Fluch der Pardonnex - Weltträumerin (II) - Bianca Wörter - E-Book

Fluch der Pardonnex - Weltträumerin (II) E-Book

Bianca Wörter

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Beschreibung

Zwei Jahre lebt Alena nun auf Soma. Das Wissen, zwei Somaner getötet zu haben, um den Planeten zu retten, lässt ihre Seele verkümmern. Als sie erfährt, dass die Somaner ihre magischen Kräfte nur für ihre Bequemlichkeit ausnutzen, flieht sie. Ein magischer Wald, der am Mittsommertag von Einhörnern aufgesucht wird, lindert ihre Seelenqual. Doch die Einhörner stürzen sie in tiefe Verzweiflung: Eine uralte Prophezeiung weist darauf hin, dass sie erneut die Schlüsselfigur des Schicksals von Soma ist. Alena muss wieder kämpfen!

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Bianca Wörter

Fluch der Pardonnex - Weltträumerin (II)

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Schuld

2. Trauer

3. Feier

4. Wut

5. Zauberwald

6. Einhörner

7. Prophezeiung

8. Weg zum Schicksal

9. Lo‘amo

10. Pardonnex

11. Hochebene

12. Allein

13. Nest der Pardonnex

14. Macht der Pardonnex

15. Todblau

16. Besessen

17. Angriff auf Pax

18. Seelenflucht

19. Dronaren

20. Freiheit

21. Fluch der Pardonnex

22. Schicksal

Impressum neobooks

1. Schuld

Da war ich nun! Es gab keinen Weg zurück! Ich hatte es selbst zugelassen, dass mir der Weg auf ewig verschlossen bleiben würde.

Damals sah es so aus, als ob es die richtige Entscheidung gewesen wäre, aber in diesen Momenten war ich mir nicht mehr sicher. Ich hätte damals noch zurück gekonnt - Parim und Ro'il'tara waren tot - ich hätte die Somaner beruhigt allein lassen können. Oder?

Die Somaner hätten mich nicht gebraucht!

Ich seufzte. Die Somaner hätten mich vielleicht nicht gebraucht, aber ich hatte Soma gebraucht, ein Abenteuer, einen Lebensinhalt. Vor allen Dingen fehlte mir Dar’sal, ich brauchte ihn - alles war anders geworden!

Jetzt fingen die kleinen Probleme an, der Alltag kam, vor all diesem war ich auf der Erde geflüchtet. Sollte ich wieder fliehen? Wohin? Mir wurde gesagt, dass ich in der falschen Dimension geboren wurde, dass ich auf Soma geboren hätte werden sollen. Jetzt zeigte sich, dass ich dadurch das Gleichgewicht der Welten gestört hatte. Durch diesen Irrtum bekam ich ZU viel Macht als ich nach Soma überwechselte. Allein damit war die Balance zwischen den Welten gestört. Ich hätte mir somit aussuchen können, auf welchem Planeten ich leben wollte und fing an, über mich selbst zu lachen. Zum Glück waren meine Gedanken insoweit isoliert, dass kein magiebegabtes Wesen meine abstrakten Intuitionen lesen konnte – ich hätte mich deswegen geschämt.

Ein Flattern in der Luft lenkte mich von meinen Gedanken ab. Ich blickte in den makellos blauen Himmel und konnte zuerst nicht erkennen, von wem und woher dieses Flattern kam. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und spürte, wie mich das noch weiche, junge Gras an der Wange kitzelte. Es war endlich Frühling. Der Winter vor einem Jahr war härter gewesen als der darauf folgende, doch wir hatten es der Geistesgegenwart der ehemaligen Untergrundbewegung zu verdanken, dass wir die Winter ohne größere Schäden überlebt hatten. Die vielen Vorräte, die sie in meiner Abwesenheit gesammelt hatten und die täglichen Jagdzüge in den Wintermonaten sicherten uns unsere täglichen Mahlzeiten.

Wieder dieses Flattern!

Ich richtete mich auf, setzte mich vorsichtig hin und spähte hinter mich. Gerade noch rechtzeitig sah ich, wie der majestätische Drache hinter mir landete, die Flügel an die Seiten ruhig bebend faltete und mir tief in die Augen blickte. Seine karmesinroten Schuppen funkelten im gleißenden Sonnenlicht. Seine Flügel wiesen eine etwas dunklere Farbe als sein Schuppenkleid auf - sie leuchteten in tiefstem Weinrot. Sein stolz erhobenes Haupt, das auf einem langen, schlanken, eleganten Hals thronte, wiegte leicht hin und her. Sein schmaler, kräftiger Körper endete in einem langen, dornenbesetzten, schmalen Schwanz, der sich zum Ende hin verjüngte und wie bei einer Katze aufgeregt hin- und herpeitschte. Sein ganzer Körper stand unter einer mühsam gebändigten Spannung, er tänzelte mit seinen Vorderbeinen wie ein nervöses Pferd. Seine goldenen Augen stachen tief in meine Seele.

Ich verschloss meine Seele sorgfältig gegen das beleidigende Forschen meines Sprösslings in meinem Inneren. Dafür erntete ich ein wütendes Blitzen aus den Augen des herrlichen Drachens.

"Du wunderst dich? Ich habe dich nicht eingeladen, in meine Seele zu blicken!"

To'rir senkte seinen Kopf auf meine Augenhöhe herab und berührte mit seiner warmen, weichen Schnauze meine Nasenspitze: "Unter unseresgleichen fragt man nicht danach!"

Ich stand ruckartig auf, sodass To'rir erschrocken ein paar Zentimeter zurückwich, sich sofort wieder unter Kontrolle hatte und mich an meiner Hüfte wütend mit seiner Schnauze anstieß.

Ich funkelte ihn böse an: "Wir sind nicht von der gleichen Art! Ich bin ein Mensch und du ein Drache!"

To'rirs Kopf schnellte in die Höhe, sein Grollen ertönte, das nur ein Drache als Lachen erkennen konnte. Er verletzte mich dadurch und das wusste er genau. Der Drache blickte mir wieder in die Augen, legte seinen Kopf schief und seine Stirnwülste, die wie Augenbrauen über seinen Augen prangten, zogen sich noch weiter nach unten, sodass ich seine Wut nicht nur körperlich spüren, sondern auch sehen konnte.

"Du lebst zu lange unter den Somanern. Sie verderben dich und dein wahres Wesen!", warf er mir schonungslos vor.

Ich holte tief Luft und stieß den Atem zischend durch meine zusammengebissenen Zähne aus.

'Wieso muss er mich wieder so wütend machen?', fragte ich mich still.

Laut sagte ich: "Bitte keine endlosen Diskussionen mehr!"

Ich drehte mich um und ging mit weit ausholenden Schritten in Richtung Pax, der neuen Stadt, die wir dieses Jahr mit vereinten Kräften errichteten.

Wir, das waren ich und die Somaner, die ich von Parims Joch befreit hatte.

Das Flattern lederner Flügel über meinem Kopf hielt mich auf. Vor mir ließ sich To'rir elegant auf seinen Hinterbeinen nieder. Diesmal legte er seine Flügel nicht an seinen Körper an, er blieb in Drohhaltung mit weit gespreizten, vibrierenden Flügeln und in der Luft zitternden Vorderbeinen vor mir stehen. Die Flügel waren so groß, dass sie weit über mein Gesichtsfeld hinausgingen. Ich musste innerlich lächeln, als ich verstand, dass er verhindern wollte, dass ich einfach wegging, bevor er mit seinem Gespräch mit mir fertig war.

"Weglaufen ist keine Lösung!", fing er da auch schon an.

Ich verdrehte die Augen und der Ärger kroch in mir hoch: "Soll ich kämpfen? Ich bin zu müde dazu!"

