, griff den Müllbeutel mit den Austernschalen und verließ das Haus.

Die Uhr zeigte inzwischen Viertel vor sieben, Dunkelheit und Nebelschwaden hüllten den Frühaufsteher ein. Reflexhaft blickte Barat sich um, nach rechts, nach links. Niemand zu sehen, alles still. Zu seinen Füßen lag das Städtchen Honfleur wie eine ausgestreckte schlafende Katze. Er lief die Rue Charrière Saint-Léonard hinunter, bog links in die Rue Saint-Léonard ein, dann wieder rechts, bis er zum alten Hafenbecken kam. Nicht, dass er sich in Sicherheit gewiegt hätte, aber sein Atem wurde ruhiger, als er die Segelboote und Jachten an der Mole vertäut liegen sah. Seine Laure war allerdings nicht dabei. Barat hatte einen Platz außerhalb des Hafenbeckens bekommen, an dem Wasserarm, der direkt aufs Meer führte. Ein großer Vorteil, denn die Zugbrücke, die den Innenhafen mit dem Wasserarm verband, öffnete sich nur einmal in der Stunde, um Boote hinein- oder hinauszulassen. In der Rue du Dauphin betrat er den einzigen Bäckerladen, der am Sonntag um sieben öffnete. Er atmete den warmen, süßen Duft von frischen Brioches und Croissants ein, der sich mit dem für die herbst­liche Normandie typischen Geruch von Äpfeln mischte, die hier zu Apfeltarte verarbeitet wurden. Die Verkäuferin kannte ihn, die Familie zählte zu den Stammkunden der Bäckerei.

»Bonjour, Monsieur Barat«, begrüßte sie ihn, »so früh schon unterwegs?«

»Ich mache eine Tour mit dem Boot. Geben Sie mir bitte ein Croissant.«

»Gerne.« Die Verkäuferin steckte das Gebäck in eine Tüte.

»Und legen Sie mir vier Apfeltörtchen zurück. Ich bezahle sie gleich und hole sie nachher ab. Falls meine Frau vorbeikommt, sagen Sie ihr, dass ich schon welche gekauft habe, sonst haben wir am Ende acht. Aber vermutlich würden die Jungen mit ihrem Appetit auch das schaffen.«

Die Verkäuferin lachte. »Ist gut, Monsieur Barat.«

Die Bäckerei hatte Barat ein Gefühl der Sicherheit gegeben, es war die Hoffnung in ihm aufgekeimt, seine Angst sei nur ein Hirngespinst und würde sich in Luft auflösen, er müsse nur daran glauben, und die Normalität würde sich von selbst wieder einstellen. Aber kaum stand er auf der Straße, ging es erneut los. Er drehte den Kopf zur einen und zur anderen Seite, spähte in die Lücke zwischen den Häusern. Dennoch setzte er seinen Weg fort, am äußeren Hafen entlang bis zum Kinderkarussell, wo der öffent­liche, mit üppigen Platanen bestandene Parkplatz begann. Er sah sie schon, seine Laure. Noch ein paar Schritte. Angekommen, gerettet, jetzt konnte ihm nichts mehr passieren. Er sprang auf die Bootsplanken, schloss die Kajütentür auf und ging hinab, um seinen Rucksack abzustellen. Mit Thermoskanne und Bäckertüte stieg er wieder an Deck, goss Kaffee in den Becher und biss in das Croissant. Es war fast hell, aber durch die Nebelschwaden war die Sicht eingeschränkt. In einer halben Stunde würde sich der Nebel gelichtet haben, nach dem Frühstück würde er ablegen.

Er legte den Kopf in den Nacken und richtete seinen Blick zum Himmel. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er an die großartigen Himmelsszenen der Impressionisten dachte. Besonders die von Eugène Boudin liebte er, blassblauer Grund mit Wolkenformationen, lockeren weißen Gebilden oder einer düsteren, vom Meer heranziehenden Front. Der Maler, in Honfleur geboren, wurde zu seiner Zeit »König der Himmel« genannt. Und er, Albert, stellte Boudins Bilder in seinen Museen aus. Stolz und ein gewisses Glücksgefühl überkamen ihn, wenn er daran dachte. Er führte den Becher zum Mund, um einen Schluck Kaffee zu trinken.

Die Kugel traf ihn von hinten, durchbohrte seinen Rücken und blieb im Herzen stecken. Durch die Wucht des Geschosses wurde er nach vorn geschleudert, Becher und angebissenes Croissant fielen zu Boden, seine Hand griff nach der Kajütentür, griff ins Leere, er taumelte, stürzte vornüber. Das letzte Bild, das in Albert Barats Hirnregionen zusammengesetzt wurde, nachdem seine Netzhaut die empfangenen Lichtreize an die Nervenzellen übermittelt hatte – das letzte Bild, das Barat sah, bevor der Tod eintrat, war der von Nebelschleiern verhangene normannische Himmel, der an diesem frühen Sonntagmorgen das Blau nur erahnen ließ, das er später enthüllen würde.

