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Posts, Shops, Dates – die Berlinerin Jessica rauscht mit ihrer Mädelclique via Smartphone im Spaßfieber durch das Leben. Einen fetten Extrakick beschert der brandneue Smart TV, ein spontanes Geschenk von ihrem Dad. Der riesige Monitor ist wie geschaffen für die hippsten Videos, Serien und Webshops. Von DCC, der Data Control Corporation, hat die junge Frau noch nie gehört. Allein Jessicas öder Job als Japanisch-Übersetzerin bei "Global Translation Network" sorgt für Dauerfrust. Bis sie eine heiße Affäre mit ihrem Kollegen Sascha beginnt. Er hat Jessica über "Touch" gedatet. Dennoch beschließt sie an ihrem 25. Geburtstag spontan, den Job hinzuschmeißen. An anspruchsvollen Angeboten auf dem Arbeitsmarkt herrscht schließlich kein Mangel. Via Smart TV begibt sie sich auf die Suche nach dem absoluten Traumjob. Der reale Höllentrip beginnt ohne Vorwarnung mit einer bizarren SMS. Während Jessica noch an einen üblen Scherz glaubt, wühlt sich ein Hacker durch ihr digitales Leben. Zuerst übernimmt "Ghostdevil" ihren Smart TV, danach das Smartphone. Aus dem intimen Leben der jungen Frau werden virale Hits. Gleichzeitig hagelt es Absagen auf Jessicas Bewerbungen. Erst bei einem ätzenden Aushilfsjob stößt sie auf den wahren Grund dafür.
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Seitenzahl: 348
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Daniela Zörner
Blackcouch.com
Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Erster Satz
Erste Frage
www.germany.DCC.com
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Erste Hilfe
Impressum neobooks
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind entweder volle Absicht oder purer Zufall! ;-)
Du glaubst ernsthaft, du hast nichts zu verbergen?
Dann lies!
Für euch, Annilu17 und Anonym_Watch, Blaumond und badforyou, Conja1988 und Chaosfloh, Danceprince und Dirty_Harry, Ellyfly und Egoboss, Fantasy06 und Fettehausfrau, Goldeneye und Galactrixxe, Highfive und HackerMcCracker, Isabelsspace und Idoit, JasbrosZ und Joker, Keinbock und KiaMia, Laracappucino und LonelyRider, Merkurlove und Machoking, NullQuark und No_Sunshine, Orlandofan und Ohohomo, Prgvs4 und Papiertiger, Quasselstrippe und Quasimodo, Rebell007 und Rotzfrech, Szenario93 und Schokofrosch, Trashback und Timefortea, Ungesund und Uhuhuhu, Virusscript und V2you, Wurstbrot und Warrior4IT, xundnix und Xmachine3000, YouToMe und Yvonne123, Zickenhasser und Zappenduster …
∙Data Control Corporation∙
Big Data. Whoever. Whatever.
Perfect netcontrolled.
Unsere Kompetenz in Datenanalyse:
Ihre Kunden und Mitarbeiter im Fokus.
Wir checken heute Ihren Mitarbeiter von morgen.
Wir finden heute Ihren Kunden von morgen.
Unsere Kompetenzteams analysieren in Echtzeit global Milliarden von Tweets, Comments und Postings in Social Media, durchforsten Datenbanken und Cloud-Dienste.
Erfahren Sie, was Ihre Mitarbeiter von morgen denken und tun.
Big Data. Get deep. Get inspired.
„Ärger im Anmarsch“, murmelt Sascha nach verstohlenem Blick auf einen Schatten hinter ihrem Rücken.
„Jessica! Kommst du bitte in mein Büro?“
Ups, der Chef persönlich. Das wäre kein Problem, würde sie sich gerade auf ihrer eigenen Etage und an ihrem Arbeitsplatz befinden. Stattdessen lehnt Jessica an Saschas vollgerümpeltem Schreibtisch im Osteuropa-Großraumbüro. Mindestens eine halbe Stunde trödelt sie schon hier herum, anstatt über langweiligen Übersetzungen ins Japanische zu brüten. Sascha. Seufz!
Mit langen Schritten steuert Mario – man duzt sich bei „Global Translation Network“ – auf sein Glaskastenbüro zu. Ein mindestens 50 Quadratmeter großes „Ich bin hier der Boss“-Refugium.
Jessica weist schnell noch mit ausgestrecktem Finger von ihrem Smartphone zu Sascha, bevor sie Mario nacheilt.
∙DCC∙DCC∙DCC∙DCC∙DCC∙
Data Control Corporation
Sektion: Deutschland
Cloud-ID-Protokoll: DE0693517692/06071991B/
Zugriffscode: ArTh12
Status: Datenbasis
Aktualisierung: webbasiert
Geburtsname: Jaensch / Vorname: Jessica
Geburtsdatum: 06-07-1991 / Geburtsort: Berlin
Adresse: Ruschestraße 20 / 10365 Berlin
A-GPS:Breitengrad: 52.512301 | Längengrad: 13.448252
Personalausweis-IDD: L5Q1012778KA20
Mobil: 0179/22542291112
Passwort:Fingerabdruck
Kontakte: Anna (identified) / Ava (identified) / Bea (identified) / Caro (identified) / Chris (identified) / Denise (identified) / Emma (identified) …show more
Email-Accounts:[email protected]/ [email protected]
Passwort: jessica
Kontakte: Amy Blueson (identified) / Dr. Anton (identified) / Arbeitsagentur (identified) / Arusha Aschenbach (identified) …show more
Web-alias: Jessica1991@crazytimes / belle@hell
Schulbildung: Kindergarten / Grundschule / Gymnasium …details
Ausbildung: Bachelor Japanisch-Freie Universität Berlin …details
Beruf: Übersetzerin
Arbeitgeber: Global Translation Network / 10178 Berlin …details
Sozialversicherungs-ID / Steuer-ID / Krankenversicherungs-ID …details
Bank: Comdirect / Bonität: neutral / Passwort: Jessica1991
Konto / Maestrocard / Kreditkarte …details
Interessen: Lifestyle / Manga / Dating / Klubs / Social Media …details
Net-Follower: Annilu17 (cloud identified) / Avakadabra (cloud identified) / BeaBerlin (cloud identified) / Beauty2you (cloud identified) / Chaosfloh (cloud identified) …show more
*Telefonreport
*Email/Chat/SMS/Tweet Reports
*Fotoreport
*Mobil surfen
*Home surfen
*GPS Report
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„Setz dich bitte.“ Ihr Chef deutet auf einen weiteren Schalensessel der kleineren Sitzgruppe unter den hohen Fenstern, während er sich lässig zurücklehnt.
Jessica plumpst in das tiefe, bordeauxrote Teil. Ätzend cool der Typ samt seinen supergestylten Designmöbeln, geht es ihr durch den Kopf. Läuft mit Dreitagebart, garantiert dunkelblond gefärbten Haaren und im T-Shirt mit Weste drüber wie ein Studi herum. Okay, zugegeben, so ein Wahnsinnsbüro hätte ich anstelle meiner Großraumabsteige auch gerne. Durch die gläsernen Wände kann Mario like Johnny Controlletti hier oben sämtliche Arbeitsplätze beobachten. Wenigstens hockt er nicht auf meiner Etage.
Für ihre Anwesenheit bei Sascha hat sich Jessica in Nullkommanix eine Ausrede gebacken. Also reckt sie herausfordernd das Kinn und blickt Mario direkt an.
„Hast du dich bei uns eingelebt? Dein halbes Probejahr ist annähernd um.“
„Äh.“ Voll überrumpelt. „Äh, ja, habe ich.“
Mario nickt. „Unser Kunde ist mit deinen Übersetzungen weitestgehend zufrieden und winkt mit größeren Aufträgen.“ Erwartungsvoll sieht er zu Jessica herüber.
