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"Eine Amok laufende Elbe? Welch amüsante Vermessenheit. Bringt sie mir!" Donnernd hallt die brutale Stimme des Dämonfürsten von den kahlen Wänden seiner schottischen Wasserburg wider. Für den Vernichtungskrieg gegen seine ärgsten Feinde, die irdischen Lichtwesen, kocht der oberste Unterweltler zu schwarzmagischer Hochform auf. Seine perfiden Schachzüge stürzen Lilia van Luzien immer tiefer ins Chaos. Zwar haben sich ihre Freunde inzwischen auf Lightninghouse Castle um die Halbelbe geschart. Doch sind sie zu wenige, um auch nur kleinste Katastrophen zu meistern. Als wäre das nicht Unheil genug, attackiert der schwarze Fürst genussvoll Lilias Geist. Heimgesucht von Wahnvorstellungen, verliert sie die Rat gebenden Traumbotschaften. Und die vermeintlich ihr treu zur Seite stehenden Elben verraten Lilia durch Freveltaten. In dieser verkeilten Gemengelage kommt der Dämonfürst seinem Ziel teuflisch nahe. Wird es dennoch zu dem unvermeidlichen Zweikampf zwischen Lilia und dem höllischen Herrscher kommen? Um dorthin zu gelangen, muss die Halbelbe weit über ihre menschlichen Grenzen hinauswachsen. Und sie wird erkennen, dass selbst das Universum manchmal falsch tickt.
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Seitenzahl: 420
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Daniela Zörner
Elbenschwur
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Gedicht
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Lilias Gedichte
Die geheimnisvolle Bedeutung der Namen
Ein letztes Wort
Impressum neobooks
Silbern schaut ihr Bild im Spiegel
Fremd sie an im Zwielichtscheine
Und verdämmert fahl im Spiegel
Und ihr graut vor seiner Reine.
Georg Trakl
Ausdem Buch „Inghean“
Tod, Tod umarme mich, trage meine Seele fort ins schicksalslose Nichts.
„Eine Amok laufende Elbe? Welch amüsante Vermessenheit. Bringt sie mir!“ Donnernd hallte die markerschütternde Stimme des Dämonfürsten von den kahlen Wänden seiner Wasserburg wider. Der Effekt gefiel ihm, zuckten seine Anführer und Sklaven doch bei jedem Gebrüll gebührend zusammen. „Sofort! Lebend!“
Im Burgbrunnen begann das aufsteigende Meerwasser zu brodeln, an der schottischen Atlantikküste setzte die Abendflut ein. Kaum waren seine Untergebenen davon geeilt, beschwor der oberste Unterweltler zum Zeitvertreib den nächsten Fluch herauf. Dazu richtete er seine Gedanken auf einen der mächtigsten Steine der Schattenwelt: den schwarzmagischen Stein des Wassers. Dieser schwebte über dem offenen Brunnen. Kugelrund und mit Runen überzogen, schien schwarzer Rauch in seinem Innern zu zirkulieren. Der Dämonfürst eröffnete mit seinem Anruf des Urbösen, dem er als irdischer Statthalter zu untertäniger Gefolgschaft verdammt war, das uralte Ritual.
Schattenmacht der schwarzen Sterne,
Licht erstarrt in Dunkelheit.
Tod und Glut im Erdenkerne,
Folterknecht erfüllt den Eid.
Ekstatisch seine blutroten Augen verdrehend, beschwor er nun die Quellflüsse.
Unsinn sei des Tropfens Klang,
Irrsinn in des Baches Drang,
Wahnsinn führt des Flusses Lauf,
Geist bricht an des Meeres Rausch.
So richtete der Erzfeind von Elbenfürstin Joerdis seinen schwarzmagischen Wahnsinn gegen sie und mich. Sein hasserfülltes, grausiges Lachen hallte zum Burgturm hinaus. Beschwörungen waren seine lustvolle Leidenschaft, entsprungen aus den verderbten Abgründen seiner pechschwarzen Seele. Mit jeder neuen Flut vergifteten die schottischen Flussläufe und Lochs stärker, drangen seine Beschwörungen tiefer in das Land legendärer Clans vor.
„Wo stecken die Elben?“
Das Männertrio aus Alexis, Lyall und Fingal saß kurz nach unserer Ankunft bereits plaudernd bei Whisky am prasselnden Kaminfeuer in der Wohnhalle von Lightninghouse Castle. Sie blickten kurz zur Tür hinüber, riefen fröhlich „Hi Lilia, keine Ahnung“ und setzten ihr Gespräch fort.
Elin und Aneel sollten ebenfalls längst eingetroffen sein. Auf mein Drängen hin hatten die Sternelben unsere Versammlung an diesem Ort angeordnet.
Zuvor hatte ich Alexis nur fünf Tage in meinem Berliner Gartenhaus zugestanden, um seine Kräfte halbwegs zu sammeln. Aneel hatte den Schwerverletzten umsichtig mit heilender Energie versorgt. Elin wähnte ich gleichzeitig bei ihrer Wacht irgendwo in Schottland. Während mein eines Auge voller Sorge auf meinem Liebsten ruhte, rechnete das zweite Auge ständig mit neuen Angriffen. Kaum war Alexis wieder zum Seelensprung fähig, scheuchte ich ihn schweren Herzens in die Highlands zu unserer Zusammenkunft.
Auf dem Weg zu meinem Zimmer im ersten Stock dachte ich kurz, dass die vermissten Elben schon auftauchen würden. „Und bis dahin kann ich endlich ohne Sorgen schlafen, schlafen und noch mehr schlafen.“ So kurz nach der Vernichtung des Elbenfluches in den römischen Katakomben hatte ich mir das sauer verdient. Hier in Alexis riesiger Trutzburg waren wir bestimmt in Sicherheit.
Wie gewohnt legte ich mein Amulett auf den kleinen Tisch neben dem Himmelbett. Der Stein von Chara, verpackt in seinem Leinensäckchen, verschwand in einer Schublade. Das weiße Kleid glitt achtlos zu Boden, während ich rasch die Decke aufschlug, mich fallen ließ und wie ausgeknipst einschlief.
Außer Atem zog Elin sich zurück, indem sie auf das flache Dach der Parkklinik am Rande des Volksparks Friedrichshain sprang. Sie wusste, ihr Lichtspeicher war fast aufgebraucht. Aber die Elbe würde ihre Jagd zu Ende führen. Ihr scharfer Blick glitt auf der Suche nach verräterischen Schatten wachsam über die dunklen Wiesen und Fußwege. In dieser Nacht sollten die Dämonen ein letztes Mal an die Lektion erinnert werden, dass Berlin von einer todbringenden Elbe bewacht wurde. Sie schöpfte keinerlei Verdacht, warum die Bestien ausgerechnet in dem menschenleeren Park umher streiften. Schließlich servierte das angrenzende Krankenhaus den elenden Seelenverschlingern reichlich Nahrung. Eine sich verdichtende Gestankswolke riss Elin aus ihren düsteren Gedanken. Mit hochgerissenem Schwert wirbelte sie herum. Zwei Anführer hatten sich im Windschatten listig angeschlichen. Sekundenschnell schätzte Elin ihre Chancen gegen die kraftstrotzenden Dämonen ab, bevor sie hinab an das sandige Ufer des kleinen Sees flüchtete. Genau das aber wollten die Sklaventreiber bezwecken. Sie brüllten weitere Sklaven aus ihren Deckungen unter Nacht umschatteten Baumgruppen hervor: massige, schwarz verhüllte Körper, doppelt so breit und mindestens anderthalb Köpfe größer als die zarte Elbengestalt.
Elin leuchtete ihren anrückenden Feinden mit todeshungrigem Blick entgegen. Speere, deren Spitzen in Widerhaken endeten, rauschten durch die Luft. Lässig wich sie aus, antwortete sparsam mit treffsicheren Pfeilschüssen. Feige vergrößerten ihre Gegner abermals den Abstand, nutzten Büsche und einzelne Bäume als Deckung.
„Kommt her, Feiglinge!“, reizte Elin die verfluchten Nachtgestalten.
Mehrere sprangen vor und ließen ihre gewaltig langen Stachelpeitschen sirren. In einer einzigen fließenden Bewegung zerstückelte das Elbenschwert ein, zwei stachelbewehrte Seile, verhakte sich im dritten – und das Schwert flog davon. Unter Triumphgeheul schleifte der Dämon seine Kriegsbeute aus Elins Reichweite. Ihr blieb keine Bedenkzeit, denn ihr Verstand verschmähte sie. Zehn oder mehr Dämonen stürmten jetzt im Halbkreis auf die Elbe zu. Brüllend zerstampften sie den regennassen Rasen zu Brei. Elin schoss Lücken in die Meute, gewahrte so dahinter eine zweite Reihe anrückender Feinde. Ihr Fallstrick. Hinter ihrem Rücken gelangten jetzt die ersten Sklaven an das Seeufer und begannen schnell, einen Bannring zu schließen. Zeitgleich landeten die zwei Anführer auf Armlänge. Reflexartig verschleuderte die Elbe ihr letztes verlöschendes Licht gegen die mit höhnischem Gelächter antwortenden Bestien. Schwarze Schwerter wurden zum Bann erhoben. Elin sackte auf die Knie, ihren Todesstoß erwartend.
