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"Mein Leben war zu monoton. Anders kann ich es mir nicht mehr erklären, warum ich mich von seinen eisblauen Augen bezaubern ließ und ihm in seine Welt folgte. Hatte er es bewusst verschwiegen, dass mir eine unlösbare Aufgabe bevorsteht? Und was erwartet der Schwarze Drache von mir? Ich kann nicht mehr klar denken - die neu gewonnene Magie kocht zu köstlich in meinen Adern..." Crisca, auf Randor
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Bianca Wörter
Blauer Himmelsstern
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Glasmurmel
2. Ankunft
3. Engel
4. Macht
5. Drache
6. Gefühle
7. Kraft
8. Magie
9. Plan
10. Ebene
11. Tunnel
12. Höhle
13. Opferer
14. Gefangenschaft
15. Käfig
16. Verzweiflung
17. Kryson
18. Ausbruch
19. Wahrheit
20. Verrat
21. Flucht
22. Farin
23. Aufbruch
24. Zufluchtsort
25. Vorbereitung
26. Blauer Himmelsstern
27. Realität
Impressum neobooks
Ich schlurfte in Gedanken versunken nach Hause, noch verstrickt in die Gefühle und Eindrücke meines Berufes, die Kunden, die mir manchmal das Leben schwer machten und in meinen Gedanken noch Stunden danach mit ihren Stimmen und Forderungen nachklangen, als ich es auf dem Bürgersteig liegen sah. Es lag zum Übersehen gut getarnt im Gras des angrenzenden Gartens, der auf den Weg traf. Unauffällig wie eine Glasmurmel lag es dort und schien nur darauf zu warten, von den Händen eines Kindes wieder gefunden und aufgehoben zu werden, nur, um in einem weiteren Spiel erneut verloren zu gehen. Es musste auf mich gewartet haben, sonst hätte ich es nie bemerkt, noch dazu, wie ich in Gedanken versunken, den Kopf nach unten gesenkt meinen Weg nach Hause nahm. Jedes Kind hätte es finden können, aber keines hatte es aufgehoben, um es daheim seiner Mutter als „wertvollen Schatz" zu zeigen. Also wurde ich aufmerksam auf dieses „Es".
Ich blieb stehen, um es zu identifizieren. Es war klein und sah aus wie eine blau marmorierte, durchscheinende Glasmurmel, die eine unendliche Weite in sich zu tragen schien. Sie sah aus, wie mit einer Flüssigkeit gefüllt.
Ich blieb weiterhin stehen und überlegte, fühlte, wie sehr mich die Spontanität der Kindheit verlassen hatte und ich unfähig war, auf meinen Bauch zu hören.
Wenn ich noch ein Kind gewesen wäre, hätte ich, ohne zu überlegen, diese Glasmurmel mit nach Hause genommen, hätte sie meiner Mutter stolz gezeigt und hätte mir, wie jedes Mal, anhören müssen, dass ich doch nicht immer solche Sachen mit nach Hause schleppen sollte, weil da garantiert Bazillen oder Schlimmeres dran wären.
Ich überlegte, ob ich diese Murmel mitnehmen sollte, schließlich wohnte ich schon lange nicht mehr bei meinen Eltern, hatte eine eigene, nette, kleine Mietwohnung, in der ich tun und lassen konnte, was ich wollte, wenn es die Nachbarn und den Vermieter nicht störte. Dann überlegte ich, ob ich die Murmel nicht liegen lassen sollte. Ein Kind sollte sie vielmehr finden, damit es einen „Schatz" für sich hat, den es an kalten und regnerischen Tagen oder wenn es einsam war, herausholen konnte, um ihn zu bewundern, mit ihm zu spielen und an den Tag zu denken, an dem es diesen wundervollen Schatz gefunden hatte.
Im Inneren ist wohl jeder ein Kind geblieben und ich kam nicht von dem Gedanken los, dass diese Murmel die ganze Zeit auf mich gewartet hatte.
Ich bückte mich und betrachtete die Murmel intensiver. Sie war wunderschön. Sie sah aus wie ein Himmelsstern, ein blauer Himmelsstern. Das war sie wahrscheinlich. Ein Teil des Universums, das seine gesamte Weite widerspiegelte oder sogar in sich trug! Ein wunderbarer Schatz. Ich wurde wieder zu dem Kind, das ich vor vielen Jahren war - einen Moment lang. Unschlüssig nachdenkend wollte ich ihn eigentlich nicht liegen lassen, diesen meinen Schatz. Wenn er mir nicht mehr gefiel, würde ich ihn an ein Kind verschenken oder ihn wieder dort hinlegen, wo ich ihn gefunden hatte. Ein Kind sollte ihn finden und sich über das Geschenk des Universums freuen: Über den blauen Himmelsstern!
Nein!
Ich wollte ihn nicht liegen lassen und auch nicht herschenken. Es war mein Stern. Er war auf einmal etwas Wertvolles für mich. Immer wenn ich ihn ansah, spürte ich, wie ich mich in seiner Weite verlor, wie er mich verzauberte – immer und immer wieder.
Ich hob ihn auf und befühlte vorsichtig seine Oberfläche. Er war glatt. Er fühlte sich nicht wie Glas oder Marmor an. Für seine Größe war er viel zu leicht. Er hatte einen Durchmesser von etwa 3 cm, war aber leicht wie eine Feder. Und er war warm. Als ich ihn in der Hand hielt, fühlte ich ihn nicht mehr, nur meine Augen bestätigten mir, dass er tatsächlich in meiner Hand lag. Ich hielt ihn vorsichtig vor meine Augen, hatte Angst, ihn zwischen meinen Fingern zu zerbrechen und blickte in eine Weite des Universums.
Vor Aufregung hatte ich es sehr eilig und nur noch den Wunsch, schnell heim zu eilen, mich auf mein Bett zu legen und den Stern intensiv zu betrachten.
Zuhause ging ich schnurstracks in mein Schlafzimmer, legte mich auf mein Bett und hob den Stern vor meine Augen. Im Licht der Lampe betrachtete ich ihn und staunte darüber, wie er glitzerte und funkelte - er begann die Ruhe und Weite des Universums auf mich zu übertragen. Die unendliche Stille nahm mich ein. Sie strömte durch mich hindurch, ich ertrank regelrecht in ihr.
Plötzlich erkannte ich, wie sich im Stern ein Teil des Universums bewegte, weit hinten in der Unendlichkeit des Blaues. Ich tauchte aus der Stille auf, hielt es zuerst für eine optische Täuschung, doch ich sah, wie die Bewegung sich weiter in den Vordergrund schob. Ich schaute genauer hin, versank in der Betrachtung und meine Gedanken standen still. Während ich immer gespannter in das Innere des Sterns blickte, bemerkte ich zunächst nicht, was mit dem Stern geschah. Er schwebte ein paar Zentimeter über meiner Hand! Als ich es registrierte, zog ich meine Hand erschrocken weg und der Stern blieb an der selben Stelle, schwebte unbeweglich in der Luft. Ein unheimliches, dennoch kein ängstliches Kribbeln machte sich in meiner Magenspitze bemerkbar, zog in Armen und Beinen - ich brannte innerlich vor Aufregung und Neugier, ein Glücksgefühl machte sich in mir breit, wie ich es lange nicht mehr in mir wahrgenommen hatte. Widersprüchliche Gefühle stritten in mir: Ich hatte Angst, ich war neugierig, ich freute mich, ich fand es unheimlich - ich brannte!