„Wirklich? Das ist toll“, quetscht sie mit aufgesetztem Lächeln heraus.
„Noch eine Bemerkung. Die Emojis erscheinen mir für deine Kundenkommunikation etwas unpassend.“
Woher weiß er davon? „Quassel-E…“, rutscht es Jessica heraus. Sie schnappt nach Luft, während ihr peinlicherweise das Blut in den Kopf schießt. „Emma Reiter hat damit angefangen. Ich wollte nur nett sein.“
Mit gerunzelter Stirn versetzt Mario: „Wir behandeln unsere Kunden mit Respekt. Auch dann, wenn sie nicht anwesend sind. Verstanden? Dein Arbeitsplatz ist für mich bislang ein Zuschussgeschäft. Ich hoffe, du weißt deine Chance zu nutzen.“ Erstaunlich geschmeidig für einen locker 45-Jährigen erhebt er sich aus dem Schalensessel.
Ob der das geübt hat? Und muss ich jetzt irgendetwas erwidern? Vorsichtshalber haucht sie ein „Okay, mache ich“, während sie sich hochstemmt.
Mario nimmt bereits auf seinem hellbraunen Lederthron hinter dem stahlgebürsteten XXL-Schreibtisch Platz. „Ach, Jessica, achte bitte verschärft auf Flüchtigkeitsfehler. Frau Reiter toleriert so etwas auf Dauer nicht.“
„Sie kann japanisch?“, platzt Jessica heraus.
„Das solltest du eigentlich wissen“, entgegnet er jetzt eisig. „Ich hatte dich während deiner Einarbeitung nachdrücklich darum gebeten, gründliche Informationen über jeden Kunden einzuholen.“
„Ja-a.“ Ach nee, der kann auch auf scheiß autoritär machen.
„Das gehört zu den Basics. Klar?“
„Klar.“
Ihr Chef wendet sich seinen zwei Gigamonitoren zu.
Jessica trottet hinaus, nur um nach wenigen Schritten mit geballten Fäusten die Treppe hinunter ins Asien-Großraumbüro zu stürmen.
Keine ihrer vier Kolleginnen dreht sich um, als sie wütend durch das Büro trampelt. Jede hockt, abgeschirmt von meterhohen Magnetwänden, brav am Arbeitsplatz.
Die vier Mädels haben sämtliche verfügbaren Fensterplätze belegt. Als Newcomerin sitzt Jessica in der zweiten Reihe, direkt hinter Anna. Die restlichen sieben Plätze sind noch ungenutzt. Dabei residiert „GTN“ bereits seit zwei Jahren in den hippen Hackeschen Höfen, mitten in Berlin.
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Data Control Corporation
Sektion: Deutschland
Cloud-ID-Protokoll: DE0072461043/eco
Zugriffscode: McBy
Status: Datenbasis
Aktualisierung: webbasiert
Firma: GTN / Global Translation Network
Übersetzungen: Osteuropa/Asien …details
Geschäftsführer: Dr. Mario Bucher-Neal …details
Handelsregister: HRB9543819 …details
Umsatzsteuer-ID: DE 0376919437
Bank: Deutsche Bank / Bonität: neutral …details
Adresse: Rosenthaler Straße 48 / 10178 Berlin
A-GPS: Breitengrad: 52.52492 | Laengengrad: 13.403525
Web: www.GTN-Berlin.de
Email: [email protected] / [email protected]
Passwort: mabu48
Festnetz: 030/233543643/10
Intranet: decoded
*Kundenreport
*Email/SMS Reports
*Intranetreport
*Telefonreport
*Mobil surfen
*Home surfen
*GPS Report
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Weil Jessica fast platzt, trabt sie geradewegs auf Anna zu, Crack für Koreanisch und schon ewige drei Jahre in dieser Tretmühle angestellt.
Als Gothic-Fan kennt Anna nur eine Farbe: schwarz. Jetzt legt sie den Kopf schief, pustet sich eine schwarze Strähne weg und fragt nur: „Endlich rausgeflogen?“ Denn wenn es um ihren Job geht, ist Anna unausstehlich penibel und 1A diszipliniert. Also das komplette Gegenteil von Jessica.
Atemlos rattert Jessica ihr Chefgespräch herunter. Erst zuletzt stellt sie die alles entscheidende Frage: „Woher weiß Mario von den Emojis?“
„Du hast echt Quassel-Emma gesagt? Ach du Scheiße!“ Wobei ihr Blick zu sagen scheint: Du bist noch dümmer als ich dachte.
„Bleib cool, ist mir rausgerutscht. Was ist jetzt mit den verdammten Emojis?“
Anna beglückt sie mit ihrer fiesen Spezialität, dem „Ich rede jetzt mit einem Kleinkind“-Blick. „Was glaubst du denn, was Big Boss den ganzen Tag treibt?“
„Was weiß ich? Neue Kunden an Land ziehen.“
„Und aufpassen, dass wir hübsch brav sind“, kichert Anna und tippt sich an ihr, natürlich schwarzes, Nasenpiercing.
„Der liest mit?“, ruft Jessica fassungslos.
„Leise!“, zischt ihre Kollegin. „Kannst du von ausgehen.“
„Wo bin ich denn hier?“
Achselzuckend meint Anna: „Was dachtest du denn, wie das in so einem Laden läuft?“ Während sie sich zum Monitor wegdreht, bemerkt sie noch: „Dein Dutt ist verrutscht.“
Sprachlos macht Jessica kehrt und reißt im Gehen ein halbes Dutzend lange Haarnadeln samt Gummiband heraus. Zuletzt schüttelt sie ihre rotblonde Mähne über ihrem orthopädisch korrekten Bürostuhl aus. Der ist hellgrau, so wie Schreibtisch und Trennwände. Scheiß Ödnis. Sie zieht ihr Handy aus der Jeanstasche, schiebt es heute lieber zur hintersten Tischecke und checkt stattdessen die Mails.
Neues Material von Q…-Emma, eingegangen um 12 Uhr. Blöde Zicke! Wieso schaufelt die nicht einfach das Material her, anstatt es mit „Ich habe die größte Emoji-Sammlung der Welt“ voll zu pflastern? Und obendrein dieses stumpfsinnige Gefasele: „Hier regnet es“, „Bin ab 14 Uhr wieder online“, „Falls du Fragen hast“, blablabla.
„Oh!“ Diese Mail klingt megaverheißungsvoll.
˃ Kaffee nach der Arbeit? Sascha ˂
˃ Super. Hol mich hier ab. Jessica ˂
˃ Gebongt. Sascha ˂
Jessica strahlt und schnappt sich trotzig ihr Smartphone. Übermütig schießt sie ein Selfie mit heraushängender Zunge vor ihrem grauen Arbeitsplatz. Mit dem Slogan „Mad Monday but Superdate“ teilt sie es auf Flickr.
Flink fegt sie YouTube durch.
Ein flüchtiger Blick auf ihren Monitor zeigt die nächste Mail von Sascha an. Wieso benutzt er eigentlich das Intranet?
˃ Starbucks oder Coffee & Time? Sascha ˂
˃ Unbedingt Coffee & Time. Jessica ˂
˃ Perfekt. Sascha ˂
Wenige Minuten später bleibt sie in ihrer WhatsApp-Community hängen.
