Kein Tag für Jakobsmuscheln - Catherine Simon - E-Book
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Kein Tag für Jakobsmuscheln E-Book

Catherine Simon

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Beschreibung

Spurensuche statt Gourmetmenü: Ein Toter versalzt Kommissar Leblanc den Fisch.

Der charmante Kommissar Jacques Leblanc hat sich von Paris in die Normandie versetzen lassen, um der brutalen Großstadtkriminalität zu entkommen. In Deauville-Trouville ist das Leben beschaulicher, und er kann seinen Leidenschaften nachgehen, dem Essen und den Frauen. Aber dann findet seine frühere Geliebte Marie einen Toten am Strand, und vorbei ist es mit dem süßen Leben. Während Leblanc einer vielversprechenden Spur nachgeht, lässt sich Marie auf das Schloss des Adligen und skrupellosen Fischindustriellen Montfort-Risle einladen – und das setzt dem Kommissar nicht nur aus beruflichen Gründen zu ...

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Catherine Simon

Kein Tag für Jakobsmuscheln

Buch

Der charmante Kommissar Jacques Leblanc hat sich von Paris in die Normandie versetzen lassen, um der brutalen Großstadtkriminalität zu entkommen. In Deauville-Trouville ist das Leben beschaulicher, und er kann seinen Leidenschaften nachgehen, dem Essen und den Frauen. Aber dann findet seine frühere Geliebte Marie einen Toten am Strand, und vorbei ist es mit dem süßen Leben. Während Leblanc einer vielversprechenden Spur nachgeht, lässt sich Marie auf das Schloss des Adligen und skrupellosen Fischindustriellen Montfort-Risle einladen – und das setzt dem Kommissar nicht nur aus beruflichen Gründen zu …

Autorin

Catherine Simon ist das Pseudonym von Sabine Grimkowski. Seit 1999 ist sie als Redakteurin beim Südwestrundfunk in der Redaktion Literatur tätig. Sie hat Sachbücher geschrieben, unter anderem den Reisebegleiter »Normandie«, und Romane zu Fernsehserien. Regelmäßig fährt sie in die Normandie und verbringt in Trouville einen Teil des Jahres. Sie wohnt dort im legendären »Hôtel des Roches Noires«, wo schon Marcel Proust logierte und Marguerite Duras eine Wohnung besaß. Sabine Grimkowski lebt in Baden-Baden.

Catherine Simon

Kein Tag

für Jakobsmuscheln

Der erste Fall

für Kommissar Leblanc

1. Auflage

Originalausgabe April 2015

Copyright © 2015 by Catherine Simon

Copyright © dieser Ausgabe 2015

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Gestaltung des Umschlags und der Umschlaginnenseiten:

UNO Werbeagentur München

Umschlagfoto: FinePic®, München

Redaktion: Regina Carstensen

BH · Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-14540-8

www.goldmann-verlag.de

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Eins

Die Möwen schrien wie gewöhnlich. Maries Blick aus dem Fenster ging ins Graue. Kein Tag für Jakobsmuscheln, dachte sie, als sie die Leine vom Haken nahm und an Arsènes Halsband befestigte. Der Hund sprang schwanzwedelnd um ihre Beine herum, erwartungsvoll sah er an ihr hoch. Seufzend legte Marie das Kissen aufs Sofa zurück, das Arsène auf dem Boden herumgeschleift und hin und her geschüttelt hatte. Er liebte Kissen aller Art, biss auf ihnen herum und versteckte sie. Trotz aller Strenge war es ihr nicht gelungen, ihm diese lästige Eigenart abzugewöhnen.

Sie hatte vor, den Weg hinauf in den Kastanienwald zu nehmen, eine kurze Strecke, aber lang genug, damit der Hund Bewegung hatte, entschied sich aber plötzlich anders. Ein längerer Spaziergang würde ihr guttun, und bei dem Regen wäre sie sicher allein am Strand. Der Gezeitenkalender, der neben der Garderobe an der Wand hing, zeigte an, dass jetzt, am Morgen, Ebbe war. Marie sah auf die Uhr, es war halb zehn. Das Meer erreichte seinen niedrigsten Stand gegen elf, dann würden die Sandbänke wie große Tierrücken auftauchen und wären für ein paar Stunden Licht und Luft ausgesetzt, bevor das Wasser sie wieder überflutete. In den feuchten Sandwellen, in die das abfließende Meer den Strand verwandelte, sammelten sich angespülte Muscheln, Krebse, Seesterne, Quallen, Schneckenhäuser und manchmal ein Fisch, dessen Leib silbrig glänzte. Marie liebte es, diese Dinge anzuschauen, die wie vom Meer ausgespuckt dalagen. Bei Ebbe lief sie gern über die schwarzen Felsen hinaus unterhalb der Steilküste bis nach Villerville. Es war eine Marotte von ihr, Jakobsmuscheln zu suchen oder vielmehr zu finden. Kein Mensch – außer ein paar Kindern, die sie bemalten und auf einem Handtuch ausgebreitet für ein paar Cent an der Promenade an Touristen verkauften – interessierte sich für die fächerförmigen Schalen, die das Meer anspülte. Die Muschelsucher, die auf den niedrigen Felsen herumkrochen, waren auf Miesmuscheln aus, die sie abends in Weißweinsud zubereiteten. Die Schalen der Jakobsmuschel waren leer, das Tier hatte sein Heim längst verlassen. Die obere Schale, Vorbild für das köstliche Gebäck, die Madeleine, strahlte in Elfenbeinweiß, die untere, flache war von orange-brauner Farbe.