Aneel kam zu spät. Elins nackter Verzweiflungsschrei blieb gellend in seinem Geist zurück. Totenstille herrschte nach dem Kampf im Park, als wären nicht nur alle Lebewesen, sondern der Wind selbst vor dem schwarzmagischen Bannfluch erstarrt. Schwach glitzerte Elins silbernes, besudeltes Schwert im aufgehenden Mondlicht. Der Elb hob es auf, reinigte mechanisch die schartige Klinge. Bekümmert trat er an den glasglatten See, erinnerte sich der jungen, stolzen Dienerin seiner Fürstin in unendlich weit zurück liegender Zeit. „Elin.“
„Aneel!“ Fordernd rissen ihn die Lichtwesen in die Gegenwart zurück. „Dämonen haben Elin lebend in die Wasserburg ihres Fürsten verschleppt.“
„Wasserburg?“ Zusehends verwirrt lauschte der Elb ihren Schilderungen. Seit nunmehr tausend Jahren war Rom sein Refugium gewesen. Daher wusste er wenig über die jüngsten Ereignisse in Berlin, London, Schottland oder wo auch immer. „Aber die Nacht verweilt noch Stunden“, wagte er einzuwerfen.
„Hole Lilia hinzu“, befahlen sie. „Alexis ist noch nicht wieder kampffähig.“
Zögernd verharrte Aneel am See. Wie sollten sie Elin nur zu zweit aus einer magieverseuchten Burg befreien? Noch dazu in Anwesenheit des übermächtigen Fürsten und seiner Befehlshaber. „Unmöglich!“
„Beeile dich, Lilia wird Rat wissen“, drängte ihr aufbrausender Chor.
Tja, also endete mein traumloser Tiefschlaf. Aneel rüttelte mich unerbittlich für den nächsten realen Albtraum wach. Und da Menschenhirne in solchen Fällen niemals von einer Sekunde auf die andere sämtliche Sinne beisammen haben, blieben meine Kampfutensilien im Schlafzimmer liegen – bis auf das Kleid, immerhin.
Leicht benommen landete ich ungelenk neben Aneel auf dem steinigen, abschüssigen Uferstreifen nahe der Wasserburg. Selten sandte der Mond schwache Strahlen durch die dichter werdende Wolkendecke auf die mittelalterliche Szenerie. Vor Elins gründlicher Vertreibungsaktion gehörte die Burg noch dem so stolzen wie gewalttätigen Clan der MacBrodies. Da die Elbe damals sämtliche Fenster und Türen zugemauert hatte, konnten uns die Dämonen trotz Nachtzeit weder erspähen noch erschnüffeln oder überfallen. Leider galt im Umkehrschluss dasselbe.
„Spürst du Elins Seele?“, hoffte ich auf die Kunst seiner vielfach stärkeren Elbensinne.
„Nein, schwarze Magie verdunkelt meine Sinne.“ Aneel entwichen wahre Wogen an Schaudern, Angst und Zweifeln.
Meine eigenen Emotionen steckte ich daraufhin sinnbildlich in doppelwandige Stahltrichter. Andernfalls hätte ich mich brüllend und weinend auf dem Boden gewälzt. War Elin plötzlich von allen guten Geistern verlassen? Was hatte die Elbe überhaupt in Berlin zu suchen? Tausend Fragen parkten jetzt angekettet im Hinterkopf. „Bitte, Aneel, konzentriere dich.“
Seine leuchtende Stirn antwortete mit fett unterstrichenem Fragezeichen.
Davon unbeeindruckt fragte ich: „Falls Elin das Mauerwerk mit Hilfe eures magischen Erdsteins errichtet hat, können wir es dann dennoch sprengen?“
„Das wäre unmöglich.“
Falsche Antwort in der Not.
„Hat sie?“, befragte ich die stumme Sphäre.
„Wir wissen es nicht, Lilia.“
„Wo befindet sich der Erdstein jetzt?“, dachte ich postwendend in die umgekehrte Richtung.
„Auch dies wissen wir nicht“, behaupteten sie.
„Und der Begriff Chancengleichheit ist euch da oben wahrscheinlich auch noch nie in eurer Gedankenwelt untergekommen.“ Das musste ich mal loswerden. „Okay, Aneel. Einzige Option, wir sprengen uns in die Burg und schaffen größtmöglichen Aufruhr. Als ob ein ganzer Elbentrupp angreift. Verstehst du?“ Ohne seine Antwort abzuwarten griff ich nach meinem Amulett – und fasste mal wieder ins Leere. „Scheiße. Zurück nach Lightninghouse.“
Die letzte Elbenseele war seinen tumben Sklaven vor wenigen Nächten im Kampf entflohen. „Versager!“ Aber hier und jetzt würde ihn niemand mehr um seine schmackhafte Beute bringen. Der schwarze Fürst leckte sich über seine blassen Lippen. „So sehen wir einander wieder, Elbendienerin, bevor ich dich als Nachtmahl schlürfe.“ Seinen ersten gierigen Impuls, sie sofort zu töten, hatte er verworfen. Erst wollte er den Genuss auskosten, ihre Elbenseele bis zum Ende leiden zu hören.
Befremdlich, doch faszinierend weinte Elins weiße Seele sphärische Klänge hervor, die mit tiefem Schmerz von bedingungsloser Liebe erzählten, von unaussprechlicher Sehnsucht kündeten.
Für einen kurzen Moment drohte selbst der Fürst ihrem Zauber zu erliegen. Sein schwarzer Kopf war langsam vornüber gesackt, die lange Mähne hing ihm ins Gesicht. Rechtzeitig schreckte er auf. „So! Du willst mich verhexen, Lichtgewürm.“ Der Hall seiner grässlichen Stimme durchbrach den schwachen Seelenzauber. In Gedanken drohte das Monster: „Stirb schneller, sonst überlege ich es mir anders und helfe nach.“
Elins aschgrauer Körper lag reglos neben dem Brunnen, wie die zwei Anführer ihn nach der Rückkehr aus Berlin hingeschmissen hatten. Trotz schwindender Sinne wusste die Elbe, dass es für ihre Seele keinen Weg hinaus gab. Unwissentlich hatte sie die Wasserburg damals in ihr eigenes Grab verwandelt. Angst und Trostlosigkeit hießen ihre Begleiter ins Nichts. „Solch menschliche Empfindungen“, dachte sie noch.
Der Elb stürmte hinter mir her in die Wohnhalle, wo das whiskyselige Gelage anhielt.
„Wie betrunken seid ihr?“, fragte ich die Männer scharf.
„Bloß ein kleines bisschen“, beteuerte Fingal mit schwerer Zunge.
„Ihr müsst Lichtbomben herstellen, sofort.“
„Och, setz dich doch erst mal zu uns und genehmige dir auch ein leckeres Tröpfchen. Das beruhigt die Nerven“, säuselte Lyall.
Ich schleuderte Alexis meinen unverhüllten Blick ins Gesicht. Er sprang wie vom Donner gerührt auf, verlor das Gleichgewicht und plumpste zurück in seinen Sessel. Auf meinen Wink hin verschwanden Aneel und ich allein in die Hauskapelle.
„Ohne eingesperrten Zorn säßen die Drei jetzt kopflos vor dem Kamin, das schwöre ich.“ Und zum Himmel der Ahnungslosen hinauf: „Maximale Energie plus Hormin!“
Ihr Lichtstrahl kam in der Tat gewaltig durch das hohe Fenster geschossen. Gemeinsam mit Aneel bündelte ich es bei zusammen gekniffenen Augen routiniert zu Lichtbomben.
„Mach sie größer, Aneel, mindestens das Doppelte. Die Burgmauern sind garantiert so dick wie ich lang bin.“
Dass Alexis inzwischen hinter mir arbeitete, bekam ich erst mit, als er fragte: „Wieviele Bomben benötigt ihr?“
„Zwei große Netze voll.“
„Drei. Ich werde euch begleiten.“
„Das kannst du vergessen.“
„Keine Widerrede.“
„Weißt du überhaupt, worum es geht?“
„Nein.“
„Du bleibst, das ist mein letztes Wort. Sternelben, euer Job.“
Aneel warf uns einen kurzen Blick zu, der fragte, ob er hier im Irrenhaus gelandet sei.
Typisch, dass Belian, kampfgesteuerter Seelenkumpel von Alexis, sich mal wieder durchsetzte.
Die Sphäre verkündete mir demgemäß vor unserem Absprung gen Wasserburg: „Alexis wird bei der Sprengung von Nutzen sein. Kämpfen wirst du allein.“
„Stirb, Elbenweib, meine Geduld ist erloschen.“ Gurgelnd entwich seiner Kehle der erste Folterfluch.
Elins erlöschende Seele schrie unter unaussprechlichen Qualen.
„Ah, prächtig!“
„Angriff!“
Grollend antworteten die meterdicken Burgmauern auf unseren ersten Beschuss. Doch in der nächtlichen Dunkelheit verfehlten wir die schmalen Fensterscharten.