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Data Control Corporation
Sektion: Deutschland
Cloud-ID-Protokoll: DE0693517692/06071991B/
Status: Update 24-06-2016/ Jaensch/Jessica
GPS:
Ruschestr. 20 / Hackescher Markt / Rosenthaler Str. 48
Email/SMS/Chat/Tweet:
08:16 >Wtf…Eyeliner klumpt!!!!! Jessi<
08: 24 >Sag doch, totaler Schrott. Bea<
…show more
11:23 >Was mit Gutschein oder so? Lina<
12:00 ”Reiter/Emma” <[email protected]>
Content: >Hallo, Jessica!< …details
12:07 >Kaffee nach der Arbeit? Sascha<
12:25 <belle@hell>
Comment: >Echt saublöder vlog!!!!!!!!<
…show more
Foto:
12:21 Flickr
>Mad Monday but Superdate< show photo
Mobil surfen:
WhatsApp / Aboutyou / Xing / Flickr / Stylight / Jolie / YouTube …details
∙DCC∙DCC∙DCC∙DCC∙DCC∙
„Hrmmrhmm, jemand zuhause?“ Annas mit einem hässlich klobigen Eulenring verzierte Hand schlenkert vor Jessicas gesenktem Kopf herum. „Geht mich ja eigentlich nichts an, aber ich an deiner Stelle würde mich nach dem Anschiss mächtig ins Zeug legen.“
„Wie?“ Jessica schreckt von ihrem Handy hoch. Seit geraumer Zeit tauscht sie sich mit ihren Freundinnen über Ideen für Beas Geburtstagsgeschenk aus.
„Arbeit“, sagt ihre Kollegin betont langsam, bevor sie mit einem randvollen Kaffeebecher weiter zum Schreibtisch balanciert.
„Ja, ja, kommt jetzt.“ Widerwillig legt Jessica das Smartphone weg und lädt zwei Dateien von Q…-Emma herunter. Zähneknirschend entschließt sie sich zu einer kurzen, freundlichen Eingangsbestätigung. Nur deshalb registriert sie die gesetzte Deadline endlich und kreischt: „Scheiße! Was soll das denn? Abgabe 15 Uhr spätestens?“ Hektisch huschen ihre Augen in die Monitorecke. 13.17 Uhr. „Spinnt die?“
Um 15.09 Uhr haut Jessica stöhnend auf Senden, mitsamt dem lupenrein geschleimten Begleittext à la „die irre Verspätung tut mir echt leid“.
Noch knapp zwei Stunden bis zum Feierabend mit Sascha absitzen. Wow. Eigentlich könnte ich bis dahin mal mein Profil bei Xing updaten.
Gerade als sie sich dafür das Smartphone angelt, vernimmt Jessica eine Stimme, die sie zusammenzucken lässt.
„Jessica, könntest du heute ausnahmsweise etwas Zeit dranhängen?“ Mario zappelt aufgeregt hinter ihrem Stuhl, wobei er mit irgendwelchen Ausdrucken in der Hand wedelt. „Neuer Kunde droht mit Auftrag. Falls du den Probetext spitzenmäßig hinbekommst, versteht sich.“
„Auf Papier?“, fragt sie entsetzt.
„Aber nein. Sieh mal in dein Postfach. Abgabe 18 Uhr. Okay?“
„Geht sofort los.“
„Super! Gib bitte hundert Prozent!“, schmettert ihr Chef mit gerecktem Daumen und tänzelt davon.
Was war das denn für ein Auftritt? Hat der irgendwas eingeworfen? „Klar, super“, stöhnt sie, „hoffentlich mal etwas Spannenderes als Gebrauchsanleitungen.“
Mit gerunzelter Stirn überfliegt Jessica den Text. „Eine Bauanleitung wofür, bitte? Eine Kettensäge?“ Restlos genervt klappt sie das abgegriffene Fachwörterbuch auf.
Irgendwann murrt Jessica leise: „Wenn das ewig so weitergeht, verlange ich Schmerzensgeld als Gehaltszuschlag.“
„Träum weiter.“
Sie wirbelt mit dem Stuhl herum. „Verdammt, hast du mich erschreckt.“ Ihre blauen Augen blitzen zornig – aber nur kurz.
„Ich soll dich abholen“, gibt Sascha entschuldigend zurück.
Wie hat sie ausgerechnet dieses Date vergessen können? Gequält gesteht Jessica ihm: „Mario hat mich zu Überstunden verdonnert.“
„Ach so.“
„Könnten wir uns auch später noch treffen?“
„Ist ja kein Muss.“
„Wäre echt toll.“
„Hmmh. Um 21 Uhr im Casa Nostra?“
„Bin ich dabei.“
„Okay, wir sehen uns.“
Sascha schlendert hinaus. Verzückt sieht Jessica ihm nach. Kurze, schwarze Haare, aber im Nacken dieser witzige Zopf. Wer den wohl geflochten hat? Grob geschätzt, dürfte er höchstens drei Zentimeter größer sein als ihre 1 Meter 73. Wobei sie vergisst, die sechs Zentimeter hohen Absätze unter ihren hellbraunen Stiefeln gegen zu rechnen.
Scharf, der Typ! Jessica blättert jetzt doppelt hektisch nach den Übersetzungen. Keine Stunde mehr bis zur Deadline.
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Data Control Corporation
Sektion: Deutschland
Cloud-ID-Protokoll: DE0693873927/02111989A/
Zugriffscode: ArTh12
Status: Datenbasis
Aktualisierung: webbasiert
Geburtsname: Kandt / Vorname: Sascha
Geburtsdatum: 02-11-1989 / Geburtsort: Potsdam
Adresse: Arnold-Zweig-Straße 8 / 13189 Berlin
A-GPS:Breitengrad: 52.5634 | Laengengrad: 13.4257
Personalausweis-IDD: L5Q10970422KA10
Mobil: 0172-7751055810
Passwort:0987
Kontakte: Axel (identified) / Ben (identified) / Drew (identified) / GTN (identified) / Gernot (identified) / John (identified) / Max (identified) …show more
Email-Accounts: [email protected] / [email protected] no update!
Passwort: Arnold8Zweige no update!
Kontakte: Axel Alers (identified) / Ben Borkow (identified) / Drew Costers (identified) / GTN (identified) no update!
Web-alias: Russia2Day / Radau@politzirkus no update!
Schulbildung: Kindergarten / Grundschule / Gymnasium …details
Ausbildung: Bachelor Russisch / Bachelor Kroatisch-Universität Hamburg …details
Beruf: Übersetzer
Arbeitgeber: Global Translation Network / 10178 Berlin …details
Sozialversicherungs-ID / Steuer-ID / Krankenversicherungs-ID …details
Bank: Sparkasse Berlin / Bonität: positiv / Passwort: Arnold8Zweige
Konto / Maestrocard / Kreditkarte …details
Interessen: Politik / Dating / Fußball / Social Media no update!
Net-Follower: AlteSocke (cloud identified) / Anonym-Watch (not identified!) / badforyou (not identified!) / Berndsagt (cloud identified) / desireXL (not identified!) no update!
*Telefonreport
*Email/SMS/Chat/Tweet Reports no update!
*Fotoreportbreakdown alert!
*Mobil surfenbreakdown alert!
*Home surfenbreakdown alert!
*GPS Report:breakdown alert!
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˃ Chefanschiss und Kettensägenmassaker. Cooldown 19 Uhr. Jessi ˂, simst sie auf dem S-Bahnsteig am Hackeschen Markt.
˃ HEUTE? Bea ˂, simst ihre beste Freundin zurück.
Jessica stöhnt genervt auf.
˃ Ja, verdammt!!! Jessi ˂
˃ Okay!? Bea ˂
Normalerweise hängt ihre Mädelclique nur freitags im „Cooldown“ ab, für die rituelle Jagdsaison zum Wochenende. Sprich, sie ackern dort unter heftigem Gekreisch und Gestöhne die frischen Männerangebote auf Touch durch. Für ihre sogenannten Candy Hours am Samstagabend müssen die gedateten Typen mindestens ein Essen springen lassen. Und hinterher versammelt sich im Klub, wer eine Niete erwischt hat – meistens alle.