Plötzlich erfüllte ein Summen die Luft meines Schlafzimmers. Die Gläser, die ich in meinem Regal zur Dekoration aufgestellt hatte, vibrierten und gaben einen hellen, klirrenden Ton von sich. Ich ging in dem Summen, das meinen Körper langsam aber sicher übernahm, unter. Plötzlich hatte ich Angst, wünschte, ich hätte dieses „Ding" einfach liegen lassen, unsinnige Gedanken, wie Poltergeister, das Böse schlechthin, bemächtigten sich meiner. Ich begann innerlich zu zittern und zu beben, mit mir ängstlich zu schimpfen, weil ich mich immer in solche Situationen, die ich nicht bewältigen konnte, hineinmanövrierte. Sofort hörte das Summen auf, als wäre es erschrocken, dass es mir Angst eingejagt hatte. Stattdessen sang der Stern eine wunderschöne Melodie, die nach Ferne, Unendlichkeit, Liebe und Sehnsucht, nach dem Paradies klang, eine wunderbare Weise, die ich mehr mit meinem Körper erahnte, als mit meinen Ohren hören konnte und die ich in meinem Leben noch nie vernommen hatte. Mein Körper begann sich zu beruhigen, ich freute mich jetzt, dass ich den Stern doch mitgenommen hatte, beglückwünschte mich für meine Neugier. Wenn das Feuer gerade in mir erloschen war, so brannte es wieder lichterloh. Der Stern strahlte daraufhin ein intensives, blaues Licht aus, als ob er sein Innerstes nach außen stülpen wollte. Das blaue Licht ließ mein Schlafzimmer selbst wie das Universum erscheinen. Unendlich weit, ruhig, geheimnisvoll - voller Versprechen.
In das Licht hinein sprach ich bewegt mit zitternder Stimme: "Was bist du?"
Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, oder warum ich überhaupt laut mit dem Stern sprach, aber ganz gewiss hatte ich nicht erwartet, dass ich auf meine Frage eine Antwort bekommen würde: "Ich bin der Bewohner des Sterns."
Und ganz bestimmt hatte ich keine Antwort mit einer männlichen, sanften Stimme erwartet, aber ich war viel zu verblüfft, um diese Aussage nur im geringsten anzuzweifeln.
„Ist das also wirklich ein Stern?", fragte ich zögernd, weil ich keine Antwort erwartete, in der Hoffnung, dass ich nicht verrückt war und nur eine Halluzination hatte - eine am Tag reichte mir völlig.
Die Stimme lachte: "Nicht direkt, aber da du es als solches bezeichnest, bleibe ich dabei."
Ich war beeindruckt - oder doch verrückt?
„Kannst du Gedanken lesen?", fragte ich und hoffte auf eine negative Antwort, die leider nicht kam.
„Ja."
Es klang überzeugend, real, die Stimme war ruhig, als ob er es selbst glaubte oder wusste. Der Bewohner des blauen Himmelssternes! Ich fühlte mich, als ob ich unter irgendwelchen bewusstseinserweiternden Drogen stand. War das alles wirklich wahr?
„Wieso zweifelst du an dem, was du hörst?", fragte mich die männliche Stimme zögernd, als hätte sie Angst, etwas zu sagen, was mich vertreibt oder verärgert.
Jetzt hatte er ja schon wieder meine Gedanken gelesen, oder hatte ich etwa laut gesprochen?
Ich wurde langsam wütend, weil es sich unangenehm anfühlte, wenn man weiß, dass die eigenen Gedanken für einen anderen hörbar sind: "Ich weiß zwar nicht, wie du das machst und wer du wirklich bist, aber ich will, dass du damit aufhörst!"
Die Stimme klang ein wenig traurig, dennoch amüsiert, als sie antwortete: "Du hattest doch die ganze Zeit das Gefühl, dass dieser Stern nur auf dich gewartet hatte."
Ich wurde unsicher. Vorhin auf der Straße war ich noch normal gewesen und hatte diese Gedanken sicher nicht laut ausgesprochen. Ich war verwirrt, der Zauber, der mich anfänglich von der sanften Stimme aus erfüllt hatte, war gewichen. Das Feuer erloschen.
In dem Stern regte sich erneut etwas. Das Ding, das ich die ganze Zeit in dem unendlichen Blau fixiert hatte, kam wieder näher, bewegte sich in meine Richtung. Das Blau wallte in allen Variationen in meinem Zimmer, es funkelte und strahlte in unendlicher Klarheit in mein Gesicht, spiegelte sich in meinen Augen. Einen Wimpernschlag lang war es grell und übervoll, sodass ich einen kurzen Moment geblendet die Augen schloss. Als ich hinter meinen geschlossenen Lidern erkannte, dass die Intensität der Strahlung nachgelassen hatte, öffnete ich meine Augen und blinzelte in den Stern. Das Ding, das ich darin immer näher zu mir hin verfolgt hatte, war weg. Obwohl ich zuvor das starke Gefühl gehabt hatte, wenn ich mich ihm noch ein kleines Stückchen näherte, brauchte ich bloß die Hand auszustrecken, um es ganz leicht zu berühren. Aber es war einfach verschwunden! Obwohl ich mir meine innerliche Regung nicht erklären konnte, war mir klar, dass ich vor Enttäuschung weinen wollte, weil der Verlust sehr schmerzte.
Da bemerkte ich, wie sich vor mir unter dem Stern, der noch unverändert in der Luft schwebte, etwas bewegte. Ich senkte langsam den Kopf mit Angst vor dem, was ich erblicken würde. Eine gleißende, blaue Gestalt mit langem, hellblauen Haar und einem männlich geschnittenen Gesicht. Ich fand es komisch, dass sie blau war, aber einem Gefühl zufolge blickte ich an mir herunter und stellte fest, dass ein blauer Schimmer meine Haut, meine Kleidung, mein Haar einhüllte. Natürlich, das war die Folge des Lichtes, das unverändert dem Stern entströmte und uns beide in Blau kleidete. Es umgab uns wie einen Mantel, wärmte uns, schützte uns, erweckte anstatt Angst eine fantastische Energie in mir, ließ mich vor lauter unverständlichem Glück lächeln. Ich brannte wieder!
Ich blickte dem Mann vor mir in die Augen. Sie waren auf mich gerichtet und weckten ein warmes Gefühl in mir, bestätigten mir, dass er das Vertrauen verdiente, das ich in seiner Nähe empfand. Seine Augen leuchteten so sehr, dass ich erstaunt feststellte, dass auch er zu brennen schien. Ich betrachtete die langen Haare, die sanft über seine Schultern glitten, sich ihren Weg über die Arme, den Rücken bahnten und schließlich in feinen Spitzen in Hüfthöhe endeten. Sie waren sanft gewellt, sahen weich und schimmernd wie Seide aus. Ich hätte sie gerne berührt.
