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Das zauberhafte, uralte Buch lag auf meinem Esstisch, während ich ungeduldig den sich träge erhitzenden Wasserkessel abwartete. Hier unter dem Küchenfenster fiel noch genügend trübgraues Winterlicht ein, um auf die Deckenlampe verzichten zu können. "Was hat dieses Buch nur an sich?" Antiquitäten entzogen sich schon immer meinem Interesse. "Geheimnisvoll." Mir kam eine Idee und ich flitzte los zum Bücherregal im Wohnzimmer. Vielleicht fand sich im alten Lexikon eine Seite über Schriften. Noch bevor ich den entsprechenden Band Sai - Suc aufschlagen konnte, pfiff mich der Wasserkessel zurück. Der Tee musste erst ziehen, also drehte ich mich wieder um. Das mitgebrachte Buch leuchtete! Das Lexikon geriet in Vergessenheit. Ein schmaler Lichtstrahl fiel auf die Schrift. Mein irres Glotzen dauerte exakt 2 Minuten und 40 Sekunden, bis das schrille Piepen der Teeuhr gnädig meine entglittenen Gesichtszüge in Bewegung brachte. Vielleicht wäre der Anfang für mich leichter geraten, wäre mein Blick diesem ersten Lichtstrahl nach draußen gefolgt. Nämlich in Erwartung einer Wolkenlücke, die der tief stehenden Wintersonne eine freundliche Chance gab. Denn da draußen gab es keine Lücke, keinen Sonnenstrahl, nur Einheitsgrau. Andererseits wäre der Anfang garantiert erheblich schlimmer missraten, hätte ich meine unsichtbare Untermieterin aus Joschs Laden zurückkehren sehen. Nachdem die Elbe Elin jede einzelne Nacht meines bisherigen Lebens bewacht hatte, startete mit dem heutigen Tag ihr Fulltimejob bei mir.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Daniela Zörner
Elbenfürstin
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Gedicht
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Vorschau auf Band 2 „Elbensilber“
Die Bedeutung der Namen
Lilias Musik
Lilias Gedichte
Das wirklich vorerst Letzte
Impressum neobooks
Daniela Zörner
Elbenfürstin
Die Geschichte der Lilia Joerdis van Luzien
Band 1
Roman
Auch als Taschenbuch erhältlich
Das ist mein Fenster.
Eben bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?
Rainer Maria Rilke
Nur für dich werden die Buchstaben tanzen.
Ungefähr 44 Jahre zuvor
Wenn nur diese quälenden Albträume endlich aufhörten. Dafür würde sie alles tun, hatte das verzweifelte Mädchen der alten Dorfhexe versichert und ihr zugleich einen hohen Lohn versprochen. Allein bei Erfolg natürlich, weshalb die Alte eine dreist geringe Anzahlung von Irma bekommen hatte. Das daumenbreite Schinkenstück, geklaut aus dem Vorratskeller des Bauernhauses, würde niemand vermissen. Die Kräuterhexe nahm es mit kehligem Knurren entgegen, was Irma, wie sie sich höchst ungern erinnerte, vor vier Tagen einen kräftigen Schauder über den Rücken jagte. Mit auflodernder Wut dachte sie an ihren Besuch bei der unheimlichen Alten. Irma war nicht umhin gekommen, dort sämtliche Einzelheiten ihrer Albträume zu schildern, bis ungewollt schwächliche Tränen flossen. Die schmeichelnden Gesänge der Göttinnen, ihre Einflüsterungen und verrückten Anweisungen waren nur der harmlose Auftakt gewesen. Denn das Mädchen verweigerte ihnen stur den eingeforderten Gehorsam. Bald schon rächten sich die Göttinnen. Ausnahmslos jede Nacht malträtierten Irma apokalyptische Albträume, bis sie glaubte, dem Wahnsinn zu verfallen.
Nie mehr, schwor sich die 19-Jährige nun, nie mehr würde sie sich solch eine Blöße geben. „Irma wird es euch allen zeigen“, murmelte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen. Entschlossen schlug sie die kratzige Bettdecke zurück und schwang ihre Füße auf die groben Dielen. Leise öffnete sie die Schublade des wackeligen Nachttischs. Hinter der verhassten Bibel lag sicher versteckt das zusammengeknotete Taschentuch von der Hexe. Was genau es enthielt, war Irma egal, solange das Zeug seine Wirkung tat. Rasch streifte sie sich die zerschlissene Strickjacke über ihr hässliches lindgrünes Nachthemd, stopfte das Taschentuch in die Jackentasche und griff zuletzt nach den Holzschuhen. Dann lauschte das Mädchen regungslos. Dabei rief es sich sämtliche besonders laut knarrenden Dielen auf dem Weg von der Dachkammer bis zur Küche im Erdgeschoss ins Gedächtnis. Angespannt drückte Irma die Türklinke hinunter. Die kleinen, dreckigen Fensterscheiben des stockdunklen Bauernhauses ließen wenig Licht hinein, obwohl der Vollmond an einem wolkenlosen Nachthimmel leuchtete. „Wie bestellt“, dachte sie zufrieden. Das uralte Fachwerkhaus, von ihr insgeheim als „Miststall“ beschimpft, knackte und knarzte mit jedem Luftzug leise vor sich hin.