Jessica steigt am Alexanderplatz in die U2 um. Mindestens zum zwanzigsten Mal schmachtet sie das Foto von Sascha an. Er ist der erste Junge überhaupt, der sie über Touch gedatet hat. Und sie war völlig von der Rolle, als sie heute Morgen endlich mal dahinter kam, dass Sascha ebenfalls bei „GTN“ arbeitet.
Diese grünen Augen! Eigentlich hat er auf Touch ziemlich wenig von sich preisgegeben, überlegt sie. Kein Muskelprotz-Selfie, kein „Ladies, auf mich habt ihr Jahre gewartet“ oder anderer uncooler Schwachsinn.
Nachdem vormittags die internen Mails zwischen Asien-Etage und Osteuropa-Etage immer schneller hin und her flogen, hatte Jessica ihn live an seinem Schreibtisch überrumpelt. Wie verlegen Sascha gewesen war. Echt süß. Und dann musste ausgerechnet Mario dazwischen platzen. Idiot!
Bleibt nur eine klitzekleine Frage für Jessica: Date Nummer wieviel ist sie auf seiner Touchliste?
„Nächster Halt: Eberswalder Straße.“
Aufgeschreckt drängelt Jessica zur Tür. Ihr Smartphone jingelt. Ein Selfie von Susan mit der neuesten Schuhbeute.
„Au! Pass doch auf!“ Wütend reibt sie sich ihre linke Schulter, die so ein pseudotrendiger Vollbart gerammt hat.
„Du mich auch“, murmelt er, ohne von seinem Tablett aufzusehen.
Im Pulk hechtet sie die Treppe hinunter und über die schon rote Fußgängerampel, begleitet von wütendem Hupkonzert. Jessica versucht, sich durch die allgegenwärtigen Menschenmassen auf der Kastanienallee im Prenzlauer Berg vorwärts zu drängeln. Aber das schaffen nur rüpelnde Kamikaze-Radfahrer.
Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit endlich vor dem „Cooldown“ landet registriert sie perplex, dass es gerade erst 18 Uhr 50 ist. Von Bea natürlich weit und breit keine Spur.
˃ Wo bleibst du? Jessi ˂
Keine Antwort.
Also betritt sie die Lounge und staunt nicht schlecht. Fast voll der Laden. Am Montag? Kopfschüttelnd schlängelt sie sich zwischen roten Samtsofas und pechschwarzen, niedrigen Holztischen bis in die hinterste Ecke durch. Keine Chance auf hingefläztes Chillen.
Notgedrungen hüpft Jessica an der Theke auf den nächstbesten Barhocker und ordert einen Latte spezial.
Zum Zeitvertreib scrollt sie bei Snapchat mal wieder die Foodies auf der Suche nach angesagten Restaurants durch. Zwischendurch lauert sie in dem Riesenspiegel auf den nächsten frei werdenden Tisch. Langsam könnte Bea auch mal antraben.
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Data Control Corporation
Sektion: Deutschland
Cloud-ID-Protokoll: DE0693517692/06071991B/
Status: Update 24-06-2016/ Jaensch/Jessica
GPS:
…Rosenthaler Str. 48 / Alexanderpl. / Rosa-Luxemburg-Pl. / Senefelderpl. / Kastanienallee 74 …show more
Email/SMS/Chat/Tweet:
15:10 “Jaensch/Jessica” <[email protected]>
Content: >Hallo, Emma!< …details
16:11 „Bucher-Neal/Mario“ <[email protected]>
Content: >Kundenmaterial im Anhang< …details
17:57 „Jaensch/Jessica“ <[email protected]>
Content: >Sehr geehrter Herr Ruben!< …details
18:21 >Chefanschiss und Kettensägenmassaker …details
18:36 >My new Schuhbidu! Susan<
…show more
Mobil surfen:
Touch / WhatsApp / Facebook / Twitter / Snapchat …details
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Bea reißt die Glastür zur Lounge auf, strubbelt sich flüchtig durch ihren nassgeschwitzten, braunen Kurzhaarschnitt und steuert mit energischen Schritten auf die Theke zu.
„Willst du mich hier versauern lassen?“, fällt Jessica über ihre Freundin her. „Ich warte schon eine halbe Ewigkeit und habe noch immer kein Sofa ergattert.“
„Mach mal halblang, nicht mal viertel nach Sieben“, schnauft Bea. „War beim Zahnarzt.“
„Iiih! In dem Aufzug?“ Mit hoffnungsloser Fall-Mimik mustert Jessica das Anti-Outfit aus giftgrünem Shirt, rosa Jeans und eingestaubten Flipflops.
„Die Weste habe ich in meinen Rucksack gestopft“, versetzt Bea trocken, angelt sich nebenbei eine Serviette, legt ihr Smartphone darauf und wischt los. „Hast du übrigens die Peeptoes von Susan gesehen? Ist das jetzt ihr hundertstes Paar?“
„Ich habe gleich ein Date.“ Breit grinsend guckt Jessica ihre Freundin an.
Tief über ihr Handy gebeugt murmelt Bea: „Der Typ kapiert es nicht. Wenn der mich weiter zutextet, brauche ich eine neue Mailadresse.“
„Hallo?!“
„Diese Nullnummer vom letzten Samstag, uäääh.“
„Bea!“
„Hmmh.“
„Ich – Date – 21 Uhr.“
Ohne aufzusehen, zuckt ihre Freundin desinteressiert mit den Schultern. „Und?“
„Er hat mich gedatet. Und der irre Wahnsinn ist, er arbeitet eine Etage über mir.“
„Echt jetzt?“ Bea checkt Twitter. „Hey, guck mal, total abgefahren.“
Doch Jessica ignoriert das hingehaltene Handy und grummelt angesäuert: „Bist du bald mal fertig?“
„Süße, ich war fast den kompletten Tag offline, bis auf Mittagspause und Wartezimmer. Und da hat mich doch glatt so eine Omi angemacht, das sei in der Praxis verboten. Also bin ich total steinzeitmäßig drauf.“
„Krieg dich, du Fomo.“
„Ja, ja, das sagst ausgerechnet du.“ Gnädig legt sie kurz ab und lacht: „Kettensägenmassaker? Ein echter Montagstrip?“
„Voll die Scheiße.“
Jessica erzählt, während Bea halb lauscht und gleichzeitig Yahoo durchackert.
„Verdammt, ich muss los!“
„Wie jetzt?“
„Kann ich so“, dabei zeigt Jessica an sich herunter, „zum ersten Date?“
„Du eher nicht so.“
Jessica springt vom Barhocker, umarmt ihre Freundin flüchtig, verspricht noch „Ich halte dich auf dem Laufenden“ und spurtet zur Tür.
„Will ich aber mal hoffen!“, ruft Bea ihr nach.
„Du zahlst?“, fragt Lutz, der leider vergebene, supercoole Barkeeper mit exotischem Magister.
„Na toll“, stöhnt sie.