ZWEI

Kommissar Leblanc hätte an diesem Sonntagmorgen das Klingeln seines Handys lieber nicht gehört. Er war erst um vier im Bett gewesen und hatte, überreizt von Gesprächen und Getränken, noch mindestens eine Stunde wach gelegen, bevor er eingeschlafen war. Sein Freund Franck, Jazzmusiker aus Paris, hatte in Deauville ein Konzert gegeben. Ehrensache, dass er hinging, er sah Franck nicht mehr häufig. Nach dem Konzert hatten sie zusammengesessen und von alten Zeiten geredet. Diese gedank­liche Verjüngungsreise hatte dazu geführt, dass er mehr getrunken hatte als üblich, er war Whiskey nicht gewohnt. Warum musste es bei Musikern immer Whiskey sein? Die Freude, den Freund wiederzusehen, war, als er schließlich im Bett lag, abgelöst worden von Katzenjammer. Der Blick in die Vergangenheit – dieses »Weißt du noch, als wir …? Erinnerst du dich noch an …?« – hatte ihn wehmütig gestimmt. Wo war der Leblanc geblieben, der er vor zehn, fünfzehn Jahren gewesen war: aktiv, dynamisch, immer auf dem Sprung, zu allem bereit? Ein anderer war an seine Stelle getreten, ein behäbigerer, einer, der seine regelmäßigen Mittagessen mehr schätzte als nächt­liches Herumstreunen, der für einen festen Ankerplatz das Einlaufen in wechselnde Häfen aufzugeben bereit war. Na ja, vielleicht nicht völlig, aber überwiegend. Er hatte an Marie gedacht. Seit sie im Juni zusammen in Kamerun bei der Hochzeit seiner Mutter gewesen waren, hatte sich ihre Beziehung gefestigt. Er verbrachte mehr Zeit bei ihr und blieb auch häufiger über Nacht. In den letzten zwei Wochen, das war ihm aufgefallen, hatte sich Marie allerdings zurückgezogen. Er konnte sich nicht erklären, warum. Auf jeden Fall sollte er mal wieder bei ihr vorbeischauen. Mit dem Vorsatz war er endlich eingeschlummert.

Und jetzt dieses Geklingel, das ihn aus dem Schlaf riss. Seine Hand tastete nach dem Handy auf dem Boden vor seinem Bett. Er räusperte sich, bevor er sich meldete.

»Kommissar Leblanc, Mordkommission …« Hatte seine Stimme nicht einen knurrenden, geradezu tierischen Unterton?

Dem diensthabenden Kollegen vom Präsidium, der am Telefon war, schien diese neue Variante in der Stimme des Kommissars nicht aufzufallen, jedenfalls ließ er sich nichts anmerken.

»In Honfleur wurde eine männ­liche Leiche in einem Segelboot gefunden.«

Nichts hätte Leblanc schneller in den Zustand völliger Wachheit katapultieren können, aller Müdigkeit zum Trotz.

»Wo genau?«

»Am äußeren Hafen, auf dem Kanal, der zum Meer führt, neben dem großen Parkplatz.«

»Ich weiß, wo das ist, ich komme sofort. Ruf Bernard an, er soll mit allen verfügbaren Kollegen anrücken. Und sag auch Serge von der Rechtsmedizin Bescheid.«

»Ja, wird gemacht.«

Sollte er Nadine benachrichtigen? Sie hatte zwar noch bis zum nächsten Tag Urlaub, aber er wusste, dass sie bereits von ihrer Ferienreise auf die Insel La Réunion zurückgekehrt war. Nach drei Jahren gemeinsamer Arbeit glaubte er, seine Kollegin zu kennen. Nadine stürzte sich mit Begeisterung in jeden Fall. Manchmal erstaunte ihn ihr Eifer, immerhin hatten sie es mit Gewaltverbrechen, mit Mord und übel zugerichteten Toten zu tun. Es war nicht einfach, sich eine positive Einstellung zu bewahren, manche Kollegen wurden zynisch, manche depressiv. Aber Nadine besaß die Gabe, solche Gedanken ausblenden und sich vollkommen auf die Aufklärung des Verbrechens konzentrieren zu können. Sie dachte nicht über die Gräueltaten nach, die Menschen einander zufügten – was bei manchen sensiblen Naturen unter Kriminalisten schon zur Berufsaufgabe geführt hatte –, sondern ging an jeden Fall wie an eine Aufgabe heran, die mit bestimmten Mitteln praktisch bearbeitet und zu einer Lösung gebracht werden musste. Er war sicher, dass sie bei der Tatortbegehung dabei sein wollte, und tippte ihre Nummer ein. Sie meldete sich sofort.

»Ja, Chef?«

»Hallo Nadine, habe ich das richtig in Erinnerung, dass du gestern aus dem Urlaub zurückgekommen bist?«

»Genau, wir sind mittags in Paris gelandet, und am Abend war ich wieder zu Hause.«

»Ich weiß, du hast heute noch frei. Gerade hat mich der diensthabende Kollege angerufen. Wir haben eine Leiche in Honfleur, ich bin auf dem Weg dorthin. Willst du mit?«

»Klar, unbedingt.«

»Dann hole ich dich gleich ab.«

Fünfzehn Minuten später stieg eine gebräunte, energiegeladene Nadine in Jeans und Pullover in den Wagen, der vor ihrem Haus hielt. Durch sport­liche Aktivitäten hatte sich Nadines von Natur aus wohlgestalteter Körper der Perfektion angenähert. Leblanc sah sie anerkennend an.