„Licht!“
Aneel warf mit seiner linken Hand einen Leuchtstrahl gegen die Burg, während seine rechte die zweite Bombe auf die Eingangstür schmetterte.
„Alexis, haargenau auf die Fensterschlitze zielen!“
Doppelladungen schossen zum zweiten Stock empor.
Der Dämonfürst lauschte. „Ein Gewitter? Welch fantastische Komposition des Morbiden! Das macht hungrig, deine Zeit ist…“
Die Festungsmauern erbebten.
„Was…?“
Wie ein Felssturz polterten im Erdgeschoss über ihm Steine durcheinander.
„…ist das? Seht nach!“
„Treffer!“
Die Steine im Türrahmen zerbarsten und rollten ins Burginnere. Risse durchzogen zwei Fensterscharten. Der nächste Schuss brach Elins Mauerwerk auf.
Mein erst halb geleertes Netz und Hormin in den Händen, wies ich meine Gefährten an: „Ihr beschießt weiter die Fenster, ich springe hinüber.“
Kaum vor dem Eingang aufgeschlagen schoss eine Bombe dicht an mir vorbei in die Eingangshalle der Burg. „Was macht ihr, verdammt?“ Und zeigte in ihrem gleißend weißen Lichtblitz für einen Wimpernschlag vier Anführer. Da waren sie auch schon vernichtet. „Danke!“, keuchte ich. Vorsichtig in der Halle über lose Steine kletternd, schoss ich Bomben in den rechts abzweigenden Gang, bis die Decke einstürzte. Jetzt konnte mich kein Dämon hinterrücks anfallen. Ich folgte dem bekannten linken Gang und näherte mich der Kellertreppe.
Die Elbe war vergessen. Mit wild umherirrenden Augen horchte der Gruftboss, wartete ungeduldig auf die Rückkehr seiner Sklaventreiber. Das Treppenhaus reflektierte einen Blitz.
„Meldet!“
Keine Antwort. Sein Blick huschte zu Elin. Er überlegte.
Lautlos sprang meine letzte Lichtbombe über die glitschigen Treppenstufen hinab in den Keller. Ihr tanzendes Licht spiegelte sich im Meerwasser des randvollen Brunnens. Unerbittlich wurden die Augen des schwarzen Fürsten von dem überirdischen Gleißen angezogen.
„Arrrgh!“ Glühende Nadelstiche malträtierten seine glutroten Augäpfel. „Arrrgh!“ Und er begriff.
Wild entschlossen, dem greinenden Dämonfürsten seinen Schädel abzurasieren, sprang ich sofort nach erfolgter Explosion die Stufen hinab.
„Wo steckst du, Fürst der Feigheit?“ Hormin sauste um meine Achse – und zerschnitt lediglich schwarzmagischen Mief. Ich war allein im Keller. Dann erblickte ich die Elbe.
„Elin! Elin!“ Sturzbäche an Tränen ergossen sich über ihren grau verschleierten Körper, während ich Elins schlaffe Hände ergriff. Sanft ergoss sich lebensspendende Energie hindurch. „Lebe, Elin. Bitte!“
Weder Antwort noch leiseste Regung beglaubigten den Sinn meiner Mühen. So verharrte ich minutenlang, verstärkte den Lichtfluss und klammerte mich verzweifelt an einen Strohhalm. „Sie kann nicht tot sein, ihr Körper ist noch hier. Elin!“ Wir mussten dringend aus dieser magischen Brühe heraus. Behutsam hob ich die federleichte Elbe hoch und trug ihren Körper aus der Burg bis an den Rand der zerstörten Brücke.
„Lil!“ Grenzenlos erleichtert sah Alexis uns vom Ufer aus auftauchen.
„Wir können nicht springen!“
Aneel erschien neben mir. „Ich werde Elin nehmen.“ Mit seiner Elbenschwester auf den Armen verschwand er nach Lightninghouse.
Stattdessen landete Alexis auf der Burgseite. „Du hast es tatsächlich geschafft.“
„Ich – weiß nicht“, flüsterte ich gequält. Und schob drängend nach: „Alexis, was hat das alles zu bedeuten? Was wollte das Gruftmonster hier?“
„Lass uns nachsehen.“
Mit gezückten Schwertern stiegen wir abermals in den Keller hinab und schauten uns wachsam um. Aber dort gab es bloß den leergeräumten Raum mit seinem Brunnenschacht, aus dem Mylord und myself im Sommer das verfluchte Doraodh gestohlen hatten. Der Dämonfürst war bei seiner Blitzflucht geistesgegenwärtig genug gewesen, den mächtigen Wasserstein mitzunehmen. Also blieben seine fluchlastigen Umtriebe weiterhin vor uns verborgen.
Mitten in der Nacht berichtete Aneel mit leisen Gedanken in der Kapelle von Lightninghouse, wie es um Elin stand. „Ihre Seele hat bestialische Folterqualen erlitten.“
Die Elbe lag langgestreckt zu seinen Füßen im Licht, wie aufgebahrt.
„Ihr könnt hier nichts ausrichten“, beschied uns der Elb gramerfüllt.
Widerwillig gingen Alexis und ich in die Wohnhalle. Das frisch entflammte Kaminfeuer vermochte keine Wärme in mein Inneres zu bringen.
„Wie konnte so etwas geschehen?“ Ratlos streckte Alexis seinen schmerzenden, entkräfteten Körper im Sessel aus.
Kopfschüttelnd, unfähig, Worte zu finden, mied ich seinen fragenden Blick.
Erst wenige Nächte zuvor wäre Mylord beinahe dasselbe Schicksal eines Bannfluches widerfahren. Dämonen hatten ihm eine Falle im unterirdischen Berliner Bunkermuseum gestellt. Aber Dank der sphärischen Späherinnen konnte ich Alexis noch rechtzeitig heraushauen. Warum hatten sie keine Hilfe für Elin angefordert? Welche Sauerei ging hier oder eher dort oben vor sich? „Eine unbequeme Dienerin schassen?“, schlug mein Alter Ego lauernd vor. „Untersteh dich!“ Mein harter Widerspruch zerfloss unter nagenden Zweifeln. Bleierne Müdigkeit ließ meine Augenlider schwer und den Verstand stumm werden. Eingerollt in meinen Lieblingssessel schlief ich ein.
London. In der unterirdischen Kathedrale des Dämonfürsten herrschte höllischer Aufruhr wegen der verlorenen Wasserburg mitsamt der appetitlichen Elbenseele.
„Versager! Dämonengeschmeiß! Feuergewürm! Ihr lasst euch von elbischem Abschaum demütigen? Uns gehört die Nachtmacht. Uns allein!“ Herrisch befahl er: „Verschwindet! Kümmert euch um die schottischen Clans.“
Ein paar kriecherische Anführer, in größtmöglichem Abstand ausharrend, verneigten sich vor ihrem Oberhaupt und suchten hastig das Weite.
Aus den angeätzten Augen des obersten Unterweltlers perlten schwarze Tropfen. Zischend fielen sie zu Boden. „Joerdis, du willst es also wirklich wissen. Den kurzen Kampf sollst du haben, Fürstin. Schluss mit deiner harmlosen Spielerei! Nun werde ich deine lächerlichen Schachfiguren hinwegfegen. Nein! Ich werde sie pulverisieren zu Staub bar jeder Erinnerung.“ Und er begann:
Dunkler Mächte starkes Blut,
rufe an die Elbenbrut.
Dunkler Mächte schwarzer Kreis,
rufe an ihr Elbenweiß.
Seelenfänger, Geistermacht,
weißer Seele raubt die Kraft,
Albmar walte, Sohn der Nacht,
schwarze Saat dem Schlaf gebracht.
So beschwor der Schwarzmagier die tückische Zwietracht herauf und schleuderte sie gegen sämtliche irdischen Elben.
„Geh in die Kathedrale, bring es hinter dich.“ Alarmiert richtete ich mich im Sessel auf. Der drängende Gedanke hallte als Echo durch meinen Kopf. Die Morgendämmerung begann, wie mir ein kurzer Blick zur Terrasse verriet. „In seine Gruft gehen? Wohl eher zu Bett.“ Meine Schritte verharrten mitten im Wohnsaal. „Jetzt könnte ich unbemerkt nach London verschwinden. Wieso unbemerkt? Warum allein?“ Verwirrt schüttelte ich den Kopf. „Träume ich? Aber die Kathedrale. Warum bin ich dann im Castle?“ Plötzlich fing ich an, wie ein Scheunentor zu gähnen, dass mir Tränen in die Augen traten. Nachdem der Kleiderärmel als Wischtuch herhalten musste, stellte ich laut fest, um mich meines Selbst zu versichern: „Schlafen ist schwer angesagt. Abmarsch ins Bett.“
Eine sparsame Leuchtkugel wies mir den Weg durch das noch stockdunkle Castle.
„Geh in die Kathedrale, bring es hinter dich.“ Schlaftrunken rieb ich mir die Augen. Helllichter Tag grüßte mit freundlichem Sonnenschein. „Ich muss in die Fürstengruft. Nein. Wieso? Wir haben doch noch gar keine Pläne gemacht.“ Kopfschüttelnd versuchte ich meinen Gedankenbrei zu sortieren. „Gestern war was? Kathedrale? Nein. Warum nicht? Was war gestern?“ Vor geistiger Anstrengung krallte ich meine Finger in die Haare. „Das kann doch nicht so schwer sein, Lilia van Luzien! Also, was war gestern? – Elin! Oh, Elin.“ Rasch schnappte ich mir den seidenen Morgenmantel und rannte hinab.