„Du bist also der Bewohner des Sterns", stellte ich fest und erst als ich den Atem ausstieß, fiel mir auf, dass ich ihn die ganze Zeit über angehalten hatte.
Der Mann lächelte: "Ja."
Er sprach mit der gleichen Sanftheit wie im Inneren des Sterns. Konnte das ein Trick sein? Mein Blick fiel auf sein herrliches Haar, ich konnte einfach nicht mehr anders, ich streckte meine zitternde Hand nach diesem wundervollen Schmuck aus und berührte es sanft. Ich war fest überzeugt davon, dass sich spätestens in diesem Moment der ganze Spuk in nichts auflösen und ich mich innerlich als Idioten beschimpfen würde. So war es halt mit meiner blühenden Fantasie. Doch die Haare waren so real wie der ganze Mann. Ich strich in zärtlicher Geste den Weg, den diese langen Wellen nahmen, nach. Der Mann lächelte. Es war ein warmes Lächeln, das dazu einlud mit dem gleichen Lächeln zu antworten. Ich ließ mich dazu hinreißen.
„Sie sind wunderschön."
„Schön, dass sie dir gefallen."
Ich wischte alle Zweifel weg: Dies war ein schöner Traum, wenn er denn einer war, und ich wollte ihn genießen!
Ich ließ meinen Blick ungeniert über den Mann gleiten. Er saß wie ich im Schneidersitz auf dem Bett und ich konnte nur raten, dass er viel größer war als ich. Ich betrachtete sein Gesicht und fragte mich, ob das Blau seiner Augen auch von dem strömenden Licht des Sterns kam. Wenn nicht, so waren seine Augen von vollendeter Schönheit, ein eisiges Blau, das trotzdem die gleiche Wärme wie der Himmelsstern ausströmte. Ich berührte die Hand des Mannes, die entspannt in seinem Schoß ruhte. Sie fühlte sich warm an. Ich hatte irgendwie einen Unterschied erwartet.
„Es gibt nur einen Unterschied zwischen uns."
Jetzt wusste ich bestimmt, dass dies ein Traum war, wie sonst konnte er meine Gedanken lesen? Dass ich da nicht schon vorher daran gedacht hatte! Ich würde bestimmt bald aufwachen und hätte nur noch eine fantastische Erinnerung an diesen sagenhaften Traum.
„Komm, fass mich an! Berühr mich! Ich bin Wirklichkeit!"
Ich folgte der Aufforderung nicht, denn ich hatte den Mann schon berührt und es hatte mich nicht davon überzeugt, dass ich nicht doch träumte. Ja, sollte es denn? Es war doch nur ein schöner Traum und ich spürte schon das Bedauern, wenn ich aufwachen würde.
„Im Traum kann man Menschen berühren und man hat den Eindruck, dass sie echt sind!", widersprach ich.
Ich kam mit der Situation nicht mehr klar - so einen Traum hatte ich noch nie gehabt. Keine Traumgestalt hatte je darauf bestanden Wirklichkeit zu sein.
„Nenn mich Don‘kar. Einfach nur als ‚Mann‘ bezeichnet zu werden ist nicht sonderlich schön", schmunzelte er.
In diesem Moment sah ich nicht besonders intelligent aus - warum musste er dauernd meine Gedanken lesen, das verwirrte mich dermaßen!
Don‘kar streckte seine Hand aus und streichelte mein Haar, mein Gesicht. Ich war wie elektrisiert! Er kam meinem Gesicht näher und näher, berührte meine Lippen mit seinen. Sie waren warm und weich.
„Crisca, ich liebe dich."
Woher kannte er meinen Namen? Ach so, es war ja ein Traum. Ein angenehmes Kribbeln erfüllte mich - ich brannte innerlich lichterloh. Genauso, wie meine Begeisterung stieg, so sehr überkam mich Angst, dass alles wirklich nur ein Traum war! Panik überfiel mich, dass ich irgendwann aufwachen und diesen seelischen Schmerz in der Magenspitze verspüren würde, weil ich jemanden verloren hatte, der mir im Traum zu sehr ans Herz gewachsen war und ich wusste, dass ich ihn nie wiedersehen würde, dass ich nie ein Leben mit einem Mann verbringen könnte, der so war wie ich, sodass der einzige Unterschied wirklich nur der war, dass er mein Mann und ich seine Frau war. Ich schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zu verjagen. An diesem Tag wollte ich nur brennen, wenn es sein musste sogar verbrennen, wollte alles genießen, egal, wie es sich nach dem Aufwachen anfühlen würde.
Don‘kar nahm mich in seine Arme, küsste mich und ich gab mich dem angenehmen Schauer in meinem Inneren hin.
„Meinst du immer noch, dass dies ein Traum ist, oder hab ich dich überzeugt?"
Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, hoffte nur noch, dass ich wach war.
„Ich weiß nicht, ich habe in der Vergangenheit öfter Träume gehabt, in denen ich einen Mann geküsst hatte und manchmal noch mehr. Immer hat es sich echt und schön angefühlt, aber es war dennoch nur ein Traum gewesen."
Don‘kar nahm meinen Finger und biss hinein. Sanft zwar, aber es tat weh. Nun ahnte ich, dass dies alles Wirklichkeit war. Egal in welchem Albtraum ich mich befand, ich empfand keinen Schmerz. Ein Albtraum, als mich eine Horde wilder Hunde jagte und die vorderen Hunde gerade zubeißen wollten, dann, als ich nicht mehr davonlaufen konnte und mich ihnen ergab, um ein schnelles Ende herbeizuführen, sprangen mich die Hunde abwechselnd an, stellten sämtliche Drohgebärden zur Schau, bellten, knurrten, sodass ich vor Angst fast verrückt wurde, doch sie bissen nie, ich empfand keinen Schmerz - irgendwann wachte ich stocksteif und schweißüberströmt auf.
„Du bist wirklich! Du bist echt! Du...", ich war zu aufgeregt, um nur einen Satz vollständig denken, geschweige denn aussprechen zu können.
Ich konnte meine Gefühle nicht mehr verbergen, nicht einmal vor mir selbst und wollte es auch nicht mehr. Ich streichelte über Don‘kars Gesicht, spürte die warme Haut.
„Warum bist du hier? Warum sagst du, dass du mich liebst? Wieso mich?"
Unzählige Fragen drehten sich in meinem Kopf. Er antwortete nicht und lächelte. Was sollte ich davon halten? Warum schwieg er?
„Komm mit in den Stern, ich werde dir alles zeigen, es ist zu schwer, dir alles zu erklären. Sieh es selbst", ließ er mich wissen.
Wie sollte ich auf die Einladung reagieren? Was war in dem Stern? Der Himmel? Die Hölle? Alles - nichts? Egal, ich wollte es wissen und nickte, zuerst zögerlich, dann ernst, da ich mich entschieden hatte.