Nach einer atemlosen Ewigkeit schlich das Mädchen durch die Küchentür zu dem verriegelten Hintereingang. Es beglückwünschte sich zu seiner Klugheit, als der frisch geölte Türriegel ebenso geräuschlos aufglitt wie die gefetteten Türangeln. Draußen schlüpfte Irma in die Holzschuhe und betrat den verwüsteten Küchengarten. Am Vortag hatten die Schweine das nachlässig angelehnte Gartentor genutzt, um sämtliche Gemüsebeete umzupflügen. Das würde ihr Vorhaben, den Lohn für die Kräuterhexe zusammen zu stehlen, nicht eben leichter machen. „Soll die Hexe am Schinken ersticken!“ Doch nach einer Denksekunde hakte Irma den Punkt kalt berechnend ab. Solange sie niemand erwischte, würde der Bauer seinen Knecht verdächtigen. Dass der Knecht zugleich ihr Vater war, scherte sie nicht weiter.
Am hinteren Gartentor schlug sie den sommerlich staubigen Pfad zu einem Birkenhain ein, der hinter der Kuhweide lag. Unablässig beleidigte kloakiger Gestank nach Schweinekot und Kuhfladen ihre Nase. Bald, sehr bald sollte ihr elendes Dasein der Vergangenheit angehören. In wenigen Monaten, mit abgeschlossener Lehre, wollte Irma dem miesen Kuhdorf endgültig den Rücken kehren. Sie kannte nur ein Ziel: ein richtiges Leben in der Stadt beginnen.
So plötzlich sauste der Schatten haarscharf an ihrem Kopf vorbei, dass sie beinahe laut aufgeschrien hätte. „Ruhig, Irmaschatz, bloß eine eklige Fledermaus.“ Um ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen, erinnerte sie sich ihrer wichtigsten Siege: „Gegen alle Widerstände habe ich mir den Besuch der Realschule erkämpft. Gegen meine Rivalin habe ich die Lehrstelle als Apothekengehilfin im Nachbardorf erobert.“ Bei der Erinnerung an das Wie huschte ihr ein verächtliches Grinsen übers Gesicht. Ebenso hartnäckig würde sie gleich ihre Albträume beseitigen. Energischen Schrittes stapfte sie auf dem Pfad weiter.
Der Birkenhain begrüßte das Mädchen mit seinen sanft raschelnden Blättern und den melodischen Unkenrufen des nahen Teiches, ihrem Ziel. Ein letztes Mal rief es sich die Anweisungen der alten Kräuterhexe in Erinnerung: Geh bei Vollmond zum Froschtümpel. Öffne dort das Tuch und zieh die Nadel heraus. Lass einen Tropfen deines Blutes auf die weiße Wurzel fallen. Dann knote das Tuch wieder fest zusammen und knete es kräftig durch. Gib acht! Kein noch so kleiner Krümel darf herausfallen. Nun wirf das Tuch in den Tümpel. Sobald die Unken erneut rufen, sprich laut und deutlich deinen Willen in das Spiegelbild des Mondes.
Penibel, wie Irma es aus der Apotheke gewohnt war, befolgte sie jetzt Schritt für Schritt. Kurz darauf versank das Taschentuch langsam in der grützegrünen Brühe. „Wieso rufen die dämlichen Unken nicht?“ Unwillig erstarrte Irma zur Salzsäule, damit die glibberigen Viecher ihre Anwesenheit vergaßen. Gegen die sanfte Stille am Tümpel drängte ihr Seelenleid umso heftiger, sich endlich Gehör zu verschaffen, bemächtigte sich mit der Gewalt eines Orkans ihrer Sinne. Mit dem ersten Unkenruf brach albtraumhafter Wahnsinn als explosive Wucht eines Urschreis heraus: „Es gibt keine Göttinnen!“
Mit eingefrorenem Lächeln für gardinenverborgene Augen schob Irma den Kinderwagen entlang der schlammigen Dorfstraße. Sie kochte innerlich bis kurz vor dem Bersten. Heute war der Tag, dem allein sie entgegengefiebert und der ihre Geduld auf die härteste Probe ihres Lebens gestellt hatte. 21 Jahre alt, endlich volljährig. Doch statt des herbei gesehnten Lebens in der Stadt mit schicken Kleidern, Tanz und Theater und eigener Wohnung und… Sie unterdrückte die stetig lockenden Bilder heimlicher Tagträume, indem sie sich kräftig auf die Unterlippe biss. Seit dieser verhängnisvollen Vollmondnacht, in der sie die Göttinnen verleugnete, wandte sich das Schicksal gnadenlos gegen Irma. „Verfluchte Götter!“, stieß die junge Frau unbeherrscht aus, zuckte zusammen und blickte sich schnell um. Verkniffen lächelnd nickte sie der stocktauben Greisin vom Nachbarhof zu.
Verbissen schob die junge Frau weiter durch den Dreck, der sich inzwischen knirschend bis unter ihre nackten Füße in den Holzschuhen vorgearbeitet hatte. Irma zweifelte keine Sekunde daran, dass irgendwelchen Göttern alle Schuld an ihrem verpfuschten Dasein zukam. Erst die ungewollte Schwangerschaft, mit der ihre apokalyptischen Albträume zurückgekehrt waren. Die verfluchte Kräuterhexe hatte jede Hilfe verweigert, welchen Lohn Irma ihr auch dafür anbot. Danach die erzwungene Heirat und der Umzug in eine andere Dachkammer, genauso schäbig wie ihre alte Behausung, aber noch enger mit dem Ehebett darin. Schließlich hatte sich ihr Ehegatte als ebenso stur wie ihrem tumben Vater hörig entpuppt. Nur deshalb saß sie noch immer in diesem Dreckloch fest. Sicher, Irma war damals von der Hexe vor den Göttinnen gewarnt worden. „Niemand fürchtet etwas, an das er nicht glauben will“, flüsterte sie trotzig. „Aber ich werde mich euch niemals geschlagen geben, ihr werdet schon sehen!“
Das Baby wimmerte. „Sei still“, zischte Irma es an. Ungeduldig schlug sie den Waldweg hinter dem letzten Gehöft ein. Der Kinderwagen holperte jetzt über dicke Baumwurzeln und schlingerte durch tiefe Pfützen. Nun schrie das Baby seinen Protest darüber hinaus. Die junge Frau sah sich wachsam um, zog ihrer Tochter die vollgesabberte Decke über den Kopf und lenkte dann den Wagen nach schräg rechts. Dort zweigte der kaum erkennbare Pfad zur Hütte der Dorfhexe ab.
