Kalter Hummer (Leblanc 5) - Catherine Simon - E-Book

Kalter Hummer (Leblanc 5) E-Book

Catherine Simon

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Beschreibung

Kommissar Leblanc, mittlerweile zum Sonderermittler ernannt, wird vom Pariser Polizeipräfekten in geheimer Mission auf die Kanalinsel Guernsey geschickt. Henri Chabot, ein französischer Reeder mit Wohnsitz in der Steueroase, erhält anonyme Drohbriefe, und Leblanc soll diskret ermitteln. Chabot nimmt die Drohungen nicht ernst, seine Frau Lucile dagegen ist beunruhigt. Leblancs Ermittlungen geraten ins Stocken, dann aber überschlagen sich die Ereignisse. Leblanc verschwindet spurlos, und am Abend steht die Polizei vor Luciles Tür und teilt ihr mit, dass die Leiche ihres Mannes gefunden wurde ...

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Buch

Kommissar Leblanc, mittlerweile zum Sonderermittler ernannt, wird vom Pariser Polizeipräfekten in geheimer Mission auf die Kanalinsel Guernsey geschickt. Henri Chabot, ein französischer Reeder mit Wohnsitz in der Steueroase, erhält anonyme Drohbriefe, und Leblanc soll diskret ermitteln. Chabot nimmt die Drohungen nicht ernst, seine Frau Lucile dagegen ist beunruhigt. Leblancs Ermittlungen geraten ins Stocken, dann aber überschlagen sich die Ereignisse. Leblanc verschwindet spurlos, und am Abend steht die Polizei vor Luciles Tür und teilt ihr mit, dass die Leiche ihres Mannes gefunden wurde …

Informationen zu Catherine Simon sowie zu weiteren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Catherine Simon

Kalter Hummer

Ein Fall für Kommissar Leblanc

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Originalausgabe April 2020Copyright © 2019 by Catherine SimonCopyright © dieser Ausgabe 2020 byWilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 MünchenGestaltung des Umschlags und der Umschlaginnenseiten: UNO Werbeagentur MünchenCopyright © des Umschlags und der Umschlaginnenseiten: Reinhard Schmid/HUBERIMAGES, FinePic®, MünchenRedaktion: Regina CarstensenBH • Herstellung: kwSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH; MünchenISBN: 978-3-641-23611-3V001www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

EINS

Warte nicht auf mich, ich esse heute Abend mit einem Kunden. Lass dir von Mary etwas zubereiten.«

Henri Chabot streifte nach einem prüfenden Blick in den Spiegel sein hellgraues Leinenjackett über und schritt durch den breiten, sonnendurchfluteten Flur auf die Haustür zu. Er gefiel sich. Blaue Hose, weißes Hemd ohne Krawatte, die Hemdöffnung ließ gebräunte Haut erkennen. Die Worte waren an seine Frau Lucile gerichtet, die ihm stumm hinterherstarrte. Wie die Verkörperung eines unausgesprochenen Vorwurfs stand sie unbeweglich am Treppenabsatz.

Chabot fühlte, wie sich Gereiztheit in ihm ausbreitete. Das ständig missmutige Gesicht seiner Frau ging ihm seit geraumer Zeit gehörig auf die Nerven. Schon in Saint-Malo hatte sie diese Leidensmiene aufgesetzt, als würde das Elend der ganzen Welt auf ihren Schultern lasten, und, schlimmer noch, als sei er schuld an dem Elend. Und seit sie hier auf Guernsey lebten, seit zwei Jahren, zeigte sie ihm täglich auf die eine oder andere Weise, dass sie mit seiner Entscheidung, den Wohnort zu wechseln, nicht einverstanden war. Was wollte sie eigentlich? Sie könnte den ganzen Tag Golf spielen, segeln oder am Meer liegen. Das Haus besaß einen Pool und einen privaten Zugang zu einer der schönsten Buchten der Insel. Vom Wohnzimmer aus hatten sie einen Blick aufs Meer fast bis nach Jersey. Dass der Immobilienmakler so ein Schmuckstück von Haus in allerbester Lage überhaupt aufgetan hatte, grenzte an ein Wunder. Dafür hatte er die stolze Summe von knapp zwei Millionen Pfund auf den Tisch gelegt. Seine Segelyacht ankerte im Hafen von St. Peter Port, seine Frau brauchte nur den Skipper anzurufen und könnte jederzeit zu einem Törn aufbrechen. Was also wollte Lucile?

Er kannte Frauen, die dankbarer gewesen wären für eine derart komfortable Lebenssituation. Lucile aber trug ihre Enttäuschung vor sich her wie eine Standarte. Was warf sie ihm eigentlich vor? Sie brauchte nicht zu arbeiten, Geld spielte keine Rolle. Er war alles andere als geizig. Seinetwegen könnte sie sich mit Yoga oder anderem Esoterikkram beschäftigen, das wäre ihm egal. Sie sollte nur aufhören, wie ein stummer Vorwurf dazustehen.

»Was ist das eigentlich für ein merkwürdiger Zettel?« Lucile hielt das Papier hoch, das Henri aus der Jackettasche gefallen war, als er den Autoschlüssel hervorgeholt hatte. Sie hatte es aufgehoben und gelesen.

»Das ist widerwärtiger Dreck und gehört in den Papierkorb«, erwiderte Chabot ärgerlich. Wie hatte ihm nur dieses Missgeschick unterlaufen können! Hastig machte er kehrt und ging zum Treppenabsatz zurück, wo Lucile immer noch wie angewurzelt verharrte. Er riss ihr den Fetzen Papier aus der Hand, was sie willenlos geschehen ließ.

»Aber das ist eine eindeutige Drohung. ›Go home, Chabot! Zahl deine Steuern in Frankreich, sonst passiert etwas.‹ Und nicht mit der Hand geschrieben, sondern mit aufgeklebten Zeitungslettern. Wer weiß, ob die dich oder mich nicht entführen und dann Lösegeld erpressen. Oder Schlimmeres.« Luciles Stimme schnappte über.