»Du siehst erholt aus.«

Seine Mitarbeiterin strahlte. »Es war fantastisch auf La Réunion, wir hatten Glück mit dem Wetter. Meistens schien die Sonne, es hat nur wenig geregnet, obwohl das Klima auch außerhalb der Regenzeit heiß und feucht ist. Die Feriensiedlung lag direkt am Meer, und wir haben jeden Tag Handball gespielt. Ist schon toll, wenn man mit der Mannschaft verreist. Ums Essen brauchten wir uns nicht zu kümmern, war alles inklusive. Man ist im Indischen Ozean und trotzdem in Frankreich, ein später Vorteil der Kolonialpolitik, jedenfalls für Touristen. Ob die Leute dort das auch so sehen, bezweifle ich. Dreißig Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos, bei den Jugend­lichen liegt die Quote noch höher. Davon kriegen die Touristen aber kaum etwas mit.« Abrupt wechselte Nadine das Thema und wandte sich der Gegenwart zu. »Was ist mit der Leiche?«

»Ein Toter auf einem Segelboot, mehr weiß ich nicht.«

»Unfall oder Mord?«

»Konnte der Kollege nicht sagen. Wir werden es gleich erfahren.«

»Ich bin froh, dass ich wieder hier bin. Ferien sind schön, aber ohne Arbeit fehlt mir etwas.«

Leblanc nahm die Küstenstraße nach Honfleur und bog, als sie den äußeren Hafen erreicht hatten, nach links auf den öffent­lichen Parkplatz ab. Zwei Polizeiwagen und das rot-weiße Absperrungsband zeigten an, dass die Kollegen schon vor Ort waren. Neugierige hatten sich auf einer Seite der Absperrung versammelt. Nadine war ausgestiegen, bevor Leblanc das Auto abgestellt hatte. Als er sich dem Segelboot näherte, das am Kai lag, sah er seine Kollegin in gebeugter Haltung vor der Lamellentür stehen, die zum Untergeschoss des Boots führte.

»Chef, der Mann ist erschossen worden«, rief sie ihm zu.

Für schwankende Schiffe hatte Leblanc nicht viel übrig, aber jetzt musste er wohl oder übel seinen Fuß auf die Planken setzen. Zu seiner Erleichterung bewegte sich das Boot kaum. Nadine rückte zur Seite, damit Leblanc den Mann erkennen konnte, von dem im ersten Moment nur die Beine sichtbar waren. Der Oberkörper befand sich, kopfunter und mit dem Gesicht zum Boden gerichtet, auf einer Holztreppe, die ins Innere der Jacht führte. Dass der Mann nicht völlig hinuntergerutscht war, lag daran, dass sich ein Fuß in der Öffnung verhakt hatte. Bernard, der Leiter der Spurensicherung, den Leblanc wegen seiner Kompetenz und Zuverlässigkeit schätzte, durchsuchte die Kajüte.

»Jacques«, rief er hinauf, als er Leblanc bemerkte, »ein Schuss in den Rücken. Der Mann muss an Deck gewesen sein. Vielleicht hat er noch versucht, sich unten in Sicherheit zu bringen, dabei ist er mit einem Fuß hängen geblieben. Serge ist noch nicht da, bevor er ihn untersucht hat, können wir nichts machen. Ihr bleibt am besten oben, es ist ziemlich eng hier. Fotos vom Toten habe ich schon gemacht.«

»Gibt es Hinweise auf seine Identität?«

»Ja, hier ist ein Rucksack. Nach dem Dokument in seinem Portemonnaie handelt es sich um Doktor Albert Barat, geboren am 7. Mai 1972, wohnhaft in Honfleur.«

»Ein Arzt?«

»Ich glaube nicht. Er hat einen Mitarbeiterausweis vom Kunstmuseum in Le Havre dabei.«

»Noch irgendetwas Auffälliges in der Kabine?«, fragte Leblanc.

»Eigentlich heißt das Kajüte, Chef«, korrigierte Nadine, »nur auf Kreuzfahrtschiffen sagt man Kabine.«

Bernard grinste. »Auf den ersten Blick nichts. Aber wir werden das später genauer untersuchen, wenn Serge den Toten mitgenommen hat.«

»Wer hat ihn gefunden?«, wollte Leblanc wissen.

»Ein Spaziergänger, der seinen Hund ausgeführt hat. Boris nimmt gerade seine Aussage auf. Soweit ich weiß, hat er das Boot nicht betreten. Du kannst selbst mit ihm sprechen.«

»Das mache ich«, rief er Bernard zu und wandte sich dann an Nadine: »Frag du indessen die Leute, die hier herumstehen, ob es Zeugen gibt. Hat jemand einen Schuss gehört? Jedes Auto, das weggefahren ist, könnte von Bedeutung sein, jede Person, die sich auf dem Parkplatz aufgehalten hat.«

Der allem Schwankenden misstrauende Leblanc nutzte die Gelegenheit, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.

»Was für ein Sonntagmorgen! Haben die Leute nichts Besseres zu tun, als sich umzubringen?«, ertönte die Stimme des Rechtsmediziners. Serge, Anfang vierzig, durchtrainiert, neuerdings mit geschorenem Schädel, begeisterter Segler, näherte sich dem Boot. »Schönes Teil, die Jacht, würde mir gefallen.«

Leblanc arbeitete gern mit dem stets gut gelaunten Kollegen zu­­sam­men. »Bonjour, Serge, der Tote gehört dir, er liegt auf der Treppe im Boot.«

Der Mann, der die Leiche gefunden hatte, war ein Schreinermeister aus Honfleur, klein, gedrungen, in knielanger, ausgebeulter Hose und Sportschuhen, an der Leine ein stämmiger, hellbrauner Bullterrier, der sich auf dem Boden ausgestreckt hatte und hechelte. Mit der freien Hand gestikulierte der Mann in der Luft und redete auf den vor ihm stehenden Polizisten ein, als würde er ihm einen Vortrag halten.