Marie hatte ein Auge für die gewölbten Gebilde aus Kalk, die halb oder fast ganz mit Sand bedeckt waren, wenn die Flut sie zurückließ. Schon aus weiter Entfernung erkannte sie, ob es sich um eine Jakobs- oder eine Herzmuschel handelte. Herzmuscheln konnten fast genauso groß werden, aber sie waren stärker gewölbt. Jakobsmuscheln hatten es zu einer perfekten Form gebracht, fand Marie. Die Muschel-Leidenschaft musste irgendwo in ihrer Kindheit begründet liegen. Vielleicht stammte sie von den Heiligenbildern, die sie nach dem Gottesdienst vom Pfarrer bekommen hatte, wenn die Großmutter auf dem Land sie in den Ferien mit in die Kirche nahm. Ihr Lieblingsbild war das vom heiligen Jakobus gewesen, ein gnädiger Onkel mit Bart, und um sein Gesicht ein Reigen von kleinen Jakobsmuscheln. Marie erinnerte sich nicht mehr genau. Geblieben war die Lust am Finden. Die vielen Jakobsmuscheln, die sie nach Hause schleppte, verschenkte sie oder brachte sie ihrer Freundin Dominique, die ein kleines Restaurant besaß und die Tische damit dekorierte. Wahrscheinlich nahm Dominique sie nur, um ihr einen Gefallen zu tun. Heute würde sie jedenfalls keine Muscheln finden, bei solchem Wetter fehlte der Wellengang, um sie anzuspülen.

Marie zog ihre blaue Öljacke und die Gummistiefel an, setzte einen Regenhut auf und öffnete die Haustür. Der Hund drängte sich durch die Türöffnung auf den schmalen Gehweg vor dem Haus, Marie folgte ihm. Es regnete. Aber Regen konnte man das eigentlich nicht nennen. Ein feiner Film von dichter Feuchtigkeit legte sich sofort auf Kleidung, Gesicht und Haare. Typisch normannisch. Arsène mochte dieses Wetter, er war Normanne, er stammte aus einer Golden-Retriever-Zucht in der Nähe von Lisieux, wo Marie ihn vor zwei Jahren geholt hatte. Bei Hitze wurde er träge und verkroch sich unter dem Tisch. Der Hund passte auf Marie auf, jedenfalls glaubte sie das. Außerdem zwang er sie dazu, jeden Tag an die frische Luft zu gehen. Ein Golden Retriever musste es sein, sie fand, diese Hunde hatten einen sanften Charakter und schöne Augen.

Marie nahm den Weg zum Strand durch die schmale Rue de Londres, vorbei an der Kirche Notre Dame de Bonsecours. Es war Anfang Juni. Bei dem Wetter liefen nur vereinzelt Leute über den Holzplankenweg, Urlauber, die gerade ihr Baguette oder die Zeitung geholt hatten. Bei klarem Himmel wären die Tennisplätze schon belegt, und die unentwegten Sonnenanbeter würden in ihren Liegestühlen vor den Umkleidekabinen braten, um ihre braune Hautfarbe noch eine Nuance dunkler werden zu lassen.

Der Hund trabte angeleint neben ihr her. Marie ging nur bei Ebbe an den Strand, damit Arsène frei herumlaufen konnte. Bei Flut war nur ein kleiner Teil des Strandes zugänglich, und dort herrschte Leinenzwang. An der Kanalküste lebte man mit den Gezeiten mehr als mit dem Wetter. Am Ende des Plankenwegs lag wie ein Ozeandampfer das Hôtel des Roches Noires, das einstige Luxushotel der Belle Époque, das längst kein Hotel mehr war, sondern in Eigentumswohnungen jeder Größe parzelliert. Sie hatte dort, als sie noch in Paris lebte, lange Zeit eine kleine Wohnung besessen. Wie viele Pariser hatte sie die Wochenenden und den Sommer in Trouville verbracht. Der kleine Ort am Ärmelkanal galt als das 21. Arrondissement von Paris, weil er in knapp zwei Stunden mit der Bahn erreichbar war. Vor zwei Jahren, als nach ihrem Sohn auch noch ihre Tochter ausgezogen war, hatte sie die große Wohnung in Paris und das Appartement im Hôtel des Roches Noires verkauft und sich ein Haus in Trouville angeschafft, mit zwei Gästezimmern, die sie vermietete. Die Aufgabe war überschaubar, sie lernte Leute kennen und hatte genug Zeit für sich. In Paris besaß sie nur noch ein kleines Studio für gelegentliche Besuche.