∙DCC∙DCC∙DCC∙DCC∙DCC∙
Data Control Corporation
Sektion: Deutschland
Cloud-ID-Protokoll: DE0693149447/30051991B/
Zugriffscode: ArTh12
Status: Datenbasis
Aktualisierung: webbasiert
Geburtsname: Linke/ Vorname: Beatrice
Geburtsdatum: 29-06-1991/ Geburtsort: Berlin
Adresse: Pappelallee 41 / 10437 Berlin
A-GPS:Breitengrad: 52.54708 | Laengengrad: 13.42001
Personalausweis-IDD: L5Q1047921KA17
Mobil: 0171-956186530
Passwort:Fingerabdruck
Kontakte: Arusha (identified) / Bank (identified) / Carla (identified) / Caro (identified) / Dave (identified) / Jessica (identified) / Kim (identified) …show more
Email-Accounts: [email protected] / [email protected]
Passwort: Shopgirl91 / Matisse2014
Kontakte: Arusha Aschenbach (identified) / Carla Dohme (identified) / Caro Fenn (identified) …show more
Web-alias: HotShopGirl / Bea@Hiho
Schulbildung: Kindergarten / Grundschule / Gymnasium …details
Ausbildung: Bachelor Kunstgeschichte-Freie Universität Berlin …details
Beruf: Galerieassistentin
Arbeitgeber: Trendgalerie / 10177 Berlin …details
Sozialversicherungs-ID / Steuer-ID / Krankenversicherungs-ID …details
Bank: Postbank/ Bonität: neutral/ Passwort: BLinke91
Konto / Maestrocard / Kreditkarte …details
Interessen: Kunst / Design / Dating / Klubs / Social Media …show more
Net-Follower: Irisheye (cloud identified) / Jessica1991 (cloud identified) / Beauty2you (cloud identified) / Wunderlich01 (cloud identified) / Hipflip (cloud identified) …show more
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*Email/SMS/Chat/Tweet Reports
*Fotoreport
*Mobil surfen
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Um kurz nach 21 Uhr hetzt Jessica die Sredzkistraße entlang.
Sascha sieht ihr von der obersten Stufe neben der Eingangstür des ‚Casa Nostra‘ entgegen.
Neugierig taxiert sie sein Outfit aus schwarzer Jeans, grünweißen Sneakern, aber vor allem sein graues T-Shirt. Darauf steht fett gedruckt:
NO I AM NOT ON F*!#ING FACEBOOK
„Hi“, keucht sie. „Wollen wir uns draußen hinsetzen?“ Entschlossen weist Jessica auf den letzten, freien Gartentisch.
Zum Himmel deutend erklärt er: „Dir ist ein Gewitter auf den Fersen.“
„Blöd.“
„Dafür haben wir drinnen freie Auswahl.“
Wenig begeistert folgt Jessica ihm hinein.
Gähnende Leere.
„Hallo, Sascha. Geiles T-Shirt. Zwei Personen?“, begrüßt ihn der Kellner.
Jessicas Augenbrauen wandern überrascht nach oben. Er ist hier Stammkunde? Und das bedeutet? Etwas angefasst folgt sie den beiden zu einem Ecktisch, umgeben von offenen Fenstern.
Auf den Fensterbänken flackern Windlichter romantisch zwischen üppigen Kräutertöpfen. Gar nicht so übel für ein Date, die Location. Dann warten wir mal ab, beschließt Jessica für sich.
Sascha winkt bereits mit zwei Karten. „Wein oder Cocktails?“
Dies soll für Jessica auf gar keinen Fall eine der üblichen Absahn-Candy Hours werden. Denn die bringt frau klugerweise oft heftig alkoholisiert über die Bühne. Entschieden deutet sie auf die Weinkarte, als ihr Smartphone jingelt.
˃ Wie läuft es? :-x Bea ˂
„Wollen wir uns Salat und Pizza teilen? Die Portionen sind immer riesig.“ Sascha schaut hinter seiner Karte hervor.
„Kommt auf deine Vorlieben an“, meint Jessica. Wieder jingelt es. „Bestell du einfach mal und ich lasse mich überraschen. Oder isst du etwa Fleisch?“
„Selten.“
„Echt jetzt?“, fragt sie mit leicht angewidertem Blick.
Verlegen sucht Sascha schnell nach Veggiepizzen.
˃ Du hast heimlich ein Superdate? ;-) Lina ˂
Grinsend verfolgt Jessica, wie in der WhatsApp-Community die Gerüchteküche brodelt.
˃ Dein Touch-Sascha looks hot. *fg* Schon abgelegt? Susan ˂
Jessica simst hastig an ihre Community:
˃ Kb jetzt! Später mehr. Jessi ˂
„Was Wichtiges?“
„Hmmh?“
˃ Das kannst du uns nicht antun. :-& Meggy ˂
Sascha deutet auf ihr Smartphone. „Wichtig?“
„Nur meine zickende Clique.“ Langsam schiebt sie es ein Stück beiseite.
„Wisst ihr schon, was ihr essen möchtet?“ Der Kellner zieht einen Bleistift hinter seinem Ohr hervor.
Jessica deutet auf Sascha.
Während er bestellt, meldet sich ausgerechnet ihre Mum. Sie schielt auf das leuchtende Display.
˃ Jessica, kann die Nummer von Tante Sofie nicht finden. Eilt! Mum ˂
„Mensch, Mum“, stöhnt Jessica leise. Für Sascha erklärt sie: „Ava bringt es ständig fertig, ihr Adressbuch zu löschen.“
Der Kellner serviert eine Karaffe Rotwein, dazu Oliven, Kräuteröl und frisch gebackenes Ciabatta.
Die Zwei stoßen an, während draußen unüberhörbar Donner grollt.
„Warum hast du gerade Japanisch studiert?“
„Warum hast du Russisch studiert?“ gibt sie keck zurück.
„Meine Mutter ist Russin. Deshalb hat sie sich riesig über meine Berufswahl gefreut. Außerdem bin ich ohnehin zweisprachig aufgewachsen.“ Erwartungsvoll sieht er Jessica an.
„Ähem, also unter uns. Ja? In der Oberstufe stand ich total auf Mangas und habe deswegen Japanischkurse belegt. Irgendwie blieb es eben dabei.“
„Klingt fast so, als wäre deine Begeisterung inzwischen verflogen.“
„Von morgens bis abends Gebrauchsanleitungen und solchen Mist übersetzen? Na, Danke.“
˃ Gib endlich Infos, wir schmoren. Bea ˂
Langsam zieht sie das Smartphone wieder näher heran, um besser lesen zu können.
Plötzlich steht eine große Salatschüssel mitten auf dem Tisch.
Anscheinend falsches Thema, beschließt Sascha, und startet einen neuen Versuch. „Wo wohnst du eigentlich, dass du vorhin so aus der Puste warst?“
„Noch in meiner Lichtenberger Studentenbude, unweit U-Magdalenenstraße.“
„Magdalenenstraße? Sagt mir nichts.“
˃ Kunde beeindruckt. Toller Einsatz. Danke. Mario ˂
„Hah, der Chef persönlich.“
Völlig verwirrt braucht ihr Date eine Sekunde, bis reichlich genervt kommt: „Mario? Was will der denn jetzt noch?“
Stolz zeigt Jessica ihm die SMS.
„So was habe ich von Mario noch nie zu hören gekriegt.“
Der Kellner schleudert einen riesigen Pizzateller auf ihren Tisch, hastet weiter zu den Fenstern, schlägt sie zu und in der nächsten Sekunde klatscht die erste Sturmböe prasselnden Regen dagegen.
„Gutes Timing!“, ruft Sascha ihm nach.
Lärmend stürzen mindestens 25 Gäste mit ihren Handys, Gläsern, Tellern oder Taschen in den Händen hinein.
Verzweifelt bemühen sich die drei Kellner im strömenden Regen, so viele Speisen wie möglich von den Gartentischen zu retten.
Jessica nutzt den Tumult, schnell Nachrichten an Bea und ihre Mum abzusetzen.
Daraufhin bemerkt Sascha mit unüberhörbarem Sarkasmus in der Stimme: „Ziemlich große Tischgesellschaft.“
Verwundert guckt Jessica auf und schaut sich im Restaurant um. „Welche meinst du?“
Mit dem Zeigefinger deutet er auf die Tischplatte vor sich.
„Verstehe ich nicht. Soll das ein Joke sein?“
„Na ja, ich dachte, ich wäre nur mit dir verabredet.“
Totale Verständnislosigkeit in ihrem Gesicht.