Don‘kar beugte sich zu mir herüber und nahm mich auf seine Arme. Um uns herum wurde alles in einer überdimensionalen Geschwindigkeit gleißend hell. Das Blau nahm an Intensität zu und schimmerte im Anschluss in allen Blauvarianten, die ich kannte und solche, die ich noch nie gesehen - von denen ich noch nie geträumt hatte. Plötzlich reduzierte es sich auf das flutend blaue Licht, das ich von meinem Schlafzimmer her kannte, ich blickte mich neugierig um - wir befanden uns in einem Tunnel, der vom Unendlichen kam und ins Unendliche führte.
Don‘kar ließ mich sanft herunter: "Ich hab dich bis hierher getragen, weil dir so der Übergang leichter gefallen ist, aber du hättest auch allein gehen können."
Nach dem nahen Kontakt zu seinem Körper wusste ich, dass mir das Getragen werden sehr viel besser gefallen hatte, leider war dieser herrliche Moment viel zu schnell vorbei gewesen. Don‘kar nahm mich an der Hand und gemeinsam liefen wir in dem blauen Lichttunnel, der ab und zu mit Lichtfontänen aus den instabil scheinenden Wänden, die wolkenartig um uns ragten, nach uns griff.
Plötzlich kamen wieder Zweifel in mir auf, Zweifel, deren ich mich schämte, dass sie überhaupt in mir existierten, deren ich mich nicht erwehren, sie nur halbherzig unterdrücken konnte. Ich kämpfte gegen die Gedanken einer Entführung unter Drogen, einer Gehirnwäsche, einer Halluzination, eines tiefen Wahnsinns in mir an. Ich blickte schnell zu Don‘kar, ob dieser meine Gedanken wahrnahm und vielleicht enttäuscht war. Sein Gesicht war von mir abgewandt und ich konnte nichts an seiner Mimik erkennen, aber seiner starren Haltung und aus dem krampfhaften Versuch, mich nicht anzuschauen, obwohl er zuvor keinen Blick von mir gewandt hatte, entnahm ich, dass er um meine Gedanken wusste. Ich beschloss von diesem Moment an, nicht mehr nachzudenken. Ein sinnloses Unterfangen, aber es brachte mich für eine kurze Zeit tatsächlich dazu, sich den kreisenden Gedanken zu widersetzen. Was geschehen musste, geschah. Auch, wenn ich es nicht wollte - oder?
Vor uns tauchte ein heller, blauer Lichtkegel auf, der nach innen gewandt immer heller wurde, so hell, dass das Blau in seinem Innersten wie ein grelles Weiß in meine Augen stach. Wir liefen weiter und waren dem Lichtkegel so nahe gekommen, dass ich die Intensität des Leuchtens nicht mehr mit meinen beschränkten Sinnen gemäß der menschlichen Natur erfassen konnte. Eigentlich hätten mir bei dieser Helligkeit die Augen schmerzen müssen, aber ich verspürte noch nicht einmal den Reflex, sie zum Schutz zu schließen.
„Es ist ein kaltes Licht, das den Augen nicht schadet", erklärte mir Don‘kar.
Warum musste er meine Gedanken lesen und warum musste ich immer denken?
„Du wirst es bald erfahren."
Schon wieder! Ich würde mich wohl daran gewöhnen müssen. Don‘kar funkelte mich lächelnd an.
Der Lichtkegel war nun so groß, dass ich meinen Kopf heben musste, um seine obere Wölbung gerade noch sehen zu können. Er erinnerte mich an ein Tor zu einer anderen Welt, einer anderen Dimension. Don‘kar nahm mich wieder auf seine Arme, ging auf das kalte Licht zu, wir berührten es mit unseren Körpern, fühlten einen kleinen, elektrisierenden Widerstand und dann war es soweit: In diesem Moment wurde es noch heller, das Licht wirbelte, zerfloss, strömte um uns, schien uns zu heben und mit sich zu reißen - es war unendlicher als das Universum, unglaublicher als Magie. Als das Wirbeln aufhörte, ließ mich Don‘kar herunter. Ich wankte noch unsicher auf meinen Beinen, stand schließlich fest und sicher und blickte mich um: Das war also die Welt in dem blauen Himmelsstern?
Das, was ich vor mir erkannte, versetzte mich in enttäuschtes Erstaunen. Enttäuschung, weil die Welt in dem Stern nur aus einem weiteren Tunnel bestand, wie der Gang, durch den wir in diese Welt gelangt waren. Erstaunen, weil es hier genauso schön, fantastisch blau und unwirklich wie in dem Tunnel war.
„Was ist denn das?", fragte ich Don‘kar nicht besonders einfallsreich.
Don‘kar schloss mich in seine Arme, strich mir über mein Haar: "Wir werden voneinander getrennt werden, aber wir werden uns wieder finden. Lass dich von deinen Gefühlen leiten."
Ich verstand nicht.
Er ließ mich los, blickte mich an und lächelte mir zu: "Du wirst bald verstehen. Vertrau mir."
Etwas anderes blieb mir in dieser Situation gar nicht übrig. Er hatte mich hierher begleitet, obwohl er sagte, dass ich in diese Sternenwelt auch ohne ihn hätte gelangen können. Über das „Wie" ließ er mich im Unklaren. Wo war der Eingang, wo der Ausgang? Wie bin ich bloß in diese Situation geraten, fragte ich mich. Und was mich noch mehr bewegte: Wie kam ich hier wieder heraus?