Marie blickte an der gelb-braunen Fassade des Hôtel des Roches Noires hoch und sah, dass die Fensterläden im dritten Stock an der rechten Seite geöffnet waren. Das hieß, Rachel war da.

Mit Rachel verband Marie eine fast lebenslange Freundschaft. Sie waren zusammen in Paris zur Schule gegangen und hatten beide an der Kunstakademie studiert. Rachel hatte es zu etwas gebracht als Künstlerin, während sie, Marie, früh geheiratet und zwei Kinder geboren hatte. Die Malerei hatte sie nur nebenbei zum Spaß betrieben. Auf den Verkauf ihrer Bilder war sie nicht angewiesen gewesen, weil Gérard genug verdiente und seine Familie ihm ein kleines Vermögen hinterlassen hatte. Und dann war Gérard bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, war er nicht mehr da gewesen. Wie unter einer Glasglocke hatte sie sich gefühlt, hatte sich gezwungen zu funktionieren, einfach nur zu funktionieren.

Es hatte lange gedauert, bis sie sich von dem Schock erholt hatte. Wie oft hatte sie sich vorgenommen, wieder ernsthaft mit dem Malen zu beginnen, aber sie hatte es nicht geschafft. Es gab immer Ausreden. Die Kinder brauchten ihre Unterstützung, den Haushalt bewältigte sie allein, die ganze Verantwortung lag auf ihren Schultern. Wenn sie an diese Zeit zurückdachte, spürte sie noch etwas von dem Schmerz, der sie damals ganz erfüllt hatte und der jetzt wie eine kleine Narbe in ihr saß. Charles und Elisabeth führten ihr eigenes Leben. Sie freute sich, wenn die beiden sie ab und zu besuchten. Finanziell ging es ihr gut, sie besaß mehr, als sie zum Leben benötigte. Manchmal dachte Marie, sie sollte etwas Aufregendes tun, aber sie wusste nicht, was. Sie war im Großen und Ganzen mit ihrem Leben zufrieden. Sie nahm sich vor, Rachel anzurufen.

Marie ging an der Segelschule vorbei und ließ Arsène von der Leine, der sich sofort ins Wasser stürzte. Das Meer war heute still, glatt wie ein Spiegel und schien nahtlos in den Regenhimmel überzugehen. Sie nahm den kleinen Gummiball aus der Tasche und warf ihn in Richtung des Retrievers. Der Hund schnappte nach dem Ball und beförderte ihn aus dem Wasser vor Maries Füße. Er liebte dieses Spiel, noch mehr, wenn er durch hohe Wellen springen musste.

Die schwarzen Felsen lagen jetzt bei Ebbe wie hingewürfelt auf dem Sand, man konnte zwischen ihnen hindurchgehen. An dieser Stelle roch es stark nach Brackwasser und verwesenden Miesmuscheln und Krebsen. Dahinter weitete sich der Strand und wurde landwärts begrenzt durch die Steilküste.

Marie war allein, kein Mensch weit und breit, keine Angler, die bei gutem Wetter in der Brandung die Angel auswarfen. Der Regenfilm hatte sich auf die Öljacke gelegt und lief in feinen Rinnsalen an ihr herab. Weit konnte man nicht sehen, ein grauer Schleier hüllte den Horizont ein, nicht einmal der Hafen von Le Havre war erkennbar.

Sie ging an der Treppe vorbei, die nach oben zum Campingplatz führte. Ein Schwarm Möwen kreiste schreiend über den schwarzen Felsen. Sie ließen Muscheln aus ihrem Schnabel herunterfallen und stürzten hinterher, um zu sehen, ob sie aufgesprungen waren und das Fleisch freigaben. Marie liebte diese Spaziergänge am Strand, im Sommer wie im Winter. Sie machten ihren Kopf frei für neue Gedanken. Ihr Körper tankte Energie. Aber jetzt sollte sie vielleicht umkehren, es gab im Haus einiges zu tun, sicher war ihre Haushaltshilfe inzwischen da. Am Morgen waren zwei Gäste abgereist, und neue hatten für heute reserviert, das Zimmer musste hergerichtet werden. In ihrer Tasche klingelte das Handy.

»Ja, hallo.«

»Madame Bertaux, hier ist Wan.«

Ihre Haushaltshilfe, eine Vietnamesin, war am Telefon, als hätte sie Maries Gedanken erraten.