Als ich die Kapelle betrat, saß Aneel wie ein abgespeckter Buddha aus weißem Marmor mit gekreuzten Beinen im Licht. Vor ihm lag der dürre Elbenkörper, unverändert. Leise trat ich hinzu und kniete nieder. Doch, ein sehr schwaches Leuchten schien von Elin auszugehen.
„Wie geht es ihr?“
„Ich bin ratlos“, gestand Aneel tief betrübt. „Meine Gedanken finden keinen Weg zu ihr.“ Er stockte. „Oder die ihren gelangen nicht zu mir.“
Flehentlich wiederholte ich meine Frage gegenüber den Sternschwestern. Aber auch sie bekundeten voller Kummer ihre Ratlosigkeit. Zaghaft nahm ich eine Hand der Elbe. Vielleicht würde Joerdis ein kleines Wunder vollbringen.
Die Zeit verrann ohne Lebenszeichen.
„Guten Morgen! Hier steckt ihr also.“
Vor Schreck entglitt mir Elins zu kühle Hand.
Voll in seinem schwungvollen Gang gebremst, gewahrte Fingal aus schreckensweit geöffneten Augen die tragische Szene am Boden. „Sie –ist sie etwa – tot?“
Stumm schauten wir zu Fingal hoch.
„Kann ich irgendetwas tun?“
Stumm verneinten unsere Köpfe. Leise zog er sich zurück.
„Folge ihm, Lilia.“
„Nein, noch will ich hoffen. In Elins Zimmer muss irgendwo euer Elbenstein der Hoffnung sein. Würdest du ihn bitte holen?“
„Der grüne Smaragd der Hoffnung? Ihr habt ihn wiedergefunden?“
„Ja. Der schwarze Fürst hatte den gesamten Elbenschatz unter Burg Amhuinn gebunkert. Dort klaute ich auch dein Amulett. Du erinnerst dich?“
„Beim Licht!“, rief er staunend aus.
„Wohl eher zum Licht zurück“, lächelte ich.
Wenige Augenblicke später legte Aneel den Smaragd in Elins sanft geöffnete Hand und umschloss ihn behutsam mit ihren zarten Fingern. Ihr Geist antwortete mit leisem Stöhnen.
Aneel sprach die Elbe an: „Elin, du bist bei uns, in Sicherheit.“
Tränen rannen aus ihren geschlossenen Augen. „Ich bin eine ehrlose Versagerin.“
„Wie kannst du das auch nur denken? Wir brauchen dich. Lass neue Hoffnung in deine Seele strömen,kehre ins Leben zurück.“ Noch während er sprach, spürte Aneel, dass selbst der magische Stein nur Geringes auszurichten vermochte. Zweifelnd sah er mich an.
„Elin wollte weder mit ihrer Fürstin noch den Sternelben sprechen“, sinnierte ich.
„Die Dienerin wollte sterben“, verkündete der Allchor nüchtern.
„Sterben? Eine Elbe?“, hauchte ich. „Und ich sag noch…“, trumpfte mein Alter Ego auf. Seine frevelhafte Andeutung brachte meine Gefühle rasant in Kipplage. Wie verzweifelt musste eine Elbe sein, um sterben zu wollen? „Was – habt – ihr – Elin – angetan?“, brüllte ich zum Fenster hoch.
„Lilia Joerdis van Luzien, mäßige dich! Joerdis Dienerin verweigerte ihren Gehorsam.“
„Na und?“
„Sie wollte eigenmächtig deinen Schicksalsweg durchkreuzen.“
Entgeistert schaute ich zu der Elbe hinab, dann in Aneels erbleichendes Antlitz. „Entschuldige mich, Aneel, ich muss an die frische Luft.“
Nach zwei energisch geschrittenen Runden im dünnen, flatternden Morgenmantel um das Castle herum hatte sich der würgende Gedankenknoten noch keinen Millimeter entrollt. „Warum, Elin? Warum? Was trieb dich zu heimlichen Plänen?“ „Zu Plänen gegen dich“, ergänzte mein Alter Ego. „Wer behauptet das?“ „Wer widerspricht?“
Aufschluchzend flüchtete ich zum noch tief schlafenden Alexis ins Bett.
Die 17. Wühlumdrehung zwischen meinen Kissen weckte Mylord.
„Hi Lil.“
„Wie geht es dir heute?“
Vorsichtig streckte er seine Glieder. „Hammerhart durchgedroschen.“
„Sämtliche Körperteile?“
„Du meinst…?“
Da waren meine Hände und Lippen schon auf knisternder Wanderschaft. Meine innere Sehnsucht nach realem Spüren, echtem Empfinden, reiner Klarheit konnte einzig in seinen Armen gestillt werden. Je dringender ich solche Augenblicke brauchte, desto seltener wurden sie. Hätten wir Zwei doch rechtzeitig dem kompletten Allsumpf unsere Stinkefinger entgegengestreckt.
Als Alexis das nächste Mal aufwachte, war ich fort. Zum Trost stand neben seinem Bett ein üppig beladener Frühstückstisch. Doch er wollte nur eines, sich an unsere Berührungen präzise erinnern. Hatte er sich getäuscht? War die befremdliche Empfindung einfach eine Folge seiner Verletzungen gewesen? „Oder hat sich Lils zartgliedriger Körper tatsächlich weniger menschlich angefühlt?“, murmelte Alexis. „Ist es möglich, dass ihr Körper schwindet?“
Ihm fiel ein halb gelesenes Buch in seiner Bibliothek ein. Darin würde er vielleicht eine Antwort darauf finden. Das „Buch der Seelenschmelze“.
Tief unter London trieb noch jemanden, und zwar mit aufkeimender Schadenfreude, die Idee einer Seelenschmelze um.
„Seelenschmelze, ja. Tief vergraben lag dieser magische Schatz in meinen tausendjährigen Erinnerungen.“ Der Fürst alles Unterirdischen stolzierte durch seinen Thronsaal und nickte zufrieden. Jene Kampfeslist wollte er gegen die Elben herauf beschwören. Zuerst würde er seine Künste an den tumben Teufelsanbetern erproben, die alle Naselang lächerliche Rituale in einer der äußeren Hallen vollzogen, um ihn zu beeindrucken. „Menschliche Naivlinge allesamt! Fantastisches Material. Die ganze Stadt soll unter ihrem Veitstanz erbeben. Hahaha!“
Leider hatte seine geniale Sache einen winzigen Widerhaken, wie ihm kurz darauf einfallen würde: Für das komplizierte und langwierige Ritual musste er mit der gefürchteten schwarzen Urmacht verschmelzen.
Die späten Nachmittagsstunden bis zum Dinner wollte ich nutzen, um mir im Schlafzimmer einige Dinge durch den Kopf gehen zu lassen. Der jedoch gebärdete sich wie leergefegt. Lyall und Fingal gingen, laut über Elin diskutierend, den Flur entlang.
Im nächsten Augenblick umfloss mich wohltuende Stille, bis auf das verebbende Rauschen des Meeres unterhalb der Klippen. Die frische Brise auf dem Klippenpfad spielte mit meinen langen Locken. In der Ferne blitzten Sonnenstrahlen zwischen weißen Wolken auf das gekräuselte Wasser hinab.
Mein Kopf blieb ausgeschöpft. Die Zeit verrann, als ob sie über ihre eigene Verschwendung hinwegspringen wollte.
Mit gerunzelter Stirn verbrachte Alexis seinen Nachmittag über das „Buch der Seelenschmelze“ gebeugt an dem großen Tisch in seiner düsteren Bibliothek. Erst auf den letzten Seiten offenbarte der Text ihm das Gesuchte: Unabdingbar für die Elbwerdung eines Mischwesens war, dass sich Elbenseele und Menschenherz im reinen Einklang befanden. Nur dann ereignete sich die Transformation des menschlichen Körpers. „Lilias rebellisches Herz und Joerdis herrische Seele? Das wird niemals funktionieren“, frohlockte Mylord und stellte das Buch halbwegs beruhigt ins Regal zurück.
Widerwillig begab ich mich bei Einbruch der Dunkelheit zurück ins Castle.
Nachdem Lyall und Fingal ihre riesigen Angussteaks mit Folienkartoffeln ohne Murren in der Küche verzehrt hatten, stießen sie zu unserem Veggie-Dinner in der Wohnhalle dazu. Mit beharrlichem Schweigen verbrachte ich die Zeit zwischen drei aufgekratzt über Kricket schwadronierenden Männern.
Bereits seit meiner Ankunft aus Berlin warteten Alexis und die beiden Londoner vergeblich auf die überfällige Schilderung meines Abenteuers in Rom. „Abenteuer?“, krächzte mein Alter Ego. „Apokalyptische Gruftscheiße!“ „Oder so.“
Kaum standen wir vom Tisch auf, wobei mal wieder erwartungsvolle Blicke in meine Richtung flogen, da erschien Aneel.
