Bleiben Sie im Zweifelsfall möglichst nüchtern! - Hannes Gemba - E-Book

Bleiben Sie im Zweifelsfall möglichst nüchtern! E-Book

Hannes Gemba

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Beschreibung

Erzählt wird die stark autobiographische Geschichte eines Mannes, dem es anfänglich lediglich "beim Wasser lassen" vermeintlich harmlos zwickt. Obwohl dieses Ziehen in den nächsten Wochen durchaus unangenehmer wird, nimmt er es weiterhin auf die leichte Schulter. Unglücklicherweise ist genau zu diesem Zeitpunkt eine vom Hausvermieter engagierte, übereifrige Handwerkertruppe im Begriff, seine Toilette, die er immer häufiger aufsuchen muss, komplett stillzulegen. Selbst sein befreundeter Urologe nimmt die Sache zunächst nicht sehr ernst und deckt ihn mit Tabletten und flotten Sprüchen ein. Doch aus dem Zwicken entwickeln sich starke Schmerzen und die durchgeführte Blasenspiegelung ergibt, dass sich in der Blase eine Fistel, ein Divertikel, gebildet hat. Die eigentlich nur für wenige Tage geplante Einweisung in ein Krankenhaus ist der Beginn einer 3-jährigen Odyssee, bei der er von einer Komplikation in die nächste stolpert und den teilweise unfreiwillig komischen Krankenhausbetrieb näher kennen lernt, als ihm lieb ist. Eine verworrene Bürokratie, Kompetenz-Gerangel zwischen zwei Fachkliniken, überforderte Schwestern und Ärzte, skurrile Patientenallüren sind nur einige wenige Eindrücke, mit denen er nicht nur humorvoll konfrontiert wird. Nein, es wird noch viel schlimmer…

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

TEIL 1

Kapitel 1 – Nüchtern bleiben

Eigentlich gehen zehn Tage relativ schnell vorbei, wenn man nicht gerade bei Bodenfrost auf den Monteur des Gaswerkes wartet, während die Silberfische in der Badewanne auf Schlittschuhen laufen …

Kapitel 2 – Der Kontakt

Plötzlich spielten Farbe, Größe, Schnitt und Ausstattung eine wichtige Rolle und die Faustregel

10 Tage – 10 Unterhosen

, wie bei allen meinen Reisen bisher angewandt, verlor unerbittlich ihre Gültigkeit …

Kapitel 3 – Prästationär

Nach Erreichen einer bestimmten Position erzeugte das Ding, in unergründlichen Intervallen, einen Höllenlärm, der mich an ein startendes Propellerflugzeug, oder an ein sechzig Kilometer schnelles Mofa mit abgesägtem Auspuff in einem Tunnel erinnerte …

Kapitel 4 – Der Einzug

Wahrscheinlich eine rhetorische Frage, denn wie hätten sie reagiert, wenn ich auf den sofortigen Abbruch sämtlicher Dreharbeiten bestanden hätte und den Set auf der Stelle zu verlassen wünschte …

Kapitel 5 – Die Festsetzung

Nach dem Rostbraten mit Rotkohl, der mir außerordentlich gut schmeckte, (was aber wahrscheinlich daran lag, dass ich ihn als Henkersmahlzeit ansah), trieb es mich doch wieder ins Raucherparadies …

Kapitel 6 – Der Einschnitt

Auch wenn ich ganz andere Pläne hatte und über dem letzten Funken Fünfzig/Fünfzig-Hoffnung gerade ein ganzes Meer voller hilfloser und wütender Entrüstungen branden wollten, die Frage warum es mich traf, war genauso dämlich, wie jetzt aufzugeben …

TEIL 2

Kapitel 7 – Neustart

Eine junge Schwester öffnete die Tür und musste sofort erstaunt schmunzeln, denn von der Tür aus betrachtet entstand wohl der Eindruck, als würde der Doktor direkt vor mir auf den Knien liegen. "Du hast meinen Kugelschreiber", begrüßte der Arzt die Schwester, vielleicht um die merkwürdig ausschauende Situation zu überbrücken …

Kapitel 8 – Die Zwischenaufenthalte

"Tja, eigentlich ist es so: Sie können von zwei Seiten in ein Fernrohr schauen, wir sehen die Fistel vom Darm aus, die Urologie sieht die Fistel in Ihrer Blase. Wir sind beide zuständig, verstehen Sie, und feiern Sie nicht so wild in den ersten Mai, wir sehen uns nächste Woche …"

Kapitel 9 – Gastspiele

"Keine Angst, das geht jetzt ein bisschen rauf und runter, nach links und rechts, Sie müssen immer nur die Luft anhalten, wenn ich es sage." Dieses Gerät verfügte über Ausmaße und über Techniken, die sich tatsächlich einer Karussellfahrt auf der Kirmes näherten. Zum Glück, oder wie man es nennen wollte, hatte ich noch nichts gegessen …

Kapitel 10 – Auf Messers Schneide

"Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“, ich wusste noch nie, wer diesen Filmtitel verbrochen hatte, aber auf mich traf er ohnehin nicht zu, das wurde mir wieder mal ziemlich klar. Hektik pur um sieben Uhr…

TEIL 3

Kapitel 11 – Intensiv

Eigentlich stellte es keine großartige Anstrengung für mich dar: Der große, schwarze Zeiger stand auf der 12 und der kleine, schwarze Zeiger auf der 6. Schau mal an, 6 Uhr morgens und ich konnte eine Uhr lesen. Aber was um Himmelswillen machte ich in diesem fremden Bett? …

Kapitel 12 – Grenzerfahrungen

Jeder Versuch das Erlebte einer verstandesgemäß annehmbaren Orientierung zuzuführen, ja, es vielleicht auch nur in freie Gehirnwindungen abzulegen um es später zu verarbeiten, scheiterte anfänglich kläglich…

Kapitel 13 – Luftveränderungen

Bernie, mein ungeliebter Ergotherapeut, hatte mich aufgespürt und ich befürchtete unmittelbar die nächste strapaziöse Aktion des Tages, zumal er stolz einen Rollator ins Zimmer würgte. Verflixt noch mal, woher nahm dieser Mann das Talent sich immer wie ein Elefant in meine porzellanen Abläufe zu drängen? ...

Kapitel 14 – Heimspiel

"Nun hadern Sie mal nicht herum, es ist nicht schlecht, es ist unter diesen Umständen ziemlich geglückt, es hätte viel schlimmer kommen können, so sicher waren wir uns alle nicht", legte er, für wen auch immer, aufmunternd nach, "da ist noch Platz nach vorn, das wird schon." Und dann lachte er wieder. Das tat er gerne…

TEIL 1

1. Nüchtern bleiben

Anfänglich begann alles so harmlos, dass ich nie gedacht hätte, dass diese persönlichen Erlebnisse auch nur ein Blättchen Toilettenpapier füllen könnten, falls ich sie, warum auch immer, darauf aufschreiben würde. Zumal sich selbst in weiter Ferne kein Hinweis zu erkennen gab, dass die Angelegenheit Formen annimmt, die außer meiner Person, und das auch nur begrenzt, jemanden näher interessieren könnte. Eher im Gegenteil, denn manche Sachen behält man doch besser für sich, insbesondere wenn es sich um Kleinigkeiten, und dann auch noch um peinliche, handelt.

Es zwickte. Ja, mehr war es nicht. Es zwickte beim "Wasser lassen". Ich weiß jetzt nicht, welche Formulierung Sie für dieses menschliche Bedürfnis, welchem wir täglich mehr oder weniger häufig nachkommen müssen, verwenden, da an dieser Stelle unsere Sprache eine weitgefächerte Palette anbietet, die selbst pro Landkreis verschieden sein kann, wie mir berichtet wurde. Das reicht von "urinieren" bis "pinkeln". Selbst von Wortschöpfungen wie "Lulu machen, klein, oder ein Bächlein machen, puschen, pullen, lullern, schiffen, brunzen" habe ich schon gehört, sie seien als Beispiele genannt, und Wörter, die nicht in dieses Buch gehören, wurden vermieden.