Don‘kar stand mir gegenüber und sah sehr ernst aus. Im nächsten Augenblick konnte ich durch ihn hindurchsehen, als ob er eine Geisterscheinung wäre. Nun war ich ganz allein in dem endlos erscheinenden Tunnel. Panik überkam mich! Was hatte er gesagt? Wir werden uns verlieren und dann wieder finden? Also, mit dem Verlieren hatte er schon einmal Recht gehabt. Nur wie ich ihn wieder finden sollte, das war mir mehr als schleierhaft. Der gleißend helle Durchgang war eine Einbahnstraße, denn an der Stelle, wo wir angekommen waren, war die Rückseite des Tors nicht zu sehen. Als ich mich allmählich beruhigte und mein Herz einen langsameren Rhythmus gefunden hatte, ging ich in dem Tunnel weiter in die Richtung, in der wir zuerst gemeinsam gelaufen waren. Der Tunnel begann langsam eine Biegung nach der nächsten aufzuweisen und hinter jeder neuen Biegung vermutete ich etwas Neues oder wenigstens ein Zeichen, wohin ich mich bewegen sollte. Ich hoffte, dort etwas anderes zu sehen als ständig die gleichen blauen, instabilen, wabernden Wände. Dies begann langsam an meinen Nerven zu zerren. Ich fühlte mich allein, verlassen, verraten und hätte am liebsten angefangen zu schimpfen, zu fluchen und am Schluss zu weinen, weil ein Schmerz in meiner Magenspitze mich innerlich zu zerreißen drohte. Ich tat nichts davon, sondern lief einfach weiter. Wäre ich doch nicht mitgegangen! Das konnte doch nach aller Logik der Natur nicht gut gehen! Wie konnte ich einem fremden Mann, der mir schöne Augen und mich neugierig machte, vertrauen? Diese Frage hatte sich mir in seiner Anwesenheit nicht gestellt. Also lief ich weiter und weiter, hing meinen Gedanken nach, überlegte, wie ich hier hergekommen war. Ich hatte vor Neugier gebrannt und mich verbrannt. Meine Gedanken schweiften immer wieder um Don‘kar und unsere gemeinsame Reise in dem Wolken wabernden Tunnel bis hierher und auch darum, wie er verschwunden war. Ich wollte ihn wieder finden, wollte ihn zumindest zur Rede stellen, was er sich denn vorstellte! Mich erst anzuzünden, um mich dann verbrennen zu lassen! Mich erst mitzunehmen an einen Ort, der fremder war als alles, was ich mir in meiner Fantasie je hätte vorstellen können und mich dann allein zu lassen! Moment, ich brannte ja immer noch! Wann würde ich endlich vernünftig werden? Das hier war also doch ein Traum. Ich war selbst daran Schuld, dass ich hier war. Ich träumte. Ich wollte wach werden, doch wie so oft in meinen Träumen konnte ich dies leider nicht beeinflussen - das bittere Ende wartete also noch auf mich! Auch, wenn der Traum ziemlich langweilig wurde, denn ich lief nur weiter durch den Tunnel, Gerade um Gerade, Biegung um Biegung. Wie viele Biegungen ich schon hinter mich gebracht hatte, wusste ich nicht, wie viele Schritte, wusste ich auch nicht. Was ich wusste war, dass ich in diesem Tunnel das Zeitgefühl verloren hatte.
Als ich wieder eine Biegung entlang lief, wurde mir schwindelig, die Luft wurde von einem Moment zum nächsten dünner, die Wände bewegten sich auf mich zu, der Boden vibrierte, das Blau veränderte sich, wurde heller und heller und schimmerte in einem grellen Weiß - mir wurde schwarz vor Augen. Ich sank in die Knie, holte tief Luft, versuchte das schwindelige Gefühl aus meinem Kopf zu vertreiben, stützte mich mit meinen Händen auf dem Boden ab, der mir wellenartig entgegen kam, nahm das helle Summen in meinen Ohren wahr, das, wie ich zuletzt erkannte, schon die ganze Zeit um mich herum angeschwollen war, hörte das Blut in meinem Kopf rauschen, kämpfte um meine Besinnung und verlor.
Als ich aufwachte, zitterte ich vor Kälte. Verwundert blickte ich mich um, weil ich mich nicht erinnern konnte, wie ich in diese Umgebung gelangt war. Dann schauderte ich vor Entsetzen, als ich erkannte, wo ich mich befand. Wieso lag ich hier im Schnee? Ich erinnerte mich: Gerade erst war ich in diesem blauen Tunnel, der kein Ende nehmen wollte... Verwirrt strich ich mir das nasse Haar aus dem Gesicht.
Schnee. Überall Schnee!
Ich lag mittendrin, leicht bekleidet, mit dem Kleid, das ich vor der Reise in den blauen Himmelsstern getragen hatte und das nun genauso nass war wie mein Haar. Hatte ich etwa gedacht, dass es nicht schlimmer werden konnte oder war ich nun von dem Traum, in dem ich gefangen war, erwacht? War dies hier die bittere Realität oder nur ein weiterer Traum? Träumte ich noch? Eine Reihe von Albträumen, die kein Ende nahmen, die mich nicht aufwachen ließen?
Schnee. Und logischerweise kalt. Sehr kalt! Es war Sommer gewesen und plötzlich befand ich mich in meterhohem Schnee? Nur Weiß, kilometerweit um mich herum und ich war der einzige Kontrast mit meinem braunen Haar und dem schwarzen Kleid. Wo bin ich hier, wie kam ich hierher, wie komme ich wieder nach Hause? Alles Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Verzweifelt und frierend zog ich meine Knie an meinen Oberkörper heran, umschlang meine Beine mit den Armen, um mich wenigstens ein bisschen zu wärmen. Sollte ich hier warten, bis ich nach Hause oder in den blauen Tunnel kam, genauso, wie ich hierher kam, wo immer dieses „Hier" auch war oder sollte ich warten, bis ich aus diesem Traum aufwachte? Was, wenn dies doch kein Traum sondern brutale Realität war? Tatenlosigkeit würde mich somit unweigerlich zum Tod führen! Sollte ich in eine Richtung laufen, in der Hoffnung auf Schutz, selbst auf die Gefahr hin, die falsche Richtung zu wählen und tiefer in diese Schneewüste hineinzuirren? Der Erfrierungstod wäre mir sicher! Doch erfrieren würde ich auch, wenn ich tatenlos an dieser Stelle sitzen bleiben würde.
Die unerbittliche Kälte ließ mich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich sehnte mich nach wohliger Wärme und danach, dass dieser Zustand so schnell wie möglich eine Ende finden sollte.
Geraume Zeit später, zwischen halber Ohnmacht und Zittern, nachdem mein nasses Haar weiß und mein Kleid durch den kalten, heftigen Wind, der ewig in dieser Eiswüste wehte, steif gefroren war, hörte ich weit hinter mir ein Geräusch, das ich zunächst nicht identifizieren konnte. Ich versuchte, meinen Körper dem Geräusch zuzuwenden, denn der Versuch, den Kopf dem Geräusch zuzudrehen, endete damit, dass ein heißer Schmerz durch mein Genick in mein Gehirn schoss und ich tunlichst darauf verzichtete, den Kopf noch einen Millimeter zu drehen. Es gelang mir zuerst nicht, meinen Körper zu drehen, obwohl ich von erneuten Schmerzen verschont blieb, denn ich war fast steif vor Kälte. Nach einem weiteren Versuch gelang es mir, mich mit meinen tauben Gliedern ein wenig zu drehen und die Ursache des Geräusches herauszufinden.
Am Horizont, sich schnell nähernd, erkannte ich einen Reiter auf einem schwarzen Pferd, das so schnell galoppierte, dass der Schnee in Fontänen hinter seinen Hufen aufstieb. Meine Gedanken überschlugen sich: Entweder rettet er mich, tötet mich oder er reitet an mir vorbei. Alle drei Möglichkeiten würden mich von meinen Qualen erlösen, mehr oder weniger schnell - die letzten beiden Möglichkeiten sogar für immer.
Als der Reiter näher kam, war ich mir nicht mehr sicher, ob es ein Reiter oder eine Reiterin war, weil ich das lange Haar der Person im tobenden Eiswind flattern sah.
‚Wir werden voneinander getrennt werden, aber wir werden uns wieder finden‘, hörte ich Don‘kars Stimme in meinen Gedanken.
