Blaue Iris - Roland Benito-Krimi 11 - Inger Gammelgaard Madsen - E-Book

Blaue Iris - Roland Benito-Krimi 11 E-Book

Inger Gammelgaard Madsen

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Beschreibung

Spannung pur!Unter dem Eis in einem alten Ruderboot, das ans Ufer des Norsminde Fjords getrieben ist, wird ein toter Teenager gefunden. Wie sich herausstellt, handelt es sich um Iris Bøgh Lykkegaard aus Malling, die seit über zwei Monaten vermisst wurde. Sie verschwand in Aarhus, wo sie zusammen mit Freundinnen ihren 16. Geburtstag feierte. Auf dem Eis über dem toten Mädchen liegen Blumen. Blaue Iris. Hat der Mörder sie dorthin gelegt? Warum wurde das junge, beliebte Mädchen mit den außergewöhnlich schönen blauen Augen gefoltert, brutal ermordet und in dem Boot zurückgelassen?Es wird Rolando Benitos erster schwerer Fall als neuer Hauptkommissar bei der ostjütländischen Polizei, wo er nach seinen Jahren als Ermittler bei der Unabhängigen Polizeibehörde gleichzeitig gegen das Misstrauen seiner Kollegen ankämpfen muss. Im Laufe der Ermittlungen zeigt sich, dass es mehrere mögliche Motive für den Mord an Iris gibt. Langsam wird immer mehr über ihr Leben bekannt und nichts ist, wie es scheint. Aber der Mörder ist näher, als Roland klar ist. Kann er die beschützen, die er liebt?-

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Inger Gammelgaard Madsen

Blaue Iris - Roland Benito-Krimi 11

Saga

Blaue Iris - Roland Benito-Krimi 11 Übersetzt Kirsten Vesper Cover Bild: Shutterstock Copyright © 2019, 2019 Inger Gammelgaard Madsen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726094862

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Das Eis auf dem Fjord reflektierte das Licht und blendete sie. Der Schnee knirschte unter den Sohlen, Eiskristalle glitzerten auf der spröden Oberfläche; der Himmel war blau, die Luft frostklar und schneidend. Einer dieser Tage, an denen sie es liebte, mit Smiley spazieren zu gehen. Der Hund war in der weißen Landschaft schwer zu sehen, aber jetzt lief er ihr freudig entgegen. Genau deswegen hatte sich für einen Samojeden entschieden, weil es aussah, als ob er immer lächelte. Das gab ihrem Leben einen positiven Hauch, nun, da Simon sie nicht mehr anlächelte.

Er war direkt nach Neujahr begraben worden und sie war froh, dass sie trotz allem Weihnachten und Neujahr zusammen hatten verbringen können, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt krank gewesen war. Jetzt war ein ganz neues Jahr angebrochen. Der Januar war dunkel und lang und hatte gerade erst angefangen, aber sie hatte beschlossen, dass es ein gutes Jahr werden sollte. Simon hatte nun seinen Frieden und sie hatte die Kinder und Enkel – und Smiley. Martha Bæk warf einen Schneeball und der Hund stürmte ihm nach, so schnell es der Schnee erlaubte. Die Rasse stammte aus Sibirien, wo sie zusammen mit den Nomadenstämmen lebte und als Schlittenhund gebraucht wurde und sie konnte auch deutlich sehen, dass er die Winterlandschaft genoss.

Ihr Atem blieb in der kalten Frostluft hängen. Sie rieb die Handschuhe aneinander und schlug die Arme um ihren Leib, während sie nach dem Hund schaute. Jetzt verschwand er hinter dem Hügel runter an den Fjord. Sie pfiff, aber Smiley hörte nicht. Sie seufzte und folgte der Spur des Hundes. Als sie oben auf dem Hügel angekommen war, entdeckte sie zuerst eine dunkle Gestalt und danach Smiley, der am Fjordufer um die Gestalt herumtanzte. Es sah aus, als versuchte die Person den Hund zu verjagen. Martha pfiff erneut. Smiley war viel zu zutraulich, verspielt und gesellig – jedenfalls kein guter Wachhund. Aber normalerweise hörte er.

Sie versuchte auf dem Weg den Hügel hinunter im Schnee das Gleichgewicht zu halten. Die Stiefel rutschten und mehrmals verlor sie beinahe den Halt, fing sich aber wieder.

„Smiley!“, rief sie und pfiff noch mal, so laut sie konnte.

Jetzt bemerkte die Person in dem schwarzen Mantel sie. Sie konnte nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war, ebenso das Gesicht nicht sehen, es war unter einer Kapuze mit Pelzkragen verborgen.

„Sie müssen keine Angst haben, der tut nichts! Er heißt Smiley!“, rief sie und lächelte, obwohl man das von da unten aus der Entfernung sicher nicht sehen konnte. Sie bereute, Smiley losgemacht zu haben, aber in der Regel ließ er sich leicht abrufen, und sie hatte nicht erwartet, hier auf dem freien Feld so früh jemanden zu treffen.

Plötzlich rutschte sie aus und stöhnte vor Schmerzen, als eine Sehne im Knie riss. Sie versuchte es beharrlich, kam aber nicht mehr hoch. Dieses Knie hatte immer schon Probleme bereitet.

„Hallo! Können Sie mir helfen? Mein Bein ist verletzt“, rief sie und winkte der Gestalt, die neben dem Boot stand, über das sie sich schon gewundert hatte. Es hatte den ganzen Winter dagelegen, voller Wasser, das zu Eis gefroren war. Das tat einem Boot nicht gut. Smiley war selbstverständlich dorthin gelaufen, das machte der Hund jedes Mal, und letztes Mal hatte sie ihn von dem Boot wegziehen müssen, um ihn mit zurück zum Auto zu nehmen. Bestimmt zogen ihn diese blauen Lilien an, die auf dem Eis lagen – oder ob es wohl Iris waren? Simon war der bessere Botaniker gewesen. Sie hatte sich auch gefragt, warum da Blumen lagen. Sie wirkten völlig fehl am Platz, aber heutzutage passierten so viele seltsame Dinge.

Sie winkte, im Zweifel, ob sie übersehen worden war. Konnte man das? Smiley reagierte auch nicht. Der Hund bellte und folgte der Person, die sich in den Schneewehen abwehrend von ihm weg in die entgegengesetzte Richtung bewegte und plötzlich losrannte. Smiley lief hartnäckig hinterher und bellte laut. Er dachte sicher, sie würden spielen. Aber warum rannte der Fremde? War sie hier oben auf dem Hügel so schwer auszumachen? Blauer Mantel in weißem Schnee. Das müsste man eigentlich sehen.

Martha stöhnte vor Schmerzen, als sie nochmals versuchte, auf die Beine zu kommen und sich sofort wieder in den kalten Schnee legen musste. Die Hose war durchnässt und sie fror wie ein Schneider. Sie rief erneut und versuchte lauter zu schreien.

Die Person hielt jäh inne und schaute zu ihr hinauf. Das Morgenlicht fiel in die Kapuze und verblüfft erkannte sie das Gesicht selbst aus dieser Entfernung.

„Du bist das?! Was in aller Welt machst du hier so früh? Komm her und hilf mir, ich komme allein nicht mehr auf die Beine!“, rief Martha und winkte wieder. Smiley verfolgte den Ärmsten weiter, schnappte nach den Waden und erwischte das eine Hosenbein, an dem er riss und zerrte, während sein Opfer kämpfte, um freizukommen. Was war nur mit ihm los? Das war kein Spiel mehr.

Ein wütendes, zurechtweisendes Kommando an Smiley blieb ihr im Hals stecken, als er plötzlich herzzerreißend winselte und zusammensackte. Um Atem ringend versuchte Martha wieder vergeblich, auf die Beine zu kommen, als sie den Hund im Schnee ein paarmal zucken sah, bevor er still und reglos liegen blieb.

„Smiley!“, schrie sie.

Jetzt drehte sich die Gestalt um und kam langsam und zielstrebig zu ihr hoch.

Kapitel 1

Es hatte leicht zu schneien angefangen, als Roland Benito an der Stelle am Norsminde Fjord ankam, wo die Frau von ein paar Kindern gefunden worden war, die auf den schneebedeckten Feldern Schlitten fahren wollten. In der Sonne sahen die Flocken wie feine, weiße Daunen aus, die langsam vom Himmel fielen. Ein hübscher Anblick vor dem Eis des Fjordes, das wie Gold glänzte.

Mein erster Fall, dachte er, während er durch die Schneewehen zu den Kriminaltechnikern in blauen Schutzanzügen stapfte, die sich zusammen mit der Rechtsmedizinerin Natalie Davidsen hinter dem Hügel befanden. Waren die Anzüge heute blau statt gewohntermaßen weiß, damit sie sich vom Schnee abhoben oder dachte sein Gehirn nach längerer Abwesenheit vom normalen Polizeidienst bloß an etwas anderes, bevor er mit dem Anblick konfrontiert werden sollte, vor dem er in den knapp vier Jahren als Ermittler bei der Unabhängigen Polizeibehörde überwiegend verschont geblieben war? Eine Leiche.

Er war bei seinem Auto selbst auch in einen Anzug geschlüpft. Er knisterte beim Laufen im Frost. Roland versuchte, nicht in die vor ihm liegenden Fußspuren zu treten, die bald vollständig von frisch gefallenem Schnee bedeckt sein würden. Neben die am deutlichsten sichtbaren hatten die Kriminaltechniker gelbe Schildchen mit Nummern gestellt.