To'rir ließ von seiner Drohhaltung ab, ließ sich auf seine Vorderbeine nieder, senkte seinen Kopf zu mir herab, seine Stimme war erstaunlich weich und sanft: "Das ist es, Alena. Du strahlst keine Lebensenergie mehr aus. Du bist schwach geworden. Du bist unglücklich. Ich mache mir Sorgen um dich! Ich weiß nicht, was dir fehlt, du bist seit diesem Winter traurig."

Ich riss die Augen auf. To'rir hatte mir noch nie gesagt, warum er die Somaner als schlecht für mich erachtete -  von der Tatsache, dass sie keine Drachen waren, einmal abgesehen. Ich hatte seine Meinung auch nicht in seiner Seele lesen können, weil ich mich ihm versperrt hatte und daher auch nicht in sein Inneres eindringen konnte. Doch hatte ich auch nie eindringlich genug danach gefragt, warum er mich immer wieder aus den Reihen der Somaner holen wollte.

Ja, ich fühlte mich ausgelaugt, ein Stein hatte in diesen Tagen mehr Energie als ich im Leib. Aber es waren nicht die Somaner direkt, die mich diese gewaltige Energie kosteten. Ich war es. Ich half überall - fühlte mich verpflichtet durch die Macht, die ich hatte. Ich gönnte mir keine Pause, keine Ruhe, keine Zeit zum Atmen, da ich mit dieser gewaltigen Verantwortung, die ich mir übertragen hatte, nicht zurechtkam. Wenn ich schlief, konnte ich nicht helfen, daher musste ich im wachen Zustand überall meine Augen und meine heilenden Hände, meine Magie, meine Macht zum Guten einsetzen.

Den dritten Sommer erlebte ich jetzt auf Soma. Ich hatte mich noch nicht an die langen Jahre auf Soma gewöhnt. Nach der Zeitrechnung der Erde dauert ein Somajahr 18 Monate. Winter wie Sommer waren je sieben Monate, Frühling und Herbst kurze Übergangszeiten von je zwei Monaten.

'Die Krankenpflege, der Aufbau der neuen Stadt, alles nimmt mich völlig ein! Yyro'ha, Dar'sal, Xera und Semmin helfen mir nach Leibeskräften, aber meine eigenen Ansprüche an mich als Magierin sind viel zu hoch! Egal, ob Tag, ob Nacht, ich bin ständig in Bewegung! Selbst der Schlaf bringt mir keine Erleichterung. Meine Träume verraten mir, dass ich nicht loslassen kann: Sogar in meinen Träumen kümmere ich mich um Kinder, Alte, seelische oder körperliche Kranke und Verletzte. Ich habe keinerlei Abwechslung, doch sollte ich die Somaner sich selbst überlassen? Meine in mir wohnende Macht verpflichtet mich geradezu, sie zum Guten einzusetzen. Aber weißt du was? Ganz tief in mir weiß ich den wahren Grund, warum ich unermüdlich versuche, mich zu geißeln: Ich habe Angst, zu enden wie Parim und Ro'il'tara. Sie hatten am Anfang auch die Macht besessen, hatten sie zu Beginn zum Guten eingesetzt, aber irgendwann schlug ihre Macht in Machtgier um, allmächtig herrschten sie über die Somaner und verloren fortan ihre Würde! Sie stahlen die Macht, indem sie andere Magier töteten und deren Magie in sich aufnahmen. Sie verschrieben sich der schwarzen Magie, wollten mehr und mehr und immer mehr und ich will nicht enden wie sie!'

'Wenn es ihnen einmal so wie dir ergangen war?', fragte mich To'rir in Gedanken.

Erschrocken blickte ich zu ihm auf. Ich saß im Gras zwischen den Pranken meines Drachensohnes gebettet. Ich hatte ihm unbewusst meine Seele geöffnet, hatte ihm in Gedanken meine Qual mitgeteilt. Durch die Verbundenheit unserer beider Seelen hatte To'rir nicht nur meine Gedanken gehört - er hatte auch mein Leid gespürt, Szenen gesehen, die sich im Inneren meines Kopfes abgespielt hatten, während ich ihm den Grund meiner Traurigkeit und Lebensmüdigkeit geschildert hatte. To'rirs Worte hatten eine Saite in meiner Seele zum Schwingen gebracht und ich forderte ihn auf weiterzusprechen.

To'rir rieb seine weiche, samtene Schnauze an meiner Wange: "Wenn sie so wie du am Ende ihrer Kräfte waren und für sich beschlossen hatten, dass sie ihre Macht nicht für die anderen mehr nutzen wollten? Wenn sie sich ausgenutzt gefühlt hatten? Wenn ihnen kein aufrichtiger Dank mehr entgegen gebracht worden war sondern Forderungen über Forderungen? Wären nicht die Somaner Schuld daran gewesen, dass sie sich so entwickelt hatten, wie du sie kennengelernt hattest? Wäre das nicht eine Erklärung, warum sie den dunklen Weg beschritten und so viel Leid verbreitet hatten? Bist du nicht auch in dieser Gefahr, so sehr du dir auch wünschst, nur Gutes zu tun? Ist die Trennung zwischen Gut und Böse nicht nur ein schmaler Grat, auf dem du balancierst? So, wie ich dich leiden sehe, halte ich das für möglich und deswegen mache ich mir Sorgen um dich."

Ich tauchte tief in seinen Augen ein: "Das wäre möglich. Das klingt logisch."

To'rir schnaubte ärgerlich, sein warmer, köstlicher Atem strich über meine Wange: "Logik! Wann lernst du endlich, dass du auf deine Gefühle hören sollst?"

"Meine Gefühle sind meine Macht - ich höre schon lange auf sie. Aber..."

"Kein Aber! Das Herz, die Seele kann nicht lügen! Der Verstand kann lügen, weil er geformt wurde. Die Seele in ihrer reinsten Form ist klarer und schöner als ein Diamant und kann nicht verdorben werden."

Ich lachte bitter auf: "Welche Theorie haben Drachen über die Seele schlechter Somaner?"

To'rir erhob sich ruckartig, sodass ich beinahe nach hinten gefallen wäre, hätte ich mich nicht reflexartig mit meinen Armen abgestützt. Ich stand auf und wandte mich dem roten Drachen zu, sah, wie seine Augen wütend kleine, goldene Blitze verströmten.

"Hat dir die Seele meines Vaters so wenig offenbart oder warst du schon zu lange bei den Somanern?"

Ich schwieg. Dran'gorr und Xyma'la, meine Drachenseele, waren so eng vereint gewesen, wie es noch nie zwischen einem Menschen und einem Drachen geschehen war und auch nie wieder geschehen würde. Doch hatte diese Vereinigung in meiner kleinen Menschenseele viel mehr Fragen als Antworten aufgeworfen und auch die Drachenseele in meinem Menschenkörper konnte dieses Potenzial nicht erfassen, da ich als Mensch und nicht als Drache geboren worden war. Es war nicht leicht, diesen Umstand in Worte zu fassen.

Ich schüttelte traurig den Kopf: "Ich bin kein Drache. Daher habe ich auch nicht das Potenzial für euer umfangreiches Wissen."

To'rir beruhigte sich. Er ließ sich schnell aus der Fassung bringen. Er wäre als Mensch oder Somaner ein rebellischer Teenager gewesen. Er war noch jung und ungestüm - anders als Dran'gorr.

"Die Seele", begann To'rir in einem Tonfall, der mich an die Predigt eines Vaters vor seinem Kind erinnerte, "kann nur durch den Verstand überdeckt werden. Bei Parim und Ro'il'tara stellte der Verstand eine Mauer dar, die sich um ihre Seelen herum gebildet hatte."

Ein schrecklicher Schmerz durchzuckte meine Seele und durchbohrte mein Herz.

Ich keuchte auf, krümmte mich unter dem Schmerz zusammen und stieß aus zusammengebissenen Zähnen wütend hervor: "Hätte ich die Mauer nicht zerstören können? Jede Nacht wache ich schweißgebadet auf, nachdem ich endlich eingeschlafen bin und das Entsetzen meiner Tat kurz vergessen habe. Wäre ihr Leben zu retten gewesen, wenn ich die Mauer um ihre reine Seele zerstört hätte?"