»Jetzt beruhige dich mal! Kein Mensch will mich entführen, und dich schon gar nicht. Das sind verwirrte Schwachköpfe, die dagegen protestieren, dass Unternehmen hier gewisse Steuervorteile gewährt werden. Die sind zu dumm, um zu begreifen, dass die ganze Insel davon profitiert. Ich verschwende keinen Gedanken an so einen Blödsinn. Und du solltest das auch nicht tun. Genieß den Tag, es wird warm heute.«

»Sollten wir nicht die Polizei einschalten?«

»Untersteh dich! Keine Polizei, hörst du! Misch dich nicht in meine Angelegenheiten! Und hör auf mit diesem hysterischen Getue.«

Lucile hatte die Hand, die eben noch das Papier gehalten hatte, sinken lassen. Sie baumelte neben ihrer Hüfte, deren Knochen sichtbar über dem Rand der weißen Hose hervortraten. Wie hässlich sie aussieht, wie unattraktiv, dachte Chabot. Lucile hatte merklich an Gewicht verloren, magere Beine, ein fleischloser Oberkörper, straff gespannte Haut über den Wangen. Und das mit zweiundvierzig! Als er sie vor neun Jahren geheiratet hatte, war sie eine strahlende Schönheit gewesen, charmant und bezaubernd, ganz und gar Pariserin und Tochter aus gutem Hause, wie man so sagte. Ihr Vater hatte einmal das Amt des Kulturministers bekleidet. Was war davon geblieben? Nichts. Sogar ihr schönes, dichtes honigfarbenes Haar trug sie in letzter Zeit straff nach hinten gebunden, als wollte sie der Welt zeigen, wie sehr sie litt. Nein, nicht der Welt, ihm wollte sie vor Augen führen, dass er sie unglücklich machte.

Henri Chabot hasste Komplikationen. Seine erste Ehe hatte er beendet, als Jenny sich ständig über seine Abwesenheit beklagte und forderte, er solle sich mehr um die Kinder kümmern. Er hatte ihr eine großzügige Abfindung überlassen und die Kinder dazu, und Jenny war klug genug gewesen, in die Scheidung einzuwilligen. Sie war nach Jersey zurückgezogen, wo sie geboren und aufgewachsen war, und widmete sich der Malerei. Er erwog schon seit einiger Zeit, sich von Lucile zu trennen. Mit genügend Geld ließ sich alles regeln. In seinem fast siebzig Jahre währenden Leben hatte Chabot diese Maxime stets erfolgreich angewandt. Und an Geld hatte es ihm nie gemangelt.

Als er als Zehnjähriger an der Hand seines Vaters über die ausgedehnten Ländereien in der Bretagne spaziert war und an der Reling der Fährschiffe, die zur väterlichen Reederei gehörten, auf die langsam sich entfernende französische Küste geblickt hatte, war ihm klar geworden, dass ihm all das einmal gehören würde und dass dieser Reichtum ihm Macht bescherte. Aber er wusste auch schon bald, dass Besitz nicht nur erhalten, sondern auch vermehrt werden wollte. Ein Wirtschaftsstudium in Paris und Cambridge, Managementseminare in London und Praxis in der Führungsetage einer internationalen Firma hatten ihm die nötigen Kenntnisse verschafft, um die Reederei erst zusammen mit seinem Vater und nach dessen Tod allein zu leiten. Die Ländereien in der Bretagne samt einem erhaltenen Schloss hatte er seinem Bruder Raoul überlassen, der sonstige Immobilienbesitz und das Vermögen wurden zwischen ihnen aufgeteilt. Dass sich der Stammbaum seiner Familie bis zu den Herzögen des Mittelalters zurückverfolgen ließ, hatte ihn nie besonders interessiert. Während sich Raoul, der Zweitgeborene, im ewig klammen Schloss, wo, um es einigermaßen warm zu haben, auch im Sommer in den Kaminen Feuer angezündet werden musste, in Ahnenforschung vertiefte, war er, Henri, ins Geschäft eingestiegen. Er war schon immer ein Macher gewesen. Er hatte Biss, und er wollte beißen. Schwierige Situationen belebten ihn wie Champagner. Lösungen suchen, das war seine Devise. Lösungen, aus denen er als Sieger hervorging.

Der Kampf im Schifffahrtsgeschäft war in den letzten zwanzig Jahren härter geworden, Reedereien fusionierten, internationale Gesellschaften beherrschten den Weltmarkt. Natürlich hatte er die Hände nicht in den Schoß gelegt. Wollte man konkurrenzfähig bleiben, musste man den Umständen entsprechend handeln und ökonomischer wirtschaften. Deshalb hatte er die Reederei verschlankt, die Personalverwaltung outgesourct, den Hauptsitz nach Guernsey verlegt und sich vor einem Jahr zusätzlich zum Fährschiffbetrieb aufs Parkett der Kreuzschifffahrt gewagt. Eine Flotte von drei Kreuzschiffen, keine von diesen Riesenlinern, sondern für maximal neunzig Passagiere und mit jedem Luxus ausgestattet, gehörte zu seiner Reederei. Eins dieser wie Privatyachten gestylten, schwimmenden Luxushotels kreuzte in den Gewässern rund um die Philippinen, das zweite war in der Karibik unterwegs, das dritte fuhr auf der Route der großen Entdecker durch die Arktis. Es war keine geringe Investition gewesen, aber schon nach einem Jahr gab ihm der Erfolg recht. Das Geschäft mit den Kreuzfahrten boomte, alle Reisen waren ausgebucht, es gab sogar Wartelisten. Die Leute gierten danach, in den letzten intakten Korallenriffen zu tauchen oder die polaren Eisberge vor ihrem endgültigen Schmelzen zu sehen. Fünfzigtausend Euro pro Person legten die gut betuchten Kunden für seine Reisen hin, und bisher fand keiner den Preis zu hoch. Der Ankauf eines maroden Reisebüros in Paris hatte sich als genialer Coup erwiesen: Er sparte sämtliche Vermittlungskosten. Sein Büro organisierte seine Reisen.

Henri Chabot öffnete die Haustür und drehte sich noch einmal um. Lucile hatte sich nicht einen Millimeter bewegt, mit hängenden Armen stand sie da. Sein halbherziges Lächeln wurde nicht erwidert. Dann eben nicht, dachte er, schließlich war er nicht für ihr Glück verantwortlich.

Federnd schritt er auf die Garage zu, in der sein neuer, dunkelblauer Jaguar F-Type Cabriolet wartete, ein kraftvoller Sportwagen, dreihundert PS, zweihundertfünfzig Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Zu seinem Leidwesen bot die Insel keine Möglichkeit, die Potenz des Motors unter Beweis zu stellen. Beim Auto seines Vaters saß vorn auf der Motorhaube der silbern glänzende Jaguar, den er als Kind gern berührt hatte, als könnte dessen Kraft und Vitalität in ihn, den kleinen Henri, übergehen. Alte südamerikanische Kulturen verehrten den Jaguar als Gottheit, hatte er gelesen. Er strich kurz mit der Hand über das bei neueren Modellen ins Steuerrad eingelassene tierische Symbol, bevor er den Wagen anließ. Der Motor antwortete mit einem katzenhaft schnurrenden Geräusch, und der Jaguar mit Henri Chabot am Steuer rollte aus der Garage auf die Straße, die nach St. Peter Port hinunterführte, wo das Büro der Reederei seinen Sitz in der Nähe des Hafens hatte.