Die Frau war als Martha Bæk identifiziert worden. Man hatte ihr Auto im Starupvej gefunden.

Selbstverständlich war das nicht sein erster Fall. So fühlte es sich allerdings an, obwohl er in der Mordkommission im Polizeipräsidium in Aarhus viel länger gearbeitet hatte als bei DUP. Er hatte dem Angebot des Polizeipräsidenten nicht widerstehen können und Irene hatte recht, wenn sie sagte, dass er es vermisst hatte, wirkliche Verbrechen aufzuklären, statt gegen Polizeibeamte zu ermitteln, die das Gesetz übertreten hatten. Der Ermittlungsleiter bei DUP, Viktor Enevoldsen, war natürlich von seiner Kündigung überrascht gewesen, hatte dann kurz darauf aber lächelnd den Kopf geschüttelt und gesagt, er habe geahnt, dass das eines Tages passieren würde, da Roland sich nie daran hatte halten können, nur gegen Polizeibeamte zu ermitteln, sondern immer stärker in die Fälle selbst involviert gewesen war, mit denen man ihn in der Behörde betraut hatte. Manche seien einfach geborene Ermittler und Roland einer von ihnen. Er würde Viktor Enevoldsen, Karina Ottesen, Mark Haldbjerg und all die anderen bei DUP vermissen, aber nun würde er wieder mit seinen alten Kollegen zusammenarbeiten und den neuen, die in den Jahren seiner Abwesenheit dazugekommen waren.

Schneeflocken trafen sein Gesicht, eine landete auf dem einen Augenlid und schmolz. Er blinzelte das Wasser weg, bevor er die kleine Gruppe erreichte, die um Martha Bæks Leiche stand. Sie lag im Schnee, als ruhte sie sich nur aus. Die Lippen waren bläulich und die Haut fast so weiß wie der Schnee, ebenfalls mit einem bläulichen Schimmer, der dem Widerschein des indigoblauen Steppmantels geschuldet sein konnte. Schneeflocken überzogen ihr Gesicht wie Eiskristalle und ließen es aussehen, als ob sie lange in einer Gefriertruhe gelegen hätte; sie hingen an den Augenbrauen, den Wimpern und den weit geöffneten Augen, die ebenfalls blau waren. Ihre goldgefasste Brille lag ein Stück entfernt, daneben stand ein gelbes Schild. Sie hatte eine beigefarbene Strickmütze auf dem Kopf, eine mit einer Bommel, wie Kinder sie oft tragen. Die Haare, die unter der Mütze rausguckten, waren weiß und fielen nass auf den türkisfarbenen Schal. In beiden Ohrläppchen trug sie weiße Marmorohrstecker, die wie Tropfen geformt waren. Er dachte darüber nach, dass das Ganze beinahe inszeniert aussah, als ob sie passend zu der kalten Schneelandschaft angezogen worden wäre. Das Einzige, was sich in einem warmen Ton markant abhob, war das Blut, das den Schnee um sie herum rot gefärbt hatte. Natalie Davidsen sprach in ihr Diktiergerät. Sie kniete neben der Frau, als ob sie ihr einen Antrag machen wollte.

Roland stellte sich diskret neben einen Kriminaltechniker, den er nicht kannte.

„Frau Ende sechzig. Fünf Messerstiche in der Brust und …“ Natalie hielt inne, als sie ihn bemerkte. Es sah aus, als wollte sie etwas sagen, schwieg aber, als fiele ihr ein, dass es jetzt gerade nicht passend war. Er nickte ihr mit einem kleinen Lächeln zu, als Zeichen weiterzumachen und sich nicht stören zu lassen. Er schaute einigen Beamten nach, die unten am Fjordufer herumliefen. Dann sah er wieder zu der Frau im Schnee.

„Die Todesursache ist vermutlich Blutverlust, verursacht durch die Messerstiche im Brustkorb. Sie hat eine Menge Blut verloren und seit heute früh hier gelegen, den genauen Todeszeitpunkt wird die Obduktion zeigen.“ Natalie stand auf, strich Schnee vom Knie und schaltete das Diktiergerät aus. Roland hatte mitbekommen, dass sie lange gearbeitet hatte.

Natalie ging zu ihm und sah ihm direkt in die Augen.

„Na, dann bist du also zurück, Benito. Glückwunsch zu deiner neuen Stellung. Hauptkommissar. Wow. Damit solltest du gelockt werden, was?“

„Danke, Natalie.“

„Und dann wirst du obendrein direkt mit einer Leiche konfrontiert, aber das hat wohl kaum der Polizeipräsident für dich arrangiert.“

Roland lächelte schief und versuchte einzuschätzen, wie viel Sarkasmus sich hinter diesen Worten verbarg. „Nein, ich glaube, das würde er wohl am liebsten vermeiden. Wurde sie hier überfallen?“ Er nickte, die Hände in den Manteltaschen, in Richtung Leiche. Er hatte die Handschuhe im Auto vergessen.

Natalie schaute wieder zu Martha Bæk. Schneeflocken lagen auf den Schultern und der Kapuze ihres Schutzanzugs.

„Sieht nicht so aus, als wäre die Rede von einem Überfall, sondern fast, als ob sie im Schnee gelegen hätte, als es passierte, wie du an dem, was von den Fußspuren übrig ist, sehen kannst.“ Natalie deutete in den Schnee. „Ihre scheinen vom Hügelkamm zu kommen und dann sieht es aus, als sei sie ausgerutscht. Hier finden sich außerdem neue Fußspuren.“ Sie deutete wieder auf die entsprechende Stelle. „Sie müssen vom Täter stammen. Leider sind sie bald von neuem Schnee bedeckt, aber der Richtung nach zu urteilen kommen sie vom Fjord. Die Kriminaltechniker haben sie sich angeschaut, aber sie haben nicht viel Hoffnung, dass das was nutzt.“

„Hätte es nicht angefangen zu schneien, wären das optimale Fußabdrücke gewesen“, rief ein Kriminaltechniker in der Nähe, der Natalie gehört haben musste.

„In ihrer Manteltasche steckt eine Hundeleine, also ist sie hier offenbar Gassi gegangen.“

War das eine normale Stelle zum Gassi gehen? Er blickte über die Felder und den Fjord. Angolo würde es ganz sicher lieben.

„Aber keine Pfotenabdrücke“, wandte Roland ein. „Wo ist der Hund?“

Natalie schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Die meisten seiner Spuren sind verweht.“

„Was ist mit den Kindern, die sie gefunden haben?“

„Die haben sich nicht bis nach unten getraut, sie sind oben auf dem Hügel stehen geblieben, als sie die Frau in dem ganzen Blut liegen sahen, und schnell heim zu ihren Eltern gerannt. Sie wohnen auf dem Hof, den du hier zu deiner Rechten erahnen kannst. Die Felder gehören wohl dazu. Die Eltern haben sofort die Polizei gerufen.“

„Dann ist sie offenbar hingefallen. Ist was gebrochen?“

„Das kann ich nicht sagen, bis ich sie auf dem Tisch hatte. Leider trägt sie Handschuhe, daher werden wir nichts unter ihren Nägeln finden, falls sie sich verteidigt hat, aber das sehen wir dann.“

Sie schauten beide nach unten auf den Fjord und die Beamten; es sah aus, als ob sie etwas gefunden hatten. Ein Kriminaltechniker fotografierte irgendetwas im Schnee.

Roland tätschelte Natalie leicht die Schulter, sodass der Schnee rieselte und begann die Wanderung den Hügel hinab. Es war kein Wunder, falls die Frau gestürzt war; hier war es glatt wie auf einer Schlittschuhbahn.

Roland hatte ebenfalls Eis im Magen, als er sich den Beamten und Kriminaltechnikern näherte. Er hatte sich Sorgen gemacht, wie er nach der Zeit bei DUP im Polizeipräsidium empfangen werden würde. Mehrere der alten Kollegen sahen ihn schief an, empfanden ihn als Verräter. Viktor Enevoldsen hatte ihn genau davor gewarnt, aber Roland hatte geglaubt, es sei vor allem gewesen, um ihn am Gehen zu hindern. Jetzt war es spannend, wie schlimm es werden würde. Er wusste, sie warfen ihm vor, dass sein langjähriger ehemaliger Partner Mikkel Jensen während eines Falls, in dem DUP ermittelte, angeschossen und invalide geworden war. Heute saß er im behindertengerechten Bereich der Institution Enner Mark, wie das Staatsgefängnis Ostjütland mittlerweile hieß, weil das Wort Gefängnis für die Insassen und deren Familien anstößig war. Aber Mikkel Jensen saß nicht unverschuldet dort, auch wenn einige das nicht einsehen wollten. Hauptsächlich hatte Roland befürchtet, auf Isabella Munch zu treffen, oder Isabella Munch Jensen, wie sie nun genannt werden wollte, nachdem sie Mikkel Jensen geheiratet hatte- kurz bevor es passierte. Es fiel Roland schwer zu beurteilen, wie sie zu ihm stand, jetzt, wo er wieder da war. Bei der Morgenbesprechung hatte sie nichts gesagt.

Als er am Fuß des Hügels angekommen war, sah er, was der Techniker fotografierte. Den Hund. Er war im Schnee schwer zu erkennen, weil das Fell genauso weiß war, aber der rote Strom aus seinem Hals sprang ihm ins Auge. Auf eine bizarre Weise sah es aus, als ob der Hundekopf lächelte.

Niemand sagte etwas, man hörte nur das Klacken der Kamera in der Frostluft.