„Du weißt, was ich will“, fiel Irma mit der Tür ins abbruchreife Haus. „Also, was verlangst du dafür?“ „Der Preis, die mächtigen Dämonen herauszufordern, ist hoch“, murmelte die Alte, „ein lebendes, einjähriges Schwein.“ Die junge Frau riss über den absurd hohen Lohn die Augen auf. Wo sollte sie ein Schwein hernehmen? Doch dann fing sie sich. „Du wirst es bekommen.“ Die Kräuterhexe nickte. „Der Vollmond erscheint in elf Tagen. Ich erwarte dich eine Stunde vor Mitternacht.“
Stechender Schmerz, als die Hexe ohne Vorwarnung ihren Unterarm aufschlitzte, war nur der harmlose Anfang. Beim Anblick ihres eigenen, sprudelnden Blutes, welches rasch eine goldglänzende Schale füllte, überkam Irma heftiges Würgen. „Bist du so schwach?“, fragte die Alte tonlos, ohne den Kopf zu heben. Wortlos schüttelte die junge Frau ihren Kopf, während sie mit hartem Schlucken gegen die Übelkeit ankämpfte. Kalter Schweiß durchnässte ihr Unterkleid, obwohl sie jetzt nichts weiter am Leib trug. Das barbarisch glühende Feuer in der Mitte des festgestampften Erdbodens war für die winzige Behausung viel zu heiß. Die Alte gab eine schwarze Flüssigkeit an Irmas Blut, die es aufzischen ließ. Langsam schwenkte sie die Schale in ihren gefalteten, knorrigen Händen und stimmte dazu einen kehligen Gesang an, aus dem für die junge Frau keine verständlichen Worte hervorgingen.
Bald lief Irma der Schweiß über den gesamten Körper, brannte in der frischen Armwunde und brachte das geronnene Blut bis in die Handfläche hinunter zum Leuchten. Sie wollte es am Unterkleid abwischen. „Steh still, störe mich nicht“, raunte die Hexe. Suchend schaute sich Irma nach einer Ablenkung um. An den verrußten Deckenbalken schaukelten getrocknete Kräuterbüschel, zwischen denen Schatten wild tanzten. Doch die Feuerstelle zog Irmas brennende Augen mit Macht an und zwang sie unbarmherzig, in die Glut zu blicken.
Irgendwann beruhigte der neuerlich einsetzende Gesang ihre flatternden Nerven, bis er die junge Frau allmählich hypnotisierte. Und als die Alte eine Schale an ihre Lippen hielt, trank Irma gierig – ihr eigenes, verfluchtes Blut. Wie schwarz gebrannter Fusel ätzte sich die Flüssigkeit einen Weg hinein in ihren Körper. Sie glaubte zu verbrennen, wollte schreien. Wild gierende Flammen tanzten vor ihrem inneren Auge. Und da war noch etwas. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie etwas abgrundtief Böses zu sehen, glaubte zu spüren, wie es Besitz von ihrem nun gefügigen Geist ergriff. Doch anstatt der grauenerregenden Wahrheit gegenüber zu treten, sank Irma feige in Ohnmacht. Die Kräuterhexe goss etwas Öl in das Feuer und verließ die Hütte.
Im Schutz des wolkenverhangenen Abends schlich Irma abermals in weitem Bogen um das Dorf herum zur Hütte der Dorfhexe. Dort endlich angekommen, zog sie das penibel geschärfte Küchenmesser aus ihrem Beutel. Vorsichtig schob sie die altersschwache Brettertür auf. Innen gaben glimmende Torfstücke nur wenig tiefroten Schein ab. Schaudernd wandte die junge Frau schnell den Blick fort von der Feuerstelle auf das Lager der Hexe. Rasch trat sie näher und hielt ihr das Messer an die Kehle. „Was willst du, Verfluchte?“, murmelte die Alte. „Deine Rezepte. Ich weiß, dass du sie aufgeschrieben hast. Los, gib mir das Buch.“
Im Rausch boshaften Triumphs kehrte Irma zum letzten Mal nach Hause zurück.
Die abgewetzte Schultasche reichte vollkommen aus für die wenigen Dinge, die Irma mitzunehmen gedachte. Seelenruhig ging sie nochmals ihre dürftigen Habseligkeiten durch. Jürgen, ihr Ehegatte, ließ sich wie meist am Samstagabend in der Gaststätte des Nachbardorfs volllaufen. „Wertloser Tand.“ Sie schmiss den angelaufenen Schmuck, den angeblich schon ihre Großmutter getragen hatte, zurück in die Schublade mit den teils vergilbten Familienfotos. Schnell goss sie sich aus dem Wasserkrug noch ein halbes Glas ein. Wohl wissend, das in ihr zehrende Feuer würde sich dadurch nicht besänftigen lassen. „Mit diesem Preis für traumlose Nächte werde ich mich auch bald arrangieren“, dachte sie zwischen zwei Schlucken. Zuletzt zog Irma ihr bestes Kleid, den einzigen Mantel und ihre Hochzeitsschuhe an. Dick aufgetragener Lippenstift verlieh ihr verführerisch blutrote Lippen. Die würde die junge Frau brauchen, damit in der gottverlassenen Gegend ein Auto anhielt, um sie endlich aus dem Rattennest fort in die weit entfernte Stadt zu bringen. Ohne ihrem schlafenden Kind in der Wiege einen letzten Blick zu schenken, griff Irma nach der Tasche und verließ das Bauernhaus.