Der Elb verkündete: „Unsere Lichtschwestern erwarten Alexis, Lyall und Fingal in der Kapelle.“
Vielleicht wollten sie mir die Qual aufsteigender Erinnerungen zu den jüngsten Ereignissen in Rom ersparen. Die Herrschaften trollten sich.
„Ich habe Elin auf ihr Zimmer gebracht“, berichtete mir Aneel. „Komm, setzen wir uns an den Kamin.“ Mit leichtem Handschlenker entfachte er das Feuer.
Unangenehmes Schweigen breitete sich zwischen uns aus.
„Erzähl es mir, erleichtere deine Seele.“
Aneel tat einen tiefen Seufzer, dann machte er die höchst seltsame Bemerkung: „Elin hat vieles von dir gelernt.“
Verwirrt schaute ich auf sein edles Profil, bevor er sein angespanntes Gesicht zu mir drehte.
„Dazu habe ich Elin ermuntert, das stimmt.“
„Nun, wie du selbst gelernt hast, unterscheiden sich Elben und Menschen in ihren Ansichten, Ritualen oder – ihrem Gehorsam.“ Nach kurzem Luftholen fuhr der Elb fort: „Das Lernen von deinem rebellischen Naturell stürzte Elin tiefer und tiefer in unlösbare Widersprüche.“
Mein Herz begann zu hämmern.
Nüchtern erklärte er weiter: „Außerdem konnte sie nie vergessen, dass ein Menschenkind als Gefäß für die Seele unserer Fürstin ausgewählt worden war. Zumal, als deine Macht unaufhörlich wuchs und du so Elins Führung entglittest.“
Ich schnappte nach Luft. Worauf wollte der Elb hinaus?
„Am Ende stellte sie sich gegen alle. Gegen dich, ihre Fürstin und sogar die Sternelben. In ihrer Verzweiflung suchte Elin schlussendlich den heroischen Tod, um dem Leiden ihrer verirrten Seele ein rasches Ende zu setzen.“
Eine halbe Minute beherrschte pure Fassungslosigkeit mein Schweigen. Dann platzte ich. „Verdammt, Aneel, uns steht Krieg bevor! Der Dämonfürst will unsere endgültige, restlose Vernichtung. Wie kann Elin…? Verzeih.“
„…sich so vergessen?“, beendete er ungerührt meinen halben Satz. „Ewig zur Dienerin verdammt, noch dazu zweier Herrinnen? Und durchkreuzt du selbst nicht ungestraft höhere Pläne?“
„Pläne durchkreuzen?“, protestierte ich. „Welche Pläne? Allzu oft befinden sich die Sternsängerinnen im All der Blindheit! Was bleibt mir denn anderes übrig, Aneel?“ Aufgewühlt sprang ich aus dem Sessel. „Willst du wissen, wie oft sie versagten? Willst du wissen, wie oft mich das fast mein Leben kostete? Dieser Krieg findet nämlich unter der Erde statt, dort, wo ihr alle gemeinsam komplett versagt. Glaubst du allen Ernstes, die abverlangte Solonummer würde mir Spaß machen?“
Als ich dem Elb ins Gesicht sah, standen Zornesfalten zwischen seinen Augen, die nach innen gekehrt waren. Anscheinend lief Sphärentalk. Kurz darauf verschwand Aneel ohne ein weiteres Wort.
Um meinen Gefährten an diesem Irrsinnstag nicht mehr über den Weg laufen zu müssen, flüchtete ich auf mein Zimmer.
„Geh in die Kathedrale, bring es hinter dich.“
Beim Erwachen am darauffolgenden Morgen dachte mein schlafverklebtes Gehirn: „Vielleicht sollte ich wirklich hier abhauen und seine Unterweltgruft im Alleingang stürmen.“ „Blödsinn, du hättest null Chance“, polterte mein Alter Ego. „Wahrscheinlich hast du sogar Recht.“ „Will ich aber auch schwer meinen.“ Dennoch nistete sich der törichte Gedanke klammheimlich wie ein viraler Dauergast in meinem Hinterkopf ein.
Nervös, welche Hiobsbotschaften der neue Tag bringen mochte, ging ich hinunter.
In der Küche hockten Lyall, Fingal und Alexis mit ziemlich blassen Nasenspitzen schweigend am Frühstückstisch beisammen.
Sofort sprang Alexis auf und nahm mich fest in seine Arme. „Bist du okay?“
„Geht schon“, wich ich aus.
Forschend sah er mit hochgezogenen Augenbrauen in meine Augen.
„Ja, nein, alles Bullshit.“
„Na komm, setz dich. Manchmal bewirkt ein gutes Frühstück bei dir wahre Wunder.“ Ohne es zu bemerken, huschte Kummer über Mylords edles Gesicht.
Obwohl die Voraussetzung im „Buch der Seelenschmelze“ eindeutig schien, hatte Alexis vergangene Nacht in einem horrend realistischen Albtraum meine Elbwerdung durchlebt. Darin war seine große Liebe vollkommen und unwiederbringlich in Elbenfürstin Joerdis verschwunden. „Lilia ist Vergangenheit“, hatte Joerdis ihn grob beschieden. „Auch du wirst dieses Opfer bald für meinen Gefährten Belian erbringen.“ Wenn Alexis auch wenig über seine eigene Rolle in unserer verkorksten Geschichte ahnte, eines wusste er mit unumstößlicher Klarheit: Ohne mich würde er Siechtum und Tod erleiden. „Nur mein Herz steht mir zur Seite. Alle anderen, ob weit über oder tief unter der Erde, pokern einzig um Machterhalt und Machtgewinn. Wie stark schlägt dein Herz dagegen, alter Mann?“
In Mylords unverhüllten Augen las ich stille Kämpfe. „Alexis? Alles in Ordnung?“
„Sicher doch“, log er. Und wir beide wussten das. „Iss, Lil.“
Appetitlos griff ich lediglich nach dem starken, schwarzen Tee.
Aber Alexis wusste haargenau, dass ich beim gestrigen Dinner kaum mehr als ein paar Gabeln mit grünem Salat hinuntergewürgt hatte. Deshalb konnte er jetzt kaum an sich halten, mir dick belegten Toast eigenhändig in den Mund zu schieben. Ein einziger Gedanke marterte ihn sofort in Endlosschleife: „Lil, bitte iss. Beweise mir, dass du wirklich nicht schwindest.“
„Was unternehmen wir heute?“ Lyalls laut ausgesprochene Frage platzte so unvermittelt in die Stille, dass wir anderen zusammenfuhren.
Sechs Männeraugen sahen mich an, als hätte ich Weisheit statt Tee geschluckt.
„Was ihr macht, müsst ihr selbst entscheiden. Für mich steht allein Elin auf der Tagesordnung.“
„Magst du uns von Elin erzählen?“, fragte Fingal beinahe schüchtern.
„Ich – nein, vielleicht später“, rang ich mir mit einem kleinen Lächeln ab. Und dachte still: „Wenn die Elbe hoffentlich wieder zur Vernunft gekommen ist.“ „Wie überaus vorteilhaft für den Gruftboss, dass seine paar Gegner ausschließlich mit sich selbst beschäftigt sind“, kübelte mein Alter Ego. „Schnauze halten!“
„Lil, du wolltest frühstücken“, mahnte Alexis matt.
Doch ich stand wortlos auf und ging. Hinter meinem Rücken tauschten Lyall, Alexis und sein Cousin ernste Blicke.
Da Aneel seit seinem Verschwinden am Vorabend unsichtbar blieb, ging ich in die Kapelle und rief nach ihm.
„Bist du zornig auf mich?“, fragte ich ultradirekt.
„Zornig? Auf dich? Nein, keinesfalls.“
„Sondern?“
„Maßlos verwirrt über das Geschehene“, gab er einen Bruchteil zu.
„Oh, daran wirst du dich gewöhnen, das ist hier Alltag“, bemerkte ich ironisch. Schob jedoch ernsthaft nach: „Wie geht es Elin jetzt?“
„Sie ist… mir fehlt das passende Wort.“ Ratlosigkeit flutete seine Augen, schlug um in blankes Flehen.
„Schon gut, vielleicht kann ich etwas bei ihr ausrichten.“
„Danke.“
Per Amulett rief ich meine frühere Freundin. „Hier Lilia. Magst du mit an den Strand kommen?“
Auf dem Weg nach draußen meldeten sich die Lichtwesen.
„Guten Morgen, Lilia“, zwitscherten sie.
Oben stand etwas an, klar.
„Also?“
„Elin verweigert sich uns.“
„Nun lasst mich doch erst einmal in Ruhe mit ihr reden“, versetzte ich schroff. „Danach sehen wir klarer, hoffe ich mal. Oder?“
„Wie du wünschst.“
Der nächste Wimpernschlag katapultierte mich an das windumtoste Meer. Trotz Ebbe rollten einzelne Wellen weit den Sandstrand hinauf. Elin wartete bereits. Sie warf mir einen kurzen, unsicheren Seitenblick zu.
„Ein ordentlicher Herbststurm zieht auf.“
Die Elbe nickte stumm, begann ihre Hände zu kneten.