Ob er es war? Oh, Don‘kar, hilf mir hier heraus! Aber wenn er es nun doch nicht war? Sollte ich mich bemerkbar machen oder sollte ich es dem Schicksal überlassen, entdeckt zu werden? Eigentlich war ich in dieser weißen Pracht nicht zu übersehen, obwohl ich bis zur Taille im Schnee versunken war. Vor Angst, Ungewissheit und Kälte liefen mir die Tränen über die Wangen, wenngleich ich das nicht wollte. Sie waren das einzig Warme in dieser Eishölle, doch nur bis zu dem Zeitpunkt, bis die Salztropfen gefroren waren. Ich wischte mir mit der tauben Hand über mein Gesicht und die Tränen kullerten als kleine Eiszapfen in meinen Schoß. Ich fühlte, wie mein Bewusstsein langsam schwand, hörte auf zu zittern und übergab mich dem Tod durch Erfrieren. Mit meiner letzten Eingebung dankte ich einer höheren Macht für einen schnellen und schmerzlosen Tod.
Das erste, was ich zu Gesicht bekam, als ich aus meiner Bewusstlosigkeit erwachte, waren strahlend blaue Augen, die mir sehr bekannt vorkamen.
„Don‘kar!"
Er lächelte mich an und fragte, woher ich seinen Namen kennen würde. Ich war erstaunt. Mir war noch schwindelig, ich fühlte mich schlecht. Ich fuhr mir mit einer Geste gewohnheitsmäßig durch mein Haar und stellte zu meinem großen Erstaunen fest, dass es trocken war. Ja, und mir war herrlich warm! Als nächstes realisierte ich ein Schaukeln, das sich für mich im ersten Augenblick unangenehm anfühlte, denn ich spürte, wie ich richtig durchgeschüttelt wurde. Don‘kar hielt mich in seinen Armen und ritt mit mir auf dem Rücken seines Pferdes durch die endlose Eiswüste.
„Warum ist mir warm, obwohl wir noch in der Kälte sind?", wollte ich neugierig wissen.
"Weißt du das wirklich nicht?"
‚Würde ich dann fragen?‘, dachte ich lakonisch.
„Nein, ich weiß es nicht."
Er begann zu erklären. Ja, er erklärte mir etwas! War das der Don‘kar, den ich von dem blauen Himmelsstern her kannte? Dieser hatte mir kaum eine Frage beantwortet.
„Du trägst das Fell."
Aha, na klasse, jetzt wusste ich mehr. Aber ich musste zugeben, dass ich noch nicht bemerkt hatte, dass er mich in ein langes, braunes Fell gehüllt hatte, das eigentümlicherweise die Wärme einer Heizdecke verströmte.
„Warum wärmt es mich so sehr, dass mein Haar schon trocken ist oder war ich lange ohne Bewusstsein?"
„Nein, ich habe dich erst vor kurzem gefunden. Du weißt es also wirklich nicht."
Ich schüttelte unsicher den Kopf und endlich hatte er es begriffen. Er erklärte mir, dass es von einem Tier stammte, das in der Nähe des Vulkans lebte und eine solch wunderbare Wärmewirkung hatte, dass die Menschen sich des Fells bedienten, um in dieser Eiswüste überleben zu können. Das glaubte ich ihm sofort. Ich betrachtete ihn erneut und bemerkte, dass auch er ein solches Fell um sich geschlungen hatte. Ich taufte es still „Vulkanfell". Darunter schien Don‘kar nichts zu tragen, da ich in einen kleinen Spalt schauen konnte und nur seine nackte Haut erblickte. Errötend versuchte ich, meinen Blick nicht weiter nach unten wandern zu lassen, obwohl mich die Neugier zwickte. Oh man, er war mir so nah und roch so gut!
„Ruh dich aus, wir haben noch einen langen Ritt vor uns. Wenn wir zuhause sind, kannst du dich schlafen legen und essen und trinken."
Als er dies sagte, fühlte ich mich sehr müde, hungrig und durstig. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich schon eine halbe Ewigkeit in dieser Eiswüste befand, aber gleichzeitig spürte ich, dass mir in diesem Traum jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen war. Was sollte es. Mir war warm, ich fühlte mich den Umständen entsprechend wohl und genoss mittlerweile das Gefühl, durchgeschaukelt zu werden, weil das Pferd seine Gangart nicht drosselte. Es hatte eine bemerkenswerte Ausdauer.
„Wie bist du hierher gekommen?", fragte er mich plötzlich.
Nanu? Hatte er vergessen, dass wir uns kannten und hatte er nun auch die Fähigkeit verloren, meine Gedanken zu lesen? War die Namensgleichheit und das Aussehen Zufall? Moment! Ich vergaß immer wieder, dass dies mein Traum war und ich somit die Gesetze im Unterbewusstsein kreierte und er deswegen keine Gedanken mehr lesen konnte, weil es mich doch die ganze Zeit über gestört hatte. Oder?
„Ich weiß nicht mehr, mir wurde schwindelig und als ich aufwachte, befand ich mich hier."
„Wo hast du vorher gelebt?"
„Das kannst du nicht kennen."
Don‘kar gab sich mit dieser vagen Erklärung zufrieden.
Ich fragte neugierig: "Wie hast du mich gefunden?"
„Ich war gerade auf der Jagd."
Ich fand den Gedanken lustig, dass er mich zuerst vielleicht für ein Beutetier gehalten hatte! Ich wurde von einer nie gekannten Müdigkeit übermannt, kuschelte mich vertrauensvoll in seine Arme, genoss die Wärme des Vulkanfells, den Geruch von Don‘kars Haut und seiner langen Haare, die mir manchmal ins Gesicht wehten. Er spürte meine Zuneigung, denn er schlang seine Arme noch fester um mich, drückte mich ganz eng an sich.
‚Ob sie entführt und hier zum Sterben ausgesetzt wurde?‘, hörte ich ganz leise Don‘kars Stimme.
„Was hast du gesagt?", fragte ich verwirrt.
„Nichts!", entgegnete er schnell, wie ertappt.
‚Ob sie Gedanken lesen kann?‘, hörte ich die Stimme wieder, aber ich hatte es gesehen - Don‘kar hatte seine Lippen nicht bewegt!
Ich wusste zwar nicht, wie mir dies gelang, aber es funktionierte und ich dachte erstaunt, dass es merkwürdig ist, wie es sich anfühlt, die Gedanken eines anderen zu lesen. Ich konnte also Gedanken lesen, meinen Traum steuern!? Oder steuerte der Traum mein Leben?
Meine Müdigkeit nahm zu, ich ließ mich fallen und von den lang ausholenden Schritten des Pferdes in den Schlaf wiegen. Irgendwie kam mir alles bekannt vor...
Als ich erwachte, erkannte ich am Horizont eine dunkle Wand, die schnell auf uns zukam. Erschrocken drehte ich mich zu Don‘kar um und blickte ihn fragend an, weil ich dies nicht nach dieser endlosen, weißen Weite erwartet hatte.
„Das ist der Wald, in dem meine Hütte steht. Wir sind gleich dort."