„Wir gehen davon aus, dass es der Hund des Opfers ist, oder?“, fragte er, um etwas zu sagen und auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen.

Der Kriminaltechniker nickte und sah ihn kurz an.

„Er muss natürlich obduziert werden. Wir warten auf den Tierarzt. Ich konnte einige Fasern zwischen seinen Zähnen sehen, daher hat er den Täter vermutlich gebissen oder jedenfalls nach ihm geschnappt. Vielleicht können wir das gebrauchen.“

Roland schaute sich um. Die Fußspuren des mutmaßlichen Täters und des Hundes kamen vom Ufer. Es sah aus, als hätten sie im Schnee gespielt, aber das war höchstwahrscheinlich nicht der Fall gewesen. Aber wieso einen Hund töten? War es jemand mit einer kurzen Zündschnur? Er folgte den Spuren ans Fjordufer. An einer Stelle konnte er sehen, dass der Hund gepinkelt hatte. Ein gelbes Loch war in den Schnee geschmolzen. Alle Fußspuren liefen bei einem alten Ruderboot zusammen, das ein Stück vom Ufer entfernt lag.

Roland streckte den Hals. Es sah aus, als wäre das Boot mit Wasser gefüllt, das zu Eis gefroren war.

„Pass auf, das Eis ist vielleicht nicht sicher“, rief eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich um. Es war Hafid Ahmed, der gerade angekommen sein musste. Am Morgen zuvor, als er sein altes Büro wieder bezogen hatte, war Polizeipräsident Birger Gudbergsen hereingekommen, um ihn willkommen zu heißen. Er hatte die Neuen und ihn einander vorgestellt, darunter auch Hafid. Es wirkte nicht, als ob er Vorurteile gegen Rolands Arbeit in der Polizeibehörde hätte, so wie die alten Kollegen anscheinend, aber mit seiner Hautfarbe und einem marokkanischen Vater kannte er Vorurteile vermutlich nur zu gut und nahm sicher von so etwas Abstand.

„Sieht aus, als ob Fußspuren auf dem Eis sind, also wohl nicht vomBesitzer?“, meinte er.

„Ob der Täter wohl darüber gelaufen ist? War er beim Boot?“

„Scheint so. Da liegt irgendwas drin“, antwortete Roland und trat prüfend auf das Eis. Es wirkte fest genug. Er versuchte einen weiteren Schritt, dann noch einen. Das Eis knackte, aber dann war er fast am Ruderboot. Die beiden Ruder steckten in den Rudergabeln. Sie sahen ziemlich neu aus, und irgendwie wirkte das Boot nicht ausrangiert, obwohl es alt war. Als er dort angekommen war, blieb er verwundert stehen.

„Was ist los, Benito? Was kannst du sehen?“, rief Hafid neugierig vom Ufer. Offenbar ging er davon aus, dass das Eis nicht zwei Personen tragen konnte.

„Das Boot ist voller Wasser, es ist komplett zugefroren, aber es liegen blaue Blumen auf dem Eis. Iris, glaube ich.“

„Blumen? Warum liegen die da?“

„Gute Frage“, murmelte Roland und beugte sich über den Steven. Das Boot war unerschütterlich im Eis festgefroren. Unter den Blumen und dem dicken Eis, das mit frisch gefallenem Schnee gepudert war, erahnte er eine Gestalt. Mit der Hand fegte er vorsichtig den Puderschnee weg, ohne die Blumen zu bewegen. Dann zuckte er mit einem lautlosen Keuchen unwillkürlich zurück. In der Tiefe kam ein Gesicht zum Vorschein. Die aufgerissenen Augen waren so blau, dass sie selbst durch das dicke Eis deutlich zu sehen waren.

Sie waren genauso blau wie die Iris-Blumen.

Kapitel 2

Das Büro war anders eingerichtet als in den vielen Jahren, in denen er es innehatte und die Zustände bloß normal und nie besser geworden waren. Das Büro hatte der nun ausgeschiedene Vizepolizeidirektor Anker Dahl mit seiner Übernahme geändert. Es war ein kleiner Konferenztisch in die eine Ecke gekommen und ein Whiteboard, sodass sie für ihre Briefings nicht in den Konferenzraum gehen mussten. Warum war er da nicht draufgekommen? Aber da hatte ja der große Kasten von einem Drucker gestanden, fiel ihm ein. Der war nun durch ein kleineres Tischmodell ersetzt worden.

Roland nickte zufrieden. Er hatte darauf bestanden, sein altes Büro zu bekommen, obwohl der Polizeipräsident ihm ein größeres angeboten hatte, jetzt, da er zum Hauptkommissar ernannt worden war. „Es wird mehr Papierkram“, hatte er gesagt, und Roland hatte betont, dass er dann ja kein großes Büro bräuchte, wenn er nur an seinem Schreibtisch sitzen sollte. Diese Einstellung hatte Birger Gudbergsen nicht, was sich auch deutlich in den Büros der Führungsriege widerspiegelte; je mehr Papierarbeit sie hatten, desto größer das Büro.

Roland lehnte sich ein paarmal prüfend auf dem Stuhl zurück, sodass das Leder knarzte. Warum hatte er damals nicht auch um einen neuen Stuhl gebeten? Der alte war so abgenutzt, dass die Gaspatrone nicht mehr funktionierte. Selbstverständlich, weil er gar nicht so viel gesessen hatte. Er fühlte sich draußen im Einsatz am wohlsten. Dieser Stuhl war echt bequem. Viel Papierkram? Er hoffte trotzdem, dass er nicht den lieben langen Tag auf seinem Hintern sitzen würde. Er schaute auf die Uhr. Wo blieben die Mitarbeiter? Er hatte alles für die morgendliche Besprechung vorbereitet. Die Fotos von Martha Bæk, dem Hund und dem Mädchen unter dem Eis hingen an der Pinnwand, auf dem Tisch standen Tassen und Thermoskannen.

Am Abend zuvor war niemand hier gewesen, als er von der Pressekonferenz zurückgekommen war, die er gemeinsam mit dem Vizepolizeidirektor abgehalten hatte. Eine weitere Sache, an die sich Roland wieder gewöhnen musste. Die Presse. Er musste an das Nützliche denken, das die Journalisten trotz allem taten, sie als seinen Schlüssel zur Bevölkerung sehen, wie es der Vizepolizeidirektor ausgedrückt hatte. Glücklicherweise hatte er den Chef überreden können, nicht allzu offen zu sein. Unter anderem hatten sie sich darauf geeinigt, die frischen, blauen Iris-Blumen, die auf dem Eis über der Leiche gelegen hatten, nicht zu erwähnen.

Natürlich war es spät geworden, bis er zurück in der Abteilung war, aber wie viel hatte sich im Laufe der Jahre im Polizeipräsidium geändert? Seinerzeit war es selten gewesen, dass die Leute einfach nach Hause gingen, wenn sie an einem großen Fall arbeiteten. Sie arbeiteten in der Gruppe, aber vielleicht hatten sie sich an etwas anderes gewöhnt unter Anker Dahl, den die Polizeibehörde nun hinter Gitter gesteckt hatte. Wenn es jemand verdiente, dort zu sitzen, dann er.

Der Erste, der auftauchte, war Hafid Ahmed. Er wünschte Roland einen guten Morgen und setzte sich auf seinen Platz im Nachbarbüro.

„Wann kommen die anderen?“, rief Roland ihm zu und sah wieder auf die Uhr.

„Die müssten eigentlich schon hier sein. Wenn nicht, sind sie bestimmt auf dem Weg“, antwortete Hafid und schaute sich um, als glaubte er, sie versteckten sich alle unter den Tischen.

Arbeitsniederlegung, war Rolands erster Gedanke. Alle waren so unzufrieden damit, einen Verräter als Chef zu bekommen, dass sie sich weigerten, zur Arbeit zu erscheinen. Vielleicht hatte Viktor Enevoldsen recht damit, dass es nicht leicht für ihn werden würde.

Glücklicherweise trudelten sie nach und nach ein. Zuerst kam einer der Neuen, Liam Eklund, den er auch ein wenig kannte aus alten Zeiten, als Liam bei der Spezialeinheit gearbeitet hatte und anschließend, nach einer Schussverletzung, durch die er nicht mehr für ebendie härteste Einheit der Polizei arbeiten konnte, in die Abteilung für organisierte und Wirtschaftskriminalität versetzt worden war. Sie hatten letzten Sommer zusammen an dem großen Terrorfall in Aarhus gearbeitet, wo Roland erneut involviert war, obwohl er für die Polizeibehörde gearbeitet hatte. Als nächstes setzte sich Bjarke Svane auf seinen Platz. Svane war ein ehemaliger Angestellter des PET, hatte sich aber entschieden, den Job zu wechseln und im Polizeipräsidium anzufangen, als die Abteilung des PET in Aarhus 2013 schloss und die Mitarbeiter nach Søborg ziehen sollten. Dann tauchten Isabella, Niels Nyborg und Kim Ansager auf, seine drei alten, langjährigen Kollegen, die einzigen Alten, die noch da waren. Zum Schluss kam die neue Beamtin, Emily Strand, von deren schulmädchenhaftem Aussehen man sich nicht täuschen lassen durfte. Sie hatte vorher in der Spezialeinheit der Bereitschaft gearbeitet. Ihr Job bestand hauptsächlich darin, Schulen und Volksschulen abzuklappern und in das raue Nachtleben zu Diskotheken und Nachtclubs zu fahren, wo Drogen im Umlauf waren, um zynische Dealer zu verhaften. Anker Dahl hatte Liam, Bjarke und Emily in Verbindung mit dem Terroranschlag in die Abteilung gebracht und anschließend hatten sie selbst den Wunsch geäußert zu bleiben.