Aneels Worte über ihre Zerrissenheit geisterten noch in meinem Kopf. Kurzerhand beschloss ich, der Elbe eine weitere Chance zu geben.
„Ich wollte dir diese Zerrissenheit nicht antun, Elin. Aber ich dachte, wenn wir alle gemeinsam lernen, dann würden wir einander mit der Zeit besser verstehen. Du, Joerdis, ich und die Lichtwesen. Nur war in dem ganzen Chaos nie genug Zeit vorhanden.“
Entgeistert rief sie: „Niemand darf dir eine Mitschuld anhängen!“
„Das tun sie dennoch, Punkt. Jeder von uns hat etliche Fehler begangen. Wie auch nicht?!“
Überrumpelt sagte die Elbe nur: „Ja, so ist es.“
„Elin, wenn wir uns jetzt selbstsüchtig entzweien, strecken wir bereits vor der Höllenschlacht unsere wenigen Waffen.“
„Ich weiß, mein Handeln war dumm und egoistisch“, gestand sie betreten ein.
Eine Weile schauten wir den Wellen zu.
„Für mich bist du niemals eine Dienerin gewesen, sondern meine Lehrerin, später Gefährtin. Und die benötige ich auch weiterhin.“ Grinsend fügte ich hinzu: „Allein schon, um mit dem Männerverein im Castle fertig zu werden.“
„Aber was soll ich jetzt tun?“, begehrte sie kläglich zu wissen.
„Sei wachsam, Elin, suche deinen eigenen Schicksalsweg. Kehre vor allem auf deinen Platz in unserer Gemeinschaft zurück. Schaffst du das?“
Langsam drehte sie mir ihr Gesicht zu, mit Augen voller Zweifel und Verzagen. „Werden sie mich aufnehmen nach allem, was ich getan habe?“
„Selbstverständlich!“ In dieses eine Wort legte ich volle hundert Prozent an ehrlicher Überzeugung. Dafür würde ich umgehend Sorge tragen.
Meine naiv simple Gleichung über Harmonielehre, anzuwenden unter Dickköpfen, würde scheitern. Die intergalaktischen Gesangsscharen dachten nicht in Lichtjahren daran, die Geschichte mit Elins eigenmächtigem Kamikazetrip auf den nächstbesten Sternenhaufen zu kippen. Sie wollten bedingungslos Gehorsam, Disziplin, blablabla. Also die perfekte Dienerin zurück, die Elin jahrhundertelang gewesen war. In naher Zukunft würden sie, ohne dass irgendjemand davon erfuhr, die Elbe bis zur demütigen Gefügigkeit malträtieren.
In seinem Londoner Unterweltdomizil vergaß der Dämonfürst alles um sich herum. Er verschmähte sogar die von Sklaven dargebotene frische Seelenbeute. Sein Geist war eins mit der machtvollen, schwarzen Magie. Der tiefrot lodernde Feuerkreis um den Thron herum schwoll rhythmisch auf und ab. Sein Kopf pendelte hypnotisch. Mit jeder neuen Beschwörung der Wahnsinnsflut gegen Joerdis und mich sank er tiefer in Trance.
Heulend jagten Sturmböen um das Castle, rüttelten an den Fensterläden, pfiffen durch kleinste Ritzen.
„Geh in die Kathedrale, bring es hinter dich.“
„Wird das jetzt der Standardsatz fürs Aufwachen?“ Der Wecker zeigte kurz vor Dinner an.
Nach dem langen Strandgespräch mit Elin hatte ich umgehend das Männertrio instruiert, die Elbe in Ruhe zu lassen. Sie sollten nach Möglichkeit so tun, als wäre alles beim Alten. Und ich hoffte inständig, dies würde wahrhaftig schnellstens wieder der Fall sein. Als Zückerchen beantwortete ich meinen Freunden mit wahrer Engelsgeduld ihre kompletten 199 Fragen zu meiner Expedition durch die legendären römischen Katakomben. Danach verpasste ich den Nachmittag als schlafender Stein im Bett.
Gerade erst halb erwacht, suppte bereits die Kathedrale des Bösen durch meine Gedanken. „Wie sein Höllenloch wohl aussieht? Könnte ich dort vielleicht nochmal ein bisschen herumschnüffeln? Beim letzten Besuch ging das immerhin ohne größere Zwischenfälle.“ „Da warst du gar nicht hineingelangt“, brummte mein Alter Ego schroff. „Hmmh, trotzdem....“
Die Zimmertür ging auf.
„Lil, kommst du zum Dinner hinunter?“, wollte Alexis wissen.
„Gib mir eine Minute.“
Die Tür schloss sich.
„Warum soll es so schwer sein, unbemerkt in die Fürstengruft einzudringen? Wer behauptet das eigentlich? Die Höhlen von Amhuinn habe ich schließlich auch geknackt. Ob ich heute Nacht einfach mal hinspringe?“ Ungebetener Kommentar: „Und dabei einfach mal draufgehen?“
Die Zimmertür ging erneut auf.
„Lil, wo bleibst du?“ Verblüfft guckte er zum Bett. „Du bist ja noch gar nicht aufgestanden.“
„Ja, ja. Fangt schon mal ohne mich an.“
„Los, raus aus den Federn! Sogar Elin und Aneel leisten uns Gesellschaft.“
„Oh! Warte eine Sekunde.“
Die Unterhaltung unserer Tischgesellschaft plätscherte bemüht locker dahin. So kreisten meine Gedanken rastlos und wild um des Oberdämons unbekannte Stätte.
Nach dem scheinbar endlosen Dinner, dessen Speisen mich wenig lockten, setzte sich unsere Gemeinschaft wie üblich vor das wärmende Kaminfeuer. Draußen legte der Sturm noch eine Schippe drauf. Leder knarzte, Eiswürfel klirrten in geschwenkten Gläsern, behagliches Schweigen erfasste das Halbrund – bis auf mich. Meine Gehirnwindungen kollabierten schier unter zusammenhanglosen Querschüssen. Die übermittelte ich, vielleicht ein manipulierter Hilferuf von Seelenschwester Joerdis, unsortiert den Elben:
„Die Londoner sind für den Dämonfürsten allzu leichte Beute. Elin, überprüfe bitte nochmals die Clans. Wie gelange ich in die Kathedrale? Wir müssen den Schutz um das Castle verstärken.“ Und so fort.
Aneels Stimme flutete mit elbischer Macht meinen Geist. „Lilia, halte inne.“
Verwirrt schaute ich auf. „Womit?“
Und so erhielten die beiden Elben einen ersten Vorgeschmack auf die Wahnsinnsattacke des schwarzen Fürsten.
Am fortgeschrittenen Vormittag des folgenden Tages fand Alexis mich, noch immer tief schlafend, in meinem Bett vor. Er setzte sich einen Moment auf die Bettkante und betrachtete mein schmales Gesicht mit seinen unerklärlich dunklen Augenringen. Zärtlich streichelte er meine verknautschte Wange, bis ich mich regte.
„Geh in die Kathedrale, bring es hinter dich“, murmelte ich schlaftrunken.
„Was sagst du da?“, hakte Alexis nach, derweil er glaubte, sich verhört zu haben.
„Die Kathedrale, ich muss hinein.“
„Ja. Aber weder jetzt, noch ohne Plan und schon gar nicht allein“, erwiderte er streng.
Ich setzte mich auf und sah ihn irritiert an. „Wovon redest du?“
„Lil, also wirklich! Geh unter die kalte Dusche.“
„Brrrrh!“
„Das könnte eine Nebenwirkung sein. Hauptsache, du wirst klar im Kopf.“
Damit ging Alexis hinaus.
Hatte er ‚Plan‘ gesagt? „Wozu?“
Die nächsten Stunden verrannen, ohne dass ich mich erinnern könnte, womit.
Irgendwann erwischte Elin mich, allein in der Küche auf und ab gehend.
„Ich möchte mich bei dir bedanken.“
„Wofür?“
Verwundert schüttelte sie den Kopf. „Niemand außer dir vermochte es zu vollbringen, mich auf meinen Schicksalspfad zurück zu führen. Und die Gemeinschaft…“
Ohne ihr überhaupt zugehört zu haben, unterbrach ich die Elbe. „Wer wacht über Berlin? Gehe ich besser bei Tag oder Nacht in seine Kathedrale?“
„Lilia, komm mit.“
Elin nahm meine Hand und zog mich energischen Schritts hinaus zum Pferdestall.
Mit Esper und der Stute Salice starteten wir kurz darauf in den dämmrigen Nadelwald. Das sanfte Schaukeln des warmen Pferderückens beim Anstieg zum Plateau auf dem Hausberg entwirrte allmählich den gordischen Gedankenknoten in meinem Kopf. Tief sog ich den würzigen Duft der alten Bäume ein.
„Elin, der Dämonfürst hat zu viele Möglichkeiten, ich hingegen zu viele verwundbare Stellen.“ Erklärte dies auch die Hyperaktivität in meinem Kopf? „Zu viele, zu viele, zu viele!“, echote es stumpfsinnig in meinen Gehirnwindungen.
Die Elbe blieb stumm, bis wir auf dem kahlen Bergrücken oberhalb des Castle ankamen.