To'rir nickte ernst: "Das hättest du. Jahrzehnte, Jahrhunderte zuvor, aber nicht mehr zu dem Zeitpunkt, als du auf Soma gestrandet bist. Ihre Seelen sind unter der Mauer lange Zeit zuvor qualvoll erstickt, verblüht wie eine welke Rose. Selbst, wenn du die Mauer zerstört hättest, auch dann wären sie gestorben, nur langsamer, qualvoller. Du hast ihnen durch den schnellen Tod eine große Gnade gewährt."

Mein Puls raste noch, als ich versuchte mich aufzurichten. Die Schmerzen in meinem Inneren verebbten langsam.

"Ich dachte, eine Seele ist unsterblich?"

To'rir legte sich vor mir hin und ich nahm wieder Platz zwischen seinen Pranken, sog seine Worte ein, die sich wie Balsam über meine wunde Seele legten und den Schmerz linderten: "Die Essenz der Seele ist unsterblich, aber das Wesen, das, was Parim ausmachte, was zu seiner Seele gehörte, war unwiederbringlich verloren. Sein ‚Ich‘, das in seinem Körper durch ihn handelte, seine innere Identität, sein Geist, die Kraft der Seele, welche denkt und Vorstellungen bildet, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Gut und Böse entscheidet, all das macht den Menschen in seiner Würde, in seinem Geist und seiner Gnade aus. Dies aber war bei Parim erloschen. Ohne seine Seele ist sein Körper nur noch wie ein 'Fisch ohne Wasser'. Kannst du dir einen Menschen, einen Somaner oder einen Drachen ohne Seele vorstellen?"

Ich verneinte. Ich lehnte meinen Kopf an seine mächtige Brust und spürte, wie sie sich hob und senkte, wenn er atmete, hörte das Rauschen der Luft in seinen Lungen. Mein Herzschlag war eins mit seinem.

"To'rir, warum konnte ich das nicht selbst erkennen?"

To'rir antwortete belustigt: "Weil du kein Drache bist!"

Ich seufzte. Ich fühlte mich seltsam getröstet, auch wenn dadurch das Blut von meinen Händen nicht gewaschen war, so war das nagende Schuldgefühl in meiner Seele gedämpft. Ich konnte mit der Schuld zweier Morde besser umgehen.

2. Trauer

"Wieso hattest du eine solche Wut in dir?", wollte ich von To'rir wissen.

Der Drache schwieg lange.

Danach flüsterte er: "Dran'gorrs Trauer ließ meine Seele bluten und du hattest deine Seele für seinen Schmerz verschlossen!"

Ich schloss die Augen: "Für mich war es auch nicht leicht."

To'rir blickte gedankenverloren in die Weite des Himmels: "Du hattest jemanden, der noch einen Platz in deinem Herzen einnahm. Vater hatte niemanden. Yli'on und ich hörten ihn jede Nacht singen. Er hat in einer Weise gesungen wie noch nie ein Drache zuvor. Er liebt dich sehr und ist von Trauer und Schmerz erfüllt, dass du nicht bei ihm bist. Je trauriger wir Drachen sind, desto schöner, melodienreicher, bildhafter wird unser Gesang. Plötzlich verstummte sein Gesang. Im ersten Sommer nach Parims Tod. Wir flogen zu den Eisbergen, in denen er sich aufhielt, jedoch wir fanden ihn nicht mehr. Wir spürten nicht einmal seine Anwesenheit. Auch seinen Körper fanden wir nicht."

Ich verstand: "An diesem Tag hattest du mich das erste Mal aufgesucht. Du dachtest, dass ich ihn finden würde, weil er nur von mir gefunden werden wollte. Doch was ist heute geschehen? Du bist verändert."

To'rir stieß sein grollendes Lachen aus: "Heute vernahmen wir seine Gegenwart wieder. Er verbrachte eineinhalb Jahre tief unter den Eisbergen im warmen Inneren von Soma. Ein Drachenschlaf ist todesähnlich. Das Herz schlägt nur einmal am Tag und so schwach, dass wir jüngeren Drachen ihn mit unseren noch unvollkommenen Kräften nicht wahrnehmen können. Heute ist er erwacht und seine Seele blutet nicht mehr."

Mir krampfte sich mein Herz vor Wut zusammen. Dran'gorr hatte sich die ganze Zeit verkrochen, ließ seine Seele im Schlaf heilen und ich musste mit meiner blutenden Wunde leben! Ich konnte nicht einfach über ein Jahr in Vergessenheit abtauchen und wenn ich wieder auftauchte, erschien alles besser!

To'rir funkelte mich tadelnd an: "Urteile nicht so hart! Denk daran, wieviel tausend Jahre wir leben und wie verschwindend gering eure Lebensspanne ist. Noch ein Grund als Drache zu leben. Alena, ich verstehe dich nicht, wieso du an diesem Menschenkörper festhältst. Du wirfst das wertvollste Geschenk achtlos weg!"

Ich schüttelte den Kopf: "Lenk nicht ab! Ich konnte keinen Drachenschlaf halten und für eine kurze Zeit alles vergessen. Ich weiß, dass Drachen intensiver empfinden - ihr seid damit geboren worden, ihr wisst damit umzugehen! Das ist auch der Grund, warum ich als Mensch weiter leben möchte. Ich bin in diesem Körper geboren worden und weiß damit umzugehen!"

Ich zeigte an mir herunter: "Diese Hülle ist mir vertraut. Das Menschsein hat seine Vorteile..."

"Echt?", ertönte hinter mir die freundlich - lakonische Stimme, die ich die letzten Jahre kennen und lieben gelernt hatte.

"Dar'sal!", rief ich aus, als sich zwei kräftige, federbesetzte Arme um meine Hüfte legten und mich regelrecht umschlangen.

Ich legte beide Arme über seine und lehnte meinen Kopf an seine mit Federn geschmückte Brust.

"Lässt dich diese fliegende Echse nicht in Ruhe?", wollte Dar'sal wissen.

Ich musste gegen meinen Willen kichern, als To'rirs Augen einen wütenden Ausdruck annahmen und sich zu kleinen, blitzenden Schlitzen verengten.

Beschwichtigend griff ich ein: "Dar'sal! Ich weiß zwar, dass Bauarbeiter einen rüden Tonfall an den Tag legen, aber du könntest wirklich etwas höflicher zu dem D R A C H E N To'rir sein!"

Ich betonte das Wort „Drache", weil ich Dar'sal schon tausendmal gesagt hatte, dass To'rir es hasste, als Echse beschimpft zu werden. Er konnte es nicht verstehen, wie Dar'sal auf die Idee kam, ihn mit einem Staubkriecher zu vergleichen.

"Jetzt nimmst du ihn wieder in Schutz und nachher beschwerst du dich, dass er dich nicht in Ruhe lässt, weil du kein D R A C H E werden willst!", verteidigte sich Dar'sal.

Mein rot anlaufendes Gesicht verhinderte nicht, dass To'rir mir einen bitterbösen Blick zuwarf und mir in den Kopf ein ‚Verräter' hineindachte. Seine Verachtung traf mich körperlich, so sehr missfiel dem Drachen die Situation.

"Mein lieber Drache! Werde nicht unfair! Du sagst, dass Drachen ein Kollektivbewusstsein haben und ihre Seele nicht voreinander verschließen. Da wir Somaner das nicht können, gleichen wir das durch Kommunikation aus. Also! Ich denke, dass deine Schwester von jedem meiner Worte, die du gehört hast, weiß."

To'rir senkte den Kopf und wäre er kein roter Drache gewesen, hätte er sicherlich einen roten Kopf erhalten.

"Verzeihung!", sagte er laut und ich war mir sicher, dass er es ernst meinte.