ZWEI

Lucile starrte noch einige Minuten auf die ins Schloss gefallene Tür, durch die ihr Mann gerade entschwunden war. Mit seinen neunundsechzig Jahren war er immer noch attraktiv, schlank, athletisch und von fast unbegrenzter Energie. Falten gaben dem markanten Gesicht eine interessante Note, dichte, kurz geschnittene graue Haare schenkten ihm ein jugendliches Aussehen, die grünen Augen funkelten, wenn er etwas in Angriff nahm.

Vor fast zehn Jahren, als er um sie warb, war sie der Grund gewesen für das Leuchten in seinen Augen. Sie hatte ihn bei einem Empfang des Wirtschaftsministers, der ein Freund ihres Vaters war, in Paris kennengelernt. Hin und wieder hatte sie ihren Vater bei solchen Anlässen begleitet. Ihre Eltern waren damals längst geschieden, und ihr Vater noch nicht wieder verheiratet. Ohne Umschweife war Henri auf sie zugegangen und hatte ihr ein Glas Champagner gereicht.

»Eine Frau wie Sie hat etwas Besseres verdient als diese staubtrockene Gesellschaft hier«, hatte er gesagt. »Kommen Sie, lassen Sie uns verschwinden.«

Es war ein Überfall, der sie in seiner Plötzlichkeit überrollt hatte. Sie wusste bis heute nicht, warum, aber sie war dem Unbekannten, von dem sie nicht einmal den Namen kannte, gefolgt. Er hatte sie erst in ein japanisches Restaurant geführt, wo sie auf dem Boden sitzend Sashimi aßen, dann waren sie die ganze Nacht durch Montmartre gezogen. Als er sie in der Morgendämmerung im Taxi nach Hause brachte, fragte er sie, ob sie seine Frau werden wolle. Sie hatte gelacht und gesagt: »Ich kenne Sie nicht«, und er hatte geantwortet: »Aber ich kenne Sie.«

Sie erbat sich Bedenkzeit, Henri ließ nicht locker. Er warb um sie, überraschte sie mit einer Reise nach Thailand, mit kostbaren Geschenken. Aber bei ihr wollte sich auch nach ein paar Monaten keine brennende Verliebtheit einstellen. Wenige, nicht sehr glückliche Erfahrungen mit Männern hatten sie vorsichtig werden lassen. Ihre Zurückhaltung heizte ihn an, seine Bemühungen noch zu verstärken. Und irgendwann hatte sie geglaubt, sie, Lucile Delaunay, sei die Auserwählte, sie und keine andere Frau auf dieser Welt sei für diesen Mann geschaffen, der sie mit solcher Inbrunst begehrte.

Nach einem halben Jahr gab sie ihm ihr Jawort, kündigte ihre leitende Stelle in der Nationalbibliothek und ihre traumhafte Wohnung auf der Île Saint-Louis, die sie nur durch Vermittlung ihres Vaters erhalten hatte, verabschiedete sich von Freunden, die ihrem Entschluss wenig Verständnis entgegenbrachten, und wurde Reeder-Gattin in Saint-Malo. Erst viel später erschloss sich ihr der tiefere Grund des Eifers, den Henri an den Tag gelegt hatte, um sie zu bekommen. Es war ein Charakterzug, der immer dann in Erscheinung trat, wenn er etwas in seinen Besitz bringen wollte. Sobald er die Beute besaß, von der er glaubte, ohne sie nicht leben zu können, erlahmte sein Interesse. Was ihn antrieb, war das Jagen selbst. Sei es in der Reederei oder in seinem privaten Leben, überall war er ständig auf der Jagd nach etwas Neuem, und das hielt ihn jung. Er schien in den letzten zehn Jahren überhaupt nicht gealtert zu sein, während sie die Spuren ihrer Niederlagen an Körper und Gesicht wahrnahm, sobald sie in den Spiegel sah.

Lucile stürzte in die Küche, öffnete den Kühlschrank und entnahm ihm Garnelen, die Vorspeise vom Vorabend, dazu zwei gebratene Hähnchenschlegel und eine Schüssel mit Mayonnaise. Im Schrank war noch Baguette. Mit einem Löffel verteilte sie die Mayonnaise auf einer Garnele, biss ein Stück Baguette ab und stopfte sich dazu die Garnele in den Mund. Genauso verfuhr sie mit dem Fleisch: Baguette, Hähnchen mit Mayonnaise, Baguette. Dazu kippte sie ein Glas Rotwein hinunter, dann noch eines. Wie eine Raupe, die sich, getrieben von unbändigem Hunger, an einem Blatt zu schaffen macht, vernichtete Lucile den Inhalt des Kühlschranks. Und als sie Garnelen und Hähnchen verschlungen hatte, griff sie zu den beiden Rosinen-Scones, die die Haushälterin am Tag zuvor mitgebracht hatte, bestrich sie mit fettreicher, sahniger Clotted Cream, gab Erdbeermarmelade darauf und hieb ihre Zähne gierig in den süßen Teig. Die Masse im Mund füllte die Leere aus, die sie im Inneren fühlte. Sie schluckte alles hinunter, und für einen Moment genoss sie das Gefühl, satt und warm zu sein, geborgen in ihrem eigenen Körper.

Dann gebärdete sich ihr Magen, von der zugeführten Nahrungsmenge überfordert, wie ein Luftballon, der gleich platzen würde. Sie rannte zur Gästetoilette und erbrach das Essen, das sie gerade in einem Anfall von Heißhunger zu sich genommen hatte, in die weiße Porzellanschüssel. Sie würgte so lange, bis sich das gewohnte Gefühl der Leere wieder einstellte. Sie, Lucile, war zu nichts nütze, nicht einmal zu einer guten Ehefrau. Dass sie keine Kinder bekam, blieb eine Wunde, die sich nicht schließen wollte. Zig Ärzte hatte sie konsultiert, keiner konnte sich erklären, warum sie nicht schwanger wurde. Henri war nicht auf weitere Kinder aus, hatte aber ihren Kinderwunsch akzeptiert. Zu seinen zwei Söhnen aus erster Ehe hatte er wenig Kontakt. Wahrscheinlich wäre er für ihre gemeinsamen Kinder kein guter Vater geworden. Ein Trost war das nicht.