»Ich bin Kommissar Leblanc von der Mordkommission«, stellte sich Leblanc vor. »Sie haben den Toten auf dem Boot entdeckt?«

»Ja, ich habe wie gewöhnlich den Hund ausgeführt. Sonntags drehen wir eine größere Runde, am Kanal entlang, bis zu dem kleinen Park dahinten. Als ich an dem Boot vorbeikam, sah ich den Mann auf der Treppe, das heißt, ich sah eigentlich nur den Fuß. Ich habe gerufen: ›Hallo Sie, was ist mit Ihnen?‹, er hat nicht geantwortet. Das kam mir merkwürdig vor, ich dachte, da stimmt etwas nicht.«

»Haben Sie das Boot betreten, um nach dem Mann zu sehen?«

»Nein, ich … äh … ich wollte keine Spuren verwischen, ich habe mit meinem Handy gleich die Polizei angerufen.«

Der Vorwand ist ihm gerade noch rechtzeitig eingefallen, dachte Leblanc. Wahrscheinlich hat er vermeiden wollen, einem Verletzten oder gar Sterbenden zur Seite zu stehen.

»Der Mann auf dem Boot hätte noch leben können«, wandte er ein.

»Ich habe genau gesehen, dass er tot war, er bewegte sich nicht mehr. Und die Polizei war auch innerhalb von zehn Minuten da. Gute Leute«, sagte der Mann anerkennend und nickte Boris freundlich zu, »da fühlt man sich als Bürger sicher. Ist heutzutage nicht selbstverständlich bei dem, was alles hier so rumläuft.«

Um weitere Ausführungen über das, »was hier so rumläuft«, zu vermeiden, stoppte Leblanc den Redefluss des Mannes.

»Ist Ihnen vorher jemand aufgefallen? Haben Sie eine Person weggehen oder wegfahren sehen?«

»Ich weiß nicht, kann sein, ich habe nicht darauf geachtet. Es standen ein paar Autos auf dem Parkplatz, die können aber schon die Nacht über da gewesen sein. Herr Kommissar, ich bin keiner, der andere beobachtet. Aber mit den ganzen Flüchtlingen und Illegalen, die sich hier herumtreiben, muss man sich Sorgen machen. In Amerika hat jeder Staatsbürger das Recht, eine Waffe zu besitzen, um sich zu wehren, wenn er angegriffen wird. In Frankreich ist das Waffenrecht viel zu sehr eingeschränkt. Es sollte wieder liberalisiert werden. Gewalt, Terror, Angriffe auf unser Land. Von wem? Von Leuten, die unsere Gastfreundschaft nicht zu schätzen wissen. Die Regierung muss Maßnahmen ergreifen, um die Franzosen besser zu schützen. Der amerikanische Präsident hat gesagt ›Amerika den Amerikanern‹, wir müssen sagen ›Frankreich den Franzosen‹. Freie Waffen für die Bevölkerung, und natürlich müsste die Polizei verstärkt werden. Wir brauchen viel mehr gute Polizisten wie diesen Monsieur hier.« Er deutete auf Boris.

Leblanc hatte genug. Er ignorierte den nationalistischen Waffenfreund und wandte sich an Boris: »Haben wir seine Adresse? Falls noch Fragen auftauchen?«

Bevor der Polizist antworten konnte, hob der Mann noch einmal an: »Ich habe meine Adresse ordnungsgemäß angegeben. Ich stehe Ihnen zur Verfügung.« Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn er salutiert und die Hacken zusammengeschlagen hätte. »Es handelt sich doch um ein Gewaltverbrechen, nicht? Sonst wären Sie nicht hier …«, schickte er hinterher.

»Wir werden prüfen, ob unterlassene Hilfeleistung vorliegt«, rief Leblanc, schon abgewandt, dem Zurückbleibenden zu. Sicher würde er sich bei Boris über die ungerechte Behandlung beklagen.

Leblanc atmete tief aus, als er zum Segelboot zurückkehrte. In letzter Zeit begegneten ihm öfter solche Law-and-Order-Anhänger, die ihre rechtspopulistische Meinung lauthals herausposaunten. Nachdem Marine Le Pen es bis in die Stichwahl um die letzte Präsidentschaft geschafft hatte, witterten sie Morgenluft. Deprimierender war noch, dass, wie er gelesen hatte, jeder zweite Polizist den Front National gewählt hatte.

»Gibt es Zeugenaussagen?«, fragte er Nadine.

»Nichts Brauchbares. Einer hat eine Frau in einem dunkelblauen Range Rover wegfahren sehen. Aber er war nicht einmal sicher, ob sie hier geparkt hatte. Einen Schuss hat keiner gehört. Die meisten sind aus Neugier gekommen, als sie die Polizei gesehen haben.« Nadine sprang wieder aufs Boot, während Leblanc am Kai stehen blieb. Der kahle Kopf des Rechtsmediziners tauchte in der Kajütenöffnung auf.

»Wir nehmen ihn mit. Erste Ergebnisse der Obduktion hast du heute Nachmittag. Komm mal her, ich will dir etwas zeigen.«

Leblanc betrat die Bootsplanken. Serge drehte ihn so herum, dass er vor der offenen Kajütentür schräg mit dem Rücken zum Kai stand. Der Rechtsmediziner bohrte ihm einen Finger in die linke Seite des Rückens unterhalb des Schulterblatts.