Erst in der Morgendämmerung, von herzzerreißendem Babygeschrei aus dem Schlaf gerissen, begriff Jürgen schlagartig, dass Irma ihn verlassen hat. Er musste nicht lange überlegen. Hier und jetzt bot sich die einmalige Chance, sein mieses Lebensblatt zu wenden. „Genug gebüßt für eine einzige, sündhafte Nacht.“ Die Wiege mitsamt seiner brüllenden Tochter auf den Armen stemmend, polterte er durch das Haus hinaus auf die Straße.
Eine Minute später stürmte der junge Mann in die Küche seiner Nachbarn und rief dem alten Knecht am Küchentisch zu: „Hier hast du die Hinterlassenschaft deiner missratenen Tochter!“ Dann stürmte Jürgen zurück, packte seinen Rucksack, marschierte kurz darauf munter pfeifend aus dem Dorf und verschwand für immer.
Endlose Minuten starrte der Knecht völlig verdattert abwechselnd zu seiner schreienden Enkelin und der Bäuerin am Herd. Plötzlich erschien in der offen gelassenen Hintertür die Kräuterhexe. „Dieses Kind gehört den Göttinnen. Und du wirst es aufziehen.“ Irmas Vater schnappte nach Luft. Doch bevor er seine Sprache wiederfand, setzte die Alte mit drohendem Unterton nach: „Tu, was ich dir sage, sonst sind wir alle verflucht.“ Damit drehte sie sich schwerfällig um und humpelte davon. Die Bäuerin bekreuzigte sich schnell, bevor sie eilfertig Milch für das Kind aufsetzte.
Sieben Jahre später kam ein Mädchen fröhlich singend von der Schule heim, hüpfte mit fliegenden Zöpfen durch den Küchengarten und rief: „Opa, Opa, ich habe den ersten Schmetterling gesehen!“ Der Bäuerin, die wartend am Küchentisch hockte, zog sich das Herz zusammen. „Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt“, schmetterte die Kleine und öffnete die Hintertür. „Hast du Opa gesehen?“ Erst als sie keine Antwort erhielt, schaute sie der betagten Bäuerin verdutzt ins Gesicht. Der Anblick von geröteten Augen und gequältem Gesichtsausdruck verwirrten das Kind. Langsam trat Irmas kleine Tochter näher. „Hast du geweint?“ Noch immer stumm, zog die Bäuerin sie auf den Schoß und umschloss den schmächtigen Körper fest mit ihren starken Armen. In der unheilvollen Stille nur mehr flüsternd fragte das Mädchen: „Wo ist Opa?“ „Liebes, dein Opa ist tot.“ Die Kleine begriff nicht. Und erst recht nicht das, was die Bäuerin als Nächstes mit tiefem Seufzen hervorbrachte: „Wir müssen deine Mutter suchen.“
Schleppenden Schrittes betrat das blasse Mädchen einen kurzen Plattenweg zwischen sommerlich verbrannten Rasenflächen. Ohne an der Hausfassade aus grauem Waschbeton hochzuschauen, drückte es schließlich widerwillig auf den Klingelknopf.
„Hast du wieder herumgetrödelt? Die Schule ist seit einer halben Stunde aus.“ „Die Lehrerin…“ „Ich will keine Ausreden hören, Kind.“ Niemals nannte Irma ihre Tochter beim Namen, sondern bestenfalls „Kind“, was bei ihr genauso klang wie „lästiges Ding“.
Mit gesenktem Blick, weil sich ihre Mutter das Sprechen während der Mahlzeiten verbat, würgte die Neunjährige hastig ein paar Löffel von dem schleimigen Milchreis herunter.
„Zuerst räumst du die Küche auf, danach erledigst du deine Hausaufgaben. Vergiss nicht wieder, den Abendbrottisch zu decken.“ Halb im Mantel drehte Irma sich nochmals für die täglich wiederholte Anweisung um: „Und sei leise.“ Dann schloss sie von außen die Wohnungstür ab und eilte zurück an ihren Arbeitsplatz in der nahen Apotheke.
Das Mädchen stieß mit leisem Seufzer die angehaltene Luft aus. Heute hatte ihre Lehrerin die wunderschöne Geschichte von einem kleinen Mädchen und seinem Schutzengel vorgelesen. „Warum habe ich keinen Schutzengel?“, fragte sie sich flüsternd. Dann hätte die Mutter sie vor einer Ewigkeit nicht ohne ihr geliebtes Spielzeug aus dem Bauernhaus gezerrt. Dann dürfte sie draußen spielen, so wie andere Kinder. Und ihre Zöpfe. Es gruselte die Kleine noch immer bei der Erinnerung. Gleich am ersten Morgen in dem neuen, fremden Zuhause war die fremde Frau mit einer riesigen Schere angekommen. Streng hatte sie gesagt: „Du glaubst doch nicht im Ernst, ich würde dir morgens Zöpfe flechten?“ Den neunten Geburtstag vor wenigen Tagen hatte ihre Mutter wohl vergessen. Und als sie zaghaft ein erstes Mal darum gebeten hatte, eine Klassenkameradin einladen zu dürfen, offenbarte Irma ihre unnachgiebige Herzlosigkeit. „Fremde Kinder kommen mir niemals in die Wohnung. Hast du verstanden?“
Aber einen Schatz besaß das Kind dennoch. Es öffnete seinen Tornister und zog vorsichtig das frisch entliehene Buch aus der Schulbücherei hervor. Niemals verpasste es die zwei Ausleihtage in jeder Woche, um immerfort staunend die vollen Bücherregale zu durchstöbern. So schwer es der Kleinen fiel, sich für nur ein Buch zu entscheiden, so schwer war es, das gelesene Buch wieder her zu geben. Manchmal träumte sie, in ihrem leeren Zimmer stände ein großes Regal mit ganz vielen Büchern, die noch niemand vor ihr gelesen hatte.