Längst wusste sie, dass Henri eine oder sogar mehrere Geliebte hatte, mit denen er sich regelmäßig traf, obwohl weder sie noch er ein Wort darüber verloren. Sie nahm es ihm nicht einmal übel, es war ihr egal. Seit Monaten schon verweigerte sie ihm ihren Körper. Es ekelte sie, wenn er sie anfasste. Was er aber auch gar nicht mehr tat, er berührte sie nicht mehr. Je dünner sie wurde, desto weniger nahm er von ihr Notiz, was ihr nur recht war. Aber so konnte es nicht weitergehen, sie wollte dieses Leben nicht mehr, nicht mehr mit diesem Mann, nicht mehr als reiche Reeder-Gattin, und schon gar nicht auf dieser Insel der Millionäre.

Die Haustür wurde geöffnet, und Mary, die Haushälterin, rief in den Flur hinein: »Sind Sie da, Madame?«

Lucile trat hervor und begrüßte die junge, stämmige Frau, die ausgezeichnet Englisch und Französisch sprach, hervorragend kochte und meistens gut gelaunt war. »Ich habe die Post mitgebracht«, sagte Mary und legte einen Stapel Drucksachen und Briefe auf das Regal unter der Garderobe, bevor sie sich in die Küche begab. Lucile sah lustlos den Packen durch. Der Brief mit den aufgeklebten Zeitungslettern fiel ihr sofort auf, nur der Name ihres Mannes befand sich auf dem Umschlag, keine Adresse, keine Marke. Der Brief musste von jemandem eigenhändig in den Kasten geworfen worden sein. Sie riss ihn auf und zog ein Blatt heraus, auch hier nur aneinandergereihte Buchstaben: »Letzte Warnung! Verschwinde, sonst passiert etwas!« Angst stieg in Lucile auf. Die Drohung war an Henri gerichtet. Aber war nicht auch sie in Gefahr? Diese Leute könnten sie entführen, um Henri zu erpressen, die Insel zu verlassen. Wenn das überhaupt ihr Ziel war und nicht eine Forderung nach Lösegeld. Lucile griff zum Handy und rief ihren Vater an.

DREI

Monsieur Leblanc, bitte!«

Er hörte seinen Namen, jetzt war er dran. Er dachte an Flucht, er könnte einen dringenden Termin vortäuschen, den er vergessen hatte, oder ohne Erklärung einfach verschwinden. Wie viele Schritte waren es bis zur Tür? Nein, das konnte er nicht machen, er musste der Vernunft gehorchen, sich erheben und der Assistentin folgen zu diesem Stuhl, der harmlos wie ein Massagesessel aussah. Wenn er an die letzte Behandlung vor wenigen Wochen dachte, verwandelte sich das Dentalmöbel schlagartig in ein Folterinstrument. Er überließ seinen Körper ungern ärztlichen Händen, auch wenn es sich, wie in diesem Fall, nur um einen kleinen Teil seines Körpers handelte, um einen Zahn, genauer gesagt, um die Reste eines Zahns. Lange Zeit hatte er das Pochen in seinem linken oberen Eckzahn mit immer stärkeren Schmerzmitteln bekämpft. Aber der Schmerz ließ sich nicht eindämmen, er wütete, drangsalierte ihn. Eine Gesichtshälfte schwoll an, bis Marie ihn schließlich zu diesem Docteur Puget schickte, von dem sie nur Gutes gehört hatte. Maries Zähne gaben sich mit einer jährlichen Routinekontrolle zufrieden, sie konnte kaum ermessen, welche Qualen er litt. Ja, er hatte diese Kontrolluntersuchungen in den letzten Jahren ein wenig vernachlässigt. Aber dass dann gleich so etwas entstehen musste. Das Schlimmste war die Spritze gewesen, obwohl er zugeben musste, dass die Schmerzen danach verschwunden waren. Der Zahn ist bis in die Tiefe entzündet, hatte der Arzt gesagt, da müssen wir mit schwererem Geschütz ran.

»Monsieur Leblanc, kommen Sie?« Die Stimme der Assistentin, nun schon etwas energischer, riss ihn aus seinen schmerzvollen Erinnerungen.

Docteur Puget begrüßte ihn mit Handschlag, weiße Hose, weißes T-Shirt, gebräunte Haut, ein breites Lächeln und ein makelloses Gebiss. Er strahlte eine Leidenschaft für Zähne aus.

»Haben Sie noch irgendetwas gespürt?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Nun, das sollten Sie nach einer Wurzelbehandlung auch nicht« – der Doktor lachte – , »sonst hätte ich schlecht gearbeitet. Die Wurzel ist tot, da regt sich nichts mehr. Dann wollen wir uns heute mal um die Krone kümmern, nicht wahr, Monsieur le Commissaire. Sie sind doch Kommissar?«

»Wenn man so will.«

»Und wie will man?«

»Sonderkommission.«

»Klingt interessant. Gut, ich schleife jetzt den Zahn ab, dann bekommen Sie ein Provisorium, und in etwa zwei Wochen können wir Ihnen eine hübsche Krone aufsetzen.«

»Abschleifen? Kann man ihn nicht so lassen?«

»Sie wollen doch nicht mit einem abgebröckelten Dens caninus herumlaufen, oder?«

»Aber wenn der Zahn sowieso tot ist, brauche ich dann noch eine Spritze?«

»Das würde ich Ihnen schon sehr empfehlen. Sehen Sie, das Zahnfleisch ist durchzogen von vielen kleinen Nervensträngen …«

»Gut«, sagte Leblanc matt und fügte sich in sein Schicksal, »dann mit Spritze.«

»Nur ein kleiner Piks«, sagte der Doktor und fuchtelte mit der Nadel in der Luft herum.

Leblanc spürte den Einstich und das Einsickern der Flüssigkeit in sein Zahnfleisch. Dann spürte er nichts mehr. Mit einer Art Bohrer näherte sich der Zahnarzt dem toten Zahn, um ihn zu einem Stumpf zu schleifen. Der hohe sirrende Ton drang bis in Leblancs Hirn. Zwischendurch saugte die Assistentin Flüssigkeit aus seinem Mund. Selten zuvor war sich der Kommissar so hilflos vorgekommen, ausgeliefert den Händen anderer.

Schließlich war es vorbei.

»Ein schöner Stumpf«, sagte Docteur Puget, »den können wir so lassen. Ich mache jetzt einen Abdruck, und dann setze ich Ihnen die provisorische Krone auf.«

Sein Einverständnis konnte der Patient nur in einem gurgelnden Laut ausdrücken.