Falls diese nachlässige Eintreffen am Arbeitsplatz Usus war, musste sich das wieder ändern, aber darum würde er sich nach und nach kümmern.

Roland stand auf und ging zu ihnen ins Nachbarbüro. Wenn der Berg nicht zum Propheten kam …

„Hmm, guten Morgen zusammen. Wir haben drei Mordfälle, würdet ihr daher mit in mein Büro kommen? Ich habe Brötchen besorgt.“

Er hatte beim Bäcker überlegt, ob es vielleicht wie Bestechung wirkte, aber falls er seine Mitarbeiter mit Brötchen und Gebäck dazu bringen konnte, ihm freundlich gesonnen zu sein, war er noch billig davongekommen.

„Sind es nicht nur zwei Morde?“, fragte Emily.

„Ja, zwei Menschen – und ein Hund“, antwortete Roland. An dem Tisch war geradeso Platz für die sieben Beamten. Roland setzte sich auf den Rand seines Schreibtisches. Zu seiner Freude nahmen alle die Bestechung an und schenkten sich Kaffee ein. Jedoch schweigend und ohne ihn anzusehen. Er räusperte sich. Die Routine bei Morgenbesprechungen musste auch wieder aufgefrischt werden. Er umklammerte seinen Kaffeebecher fester als notwendig.

„Das Ruderboot wurde gestern Abend in die Rechtsmedizin gebracht. Das Eis sollte von allein auftauen, sodass eventuelle Spuren nicht zerstört werden. Das hat natürlich eine Weile gedauert“, legte er dar. „Aber jetzt ist das Mädchen unter dem Eis identifiziert. Es handelt sich um Iris Bøgh Lykkegaard, die seit dem 5. November verschwunden war – also gut und gerne zwei Monate. Die Eltern haben sie identifiziert.“

Nun sahen ihn alle aufmerksam an. Der Fall des verschwundenen Mädchens aus Malling war in allen Medien gewesen, seit sie nach einem Abend mit ihren Freundinnen in Aarhus, wo sie ihren 16. Geburtstag feierte, verschwunden war. Der Fall hatte alle beschäftigt und berührt. Es war spät geworden, und Iris und eine Freundin, die in die gleiche Richtung musste, hatten sich darauf geeinigt, mit dem Taxi heimzufahren, aber Iris hatte aus unbekannten Gründen die verhängnisvolle Wahl getroffen, bei der Egelund Station aus dem Taxi zu steigen. Ihre Freundin hatte der Polizei während der Suche im vergangenen Jahr erzählt, sie habe gesehen, wie sie den Nymarksvej entlanggegangen sei und daher damit gerechnet, dass sie die Unterführung unter dem Oddervej nehmen und dem Nymark folgen würde, von wo aus es nicht mehr weit bis nach Hause war. Niemand hatte sie mehr gesehen, nachdem sie um 1:30 Uhr das Taxi verlassen hatte. Durch das heftige Schneegestöber in dieser Nacht waren alle Spuren beseitigt. Die Suche durch Polizei, Freunde, Familie, Missing People und im Großen und Ganzen alle in der Umgebung blieb erfolglos. Es war in Wasserläufen, Mooren und Seen gesucht worden, wo sie ins Eis eingebrochen sein konnte, und je mehr Zeit in diesem harten Winter verging, desto geringer waren die Chancen, die junge Frau lebend zu finden. „Wie ist sie gestorben?“, fragte Isabella schwach.

„Wir haben den endgültigen rechtsmedizinischen Bericht noch nicht vorliegen. Aber Natalie meint, dass sie heute Nachmittag damit fertig ist. Die Leiche ist gut erhalten, da sie die ganze Zeit gekühlt war; daher glaubt Natalie, dass die Chancen nicht schlecht stehen, Spuren zu finden.“

„Ja, wenn das Wasser sie nicht zerstört hat“, warf Bjarke ein.

Roland nickte und trank von dem Kaffee. Er war nicht so gut wie der, den er aus der Polizeibehörde gewohnt war, und er versuchte eine Grimasse zu unterdrücken.

„Aber, was sie sagen kann, ist, dass Iris an Händen und Füßen gefesselt war und grob misshandelt wurde.“

„Vergewaltigt?“, fragte Isabella. Die Abscheu leuchtete deutlich in den Augen. Roland erinnerte sich plötzlich an eine der letzten Bemerkungen von Mikkel Jensen ihm gegenüber, bevor er festgenommen worden war, nämlich, dass Isabella von jemandem vergewaltigt worden war, der frei herumlief, ihr drohte und andere Frauen vergewaltigte. Er hatte gesagt, dass sie ihren Namen hatte ändern und umziehen müssen, um dem Vergewaltiger zu entkommen. Aber hatte Mikkel Jensen das damals nur gesagt, um seine eigenen Taten zu rechtfertigen?

„Das konnte Natalie vor der Obduktion auch noch nicht sagen, aber Iris war nackt, daher müssen wir das Schlimmste befürchten“, antwortete er.

Eine Weile herrschte Schweigen.

„Iris war eine aktive junge Frau. Sie hatte gerade ihren eigenen Rekord als Freitaucherin unter dem Eis gebrochen, bevor sie verschwand“, fuhr Roland fort.

„Und dann wird sie tot unter dem Eis in einem Ruderboot gefunden. Ob darin wohl eine Symbolik liegt?“, fragte Liam und fasste damit Rolands Gedanken in Worte.

„Wir werden selbstverständlich mit ihrem Bekanntenkreis im Tauchklub reden“, antwortete er.

„Die wurden doch bestimmt schon befragt, als das Mädchen im November verschwunden ist“, meinte Niels.

„Das ist klar, aber jetzt muss ein Mörder gefunden werden, daher sprechen wir noch mal mit allen.“

„Was ist mit dem Taxifahrer? Wurde der nicht ausfindig gemacht?“

„Nein, er hat sich nie gemeldet, daher haben wir auch hier eine Aufgabe. Ich kann dem Bericht entnehmen, dass geschlussfolgert wurde, dass es sich um ein Schwarztaxi gehandelt hat.“

„Was bedeuten die Blumen?“, fragte Isabella und betrachtete das Foto des Bootes an der Pinnwand.

„Das sind Iris. Frische, daher deutet einiges darauf hin, dass sie gerade erst hingelegt wurden“, erläuterte Roland und schaute ebenfalls einen Augenblick auf die Pinnwand. Die starrenden, hübschen blauen Augen, die er unter dem Eis gesehen hatte, erschienen immer noch vor seinem inneren Auge.

„Blaue Iris? Ob das wohl eine Anspielung auf ihren Namen ist?“ Emily lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

„Oder auf ihre Augen. Die sind ungewöhnlich hübsch und blau“, meinte Isabella und sah fast neidisch auf das Foto von Iris, das ihnen von den Eltern ausgehändigt worden war, als sie gesucht wurde. Iris lächelte und das lange, strohblonde Haar glänzte in der Sonne und umrahmte ihr hübsches, ovales Gesicht. Das gleiche Foto hatte Iris für ihr Facebook-Profil verwendet. Isabella hatte recht. Roland hatte noch nie so unglaublich schöne blaue Augen gesehen, wenn sie denn echt und keine farbigen Kontaktlinsen waren. Heutzutage wusste man ja nie.

„Aber es kann ja eigentlich fast nur der Mörder gewesen sein, der die Blumen dorthin gelegt hat“, schätzte Niels und Roland hatte das Gefühl, dass sie sich alle langsam in dem Fall engagierten.

„Jedenfalls jemand, der wusste, dass sie in diesem Boot lag. Warum sollte er sie sonst hinlegen?“, meinte er.

„Aber man legt doch wohl nur Blumen für jemanden hin, den man mag“, murmelte Isabella fast zu sich selbst und schaute immer noch nur auf die Pinnwand und die Tafel, nicht zu Roland.

„Vielleicht hat die Frau, die tot aufgefunden wurde, sie hingelegt“, überlegte Liam. „Wissen wir, wer sie ist?“

„Ja, Martha Bæk. Frisch verwitwet. Sieht so aus, als ob sie gerade mit dem Hund Gassi war.“ Roland deutete auf das Foto des toten Hundes. „Aber natürlich werden wir überprüfen, ob sie Iris kannte. Einiges deutet darauf hin, dass der Hund, bevor er erstochen wurde, den mutmaßlichen Täter angegriffen hat. Die Kriminaltechniker haben Fasern zwischen seinen Zähnen gefunden. Sieht nach blauem Jeansstoff aus, daher können wir davon ausgehen, dass er – oder sie – eine Jeans trug.“

„Hurra. Alle laufen in Jeans rum“, bemerkte Kim trocken.

„Martha Bæk starb an Blutverlust aufgrund von fünf Messerstichen in die Brust“, fuhr Roland fort. „Eine Sehne in dem einen Knie war gerissen, sodass sie sich nicht auf das Bein stützen konnte. Die Spur im Schnee zeigt, dass sie ausgerutscht ist, und da die Verletzung frisch erscheint, meint Natalie, dass sie bei dem Sturz passiert sei. Sie konnte sich also nicht von der Stelle bewegen.“

„Wann wurde der Hund getötet?“, fragte Niels, der lange in die Luft gestarrt hatte.

„Kurz vor seiner Besitzerin“, antwortete Roland, nachdem er den Bericht des Tierarztes zu Rate gezogen hatte.