»Eben sind Gäste eingetroffen, ein Ehepaar aus Paris.«

»Was, jetzt schon? Sie hatten sich für heute Abend angekündigt.«

»Sie sagten, sie hätten es eher geschafft und würden die Zeit gern schon für einen Spaziergang nutzen. Aber ich habe das Zimmer noch nicht fertig. Sollen sie im Salon warten?«

»Ja. Oder besser: Geben Sie ihnen den Code für die Haustür, dann können sie gehen und wiederkommen, wann sie wollen. Das Gepäck können sie solange im Salon stehen lassen. Aber Sie müssen sich deswegen nicht beeilen, es war anders vereinbart.«

»Ist gut. Es sind nette Leute. Sie haben sich entschuldigt, dass sie so früh angereist sind.«

»Dann erwarten sie sicher nicht, dass sie ihr Zimmer schon beziehen können. Ich bin bald zurück. Bis später.«

Wan kam jeden Tag, wenn Gäste da waren. Sie reinigte die Zimmer, half bei der Wäsche und beim Abwasch. Marie bereitete für die Gäste ausschließlich das Frühstück zu, Mittag- oder Abendessen gab es bei ihr nicht. Die meisten wollten sowieso in einem der bekannten Restaurants wie dem Central, dem Vapeur oder dem Les Mouettes Meeresfrüchte oder Fisch essen. Maximal vier Gäste, das war überschaubar, oft wohnten auch Einzelpersonen bei ihr, die die persönliche Atmosphäre bei ihr einem anonymen Hotel vorzogen.

Ja, sie sollte wirklich umkehren.

»Arsène!«

Der Hund war einige Meter vorausgelaufen.

»Arsène!«

Er reagierte nicht.

»Arsène!«

Sie wurde ungeduldig, wie immer, wenn der Hund nicht gehorchte. Er stand regungslos an einer Stelle, an der zwei niedrige Felsen eine Art Wanne bildeten. Marie näherte sich von der Seite, dann entdeckte sie, was die Flanken des Retrievers noch halb verbargen. In dieser natürlichen Wanne schwamm etwas, etwas Großes, ein Mensch, ein Mann. Und dieser Mann war tot.

Maries Atem beschleunigte sich. Unwillkürlich blickte sie sich um. Da war niemand, sie war allein. »Du lieber Himmel«, sagte sie laut, und dann musste sie Arsène davon abhalten, in die Wanne zu springen und mit dem Toten zu spielen.

Nach dem ersten Schock trat sie zögernd näher an die Felswanne heran. Der Mann wirkte gar nicht so furchterregend, wie sie im ersten Moment befürchtet hatte. Er war bekleidet mit einer blauen Hose und einem karierten Hemd. Alles, was sie jemals über Ertrunkene gehört oder gelesen hatte, traf auf ihn nicht zu. Kein aufgedunsener Körper, keine grünliche Hautfarbe. Er lag auf dem Rücken, offenbar hatte ihn eine Welle zwischen diese zwei Felsen gespült. Sanft schaukelte ihn das Wasser hin und her, wie ein Kind, das gewiegt wird. Die dunklen Haare umwölkten seinen Kopf, und sein Körper hatte etwas Leichtes, Schwebendes. Sein Alter war schwer zu schätzen, vielleicht Mitte vierzig.

Maries Gedanken überschlugen sich. Was war mit ihm passiert? War er ertrunken, von einem Schiff ins Meer gefallen? Oder gesprungen? Vielleicht war er aber auch keines natürlichen Todes gestorben. Vielleicht hatte ihn jemand getötet. Man sah es dem Toten nicht an, auf welche Weise er ums Leben gekommen war. Sie hatte das Gefühl, das Gesicht schon einmal gesehen zu haben, aber sie mochte sich irren. Sich über die Leiche beugen, um die Gesichtszüge genauer zu betrachten, wollte sie nicht. Und nun? Was sollte sie tun?

Geistesabwesend glitt ihre Hand in die Jackentasche. Das Handy! Sie musste jemanden benachrichtigen. Die Feuerwehr, die war zuständig bei Unfällen. Aber wenn es gar kein Unfall war? Nein, sie würde Jacques anrufen. Das tat sie nicht unbedingt gern, aber auf Bedenken konnte sie unter solchen Bedingungen keine Rücksicht nehmen. Dass der Kriminalkommissar von Deauville ihr ehemaliger Geliebter war, durfte angesichts eines Toten keine Rolle spielen.

Marie atmete tief ein und zwang sich zur Ruhe. Jacques’ Nummer war in ihrem Handy noch gespeichert, sie hatte sie nie gelöscht. Er meldete sich sofort, als hätte er auf ihren Anruf gewartet.