»Da ist das Geschoss eingetreten. So muss der Mann gestanden haben, um nach dem Schuss in die Position zu gelangen, in der er sich jetzt befindet. Das heißt, wenn wir diesen Winkel annehmen, hat sich der Schütze dort hinter dem Baum befunden oder direkt daneben, in einer Entfernung von etwa zehn Metern. Er hat nur einen gezielten Schuss abgegeben. Da hat keiner wahllos im Affekt rumgeballert, der Mörder verstand sein Handwerk. Das heißt wiederum, ihr könnt von einem Täter ausgehen, der im Schießen geübt war, ein Jäger, ein Sportschütze, ein Profikiller, was weiß ich.«

»Der hier seinem Opfer aufgelauert hat? Das heißt, er muss von dessen Vorhaben, segeln zu gehen, gewusst haben.«

»Wie auch immer. Mehr kann ich euch im Moment nicht sagen.« Der Rechtsmediziner winkte zwei Kollegen herbei, die einen Sarg brachten.

»Bernard«, wandte sich Leblanc an den Leiter der Spurensicherung, »untersucht die Umgebung von dem Baum da«, er wies auf die Platane am Rand des Parkplatzes, die Serge ihm gezeigt hatte, »prüft nach, ob ihr in den Büschen und Sträuchern irgendwelche Fasern findet und ob es auf dem Boden Fußabdrücke gibt oder Reifenspuren von einem Auto, das in der Nähe geparkt hat. Nadine, kannst du die Adresse von dem Toten herauskriegen?«

»Schon geschehen, Chef. Chemin du Buquet 31.«

DREI

Laure Barat hatte das herr­liche Herbstwetter genutzt, um im Garten die Rosen zu schneiden und die Beete umzugraben. Die zier­liche Frau konnte Kräfte entwickeln, die man ihr nicht zugetraut hätte. Auf Reisen war Albert immer erstaunt gewesen über ihre Kondition, die sie bei Wanderungen oder anstrengenden Touren an den Tag gelegt hatte. Die beiden Jungen, die ihr eigentlich hätten helfen sollen, fanden Gartenarbeit langweilig und schossen stattdessen mit dem Fußball auf ein imaginiertes Tor, dessen Abgrenzungen sie mit zwei Stöcken markiert hatten. Es wurde Zeit, dass sie hineinging, um das Mittagessen vorzubereiten.

Laure Barat zog ihren erdverschmutzten Overall aus, schlüpfte in Jeans und weiße Bluse und band die röt­lichen, glatten Haare locker am Hinterkopf zusammen. Während sie in der Küche das Gemüse putzte, dachte sie an Albert, der ihr in den letzten Tagen bedrückt vorgekommen war. Bei seiner Rückkehr würde sie ihn fragen, ob es im Museum Probleme gäbe. Das war das Einzige, was sie sich vorstellen konnte. Sie führten eine glück­liche Ehe, und Laure war überzeugt, dass Albert, würde er gefragt, nichts anderes behaupten würde. Mit ihrer Philosophie, nicht alles wissen zu wollen, Albert die größtmög­liche Freiheit zu lassen und einfach Vertrauen zu haben, war sie gut gefahren. Die Kinder – ja, klar, mit drei Jungen, zwei davon gerade in der Pubertät, war es nicht immer einfach, sie hatten ihren eigenen Kopf, und täglich musste aufs Neue ausgehandelt werden, was erlaubt war und was nicht. Aber wirk­liche Sorgen machten ihnen die Kinder nicht, und sie hatten keine finanziellen Schwierigkeiten. Was also sollte Albert belasten? Dass sie diejenige war, die darauf gedrungen hatte, nach Honfleur zu ziehen und dieses Haus zu kaufen, während er lieber in einer größeren Stadt gelebt hätte, wenn schon nicht in Paris, dann wenigstens in Le Havre, war längst kein Thema mehr. Mittlerweile schätzte auch er die Vorzüge des Landlebens. Sie holte den Salat aus dem Kühlschrank und wusch ihn in der Spüle. Es klingelte an der Tür. Der Schussel, dachte sie, hat wieder seinen Schlüssel vergessen. Sie riss die Tür auf, lächelnd, in Erwartung ihres Mannes. Aber es war nicht Albert. Vor ihr standen zwei Menschen, die sie nicht kannte.

»Ach, ich glaubte, es sei mein Mann. Entschuldigen Sie, guten Tag«, begrüßte Laure die beiden.

Leblanc graute es vor der Aufgabe, die ihm jetzt bevorstand. Er nahm einen Anlauf und stellte sich vor. »Ich bin Kommissar Leblanc von der Kriminalpolizei in Deauville, das ist meine Kollegin Liard. Sie sind Madame Barat?«

»Ja. Wollen Sie zu meinem Mann? Er ist noch beim Segeln, wir erwarten ihn aber bald zurück. Kommen Sie doch herein.«

Bei manchen Menschen erzeugte die Erwähnung des Wortes »Kriminalpolizei« Misstrauen und Ablehnung, aber Laure Barat argwöhnte nichts. Als seien die zwei Besucher Freunde ihres Mannes, führte sie Leblanc und Nadine in ein geräumiges Wohnzimmer, dessen Wände von Regalen mit großformatigen Büchern gesäumt waren. Beigefarbene Sitzmöbel gruppierten sich um einen Kamin herum, auf der anderen Seite, in der Nähe der Küche, befand sich ein großer Esstisch.