Also, mir zwickte es beim Wasser lassen und ich bin mir sicher, wir verstehen uns jetzt. Keine große Sache, kaum erwähnenswert. Es zwickte ein wenig beim Pinkeln und das noch nicht mal immer.

Aber als ein moderner, gebildeter und gut informierter Mensch, wusste ich, dass man selbst die kleinsten Hinweise unseres äußerst komplizierten Körpers, wahr und ernst nehmen sollte. Vorsorge ist besser als Heilen, wie der Volksmund schon kundtut und so zogen die Wochen durch den Sommer und ich nahm wahr.

Ganz leise, beinah unbemerkt, so wie laut Bibel, ein Dieb in der Nacht kommt, oder eine Scheckkarte vom Automaten nach dem Einzug einbehalten wird, wurde aus der Zwickerei ein leichter Schmerz. Der allerdings für einen Mann, der sich mit dem Zwicken beim Pinkeln arrangiert hatte, ja, es fast vermissen würde, kein Grund bedeutete, um in Panik zu geraten. Dennoch entschloss ich mich als moderner, gut informierter Mensch sofort meinen Urologen aufzusuchen, zumindest mal einen Termin zu machen, denn, wie wir wissen, ist mit solchen Hinweisen des Körpers nicht zu scherzen. Mein Urologe, den ich bei irgendeiner unnötigen Vorsorgeuntersuchung vor Jahren kennenlernte, ist ein netter Kerl, wir duzen uns, und haben schenkelschlagend schon Tränen zusammen gelacht, wenn er eine seiner lustigen Anekdoten erzählt, deren Inhalt ich jetzt hier lieber nicht wiedergeben möchte. Vielleicht hätte ich überhaupt nicht erwähnen sollen, dass mir mein Urologe schmutzige und frauenfeindliche Witze erzählt. Aber er ist so ein netter und lustiger Kerl, der Helmut, dem man nicht böse sein kann, obwohl sich für mich im Laufe der Zeit in dieser Richtung noch einiges änderte.

Als ich nach zehn Tagen durchaus pünktlich und termingemäß die Praxis betrat, baten mich die Damen als erstes um meinen Mantel, es war bereits Herbst, und zweitens um eine Urinprobe, die ich zwickend, aber ohne zu murren abgab. Anschließend nahm ich im Wartezimmer Platz, in dem sich bereits überwiegend ältere Herren mit dem unruhigen Durchblättern von abgelaufenen Illustrierten beschäftigten, auf deren bunten Titelblätter in erster Linie Autos und halbnackte Frauen prangten. Damen habe ich selten bei meinem Urologen gesehen, wobei ich den Umstand nicht unbedingt nur auf die Auswahl der Unterhaltungslektüre zurückführte. Es dauerte natürlich wieder einige Zeit, um nicht zu sagen, es dauerte unanständig lange und in mir stieg sekündlich wieder die Frage hoch, warum Arztpraxen auf langen Kalendern Termine vergaben und nicht direkt die Order kam: "Komm irgendwann nachmittags, warten muss du eh." Gerade als ich mich an der Anmeldung über die Funktionsfähigkeit meiner Uhr und über den Geisteszustand des terminvergebenen Personals im Allgemeinen erkundigen wollte, schoss Helmut mit einer Karte, wahrscheinlich meiner, aus seinem Arbeitszimmer und rief anscheinend überrascht und hocherfreut:

"Grüß Dich, komm rein, wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen. Das sind ja Jahre her, oder? Gut siehst Du aus." Nachdem er seinen Arm von meiner rechten Schulter löste und die Tür hinter uns schloss nahm ich vor seinem Schreibtisch Platz, auf dem sich unzählige gelbe Karten nach einem System häuften, welches scheinbar nur einem sehr engeren Kreis vertraut war.

"Gut … " murmelte Helmut, in meine Karte vertieft, leise, "… gut siehst Du aus, aber Eines muss ich Dir sagen: Dein Urin ist Scheiße."

"Dachte ich mir schon", erwiderte ich, "es zieht beim Pinkeln."

"Sage ich ja, Dein Urin ist großer Mist, aber mach Dir keine Sorgen, ich schreibe Dir Tabletten auf, die nimmst Du zehn Tage und dann sehen wir uns wieder und ich wette, dass Du darüber lachst. Kriegen wir ruck zuck in den Griff, kein Problem, Junge. Wie läuft es zu Hause denn so? Warte mal … Stopp!"

Jetzt schien es wichtig zu werden, denn der Urologe hob den rechten Zeigefinger und schaute mich mit hochgezogenen Brauen so an, als würde er mir gleich zum ersten Mal das Geheimnis verraten, wo man abends um 20.00 Uhr in der Düsseldorfer Altstadt einen Parkplatz bekommt. Still war es im Zimmer, bevor er mit gesenkter Stimme fort fuhr:

"Hör gut zu, Finger weg von den Frauen in der Zeit, halt Dir die Frauen vom Körper, denn Du pumpst die so voll mit Bakterien, das ist nicht mehr schön. Aber, … die paar Tage kriegst Du auch locker rum, oder? Ha, ha, ich kenn Dich doch."

Mein Körper entspannte sich, denn nach dieser dramatischen Einlage hatte ich mit allem gerechnet, nur nicht mit einem Hinweis auf die Sache, die mich im Moment sowieso nicht sonderlich interessierte, obwohl mir das auch schon seit einigen Wochen zu denken gab. Mich plagten andere Sorgen als Frauen "vollzupumpen", ich wollte endlich wieder schmerzfrei sein.

"So, tut mir leid, Junge, Du siehst ja, der Laden ist voll, ich muss weiter …. Ich habe übrigens ein Sahneteilchen getroffen, die hatte dermaßen …, aber erzähl ich Dir in zehn Tagen in Ruhe, Du musst mal wieder kommen, wenn es nicht so eng ist. Ich weiß auch nicht, was die im Moment alle haben", plapperte Helmut und holte mich aus meinen Gedanken, während er mich mit einer neuen gelben Karte in der Hand zur Tür bugsierte.

Obwohl diese schnelle Abfertigung eigentlich gar nicht seiner Art entsprach und ich ja auch noch gar nicht erzählte, wie es zu Hause denn so läuft, zog ich erst mal etwas beruhigter ab. Vielleicht sollte ich tatsächlich mal versuchen ihn zu erwischen, wenn die Praxis nicht so stark belagert ist, überlegte ich damals noch ahnungslos, denn ich sollte ihn noch oft erwischen.

Eigentlich gehen zehn Tag relativ schnell vorbei, wenn man nicht gerade bei Bodenfrost auf den Monteur des Gaswerkes wartet, während die Silberfische in der Badewanne auf Schlittschuhe laufen, oder auf die einsetzende Wirkung eines Arzneimittels, verbunden mit dem Nachlassen von Schmerzen. Da meine Heizung einwandfrei funktionierte, wartete ich also nur auf die urologische Prophezeiung der Ruckzuck-Hilfe dieser Pillen, die fast so groß waren wie Bonbons, dennoch ganz und gar nicht zum Lutschen geeignet. Das bemerkte ich besonders dann, wenn sie mir, trotz Zufuhr erheblicher Wassermengen kurz im Hals stecken blieben. Vergeblich hoffte ich auf die versprochene Wirkung und immer wenn die Blase durch erhöhten Druck dezent darauf hinwies, dass die Notwendigkeit bestand meinen Gang zu gehen, wurde ich mittlerweile etwas ungehalten.

Diesen Druck und die Verärgerung nahm ich gut verstaut, aber ganz oben liegend, mit in die Praxis, in der es offensichtlich auch kurzfristigere Termine gab, wenn man am Telefon die Lautstärke um einiges anhob und die Höflichkeit etwas senkte. Ehrlich gesagt, hätte wohl auch der Hinweis auf meine Schmerzen gereicht.