Ich hatte nicht mehr erwartet, dass es in meinem Leben etwas anderes als diese unendliche weiße Eiswüste, das Schaukeln auf dem Rücken des Pferdes und die Nähe zu Don‘kar geben würde. Da ich rittlings vor Don‘kar auf seinem Pferd saß und wir beide beinahe das Gleichgewicht verloren hatten, weil ich mich so unerwartet schnell umgedreht hatte, drückte mich Don‘kar fester an sich, legte seine Wange an meine, sodass ich wieder nach vorne blicken musste. Seine Wange kratzte mit seinen Bartstoppeln mein Gesicht, ich genoss diese Berührung, sie fühlte sich echt an und ich verlor immer mehr das Gefühl, dass es sich bei meinem Erlebnis um einen Traum handeln sollte. Langsam kam ich zu dem Entschluss, dass es mir egal war. Hauptsache mein Abenteuer war schön. So ritten wir weiter und ich beobachtete, wie der Wald scheinbar näher kam. Ich konnte schon die einzelnen Tannen erkennen - kein Laubbaum konnte in dieser Kälte überleben.
„Gibt es hier auch einen Sommer?", wollte ich wissen, drehte meinen Kopf vorsichtig zur Seite, damit ich ihm ins Gesicht blicken konnte.
„Oh ja, und dann wird es sehr warm. Warum weißt du das nicht?"
„Ich komme nicht von hier. Wo bin ich?", fragte ich, langsam verzweifelt, weil ich nicht wusste, wo ich mich befand.
Don‘kar überlegte, seinen Blick nach innen gerichtet. Er bezweifelte, dass ich nicht wusste, wo ich mich befand. Das konnte ich seinem Gesicht, seiner Mimik und seinen Augen ablesen, ohne in seinen Gedanken zu spionieren.
„Du bist auf Randor, das weißt du hoffentlich."
Randor? Ich war auf der Erde! Ich hatte den Namen „Randor" noch nie gehört! War ich nicht mehr auf der Erde? Nicht mehr in dem blauen Himmelsstern? Ich träumte nicht, ich war wach, tatsächlich wach und in Schwierigkeiten! Ich war verloren! Don‘kar erkannte das Entsetzen in meinen Augen, denn er drückte mich noch fester an sich, strich mir über das Haar, ließ seine Lippen kurz auf meiner Stirn ruhen, um mir ein Mindestmaß an Sicherheit und Geborgenheit zu geben.
Ich träumte nicht mehr, hatte wahrscheinlich nie geträumt - es mir eingeredet, um den Verstand nicht zu verlieren. Ich wusste es, ich fühlte es! Es ließ mich beinahe verzweifeln. Ich war Don‘kar mehr denn je dankbar, dass er mich aus dieser Eishölle gerettet hatte. Nun musste ich mich wohl oder übel damit abfinden und erneut einen Weg in meine Welt finden. Das war leichter gesagt als getan, denn es war leichter, sich einzureden, dass es ein Traum war, als sich damit abzufinden, dass man wirklich in der Klemme steckte und das tat ich wohl. Mir war noch nichts geschehen, ich sollte erst einmal abwarten, was passierte, dann konnte ich mir noch früh genug den Kopf zerbrechen. Und andererseits - was hielt mich auf der Erde? Wer würde mich vermissen? Was würde ich vermissen? Nichts - niemand - nicht das Geringste.
Der Wald erstreckte sich scheinbar unendlich wie die Eiswüste und so weiß, wie der Schnee war, so schwarz waren die Tannen, deren Spitzen Schnee trugen und die gesamte Umgebung in ewiges Dämmerlicht tauchten. Am Waldrand beugten sich die Tannen unter der Last des Schnees, neigten sich der Erde entgegen, wölbten sich über uns zu einem schützenden Dach, ließen niemand anderen passieren. Sie lebten in dem Wind, der über ihren Spitzen wehte, begrüßten uns durch leisen Schneeregen, hießen uns willkommen.
Nach einer Weile zügelte Don‘kar sein Pferd. Ich war in einen leichten Dämmerschlaf gefallen, weil das Dunkel des Waldes meine Augen von dem Weiß der Eiswüste entspannt hatte und wir schweigend und gleichmäßig geritten waren.
„Warum halten wir an?", murmelte ich schläfrig.
Don‘kar deutete vor sich. Dort erwartete uns seine Holzhütte. Gut getarnt hinter mächtigen Tannen. Der Anblick war nicht ungewohnt. Seine Unterkunft sah genauso aus wie die Hütten auf der Erde, freilich ein paar Jahre vor meiner Geburt oder wie in abgelegenen Winkeln Skandinaviens. Rauch stieg aus einem kleinen, flachen Schornstein auf, kräuselte sich leicht und stieg in den Himmel hinauf, der von unten nicht zu sehen war, weil die mächtigen Zweige der Tannen den Blick darauf verwehrten.
Don‘kar setzte mich sanft auf dem Boden ab, ich musste mich kurz an seinem Pferd festhalten, weil plötzlich tausend schwarz-weiße Punkte vor meinem Blickfeld tanzten, zuerst am Rand, dann immer weiter zu Mitte vordringend. Ich war noch schwach, obwohl ich mich fast wieder wohl fühlte. Nach einer kleinen Weile, als das Rauschen meines Blutes in den Ohren nachließ, stand ich mit zitternden Knien selbstständig da und blickte zu Don‘kar auf.
„Geh hinein und leg dich ein wenig hin. Ruh dich aus. Ich komm gleich nach und mach uns dann etwas zu essen", versprach er mir.
Er erkannte, dass ich sehr müde war und ich fühlte mich auch so - müde und erschöpft. Meine Augenlider wogen viel mehr als sonst und ich war froh, dass ich mich hinlegen konnte, obwohl das Schaukeln auf dem Pferd entspannend gewesen war. Aber dies konnte mir den Wunsch nach einem Bett mit fester Unterlage nicht nehmen. Ich wankte langsam auf die Hütte zu. An der Tür angekommen, drehte ich mich nach Don‘kar um. Er saß majestätisch auf seinem Pferd, das in der Dunkelheit des Waldes noch schwärzer erschien als in dem weißen, hellen Schnee. Don‘kars Gesicht lag in tiefe Schatten gehüllt und ich war mir nicht sicher, ob auch er müde war oder ob es an der ewigen Dämmerung lag, die dieser Wald in sich barg.
Don‘kar nickte mir zu: "Geh ruhig, ich versorg noch meinen Schwarzen, dann komm ich nach."
Seinen Schwarzen? Ob er sein Pferd so rief? Es passte gut zu seiner Farbe, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass Don‘kar so einfallslos war. Ich hielt mich kurz an dem Griff der Holztür fest, atmete tief durch und stieß die Tür energischer auf, als ich wollte.