„Was hat sie überhaupt auf diesem Feld gemacht? Ist das nicht in Privatbesitz? Ich dachte, man darf nicht einfach so auf dem Eigentum anderer herumlaufen“, sagte Liam.

„Vielleicht kannte sie den Hofbesitzer“, schlug Bjarke vor.

Roland erhob sich vom Tisch und ging zu der Pinnwand. „Ich habe gestern Abend mit den Hofbesitzern in der Umgebung gesprochen, aber die kannten sie nicht.“

„Dann war sie also ziemlich auf sich gestellt. Insgesamt ist der Norsminde Fjord ja nicht besonders stark besucht“, sagte Isabella.

Bjarke schüttelte den Kopf. „Nein, und dafür sind die Naturschutzbehörde und der Dänische Naturschutzverband sicher dankbar. Der Norsminde Fjord ist ein Wildreservat, das viele Zugvögel als Rastplatz nutzen. Es ist nicht so leicht, an den Fjord zu kommen. Man muss beim Norsminder Hafen parken, einem Pfad auf dem Deich in Richtung der Aarhuser Bucht folgen, am alten Pumphaus vorbei und ins Reservat, das Das Herrenlose heißt. Das dauert circa drei Stunden“, informierte Bjarke.

Emily zog das Haargummi um den blonden Pferdeschwanz fest. „Kein Wunder, dass dann jemand eine Abkürzung über die Felder nimmt.“

„Der Fjord ist nicht besonders tief“, erläuterte Bjarke weiter. „Ich glaube, die Maximaltiefe beträgt nicht mehr als ein paar Meter.“

„Dann ist es wohl auch nicht normal, dort Boot zu fahren?“ Isabella runzelte die Stirn.

„Es gibt strenge Regeln für Schifffahrten auf dem Fjord. Ich weiß, dass Regatten mit Ruder- oder Segelbooten auf jeden Fall verboten sind.“

Bjarke segelte selbst viel und hatte ein kleines Boot in der Marselisborg Marina liegen, sicher hatte er daher das Wissen.

„Ist es nicht merkwürdig, dass sie so lange in diesem Boot gelegen hat, ohne entdeckt zu werden? Wem es wohl gehört?“

„Das finden wir heraus, Isabella“, versprach Roland.

„Haben wir Zugang zu ihrem Facebook-Profil?“, fragte Emily.

„Das wurde während der Suche bereits in Augenschein genommen. Es war nicht sehr aufschlussreich, da das Profil seit Iris’ Verschwinden nicht in Benutzung war. Es wurde von der Familie gelöscht, nachdem es drei Wochen lang kein Lebenszeichen von ihr gegeben hatte. Allerdings ist es erst vor Kurzem vollständig aus dem Netz verschwunden, aber das ist offenbar normal, wenn ein Facebook-Konto geschlossen wird.“

Roland wusste nicht besonders viel über so etwas. Er war nicht bei Facebook. Seine Enkelin Marianna schon und sie war die ganze Zeit mit ihren Updates, Statusmeldungen oder, wie auch immer sie das nannte, beschäftigt.

„Was ist mit dem Handy? Heutzutage kann ja kein Jugendlicher ohne leben, also muss sie doch eins gehabt haben“, behauptete Liam.

„Es ist leider trotz intensiver Suche in der Umgebung nicht aufgetaucht. Hafid und ich sind gestern Abend noch mal ihr Zimmer durchgegangen, als wir mit ihren Eltern gesprochen haben. Ihr Vater, August Bøgh Lykkegaard, ist Augenarzt und hat eine Klinik hier in Aarhus. Seine Frau hilft in der Klinik als Sekretärin. Sie waren nicht der Meinung, dass es notwendig wäre, dass wir das Zimmer ihrer Tochter sehen, da es schon untersucht wurde, als sie vor zwei Monaten verschwand, aber wir bekamen trotzdem die Erlaubnis. Hat leider nichts gebracht.“

Hafid schüttelte den Kopf. „Es sah aus, als hätte sie die wichtigsten Dinge bei sich. An der Wand hingen fast nur ihre eigenen Zeichnungen. Offenbar war sie ziemlich talentiert.“

Roland nickte.

„August Bøgh Lykkegaard?“, wiederholte Emily. „Ist das nicht der, der neulich wegen der Erforschung der Regenbogenhaut im Fernsehen war?“

„Ja, stimmt. Er forscht in Iridologie.“

„Iridologie? Was soll das sein?“, fragte Hafid.

Kim räusperte sich. „Diese Technik lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückführen; doch Mitte des 19. Jahrhunderts machte ein ungarischer Junge eine Entdeckung bei einer Eule. Ihr linker Flügel war gebrochen und er bemerkte einen Strich im entsprechenden Auge. Als der Flügel verheilt war, verschwand der Strich im Auge. Dieses Erlebnis vergaß er nie. Als er später Mediziner geworden war, fing er an, menschliche Augen zu untersuchen, um herauszufinden, ob man anhand der Iris Krankheiten erkennen konnte.“ Kim rückte seine Brille zurecht. „Das nennt man auch Irisanalyse.“

Roland schmunzelte unmerklich. Manches in der Abteilung hatte sich nicht verändert; Kim Ansager war immer noch das allwissende Orakel des Polizeipräsidiums.

„Ja, ich weiß das nur, weil meine Oma Heilpraktikerin ist und diese Methode auch nutzt“, fügte Kim beinahe verlegen hinzu.

„Irisanalyse, und dann nennt er seine Tochter Iris – ist das nicht ein bisschen …?“ Emily gestikulierte mit der Hand vor sich in der Luft und kam nicht auf das Wort.

„Also kein Handy“, fasste Liam zusammen.

„Nein, aber wir haben auch noch nicht den Tatort gefunden. Sie wurde nicht im Boot getötet, meinen die Techniker. Wir wissen nicht, ob es derselbe Täter ist wie der, der Martha Bæk getötet hat. Wir haben eine Menge Arbeit vor uns. Iris ging auf die Askholt Privatschule. Wir müssen mit all ihren Klassenkameraden reden. Sie hat auch einen Bruder.“ Roland schaute wieder in die Unterlagen. „Er heißt Jakob, ist 24 Jahre alt und Geschäftsführer bei ‚Security Scan‘, einer Firma, die fortschrittliche Sicherheitssysteme unter anderem für Flughäfen und das Militär entwickelt.“

„Ganz schön jung, um Geschäftsführer in so einer Firma zu sein“, fand Emily.

Roland nickte. Das hatte er auch gedacht.

Kapitel 3

Zwei lokale Morde brachten die Redaktion von TV2 Ostjütland zum Kochen. Das blaue Hemd des Nachrichtenchefs hatte dunkle Schweißflecken unter den Armen, als er die Anzugjacke auszog, und er gab so schnell und fieberhaft Anweisungen, dass man glauben konnte, er fürchtete, die Morde würden aufgeklärt werden, bevor sie es schafften, sie in den Nachrichten zu erwähnen.

Anne Larsen reagierte etwas gelassener. Sie kannte die Arbeit der Polizei und wusste, dass ein Mord selten innerhalb einer Stunde aufgeklärt wurde. Jetzt war zwar Roland Benito ins Polizeipräsidium zurückgekehrt, sogar mit einem neuen Titel, Hauptkommissar, aber trotzdem. Bei dem Gedanken lächelte Anne in sich hinein. Sie hatte das Gefühl, dass sie in den Jahren, in denen er in der Polizeibehörde gearbeitet hatte, ein engeres Verhältnis zueinander entwickelt hatten, deswegen rechnete sie auch damit, dass er ihr gegenüber offener mit Informationen sein würde als früher. Bei dem Interview zu seiner neuen Stellung war er jedoch etwas reserviert gewesen. Natürlich hatte die Moderatorin Jytte Thomsen es geführt. Irgendwie war es ihr gelungen, den Redaktionsleiter und den Nachrichtenchef davon zu überzeugen, dass Anne nicht dazu geeignet war, hochrangige Persönlichkeiten zu interviewen, weil sie mit ihrer etwas zu freimütigen Art sicher irgendwem auf den Schlips treten würde. Anne verstand den Sinn dahinter nicht, aber als sie das zu Jytte sagte war die Antwort, dass diese Entscheidung genau deshalb getroffen worden war.

„Die Eltern haben zugestimmt, vor die Kamera zu treten. Wir haben die Erlaubnis, sie vor der Gedenkfeier heute Abend zu interviewen, über die wir selbstverständlich auch berichten. Hast du Zeit, Anne?“

Anne tat überrascht.

„Ich? Ja, aber ist August Bøgh Lykkegaard denn nicht eine bedeutende Persönlichkeit? Eine von denen, in deren Nähe ich nicht kommen darf?“, fragte sie spöttisch und sah Jytte übertrieben fragend an.

„Anne!“, wies der Nachrichtenchef sie zurecht. „Jetzt sei mal nicht so kleinkariert. Du kriegst es doch wohl hin, mit den Hinterbliebenen zu sprechen, ohne einen Skandal zu verursachen, oder?“

Anne zuckte bloß die Schultern und starrte Jytte weiter an, die tat, als ob sie es nicht mitbekäme, und wie eine Verrückte auf ihren Notizblock schrieb.