"Helmut, es läuft nicht, Deine Bonbons zeigen keine Wirkung", begann ich etwas forsch, während ich durchaus registrierte, dass er keine Bemerkung über mein Aussehen machte, aber da Männer keinen gesteigerten Wert auf Floskeln legen, kränkte es mich nur leicht.

"Bleib ruhig, Junge, so was passiert, manche Tabletten schlagen bei manchen Patienten nicht an. Das ist kein Grund zur Sorge, aber Du musst natürlich auch etwas mitarbeiten. Sag mal, wie ernährst Du Dich eigentlich, was isst Du, trinkst Du genug?" fragte Helmut und wahrheitsgemäß antwortete ich ein wenig kleinlaut, dass ich ziemlich unregelmäßig aß und auch nicht selten Fast Food zu mir nahm.

"Du musst Dich regelmäßig und gesund ernähren, Mann, und trinken, viel trinken ist wichtig, das spült", meinte Helmut, der Fachmann.

"Ich trinke am liebsten Bier", lächelte ich.

"Bier ist auch ok, aber lass den Schnaps dabei aus dem Körper, viel trinken, das spült. Sehr viel trinken. Ich verschreibe Dir mal eine andere Sorte, die werden Dir bestimmt helfen und denk dran: Viel trinken. Spülen und nochmals spülen."

Es klopfte und eine hübsche Arzthelferin brachte irgendwelche wichtigen Unterlagen zur Unterschrift. Helmut schäkerte was das weiße Zeug hielt bis die junge Dame das Zimmer verließ. Und nachdem er seine Augen aus ihrer Gesäßhöhe lösen konnte, bekam ich, wahrscheinlich angeregt durch den Auftritt der Schönen, eine seiner neuesten Anekdoten zu hören.

"So", beendete der Urologe das Gespräch, "wir sehen uns nächste Woche, Du kriegst das schon hin, und denk dran …"

"Viel trinken?"

"Nein, … ja doch, aber auch: Keine Weibergeschichten."

Am nachhaltigsten prägte sich mir die Aufforderung ein, dass ich viel Bier trinken sollte und so würde der nächste Therapieversuch, wenn vielleicht auch nicht unbedingt erfolgreicher, zumindest lustiger, vermutete ich und einen Augenblick hatte ich die Schmerzen vergessen.

Als erstes stellte ich mir einen Ernährungsplan auf, mit dem festen Vorsatz regelmäßig vernünftige Mahlzeiten zu mir zu nehmen, soweit sie mit einem Telefon zu bestellen sind. Achtete darauf, dass sich genügend Obst im Haus befand und als allererstes kaufte ich zwei Kästen Bier.

Diesmal vergingen die Tage schneller, was ich durchaus meinen vergnüglichen Abenden mit gesteigertem Trinkverhalten zuschrieb. Täglich nahm ich, wie verordnet, durch den Genuss erheblicher Mengen Gerstensaftes eingeleitet und hervorgerufen, sehr gründliche Spülungen vor. Es schien mir oft so, als würde ich mich mehr auf der Toilette aufhalten als in den anderen Räumen der Wohnung. Auch lernte ich schnell die kleinen aber verblüffenden Tricks, wie man Wasser lassen kann ohne das der Mensch am anderen Ende der Telefonleitung es bemerkt. Das stellte sich sehr schnell als nötig heraus, denn die ständigen Unterbrechungen im Drei-Minuten-Takt durch das Beiseitelegen des Hörers zerstörten anfänglich jedes vernünftige Gespräch. An manchen Abenden bemerkte ich zur fortgeschrittenen Stunde tatsächlich kein Stechen mehr beim Spülen und die Möglichkeit, dass ich oder meine Blase, oder wir beide, eventuell nur blau waren, zog ich in diesen Nächten bewusst nicht in Betracht. Tagsüber nahm ich redlich die vernünftigsten Mahlzeiten, sowie die neuen Pillen, zu mir. Dann erlebte ich auch immer diese klaren Augenblicke, in denen mir bewusst wurde, dass sich wieder mal überhaupt nichts tat. Diese Bakterien schienen sich von Helmuts Antibiotikum zu ernähren. Erschwerend kam hinzu, dass ich mittlerweile auch ohne viel zu trinken einen ständigen Harndrang verspürte und mich eigentlich rund um die Uhr irgendwie auf dem Weg zur Toilette befand. Zum Glück arbeitete ich zu Hause, denn die Wohnung zu verlassen, hätte ich mich gar nicht mehr getraut. Die einzige Ausnahme meine WC-Tür aus den Augen zu verlieren machte ich bei Helmut, dem Urologen mit dem glücklichen Händchen beim Verschreiben von Tabletten.

Für einen Mensch, der gerne mal öfters einen Arzt aufsucht, entwickelte sich mittlerweile die telefonische Terminabsprache mit dem weiblichen Fachpersonal der urologischen Praxis zu einer wahren Wonne. Nach der Nennung meines Namens kam nur noch ein freundliches: "Kommen Sie vorbei, wann Sie können und möchten, wir schieben Sie dazwischen." Mehr konnte man nicht verlangen.

"Scheiße siehst Du aus", sagte Helmut. Ich fand, so deutlich hätte das Kompliment nicht ausfallen müssen und unterdrückte: Sauf Du mal jede Nacht.

"So langsam muss ich diese Seuche in den Griff bekommen, sonst brauche ich einen Manager", fluchte Helmut, „ich kann Dir nicht ständig diese Hammerpillen aufschreiben."

Ich nickte zustimmend, erwähnte die zunehmende Blasenschwäche und um auf meine aufopfernde Mitarbeit hinzuweisen, fügte ich noch hinzu, dass ich wie ein Verrückter spülen würde.

"Wir machen folgendes, mein Freund: Ich verschreibe Dir noch mal ein Päckchen Entzündungshemmer, eine frische Sorte, und wenn die nicht helfen, dann machen wir eine Blasenspiegelung."

"Was machen wir?" fragte ich, obwohl ich seinen Plan genau verstand.

"Eine Blasenspiegelung"

"Das hört sich schmerzhaft an", äußerte ich bedenklich, "Du weißt, dass ich ein sensibles Kerlchen bin. Geht man mit so was nicht besser ins Krankenhaus?"

"Ha", lachte Helmut, "da bist Du auf dem falschem Holzdampfer, im Krankenhaus machen die das ohne Narkose, weil die denken, dass Du das aushalten kannst. Ich gebe Dir eine Spritze. Ich dröhn Dich so zu, mein Freund, glaub mir, Du feierst eine Party."

Ganz beruhigte mich das nicht und so hoffte ich diesmal ganz besonders auf die Hilfe des Pharmazeugs. Doch nach dem Aufstocken meines Bierbestandes fühlte ich mich bereit für den dritten Versuch, den ich ganz in Ruhe angehen würde, dachte ich. Irrtum. Am zweiten Tag von Phase drei wurde ich in aller Frühe unsanft aus dem Schlaf gerissen. Es hämmerte, bohrte und dröhnte wie verrückt und im ersten Moment vermutete ich, noch im Halbschlaf, Helmut hätte mir schon heimlich eine Spritze verpasst. Als ich nach Minuten senkrechtem Stehen im Bett gänzlich erwachte, versuchte ich den Höllengeräuschen auf die Spur zu kommen und fand schnell heraus, dass sie aus der Wohnung unter mir kamen, die schon länger leer stand. Genau gesagt drangen sie aus dem Badezimmer unter meinem Badezimmer hinauf. Da ich mich schon mal an der richtigen Stelle befand, urinierte ich erst mal, mit dem Gefühl und der Geräuschkulisse, als bohre jemand meine Keramik an und der mit dem Hammer stünde hinter mir. Das sollte ja was werden: Nachts konnte ich nicht schlafen, weil ich ständig zur Toilette musste und tagsüber kam ich nicht zur Ruhe, weil die eine Etage tiefer alles kurz und klein schlugen. Es dauerte nicht lange und es schellte an der Tür. Glücklicherweise bekam ich das zwischen zwei Bohrintervallen mit und als ich öffnete stand dort ein junger Mann im professionellen blauen Overall mit Firmenaufdruck. Kein gutes Zeichen, sinnierte ich, die führen Größeres im Schilde.