»Mordkommission Deauville-Trouville, Leblanc.«

»Jacques, hier ist Marie.«

»Hallo, chérie, möchtest du mal wieder mit mir ausgehen?«

Trotz der beunruhigenden Situation, in der sie sich befand, musste sie lächeln, als sie Jacques’ dunkle, vibrierende Stimme hörte. Er klang wie immer, seine Worte waren typisch für ihn. So war er, Jacques Leblanc, so kannte sie ihn.

»Du änderst dich nie!«

»Warum sollte ich? Ich bin Junggeselle, und die Frauen mögen mich. Du magst mich doch auch noch, chérie!«

»Ach, Jacques, wir haben das doch hinter uns.«

»Was man hinter sich hat, kann man auch wieder vor sich haben.«

»Hör zu, ich bin hier am Strand … ich habe …«

Maries Zögern gab Leblanc die Gelegenheit nachzuhaken.

»Du hättest dir besseres Wetter aussuchen sollen, dann wäre ich sofort bei dir. Aber wir könnten heute Abend …«

Marie unterbrach ihn.

»Ich fürchte, du wirst jetzt kommen müssen. Vor mir liegt ein toter Mann.«

Die Tonlage des Kommissars änderte sich wie auf Knopfdruck.

»Wo bist du genau?«

»In der Nähe der Treppe vom Campingplatz, ein Stück weiter Richtung Villerville. Der Mann liegt im Wasser, er hängt zwischen zwei Felsen fest.«

»An der Steilküste, da haben wir mit dem Wagen keine Chance. Hast du etwas bemerkt? Ist jemand in der Nähe gewesen?«

»Nein, niemand. Ich bin mit dem Hund allein, Arsène hat den Toten gefunden.«

»Ist dir etwas an dem Mann aufgefallen?«

Ich weiß nicht, ich glaube, ich habe ihn schon mal gesehen, aber ich kann mich täuschen.«

»Okay. Bleib da und warte, bis wir eingetroffen sind. Ich fordere den Helikopter an, in fünfzehn, zwanzig Minuten müssten wir am Strand landen.«

Jacques hatte aufgelegt. So wechselhaft er in seinen Frauengeschichten war, so zuverlässig tat er seine Arbeit als Kriminalkommissar. In Paris hätte er eine unaufhaltsame Karriere vor sich gehabt, vor einem Jahr hatte er es aber vorgezogen, in die Normandie versetzt zu werden. »Ich werde in die Geschichte eingehen als der Maigret der Kanalküste«, sagte er nur, wenn er gefragt wurde, warum er nicht in Paris geblieben war. Jacques brachte immer alle zum Lachen, Jacques mit seinem dichten, grauen Haarschopf, der ihm über den Nacken fiel, den langen Beinen, dem schlenkernden Gang, mit seinem unwiderstehlichen Charme, dem selbst Männer verfielen. Man konnte die Anzüge, die er trug, für einen Tick zu jugendlich und die Schuhe für ein wenig zu spitz halten. Jacques war über jede Kritik erhaben. Er trug seine Kleidung mit dem Ausdruck größter Selbstverständlichkeit und größter Selbstironie. Auch die Koketterie war eine perfekte Inszenierung, Jacques Leblanc ging eher als Schauspieler denn als Kriminalkommissar durch. Die Welt war ihm eine Bühne und musste bespielt werden. Er brauchte Publikum, vor allem weibliches. Mit einer Frau an seiner Seite lief er in der Öffentlichkeit zur Höchstform auf. Nur durfte man nichts von ihm erwarten, was über diesen einen Abend, diese eine Nacht hinausging.

Während Marie an ihn dachte und an die Zeit, als sie in Paris zusammen gewesen waren – sie zweifelte, ob dieses Wort dafür das passende war –, nahm sie von Ferne das Knattern eines Helikopters wahr. Sie hatte sich mit Arsène, den sie inzwischen angeleint hatte, einige Schritte von dem Toten entfernt, nicht weil er ihr unheimlich gewesen wäre, sondern weil sie sich indiskret vorkam, als würde sie jemanden beim Baden beobachten, der sich allein glaubte.

Das Helikoptergeräusch wurde lauter. Arsène, der Lärm nicht ausstehen konnte, drückte sich an ihre Beine. Sie hielt ihm die Ohren zu, denn der Hubschrauber schwebte jetzt über dem Steilhang und setzte mit Getöse zur Landung auf dem Strand an. Die Tür klappte nach außen auf, und Jacques und vier weitere Personen sprangen heraus. Die Rotoren des Helikopters wurden langsamer, stoppten, der Motor wurde ausgeschaltet. Jacques lief auf sie zu.

»Und, wo ist er? Du siehst gut aus, chérie.«

»Danke. Er schwimmt da hinten.«

Marie zeigte mit dem Finger auf die Felsenwanne. Die Polizisten waren schon auf dem Weg dahin.