Mit wackligen Beinen und einem flauen Gefühl im Magen stand Leblanc vor dem Haus der Zahnarztpraxis in der Avenue de Wagram. Den vergissmeinnichtblauen Pariser Junihimmel würdigte er nicht eines Blickes. Lippe und Zahnfleisch fühlten sich an wie eine angeschwollene Blase. Sein Handy, das er vergessen hatte auszustellen und das sich glücklicherweise während der Behandlung still verhalten hatte, klingelte. Wenn der Anrufer jemand anderes als Monsieur Gautier, der Pariser Polizeipräfekt, gewesen wäre, hätte er vermutlich nicht geantwortet. Als Sonderermittler war er Monsieur Gautier direkt unterstellt, also bemühte er sich, ein »Oui, allô« hervorzubringen, das, wie er sofort merkte, von seinem üblichen Ton erheblich abwich. Die Reaktion des Polizeipräfekten bestätigte seine Wahrnehmung.

»Sind Sie das, Leblanc?«

Leblancs »Ja« wurde mit einer misstrauischen Frage quittiert.

»Sind Sie betrunken?«

»Nein, Zahnarzt, Spritze«, brachte der zu Unrecht der Trunkenheit Bezichtigte hervor.

»Oh, Sie haben mein volles Mitgefühl. Zahnarztbesuche gehören zu den Schrecken des Lebens. Trotzdem muss ich Sie dringend sprechen. Kommen Sie bitte umgehend in mein Büro, ich habe da eine Sache, die keinen Aufschub duldet.«

»Bin gleich da.« Leblanc bemühte sich um eine deutliche Aussprache.

Monsieur Gautier schien ihn verstanden zu haben, denn er legte wortlos auf.

Als Leblanc sein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe betrachtete, war er erstaunt, dass an seinem Gesicht nichts Auffälliges zu entdecken war. Die Lippenschwellung bestand nur in seinem Gefühl, der betäubte Nerv verhinderte den ordnungsgemäßen Gebrauch der Mundwerkzeuge, daher das Lallen. Diese Entdeckung erleichterte ihn, und beinahe froh gestimmt, weil er die Behandlung hinter sich hatte, trat er den Weg zur Métro-Station Charles de Gaulle – Étoile an. Er nahm die Linie 1 bis Châtelet, überquerte die Seine am Pont Notre-Dame und lenkte seine Schritte zur Polizeipräfektur auf der Île de la Cité.

Nachdem im Zuge von Sparmaßnahmen und Zusammenlegungen von Polizeipräsidien seine Arbeitsstelle in Deauville vor über zwei Jahren in einen einfachen Polizeiposten umgewandelt worden war, hatte man ihn zunächst beurlaubt. Zumal er sich bei seinen letzten Ermittlungen nicht ganz an die Vorgaben seiner Vorgesetzten gehalten, sogar gegen sie gehandelt hatte. Aber da der Fall noch einmal aufgerollt werden musste und nie zu einem eindeutigen Ergebnis führte, hob man die Beurlaubung wieder auf. Mit seinen fünfundfünfzig Jahren wäre er, weil er zur Gruppe von Beamten mit erhöhtem Risiko bei der Berufsausübung gehörte, durchaus schon pensionsberechtigt, ein Zustand, den er nicht anstrebte. Im Zuge der geplanten Reform der Arbeitszeitgesetze würde diese Möglichkeit wahrscheinlich sowieso bald verschwinden. Der Polizeipräfekt, den Leblanc aus der Zeit kannte, als er noch nicht Präfekt war, hatte eigene Pläne mit dem Kommissar, dessen detektivische Fähigkeiten er schätzte, den er allerdings für eigenwillig und nicht besonders teamfähig hielt. Er beorderte Leblanc nach Paris und schlug ihm vor, Aufgaben als Sonderermittler zu übernehmen. Man würde ihn zur Aufklärung diffiziler Mordfälle einsetzen, wenn die Kriminalisten vor Ort mit ihren Methoden nicht weiterkamen.

»Eine Premiere, Leblanc«, hatte der Präfekt gesagt, »so etwas hat es in der Geschichte der französischen Kriminalpolizei noch nie gegeben. Die Aufgaben werden Ihnen direkt von mir zugeteilt, ich informiere die jeweiligen Präsidien über Ihre Mitarbeit. Sie müssen nur bereit sein, die Einsatzorte zu wechseln.«

Leblanc hatte seine Begeisterung kaum zügeln können. Nicht der gefürchtete Ruhestand, sondern eine attraktive Aufgabe als Sonderermittler wurde ihm angeboten. Seine Zusage lag ihm schon auf der Zunge, als ihm einfiel, dass er nicht mehr allein war. Dieses Mal wollte er nichts falsch machen, nichts über Maries Kopf hinweg entscheiden, sondern sie von Anfang an in die Planung einbeziehen. Deshalb erbat er sich zwei Tage Bedenkzeit. Das musste reichen, um Marie auf die neue Situation einzustimmen.

Nachdem sie beide von einem zweimonatigen Aufenthalt in Kamerun bei seiner Mutter und ihrer neuen Großfamilie nach Trouville zurückgekehrt waren, hatte Leblanc seine Wohnung aufgegeben und war zu Marie gezogen. Für jemanden wie ihn, der sich in Gefühlsdingen nicht gern festlegte, ein großer Schritt. Marie kannte ihn so gut, dass sie ermessen konnte, was das Entgegenkommen für ihn bedeutete. Entspannung trat ein. Sie pochte nicht ständig auf mehr Verbindlichkeit, und ein paar Monate lang, als Leblanc noch beurlaubt war, hatte keine Unstimmigkeit ihr Zusammenleben getrübt.

Aber Marie war nicht entgangen, dass die verordnete Untätigkeit nach einiger Zeit bei ihm zu Unzufriedenheit und Nervosität führte. Lange Spaziergänge mit dem Hund reichten nicht mehr aus, um seinen Tatendrang zu besänftigen. Aus Paris zurückgekehrt, berichtete Leblanc von der neuen Aufgabe, die ihm der Präfekt vorgeschlagen hatte, und Marie war klar, dass sie, wenn sie ihr weiteres Leben mit ihm verbringen wollte, nicht Nein sagen durfte. Seine Zufriedenheit gegen ihre Angst, dass ihm etwas passieren könnte, und ihr Alleinsein, wenn er in einer Ermittlung steckte. Und sie sagte Ja. Ja, er solle wieder arbeiten, sie würden gemeinsam eine Lösung finden. Ganz aufgeben wollte Marie das Haus in Trouville nicht, aber dazu eine Wohnung in Paris für sie beide, das könnte sie sich vorstellen.