„Wenn du mit den Eltern sprichst und später zusammen mit Flash an dem Gedenkgottesdienst teilnimmst, können Noa Marie und Ninna zu Martha Bæk nach Hause fahren. Von ihren Kindern und Enkeln will niemand ins Fernsehen. Sie sind viel zu schockiert. Es ist noch nicht lange her, dass sie ihren Vater und Opa verloren haben, daher sind sie schwer getroffen, aber wir brauchen trotzdem einen Beitrag über den Mord. Denk auch daran zu erwähnen, dass ihr Hund vor ihren Augen getötet wurde. Ihr könnt auch an die Stelle beim Norsminde Fjord fahren, wo es passiert ist. Das kriegt ihr allein hin, oder, Noa Marie?“

Die Journalistin nickte.

„Okay, dann mal los.“

Anne sah sich nach Flash um. Er hatte es nicht mehr zum Meeting geschafft, nachdem er mit einem der anderen Journalisten nach Aarhus West gefahren war, wo es wieder Unruhen gab, und keiner der anderen Kameraleute war frei. Sie begann zu fürchten, dass Flash von einem Querschläger getroffen wurde. Der Bandenkonflikt da draußen schwelte unter der Oberfläche.

Als sie sich auf ihren Stuhl setzte, sah sie ihn aus dem Aufzug aus der Tiefgarage kommen. Er begab sich an seinen Platz und war mit dem Computer beschäftigt.

„Hast du Zeit, Flash?“, fragte sie.

Er antwortete, ohne sie anzusehen. „Ich muss erst noch diese Aufnahmen sichten. Die Lage in Gellerup eskaliert, wenn nicht eingegriffen wird. Da geht es bald zu wie im Wilden Westen.“

Anne wartete geduldig.

Zehn Minuten später stand er auf und war startklar.

„Was liegt an?“ „Wir sollen nach Malling. Mit Iris Bøgh Lykkegaards Eltern sprechen. Sie wollen gerne bei einer Reportage heute Abend dabei sein, wo wir auch über die Gedenkfeier für ihre Tochter berichten. Da kommen wohl richtig viele Menschen zu einem Fackelumzug.“

„Okay.“ Flash hatte in einen Apfel gebissen und kaute, als ob er fast vor Hunger stürbe. Er nickte mit vollem Mund. „Ich habe keine anderen Verpflichtungen“, nuschelte er.

Die Dämmerung war angebrochen, als sie nach etwas mehr als einer halben Stunde in Malling ankamen. Die Straßenverhältnisse waren nicht die besten wegen des frisch gefallenen Schnees, der sich auf die vereisten Wege gelegt hatte, sodass Anne sich nicht traute, das Gaspedal ganz durchzutreten. Flash beschwerte sich über die Zustände in Aarhus West, wo weichliche Politiker und die Polizei seiner Meinung nach nicht genug taten.

„Die sind wie Strauße“, wiederholte er mehrmals. „Aber es bringt nichts, den Kopf in eine Schneewehe zu stecken und so zu tun, als gäbe es da draußen keine Probleme. Irgendwann müssen sie zugeben, dass dieses Aarhus-Modell fehlgeschlagen ist. Aber dann müssen die sich natürlich auch eingestehen, dass ihre ganzen Initiativen nicht funktionieren, obwohl sie Milliarden unserer Steuergelder darauf verwendet haben, die Gegend zu sanieren. Als ob das was bringen würde!“

„Ist es echt so schlimm, Flash? War das nicht mittlerweile eine etwas ruhigere Gegend geworden? Sind das nicht bloß …“

„Doch, es sind bloß rivalisierende Banden, die gegeneinander Krieg führen, um sich das Vorrecht für die Drogen in der Stadt zu erkämpfen. Und wer hat gesagt, dass das gut läuft? Die Politiker und die Führung der Polizei, stimmt’s? Frag mal die normalen Beamten, die sich bald nicht mehr trauen, dort Streife zu fahren, und die Anwohner, die Todesangst haben, und ich sage dir, dass es nur noch schlimmer wird, wenn es niemand stoppt!“

Sie erreichten das schicke Haus des Augenarztes im Egeskellet, einem attraktiven Villenviertel in Malling. Anne machte die Wagentür auf und stieg aus. In diesem Viertel waren einem die Bandenkriege in Aarhus West sicher egal. Ein eiskalter Wind öffnete ihren Mantel, sie zog ihn sofort dichter an sich und blinzelte im Wind zur Villa, die dunkel und trist in einem großen, schneebedeckten Garten lag, als ob auch sie trauerte. In mehreren der Nachbargärten hingen immer noch Lichterketten in den Bäumen. Viele entfernten sie nicht bis weit in den Februar hinein. Anne hatte selbst ein paar Nachbarn, die auf ihren Balkonen Weihnachten immer noch am Leben hielten. Familie Lykkegaard hatte sicher gar nicht gefeiert. Konnte man das, wenn die Tochter seit zwei Monaten verschwunden war?

Vor der Haustür brannten zwei schwache Lampen mit einem gelblichen Licht. Anne drückte die Klingel und hörte leise die klassische Westminster-Melodie drinnen im Haus. Kurz darauf wurde die Tür von einer Frau in einem eleganten schwarzen Strickkleid geöffnet. Die Frisur war kurz und modern, die Haare strohblond wie die der Tochter, aber das Lächeln war aufgesetzt, als sie sie hineinbat.

Sie stellte sich als Iris’ Mutter, Kaja Bøgh Lykkegaard, vor und ging mit ihnen ins Wohnzimmer, wo die Einrichtung für Annes Geschmack viel zu schwarz-weiß war. Da fehlte etwas. Wärme. Gemütlichkeit.

Anne kondolierte zu ihrem Verlust.

„Wir machen uns gerade für die Gedenkfeier in der Kirche fertig, aber das hier dauert ja sicher nicht so lange?“, schätzte Kaja Lykkegaard und sah Anne mit einer perfekt geformten hochgezogenen Augenbraue fragend an.

Ihr Mann stellte ein Whiskyglas auf einen niedrigen Tisch neben dem schwarzen Ohrensessel aus Leder, in dem er saß, und stand auf. Er war groß und ebenfalls elegant gekleidet mit einem dunklen Jackett, schwarzem Hemd und dunkler Hose. Sie waren beide angezogen als gingen sie zu dem richtigen Begräbnis. Aber die Leiche ihrer Tochter war längst noch nicht freigegeben. Die Rechtsmedizin würde Iris sicher noch lange behalten.

August reichte ihnen die Hand und erst jetzt bemerkte Anne den jungen Mann auf dem Sofa dahinter. Er ähnelte August in einer jüngeren Ausgabe. Er stand nicht auf, grüßte jedoch mit einem Nicken. Auch vor ihm stand ein leeres Glas auf dem Tisch.

„Unser Sohn, Jakob“, erklärte Kaja, als ob er nicht selbst sprechen könnte.

„Ja, es hat keinen von unsverwundert, dass Iris tot ist. Darauf haben wir uns schon seit Langem vorbereitet“, eröffnete August und lieferte damit eine Erklärung für Annes Verwunderung darüber, wie unbeteiligt sie alle waren.

August richtete den Hemdkragen vor der Kamera.

„Aber dass sie ermordet worden sein soll, ist sehr schwer zu akzeptieren. Das Schwein, das unserer Tochter das angetan hat, muss geschnappt und auf die härteste Weise bestraft werden, die es gibt! Heute bin ich für die Todesstrafe!“

„Sie kann nicht ertrunken sein. Sie war eine fantastische Schwimmerin und Apnoetauchen war ihr großes Hobby. Sie konnte unnatürlich lange die Luft anhalten“, sagte Kaja und zupfte mit ausdruckslosem Gesicht an ihrer Silberkette.

„Was soll ich in die Kamera sagen? Wir haben es ein bisschen eilig“, bemerkte August ungeduldig, und wie auf Kommando erhob Jakob sich vom Sofa und verließ das Wohnzimmer. Anne sah ihn im Flur seinen Mantel anziehen.

„Das, was Sie gerade gesagt haben, zum Beispiel. Dass der Täter geschnappt und bestraft werden muss. Und dann könnten Sie ja noch an den Fackelumzug und die Gedenkfeier heute Abend erinnern“, schlug Anne vor und machte sich ebenfalls bereit.

Kaja setzte sich aufs Sofa. Jetzt registrierte Anne die beiden riesigen Fotografien hinter ihr. Es waren Nahaufnahmen von extrem blauen Augen. Die Bilder hingen nebeneinander, auf jedem war jeweils ein Auge zu sehen, in einem passenden Abstand, sodass man den Eindruck hatte, dass die beiden großen blauen Augen einen direkt ansahen.

Anne hatte noch nie so schöne Augen gesehen. Sie ging davon aus, dass es Kunst war und sie in einem Bildbearbeitungsprogramm erzeugt worden waren.

Der Beitrag war schnell überstanden. August Lykkegaard erzählte den Zuschauern, dass die Familie nun Ruhe und Iris Frieden bekommen habe. Er dankte allen für den großen Rückhalt in Verbindung mit der Suche nach ihrer Tochter und für die großartige Unterstützung, die sie erfahren hatten. Zuletzt verlieh er seinem starken Wunsch Ausdruck, dass der Täter gefunden und hart bestraft werden möge, und erinnerte an den Fackelumzug, der am Anfang vom Nymark starten sollte und dem Weg folgen würde, den Iris in jener Nacht vor zwei Monaten gegangen sein musste, weiter über den Bredevej zur Kirche, wo die Gedenkfeier stattfinden würde. Ein Spaziergang von circa 20 Minuten.

Während Flash zusammenpackte, konnte Anne es nicht lassen, dichter an die Bilder heranzugehen und sie näher zu studieren. In den blauen Iris konnte man jede einzelne farbige Struktur sehen. In der Mitte der schwarzen Pupille waren Sprenkel, grün wie knospende Frühlingsblätter. Anne war so fasziniert, dass sie nicht hörte, wie August sich hinter sie stellte. Sie zuckte zusammen, als er sprach.