Leblanc räusperte sich. »Madame Barat, wir müssen Ihnen leider eine schreck­liche Nachricht überbringen. Ihr Mann ist auf seinem Segelboot erschossen worden.«

Noch nie hatte Leblanc einen Menschen sich so schlagartig verändern sehen. Laure Barats Augen trübten sich ein, das Lächeln erstarb, und ihre natür­liche Hautfarbe verwandelte sich in ein kreidiges Weiß. Nadine bekam den schmalen Körper gerade noch zu fassen, bevor er in sich zusammensackte.

»Chef, helfen Sie mal, wir legen sie auf das Sofa.«

Nachdem Nadine ihr einen Schluck Wasser eingeflößt hatte, kam Laure Barat wieder zu sich. Ernst sagte sie: »Sie treiben keinen bösen Scherz mit mir?«

»Nein. Es tut mir aufrichtig leid, dass wir Sie vom Tod Ihres Mannes unterrichten müssen.«

Die Frau richtete sich auf. »Aber wieso? Ich verstehe das nicht. Wer sollte ihn denn umbringen? Mein Mann ist der friedfertigste Mensch, den man sich vorstellen kann.« Sie begann zu zittern, ihr Körper wurde geschüttelt wie von einem Krampf.

»Ich rufe den Notarzt.« Während Nadine telefonierte, redete Leblanc beruhigend auf die Erschütterte ein.

Zehn Minuten später traf der Arzt ein, und erst als er Laure Barat eine Beruhigungsspritze gegeben hatte, hörte das Zittern auf. Nadine hatte inzwischen die beiden Jungen, die aus dem Garten ins Haus gekommen waren, nach oben in ihre Zimmer gebracht und sie gebeten, dort zu warten.

»Sie sollten nicht allein bleiben«, sagte Leblanc zu der wieder an­­sprechbaren Laure Barat. »Möchten Sie jemanden anrufen, oder sollen wir das tun?«

»Meine Schwägerin in Paris, ich werde sie benachrichtigen.«

»Wir müssen Ihnen einige Fragen stellen, was Ihren Mann betrifft. Wenn Sie sich jetzt zu schwach fühlen, kommen wir morgen wieder. Aber wir brauchen die Informationen, denn bei der Fahndung nach dem Mörder Ihres Mannes zählt jeder Tag.«

»Fragen Sie, ich versuche es.«

»Wo hat Ihr Mann gearbeitet?«

»Er ist Kunsthistoriker und leitet das Museum in Le Havre und das hier in Honfleur.« Laure Barat verweigerte sich der Vergangenheitsform, sie gab ihren Mann noch nicht an den Tod verloren.

»Hatte er Probleme? Gab es irgendwelche Menschen, mit denen er Streit hatte, die ihm etwas neideten?«

»Nein, gar nicht. Er ist überall beliebt. Glauben Sie mir, er ist immer für Frieden und Menschlichkeit eingetreten, ich kenne niemanden, der versöhn­licher und hilfsbereiter wäre als er. Das Einzige …«

»Ja?«, fragten Leblanc und Nadine gleichzeitig.

»Ach, ich weiß nicht, nur ein Gefühl. Er wirkte in den letzten Tagen irgendwie bedrückt. Gesagt hat er nichts, und ich habe auch nicht nachgeforscht. Hätte ich ihn doch gefragt!« Tränen traten in ihre Augen.

»Wer wusste, dass Ihr Mann heute segeln gehen wollte?«

»Niemand. Also, ich meine, ich wusste es, aber er hat es mir erst am Morgen gesagt, als er aufgestanden ist. Er war früh auf, ich glaube, er hat sich spontan entschieden.«

Nadine schaltete sich ein. »Hatte Ihr Mann eine Waffe? War er Jäger, oder kannte er Leute, die jagen? Oder war er Mitglied in einem Sportschützenverein?«

»Nein, nein, das hätte seinem Charakter widersprochen, er hätte niemals Tiere getötet oder zum Spaß mit einer Waffe hantiert.« Laure Barat fielen vor Müdigkeit beinahe die Augen zu, die Spritze wirkte. »Bitte holen Sie meine Kinder, ich muss ihnen sagen, was ihrem Vater passiert ist. Und, Herr Kommissar, ich will ihn sehen. Wann kann ich ihn sehen?«

»Morgen, Ihr Mann befindet sich in der Rechtsmedizin. Hat Ihr Mann ein Arbeitszimmer? Wir würden uns gern dort umsehen.«

»Im zweiten Stock, die erste Tür rechts.«

Nadine schickte die beiden verstörten Jungen, die ahnten, dass etwas Furchtbares passiert war, zu ihrer Mutter hinunter.

Das Arbeitszimmer machte einen aufgeräumten Eindruck, auf dem Schreibtisch ein Laptop, in den Regalen Ordner mit ausgedruckten Aufsätzen oder Vorträgen, Bücher. In der Schublade Kontoauszüge, Steuererklärungen, ein Album mit Familien- und Reisefotos. Leblanc nahm den Laptop und ein Notizbuch mit handschrift­lichen Eintragungen mit.

Auf der Rückfahrt nach Deauville schwiegen Leblanc und Nadine lange. Nadine begann als Erste zu reden.

»Die Frau war wirklich erschüttert, das war nicht gespielt. Vielleicht hat der Mann ein Doppelleben geführt, und sie wusste nichts davon, oder er war in kriminelle Machenschaften verwickelt. Fakt ist, dass ihn jemand so sehr hasste, dass er ihn aus dem Weg geräumt hat. Und dafür muss es einen Grund gegeben haben.«

»Von einem Museumsleiter erwartet man nicht unbedingt, dass er kriminelle Handlungen begeht. Aber wie wir wissen …«

»… kann jeder unter bestimmten Umständen kriminell werden«, ergänzte Nadine.