Er hatte für heute seine Lektion gelernt. Ich lachte. Ich wusste, dass die beiden sich sehr mochten, obwohl es nach außen hin nicht den Anschein hatte und sie sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu streiten begannen. To'rir bewunderte die Gestaltwandlung des Symbionten, die keinerlei magische Energie benötigte, weil sie zu seinem Wesen gehörte und Dar'sal bewunderte den Drachen ob seiner wunderschönen Gestalt und Kraft, wie sie nur ein Drache besitzen kann. Dar'sal verwandelte sich in einen Somaner und wieder versetzte es mir einen kleinen Stich, weil ich ihn in seiner engelsgleichen Gestalt viel zu gern und leider immer viel zu kurz bewundern konnte. Ich schüttelte meinen Kopf und wollte das traurige Gefühl von mir abschütteln.

"Wieso bist du hier? Hast du mich gesucht?", wollte ich von dem Symbionten wissen.

Dar'sal grinste: "Nur so. Ich mache heute früher Feierabend."

Ich blickte ihn erstaunt an. Das war ich nicht von ihm gewohnt. Dar'sal arbeitete genauso hart wie ich und nur Balon, der von Natur aus eher gemütlicher veranlagt war, schaffte es manchmal, uns beide zur Vernunft zu bringen, indem er darauf bestand, dass am nächsten Tag noch genug Arbeit auf uns warten würde. Und er hatte recht, denn mit dem Bau der neuen Stadt kamen wir erstaunlich gut voran, weil jeder, der zwei gesunde Arme und Beine hatte, nach Leibeskräften mit anpackte.

"Und Xera und Semmin?", wollte ich wissen.

Wir vier, Dar'sal, ich und die beiden Elfen, waren ein unzertrennliches Gespann.

"Feierabend", kam die kurze Antwort.

Überrascht blickte ich Dar'sal an und begann etwas zu ahnen: "Und die anderen?"

"Feierabend", Dar'sal konnte sich ein kurzes Grinsen nicht verkneifen.

Langsam bildeten sich Lachfalten auf seinem sonst unbewegten Gesicht.

To'rir schnaubte und murmelte etwas von: "...typisch Somaner..."

Ich zuckte mit den Schultern: "Gut!"

Ich hatte mich schon in den frühen Morgenstunden zu diesem Platz geschleppt, wo mich To'rir und Dar'sal überrascht hatten. Ich wollte Zeit zum Nachdenken haben, wollte nicht, dass mich jemand in meinen Gedanken störte. Ich war mir dabei zwar ziemlich jämmerlich vorgekommen, aber gleichzeitig war mein eigenes Elend so groß, dass ich das Gefühl hatte, an diesem Platz allein und zurückgezogen sein zu müssen, um nicht innerlich zu zerbrechen. Schon bei dem Gedanken daran knirschte ich mit den Zähnen und ballte meine Hände zu Fäusten.

Dar'sal bemerkte meinen verbissenen Gesichtsausdruck und dass ich mit den Gedanken weit weg von ihm war.

Er allerdings wollte mich aufmuntern und fuhr mit fröhlichem Tonfall fort: "Bist du gar nicht neugierig, warum wir so früh mit dem Arbeiten aufhören?"

Natürlich war ich das! Doch, wenn ich früher neugierig gewesen war, dass ich innerlich fast zerborsten wäre, so konnte ich mich nach den Jahren auf Soma bewundernswert beherrschen. So dramatisch es klang, aber ich war nicht mehr so unschuldig wie früher - ich hatte dem Tod in die Augen gesehen und den Tod in den Augen meiner Feinde. Dadurch verlor ich meine unbeschwerte Unschuld und Ungeduld. Ich hatte nicht im Effekt oder bei einem Unfall, ich hatte absichtlich und bei vollem Bewusstsein getötet und immer, wenn ich mich daran erinnerte, befürchtete ich, dass dadurch ein Wall in mir zerbrochen war und dass mir das Töten in Zukunft leichter fallen würde - dass meine Hemmschwelle heruntergesetzt worden war!

Ich verdrängte meine düsteren Gedanken und blickte Dar'sal aufmunternd an: "Wieso haben jetzt alle Feierabend?"

Dar'sal sah freudig und aufgeregt aus, sodass ich mir dachte, er wäre mit der Neuigkeit herausgeplatzt, wenn ich ihn nicht endlich danach gefragt hätte: "Komm mit! Ich darf dir noch nicht viel verraten, aber ich habe ein Geschenk für dich."

Ab diesem Zeitpunkt war ich wirklich neugierig. Zu gern ließ ich mich entführen. Ich streichelte dem sauer dreinblickenden To'rir über die samtene Schnauze und lief mit Dar'sal los. Als ich mich nach ein paar Minuten umdrehte, bestätigte sich der Eindruck, dass der Drache immer noch da war und mir mit traurigen Augen hinterher blickte. Ich blieb stehen und betrachtete seine funkelnden Schuppen. Er schwebte in einem Schauer von roten Wassertropfen, die bei jedem Atemzug, bei jeder Kopfbewegung, jedem Anspannen der mächtigen Muskeln unter seiner dicken Haut glänzten und tanzten. Er wirkte in dem hellen Sonnenlicht weniger wie ein Drache als vielmehr wie ein perfekt geschliffener, kostbarer Rubin. Ich seufzte, nachdem ich tief eingeatmet und dann den Atem vor Bewunderung lange angehalten hatte. Erst da wurde ich mir Dar'sal bewusst. Mein schlechtes Gewissen plagte mich sofort, nachdem ich an Dar'sal dachte. Die ganzen Monate hatte ich versucht, still, heimlich und leise zu trauern, damit ich nicht auch noch Dar'sal enttäuschen und traurig machen würde - aber nun war die Sehnsucht nach dem Drachen wieder erwacht. To'rir hätte mir nicht von den Leiden seines Vaters erzählen sollen und er hätte nicht in seiner ganzen Drachenpracht vor mir stehen und diese Sehnsucht wieder in mir wecken sollen.

Ich blickte Dar'sal in die Augen. Sie glänzten. Ich senkte beschämt den Kopf, konnte es nicht mehr ertragen. In Gedanken schickte ich To'rir wütend zwei Worte zu, Wut und Trauer schlugen mir in seinen Gedanken zurück, doch er erhob sich gehorsam und flog davon. Kurz streifte mich seine Woge von Wut und Enttäuschung, dann verschloss ich meine Seele vor ihm und auch vor Dar'sal.

"Geh mit ihm. Du gehörst zu ihnen!", hörte ich die sanfte Stimme Dar'sals, die durch seine Traurigkeit noch weicher klang.

"Nein! Nein, sag das nicht! Ich gehöre zu dir! Zu Xera, zu Semmin und mein Herz würde brechen, wenn ich euch alle verlassen sollte!"

Dar'sal schüttelte den Kopf: "Aber du hast immer noch nach dem Drachenkörper diese Sehnsucht, die ich fast körperlich spüre, auch, wenn du versuchst, dies zu verbergen. Ich lese es in deinen Gedanken, in deinen Gefühlen, deinen Bewegungen und Träumen. Du wirst nie mit deinem ganzen Herzen bei mir sein. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch ertragen kann!"

Vor Verzweiflung wollte ich am liebsten anfangen zu weinen, aber ich unterdrückte meine Tränen: "Dar'sal, sag das bitte nicht. Wo soll ich hingehören, wenn ich in meiner Seele halb Mensch, halb Drache bin und mich beide verstoßen! Wer hat das Recht zu behaupten, zu wem ich gehöre und zu wem nicht? Willst du mich verurteilen? Als ich vor der Wahl meines Körpers stand, habe ich mich für den Körper entschieden, in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Und sollten mir Zweifel an meiner Wahl kommen, macht mich das nicht noch menschlicher?"