„Das nennst du Schönschrift?“ Gnadenlos riss Irma eine Seite aus dem Schulheft, kaum dass ihr Mantel an der Garderobe hing. „Du darfst erst essen, wenn das ordentlich erledigt ist.“ Ihre Tochter wischte sich verstohlen über die tränenfeuchten Augen. „Heul nicht! Es ist zu deinem Besten.“ Damit ging sie ins Wohnzimmer und schaltete dort den Fernseher ein. Allabendlich fieberte Irma ungeduldig der Zeit entgegen, da das Kind endlich schlafen würde. Dann begannen ihre aufregenden Nachtstunden in der Küche. Über Jahre hinweg hatte sie sich in den dunklen Kreisen dieser Stadt einen guten Ruf als Giftmischerin aufgebaut. Das zerfledderte Rezeptbüchlein der Kräuterhexe war buchstäblich Gold wert – oder den Tod, wie man es betrachtete. Irma genoss es, Herrin über den Tod zu sein. Jedes neu gefertigte Elixier betrachtete sie geradezu ekstatisch. Natürlich wäre es ihr ein Leichtes gewesen, so auch das lästige Kind zu beseitigen. Allein die unbesiegbare Angst vor den rachsüchtigen Göttinnen hielt sie zurück.
Ihre Tochter aß allein eine Scheibe trockenes Brot. Der Früchtetee fehlte mal wieder. „Bist du noch nicht fertig? Putz dir die Zähne, aber ein bisschen fix“, rief Irma wütend um die Ecke. Gehetzt räumte das Mädchen den Tisch ab, wienerte ihn blank und verschwand aus den Gedanken seiner Mutter.
Schließlich schlich es auf Zehenspitzen in sein Zimmer, kroch unter die Bettdecke und flüsterte aus tiefstem Herzen: „Bitte, lieber Opa im Himmel, schick mir einen Schutzengel.“
Reglos wie eine Statue, unsichtbar für das menschliche Auge, verharrte die Elbe Elin an ihrem gewohnten Platz neben dem Fenster. Nacht für Nacht wachte sie mit endloser Geduld über dieses spindeldürre, einsame Menschenkind.
„Ich habe ja die Margarine vergessen!“ Darf eine Geschichte wirklich so banal beginnen? Wenn sie die reine Wahrheit erzählen soll, gibt es keine Gnade. Nochmals in die winterliche Eiseskälte hinaus zu müssen war Strafe für Schusseligkeit genug. Da drängte es sich mir geradezu auf, als kleine Belohnung einen Abstecher in Joschs Antiquariat dranzuhängen. Vielleicht wartete dort eine frische Ladung gebrauchter Bestseller, die für kleines Geld meinen ständigen Hunger nach gedruckten Schwarten stillen würden.
Der Laden lag in einer kleinen Seitenstraße, wo die Mieten günstig und Kunden rar waren. Josch glänzte, wie so oft, durch Abwesenheit, weshalb neben der abgeschlossenen Kasse eine Blechbüchse stand. Zu meiner großen Enttäuschung standen keine neuen Stöberkisten auf dem Boden. Das Suchen in den bis unter die Decke vollgestopften Regalen hatte ich längst aufgegeben. Josch behauptete zwar, die Bücher seien logisch einsortiert, aber er vertrat auch sonst sehr spezielle Ansichten. Doch in diesem Moment vor die Wahl gestellt, entweder den Rückweg durch den frostigen Berliner Winter anzutreten oder im Warmen die Regale zu durchstöbern, fiel meine Entscheidung schnell. Entschlossen pfefferte ich meine Vermummung aus Mütze, Handschuhen, Schal und Daunenjacke auf die speckig braune Ledercouch. Langsam suchend drehte ich mich um die eigene Achse, seufzte resigniert und ließ mich erst einmal auf die Couch plumpsen. Mein Blick folgte den Bücherreihen an der gegenüber liegenden Wand nach oben. Unter der vergilbten Altbaudecke flatterten dunkelgraue Spinnweben in der aufsteigenden Wärme. „Was für Bücher stehen dort oben eigentlich? Da gelangt doch niemand je hin!“
Plötzlich erschien das Bild einer alten Bibliothek mit reich verzierten, glänzenden Holzregalen vor meinen Augen. Schmale Holzleitern rollten auf unsichtbaren Schienen leise an den Regalen entlang. „Okay, hier und jetzt wenig hilfreich.“ Aber eine Leiter musste Josch dennoch irgendwo haben.