Also zählt er auf: „Deine ganze Clique, deine Mutter, Mario. Noch wen vergessen?“
„Das sagst du jetzt nur, weil du dein Smartphone vergessen hast“, gibt sie unsicher zurück. „Oder?“ Aber denkt bei sich: Der Typ ist schon etwas speziell.
„Ich kann ohne.“
„Und das soll wozu gut sein?“
„Sich unterhalten, beispielsweise?“
Jessicas braune Augen irrlichten zwischen ihrem Smartphone, dem kaum angerührten Salat und dem bereits kalt gewordenen Pizzastück auf ihrem Teller umher. Aufblickend findet sie in Saschas grünen Augen einen heißeren Fixpunkt. Blind tastet ihre rechte Hand nach dem Jingeln und stopft das Teil in ihren Beutel, der über der Stuhllehne hängt. Dumpf plumpst er zu Boden. Sie belässt es dabei.
„Noch Wein?“, lächelt Sascha.
Wortlos streckt Jessica ihr Glas hin.
Gegen Mitternacht stehen sie gemeinsam in der Mitte des U2-Bahnsteigs Eberswalder Straße.
„Dann bis morgen“, verabschiedet sich Sascha, als seine U-Bahn zuerst einfährt.
„Komm gut nach Hause.“
Über ihr hastig hervor gekramtes Smartphone gebeugt, entgeht Jessica, dass er sich beim Einsteigen nochmal kurz zu ihr umdreht.
Enttäuscht lässt Sascha seine halb erhobene Hand sinken.
Zwei Minuten später verschwindet auch Jessica in der U-Bahn. Sie twittert drauflos.
>Jessica1991@crazytimes #Montagnacht in Berlin. Rendezvous mit Candyman #-) <
> Merkurlove@bluehorizon #Montagnacht. POIDH!!!!! Wo bleibt das Selfie? <
>Jessica1991@crazytimes #Montagnacht. Steht er nicht so drauf. <
>Schokofrosch@wuenschmirwas #Montagnacht. Sondern??? <
>Jessica1991@crazytimes #Montagnacht. :-X. Süße Träume… <
>Merkurlove@bluehorizon #Montagnacht. :-(<
Gähnend trottet Jessica von der U-Bahnstation Magdalenenstraße aus ihrer Miniwohnung entgegen.
Kurz vor Studienbeginn hatten ihre Eltern sie quasi vor die Tür gesetzt. Die Beiden wollten endlich eine Totalrenovierung veranstalten und bei der Gelegenheit aus ihrem Jugendzimmer ein Gästezimmer machen. „Damit wir unsere Freunde morgens nicht mehr schnarchend im Wohnzimmer vorfinden“, so der O-Ton ihrer Mum. Und ihr Vater hatte lapidar gemeint: „Würdest du in Hamburg, Köln oder sonst wo studieren, müsstest du dir ja auch eine eigene Bude suchen.“
Also stifteten ihre Eltern die abgewetzte, schwarze Schlafcouch aus dem Wohnzimmer und bauten gut gelaunt Jessicas paar Möbel für den Abtransport auseinander. Das war es.
Seitdem haust sie auf 34 verwilderten Quadratmetern ohne großartigen Antrieb, daran etwas zu ändern.
Noch angezogen und geschminkt lässt sich Jessica auf das zerwühlte Couchbett fallen. Was für ein Hammertag! Gähnend wie ein Scheunentor knipst sie gedankenlos die alte Stehlampe aus – und vergisst, die Wecker-App zu aktivieren.
Mit dem Gedanken, ein bisschen antiquiert, aber wirklich süß, der Junge, schläft sie ein.
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Status: Update 24-06-2016/ Jaensch/Jessica
GPS:
…Ruschestr. 20 / Magdalenenstr. / Alexanderpl. / Eberswalder Str. / Sredzkistr. 17 …show more
Email/SMS/Chat/Tweet:
21:09 >Wie läuft es? Bea<
21:12 >Du hast heimlich ein Superdate? Lina<
21:13 >Dein Touch-Sascha looks hot. Schon abgelegt? Susan<
21:14 >Kb jetzt! Später mehr. Jessi<
23:57 <Jessica1991@crazytimes>
Tweet: >#Montagnacht in Berlin …details
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Gegen 9 Uhr 30 auch schon mal auf dem Weg ins Büro, genießt Jessica ihren Sitzplatz in einer ungewohnt leeren U-Bahn.
>belle@hell #Katerdienstag. _zz* Voll verpennt. #:-o <
>Avakadavra@zxxryy_ #Katerdienstag. 8-O Ach du Scheiße! Muss ein toller Typ sein!? <
>belle@hell #Katerdienstag. *bg* <
„Schon da?“, macht Anna sie auf dem Weg zum Kaffeeautomaten an.
„Keine Nörgeleien von Coffein-Junkies“, ätzt Jessica zurück.
„Hast echt Schwein, dass Big Boss auf Termin ist.“ An Annas neuer, schwarzer Halskette baumelt eine grüne Glaskugel hin und her, aus der seltsam zirpende Geräusche kommen.
„Puuuh, super!“ Doch kein Riesenanschiss.
Im Mailfach warten fünf Nachrichten, gleich zwei von Sascha. Der verpennt bestimmt nie.
Sicherheitshalber checkt sie zuerst die Deadlines von Q…Emmas neuen Aufträgen. „Kann eine Minute warten.“ Dahinter folgt Marios knappe Ankündigung, der neue Kunde würde „in historisch kurzer Frist“ reichlich Arbeit für sie herüberschaufeln. „Ich freue mich ja so“, mault Jessica.
˃ Hallo, Jessica! Mittagspause im Café Mokka? Gruß Sascha ˂
˃ Bist du okay? Sascha ˂
Schnell haut sie in die Tasten.
˃ Hi, Sascha! Verschlafen!!! Viel Arbeit, keine Pause…Magst du mir evtl. ein Veggie-Sandwich mitbringen? Jessica ˂
˃ Oh shit! Geht klar. Sascha ˂
Das verbessert ihre Laune glatt um einige Graustufen nach oben.
Gefühlt den Rest der Woche quält sich Jessica durch Gebrauchsanleitungen für Wasserkocher, bis Sascha vorsichtig eine Tüte mit ihrem Frühstücksmittag neben der Tastatur ablegt.
„Du bist ein Schatz!“, strahlt sie ihn an.
„Aspirin dazu?“
„Nee, der Wein war Spitze. Vielleicht klappt es morgen mit der Mittagspause?!“
„Morgen bin ich verabredet.“
Sie beißt sich gerade noch auf die Zunge, bevor ihr „mit wem?“ herausflutschen kann.
„Übermorgen?“, legt er hastig nach.
„Ja-a, meinetwegen.“
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09:16 >Hallo Jessica! Mittagspause …details
09:33 <belle@hell>
Tweet: >#Katerdienstag. Voll verpennt.<…details
09:51 >Bist du okay? Sascha<
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20:57 <belle@hell>
Comment: > Empfehle Löschtaste!!!!<
21:34 <belle@hell>
Comment: >Wtf??? Dein Face mit Clownsmaske verwechselt?<
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Jeden Mittwoch trifft sich Jessica nach Büroschluss mit ihrer Mädelclique in der angesagten Strandbar „Sandy & more“ am Spreeufer. Ein streng verteidigtes Ritual.
Barfuß räkeln sich die Fünf in Liegestühlen, genießen Abendsonne, Leute checken und eiskalte Drinks.
„Das muss frau einfach liken. Seht euch diese Muckis an“, kommentiert Lina den Top-Haul des Tages auf YouTube. Mit ihren noch 22 Jahren ist sie die Jüngste im Club.