Ich legte meinen Kopf leicht schief und blickte Dar'sal direkt in die Augen, hoffte, dass er die Wahrheit in meiner Seele lesen konnte. Ich erkannte in seinen blauen Augen, wie sich ein dunkler Schatten als Schleier über seinen sonst klaren Blick legte und erkannte darin das schlechte Gewissen, das seine Seele plagte.

Endlich nahm er mich fest in seine Arme: "Verzeihst du mir? Ich wollte dich nicht wegschicken, ich will dich nicht verlieren! Es tut mir leid - ich bin eifersüchtig auf diesen Drachen, weil ich weiß, was er dir bedeutet. Ich... Bleib bei mir, bitte!"

Ich erwiderte seine Umarmung und ließ vor Erleichterung meinen Tränen freien Lauf. Sie rannen über meine Wangen, über Dar'sals silbergraues Haar und tropften auf die Wiese. Überall, wo sie hinfielen, wuchsen Sternblumen. Ich musste unter Tränen lachen, was noch mehr Sternblumen Leben schenkte.

Dar'sals Augen folgte meinem Blick, er lachte und fragte erstaunt: "Wieso geschieht das mit deinen Tränen?"

Ich zuckte mit den Schultern: "Keine Ahnung, aber ich weiß, dass Drachentränen sehr selten und manchmal gefährlich sind."

Zum Beweis hob ich meine linke Hand, auf der die Narbe zu sehen war, die Dran'gorrs Träne dort hinterlassen hatte. Die Narbe schien ständig ihre Form zu verändern, ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie in eine bestimmte Richtung trieb. Ich war gespannt was für eine Form sie in ihrer Vollendung haben würde.

"Menschentränen sind nicht gefährlich, sie sind einfach nur nass!", widersprach mir Dar'sal.

"Aber ich bin doch halb Mensch und halb Drache, wie du vorhin richtig erkannt hast. Bei mir bewirken Tränen immer etwas anderes, aber nie etwas Schlechtes."

Dar'sal schüttelte den Kopf: "Bei dir entdecke ich immer etwas Neues."

Ich blickte ihn ernst an: "Hast du das ernst gemeint, als du gesagt hast, dass du nicht weißt, wie lange du es noch mit mir aushalten kannst?"

Dar'sal war nicht ehrlich, als er erwiderte, dass er es nicht ernst gemeint hatte und dass er lediglich eifersüchtig auf den Drachen gewesen war. Ich spürte, dass er wusste, dass ich ihm diese Behauptung nicht glaubte. Mein Drachenherz hatte vor eineinhalb Jahren einen Sprung bekommen, als ich mich gegen Dran'gorr und für Dar'sal entschieden hatte und mein Menschenherz erhielt in diesem Moment einen Sprung, weil ich ein solch wunderbares Geschöpf wie Dar'sal tief verletzt hatte. Ich überlegte, wie lange es dauern würde, bis eines meiner beiden Herzen zerbrach - oder beide??

3. Feier

"Alena! Dar'sal! Wo bleibt ihr?", rief eine glockenhelle, geliebte Stimme.

Ich drehte mich um und erblickte Xera, die auf uns zugesprungen kam. Noch außer Atem blieb die kleine Elfe vor Dar'sal stehen, stemmte ihre Hände in die Hüften und schaute mit trotzig vorgerecktem Kinn zu dem Symbionten auf, der mindestens drei Köpfe größer war als sie.

"Ich habe dir gesagt, dass du nicht trödeln sollst! Wie soll ich denn sonst fertig werden? Oh!", blitzschnell hatte sie die Stimmung bemerkt, in der Dar'sal und ich uns befanden.

Mitleid zog wie eine kleine Wolke über ihr Gesicht, schnell hellte es sich wieder auf und sie plapperte munter drauflos: "Kommt, ihr zwei! Ich werde euch aufheitern. Ihr braucht dringend Abwechslung, damit euch beiden klar wird, wie sehr ihr einander braucht, weil ihr euch liebt!"

Dar'sal und ich hatten zwar unsere Seelen füreinander und für jeden anderen unzugänglich gemacht, dennoch musste man keine Gedanken lesen, um zu sehen, in welcher Stimmung wir uns befanden. Außerdem war es nicht das erste Mal, dass Dar'sal und ich zu diesem Thema unterschiedlicher Meinung waren. Uns war es bewusst, dass wir in der momentanen Situation nicht glücklich werden konnten. Ebenso waren wir uns sicher, dass wir ohne den anderen kaum existieren konnten. Wir würden es nicht versuchen und bis auf diesen Tag hatten wir es sogar vermieden, es überhaupt anzusprechen.

Ich liebte Dar'sal, doch immer wieder schoben sich diese dunkle Schatten über meine Gefühle zu ihm und weilten jedes Mal länger. Ich schob es auf die viele Arbeit und die wenige Zeit, die wir miteinander verbrachten und hoffte, dass dies die einzigen Gründe waren. Zeit hatten wir nie, unsere Liebe reifen zu lassen, als wir gegen Parim kämpften. In der Zeit danach konzentrierte sich alles auf den Aufbau der neuen Stadt.

Wie sollten wir aus dieser Krise herauskommen?

Ich schüttelte den Kopf und begann mich auf den Abend zu freuen - was auch immer diese verrückte Bande geplant hatte!

Dar'sal und Xera waren sichtlich erleichtert und stimmten in meine Lebensfreude ein, als ich in die Richtung hüpfte, in der die Höhlen und die neue Stadt lag. Auf dem Weg dorthin unterhielten wir uns über belanglose Dinge, vom Wetter bis zum neuesten Tratsch. Letzterer ging an mir vorüber, denn ich war selten mit den Somanern zusammen. Meine Fähigkeiten, die Somaner zu heilen oder ihnen bei seelischen Problemen zu helfen, waren die einzigen Gelegenheiten, an sie näher heranzukommen.

Ab da tauchte ich wieder in meine dunklen Gedanken ein. Es stimmte mich traurig und machte mich wütend, dass die Somaner mich bloß als Magierin und nicht als ihresgleichen betrachteten. Sie hatten Achtung und Respekt vor mir, zum Teil fürchteten sie sich vor meiner Macht, gleichwohl sprachen sie nie über belanglose Dinge in meiner Anwesenheit. Ich kannte lediglich ihre Sorgen, Ängste, Gebrechen. Natürlich dankten sie mir, brachten mir kleine Geschenke und Aufmerksamkeiten entgegen, dennoch hatte ich niemals das Gefühl, dass ich ihre Freundin und Mitsomanerin sein konnte.

Ich wurde nicht geliebt!

Da erst erkannte ich den Unterschied zwischen Verehrung und Liebe. Die Verehrung einer Person ist noch keine Liebe, sie schreckt vor der scheinbaren Vollkommenheit der Person zurück. Das zeigt sich deutlich an den Schatten, die durch die Somaner auf mich fielen. Doch selbst der Respekt, den sie am Anfang an den Tag gelegt hatten, hielt sich in der letzten Zeit in Grenzen. Die ehemals dankbaren Somaner wollten Unmögliches von mir! Gerade am vergangenen Tag kamen zwei zu mir. Der eine wollte, dass ich es regnen ließ, damit seine Saat aufging, der andere sehnte sich nach Sonne und Wärme, damit der Lehm seiner Hütte schneller trocknete. Als ich nichts von beidem tat, sondern sie darauf hinwies, dass das Wetter schon seine Richtigkeit hätte und ich nicht darin eingreifen wollte, waren beide wütend auf mich. Und ich auf sie! Sie verstanden nicht, warum ich der Natur ihren freien Lauf lassen wollte. Sie verstanden nicht, warum ich ihnen das Leben nicht einfacher machen wollte, wenn ich über solch magischen Kräfte verfügte. Sie verstanden nicht, dass es egoistisch war, nur an sich zu denken. Ich konnte und wollte nicht der Spielball ihrer Bedürfnisse werden! Meine Magie hatte Grenzen und die wollte ich nicht überschreiten für derart banale Begehren. Ganz sicher kommen in naher Zukunft wichtigere Notwendigkeiten auf mich zu, für deren Erfüllung ich mich voll einsetzen würde. Vor allen Dingen konnte ich nicht an allen Orten gleichzeitig sein und Schnee, Regen, Wind und Sonne in einem Quadratkilometer großem Gebiet verteilen, damit jeder zufrieden ist!