Sie stand, bekleckert mit diversen Farben, hinter dem Wandstück, das wohl irgendwann einmal von einem abgeteilten Hinterzimmer übrig geblieben war. Die Aluleiter wog zwar nicht sonderlich viel, hatte dafür aber die Größe XXL. Die unrühmliche Stelle, an der ich beinahe mit dem Hinterteil des Monstrums in ein Regal gekracht wäre, lasse ich hier lieber weg. Und natürlich wackelte die ausgeklappte Leiter auf den ausgetretenen Holzdielen, als ich vorsichtig mit dem Aufstieg begann. Argwöhnisch nahm ich zuerst mal die Spinnweben aus der Nähe unter die Lupe. Kein vielbeiniges Ekelpaket in Sicht. Dafür drehten mir uralte, muffig riechende Schinken ihre Rücken zu. Teils völlig zerfleddert, ließen sich ihre Titel kaum noch entziffern. Das reichte. Meine Vorliebe für Bücher beschränkte sich ganz klar auf solche Exemplare, deren vorheriger Gebrauch kaum auffiel.
Der Abstieg aus stickiger Höhe gestaltete sich jedoch spektakulärer als vorgesehen. Völlig darauf konzentriert, nach unten zu schauen und vor allem keine Schwingungen zu erzeugen, verhakte sich mein Ärmel. Der unerwartete Widerstand brachte erst mich, dann die Leiter und wir gemeinsam das spillerige Bücherregal ins Wanken. Wo hätte ich mich auch sonst reflexartig festklammern sollen? Luft schnappen und Holzknarren wurden jäh von einem dumpfen Donnerschlag übertönt. Totenstille, ich wagte kaum mehr zu atmen. Immerhin keine Bücherlawine. Ächzend entwich die Luft aus meiner Lunge.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute ich vorsichtig erst nach oben, wo nun in der obersten Regalreihe ein Loch klaffte. Dann hinunter auf den Dielenboden. Mein Blick haftete sofort an dem einen übergroßen Buch, das meine Odyssee unfreiwillig rabiat zutage befördert hatte. Die logische Frage, wieso aus einer vollgestopften Bücherreihe ein einzelnes Buch herausfallen konnte, kam mir nicht in den Sinn. Mit zittrigen Beinen gelang der Rückzug ohne weitere Zwischenfälle.
Ich ließ die Leiter einfach stehen und ging vor dem Buch in die Hocke. Merkwürdigerweise lag es keinesfalls wie nach einem, wahrscheinlich falsch geschätzten, vier Meter tiefen Sturz da. Vielmehr exakt so, als sei es vorsichtig abgelegt worden. Aber dieser Gedanke flatterte, weitestgehend ignoriert, in meinem Kopf davon. Denn das, was meine Augen sahen, beanspruchte vollste Aufmerksamkeit. Auf dem safranfarbenen Ledereinband lockte eine wunderschöne, zierlich geschwungene Schrift. Ganz offensichtlich in einer mir unbekannten Sprache verfasst, setzte ich mich dennoch neugierig mit dem Buch auf die Couch. Behutsam öffnete ich den Buchdeckel und blickte mit kindlicher Naschhaftigkeit auf exotisch anmutende Buchstaben, die mir ihre Geheimnisse ohnehin niemals verraten würden. Solch eine Schrift hatte ich nie zuvor gesehen und ihre Farbe schillerte, als ob sie in einem Regenbogen geschrieben wäre.
Kurzum, ich wickelte das Buch mangels Tüten in alte Zeitungen und zog mich an. Aber ich konnte Josch unmöglich bloß ein bisschen Kleingeld für dieses Prachtexemplar in die Dose stopfen. Vielleicht sollte ich eine Nachricht hinterlassen. „Auf der bitte was stehen soll? Habe ein Buch mitgenommen, Autor, Titel, Alter und Herkunft unbekannt?“, lästerte mein Alter Ego genüsslich. Nein, ich würde das Buch ganz einfach bei meinem nächsten Einkauf zurückbringen.
Zufrieden verschwand meine unsichtbare Zuschauerin, als sich die Ladentür bimmelnd hinter mir schloss. Der ausgelegte Köder war geschluckt.
Lange Zeit später fand ich im schottischen Kloster St. Ninian ein dickes Notizbuch mit dem Titel „Inghean“. Darin befanden sich Aufzeichnungen der Elbe Elin. Sie brachten hartes Licht in manche noch dunklen Ecken dieser Geschichte.
Aus dem Buch „Inghean“
Wieviele Jahrhunderte sind nutzlos verronnen, seit ich mich zum letzten Mal einem Menschen zeigte? Mir fehlt die Erinnerung. Graue Tage und schwarze Nächte vergingen, zu endloser Untätigkeit verdammt. Meine Seele schmachtet nach Rache an dem Einen. Nun jedoch wurde das Menschenkind erwählt. Warum nur? Warum verschmäht die Fürstin unsere willigen Elbenseelen? Dienerin und Lehrerin zugleich werde ich jetzt sein, um den Kelch für die Ankunft der Fürstin zu formen. Das Licht stehe mir bei!
Das zauberhafte Buch lag auf dem Esstisch, während ich ungeduldig den sich träge erhitzenden Wasserkessel abwartete. Hier unter dem Küchenfenster fiel noch genügend trübgraues Winterlicht ein, um auf die Deckenlampe verzichten zu können. „Was hat dieses Buch nur an sich?“ Antiquitäten entzogen sich schon immer meinem Interesse. „Geheimnisvoll.“ Mir kam eine Idee und ich flitzte los zum Bücherregal im Wohnzimmer. Vielleicht fand sich im alten Lexikon eine Seite über Schriften.