Mit Sinn fürs Praktische hatte sie sich gleich an die Planung gemacht. Sie besaß in Paris ein kleines Einzimmerappartement, das sie vermieten würde. Leblanc, erleichtert, dass die Entscheidung schnell und einfach getroffen wurde, hatte Marie, die mehr Verhandlungsgeschick zeigte als er, die Wohnungssuche überlassen. Bald hatte sie in der Rue de la Tour in Passy, im Westen von Paris, eine Dreizimmerwohnung zu einem halbwegs passablen Mietpreis gefunden, und eine Arbeit gleich mit. Der Hauseigentümer, der im Erdgeschoss ein Magasin d’ameublement betrieb, ein Geschäft mit Dekorations- und Einrichtungsgegenständen, suchte für zwei Tage in der Woche eine Mitarbeiterin für den Online-Handel. Nach fast einem Jahr der Untätigkeit war Leblanc wieder im Einsatz, und Marie pendelte zwischen Paris und Trouville. Was Leblanc nie für möglich gehalten hätte, trat ein: Das Bedürfnis nach sexuellen Abenteuern und einem unsteten Leben verflüchtigte sich, Ruhe und Zufriedenheit breiteten sich in ihm aus und das Gefühl, zum ersten Mal in seinem Leben eine Art Zuhause zu haben.

VIER

Als Leblanc jetzt in der Rue de la Cité auf den Eingang der Polizeipräfektur zusteuerte, dachte er an seinen letzten Fall, eine völlig absurde, unwahrscheinliche Geschichte. Ein pädophiler Schauspieler hatte sich, nachdem seine Neigung an die Öffentlichkeit gelangt war, unter Drogeneinfluss in seiner Villa erhängt. Jedenfalls sah alles nach Selbstmord aus, es gab einen Abschiedsbrief und keinen Hinweis auf Fremdeinwirkung, Die Akte sollte bereits geschlossen werden, als der Präfekt Leblanc den Auftrag erteilte, Nachforschungen anzustellen. Und er, Leblanc, fand tatsächlich heraus, dass es kein Selbstmord war, sondern ein von langer Hand geplanter Mord.

Vor der Bürotür des Polizeipräfekten strich sich Leblanc prüfend über Lippe und Wange, die Taubheit hatte nachgelassen, er würde verständlich artikulieren können. Kaum hatte er angeklopft, erscholl von drinnen ein »Kommen Sie rein, Leblanc«, als könnte Monsieur Gautier durch das dunkle Holz der Tür hindurchsehen. Der Präfekt befand sich nicht allein im Raum, er saß auch nicht, wie sonst üblich, hinter seinem Schreibtisch, sondern mit einem älteren Herrn an dem runden dunklen Holztisch, um den vier Stühle gruppiert waren. Beide Herren erhoben sich. Neben dem hochgewachsenen, schmalen, aristokratisch wirkenden Weißhaarigen wirkte der Präfekt, den man für sich genommen gerade noch athletisch nennen konnte, klein und gedrungen. Leblanc kramte in seinem Gedächtnis, woher er das Gesicht des Besuchers kannte. Er musste nicht lange nachdenken, der Präfekt stellte ihn mit den Worten vor:

»Monsieur Delaunay ist Ihnen sicher bekannt, Leblanc, unser ehemaliger Kulturminister …«

»Na, na, Emmanuel, das ist eine halbe Ewigkeit her. Wer weiß das heute noch?«, unterbrach ihn der Ex-Minister.

Leblanc erinnerte sich vage. Es musste in den Siebzigerjahren unter Präsident Giscard d’Estaing gewesen sein, als Delaunay, damals ein junger Mann in den Dreißigern, der Regierung angehörte und für das Ressort Kultur zuständig war. Damals war er, Leblanc, fünfzehn gewesen, und auch wenn er nicht aktiv an den Demonstrationen, die gegen alles Mögliche gerichtet waren, teilgenommen hatte, stand er doch immer als jugendlicher Zuschauer am Straßenrand und fand die Atmosphäre aufregend und verheißungsvoll. Der Delaunay, der sich ihm heute im Büro des Präfekten präsentierte, war ein alter Herr um die achtzig, elegant und kultiviert, bekleidet mit einem hellen dreiteiligen Anzug und beigefarbenen Sommerschuhen. Ein schwarzer Ebenholzstock mit Elfenbeinknauf lehnte am Stuhl.

»O ja, natürlich, ich erinnere mich«, beeilte sich Leblanc zu bemerken.

Der Ex-Minister lächelte nachsichtig.

»Setzen Sie sich, Leblanc«, forderte ihn der Präfekt auf. »Wir möchten etwas mit Ihnen besprechen. Frédérique, möchtest du ihm die Lage erklären?«

»Ja, also, das ist so«, begann Delaunay, »meine Tochter Lucile lebt mit ihrem Mann auf Guernsey. Sie kennen die Kanalinsel, Monsieur Leblanc?«

»Ich bin nie da gewesen. Das Einzige, was mir dazu einfällt, ist die Erzählung Mon oncle Jules, die wir in der Schule gelesen haben. Wenn ich mich recht entsinne, spielt sie auf einer Kanalinsel oder auf der Überfahrt dorthin.«

»Der gute Maupassant, aber das war die Nachbarinsel Jersey. Wenn wir schon bei Dichtern sind, unser großer Victor Hugo hat während des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III. fast zwanzig Jahre auf Guernsey im Exil gelebt. Aber das nur am Rande. Es geht um meine Tochter. Sagt Ihnen der Name Henri Chabot etwas? Nein? Er stammt aus einer angesehenen bretonischen Familie mit langer Tradition. ›Manche Ferries‹ kennen Sie sicher, die marktbeherrschende Reederei, die den Fährbetrieb zwischen Frankreich und England bedient.«

Leblanc nickte, behielt aber für sich, dass er selbst Schiffe aller Art mied, weil ihm die schwankenden Planken und der Gedanke an das, was sich unter dem Schiffsboden befand, nicht behagten.

Delaunay fuhr fort. »Lucile ist seit neun Jahren mit Henri Chabot verheiratet, eine Verbindung, die ich nicht guthieß. Aber Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen. Als Vater kann man einen Rat geben, entscheiden müssen sie allein. Und mit den Entscheidungen leben. Sehen Sie, meine Tochter ist unglücklich. Nicht dass sie sich beklagt, nein, das würde Lucile nicht tun, dazu ist sie zu stolz. Aber ich merke es auch so. Jetzt hat sie mich angerufen, geradezu in Panik, weil ihr Mann anonyme Briefe bekommt, die darauf schließen lassen, dass sein Leben in Gefahr ist, und möglicherweise auch ihres. Der Absender fordert, dass Henri mit seiner Reederei von Guernsey verschwindet. Die Einzelheiten kenne ich nicht. Lucile jedenfalls befürchtet, dass sie entführt werden und als Geisel benutzt werden könnte. Ihr Mann scheint die Drohungen nicht ernst zu nehmen, sie dagegen hat Angst … Dass sie damals alles hier in Paris aufgegeben hat und mit Chabot nach Saint-Malo gezogen ist …« Der Ex-Minister seufzte und schüttelte den Kopf, um sein tiefes Missfallen auszudrücken.