Ich versuchte, das nagende Gefühl, das in der letzten Zeit meine Seele quälte und Ungerechtigkeit hieß, zu verdrängen. Es gelang mir sehr schwer und hinterließ gleichzeitig einen bitteren Nachgeschmack. Meine Freude auf die angekündigten Überraschungen war plötzlich sehr bescheiden.

Bedrückt lief ich hinter Xera und Dar'sal her und nach einer halben Stunde hatten wir die Höhlen erreicht. Wir liefen zu meinem Zimmer - die beiden wurden immer ungeduldiger, zerrten mich fast in die Tür hinein.

Ich ließ mich von ihrer Vorfreude anstecken und bettelte, als sie mich in meinen Raum bugsierten: "Jetzt redet endlich! Was habt ihr ausgeheckt?"

Atemlos und erstaunt blieb ich stehen. Als ich plötzlich anfing zu lachen, lachten alle, die dicht gedrängt im Raum standen und kaum Platz zum Atmen fanden, freudig mit.

Alle meine Freunde waren hier: Yyro'ha, Semmin, Balon mit Frau und Kindern, Solim, Sa'ira, Kuram, Foron. Ich freute mich und platzte vor Neugier.

Dar'sal räusperte sich und Balon trat vor, streckte mir ein großes Päckchen hin: "Das hier möchten wir dir schenken als Dank für deine unermesslichen Dienste und aus Liebe zu dir. Es ist von uns allen. Wir lassen dich jetzt mit Xera allein und freuen uns auf den heutigen Abend."

Ich nahm sprachlos das unförmige Päckchen entgegen und verhinderte gerade noch, dass sich eine Träne aus meinem Auge stahl - wer weiß, was sonst geschehen wäre?

Ich grübelte: 'Ob die Somaner mich nicht lieben, weil ich versuche, absolut perfekt zu sein? Weil ich nie weine, selten lache, immer ernst und gefasst bin, wenn ich sie heile und mir ihre Sorgen und Probleme anhöre? Könnte ich einen solchen Somaner lieben? Nein. Ich würde ihn bewundern und achten oder fürchten und misstrauen!? Andererseits – „privat" lache ich, bin umgänglich und, und – ach, Alena, hör endlich auf zu grübeln!‘

Laut sagte ich: "Balon, ihr Lieben. Ich danke euch. Ihr wisst nicht, was mir das bedeutet. Danke."

Ich wischte gerade noch eine Träne aus meinem Augenwinkel, bevor sie noch ein Unheil anrichtete und die Liebe meiner Freunde in Bewunderung verwandelte. Zum Glück gingen alle nacheinander nach draußen und ich blieb mit Xera alleine in meinem kleinen Raum.

"Wollten sie nicht sehen was für ein Gesicht ich mache, wenn ich das Geschenk auspacke?", fragte ich Xera etwas verwirrt.

"Nein, sie möchten viel lieber heute Abend sehen, wie du dich freust."

Ich zuckte mit den Schultern und wickelte das Päckchen aus. Sprachlos setzte ich mich auf mein Bett und hielt ein Kleid in die Höhe - es war wunderschön!

Xera half mir beim Anziehen, nachdem ich in dem Wasserbecken unseres unterirdischen Flusses gebadet hatte. Das Kleid passte wie angegossen. Das weiche Rehleder schmiegte sich um meine Arme, Oberkörper, Taille und ergoss sich wie ein Wasserfall über meine Hüften bis zu den Zehnspitzen. Es war großzügig an den Beinen ausgeschnitten, sodass ich große Schritte beim Laufen machen konnte, ohne das Leder zu verziehen. An der Oberseite waren die langen Ärmel spitz zugeschnitten, sodass ich die Mittelfinger durch eine am Ende befindliche kleine Schlaufe durchstecken konnte. Der U-förmige Ausschnitt war großzügig geschnitten, sodass die Ansätze meiner Brüste zu sehen waren. Die Gerbung des Leders erfolgte so kunstvoll, dass dieses wunderbare Kleid bei jeder meiner Bewegungen matt zu schimmern schien. Jegliche Verzierung hätte von der wahren Schönheit abgelenkt.

Xera strahlte mich freudig an: "Du siehst wunderschön darin aus. Komm, lass mich dein Haar schmücken."

Ich setzte mich hin und überließ mich Xeras Händen.

Nach einer halben Stunde war sie fertig und ich bewunderte ihre Kunst im Spiegel. Xera hatte mein Haar nach oben gesteckt, mit kleinen, bunten Blumen geschmückt, mit Nadeln fixiert und an Stirn und Ohren einzelne Strähnen herausgezupft. Die einzelnen Haarsträhnen umtanzten mein Gesicht wie ein Heiligenschein. Ich hatte mich noch nie so schön gefühlt.

"Komm jetzt. Wir sind viel zu spät dran", schmunzelte Xera.

Ich erschrak: "Xera, ist das nicht für heute Abend zu viel des Guten?"

Erst bei meinen Worten fiel mir auf, dass Xera ein traumhaftes rotes Kleid trug, das meinem in nichts nachstand. Der V-förmige Ausschnitt bei dem Kleid ließ ihre vollen Brüste wundervoll zur Geltung kommen, ohne aufdringlich zu wirken. Kleine weiße Perlen waren entlang des Ausschnittes aufgestickt, ebenso bei den langen Ärmel und dem Saum. Fächerartig faltete sich das Kleid über ihren Hüften bis zu den Fußspitzen.

Langsam dämmerte mir etwas...

Xera reichte mir Schuhe, die passend zu meinem Kleid angefertigt waren und ich schlüpfte hinein - natürlich passten auch diese wie angegossen. Xera zwinkerte mir schelmisch zu und ging voraus. Wir schritten zu dem Versammlungsraum und ich wunderte mich, dass wir niemandem in den Gängen begegneten. Wir blieben vor der Tür zu dem großen Raum stehen und ich horchte - kein Laut drang zu uns heraus. Xera öffnete die Tür, wir schlüpften hinein und ich blieb wie vom Donner gerührt stehen.

Mit großen Augen versuchte ich die ganze Szene, die sich mir darbot, auf einmal zu erfassen: Drei Lautenträger spielten mit ihrer Musik auf, sobald ich den Saal betreten hatte und sangen über "Alena, die Fremde aus der anderen Welt" eine Ballade, in der ihre Heldentat gewürdigt wurde. Alle Tische standen im großen Oval im Saal, innen und außen Bänke aufgestellt, auf denen sämtliche Somaner von der ehemaligen Stadt Parim und die von der Untergrundbewegung saßen. Alle Somaner, in ihre besten Gewänder gekleidet, sprangen auf, als die Musik zu spielen begann, klatschen und jubelten. Die Tische waren feierlich gedeckt mit Tellern, Bechern, Gläsern, Tischtüchern in kunterbunten Farben mit unzähligen brennenden Kerzen - überall funkelten Schmuckstücke auf bunten Stoffen. Über dem offenen Feuer brieten drei Wildschweine, die knusprig braun über den züngelnden Flammen gedreht wurden und deren Fett zischend in die Glut troff. Ich roch gebratenes Geflügel, das von einigen Somanern serviert wurde. Ganz schnell füllten sich die Tische mit herrlichen Speisen wie Fisch, Wild, Geflügel, Soßen, Gemüse, gerösteten Kartoffeln, Salate, Brote, geräuchertem Schinken, Käse, Butter und Suppe. Weinkaraffen und Bierkrüge rundeten das Ganze ab.