„Jemand mal seine Gehirnmasse gewogen?“, lästert Susan. Trotz ihrer 26 Jahre büffelt sie mit Lina zusammen im Masterstudiengang für Illustration. Gleich im ersten Bachelorsemester hatte sie das „Küken“ als kleine Schwester adoptiert.
„Du schon wieder, hast doch sowieso nur Schuhe im Kopf.“
„Neuer Haul von Viviane? Die war doch letzten Samstag noch shoppen gewesen!“, ruft Bea fassungslos.
„Ist wahrscheinlich ein Hoax, vom letzten Sommer recycelt oder so“, grunzt Susan abfällig.
„Was geht denn auf Twitter dermaßen ab? Worüber regen die sich alle auf? Fast dreitausend Retweets?“ Jessica versucht, zum Tweet hochzuscrollen.
„Warte mal, checke gerade noch Xing.“ Caro, die PR-Dauerpraktikantin mit blauen Strähnen in weinroter Mähne, kraust kurz darauf die Nase. „Igitt, ist das ekelig.“
Lina lehnt sich weit hinüber. „Enthauptet? Bäh, krass.“
„Dein Ausschnitt ist aber auch nicht ohne, Küken“, bemerkt Susan mit Strohhalm zwischen ihren Zähnen.
„Neidisch, du 1,80 Lulatsch?“
„Irre! Kollektionswechsel bei Zalando! 40 Prozent Rabatt!“, jubelt Caro dazwischen.
„Waaas?“, ertönt es im Chor, begleitet von hektischem Wischen auf sämtlichen Handys.
„Der Rock!“
„Das Top muss ich unbedingt haben. Nur 59 Euro? Totaler Wahnsinn.“
„Sind Ponchos nicht eigentlich für Vollfette?“
„Übrigens ist dein Sascha bei Touch ausgestiegen“, lässt Susan beiläufig die Tagesbombe platzen.
Schweigesekunde, bevor alle Mädels durcheinander reden.
„Mein Sascha“, eröffnet Jessica zähneknirschend, „hatte heute Mittag ein Date – allerdings ohne mich.“
„Uuuh, Zoff im Traumland“, spottet Susan.
„Essena hat ihren Account bei Instagram gelöscht.“ Ratlos guckt Caro von ihrem Smartphone in die Runde und wieder hinunter. „Warum nur?“
„Kein weltbewegender Verlust.“
„Aber ihre tollen Frisuren! Und Essena konnte wirklich alles tragen, seufz.“
„Bye, bye, Baby. Ach Bea, wo steigt denn nun deine Geburtstagsparty am Samstag? Endlich mal entschieden?“
„Nee, und Klamotten habe ich auch noch keine dafür.“
Jessica und Lina tauschen ein verschwörerisches Grinsen hinter dem Rücken von Bea aus.
Die Kellnerin knallt gelangweilt eine neue Runde auf den Rattantisch. „Fünf Mal der übliche Nachschub.“
„Was dagegen, Tessa?“, schnappt Caro. Demonstrativ postet sie die knallbunten Drinks auf Pinterest.
„Merkwürdig. Dein Sascha tut ja ziemlich geheimnisvoll. Kein Account bei WhatsApp oder YouTube, nicht mal Tumblr. Totale Fehlanzeige.“
„Scheint ein ziemlicher Langweiler zu sein.“
„Das nervt total“, stöhnt Bea. „Ploppen bei euch auch ständig diese lila Yeezys auf?“
„Blaue Yeezys.“
„Altrosa. Megahääässlich!“
„Hihi, totschicke Lauflernschuhe für meine Omi.“
„Bei mir nix“, sagt Lina halb enttäuscht.
Bea hält ihr das Smartphone unter die Nase.
„Wer kauft so einen Schrott?“
„Steve twittert, es gäbe einen neuen Superklub im Wedding.“
„Im Wedding? Geht’s noch?“
„Dass du noch immer mit diesem Softrocker abhängst.“
„Schieb mir Sascha rüber und es hat sich ausgerockt.“ Mit wedelnden Armen macht Susan die Kellnerin auf sich aufmerksam.
„Du hattest doch schon zwei Drinks“, protestiert Caro.
„Wieso? Wollt ihr etwa schon los?“ Und zu Tessa frech: „Nachschub, Süße.“
„Also mein Magen knurrt eindeutig: Ja.“
„,Veggie-Burgeria‘?“
„Bloß keine Pizza.“
„Und mein Drink?“
„,All Soups‘?“
„Falafel bei ‚Alibaba‘?“
„Ex und hopp.“
„Ohne mich, Mädels. Ich habe Mama versprochen, kurz vorbei zu schauen“, versetzt Lina bar jeder Begeisterung.
„Wo steckt eigentlich dein Mister Superstyle?“
„In Warschau.“
„Zu warm. ‚Salatwunderbar‘?“
„Also ich bleibe noch. Da hinten tut sich was Interessantes“, verkündet Susan mit demonstrativem Räkeln.
„Heute ist Mittwoch“, ereifert sich Lina.
„Na und? Glaubst du Küken etwa, Boys könnten nur samstags?“
Unter heftigem Prusten überlassen die anderen Susan ihren Flirtattacken.
Insgeheim ist Jessica erleichtert, als aus dem gemeinsamen Essen zuletzt nichts wird.
Allein bummelt sie zum S-Bahnhof Friedrichstraße. Die Lästerei ihrer Freundinnen über Sascha setzt ihr mehr zu, als für eine eingefleischte Singlerin gesund wäre.
Zuhause angekommen, findet sie an der Wohnungstür eine Nachricht von ihrem Dad vor:
Hallo, Liebes!
Dachte mir, du könntest den Smart TV gebrauchen. Der Elektronikmarkt hatte heute eine 2 für 1 Aktion.
Gruß Nick
Ach ja, er ist fertig installiert.
Beim Anblick des Riesenteils, das auf einem alten Umzugskarton vor ihrer Schlafcouch thront, hopst sie kreischend im Zimmer herum: „Wow! Wow! Wow, ist das supergeil!“
„Dad, du bist der Beste!“, jubelt sie ins Handy.
„Wenn du das sagst. Übrigens, wir steigen bei Facebook aus. Nur, dass du Bescheid weißt.“
„Und eure paar Hundert geposteten Fotos und Urlaubsvideos?“
„So ein Technikidiot bin ich nun auch nicht.“
„Hab dich lieb.“
„Lass dich hier mal blicken.“
„Versprochen. Küsschen!“
Wie ein Kind vor seiner riesigen Zuckertorte hockt Jessica wenige Augenblicke später im Schneidersitz auf der Couch. Mit der neuen Fernbedienung in der Hand zappt sie los.
„Das sind mindestens 20 Shoppingkanäle! Und wo geht’s hier online? Hah, Menü, genial simpel.“ Gebannt starrt sie auf den 40 Zoll Bildschirm. Ab und zu murmelt sie nur noch: „Irre, big hammer, Smartphone in die Tonne.“
Im Laufe des späten Abends knattern Downloads, was die Kreditkarte hergibt. Zum Schluss lädt sie den neuesten Serienblog von „Jessica Jones“ bei Netflix herunter. Sie zögert minimal, packt dann noch „Atelier“ in der japanischen Originalversion auf die Festplatte.