Jetzt griff der Präfekt ein, den Blick auf Leblanc gerichtet. »Monsieur Delaunay wandte sich mit der Frage an mich, ob wir von hier aus irgendetwas tun können. Das stellt allerdings ein gewisses Problem dar. Die Kanalinseln gehören weder zur Europäischen Union noch direkt zu Großbritannien, sie sind als Kronbesitz der britischen Krone unterstellt und damit unabhängig. Henri und Lucile Chabot sind zwar weiterhin französische Staatsbürger, aber wir haben nicht das Recht, auf Guernsey polizeilich ermittelnd tätig zu werden. Wie Sie wissen, gilt in Europa die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei der Strafverfolgung, aber auf den Kanalinseln haben wir keinerlei Befugnisse. Dennoch möchte ich, möchten wir, dass Sie sich dort umsehen, dass Sie den Drohungen, die Monsieur Chabot ausgesetzt ist, nachgehen, bevor ein Unglück passiert.«

»Sie wollen sagen, ich soll nach Guernsey fahren?«

»Ja, das wollte ich damit ausdrücken.«

»Mit dem Schiff?« Die Stimme des Kommissars verriet leichte Panik.

»Soweit ich weiß, gibt es auch Flüge. Wichtig ist mir, ist uns, dass Sie gewissermaßen ›undercover‹ auftreten, als verdeckter Ermittler. Sie haben dort keine offiziellen Befugnisse. Diskretion ist oberstes Gebot. Finden Sie heraus, wer diese Drohbriefe verfasst und was dahintersteckt – Erpressung, Entführung oder Schlimmeres, und verhindern Sie eine mögliche Straftat, Leblanc. Wenn die Spur nach Frankreich führen sollte, können wir offiziell ermitteln. Falls nicht, bleibt nichts anderes übrig, als dass Chabot Anzeige erstattet und die örtliche Polizei die Sache übernimmt. Meiner Ansicht nach sind wir dazu verpflichtet, französische Bürger, die in Gefahr sind, zu schützen. Und wenn es sein muss, mit ungewöhnlichen Mitteln.«

»Monsieur Gautier hat mir versichert, dass Sie der geeignete Mann dafür sind.« Delaunays Augen richteten sich beschwörend auf Leblanc, als könne er mit seinem Blick dessen Zustimmung erlangen. So, dachte Leblanc, müssen Politiker sein. Diese Energie müssen sie ausstrahlen, um die Menschen glauben zu lassen, sie könnten die Geschicke eines Landes oder gar der ganzen Welt zum Besten lenken. Sonst würden sie nicht gewählt werden.

»Haben Sie noch Fragen, Leblanc?« Der Präfekt beendete die fast hypnotische Überzeugungsarbeit des Ex-Ministers.

»Hm, eigentlich … Wo werde ich auf Guernsey untergebracht sein?«

»Wir haben gedacht, es wäre das Beste, wenn Sie im Haus meiner Tochter wohnen. Platz gibt es genug, und sie würde sich in Ihrer Gegenwart sicherer fühlen. Sie treten als Luciles Cousin auf, der eine Zeit lang zu Besuch kommt. Meinem Schwiegersohn sollten wir nicht unbedingt Ihre wahre Identität offenbaren, und auch nicht, dass ich bei dieser Sache meine Hände im Spiel habe. Er würde sich sofort verschließen. Übrigens, und das ist nicht ganz unerheblich – dass Henri den Sitz seiner Reederei von Saint-Malo nach St. Peter Port verlegte, sorgte bei den zum Teil langjährigen Mitarbeitern für erheblichen Unmut.«

»Steueroase, Sie verstehen«, warf der Präfekt ein.

»Alles legal«, fügte Delaunay hinzu, »nichts Kriminelles, falls Sie das denken. Trotzdem gibt es nicht wenige, die diese Schlupflöcher gerne gestopft sehen würden.«

»Können Sie mir dazu weitere Informationen geben?«, bat Leblanc den Präfekten.

»Sagen wir es mal so, Guernsey bietet Unternehmern eine sehr freundliche Steuergesetzgebung, das heißt niedrige Einkommenssteuer, keine Vermögenssteuer, keine Schenkungs- und Erbschaftssteuer, keine Körperschaftsteuer. Die Details finden Sie in dem Dossier, das meine Sekretärin für Sie zusammenstellt.«

»Werden Sie den Fall übernehmen, Monsieur Leblanc?« Delaunays Stimme nahm einen flehentlichen Ton an.

»Doch, ja, ich denke schon«, sagte Leblanc, »eine interessante Aufgabe.« In einer Millionärsvilla wohnen, die Frau des Hausherrn beschützen und nebenbei die Herkunft von Drohbriefen ausfindig machen, das klang mehr nach Urlaub als nach Arbeit, fand er. Im Juni eine Woche kostenlos auf einer Kanalinsel zu verbringen, die Chance würde er kein zweites Mal erhalten.

»Gut«, sagte der Präfekt, »Sie fliegen morgen, meine Sekretärin wird Ihnen einen Flug buchen. Sie werden mich ständig und jederzeit über Ihre Ergebnisse auf dem Laufenden halten.«

»Ich benachrichtige meine Tochter«, fügte der Ex-Minister hinzu. »Sie wird Sie am Flughafen in Empfang nehmen. Wie gesagt, Sie treten als ihr Cousin auf, und wir müssen uns überlegen, was Sie gerade jetzt nach Guernsey führt. Wie wäre es … wenn Sie Journalist wären? Reisejournalist zum Beispiel. Lucile soll sich etwas ausdenken, auch was die Verwandtschaft betrifft, aus welchem Zweig der Familie Sie stammen, wann Sie sich das letzte Mal getroffen haben und so weiter.«

Beide Herren drückten Leblanc zum Abschied kräftig die Hand, wie zur Bestätigung, dass sie an seine Fähigkeiten glaubten.

Als der gerade zum Undercover-Detektiv ernannte Kommissar die Seine in südlicher Richtung überquerte, um zur Métro-Station Odéon zu gelangen, hatte er den zahnärztlichen Eingriff bereits völlig vergessen. Nur seine Zunge schlängelte eigenmächtig um das Provisorium herum.