Tränen der Rührung stiegen in mir auf. Ich suchte Xera, aber sie war schon lange davon gehuscht. Nun war ich allein, blickte in die erwartungsfrohen Gesichter der Somaner und spürte so etwas wie Liebe auf mich zukommen. Wenn ich sah, was sie alles für mich organisiert hatten und wie sie mir zujubelten - hatte ich mich in ihnen getäuscht? Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Wie musste ich mich von ihnen innerlich und äußerlich entfernt haben, wenn ich nicht einmal den Ansatz davon mitbekommen hatte, dass sie absolut Großes für mich planten?

Ich blickte mich um - sie hatten sich wahnsinnig viel Mühe gegeben. Die Wände mit Moosgirlanden, Weinblättern und Blumen verziert, roch es frisch, wie nach Frühling.

Ich stand hilflos da und wartete, dass die Ballade und das Jubeln ein Ende nehmen würde, aber es ging endlos weiter.

Überraschend stand eine strahlend weiße Gestalt neben mir und bot mir ein Glas Wein an. Benommen nahm ich es entgegen und blickte mit großen Augen zu Dar'sal hinauf. Er hatte mir zuliebe seine Symbiontengestalt angenommen und seine Flügel bebten vor Aufregung auf seinem Rücken. Er beugte sich zu mir herunter und küsste mich kurz, was zu noch lauterem Jubel führte, bevor er zu seinem Platz zurück ging. Ich wartete weiterhin, aber war nicht mehr hilflos, weil ich wusste, was von mir erwartet wurde. Ich hob mein Glas in die Höhe und nach und nach verstummte das Jubeln und Klatschen. Jeder ergriff das vor ihm stehende Glas und hob es mir aufmunternd entgegen.

Noch konnte ich den Kloß der Rührung in meinem Hals herunterschlucken und prostete den Somanern zu: "Ich freue mich sehr über diese Überraschung! Ihr habt all Eure Fantasie und Liebe eingesetzt, mich zu überraschen mit diesem rauschenden Fest. Es ist so schön, so herrlich, ...so ...so ..."

Ein Kloß schnürte nun doch meinen Hals zu und dicke Tränen der Freude quollen aus meinen Augen, liefen über meine Wangen oder kullerten gleich auf mein neues Kleid - ich konnte sie nicht mehr aufhalten.

Als die ersten Tränen mein neues Kleid berührten, verwandelte es sich: Zuerst glänzte es an den direkt betroffenen Stellen auf, doch nach und nach überzog ein Schimmer das gesamte Kleid, das plötzlich in einem solchen Gold glänzte, dass sich alle Kerzenlichter darin brachen und ihr Licht funkelnd zurückwarfen.

Atemlose Stille herrschte im Saal. Sogar das Feuer schien einen Moment lang aufzuhören zu flackern und zu prasseln. Wie auf ein Kommando begann der Jubel erneut, die Somaner strahlten, ihre Gesichter schimmerten, wie bei einem Somaner, der gerade ein Wunder gesehen hatte. Was auch in gewisser Weise geschehen war. Ich wurde sofort wieder traurig und bedauerte, dass das glückliche Gefühl nur so kurz angehalten hatte. Die Somaner hatten erneut einen Grund, mich „nur" zu verehren, nicht aber zu lieben. Dennoch hatten sie gesehen, dass die "Magierin" auch weinen konnte, dass sie Gefühle zeigen konnte. Ich dachte mir, dass das ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung war. Ich prostete ihnen zu, trank mit ihnen, dankte ihnen und befühlte heimlich mein goldenes Kleid. Es war samtweich und leicht geworden, sodass ich es an meinem Körper kaum spürte. Ich begriff, dass es nicht nur wie Gold aussah. Es bestand aus den feinsten Goldfäden - fein wie Spinnweben. Noch nie wurde auf Soma ein solches Kleid gewoben und würde in dieser Form nie wieder existieren.

Einsam und verloren stand ich vor den Somanern, als sich Balon erhob, mir seinen Arm reichte und mich zu meinem Platz zwischen ihm und Dar’sal begleitete. Ich trank fassungslos ob der Erlebnisse von dem Glas Wein. Der Wein war rot und süß und ich trank das Glas gierig leer.

Dar'sal strahlte mich an: "Ist uns die Überraschung gelungen?"

"Ja. Ich hatte keine Ahnung!"

Dar'sals Grinsen verbreiterte sich.

"Ich habe Hunger", stellte ich fest.

Ich häufte auf meinen Teller einen Hähnchenschlegel, ein Stück vom Wildschwein, Salat, Schinken und Käse. Dazu einen Becher Bier. Überall um mich herum wurde gegessen, getrunken, geredet, gelacht. Es war ein solch hoher Geräuschpegel, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Ich musste brüllen, um mit Balon und Dar'sal zu reden. Als ich mich umsah und die vielen glücklichen Gesichter in mich aufnahm, freute ich mich mit ihnen und darüber, dass ich unter ihnen sein konnte. Aber ich beneidete sie auch, weil sie ihren Blick einzig auf das Heute und Morgen richten konnten und selten an das Übermorgen dachten. Vielleicht war es ihnen deswegen so unverständlich, was sie mir mit ihren Forderungen und ihrer Art antaten. Ich war für sie da und das reichte ihnen, es war gut so für sie. Ich schüttelte ärgerlich den Kopf - dieser Abend sollte durch meine Grübeleien keinen Schaden nehmen. Ich wollte fröhlich sein und nicht mehr nachdenken!

Dar'sal stupste mich liebevoll an: "Nicht grübeln! Heute wollen wir unseren Spaß haben. Balon hat noch etwas vorbereitet."

"Oh, habe ich das überhaupt verdient?", fragte ich kokett zurück.

"Schon längst! Das war überfällig! Lass dich feiern und genieße es."

Ich nickte.

Es gab noch Nachtisch und obwohl ich pappsatt war, versuchte ich zu gerne die karamellisierten Früchte mit süßer Sahne.

"Ich platze!", beschwerte ich mich bei Balon und Dar'sal und erntete dafür freundschaftliches Lachen.

Xera trat hinter mich: "Den vollen Bauch wirst du dir beim Tanz wieder wegarbeiten."

"Tanz?"

Ich blickte meine Freunde entsetzt an: "Oh nein! Da ich Ehrengast bin, werde ich stundenlang keine Bank unter meinen Hintern bekommen, weil jeder mit mir tanzen möchte..."

"Wenn ich jeden mit dir tanzen lasse!", wehrte sich Dar'sal.

Ich grinste: "Zumindest muss ich bis zum Schluss bleiben und bin jetzt schon todmüde! Ich würde mich am liebsten eine Stunde hinlegen!"

Erstaunt rissen meine Freunde die Augen auf: "Jetzt schon?"

Ich nickte. Das Essen, der Wein, das Bier hatten mich müde gemacht und mit vollem Bauch ruhte ich mich am liebsten aus.

Balon winkte ab: "Bis wir fertig sind und aufgeräumt haben, damit wir hier tanzen können, hast du sicher noch eine Stunde Zeit zum Ausruhen."

Ich seufzte erleichtert auf: "Gut. Bis dahin werde ich hoffentlich wieder fit sein."

Ich lehnte mich mit geschlossenen Augen an Dar'sal an und döste vor mich hin.

Die Tische wurden abgeräumt, die Somaner liefen geschäftig hin und her.

Wenn ich hellwach gewesen wäre, hätte ich es bestimmt nicht gehört, weil ich von irgendetwas abgelenkt worden wäre. Da ich entspannt mit geschlossenen Augen dasaß, arbeitete mein Gehörsinn wesentlich schärfer...

"...wenn sie nicht so geizig mit ihren Zauberkräften wäre, hätte sie helfen können und diejenigen, die heute haben arbeiten müssen, hätten viel schneller ihren Spaß haben können..."

"...ja, wir hätten viel schneller mit dem Tanzen anfangen können..."