Das erste was mir auffiel war, dass es drinnen nicht wärmer war, als ich es in dem Vulkanfell empfunden hatte. Ich schloss die Tür hinter mir und fand mich allein inmitten tausend bizarrer Schatten, die die Glut verbreitete, die seit dem letzten Auflegen der Holzscheiten in der Steinkuhle des Kamins noch vor sich hin glimmte. Ich erblickte das große Bett, das mit unzähligen Fellen bestückt war. Plötzlich überfiel mich ein Schwindelgefühl, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte und in dieser Situation auch nicht wollte. Ich gab mich dem Gefühl ganz hin, legte das Fell, in das ich gehüllt war, vorsichtig auf den Boden, ließ mich auf das Bett fallen, das erwartungsgemäß weich war, begrub mich unter tausenden Fellen, drehte mich auf die Seite, atmete tief durch und spürte die Erleichterung, die sich in meinem Körper breit machte. Ich fühlte, wie die Anspannung aus mir wich, begrüßte die Müdigkeit, die mich in tiefe Bewusstlosigkeit stoßen wollte. Ein erschreckender Gedanke, der mich wie elektrisiert in die Höhe fahren ließ, beendete die Entspannung. War ich sicher hier? War hier keine Gefahr? Würde mich Don‘kar beschützen? Konnte er es, im Angesicht einer Gefahr um Leib und Seele? Ich blickte mich hektisch um: Es war nichts Auffälliges zu erkennen, ich war allein. Klopfenden Herzens sank ich in die Felle zurück, die Anspannung der letzten Erlebnisse forderte ihren Tribut, da sie noch tief in meinen Knochen steckte. Das Klopfen meines Herzens ließ langsam nach, mein Atem wurde regelmäßiger und ich versank endlich, tief in den Fellen eingekuschelt, in einen bewusstlosen Schlaf.
Als ich wieder aufwachte, stellte ich fest, dass ich tief und traumlos geschlafen hatte. Mich irritierte, dass ich zuerst nicht wusste, wo ich mich befand. Orientierungslos blickte ich mich um und als ich die Hütte erkannte, fielen mir alle Zusammenhänge sofort wieder ein. Nein, ich dachte nicht, dass ich alles nur geträumt hatte, es war mir mittlerweile bewusst, dass alles viel ernster und echter als in einem Traum war. Am Tisch, den ich vor meinem tiefen Schlaf wahrgenommen hatte, saß Don‘kar und betrachtete etwas intensiv. Das Bild kam mir bekannt vor, doch ich konnte mich nicht erinnern, wo ich es schon einmal gesehen hatte. Ich verhielt mich zunächst ruhig und musterte verstohlen den Raum. Er war sehr einfach eingerichtet: ein Tisch, zwei Stühle, neben dem Kamin ein Holzhaufen, davor ein großes Fell. Gegenüber dem Bett, in dem ich lag, befand sich ein Regal mit Holztellern, -besteck und -bechern. An der Innenseite der Tür nach draußen waren ein paar Haken eingeschlagen. An ihnen hing das Fell, das Don‘kar um mich geschlungen hatte, damit ich nicht erfror und daneben zwei seiner eigenen Felle. Im nächsten Moment betrachtete ich Don‘kar genauer. Ich sah, dass er unter dem Fell nicht nackt gewesen war, sondern ein weit geschnittenes, braunes Hemd trug, das von seiner behaarten, muskulösen Brust viel zeigte und eine Hose in der gleichen Farbe.
Don‘kar hatte meine Blicke gespürt, er drehte sich langsam zu mir um. Ich erkannte Besorgnis in seinem Blick, aber durch die unzureichende Beleuchtung in der Hütte konnte ich mir nicht sicher sein.
„Schön, dass du wach bist. Geht es dir besser?"
Ich richtete mich ein wenig in den Fellen auf und lächelte ihn an: „Ja. Danke, dass du mir das Leben gerettet hast."
Mehr fiel mir in diesem Moment nicht ein. Ich konnte es sowieso nicht wieder gut machen, aber ich wusste irgendwie, dass er das nicht verlangte. Er stand auf und kam zu mir herüber. Da erkannte ich erst, wie groß er war! Er überragte mich wohl um mehr als dreißig Zentimeter. Als er am Bett angekommen war, machte ich Anstalten aufzustehen - es wollte mir noch nicht gelingen. Ich hatte mich noch nie in meinem Leben so schwach gefühlt. Don‘kar setzte sich auf den Bettrand und drückte mich mit sanfter Gewalt zurück in die warmen Felle.
„Du musst dich ausruhen. Es ist ein Wunder, dass du noch lebst und wieder wach bist. Ich dachte schon, dass ich zu spät gekommen war und dich nicht mehr rechtzeitig erreicht hatte."
Das gab mir zu denken. Denn wenn er auf der Jagd gewesen war, was er vorher erwähnt hatte, konnte er mich auf diese Distanz kaum als menschliches Wesen erkannt haben! Ich gestand ihm meine Überlegungen mit einem Fragezeichen in meiner Stimme.
„Ich lebe schon lang hier und bin oft auf der Jagd. Ich kann selbst auf weite Entfernung hin ein Tier und einen Menschen auseinander halten."
Nun las ich wirklich Besorgnis in seinem Gesicht, denn ein anderer Gedanke zwängte sich ihm auf: "Ich dachte, als ich dich fand, dass du entführt und zum Sterben in der Eiswüste zurück gelassen wurdest."
Er wollte eine Antwort, das konnte ich in seinen Augen lesen. Ob sie ihm gefallen würde?
„Nein, ich bin nicht entführt worden, aber gestorben wäre ich, wenn du mich nicht gefunden und mitgenommen hättest. Ich...war auf der Suche nach jemandem und wurde hierher verschlagen. Ich hab keine Ahnung, wie ich an diesen Ort gekommen bin."
Ob er mir glaubte?
Ich hörte seine Gedanken: ‘Vielleicht haben sie deine Erinnerungen gelöscht. Wer weiß, wozu sie fähig sind.‘
Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass er mit „sie" eine bestimmte Personengruppe meinte, deren Bekanntschaft man besser nicht machte. Vorerst wollte ich wirklich nicht wissen, von wem er so etwas Übles dachte - in mir stieg erneut Entsetzen auf. Dies war kein lockeres Abenteuer, das mit einem Happy-End aufhörte, keine Geschichte, die mit dem Zuklappen des Buches endete. Dies war bittere Wirklichkeit, echte Gefahr, der Ausgang ungewiss. Ob ich wenigstens Don‘kar vertrauen konnte? Ich glaubte schon.
„Hast du Hunger?", unterbrach seine Stimme meine Gedanken und ich war ihm dankbar dafür.
„Oh ja, aber noch viel mehr Durst!", antwortete ich brav.
Don‘kar ging zum Tisch und hatte dort alles für mein Aufwachen vorbereitet. Er nahm einen Holzbecher und gab ihn mir. Ich setzte mich langsam auf, roch an dem Inhalt und kostete einen kleinen Schluck. So sehr die Flüssigkeit im Becher nach Kräutern gerochen hatte, so bitter schmeckte sie auch.
„Trink alles leer. Es wird dir helfen schneller gesund zu werden", versprach mir Don‘kar.