»Bist du immer so gelassen, wenn du eine Leiche findest?«

»Ich weiß nicht, es ist meine erste.«

»Du solltest zu uns kommen, bei der Kriminalpolizei können wir Leute gebrauchen, die hart im Nehmen sind.«

»Ach, nein, vielen Dank, in meinem Alter fange ich keinen neuen Beruf mehr an.«

»In deinem Alter – was soll das denn heißen?«

Jacques tätschelte Arsène den Kopf.

»Ein schöner Hund, das weiß er auch, nicht?«

Arsène bedachte Jacques mit einem Augenaufschlag. Diese Art, sich Zuneigung zu verschaffen, beherrschte er perfekt.

»Er hat die Leiche gefunden? Er könnte ein guter Spürhund werden.«

»Vielleicht hätte ich ihn nicht Arsène nennen sollen. Nomen est omen.«

»Ha, Arsène, das ist gut, wir würden perfekt zusammenpassen, Arsène Lupin, der geniale Meisterdieb, und Leblanc, sein Schöpfer. Schade, dass ich nicht Maurice heiße. Demnächst schleppt dir dein Hund bestimmt Diamanten an. Warte hier, ich komme gleich zurück, ich will mir den Toten ansehen.«

Marie überlegte einen Moment. Tatsächlich, Jacques hatte recht. Sein Nachname Leblanc stimmte mit dem des Autors der Arsène-Lupin-Romane überein. Sie mochte die Figur des charmanten Gauners, deshalb hatte sie den Hund nach ihm benannt.

Jacques ging die paar Schritte zu der Felsenwanne. Eine Polizistin und ein Mann in einem langen, dunklen Regenmantel beugten sich darüber. Als Jacques zu ihnen trat, machten sie ihm Platz. Er warf einen Blick auf den Toten.

»Das ist Manu. Du kennst ihn doch auch, Nadine, oder?«

Die Polizistin nickte zustimmend.

»Ja, ich hab gerade zu Serge gesagt: ›Das ist Manu.‹«

»Serge, willst du ihn dir genauer ansehen?«

»Bringt nicht viel im Wasser«, erwiderte der Mann im Regenmantel. Es war der Rechtsmediziner. »Wenn ihr die Gegend abgesucht habt, holen wir ihn raus. Dann nehme ich ihn unter die Lupe.«

Leblanc begann laut zu denken.

»Er könnte angespült worden sein, oder jemand hat ihn hier am Strand … Unwahrscheinlich, wieso sollte sich einer die Mühe machen, ihn hierherzubringen?«

Dann wandte er sich wieder an den Kollegen von der Rechtsmedizin.

»Serge, kannst du schon sagen, wie lange er im Wasser war?«

Der Rechtsmediziner zog eine Hand der Leiche zu sich heran und betrachtete die Haut.

»Waschhaut, aber noch nicht sehr ausgeprägt. Zwischen sechs und zwölf Stunden, würde ich sagen. Aber ich muss ihn genauer untersuchen, um das präzisieren zu können.«

Die zwei Polizisten von der Spurensicherung hatten sich in der näheren Umgebung umgesehen und traten auf Leblanc zu.

»Nichts Auffälliges, keinerlei Spuren, außer von der Dame da und dem Hund.«

»Dann könnt ihr den guten Manu jetzt aus der Wanne holen«, ordnete Leblanc an. »Nadine, du gehst rüber zur Segelschule und fragst, ob jemandem etwas aufgefallen ist, vielleicht war der Aussichtsposten besetzt. Und komm dann direkt ins Präsidium.«

»Wird gemacht, Chef.«

Marie wartete die ganze Zeit am Rand des Steilhangs und beobachtete die Szene. So etwas kannte sie bisher nur aus Filmen. Jacques näherte sich ihr.

»Der Tote ist Manu«, erklärte der Kommissar.

»Wer ist Manu?«, fragte Marie, und ihr fiel wieder ein, dass ihr das Gesicht bekannt vorgekommen war.

»Manu, du kennst doch Manu, den Rumtreiber, er hat hier und da Aushilfsarbeiten gemacht, die ihm ein paar Euro einbrachten. Er ist dir bestimmt schon über den Weg gelaufen. Ein netter Kerl, überall beliebt. Das verdiente Geld hat er gleich in Alkohol umgesetzt. Er hat gern ein Glas zu viel getrunken und in den Blumenbeeten beim Flaubert-Denkmal geschlafen. Mehr als einmal hat ihn da morgens die Müllabfuhr aufgesammelt.«

»Hm, wahrscheinlich habe ich ihn in der Stadt gesehen. So wie man Gesichter von Leuten wahrnimmt und wieder vergisst. Wisst ihr schon, was mit ihm passiert ist?«