»Genau. Wir dürfen nichts ausschließen.«

Als sie Trouville erreichten, war es schon fast zwei Uhr. Leblanc hatte noch nichts gegessen. Sein Magen knurrte unüberhörbar.

»Wenn Sie im Central etwas essen wollen, setze ich Sie dort ab und nehme den Wagen mit zum Präsidium.«

»Nein, sonntags bieten sie kein Mittagsmenü an, außerdem ist es mir am Wochenende zu voll. Hast du auch Hunger? Ich halte bei der Fischhalle, und du holst uns zwei Portionen Fish and Chips. Das ist zwar Fastfood, aber gar nicht so übel. Okay?«

Mit zwei Papptellern betraten sie das gemeinsame Büro im ersten Stock des Polizeipräsidiums, das bald den Geruch von Fisch und Bratöl annahm. Nach dem Essen rief Leblanc den Untersuchungsrichter in Caen, Monsieur Bertrand, an, um seine Informationspflicht zu erfüllen. Bisher konnte er sich über die Zusammenarbeit nicht beklagen, Monsieur Bertrand lobte ständig Leblancs Ermittlungsgeschick und vertraute ihm völlig. Aber statt ihm wie üblich freie Hand zu lassen, setzte der Untersuchungsrichter ihn von einer Entscheidung in Kenntnis, die seine Eigenständigkeit erheblich einschränken würde.

»Kommissar Leblanc«, begann Monsieur Bertrand mit offiziell klingender Stimme, »ich teile Ihnen gewissermaßen vorab einen Beschluss der Polizeidirektion und des Innenministeriums mit, der Ihnen auch noch schriftlich von der entsprechenden Dienststelle zukommen wird. Demgemäß soll die Zusammenarbeit von Kommissariaten gefördert werden und schließlich in eine Zusammenlegung von kleineren Präsidien münden. Es ist gewissermaßen ein Pilotprojekt. Da ich als Untersuchungsrichter die strafrecht­lichen Ermittlungsverfahren leite, bin ich kraft meines Amtes befugt zu entscheiden, ob ein für dieses Projekt geeigneter Fall vorliegt. Mir scheint dieser Mordfall in besonderem Maße passend, dass Sie, Kommissar Leblanc, mit Ihrem Kollegen in Le Havre gemeinsam an dieser Sache arbeiten und sie so schnell wie möglich zum Abschluss bringen. Der Leichenfundort liegt in Ihrem Revier, während sich die Arbeitsstelle des Toten, wie Sie mir gerade berichteten, in Le Havre befindet.«

»Aber der Ermordete hat auch das Museum in Honfleur geleitet.« Leblanc versuchte es mit einem Einwand, der sogleich abgeschmettert wurde.

»Damit liefern Sie ein weiteres Argument für eine Zusammenarbeit. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie gleichberechtigt kooperieren, dasselbe werde ich auch Kommissar Pennec in Le Havre auferlegen. Ich bin sicher, Sie werden diese zukunftsweisende Maßnahme nach Kräften unterstützen. Leblanc, Sie sind mein bester Ermittler, Ihre Aufklärungsquote kann sich sehen lassen. Es ist mir wichtig, dass wir einen Erfolg vorweisen. Damit würden wir in diesem Projekt die Vorreiterrolle übernehmen und das unberechtigte Vorurteil, wir in der Normandie seien die Schlafmützen der Nation, endgültig vom Tisch wischen.«

Das zweite »Aber« wurde nicht mehr gehört, der Untersuchungsrichter hatte aufgelegt. Leblanc hatte so etwas wie »Viele Köche verderben den Brei« sagen wollen, wusste aber, dass an einer Direktive von oben nicht zu rütteln war. Er kannte den Kollegen Pennec nicht, und er hatte noch nie etwas gegen Kooperation gehabt, aber diese Entwicklung gefiel ihm nicht. Er witterte hinter dieser großartig angekündigten Zusammenlegung eine Sparmaßnahme, die letztlich zu Schließungen von Kommissariaten auf Kosten der Mitarbeiter führen würde.

Nadine, der er seine Befürchtungen mitteilte, versuchte, ihn zu beruhigen. »Erst mal abwarten, vielleicht ist das keine schlechte Idee und der Kollege in Le Havre kann uns behilflich sein.«

»Es bleibt uns nichts anderes übrig. Ich gehe runter zur Spurensicherung und bringe Bernard Barats Laptop. Du könntest in unserer Datei und im Netz nach Informationen über den Kunsthistoriker suchen, und sieh dir mal sein Notizbuch an.«

Nach einer halben Stunde kehrte Leblanc mit ersten Untersuchungsergebnissen ins Büro zurück.

»Sie haben die Patronenhülse im Gebüsch gefunden, präzise an dem Ort, den Serge gekennzeichnet hat, eine 9 mm Luger.«

»Eine Allerweltspatrone. Unsere gesamte Polizei verwendet die 9 mm.«

»Genau, und die Polizei der meisten anderen europäischen Länder auch und das Militär und Sportschützen und Jäger.«

»Wenn man mal Polizei und Militär ausschließt, bleiben Sportschützen und Jäger. Der Mörder müsste demnach einen Waffenschein haben«, meinte Nadine.