"Wir müssen mal in Ihr Badezimmer", brüllte er im Treppenhaus, wahrscheinlich durch den ständigen Lärm schon in jungen Jahren taub.

"Warum?"

"Wir müssen gleich mal in Ihr Badezimmer, hat der Chef gesagt, soll ich sagen."

"Das ist jetzt sehr schlecht. Das ist sowieso im Moment bei mir immer sehr schlecht", knurrte ich und durch den Kopf ging mir, dass ich auf eine Krise zusteuerte, wenn die mir nur für eine halbe Stunde das Badezimmer blockieren würden.

"Ich werde dem Chef Bescheid sagen", glaubte ich zu verstehen, denn der Bohrer und der Hammer setzten wieder ein und ich schloss die Tür. Das wird bei dem Bescheid sagen nicht bleiben, ahnte ich Böses, während ich mich notdürftig beim Schlag des Hammers wusch. Ich würgte meine Morgentablette mit Kaffee und Wasser herunter. Unmittelbar danach schellte es erneut. Diesmal war es wohl der Geselle, der vor der Tür stand.

"Guten Morgen, entschuldigen Sie die Störung, wir haben vom Hausbesitzer den Auftrag die Wohnung unter Ihnen zu renovieren. Dürfte ich mal kurz Ihr Badezimmer sehen?" Hörte sich schon anders an und ganz besonders gefiel mir, dass es mal kurz sein sollte. Dem Monteur genügte ein rascher Blick:

"Habe ich mir gedacht", zeterte er vor sich hin und zu mir gewandt rief er aus einem Meter Abstand: "Wissen Sie, den Krümmer, den Sie da haben, den Bogen am Abgang hinter Ihrem Flachspül-WC, der stört uns unten."

"… was mir eigentlich scheißegal ist", wollte ich spontan erwidern, schluckte es aber runter und schrie zurück:

"So, so."

"Ja, dadurch kriegen wir unten keine gerade Fuge und das Rohr eiert so bescheuert durch den Raum. Das ist aber kein Problem. Wir ziehen den Krümmer hier oben kurz ab, setzen einen anderen an und gleichen unten aus, dann sieht das wieder sauber aus", erklärte mir der Geselle schallend.

"Ich bin gesundheitlich zur Zeit etwas angeschlagen", versuchte ich direkt auf den Punkt zu kommen, vielleicht hatte der erfahrene Mann ja Verständnis, "und eigentlich brauche ich ständig meine Toilette. Wie lange würde diese Aktion denn dauern?"

"Ach, da machen Sie sich mal keine Gedanken, dass geht schnell wie die Feuerwehr, wenn wir die alten Schrauben erst mal gelöst haben und der Pott frei steht, dann dauert das mit drei Mann höchstens einen Tag. So lange werden sie ja wohl mal ohne Toilette auskommen, nicht wahr."

Nachdem ich mir nach diesem Schlag ins Gesicht an der Wand sicheren Halt verschaffte, machte ich mir das erste Mal ernsthafte Gedanken darüber, ob ich nicht mit der verschärften Spülung schon morgens um 8.45 Uhr beginnen könnte und erst mal eine Flasche Bier öffnen sollte.

"Das ist im Moment unmöglich, das geht nicht, die Gründe habe ich Ihnen schon genannt", sprudelte es aufgeregt aus mir heraus, "seien Sie mir nicht böse, aber es geht wirklich nicht."

Der Mann guckte, als wäre ihm sein Hammer, den er zum Glück nicht dabei hatte, auf den Fuß gefallen und er nicht wusste, ob er lachen oder kreischen sollte.

"Ich bin nur der Geselle, ich werde mit dem Chef sprechen, aber der wird sich nicht freuen, der wird sich bestimmt nicht freuen, das kann ich Ihnen jetzt schon sagen", schnaufte er und stapfte zur noch geöffneten Eingangstür, die er heftig zuschlug.

Aus dem Treppenhaus hörte ich noch, da unten gerade eine wohl nicht zufällige handwerkliche Ruhe herrschte, Sätze wie: Was ist das denn für einer? Habe ich ja noch nie erlebt! Soll der Alte sich drum kümmern!

Oh, das wird noch Ärger geben, da machte ich mir nichts vor, das wird ihren Ehrgeiz wecken. Wichtig ist, an dieser Stelle mal zu erwähnen, dass mit dem gesteigerten Harndrang inzwischen oftmals auch ein nicht immer kontrollierbarer Stuhlgang einherging, sodass ich jedes Geschäft aus Sicherheitsgründen in sitzender Position erledigen musste. Womit die Nummer mit dem Eimer, die Ihnen vielleicht noch einfallen würde, nicht mehr zur Debatte stand. Aber das musste ich ja nicht unbedingt zwischen Tür und Angel einem Installateur mitteilen, den ich nicht kannte und der nicht, soweit ich wusste, der Schweigepflicht unterlag.

So vergingen die Tage unter Hämmern, Bohren, zusätzlich seit kurzem auch mit Sägen, denn ein großes Auto einer Schreinerei parkte zeitgleich neben dem Klempnerfahrzeug regelmäßig vor dem Haus. Meine Hoffnung auf Linderung der Schmerzen gingen so ganz nebenbei peu à peu wieder mal den Bach runter, obgleich ich mir selbst diesen Zustand irgendwie immer noch schön malte. Eigentlich ging es mir, umso näher der Termin, der von mir sehr gefürchteten Blasenspiegelung, rückte, gar nicht mal so schlecht, redete ich mir ein. Aber ich werde diese Spiegelung durchstehen, das nahm ich mir ganz fest vor, und dann ist endlich Schluss mit der ständigen WC-Rennerei und dem Toilettenpapiereinkauf wie für einen Hauptbahnhof. Zu diesem Zeitpunkt kamen mir noch keine Gedanken über eine eventuelle Weiterbehandlung in den Sinn.

Diesmal erhielt ich wieder einen festen Termin. Helmut meinte, dass ich um 18.00 Uhr kommen sollte, dann wäre der Laden fast leer und er könnte meine Leiche gegebenenfalls ungestörter beseitigen, denn man wüsste ja nie. Darüber konnte ich nicht lachen. Als ich die Praxis betrat lehnte er, wahrscheinlich zufällig, schon an der Rezeption, so als würde er auf mich warten, was ich für ein böses Omen hielt.

"Grüß Dich", lächelte mein Lieblingsurologe, "hätte gar nicht gedacht, dass Du kommst, he, he. Du, bevor wir die Zystoskopie machen, hätte ich gerne noch eine Urinprobe von Dir gesehen, also, nimm das Töpfchen, geh zur Toilette, mach ein Bächlein rein und bring es zum Labor. Ich hole Dich dann gleich im Wartezimmer ab."

Warum lächelte der so blöde, überlegte ich, während ich mich auf dem WC bemühte Tropfen für Tropfen in dieses Gefäß zu bekommen, denn bei so häufigem Austreten blieb für den einzelnen Gang nicht viel übrig. Meine Hand zitterte leicht. Da ich wusste, dass eigentlich nur der Boden des Bechers gut bedeckt sein muss, kam ich zurecht und auf dem Weg zum Wartezimmer fiel mein Blick durch die halb angelehnte Tür des OP-Raumes auf die weiß-silberne sterile Einrichtung und ich bekam das Gefühl einer eisigen Kälte. Jetzt wird durchgehalten, machte ich mir Mut, gleich zu Hause trinkst du erst mal ein Bier, vielleicht aber auch schon in der nächsten Kneipe.