Noch bevor ich den entsprechenden Band Sai - Suc aufschlagen konnte, pfiff mich der Wasserkessel zurück. Der Tee musste erst ziehen, also drehte ich mich wieder um. Das mitgebrachte Buch leuchtete! Das Lexikon geriet in Vergessenheit. Ein schmaler Lichtstrahl fiel auf die Schrift. Mein irres Glotzen dauerte exakt 2 Minuten und 40 Sekunden, bis das schrille Piepen der Teeuhr gnädig die entglittenen Gesichtszüge in Bewegung brachte.
Vielleicht wäre der Anfang für mich leichter geraten, wäre mein Blick diesem ersten Lichtstrahl nach draußen gefolgt. Nämlich in Erwartung einer Wolkenlücke, die der tief stehenden Wintersonne eine freundliche Chance gab. Denn da draußen gab es keine Lücke, keinen Sonnenstrahl, nur Einheitsgrau. Andererseits wäre der Anfang garantiert erheblich schlimmer missraten, hätte ich meine unsichtbare Untermieterin aus Joschs Laden zurückkehren sehen. Nachdem Elin jede einzelne Nacht meines bisherigen Lebens bewacht hatte, startete mit dem heutigen Tag ihr Fulltimejob bei mir.
Was war zuerst da, das Summen in meinem Kopf oder das mich umhüllende Licht, als ich auf dem Küchenstuhl saß und mich über das Buch beugte? Keine Ahnung, die ersten Stunden und Tage wirken im Rückblick wie das Ergebnis eines übergeschnappten Schleudergangs in sämtlichen Gehirnwindungen.
Erfolglos drückte ich jetzt die Zeigefinger in beide Ohren. Aus der Wohnung stammte das Summen jedenfalls nicht.
„Es ist in deinem Kopf.“
„Einfach ignorieren und endlich das wundersame Werk bestaunen.“
Entschlossen richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Einband. Das Summen nahm zu. „Nein, kein Summen“, überlegte ich, „zumindest nicht wie ein Bienenschwarm“. Es klang eher wie ein von Windböen herbeigetragenes Auf und Ab singender Frauenstimmen. Wahrscheinlich die Begleitmusik zu irgendeinem Spielfilm, die mein Gedächtnis aus welchem Grund auch immer gerade jetzt abspulte.
„Es ist real.“
„Quatsch.“
Vorsichtig klappte ich den Buchdeckel auf. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, als wollten sie sich für mich neu ordnen. Ich blinzelte. Und las. Und lauschte.
„Seltsamer Traum.“ Aber warum lag ich nicht in meinem Bett und wo war ich überhaupt? Bleierne Müdigkeit blockierte vernünftige Informationen aus dem Gehirn. Die Augen ließen sich auch nur widerspenstig öffnen. „Aha.“ Der schräge Blickwinkel offenbarte, dass ich mit Kopf und Armen auf dem Küchentisch lag, folglich über dem Buch eingeschlafen sein musste. So etwas passierte mir sonst nie. „Und dieser Traum über Licht und Finsternis und ihren Kampf gegeneinander seit Anbeginn der Welt. Purer Fantasy-Stoff, darüber ließe sich glatt ein ganzes Bu…“ Ich erstarrte mitsamt meinem Gedankengang und weigerte mich, das Szenario in der Küche zur Kenntnis zu nehmen. Unmöglich, dies musste immer noch ein Traum sein. Draußen herrschte tiefe Nacht, hier drinnen brannte keine Lampe, aber um mich herum war Licht. „Der Mond, natürlich!“ Erleichtert über die simple Erklärung suchte ich den Nachthimmel ab. Kein Mond. „Ich träume, ganz einfach.Und wenn nicht?Dann drehe ich jetzt ein klein wenig durch.“
„Es ist wahr.“
Hatte ich das gedacht?
„Nein.“
„Aufwachen!“
„Du bist erwacht.“
Panik und Angst lieferten sich in Atem raubendem Tempo ein Kopf-an-Kopf-Rennen, brachten den Küchenstuhl zu Fall, ließen erst meine linke Schulter rücksichtslos gegen den Türrahmen krachen, wenige Schritte später das linke Schienbein gegen die Bettkante. Mit kindlicher Naivität sprang ich ins Bett und riss mir die Bettdecke bis über den Kopf. Dann flossen die Tränen. Erst zaghaft, bis schließlich verzweifeltes Schluchzen meinen ganzen Körper schüttelte.
Irgendwann war alles Elend dieser Welt, insbesondere das meinige, hinaus gespült und ich schlief ein. Den Strahl weißen Lichts, gekommen, um über mich zu wachen, verpasste ich.
Dröhnende Kopfschmerzen begrüßten mich am sehr späten Vormittag. „Welcher Tag ist heute?“ Wochentage, Geburtstage, Telefonnummern oder Adressen? Komplett unterhalb meiner Aufmerksamkeitsschwelle angesiedelt. Tatsächlich gehörte ich zu jenen bemitleidenswerten Kandidaten, die ihre Geheimzahlen in der Geldbörse aufbewahren mussten.
Übellaunig kletterte ich aus dem Bett, um gewohnheitsgemäß erst Tee zu kochen. Danach schlurfte ich ins Bad. Mein Spiegelbild präsentierte dick verquollene Augen. Eine saftige Ohrfeige hätte mein Erinnerungsvermögen kaum effektiver wachrütteln können. „Ganz ruhig, tief durchatmen.Ich bin keineswegs verrückt, sondern eine ganz normale Durchschnittsfrau im Durchschnittsalter mit Durchschnittsgewicht, die vorzugsweise Jeans, Baumwollpullover und bequeme Schuhe trägt.“ „Lenk jetzt nicht vom Thema ab“, protestierte mein Alter Ego. Ratlosigkeit schwappte heran. Diese träge, anspruchslose Empfindung vermittelte mir aus welchem Grund auch immer das sichere Gefühl, mit den nackten Füßen fest auf den kalten Fliesen zu stehen. Und wie lange, verdammt noch mal, wollte ich das Summen in meinem Kopf ignorieren?