»Oder er hat sich illegal eine Waffe besorgt. Das alles hilft nicht weiter. Wir können lediglich davon ausgehen, dass der Mörder ein ausgebildeter Schütze war, wie Serge schon gesagt hat. Übrigens gibt es Fußabdrücke vom Tatort, die werden noch ausgewertet.«

Nadine hatte inzwischen im Internet über Albert Barat recherchiert. »Er hat sogar einen Eintrag bei Wikipedia«, teilte sie Leblanc mit. »Albert Barat, bedeutender Kunsthistoriker, Spezialist auf dem Gebiet des Impressionismus, hat seine Promotion über die orientalischen Einflüsse auf impressionistische Maler geschrieben und massenhaft Bücher zu dem Thema verfasst. Sein Vater, Lucien Barat, war ein berühmter Historiker, er ist vor zwei Jahren gestorben. Jedenfalls ist dieser Albert Barat kein Unbekannter.«

Das Telefon klingelte. Leblanc hielt den Hörer ans Ohr und entfernte ihn sofort wieder, denn eine dröhnende Stimme marterte sein Trommelfell.

»Hier ist Kommissar Pennec aus Le Havre.«

Leblanc schaltete den Lautsprecher ein, damit Nadine mithören konnte.

»Ich habe gerade die Weisung bekommen, den Mordfall Barat zu bearbeiten.«

»Halt mal, langsam«, unterbrach ihn Leblanc. »Der Mordfall Barat fällt immer noch in mein Revier. Ich wurde gebeten, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, weil der Tote in Le Havre tätig war. In dieser Hinsicht ist mir Ihre Hilfe willkommen.«

»Hilfe?«, brüllte die Stimme. »Es geht nicht um Hilfe. Wir sind Teil eines vom Innenministerium anberaumten Projekts zur Umgestaltung der Polizei und zur Zusammenlegung von Kommissariaten. Wie Sie sicher wissen, ist unser Präsidium in Le Havre bei Weitem größer und bedeutender als Ihre Dienststelle in Deauville. Wenn also hier irgendjemand die Federführung übernehmen sollte, wären wir es. Aber ich bestehe lediglich auf einer Zusammenarbeit, wie von der Polizeidirektion angeordnet. Ich erwarte, dass Sie mir sofort Ihre Untersuchungsergebnisse zur Verfügung stellen. Sie haben bereits mit den Angehörigen gesprochen, ich brauche ein Protokoll davon, und wir werden unverzüglich die Arbeitskollegen von Barat vernehmen.«

Wut stieg in Leblanc auf, sein Ton wurde scharf. »Sie werden gar nichts tun in meiner Abwesenheit und vor allem nichts, was nicht vorher mit mir abgesprochen ist.«

»Verstehen Sie das unter Gleichberechtigung? Die Polizeidirektion wird begeistert sein von Ihrer Bereitschaft zur Kooperation.«

Die Sache schaukelte sich hoch und drohte zu eskalieren. Nadine hob die Arme und machte eine beschwichtigende Geste in Richtung Leblanc. So würde das nichts werden mit der Zusammenarbeit.

»Gut«, sagte Leblanc und zwang sich zur Ruhe, »Sie bekommen unsere Ergebnisse gemailt. Die Arbeitskollegen von Barat befragen wir gemeinsam, wenn Sie einverstanden sind. Wir nehmen uns zuerst das Museum in Le Havre vor, um das in Honfleur kümmern wir uns später. Können Sie es übernehmen, alle Mitarbeiter für morgen Vormittag zu einer Versammlung einzuberufen, alle heißt auch das Aufsichtspersonal, die Leute an der Kasse und, falls es das gibt, den Sicherheitsdienst?«

»Chef, das Museum ist morgen geschlossen«, rief ihm Nadine zu.

»Ich höre gerade, das Museum ist morgen für Besucher geschlossen, umso besser. Sie müssten sich heute noch eine Liste aller Mitarbeiter geben lassen, die Leute über den Anlass informieren und ihnen mitteilen, dass sie morgen, sagen wir um zehn Uhr, im Museum erscheinen sollen. Können Sie das machen? Wir besprechen dann auch die weitere Zusammenarbeit.«

Leblanc fand sich äußerst diplomatisch. Er hatte dem Kollegen eine Aufgabe zugeteilt und dessen Aktivitätsdrang in Bahnen gelenkt. Dazu kam, dass der eine größere Anzahl von Personal zur Verfügung hatte, was für eine solche Tätigkeit durchaus von Vorteil war. Tatsächlich zeigte sich Pennec weniger auftrumpfend.

»Sicher kann ich das, alle Mitarbeiter, kein Problem. Außerdem werde ich nach Honfleur fahren und mir den Tatort selbst ansehen.«

»Tun Sie das, das Gelände ist noch abgesperrt. Die Bootstür ist versiegelt, kleben Sie das Siegel wieder drauf, wenn Sie fertig sind. Wir mailen Ihnen die Fotos vom Tatort und von der Leiche und die ersten Untersuchungsergebnisse. Bis morgen zehn Uhr.«

»Luc prescht manchmal ein bisschen vor, aber er ist eigentlich sehr nett«, sagte Nadine.

Erstauntes Nachfragen: »Du kennst ihn?«

»Ich war mit ihm auf der Polizeischule, habe ihn aber aus den Augen verloren. Er muss schnell aufgestiegen sein, wenn er schon Kommissar ist. In Karate war er unschlagbar, außerdem sieht er ziemlich gut aus.«

Leblanc runzelte die Stirn und bemerkte nur trocken: »Aha.«

Mit einem leichten Vibrieren der Stimme fuhr Nadine fort: »Ja, ich freue mich, ihn wiederzusehen.«