Es dauerte gar nicht lange und ich hörte im Wartezimmer, in dem in der Tat außer mir niemand mehr saß, sodass ich sicher sein konnte, dass ich gemeint war, Helmuts Stimme rufen: "Komm mal in mein Büro."

Ich wunderte mich zwar über den veränderten Ablauf folgte aber artig seiner Aufforderung. Hinter mir schaltete eine Putzfrau den Staubsauger an.

"Du, was hast Du gemacht?", fragte Helmut, auf die gelbe Karte blickend und ohne auf eine Antwort zu warten:

"Deine Werte sind gut."

"Erzähl doch nicht so einen Mist, Du hast die Probe verwechselt", rutschte mir raus.

"Nein, Quatsch, guck doch selbst, ist doch kein Anderer außer Dir mehr hier", wurde Helmut laut.

"Deine Werte sind ganz gut, also jetzt nicht sooo gut, aber deutlich besser als beim letzten Mal. Zumindest sind sie so, dass ich eigentlich eine Spiegelung gar nicht verantworten kann oder anders ausgedrückt, dass sie vielleicht gar nicht mehr nötig ist."

"Du fährst gerade Karussell mit meinen Gefühlen", sagte ich, schon leicht erleichtert.

"Pass auf, wir machen Folgendes: Ich schreib Dir noch ein letztes Mal Antibiotikum auf, aber dann ….“

Wie leicht lässt man sich führen, wenn man einer Sache aus dem Weg gehen kann, vor der man sowieso Angst hat. Aber überzeugt hatte mich die ganze Angelegenheit nicht. Wir verabschiedeten uns und bevor ich mich auf den Heimweg begab, suchte ich erst noch mal das urologische WC auf. Denn nachdem die Angst gewichen und mir ein virtueller Stein vom Herzen direkt auf den Praxisboden gedonnert war, glücklicherweise ohne sichtbaren Schaden anzurichten, machte sich prompt und unmissverständlich wieder die Blase bemerkbar.

Abends wurde mir noch klarer, dass sich mein Zustand, trotz der merkwürdigen guten Werte und der täglichen Einnahme von Pillen, ständig verschlechterte. Das treibende und betäubende Bier löste dieses Problem nicht und beim Wasser lassen stöhnte ich mittlerweile laut vor Schmerzen.

Am vierten Morgen der erneuten Tablettentherapie vermisste ich kurze Zeit das Hämmern und Bohren, dafür schellte es und der Chef der Installationsmafia baute sich vor meiner Tür auf.

"Guten Morgen, wir müssen jetzt endlich in Ihr Badezimmer, wir kommen sonst nicht weiter“, begann er energisch zornig und musterte mich von oben bis unten, wahrscheinlich um die Beschreibung seines Gesellens zu überprüfen und um sich einzuprägen, wie so ein Spinner aussieht. Wirklich in aller Höflichkeit versuchte ich zu erklären, dass ich durchaus Verständnis hätte, ihnen nicht aus Willkür den Einlass verweigerte, mich in ärztlicher Behandlung befand und wahrscheinlich, und da sprach ich meine Vermutung zum ersten Mal aus, demnächst in ein Krankenhaus käme. Dann wäre der Weg hier sowieso frei, denn ich würde ihnen den Zugang ermöglichen. Aber es nutzte alles nichts. Er ließ sich nicht besänftigen.

"Ich mache den Job jetzt schon seit 30 Jahren", tobte er, was mich nicht weiter wunderte, "aber so was ist mir noch nicht passiert, das gibt es doch gar nicht, aber ich rege mich überhaupt nicht mehr auf, hier, nehmen Sie diesem Brief vom Vermieter." Er drückte mir einen Brief in die Hand und lief die Treppen runter.

Da hatten wir den Salat.

Unter der fetten Überschrift "Abflussrohr" wurde mir in dem Anschreiben blumig die Notwendigkeit der Renovierung erklärt und dass ich der Firma gefälligst Zutritt zu meiner Wohnung gewähren müsste und zwar schnellstmöglich. Man bedankte sich für meine Kooperation, was wohl ein zynischer Wink mit dem Vorschlaghammer war, wies aber nochmals ausdrücklich darauf hin, dass ich diese Maßnahme zu dulden hätte.

So ging das alles nicht weiter und ich musste jetzt endlich aus dem Quark kommen und mir nichts weiter vormachen, sonst würde zu den starken Schmerzen auch noch eine schmerzhafte Peinlichkeit hinzukommen. Entschlossen rief ich in der Praxis an, bekam auch sofort grünes Licht, und ließ mich prompt mit einem Taxi zu den urologischen Hallen fahren.

"Helmut, ich mache mir nichts weiter vor, die Schmerzen werden schlimmer, sie werden von den Pillen nicht weggehen, und die wollen auf meine Toilette."

"Ok, wir machen die Spiegelung, aber jetzt geht es nicht, Du siehst ja, das Wartezimmer ist voll", sagte Helmut ohne zu zögern und nach einer Pause:

"Moment mal. Was hast Du gesagt?"

"Die Schmerzen werden schlimmer."

"Das meine ich nicht. Wer will auf Deine Toilette? Wohnst Du in einem öffentlichen Gebäude?", fragte er interessiert.

"Nein, die Handwerker wollen die Wohnung im Stockwerk unter mir renovieren ….", und so erzählte ich ihm in Kurzform die Story vom Hämmern und Bohren, von meinem störenden Krümmer am Flachspül-WC, bis hin zum allgemeinen Zorn, den ich auf mich gelenkt hatte. Helmut nickte, schaute auf die Uhr und guckte ratlos:

"Ich verstehe Deine Situation, aber was kann ich dabei tun?"

"Ich brauche so was wie ein Attest", versuchte ich zu formulieren. "Ich brauche ein Attest, aus dem hervorgeht, dass ich nicht kann, also, … nicht verzichten kann, im Moment, … auf meine Toilette."

"Mein Gott", schmunzelte der Doktor, "Du verlangst Sachen von mir, habe ich ja noch nie gehört. Geh zu meiner Sekretärin, wenn der was einfällt, dann soll sie es tippen und wenn ich es irgendwie verantworten kann, dann unterschreibe ich es. Aber ich gebe Dir einen guten Rat, versprich ihr vorher einen Strauß Blumen."

Und es entstand ein Attest mit folgendem Inhalt, von dem Helmut hinterher behauptete, dass wohl noch nie ein Urologe auf der ganzen Welt, zumindest aber in Deutschland, so ein Ding unterschrieben habe:

"Aufgrund einer akuten urologischen Erkrankung befindet sich o.g. Patient zurzeit bei uns in ständiger urologischer Behandlung. Da der Patient aufgrund dieser Erkrankung ständig die Toilette aufsuchen muss, ist es ihm nicht möglich bis auf weiteres auf eine eigene Toilette zu verzichten."

Nachdem ich auch noch einen Spiegelungstermin für die frühen Abendstunden des übernächsten Tages bekam, begab ich mich direkt nach Hause und rief unverzüglich bei Fleurop an und ließ einen großen, freundlichen Blumenstrauß in die Praxis liefern.