Kaum saßen wir ab, begann ich abermals. „Er befiehlt über Massen an Sklaven. Warum dürfen wir die verstreuten Elben nicht ebenfalls zusammenrufen?“
„Immerhin haben die Sternschwestern dir Aneel zugestanden“, erinnerte Elin.
„Vier gegen die geballte Unterwelt“, versetzte ich abschätzig.
„Du würdest die Aufgabe notfalls alleine schaffen“, erwiderte sie trocken.
„Wie kannst du so etwas Absurdes behaupten?“
„Bislang bist du an keiner noch so tollkühnen Herausforderung gescheitert.“
„Aber sicher, an seinem Tod“, warf ich dazwischen.
Elin sah mich scharf an. „Nimm deine eigene Macht endlich zur Kenntnis, der Rest findet sich.“ Gleichzeitig schrumpfte ihr vor Sorge die Seele angesichts des sich formierenden Schattens über meinem Haupt.
Aus dem Buch „Inghean“
Schwarze Magie verpestet Lightninghouse Castle. Gerichtet gegen Lilia und meine Fürstin, werden wir doch alle geprüft.
Die Lichtwesen mussten Aneel und Elin noch am gleichen Tag die diabolische Finte des Dämonfürsten offenbaren. Unabhängig voneinander hatten die Elben sie mit ihren Beobachtungen und Schlussfolgerungen in die Enge getrieben. Der Preis, den ihnen die Sternguckerinnen für die Offenbarung abverlangten, war heftig: das strenge Verbot elbischer Einmischung in diesen Zweikampf. Ja, genau, ein Kampf, von dem ich keinen vernunftgeborenen Gedankenfetzen ahnte.
Elin, eben noch vermeintlich an meine Seite zurückgekehrt, verriet mich in blindem Gehorsam. Der Sphäre gefügig, verschwieg sie mir die fürstliche Wahnsinnsattacke. Ich hatte ihr unbedingt eine zweite Chance geben wollen, obwohl ich inzwischen mehr Weisheit hätte besitzen müssen. Oder, um das sich anbahnende giftige Psychogebräu mit Charles Baudelaire auszudrücken:
Engel voll Güte, kennst du das lautlose Hassen,
Fäuste im Dunkeln geballt und die Tränen der Wut,
Wenn Rachsucht und Wildheit den Weckruf erschallen lassen,
Zu Herren sich machen über den Geist und das Blut?
Aus purer Gewohnheit versammelten wir Sechs uns allabendlich am Kamin.
Knisternd vertilgten Flammen das aufgestapelte Holz. Der Wind heulte mit neuer Macht um das Castle, als wären die herbstlichen Sturmgewalten ein Zwilling des Gewaltorkans gegen meinen Geist.
Heftige Unruhe keimte in mir auf. Diesmal zielte sie ausnahmsweise nicht auf die Londoner Unterwelt. „Lightninghouse in Flammen.“ Warum tauchte meine alte Vision gerade jetzt wieder auf? Ein noch unbestimmtes Gefühl von Bedrohung versetzte meinen Körper in Anspannung. Umgehend suchte ich unverhüllten Augenkontakt zu Elin.
Die Elbe verschwand.
„Hört auf zu trinken“, fuhr ich die Männer nervös an.
Sie zuckten zusammen und starrten herüber.
Aneel verschwand.
Draußen zeigte die hereinbrechende Nacht ihr grauschwarzes Antlitz. Ich orderte starken Kaffee und Tee.
„Lilia, was geht hier ...“
Mit abwehrender Hand gebot ich Alexis zu schweigen. „Seid ihr kampfbereit?“, fragte ich herrisch.
Lyall, Fingal und Alexis nickten beunruhigt.
Die Zeit schlich dahin.
„Knapp zwei Meilen entfernt befinden sich ungefähr hundert Menschen auf dem Weg durch die Moore hierher“, überbrachte Elin die Hiobsbotschaft, kaum dass beide Elben gelandet waren.
„Sie tragen Fackeln und Gewehre“, ergänzte Aneel.
Der Dämonfürst holte zum zweiten Schlag aus. Wie konnte es ihm gelingen, die Menschen ohne ihre vernichteten Blutsteine aufzustacheln? Von der Sphärenriege kam überhaupt keine Ansage zu dem anrückenden Himmelfahrtskommando. Die mondlosen Highlands bescherten ihnen totale Nachtblindheit.
Alle waren sich ohne große Diskussion einig, sofort aufzubrechen, um den Mob von Lightninghouse fern zu halten.
„Wir sollten mit Dämonen rechnen“, warnte ich.
Alexis sah mich voller Mitleid an. Für ihn war meine Gabe des Sehens ein Fluch. Punkt.
„Kesseln wir die Menschen ein“, schlug Elin vor.
Das Bild eines überdimensionierten Käfigs machte die Runde. Jemand lachte grimmig.
Während die Elben vorsprangen, spurteten wir Übrigen wegen Lyall und Fingal schnell zu Fuß los.
In Sichtweite des Mobs verteilten wir uns. Je zwei zogen an den Längsseiten, die Elben an Stirn- und Rückseite des Fackelmarsches auf. Rasch errichteten Elin und Aneel als erste ihre Zäune vor und hinter den Kerlen. Noch bevor die begriffen, wie ihnen geschah, wuchsen links und rechts ebenfalls vier Meter hohe Gitterwände empor. Die Eingekesselten antworteten mit sinnloser Ballerei. Vorsichtshalber fügte Lyall noch ein solides Dach gegen Kletterkünstler obenauf.
„Wir sollten Wachen aufstellen“, regte ich an.
„Willst du nicht die Polizei verständigen?“, fragte Lyall neben mir.
„Das werden die tumben Teufelsknechte schon selbst tun, wenn sie hier lange genug geschmort haben.“
Aneels wachrüttelnder Warnruf kam für Lyall zu spät. Er hatte trotz der gefährlichen Gewehrsalven vergessen, seinen Lichtschutz zu aktivieren. Wie vorausgeahnt, tauchten jetzt etliche Dämonenführer zur Verstärkung auf. Wirbelnd gingen sie zum Angriff über. Eine stachelbewehrte Peitsche krachte mit hässlichem Knacken gegen Lyalls ungeschützten Schwertarm. Aufschreiend sackte er zu Boden. Das Monster erlitt durch meinen Pfeil, der sich glühend in sein Herz bohrte – oder was auch immer ein Dämon an dieser Stelle haben mochte – den Todesstich. Weil ich den wehrlosen Lyall beschützen musste, witterten einige Dämonen ihre Chance und kreisten uns ein. Ich rotierte als Blitzschleuder, bis Elin mit elbischer Wucht dazwischen fuhr. Die Bestien versuchten Abstand zu unserem todbringenden Licht zu gewinnen. Mit doppelten Salven trieben wir unsere turboschnell springenden Feinde auf die andere Seite des Käfigs. Dort hatten Alexis, Fingal und Aneel kaum weniger Arbeit.
Am Ende bedrängt aus allen Richtungen, gewahrten die übriggebliebenen Dämonen ihre aussichtslose Lage und ergriffen die Flucht. Unsere Gefangenen saßen inzwischen dicht zusammengekauert, mit eingezogenen Köpfen auf dem Boden. Kurz fragte ich mich, was von all dem sie gesehen oder gespürt haben mochten. Alexis orderte für Lyalls behutsamen Transport ein Auto, dann übernahm er gemeinsam mit seinem Cousin die kurze Wache am Käfig.
Bereits eine dreiviertel Stunde später näherten sich Polizeisirenen.
In meine frühmorgendliche Schlafenszeit platzte eine Traumbotschaft:
Tiefe Nacht liegt über Bloomsbury, dem berüchtigten Londoner Stadtteil. Die Rasenfläche oberhalb seiner Kathedrale ist mit glitzerndem Reif überzogen. „Das hier ist der falsche Eingang“, sagt eine Stimme in meinem Kopf. „Geh zur Universität.“ Als ich mich daraufhin umdrehe, ragt vor mir im kaltweißen Licht des Vollmonds das bleiche Universitätshochhaus empor. Es sieht so ehrfurchtgebietend aus wie die Monumente in Fritz Langs legendärem Stummfilm „Metropolis“. Hastig marschiere ich um zwei Straßenecken in die Malet Street. „Natürlich!“ Aus dieser gläsernen Eingangshalle war ich neulich geflohen. Nun halte ich erwartungsvoll darauf zu. Zuerst schalte ich magisch die Alarmanlage ab. Kurz darauf durchschreite ich die verlassene Halle. Erbarmungslose Stille hämmert mir in den Ohren, als mein langer Abstieg in das fürstliche Reich beginnt.
„Ah, da bist du endlich, Joerdis.“ Mit unverhohlener Gier leckt sich der Dämonfürst über seine schmalen Lippen. „Möchtest du eine kleine Führung, bevor…“
„…ich dich töte?“
„Hahaha! Du bist zu Scherzen aufgelegt, Elbenweib.“ Donnernd brüllt er Unverständliches in einen der Gänge.