„Das muss ultimativ gefeiert werden!“
> Blackcouch-Happening am Smart TV. :B Donnerstag, 19 Uhr. Bringt Futter mit. Jessi <
> Blackcouch-Happening? Hält die das wirklich aus? :-/ Echt jetzt Smart TV? Susan <
> Ja + ja. Schläfst du nie? Jessi <
> Snafu! Strandbar-Eroberung gerade halb nackt rausgeschmissen. >:*) Susan <
> Trzd süße Träume… Jessi <
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Status: Update 26-06-2016/ Jaensch/Jessica
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…Hackescher Markt / Friedrichstr. / Kapelle-Ufer / Friedrichstr. / Lichtenberg / Magdalenenstr. / Ruschestr. 20
Email/SMS/Chat/Tweet:
16:55 >S-Bahnchaos… Caro<
16:56 >Coole App, Mädels. Fya Susan<
16:59 >Jessi, hieß das jetzt ikamasutra oder wie oder was? Caro<
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00:14 >Blackcouch-Happening am Smart TV. Donnerstag …details
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Telefon:
22:38 „Jaensch/Nick“…details
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Home surfen: Alert!
Status: Mikrofon aktiv/Kamera aktiv
YouTube / Netflix / Zalando …details
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Es gibt keinen besseren Donnerstagvormittag als einen ohne Auftrag von Q…-Emma. Lässig hängt Jessica auf ihrem Bürostuhl und lädt sich die neuesten Musthave-Apps herunter.
„Pack das Smartphone weg“, raunzt Anna im Vorübergehen. „Big Boss kommt jede Minute. Es langt, wenn in Osteuropa striktes Handyverbot herrscht.“
„Ach? Deshalb?“
„Ja, Madame, deshalb.“
„Dich habe ich jetzt nicht gemeint.“ Also deswegen sieht sie bei Sascha nie ein Smartphone? Wird echt Zeit, aus diesem Laden wegzukommen.
Kaum ist ihr Handy im Rollcontainer verschwunden und zum Schein der Mail-Papierkorb angeklickt, stürmt Mario die Treppe hinab.
„Ich bitte kurz um eure Aufmerksamkeit.“
Wie Marionetten drehen sich sämtliche Köpfe im Takt herum, beobachtet Jessica angewidert.
„Am Montag fangen zwei neue Kolleginnen an“, verkündet der Chef mit ausgebreiteten Armen. „Das bedeutet echte Entlastung für die Korea-Sparte sowie Zuwachs für Japan. Dort werden wir dank einer sich überraschend günstig entwickelnden Auftragslage zügig expandieren.“
Leises Klatschen dem großen Strahlemann.
„Außerdem hat sich Anna bereit erklärt, ab sofort die Leitung der Asienabteilung zu managen.“
„Wunder über Wunder“, murmelt Jessica.
„Bitte?“ Mario sieht sie leicht irritiert an.
„Kein Wunder, Anna kennt sich am besten aus“, antwortet Jessica forsch, ohne rot zu werden.
„Schön, schön. Noch Fragen?“
Allgemein verneinendes Kopfschütteln.
„Dann frisch ans Werk!“
Anstatt der Treppe wendet sich Mario dem Arbeitsplatz von Jessica zu. „Hat unser neuer Kunde bereits geliefert?“
„Nein. Aber sobald Material eintrifft, kann ich eine kurze Nachricht hochsenden“, bietet sie mit scheinheiliger Freundlichkeit an. Was soll das Affentheater, wenn du ohnehin ständig bei uns schnüffelst?
„Gute Idee.“ Mit federnden Schritten eilt er davon.
Am liebsten hätte Jessica ihm hinterher gebrüllt: „Wehe, der scheiß Kunde versaut mein Mittagsdate!“
Tut der Kunde zwar nicht, dafür beschließt fast die komplette Osteuropa-Abteilung, ihrem Date mit Sascha im „Café Mokka“ beizuwohnen.
Pausenlos klingelt, summt und vibriert es auf dem langen, ovalen Glastisch. Drumherum sitzen neun wild durcheinander redende Leute.
Allerdings ist der Geräuschpegel in dem Café mittags ohnehin so irrwitzig, dass höchstens Satzfetzen bei Jessica ankommen. Also zieht sie ebenfalls ihr Handy aus dem Beutel, beißt zwischendurch von ihrem Rustica Caprese ab und schlürft dazu Milchkaffee.
Nach drei vergeblichen Halbsatzanläufen sitzt Sascha wie ein geprügelter Hund neben ihr – wie immer ohne Smartphone.
Wie hält der das bloß aus?
Einmal zeigt Jessica ihm kurz den megatop geklickten Tweet des Tages.
Ziemlich desinteressiert zuckt er mit den Schultern.
Dann eben nicht.
Gute 15 Minuten später brüllt er Jessica ins Ohr: „Wollen wir gehen?“
„Warum?“
„Eis holen, ein Stück laufen.“
„Bei ‚Gelatissimo‘?“
Er nickt heftig.
Schnell stürzt sie den letzten Schluck hinunter und eilt Sascha zur Tür nach.
„Echt zu laut da drinnen“, stöhnt er.
„Müsste man sich mal eine Alternative suchen.“
„Schwierig.“
„Fast unmöglich mittags in Mitte.“
„Gestern Mittag war ich im ‚Russisch Roulette‘“, erzählt er beiläufig, „einigermaßen ruhig plus klimatisiert, aber verdammt teuer.“
„Klingt irgendwie fleischlastig.“
Sascha lacht herzhaft. „Durch und durch russische Küche. Aber meine Mutter liebt dieses Restaurant eben.“
Aha! Das war gestern also seine mysteriöse Verabredung. Nice to know.
Hintereinander zwängen sich die Zwei an voll besetzten Tischen auf dem Gehweg vorbei, bis Jessica abrupt bremst.
„Voll die Scheiße.“
„Was?“
Halb zu ihm umgedreht, deutet sie gleichzeitig per Daumen auf eine Schlange von locker 30 Leuten. „Die wollen alle Eis.“
Sascha strubbelt sich genervt die Haare. „Keine 20 Minuten bis zum Pausenende.“
„Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen.“ Wobei Jessica ihm einen bettelnden Blick zuwirft. „Joghurteis, hmmh, mit Cranberries oder mit Orange-Schoko und Maracuja-Limette erst.“
„Okay, okay, habe schon verstanden“, grinst Sascha und stellt sich an. „Apropos Lieblingssorten. Magst du Ausstellungen?“
„Kommt drauf an. Eigentlich gehe ich nur noch zu den Events in der Galerie von Bea. Und ganz eigentlich nur wegen dem superben Buffet plus sauteurem Champagner.“
„Du bist eine Nummer“, lacht Sascha. „Wo arbeitet Bea denn?“
„In der ‚Trendgalerie‘ am Leipziger Platz.“
„Echt cool, da trifft sie bestimmt haufenweise angesagte Künstler.“
„Bea würde dir eher ihr Leid über schleimige Pseudo-Kunstexperten, gähnende Langeweile und knallhartes Handyverbot klagen.“
„Ich fragte deshalb, weil im ‚Hamburger Bahnhof‘ eine interessante Ausstellung mit super Kritiken läuft: ‚Die Schwarzen Jahre‘. Hättest du Samstag eventuell Lust mitzukommen?“
„Sorry, da stürmen wir Primark.“
Fragend zieht Sascha seine Augenbrauen hoch.
„Bea hat Geburtstag und wir schenken ihr einen XL-Gutschein für Primark. Danach ist heftig Party.“ Es folgt die schwierige Überlegung, ob sie sich stattdessen am Sonntag zu dieser Ausstellung aufraffen könnte. So entgeht ihr die simple Idee, Sascha einfach zu der Party einzuladen.
Schließlich bietet Jessica ihm an: „Vielleicht Sonntag? So nachmittags?“
„Ziemlich voll dann, aber von mir aus.“
Stürme der Begeisterung klingen anders.
Um kurz nach 17 Uhr hetzt Jessica aus dem Büro hinaus in die brütende Hitze. Die Wetter-App verkündet für Berlin-Mitte 33,2 Grad. Sie will schleunigst nach Hause. Shoppen für die Ladiesnight vor ihrem nagelneuen Smart TV ist angesagt.