„Dieses Auge ist ein Wunder, oder? Es gibt kein schöneres“, sagte er hingerissen. „Die Pupille ist schwarz, weil es im Auge dunkel ist. Man blickt also direkt in die Tiefe des Auges. Nicht viele wissen das. Hier ist die Regenbogenhaut natürlich stark vergrößert, sodass man all ihre Facetten sieht, aber alle haben sie. Selbst Braunäugige wie ich. Man sieht es nicht auf den ersten Blick; es braucht das richtige Licht und starke Vergrößerung.“

Anne drehte sich um und sah direkt in seine Augen, da er dicht hinter ihr stand.

Sie hatte nicht bemerkt, dass er braune Augen hatte, aber nun sah sie es deutlich und versuchte unwillkürlich, die Facetten darin zu sehen. Es war schwer, weil sie so dunkel waren.

„Sie haben auch hübsche Augen. Darf ich sie mal irgendwann untersuchen?“

„Untersuchen?!“ Anne kam plötzlich zu sich.

„Ja, ich erforsche das Auge, speziell die Regenbogenhaut. Ihr Zustand kann uns etwas über unsere Gesundheit erzählen und Krankheiten offenbaren. Farbe, Textur und Muster in jeder Iris sind einzigartig. Sie sind wie Fingerabdrücke, es gibt keine zwei gleichen.“

Er nahm den Blick wieder von Annes Augen und sah ergriffen auf die Bilder.

„Das sind Iris’ Augen. Sie hatte die schönsten der Welt, seit ihrer Geburt. So hat sie ihren Namen bekommen“, erklärte er und nun hörte Anne deutlich den Kummer in seiner Stimme.

Sie drehte sich wieder zu den Bildern um und fühlte sich plötzlich unbehaglich dabei zumute, in die Augen eines toten Mädchens zu starren.

„Wir müssen jetzt los“, sagte Kaja hinter ihnen schwach. Anne wusste nicht, wie lange sie dort gestanden hatte.

August brach den Augenkontakt mit Iris nicht sofort ab; er wirkte fast hypnotisiert. Doch dann riss er sich endlich los und nickte.

Kapitel 4

Der flackernde Schein der Fackeln bewegte sich in der Dunkelheit den Hügel hinab wie ein langsamer Lavastrom. Der Kloß in Miras Hals schwoll an und der Frost brannte in den Augen. Denn es war der Frost. Sie wollte nicht weinen. Die Finger waren steif gefroren und gefühllos in den Strickhandschuhen und die Ohren schmerzten von dem Wind, der über die vereisten Felder fegte. Sie trug keine Mütze, die drückte nur die Haare platt, und außerdem müsste sie die in der Kirche ohnehin ausziehen.

Jetzt bereute sie, runter zur Straße gelaufen zu sein, als der Zug vorbeikam. Sie war bloß neugierig, wollte nicht teilnehmen und machte sonst eigentlich nie das, wozu ihre Mutter sie aufforderte. Ihre Mutter sollte nicht bestimmen, ob sie Iris – oder eher deren Familie – diese letzte Ehre erweisen musste. Deine allerbeste Freundin, hatte ihre Mutter in einem vorwurfsvollen Ton gesagt, dessen Zweck so offensichtlich war, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Das bist du ihr schuldig. Aber Iris sah es ja nicht. Miras Blick glitt hoch in den frostklaren dunklen Himmel mit weißen Punkten von Sternen, die mit den Eiskristallen des Schnees entlang des Weges und mit den Funken der vielen Fackeln um die Wette leuchteten. Gleichzeitig blinzelte sie die Tränen weg. Vielleicht sah Iris es doch. Wer wusste das schon?

Ulla hatte ihr eine Fackel in die Hand gedrückt, als sie sie in der Dunkelheit zögernd am Wegrand stehen sah. Jetzt schlurfte Ulla neben ihr her mit bebenden Lippen und rotem, tränennassem Gesicht, in das sich der Frost verbissen hatte. Warum sie wohl gekommen war? Warum waren all diese Menschen hier gekommen? Ein unpassendes Gefühl der Eifersucht schwelte in ihr. Obwohl Iris seit zwei Monaten verschwunden war, hatte die Konkurrenz um die Beliebtheit nicht aufgehört. Im Gegenteil. Sie war gewachsen, jedes Mal, wenn das Foto von Iris’ Gesicht im Fernsehen oder auf der Titelseite der Zeitungen gezeigt worden war. Sie war dann immer als hübsches, sympathisches und aktives Mädchen mit Top-Schulnoten und Rekordergebnissen in Sport und Freitauchen bezeichnet worden. Das perfekte junge Mädchen, das keine Feinde hatte, also wer wollte ihr etwas Böses? Nie hatte Iris so viel Aufmerksamkeit bekommen. Nicht mal, als sie letzten Winter in einem See in Schweden den Wettbewerb im Freitauchen unter dem Eis gewonnen hatte. Mira musste sich übergeben. Hier lief sie und war neidisch auf Iris, die tot war. Ermordet.

In der ersten Woche hatte Mira geglaubt, dass Iris das Ganze inszeniert hätte, um den Wettbewerb zwischen ihnen beiden zu gewinnen. Sie schreckte vor nichts zurück, um sich selbst und andere herauszufordern. Aber als die Wochen verstrichen, kamen ihr Zweifel. So lange würde Iris nicht ohne ihre Familie aushalten. Besonders ihren Bruder Jakob, der sie krankhaft vergötterte, eine Verehrung, die Iris schamlos ausnutzte. Jakob tat Mira leid, gleichzeitig beneidete sie diese Liebe. Sie selbst hatte nur eine bescheuerte Babyschwester, wünschte aber, sie hätte stattdessen einen großen Bruder, der sie beschützen konnte, wie Jakob Iris beschützt hatte. Ihre Wangen brannten, wenn sie an ihn dachte. Sie hatte Iris damit aufgezogen, in ihren Bruder verliebt zu sein, dann wurde Iris völlig hysterisch, als ob sie ihn besäße.

Die erste Begegnung mit Iris tauchte in ihren Gedanken auf, die verzweifelt vor der Wirklichkeit zu flüchten versuchten. Sie hatte gerade an der Askholt Privatschule angefangen und kannte niemanden. Iris war die Erste, die auf sie zukam und sie in die Regeln einwies. Alle Mädchen schauten zu Iris mit den schönen blauen Augen und den glänzenden, strohblonden langen Haaren auf. Sie wollten wie sie sein und mit ihr gesehen werden. Doch Iris wählte ihre Favoriten selbst und man musste es sich verdienen, zu ihnen zu gehören. Mira lechzte nach dieser Anerkennung. Nichts anderes war von Bedeutung. Sie hatten My Master gespielt, ein Spiel, das Iris erfunden hatte. Es fand in Iris’ perfektem Zimmer statt, das ihr alle missgönnten. Josefine und Frederikke waren da und und zwei Jungs-Oliver aus ihrer Klasse und Marius, der in eine höhere Klasse ging. Iris kannte ihn vom Kunstkurs und außerdem war er mit Oliver befreundet. Mira wusste nicht, warum sie eingeladen waren. Vielleicht, weil Iris in Oliver verliebt war. Er war seitdem in die Gang aufgenommen, wie sie ihre geschlossene Clique nannten, obwohl Iris anfangs bestimmt hatte, dass darin nur Mädchen sein sollten. Das hatte Iris’ Erfindung gefährlicher gemacht, als ob sie den Jungs irgendetwas beweisen musste. Das Spiel lief darauf hinaus, dass einer von ihnen per Los zum Master gewählt wurde. Der Master hatte das Recht, über denjenigen zu bestimmen, dessen Name aus einigen Zetteln, die Iris geschrieben und in eine Strickmütze geschüttet hatte, gezogen wurde. Wenn man seinen eigenen Namen zog, knüllte man den Zettel zusammen und warf ihn in den Papierkorb, der in zwei Meter Entfernung stand. Wenn man nicht traf, hatte der Master eine ganze Woche lang die freie Verfügung über den Ausgewählten. Natürlich war Iris Master an dem Tag, als Mira ihren eigenen Namen zog. Iris hatte sie lange angesehen, und Mira hatte der Ausdruck in den blauen Augen nicht gefallen. Sie war nervös geworden und hatte den Papierkorb verfehlt. Als der zusammengeknüllte Zettel weit weg vom Mülleimer landete, hatte sie das schreckliche Gefühl beschlichen, dass das folgenschwer werden würde.

Mira kehrte abrupt in die Gegenwart zurück, als Ulla eine tröstende Hand auf ihren Arm legte und sie spürte, dass ihre Tränen liefen. Irritiert wischte sie die Wangen mit dem Handschuh trocken und schielte nach unten zu Ulla, die ihr nur bis zur Schulter reichte. An ihrer Stelle wäre sie nicht hergekommen und hätte geweint. Ulla gehörte nicht zur Gang. Vielleicht sah sie das jetzt als eine Möglichkeit. Aber Iris war nicht die Einzige, die sie nicht in der Clique haben wollte. Ulla war einfach unbeliebt. Sie war fett, schielte, stotterte, trug unvorteilhafte Klamotten, hatte eine unmoderne Brille und kein iPhone. Gerüchten zufolge hatte ihre Familie Weihnachtshilfe bekommen. Mira wusste nicht, ob das stimmte. Ihr Vater hatte geschnaubt, als sie im Fernsehen darüber berichtet hatten, dass immer mehr Leute Hilfe brauchten, um Weihnachten zu bewältigen. Er nannte sie Schmarotzerärsche und Parasiten und betonte verärgert, dass sie auf Kosten seiner hart verdienten Steuergelder Weihnachten feierten und einfach keinen Bock hätten, selbst genug Geld zu verdienen, weil es genauso in Dänemark sei – dass alle hinten und vorne Hilfe bekämen. Er selbst bekam keine bei der Möbelfabrik und es sei so gut wie unmöglich, Arbeitskräfte zu finden, behauptete er.