Daraufhin naht ein undefinierbares Geräusch aus Trampeln, Schleifen und Knirschen. Ich blicke mich um. Wohl fünfzig Anführer erscheinen entlang der Saalmauern. Fertig aufgereiht stehen sie reglos da wie eingerußte Ritterrüstungen, umhüllt von Trauerumhängen. Doch in sämtlichen Durchgängen funkeln die hochgereckten schwarzen Schwerter unzähliger Dämonen auf.
„Eine Falle!“, schrie ich gellend.
Alexis schreckte aus dem Schlaf hoch.
„Nein! Helft mir!“
„Lil, Lil! Wach auf!“ Unsanft schüttelte er mich.
„Eine Falle!“
„Ruhig, Lil, ich bin bei dir. Alles ist gut. Komm her.“ Seine starken Arme zogen meinen zitternden Leib an sich. „Schschh, du bist im Castle, hab keine Angst.“
„Der Dämonfürst wollte mich töten“, wimmerte ich.
„Die Chance bekommt er niemals, solange ich lebe.“
„Du erscheinst gerade recht zum Lunch“, kommentierte Alexis meinen entrichteten Morgengruß beim Betreten der Küche.
Lyall, zwar etwas wacklig auf den Beinen mit seinem geflickten Arm in der Schlinge, versuchte eine unbeholfene Umarmung. „Inghean, ich schulde dir tausendfachen Dank.“
„Hauptsache, du bist wohlauf.“
Der einsetzende Smalltalk täuschte kaum über die allgemeine Nervosität hinweg. Merkwürdigerweise hegte jeder der fünf anwesenden Vertrauten den dringenden Wunsch, mich unter vier Augen zu sprechen. Unverzüglich untermauerten die Lichtwesen ihre Vorrangstellung.
„Darf ich eventuell erst einmal in Ruhe frühstücken?“
Betretene Gesichter am Tisch, gefolgt von überraschender Stille in der Sphäre.
„Und was möchte ich heute?“ „Mal wieder Gruft?“, schlug mein Alter Ego in lupenreiner Fiesheit vor. „Ruhe!“ „Abhauen?“ „Ruhe, verdammt!“ „Zu Befehl, her Mistress of Disaster.“
Mit wachsender Fassungslosigkeit, doch zur allergrößten Freude von Alexis, verfolgte die Tischgesellschaft mein gigantisches Frühstücksprogramm: Croissant mit Kirschkonfitüre, Orangensaft, Vollkornbrötchen mit Butterkäse, gefülltes Crêpe, Obstsalat mit Mango-Joghurt und Unmengen schwarzer Tee. Garantiert noch kalorienbombiger, als es sich liest.
Irgendwer kippelte derweil unter dem Tisch nervös mit seinem Fuß.
In scheinbarer Gemütsruhe goss ich mir den restlichen halben Becher aus der Teekanne ein, bevor ich in die eckige Runde blickte. „Die Sternelben erwarten mich. Danach reden wir, bis alle Fragen gestellt sind.“ Absichtlich vermied ich die Formulierung ‚bis sämtliche Antworten gefallen sind‘. War ich etwa die Göttin Athene oder das Orakel von Delphi? Eben!
Ohne Begeisterung setzte ich mich auf meinen Stammplatz in der Kapelle.
„Lilia, willkommen!“
„Sie schmeicheln?Schlecht.“
Entschiedener Protest gegen meine Bauchnote blieb aus.
„Seid ihr ratlos?“
Dasselbe Ergebnis.
„Könnten wir die Sache abkürzen?“
„Der Dämonfürst lauert in seiner Unterwelt“, sangen sie klagend.
„Ja, und? Wo bleibt die News?“
„Er wird eine Armee um sich scharen.“
„Und weiter?“
Sie gerieten aus dem Gesangskonzept. „Wenn dies geschieht, wird dein Weg hinein versperrt.“
„Was erzählen denn eure Prophezeiungen so dazu?“
Echt dramatischer Sound untermalte ihre hohle Offenbarung: „In deiner Chance liegt seine Chance.“
Falls das irgendwem bekannt vorkommt, keine Sorge, denn mir ging es damals ähnlich.
Meine angesäuerte Antwort stuckdeckenwärts lautete: „Seid ihr im falschen Film?Hier spricht nicht Harry Potter. Entweder ihr liefert Konstruktives oder wir brechen ab.“
Ihr Chor verflüchtigte sich.
„Äh, könnten wir noch mal von vorne beginnen?“, rief ich ihnen mit meinem allerletzten Hoffnungsfunken hintendrein. Aber der erlosch wie ein sterbendes Glühwürmchen.
Verärgert, jedoch vor allem durch wieder erstarkende irrwitzige Gehirnergüsse abgelenkt, unterließ ich es, gründlich über ihre komische Prophezeiung zu grübeln. Damit vergab ich eine erste, wenn auch winzige Chance schnell der schwarzfürstlichen Magieschlacht gegen mich auf ihre Stinkspur zu kommen.
In der Folgezeit fabrizierte ihre Lichtschar täglich Dissonanzen von einer Schrägheit, die ungefähr an das Entleerungsgeräusch von Glascontainern im Walzertakt erinnerten. Einfach, weil die Sternelben noch immer Prophezeiungen mehr Beachtung schenkten als realen Ereignissen erdwärts. In der Konsequenz lieferten sie mich dem Teufelsbraten lieber ans Hirnchirurgenmesser, anstatt mir solch ein Ding in der Ausführung extrascharf für seine Kehle zu geben. Ach ja. Meine prophezeite Chance sollte nach allsichtiger Vorstellung mittels Selbstauflösung auf die Erdbühne gerettet werden. Sprich: Ich schalte mein Herz auf „Klappe halten“ und unterwerfe mein Hirn komplett Joerdis, damit sie das Psychoduell gegen den Herrn der Furien austrägt. Tja.
Mit meinem Gedankenchaos im Gepäck steuerte ich nach der Kapelle wieder die Küche an.
Machte es irgendeinen Sinn, gemeinsam Pläne zu schmieden? Oder war das von vornherein vergeudete Zeit? „Letztlich ziehe ich sowieso immer alleine los.“
Meine Füße stoppten vor dem unverändert besetzten Küchentisch. Wenigstens von dem sternelbischen Orakelquatsch musste ich den anderen erzählen.
„So lautet ihre Prophezeiung?“, schnaufte Fingal bärbeißig, als machte der schlechteste Witz aller Zeiten die Runde.
Entgeistertes Kopfschütteln bemächtigte sich Elben und Mischpartien gleichermaßen.
Beschwichtigend erklärte ich: „Deswegen muss keine Panik ausbrechen. In der Konsequenz bedeutet es lediglich, dass alle wichtigen Entscheidungen ohne die Sternelben stattfinden.“
Allgemeines Geistmurmelgewirr setzte ein.
„Geh allein zu ihm“, mäanderte in unserer eben begonnen Lagebesprechung der lauernde Wahnsinn durch meine Gedanken. „Was nützen dir die anderen in der Unterwelt? Nichts!“
„Lilia. Lilia!“ Elin versuchte mit elbischer Macht, meine Hirngespinste zu durchbrechen.
„Elin? Was ist?“, fragte ich zerstreut.
„Konzentriere dich. Richte deine Gedanken auf uns.“
Einen kurzen Moment war mein Kopf leergefegt. Das mit meinem Alleingang hatte ich hoffentlich gerade nur für mich gedacht!? „Sieht schlecht dafür aus“, kommentierte mein Alter Ego. Um die peinliche Sache zu übertünchen – als ob das ginge! – schlug ich vor: „Da wir nur hier in Sicherheit sind, sollten wir fortan das Castle als eine Art Basislager für alles Weitere nutzen.“ Flüchtig streiften meine Augen währenddessen das versteinerte Gesicht von Alexis.
Fingal ging meinem plumpen Ablenkungsmanöver glatt auf den Leim. „Aber unser Laden in Clerkenwell“, insistierte er.
Prompt bekam er von Alexis eingeschenkt: „Ihr wärt dort nach wie vor willkommene Opfer.“
Lyall zuckte mit Schmerz verzerrtem Gesicht zusammen und ergab sich auf der Stelle. Sein Kumpel schwankte grummelnd zwischen „Old Mystery“-Sehnsucht und Abenteuerkinderei. Schließlich hob Fingal als Zeichen seiner Kapitulation beide Hände.
In der Zwischenzeit siegte mal kurz meine klare Einsicht. Wegen der Unmöglichkeit eigener Dreiteilung sollte ich besser meine Verbündeten als Helfer einspannen. Besonders das unbewachte Berlin lastete schwer auf meinem Herzen. Da jedoch Fingal und Lyall nur mit größtem Zeitaufwand aus Schottland wegkamen, schieden sie für Aktionen in Berlin grundsätzlich aus. Dieses Kapitel unseres langen Dämonenkampfes stellte wiederum für Aneel die große Unbekannte dar.
Daher bat ich Elin, nachdem ich die dringende Notwendigkeit unterstrichen hatte, meiner Heimatstadt zu helfen: „Tausche mit Aneel alle wichtigen Informationen über Berlin aus.“
Sie zeigte sich einverstanden.
„An dem Punkt stehen wir bereits mitten in unserem bodenlosen Fass“, fuhr ich gereizt fort.