Am Nachmittag des folgenden Tages suchte ich das Büro des Vermieters auf. So ein Attest musste man schon persönlich übergeben, wenn man sich nicht um das Erlebnis der wahrscheinlich doch hoch interessanten Reaktion bringen wollte. Offen gestanden erfasste mich darüber hinaus eine gehörige Portion Nervosität. Ich wurde direkt zum Eigentümer durchgelassen und wie erwartet öffnete der Hauswirt sofort den Umschlag und bekam beim Lesen vor Staunen, oder war es Entsetzten, den Mund nicht mehr zu. Bevor Schlimmeres passieren konnte, wirkte ich ohne Zeit zu verlieren mit beruhigenden Worten ein, indem ich den ungefähren gesundheitlichen Status schilderte. Durchaus mit dem Hinweis auf die morgige ambulante Operation und die Möglichkeit eines eventuellen anschließenden, kurzen Krankenhausaufenthalts mit Schlüsselübergabe zu seinen Händen. Irgendwo, so schien mir, konnte ich tatsächlich ein leichtes Verständnis in den Augen des älteren Mannes erkennen. Er murmelte etwas von Gesundheit, die ein wichtiges Gut wäre, er hätte durchaus seine Erfahrungen. Jedoch dürfte sich die Geschichte nicht mehr unendlich hinziehen, da die Wohnung bereits vermietet wäre, allerdings erst in drei Wochen. Und dann, dann gab er mir zu meiner Überraschung die Hand und wünschte mir alles Gute, er würde das mit den eifrigen Klempnern schon regeln. Da war ich baff und sicher, dass mich die blauen Overalls, die mich bei zufälligen Begegnungen im Treppenhaus wie Luft im Heizungssystem behandelten, ab jetzt wieder grüßen würden und kam zu der Erkenntnis, dass ein Blasenleiden eine gewisse Solidarität auslöste, zumindest bei älteren Herren mit Stil.

Eigentlich hätte ich gute Laune haben können, aber wieder zu Hause angelangt, schmeckte mir noch nicht einmal das Bier. Ich dachte darüber nach, wie ich wohl so kurze Ausflüge überstehen konnte, ohne mir die Hose zu versauen. Vieles wurde anscheinend mit dem Kopf gesteuert und bei einer gehörigen Portion Ablenkung und Anspannung ließen sich offensichtlich kurze Zeiten überbrücken. Das würde auch erklären, warum mein Drang beim Anblick oder nur bei dem Gedanken an eine Toilette dermaßen stieg, dass ich kaum noch einhalten konnte.

Die bevorstehende Zystoskopie, wie Helmut sie gekonnt zu nennen wusste, lag mir doch schwer im Magen, oder besser ausgedrückt, das was da lag, deckte den ganzen Bauchbereich ab. Gewissermaßen tat mir alles weh und in der folgenden Nacht war an Schlaf, selbst stundenweise, nicht zu denken. Langsam begriff ich, dass die Spiegelung nicht das Ende meiner Probleme bedeutete.

Aber jetzt würde ich Schritt für Schritt weitergehen. Da bestanden, selbst bei meinem offensichtlich in diesen Dingen zur Verdrängung neigenden Charakter, keine Zweifel mehr. Dieser Zustand benötigte unumstößlich eine positive Veränderung.

Demzufolge tauchte ich auch pünktlich, wenn auch mit einem flauen Magen und wackligen Beinen wie nach einer gepfefferten Darmgrippe, in den mir schon vertrauten Praxisräumen auf und verkroch mich still in eine Ecke des viel zu einsehbaren Wartezimmers, in dem noch zwei Männer saßen, von denen ich hoffte, dass sie nicht nur ein Rezept abholen würden. Aber ich war längst entdeckt und als Helmut einen Patienten aus seinem Büro, wie er es nannte, begleitete um zur Anmeldung zu gehen, wurde auch er durch Handzeichen des petzenden Personals, denen ich nie mehr Blumen schicken würde, auf mich aufmerksam. Er drehte auf dem Absatz um und kam schmunzelnd zu mir:

"Kommst Du bitte mit, ich bringe Dich schon mal rüber."

Als wenn ich den Weg nicht alleine gefunden hätte, es wäre nur eine kleine Bemerkung einer seiner hübschen, weiblichen Angestellten nötig gewesen. Aber nein, man musste natürlich einen Staatsakt daraus machen. Im OP-Raum angekommen löste er endlich seinen Arm von meiner Schulter und wieder lächelte er:

"Leg schon mal ab, mach Dich unten rum frei und leg Dich schon mal hin. Ich komme in ein paar Minuten. Mach Dir keine Sorgen, Du wirst nichts merken, verspreche ich Dir, wie ich schon kürzlich sagte, ich dröhne Dich gut zu."

Wie ein Mensch, und sei es selbst ein Arzt, jetzt die Ruhe haben kann, noch mit anderen Patienten zu sprechen oder sie gar zu untersuchen, fragte ich mich, und warum dieses Witze erzählende Arschloch vor jeder potentiellen Blasenspiegelung so blöde grinsen musste. Aber ich zog mich artig aus, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Ich legte mich auf den kalten OP-Tisch, nicht ohne vorher gewissenhaft den einwandfreien Zustand der weißen Papierunterlage geprüft zu haben, und wartete. Es dauerte diesmal nicht lange und schon kam eine Arzthelferin herein, was mich freute. Aber eigentlich hatte ich mit dem Operateur gerechnet, was mich noch mehr gefreut hätte, denn Warten im sterilen Bereich, zählt nicht zu meinen Stärken. Sie fummelte an irgendwelchen Instrumenten herum, grinste mich an, wobei ihr Blick geflissentlich den Teil meines Körpers ignorierte, der in der Regel, wenn eine Frau auf einen Mann trifft, zumindest vorerst, durch eine Hose bedeckt ist. Nicht nur aus Interesse, sondern vielmehr um meiner Nervosität Herr zu werden, wollte ich wissen, wie lange die Prozedur denn dauern würde und sie antwortete fröhlich, wahrscheinlich in Anbetracht des bevorstehenden Feierabends, dass das in 15 Minuten erledigt wäre. Mehr war ihr auch nicht zu entlocken, denn in Windeseile verschwand sie wieder, vermutlich weil sie nicht wusste, wo sie noch hingucken sollte.

Die Zeit verging und meine Unruhe wuchs, umso mehr ich mich in diesem Tiefkühlfach umschaute. Technisch müsste es doch möglich sein, auch für OP-Räume, Geräte und Mobiliar in freundlichen Farben zu gestalten, da würden sich nicht nur Kinder freuen. Dieses silbergraue, in Weiß abgesetzte Inventar, ließ nun wirklich keine entspannte Atmosphäre, geschweige denn gute Laune zu, verunsicherte und flößte Angst ein. Mir reichte es irgendwann, ich zog mich wieder an und setzte mich in Hose und Pulli auf einen der beiden, links und rechts vor der Tür des OP-Raumes platzierten Stühle. Die hatte ich bereits beim Hineingehen registriert und deren Sinn wurde mir jetzt klar: Fluchtstühle. Von dem Einen oder der Anderen bestimmt schon zur Flucht genutzt.

Kaum saß ich, da näherte sich, gefolgt von der windschnellen Arzthelferin, der Chef des Hauses aus der Tiefe dieser Riesenpraxis und rief: "Rein mit Dir, wir fangen jetzt an."

Ich nutze noch hastig die Zeit, während ich mich schnell wieder auszog und hinlegte, um meinen Unmut über seinen ungemütlichen Einrichtungsstil kundzutun, dann merkte ich einen Einstich und dann gar nichts mehr.

Helmut hatte nicht übertrieben, denn richtig wach und klar wurde ich erst wieder zu Hause auf der Couch in meinem Wohnzimmer, was wohl erkennen ließ, dass der Herr Urologe mit der Narkose gerne mal etwas über das Ziel hinausschoss. Eigentlich wusste ich nicht mehr, wie ich auf meine Couch gelangte. Vage erinnerte ich mich noch an einen Schatten im Türrahmen des Praxiseinganges und dass jemand "Taxi" sagte. Doch die komplette Fahrt, ob ich überhaupt bezahlte und wenn wie viel, wie ich die Treppen bewältigte, alles das lag völlig im Dunkeln. "Donnerstag" hatte jemand aus der Ferne gesagt, ich glaubte es war Helmut, Donnerstag sollte ich wiederkommen. Dann stünde es endgültig fest, dämmerte es mir verschwommen, und ich habe gefragt, ob es Krebs ist und eine Person in weißer Hose und weißem Hemd, die ich in meiner Vision nicht identifizieren konnte und die weit vor mir in einem funkelndem Praxisgang stand, antwortete lächelt: Ja, aber komm am Donnerstag.