„Was nun eigentlich, Summen oder Singen?“ Vorsichtig hörte ich genauer hin. Sphärisch schön, oh, aber unterirdisch schwer zu beschreiben. Das mag dieser klägliche Versuch verdeutlichen: Wie Polarleuchten über dem samtroten Sonnenuntergang der Karibik, begleitet von Kaskaden silbriger Sternschnuppen. Eine sanfte, vielschichtige, wärmende Harmonie, zugleich traurige, sehnsüchtige Frauenstimmen. Eindeutig nicht von dieser Welt. „Höre ich Worte?“ Ganz gewiss erst in dem Moment, da sich die Frage in meinem Kopf formulierte.
„Lilia, fürchte dich nicht.“
„Häh? Wieso Lilia? Wer bitte schön ist Lilia?“ Also doch Stoff aus irgendeinem Spielfilm. Obwohl „fürchte dich nicht“ mehr nach einem Psalm klang. Ja, im Analysieren war ich schon immer unschlagbar.
„Du bist Lilia, Lilia Joerdis van Luzien.“
„Nein, nein und nochmals nein!“, motzte ich mein Spiegelbild an. „Und ganz sicher werde ich niemals, ich betone, niemals wahnsinnig. Keine Fälle in der ausgestorbenen Familie bekannt. Basta!“
Die Wirkung meines Wutausbruchs glich einem zerschnittenen Band. „Gut so, Ruhe im Karton, Thema erledigt.“ Ganz bewusst richtete ich meine volle Aufmerksamkeit auf stupides Zähneputzen, Waschen und Anziehen.
Energisch betrat ich die Küche und klappte das Buch so zu, dass die Rückseite oben zu liegen kam. Schwacher Widerwille regte sich dagegen, weshalb ich genervt die aufgefüllte Teetasse ergriff und schleunigst ins Wohnzimmer verschwand. Plan A musste her, kurz und schmerzlos. „Also: Den Kopf bei einem Spaziergang zu Joschs Antiquariat gründlich durchpusten lassen, das Buch zurückgeben. Fertig.“ Samstags schloss Josch meist gegen 16 Uhr ab, mithin war noch reichlich Zeit. „Heute ist doch Samstag, oder?“ Ich ging in die Küche, um die Tasse aufzufüllen, und warf dabei einen Blick auf den Wandkalender. „Sonntag. Dann eben bloß der Spaziergang“, seufzte ich leise. Ein leichtes Unbehagen im Gefühlszentrum namens Bauch begann sich hartnäckig festzusetzen.
Frostige Kälte schlug mir ins Gesicht. Ziellos ließ ich mich durch die nahen Straßen treiben – und stand höchstens fünfzehn Minuten später wieder vor meiner Wohnungstür. Schlecht. „Ach was, mit mehr Tee, Frühstück und gutem Willen lässt sich jedes Problem lösen.“ Nüchtern betrachtet schmorte ich zu sehr im eigenen Saft und das hatte offensichtlich meine Nerven überreizt. Als ein von Natur aus eher ängstlicher, introvertierter Typ zeigte ich wenig Vorliebe für zwischenmenschliche Kontakte. Stundenlange Spaziergänge durch einsame Wälder oder entlang möglichst menschenleerer Küsten, klassische Musik und dicke Schmöker, sie entsprachen in meinen Augen grenzenlosem Freizeitglück. „Könntest du endlich mal zum Thema kommen?“, verlangte mein Alter Ego. „Das Buch?“ „Richtig.“ „Der Gesang?“ „Korrekt.“ „Das Licht?“ „Und so. Also tritt dich mal in deinen nicht mehr ganz so hübschen Hintern“, zeterte die Meckerecke vom Dienst.
Ungebeten bekam ich sphärische Unterstützung.
„Lilia, bitte hilf uns. Lies das Buch.“
Hatte ich doch schon, zumindest einen kleinen Teil davon. „Oder?“ Seltsamerweise wollte sich keine greifbare Erinnerung an den gelesenen Abschnitt einstellen. Mehr ein Gefühl von Bedrohung, Kampf und Verlust.
Mit jeder verstreichenden Minute schwoll der Sog des Buches an. Er war um ein Vielfaches stärker als jeder nervenaufreibende Thriller, bei dem man mitten im Showdown gezwungen wurde, ihn aus der Hand zu legen. Folgerichtig schaltete ich mechanisch die Esstischlampe ein und setzte mich abermals an den Küchentisch.
Auf seiner safranfarbenen Vorderseite starrten mich Hieroglyphen an. Zugegeben, augenblicklich breitete sich Enttäuschung in mir aus. Hartnäckig starrte ich zurück. Sie begannen ihren flirrenden Tanz. „Das Licht kann ohne Schatten nicht sein“ erschien vor meinen Augen. Enttäuschend unspektakulär, der Buchtitel, regelrecht banal. „Obwohl, eine alte, häufig benutzte Redewendung lautet doch: Wo Licht ist, da ist auch Schatten.“ Grübelnd griff ich nach meiner Tasse. „Wie geht noch gleich der andere Spruch?“, murmelte ich leise. „Gut und Böse liegen oft eng beieinander?“
„