»Nein, unser Rechtsmediziner muss ihn erst untersuchen. Marie, du hast niemanden unterwegs getroffen?«

»Bei diesem Wetter geht doch keiner raus! Zwei, drei Leute auf dem Plankenweg, danach keine Menschenseele mehr.«

Marie beobachtete, wie die zwei Polizisten den Leichnam auf eine Plastikplane hievten. Vor ihren Augen verwandelte sich der im Wasser scheinbar schwerelos schwebende Tote in einen sackartigen Klumpen. Neben der Plane befand sich ein Metallkoffer, der offenbar die Instrumente des Rechtsmediziners enthielt, und es stand dort auch der Sarg, den die Polizisten aus dem Hubschrauber geholt hatten. Darin würde der Tote seine letzte oder eher vorletzte Reise antreten. Jacques registrierte Maries Blick.

»Du solltest jetzt besser gehen«, sagte er. »Und komm doch heute Nachmittag aufs Präsidium in Deauville, wir müssen ein Protokoll darüber aufnehmen, wie du Manu gefunden hast. Und bei Gelegenheit gehen wir mal wieder essen, ja? Ich lass nicht locker.«

»Präsidium ja, essen mal sehen.«

Marie drehte sich im Gehen noch einmal um. Sie konnte erkennen, wie der Rechtsmediziner neben der Leiche kniete und sich an dem toten Körper zu schaffen machte. Sie wollte jetzt schnell nach Hause.

An der Eingangstür drückte sie die Ziffern des Codes. Der Salon war leer, die Gäste hatten es offenbar vorgezogen, nicht hier zu warten.

»Nein, Arsène!«

Um sich der Prozedur des Abtrocknens zu entziehen, trottete der Hund die Stufen zur Küche hinauf. Er mochte es nicht, mit einem Handtuch abgerubbelt zu werden. Marie lief hinter ihm her und zerrte ihn am Halsband in den Salon zurück.

»Madame?«, rief Wan vom oberen Stockwerk herunter.

»Ja, ich bin wieder da, es ist etwas später geworden.«

Arsène wand sich unter dem Handtuch.

»Die Zimmer sind fertig, und das Gepäck der neuen Gäste habe ich raufgebracht. Sie kommen nach dem Mittagessen zurück.«

»Wunderbar, Wan. Vielen Dank.«

Die Eingangstür führte ohne Flur direkt in den Salon. Marie hatte ihn mit Sisalteppich auslegen lassen, vor dem Kamin hatte sie eine Sitzecke eingerichtet, mit einem mauvefarbenen Sofa und zwei Sesseln. Von einem kleinen Regal neben dem Kamin konnten sich die Gäste Bücher oder Zeitschriften ausleihen. Im Salon servierte sie auch das Frühstück. Die Küche im Mezzanin mit Spülmaschine und Geschirrschränken war eigens für die Zubereitung des Gäste-Frühstücks gedacht. Im ersten Stock des Hauses lagen die zwei Gästezimmer, und im zweiten hatte Marie ihre Wohnung, drei Zimmer, Küche, Bad und eine kleine Dachterrasse.

Das Konzept, unten die Gäste, oben Maries separate Räume, hatte ihre Freundin Dominique entwickelt. Dominique hatte, bevor sie mit ihrem Mann ein Restaurant eröffnete, als Innenarchitektin gearbeitet und ihr beim Ausbau des Hauses geholfen. Während sich die Gäste im Salon aufhielten, konnte sich Marie in ihre Wohnung, ihren privaten Bereich zurückziehen.

Sie stieg die Holztreppe in den zweiten Stock hinauf. Im Moment wollte sie nichts lieber, als ihre durchnässte Kleidung loswerden. Ihre Jeans warf sie in die Badewanne, anschließend zog sie eine schwarze Hose an, dazu einen grünen Pullover. In der Küche stellte sie den Wasserkocher an, füllte Tee in die Kanne und goss das heiße Wasser darauf. Mit einer Tasse Tee setzte sie sich auf die Couch.

Sie dachte an den toten Mann, wie er dort im Wasser schwebte, und erst jetzt wurde ihr das Ungeheure dieser Geschichte bewusst. Was ihm wohl passiert war? Der Tod war für Marie etwas Unfassbares. Als Kind hatte sie versucht, sich vorzustellen, wie es ist, wenn man tot ist und die Welt ewig weiterbesteht. Sie hatte im Dunkeln in ihrem Bett gelegen, und der Gedanke an ihre eigene Endlichkeit angesichts des ewigen Fortbestehens der Welt hatte ihr Angst gemacht. Bis sie schließlich nach ihrer Mutter rief, die zu ihr eilte, das Licht anmachte und sie von ihren düsteren Fantasien befreite. An dieses Gefühl aus ihrer Kindheit wurde sie erinnert, wenn sie an den Tod dachte. Neuerdings kamen ihr allerdings Zweifel, ob die Welt, zumindest der Planet Erde, überhaupt eine fernere Zukunft vor sich hatte oder nicht eher zum Aufgeben gezwungen war, bei allem, was er zu erdulden hatte.