Mir brach der Schweiß aus. Immer wieder sah ich dieses nebulöse Bild und ich konnte es wegen dieser Scheiß- Dröhnung nicht scharf stellen, obwohl ich mir den Kopf zermarterte. Donnerstag und es ist Krebs, mehr gab mein Gehirn nicht preis. So lange konnte ich unmöglich mit dieser Ungewissheit warten, denn es bestand durchaus noch die Möglichkeit, dass ich mir den ganzen Mist, vielleicht aus Angst, nur einbildete. Ich beschloss, direkt früh am anderen Morgen, in der Praxis anzurufen.

Bis zum Morgengrauen wälzte ich mich in dieser Nacht, von wilden Gedanken und Unsicherheit getrieben im Bett herum bis mich vor Erschöpfung für kurze Zeit ein tiefer Schlaf übermannte. Merklich ruhiger wachte ich auf, doch ärgerlicherweise erst weit nach 10.00 Uhr. Ein Anruf in der Praxis würde nicht viel bringen, denn in der Hauptverkehrszeit stellten die Damen nur in absoluten Notfällen zum Arzt durch. Noch unsicherer verschob ich den Anruf auf die frühen Abendstunden. Hoffentlich habe ich mich in der Praxis einigermaßen benommen, grübelte ich, denn auch am anderen Morgen war zwischen Spritze und meinem Sofa fast alles im Dunkeln gehüllt.

Am Abend tönte mir ein Anrufbeantworter entgegen und ich fiel aus allen Wolken. Noch nie lief dort um 17.30 Uhr ein Band mit Ansagetext. Alle hatte ich sie schon selbst nach 18.00 Uhr telefonieren sehen. Aber die Kiste sprang auch nach dem dritten Versuch immer wieder unbeirrt an. Selbst ein kräftiger Schluck Weizenbier half nicht, und ich verschob erneut das hoffentlich Aufschluss bringende Telefonat, stellte mir aber sofort einen Wecker für den nächsten Morgen.

Ein Freizeichen, das nicht nach zweimaligen Klingeln von einem Tonband unterbrochen wird, kann manchmal schon eine beruhigende Wirkung haben, stellte ich bei Tagesanbruch fest. Als ich dann auch noch äußerst freundlich von der urologischen Sekretärin, die einwandfreie Atteste schreibt, begrüßt wurde, schwand meine Unsicherheit.

"Na, geht es Ihnen heute wieder besser?", wollte sie wissen und konnte kaum das Lachen unterdrücken, "ein Moment, ich verbinde."

Oh, stutze ich, zur allgemeinen Heiterkeit scheine ich beigetragen zu haben, hoffentlich habe ich die Grenze zur Peinlichkeit nicht überschritten. Als Helmut den Hörer abnahm fiel mir siedend heiß ein, dass ich zum Beispiel auch nicht mehr wusste, wie ich in meine Hose gekommen bin. Verflixtes Drogenzeugs.

"Hast Du wieder alles unter Kontrolle?", flachste Helmut sofort herum.

"Du, ich habe so komische Erinnerungen", versuchte ich ernst zu werden.

"Ich wundere mich, dass Du Dich überhaupt an etwas erinnerst", lachte mein Arzt. Spätestens da wurde mir klar, dass es so schlimm nicht sein konnte, erzählte ihm aber dennoch von meinen Visionen.

"Quatsch, ich habe nichts Bösartiges gesehen, komm am Donnerstag, dann kenne ich die genauen Ergebnisse und dann erzähle ich Dir alles."

Ich atmete erst mal tief durch und auf dem Weg zur Toilette kam es mir vor, als würden die Herren in der Wohnung unter mir auch erheblich freundlicher hämmern als tags zuvor. Für einen Augenblick zog ich tatsächlich in Erwägung eine Thermosflasche Kaffee herunterzubringen, verwarf aber wieder den Gedanken, da ich nicht aufdringlich erscheinen oder falsch verstanden werden wollte.

Sicherlich war die Zeit für Luftsprünge noch nicht reif, doch meine Aufregung legte sich merklich, sodass ich am Donnerstag mit einem Hauch von Optimismus wieder einmal die vertrauten Räume meines, gewissermaßen viel zu selten, Anekdoten erzählenden Hausurologen aufsuchte.

"Was habe ich denn bloß hier angestellt?", wollte ich wissen, aber Helmut währte ab:

"Ach gar nichts, wir kennen ja solche Auswirkungen."

"Nun sag schon", bohrte ich, "ich möchte es wissen."

"Nichts Besonderes, Du wolltest rauchen, alle sollten rauchen, Du wolltest Musik und ein Jägerschnitzel mit Kroketten und Zaziki und Du wolltest anschreiben lassen. Du warst gut drauf, hatte ich Dir ja gesagt. Mehr ist nicht passiert."

"Und warum habe ich dann das Gefühl, dass Du mir nicht alles erzählst?", hakte ich noch mal nach.

"Viel mehr war nicht, und jetzt gib Ruhe, ich habe Schweigepflicht", schmunzelte er und ich merkte, dass er das Thema wechseln wollte.

"Jetzt mal zu Deiner Diagnose. In Deiner Blase hat sich ein Divertikel gebildet, das ist so was wie eine Ausbuchtung. Darin können sich Bakterien bilden und sammeln, deshalb haben die Tabletten auch nicht angeschlagen, das müssen sich mal Experten anschauen, die haben auch bessere Geräte."

"Wer hat bessere Geräte?"

"Ja die im Krankenhaus."

"Also doch", knurrte ich leise.

"Nun reg Dich mal nicht auf, das wird nur ein paar Tage dauern, das ist für die Routine, da kommst Du nicht drum herum. Das geht nicht von alleine weg und dass das Antibiotikum nichts bringt, haben wir doch schon gemerkt. Mist, ich hätte die Spiegelung viel früher machen sollen."

Sein letzter Satz passte mir gar nicht und ließ nichts Gutes vermuten. Unterdessen malte Helmut auf der Einweisung, die schon taktisch klug durch einen Kalender verdeckt, auf seinem Schreibtisch lag, so was Ähnliches wie ein rundes Aquarium.

"Das ist Deine Blase … und hier an dieser Stelle…", begann er, aber ich hörte nicht mehr zu. Vielleicht ist er ein guter Urologe, sinnierte ich, aber als Zeichner wohl doch eher unteres Mittelmaß, aber intuitiv merkte ich, dass er mich beruhigen wollte und das fand ich liebenswert. Nicht mehr und nicht weniger.

"Komm, ist gut, Helmut, ich werde die Operation eh nicht live miterleben, die haben doch sicherlich auch so Spritzen mit Überdröhung. Also, wann soll ich da sein?"

"Meine Damen vorne versuchen bereits kurzfristig einen Termin zu bekommen. Dieses Haus in unserer Stadt ist fast immer ausgebucht, da arbeiten Spezialisten, Patienten aus ganz Deutschland werden hier eingeliefert."

In diesem Moment piepste es und Helmut drückte einen Knopf an seiner Telefonanlage, sodass ich die Stimme über Lautsprecher mithören konnte:

"Herr Doktor, wir haben noch einen Termin für nächste Woche bekommen, Donnerstag, 8.00 Uhr, aber nüchtern bleiben."

Donnerstag - war mir irgendwie klar, ich würde pünktlich sein.

2. Der Kontakt

Womit fange ich jetzt an, fragte ich mich, denn schon nach wenigen Überlegungen stellte sich heraus, dass das Packen einer Tasche für das Krankenhaus durchaus kompliziertere Gedankengänge erforderte, als das Packen für den Urlaub. Obwohl man wohl in beiden Fällen gerne auf eine Reisetasche zurückgreift. Beides wird von den meisten Menschen nicht als angenehme Tätigkeit eingestuft und ich bildete da keine Ausnahme. Zumal das Krankenhaus-Taschenpacken noch mit einem bitteren Beigeschmack belegt ist und nicht nur eine gehörige Portion Weit- und Übersicht abverlangt, sondern auch noch das Fingerspitzengefühl eines Zauberers nötig macht.