Mira befreite sich von Ullas Hand, ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Die Kälte drang von dem vereisten Asphalt durch die Sohlen und machte die Füße gefühllos. Waren sie nicht bald bei dieser Kirche?

Die Leute in der Stadt hatten nach Iris gesucht in dichten, langen Reihen, die langsam durch die Felder und Wälder der Umgebung gingen. Sie hatten ihren Namen gerufen. Polizeihunde wurden eingesetzt. Taucher hatten in Mooren und Seen gesucht. Schnake, die Sportlehrerin an der Askholt, hatte den Fackelzug und den Gedenkgottesdienst in der Kirche gemeinsam mit Iris’ Eltern organisiert. Iris sei ihre beste Schülerin gewesen, hatte sie einer Journalistin vom Lokalfernsehen gegenüber geäußert, als sie in den Nachrichten von der Veranstaltung berichteten. Nun, da Iris nicht mehr da war, musste es ja sie, Mira, sein, die diesen Platz einnahm. Natürlich nicht beim Tauchen, aber in allen anderen Sportdisziplinen.

„Das G…G…Ganze wird a…a…aufgenommen fürs F…F…Fernsehen“, stotterte Ulla bewegt, den Blick auf ihre Füße mit den abgenutzten, hässlichen Stiefeln gerichtet, die versuchten, auf dem spiegelglatten Weg Halt zu finden.

Mira hatte die Journalistin von TV2 Ostjütland schon gesehen, die auch Schnake interviewt hatte. Sie gesellte sich zwischendurch zu der Gruppe und sprach mit denen, die sich äußern wollten, während der Bodybuilder-Typ filmte und Kaugummi kaute.

Mira zog sich aus der Gruppe zurück, als die Journalistin in ihre Richtung steuerte. Sie wollte nicht ins Fernsehen und schon gar nicht mit Ulla. Was würden die anderen aus der Gang denken, wenn sie das sähen? Waren sie auch hier? Sie hatte keinen Einzigen von ihnen gesehen.

Die Journalistin sprach mit Ulla, die weinend und stotternd losplapperte. Was konnte die schon erzählen? Was wusste sie überhaupt über Iris? Die Eifersucht kribbelte wieder unter der Haut.

Mira war zwischen dem Ehepaar gelandet, dem die Bäckerei gehörte. Sie wusste nicht mal, wie sie hießen. Die Bäckerin hatte rote Augen unter der Pelzmütze und knüllte ein Taschentuch in einem schwarzen Skihandschuh. In dem anderen Arm hing ihr Mann, der ein ganzes Stück älter war. Es fiel ihm schwer, fest auf dem Eis zu stehen, und er traf die ganze Zeit beinahe andere mit seiner Fackel.

„Das ist so tragisch“, schluchzte die Bäckerin. „Warst du nicht mit Iris unterwegs, als sie verschwand?“

Mira nickte. „Wir hatten ein Taxi genommen, aber Iris ist ja ausgestiegen, und …“

„Wieso hast du das zugelassen? Warum hast du sie nicht bis nach Hause begleitet? Wie konntest du sie allein gehen lassen?“

Mira zog sich ein weiteres Mal zurück und versengte beinahe die Pelzmütze der Bäckerin mit der Fackel. Nicht mit Absicht. Zum Glück kannte sie die, mit denen sie jetzt zusammenlief, nicht. Sie atmete schwer aus und hielt einen Moment lang die Luft an, um den Puls herunterzufahren und das Herz zu beruhigen.

Mira blieb an der Tür zu der komplett gefüllten Kirche stehen. Es gab keinen Sarg – natürlich. Es war ja keine richtige Beerdigung, aber es gab einen kleinen Tisch, auf dem ein Foto von Iris stand. Blumen lagen daneben. Blaue Iris. Wer hatte sie dorthin gelegt? Iris hasste diese Blume. Mira spürte einen Kloß im Hals, dann entdeckte sie die anderen. Josefine und Frederikke saßen zusammen auf einer Bank hinten in der Kirche und Oliver und Marius hatten keinen Sitzplatz gefunden und lehnten an der Mauer. Vom Tauchklub waren auch alle da. Außer Kira, die Einzige aus dem Tauchklub, die Iris in ihren Kreis hineingelassen hatte, kannte Mira von ihnen niemanden persönlich.

„Der da i…ist von der Po…Po…Polizei.“ Ulla war wieder an ihrer Seite. Sie flüsterte, wie man es immer in einer Kirche tat. „Ha…Ha…Hauptk…kommissar.“

Mira blickte zu dem Mann, in dessen Richtung Ulla genickt hatte. Er trug einen schwarzen, knielangen Wollmantel und hatte einen gestreiften Schal von Boss Black um den Hals gewickelt; ihr Vater hatte auch so einen. Die Hände hielt er hinter dem Rücken und er erinnerte sie an einen Offizier, der seine Kompanie vor einer Parade musterte. Seine dunklen Augen glitten inspizierend, jedoch diskret, von einem zum anderen, und ohne zu wissen warum, versteckte sie sich unwillkürlich hinter ihrem Nebenmann, der glücklicherweise ein großer, korpulenter Mann war. Der Hauptkommissar sah nicht dänisch aus.

„Was g…g…glaubst du, w…w…will er? Ob er wohl g…g…glaubt, dass der M…M…Mörder hier in der K…K…Kirche ist?“, flüsterte Ulla erschrocken weiter.

Mira antwortete nicht. Ein Schaudern überkam sie und sie erstarrte, als sie über die Versammlung schaute und Jakobs Blick begegnete.

Kapitel 5

Der Bericht aus der Rechtsmedizin kam erst am nächsten Morgen. Zehn Minuten später rief Natalie Davidsen ihn an und entschuldigte sich für die Verspätung. Sie wollte mit ihm über den Inhalt sprechen.

„Ach, ist das jetzt neuerdings üblich, dass Berichte übers Telefon erklärt werden?“, fragte Roland gemütlich, aber Natalie war deutlich nicht zu Scherzen aufgelegt.

„Ich schätze, ich muss ihn mit dir durchgehen, Roland. Das ist kein gewöhnlicher Mord“, konterte sie trocken. „Wie immer haben wir mit einem CT-Scan angefangen. Das musste zügig gehen, da der Verwesungsprozess bei einer Leiche, die eingefroren war und auf Zimmertemperatur aufgetaut wird, ziemlich schnell eintritt, weil die Zellen von dem Eis beschädigt werden. Der Scan zeigte, dass mehrere Knochen alte und neue Brüche aufweisen. Der linke Arm war an zwei Stellen gebrochen und es sieht nicht so aus, als wären die Brüche behandelt worden, weil sie schief zusammengewachsen sind. Einige der Brüche sind erst ein paar Monate alt. Zwei Finger sind hintenüber bei den Knöcheln gebrochen.“

„Hintenüber? Ist das passiert, nachdem sie verschwand?“

„Ja, daran besteht kein Zweifel. Es gab ja keine Kleidung, sodass die äußere Untersuchung schnell vonstattenging. Sie war wahrscheinlich nackt, seit sie getötet wurde. Die Haut ist mit Rissen und Wunden übersät, besonders am Rücken, aber es ist schwer zu sagen, woher sie stammen. Schau mal, was du anhand der Bilder herausbekommst.“

Roland studierte sie. „Sieht aus, als ob sie über etwas gezogen wurde, das ihre Haut geschnitten und zerkratzt hat.“

Roland konnte hören, dass Natalie nickte; ihre Haare oder der Stoff ihres Kittels raschelten am Telefon. Er stellte sich vor, dass sie es zwischen Ohr und Schulter festgeklemmt hatte, während sie arbeitete. Er erinnerte sich, sie so gesehen zu haben.

„Alle inneren Organe zeigen Zeichen eines gesunden jungen Menschen. Die Muskeln sind stark und durchtrainiert, aber es gab schwere vaginale Verletzungen.“

„Vergewaltigung?“

„Leider ja. Die Verletzungen in der Scheide zeigen Anzeichen von Gewalt – das gilt auch für den Analbereich.“

Roland nickte. Er hatte es befürchtet, als sie nackt gefunden worden war.

„Außerdem habe ich acht Messerstiche in ihrem Unterleib gezählt.“

„Post mortem?“

„Schwer, genau zu sagen so lange danach, aber ich gehe davon aus. Es ist ja eine aggressive Handlung, die darauf deuten könnte, dass es was Persönliches war. Die Messerklinge ist ungefähr 25-30 Millimeter breit, gebogen und vermutlich flach am Ende. Die Wundränder sind sehr fein, was auf ein Messer mit scharfen Kanten an beiden Seiten der Klinge schließen lässt.“

„Welcher Messertyp könnte das wohl sein?“

„Das kann ich nicht sagen, Roland. Ich habe die Wunden mit Martha Bæks verglichen und es wurde der gleiche Messertyp benutzt.“

„Dann kann Martha Bæks Mörder also derselbe sein wie Iris Bøgh Lykkegaards?“