Maries Reaktion, wenn er ihr von seiner morgigen Abreise nach Guernsey berichten würde, war schwer vorherzusagen. Mit seinem Beruf hatte sie nicht wirklich ihren Frieden gemacht. Natürlich befürwortete sie, dass Verbrecher verfolgt und für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen wurden. Natürlich befand sie die Arbeit der Polizei als notwendig und unverzichtbar. Aber die Angst, dass ihm bei einem Einsatz etwas passierte, war nicht weniger geworden. Auch wenn sie wusste, dass er mit Terrorismusbekämpfung, wo tatsächlich ein erhöhtes Risiko bestand, nichts zu tun hatte. In ihrer Vorstellung begab er sich bei jedem neuen Fall in gefährliche Situationen. Das reichte aus, um sie in eine Anspannung zu versetzen, die sich erst wieder löste, wenn seine Arbeit beendet war. Guernsey lag nicht gerade um die Ecke, und er würde mindestens eine Woche fort sein. Er musste versuchen, ihre Bedenken zu zerstreuen. Insgeheim ahnte er, dass es nicht einfach werden würde.

FÜNF

Das Flugzeug setzte zur Landung an. Die Sicht war klar, die Umrisse der Insel zeichneten sich deutlich vor dem Hintergrund des intensiv blauen Ärmelkanals ab. Leblanc hatte in Birmingham umsteigen müssen, in die Maschine einer anderen Fluggesellschaft.

Wie er schon geahnt hatte, war Marie nicht so leicht zu besänftigen gewesen. »Ich habe kein gutes Gefühl«, hatte sie gesagt und: »Bist du nicht zu alt für solche Undercover-Experimente? Das kann doch gefährlich werden, und als Bodyguard bist du gar nicht ausgebildet. Wenn dir auf Guernsey etwas zustößt?«

Zuletzt hatte er sie beruhigen können – es sei eine lächerlich einfache Sache, eine kleine Ermittlung, völlig harmlos, fast ein Urlaub – und versprochen, täglich anzurufen. Sie hatte ihn am Vormittag zum Flughafen Charles de Gaulle gebracht und gewartet, bis er durch die Einchecksperre verschwunden war. Als Leblanc sich noch einmal umdrehte und die tapfer lächelnde Marie in ihrem lindgrünen Sommerkleid, die rechte Hand zum Winken erhoben, in der Halle stehen sah, stieg ein Gefühl der Wärme und Zuneigung in ihm auf. Wie sie sich in den letzten zwei Jahren einander angenähert und zueinander gefunden hatten, das fand Leblanc beachtlich. Er wunderte sich manchmal über sich selbst und war erstaunt, dass ein Mensch wie er noch wandlungsfähig war. Nicht dass sie immer einer Meinung waren, und gelegentlich, wenn er eine Pause brauchte und allein sein wollte, gingen sie sich aus dem Weg. Marie spürte, wann er wieder bereit war, sich ihr zuzuwenden, und ließ ihn in Ruhe. Er dankte ihr das mit Offenheit und Ehrlichkeit. Bis dahin hatte er ständig Ausflüchte gesucht, die dem Bedürfnis geschuldet waren, sich alle Möglichkeiten offen zu halten. Aber jetzt brauchte er keine Ausweichmanöver mehr, und er spürte eine bisher ungekannte Leichtigkeit, eine Art Glück, das sich einstellte als Folge von klar geäußerten Entscheidungen und Wünschen.

Lucile Chabot wartete in der Flughafenhalle auf die Ankunft der Maschine aus Birmingham. Ihr Vater hatte ihr mitgeteilt, wann der Kommissar aus Paris landen würde. Der sei der Beste, hatte er seiner Tochter versichert, er habe sich persönlich beim Polizeipräfekten um die Angelegenheit gekümmert. Er hatte ihr auch das Aussehen des Ermittlers beschrieben, das, wie er meinte, nicht unbedingt der Vorstellung von einem Kriminalkommissar entspreche: mittelgroß, leichter Bauchansatz, schlenkriger Gang, dichte graue, bis in den Nacken fallende Haare, gut gekleidet, modisch-lässig, nicht der sportliche Typ. »Er ist dein Cousin, mütterlicherseits natürlich, meine Geschwister kennt dein Mann. Als Reisejournalist könnte er eine Reportage über Guernsey schreiben. Sein Auftauchen muss plausibel sein. Denk dir etwas aus! Und mach dir keine Sorgen mehr, Kleines, wahrscheinlich stellt sich das Ganze tatsächlich als eine Aktion von politischen Wirrköpfen heraus.«

Wie immer hatten die Worte ihres Vaters eine beruhigende Wirkung auf sie ausgeübt. Stets hatte er zurückhaltend, aber unablässig seine schützende Hand über sie gehalten. Was würde sie nur machen, wenn er einmal nicht mehr da wäre. Allein bei dem Gedanken traten ihr Tränen in die Augen. Die Dringlichkeit, ihr Leben zu ändern, überkam sie mit erschreckender Wucht.

Lucile erkannte Leblanc sofort, als er, in der Hand seine kleine graue Reisetasche, durch die Sperre in die Flughafenhalle trat.

»Sie sind Kommissar Leblanc aus Paris, nicht wahr?«, begrüßte sie ihn.

»Und Sie Madame Chabot, nehme ich an.«

Leblanc versuchte, sein Erstaunen zu zügeln. Die magere, unscheinbare Frau, die vor ihm stand, sollte die Tochter des Ex-Ministers und Ehefrau des millionenschweren Reeders sein? Sie wirkte eher wie ein vernachlässigtes, bedrücktes Kind, das Leid erfahren und sich in ein Schneckenhaus zurückgezogen hatte. Der Anflug eines bezaubernden Lächelns ließ erkennen, dass sie sich über den Gast aus Paris tatsächlich freute.

»Lucile. Ich bin ab jetzt Ihre, Entschuldigung, deine Cousine. Wir sollten das üben, damit uns kein Fehler passiert«, unterbrach Lucile Leblancs Gedanken.

»Also dann, ich heiße Jacques.«

»Ich habe mir schon überlegt, wie ich dich einführe. Deinen Namen brauchen wir nicht zu ändern. Du bist der Sohn einer Schwester meiner Mutter, die mit einem Verwaltungsbeamten namens Leblanc verheiratet ist.«

»Meinst du wirklich? Wenn dein Mann nachforscht, wird er sofort entdecken, dass die Geschichte nicht stimmt.«