"...meiner Cousine graut es vor dem vielen Abwasch, dabei wäre doch alles einfach und schnell..."

"...warum hat sie ihre Kräfte, wenn sie sie nie nutzt..."

"...sie könnte uns das Leben viel einfacher machen..."

"...nein, sie hebt alles für sich und ihren Liebhaber auf..."

"...ja, und die Elfen..."

"...aber uns verweigert sie einfache Dinge wie Regen..."

"...oder Sonnenschein..."

"...mit ihrer Magie angeben, das kann sie - Tränen, die ein Kleid in Gold verwandeln..."

"...ist alles fauler Zauber..."

"...bestimmt hat sie damals ihre gesamten Kräfte aufgebraucht..."

"...genau, und jetzt spielt sie uns den Magier vor, damit sie bei uns was gut hat..."

"...hat sie dich schon einmal geheilt..."

"...nein, dich..."

"...ich kann mich nicht mehr erinnern, wem sie zuletzt geholfen hat..."

"...wird wohl nur fauler Zauber sein..."

Mit jedem Wort, jedem Satz waren die unterdrückte Wut, die unterdrückten Schmerzen in mir gewachsen.

Plötzlich sprang ich auf, stützte mich mit den Händen auf dem Tisch ab, ein Glas fiel klirrend zu Boden. Auf einmal war es totenstill, alle starrten mich erschrocken mit großen Augen an. Meine Augen blitzten sie an. Ich war wütend! Ich hatte es die ganze Zeit über gewusst! Sie dachten einzig an sich und ich hatte mich durch dieses Fest blenden lassen, hatte noch ein schlechtes Gewissen gehabt! Ich! Die Somaner, die ich schlecht über mich hatte reden hören, sanken in sich zusammen und die Angst ließ ihre Augen flackern.

"Ja, habt Angst! Ihr haltet mich nicht mehr zum Narren! Für euch ist alles ein Spiel. Ein einfaches Spiel! Ihr wisst nicht, was es bedeutet, Macht zu haben wie ich sie habe! Macht bedeutet auch eine ungeheuerliche Verantwortung!"

"Aber du drückst dich vor deiner Verantwortung! Wenn wir Sonne oder Regen von dir möchten, verweigerst du uns das!"

Ein junger Mann war aufgestanden und blickte mir trotzig in die Augen. Ich erinnerte mich an ihn. Er hatte auch schon ungehalten reagiert, als ich ihm den Wunsch nach Regen die Woche zuvor nicht erfüllte.

"Wenn es mich nicht gäbe, müsstet ihr die Natur hinnehmen, wie sie auf euch zukommt!", widersprach ich und wusste in dem Moment genau, was kommen würde.

"Du bist aber da."

Ich atmete ein paar Mal tief durch: "Ich helfe den Kranken."

Eine ältere Frau stand auf: "Wenn du uns das Jahr über helfen würdest, dass wir für den Winter genügend Kräuter, Feuerholz und Nahrung hätten, müsstest du viel weniger Kranken helfen."

Die Frau setzte sich mit gesenktem Kopf schnell hin, vermutlich war sie von ihrer eigenen Courage überrascht.

"Das erscheint im ersten Moment logisch. Aber wenn ich nicht mehr bin, wie wollt ihr euch aus eurer eigenen Faulheit aufraffen? Und wenn ich den Somanern hier helfe, ist es gegenüber den anderen Somanern nicht ungerecht?"

"Zauberer leben ewig! Die anderen sollen sich ihren eigenen Zauberer suchen!", ertönte eine Stimme mir gegenüber.

Ich blickte in die Richtung und erkannte, dass sie zu einem alten Mann gehörte, dem ich die Gicht aus seinen alten Gliedern gezogen hatte.

Das war zuviel!

4. Wut

Die Wut in mir nahm überhand. Das war eindeutig zu viel! Ich spürte ein schmerzhaftes Brennen auf meinem Brustbein und blickte gehetzt nach unten zwischen meine Brüste: Dort, wo mich der Stern aus Smaragd von Parim verbrannt hatte und noch eine blasse Narbe zu sehen war, schimmerte ein grüner, leuchtender Stern, in dessen Mitte ein dunkler, fast schwarzer Schatten tanzte. Ich erinnerte mich an meinen Drachen, dessen Tattoo zwischen meinen Brüsten leuchtete. Nach meiner Ankunft auf Soma war dieses auf unerklärliche Weise verschwunden. Mit meiner Wut verstärkte sich das grüne Leuchten und der Drache darin nahm deutliche Konturen an.

Entsetzensschreie wurden in dem Saal laut, in dem zuvor gefeiert wurde. Es wurde laut und lauter, bis das Leuchten auf meinem Brustbein Ausmaße annahm, die meine Augen blendeten und tränen ließen.

Der vollständige Drachen in dem grünen Leuchten flatterte wütend mit den Flügeln und ich schrie meine Wut zu den ängstlichen Somanern hinaus: "Ihr undankbaren Somaner! Ich bin nicht euer Eigentum, als das ihr mich gern betrachtet! Wieso seht ihr mich als ein solches an, obwohl ich euresgleichen bin und bis zu meinem Lebensende gerne gewesen wäre! Ihr denkt nur an euer Wohlbefinden, aber nicht daran, dass ich bei euch geblieben bin, um hier in Frieden alt zu werden! Jetzt weiß ich, warum Somaner wie Parim und Ro'il'tara so werden konnten, wie sie waren, als ich sie in eurem Interesse töten musste! Mir bereitet es jeden Tag, jede Nacht Schmerzen, dass ich ihnen das Leben nehmen musste, die wegen solcher Somaner, wie ihr es seid, so geworden sind! Ihr seid an eurem Schicksal Schuld und ich bereue es zutiefst, dass ich mich in euer Leben eingemischt und euch geholfen habe! Der Preis war mein Seelenheil! Ich sehe jede Nacht den Tod in den Augen eurer Feinde und zerbreche daran! Und ihr ärgert euch, weil ich euch keine Sonne oder Regen zaubere! Vor vielen Jahrhunderten standen die beiden, die ICH auf dem Gewissen habe, in der gleichen Situation. Ich habe Angst, dass ich genauso werde und Jahrhunderte später vielleicht von einem Somaner, der gut ist und den ich in die gleiche Situation bringe wie ihr mich, umgebracht werde! Ich habe wegen euch mein altes Leben aufgegeben und kann meine Welt, die Erde, nicht mehr erreichen! Mir ist der Weg versperrt, weil ich euch rettete! Und wie dankt ihr es mir? GAR NICHT!"

Alle Wut, aller Schmerz, aller Hass, alles Leid, jede noch so kleine, dennoch gescheiterte Hoffnung, entlud sich in dem Brüllen aus meiner Kehle, die keine menschliche mehr war. Ich hieb mit meiner Faust, die sich in eine Klauenhand verwandelt hatte, auf den Tisch, der entzwei brach. Ein Blitz, der aus meinen Fingernägeln schoss, spaltete den Boden darunter der Länge nach. Zwei Somaner konnten sich mit einem Hechtsprung gerade noch in Sicherheit bringen, sie machten einen Satz über den größer werdenden Graben und ein Stuhl kippte in die Spalte, die in diesem Moment schon über einen Meter maß. Ich setzte einen grünen Klauenfuß meines Hinterbeines über den Spalt und verhinderte, dass er noch weiter auseinander klaffte.

Überall stieben die Somaner auseinander, liefen schreiend hin und her, suchten Sicherheit. Der Raum wurde zu klein für meinen Körper, doch bevor ich mit dem Rücken gegen die Wand stieß, zerteilte ein schwarzer Klauenfuß die Decke und hysterisch kreischende Somaner retteten sich gerade noch vor den herunterfallenden Gesteins- und Erdbrocken.

Dran'gorrs Schnauze liebkoste meinen Kopf.

Er sprach drei Worte - sanft und ruhig: „Komm mit mir."