Weg mit diesen Gedanken, das führt zu nichts, befahl sie sich selbst. Am besten redete sie mit jemandem, am besten mit Rachel, die hatte sie sowieso anrufen wollen. Sie nahm ihr Handy vom Tisch und streckte sich auf der Couch aus.

»Hallo, Rachel, hier ist Marie. Ich bin am Hôtel des Roches Noires vorbeigegangen und hab an den offenen Fensterläden gesehen, dass du in Trouville bist. Wie lange bleibst du?«

»Marie! Du kommst mir zuvor. Ich hätte dich heute auch angerufen. Entschuldige, dass ich mich noch nicht gemeldet habe. Ich bin seit drei Tagen hier, aber ich war so erschöpft, dass ich fast nur geschlafen habe. Wann haben wir uns das letzte Mal gesprochen? Das ist mindestens drei Monate her. Um deine Frage zu beantworten: Ich nehme mir eine Woche Auszeit, ich brauche dringend Ruhe und frische Luft. Wie geht es dir?«

»Ich kann nicht klagen. Und dir?

»Ich hatte eine Ausstellung in Madrid. Anstrengend, aber ein erster Schritt auf den spanischen Markt. Sag mal, triffst du Jacques eigentlich manchmal? Es ist schon merkwürdig, dass ihr beide jetzt in Trouville seid.«

»Gerade eben habe ich ihn gesehen. Am Strand. Auf meinem Spaziergang mit Arsène habe ich einen Toten entdeckt, da musste ich ihn natürlich anrufen.«

»Um Gottes willen, Marie, du musst ja völlig durcheinander sein. Willst du herkommen?«

»Danke, es geht schon. Wollen wir heute Abend bei Dominique zusammen essen? Dann erzähle ich dir alles.«

»Gern. Aber bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst? Kann ich irgendetwas für dich tun?«

»Mach dir keine Sorgen, es geht mir gut. Heute Nachmittag muss ich nach Deauville ins Kommissariat, ein Protokoll aufnehmen. Ich freue mich, wenn wir uns heute Abend sehen. Um acht?«

»Okay. Und wenn du doch nicht allein sein willst, ich bin für dich da. Du meldest dich, versprochen?«

»Versprochen.«

Marie legte auf und rief gleich darauf Dominique an.

»Hallo, Dominique, hier ist Marie. Ich möchte heute um acht mit Rachel bei euch essen. Reservierst du uns einen Tisch?«

»Natürlich, gern, Marie. Ist alles in Ordnung? Du klingst etwas bedrückt.«

Die feinfühlige Dominique nahm kleinste Stimmungsnuancen bei ihrer Freundin wahr, selbst am Telefon.

Marie seufzte. »Ich hab vorhin am Strand einen toten Mann gefunden, an der Steilküste bei den schwarzen Felsen. Dann habe ich Jacques angerufen, und kurz darauf landete ein Helikopter mit den Polizisten, ein Rechtsmediziner war auch dabei.«

»Wie schrecklich! Du Arme!«

»Der Tote ist jemand aus Trouville, Jacques kennt ihn, und ich glaube, ich habe ihn auch schon mal gesehen. Er heißt Manu.«

»Manu! Ja klar, den kennt jeder. Hatte keinen Job und machte Hilfsarbeiten, ein gutmütiger Kerl, aber er war oft betrunken.«

»Ich soll heute Nachmittag im Präsidium ein Protokoll unterschreiben. Und Jacques versucht schon wieder, mich in seine starken Arme zu schließen. Du kennst ihn ja.«

Dominique lachte kurz auf. »Vor ein paar Wochen war er bei uns im Restaurant mit einer neuen Flamme, mindestens zwanzig Jahre jünger als er. Wenn du mich fragst, es geht ihm nur darum, sie zu erobern. Wenn er das geschafft hat, ist das Interesse weg, und er sucht sich die Nächste. Ich glaube, nur mit dir hat er es länger ausgehalten.«

»Aushalten ist das richtige Wort. Weißt du, Jacques kann nicht mit einer Frau zusammenleben. Vielleicht würde er es gerne, aber es gelingt ihm nicht. Ihm fehlt irgendein Gen für Beständigkeit. Aber egal. Was gibt es denn Leckeres bei euch zu essen?«

»Wir haben Jakobsmuscheln und wunderbaren Barsch. Und ein Salzwiesenlamm. Du kennst doch Paul, er wird schon etwas Gutes daraus zaubern.«

»Davon bin ich überzeugt. Bis heute Abend, Dominique.«

»Ciao, Marie.«

Zwei