Dinge, die im Urlaub schnell als piep egal erkannt oder locker durch einen Einkauf ersetzt werden können, schwingen sich in diesem Fall, wenn man nicht aufpasst, geschwind zu Kardinalproblemen empor, wenngleich ich relativ spontan entschied, dass ich keine Badehose einpacken werde. Es kommt ja bei vielen Sachen weniger darauf an, ob man sie während des Aufenthalts wirklich benötigt, sondern in erster Linie, welcher Eindruck mit ihnen entstehen kann, oder welchen Eindruck man mit ihnen machen möchte.

Zum Beispiel verschwendete ich zu Hause nie Gedanken darüber welchen Schlafanzug ich anziehe, da ich bei Bedarf immer den nehme, der oben auf dem Stapel liegt. Das war jetzt anders. Jetzt musste ich geschickt abwägen, welches Nachtgewand den Umständen entsprechend angemessen erschien und welcher Eindruck entstehen könnte. Das stellte sich mit den Unterhosen genauso da. Plötzlich spielte Farbe, Größe, Schnitt und Ausstattung eine wichtige Rolle und die Faustregel 10 Tage – 10 Unterhosen, wie bei allen meinen Reisen bisher angewandt, verlor unerbittlich ihre Gültigkeit. Dagegen entwickelte sich die Sockenwahl einfacher als von mir erwartet, da ich schlicht und ergreifend die aussortierte, die ein Löchlein hatten.

Leicht zu unterschätzen ist auch die sorgfältige Wahl der Tagesbekleidung, wenn man nicht gerade bettlägerig ist, denn da wären die Zeiten Schlafanzug plus Bademantel längst überholt, wurde mir zugetragen, denn in wäre jetzt ein schicker Haus- oder Trainingsanzug. Aber da ich weder trainiert war, noch trainieren wollte, spielte ich dieses Spiel nicht mit, obwohl ich selbstverständlich zur Vorsicht mal einen einpackte.

Nicht zuletzt ist auf das Schuhwerk, bzw., da man sich ja in geschlossenen Räumen aufhält, auf die Hausschuhe zu achten. Pantoffeln oder Badelatschen? Oder Beides? Wobei mir bei letzteren wieder die Badehose in den Sinn kam und die Handtücher, die ich beinah vergessen hätte. Wiewohl bei den Handtüchern nicht nur auf Farbe und Frische und Qualität Augenmerk zu legen ist, sondern auch darauf, dass sie mit einem Aufhänger ausgerüstet sind, was sich dann im Krankenhaus von selbst erklärt.

Ganz entscheidend, um für die paar Tage einen guten Eindruck zu machen, ist auch die Auswahl der mitzunehmenden Bettlektüre. Allerdings darf dabei das Gewicht von Büchern nicht unterschätzt werden. Ich dachte zwar nicht im Geringsten daran unbedingt ein anspruchsvolles Buch zu lesen, doch wurde mir versichert, dass sich ein Heinrich Heine auf dem Nachtschränkchen einfach besser macht, als ein Boulevardblatt.

Freundlicherweise erklärte sich mein Onkel bereit mich zu dem Krankenhaus zu chauffieren und zu begleiten, denn zum einem ist es bestimmt angenehm die ersten Stunden etwas Verwandtschaft in der Nähe zu haben, und zum anderem hätte ich die Tasche wegen der dicken Schmöker auch gar nicht alleine tragen können. Nicht nur, weil ich nicht mit Kraft strotzen konnte, sondern in erster Linie wegen einer verschlissenen Hüfte, die mal irgendwann operiert werden müsste. Meine angereisten Eltern waren bereits für den Einlass und die aufmerksame Beobachtung der Handwerker eingeteilt, welche diesem Termin sicherlich mit anderen Gefühlen entgegensahen als ich. Denn nun könnten sie endlich den Krümmer meines Flachspül-WCs abziehen. Vielleicht bedeutete das auch nicht immer nur etwas Beschauliches und so schätze ich mich glücklich, dass wir am Morgen des Einweisungstages nicht vor meiner Haustür zusammentrafen.

Das Krankenhaus lag etwas außerhalb und wurde von Ortskundigen Haus 2 genannt, da in dieser Stadt zwei Universitätskliniken eine Niederlassung fanden. Es hatte sich auf die Urologie spezialisiert, womit Helmut zweifelsohne bewies, dass er zielsicher richtige Einweisung vornehmen konnte.

Als wir die Auffahrt hochfuhren erstrahlte die Klinik, an diesem verschneiten Morgen in der letzten Novemberwoche, übereifrig weihnachtlich geschmückt. Nur die kleine, frierende Gruppe Nikotinanhänger in dampfenden Bademänteln, die sich unmittelbar vor der Eingangspforte um einen riesigen runden Standaschenbecher versammelt hatte, passte nicht richtig in die vermeintliche Idylle. Hier schienen strenge Sitten zu herrschen.

Mein Verdacht bestätigte sich direkt nachdem die große Glastür mit einem puffenden Schnappgeräusch hinter meinem Onkel und mir automatisch die kalte Morgenluft aussperrte. Auf dem kurzen Weg zum Pförtnerfenster hingen unübersehbare Hinweisschilder, die symbolisch, aber unmissverständlich deutlich machten, dass brennende Zigaretten und Handys nicht gern gesehen, wenn nicht gar verboten wären und die ganzen Klinik videotechnisch überwacht würde.

Nachdem ich mich vergewisserte, dass meine Rauchwaren nicht sichtbar verstaut waren, fuhr ich sicherheitshalber mit einem Kamm durch meine Haare, denn man wusste ja nie wer diese Kamera bediente, bzw. wo diese Bilder landeten. Offen blieb noch die Frage, ob man auch tatsächlich vor dem Beobachten der stillsten Örtchen nicht zurückschreckte.

"Die nächste links, dann sehen Sie schon", hustete der Pförtner auf meine Frage nach der Anmeldung, während ich interessiert die drei Monitore neben seinem Schreibtisch betrachtete, von denen die zwei eingeschalteten, eigentlich nur den Eingangsbereich mit den rauchenden Bademänteln in flimmernden schwarz/weiß zeigten. Das beruhigte mich irgendwie, denn dieser Technikstand nahm die unbarmherzige Schärfe aus den Hinweisschildern.

Beide verglasten Aufnahmeräume sahen erwartungsgemäß nicht gerade einladend aus, aber ich wollte ja auch keine Kreuzfahrt buchen, sondern die Dienste der urologischen Spezialisten bei hoffentlich ruhiger See in Anspruch nehmen. "Nehmen Sie Platz", lächelte die Dame im ersten Raum, "dann nehmen wir mal kurz die Personalien auf, damit Sie schnell auf Ihr Zimmer und in Ihr Bett kommen." Ich wollte noch auf hohem Niveau mit scherzend erklären, dass ich für heute jeden Termin abgesagt hätte, aber da musste ich mich schon ihren routinemäßig abgefeuerten Fragesalven ergeben. Erstaunt hörte ich für welche Einzelheiten sich diese Universitätsklinik interessierte:

➢ Ja, ich bin ledig und alt bin ich auch. Autor, nicht Auto, Autor bin ich von Beruf.

➢ Nein, ich habe keinen Umgang mit Schadstoffen.

➢ Nein, meine Zähne sind nicht alle echt.

➢ Ja, ich lebe alleine, überwiegend,

➢ Nein, keine dauerhafte Beziehung und,

➢ ja, ich trinke, mal mehr, mal weniger. Im Moment mehr. Es gehört zu meinen Spülungen,

➢ nein, das können Sie auch nicht verstehen. Ja gut, gelegentlich trinke ich, so könnte man sagen, wenn Sie es so formulieren wollen.

➢ Nein, als starken Raucher würde ich mich nicht bezeichnen.

➢ Ja, mehr als zehn und weniger als zwanzig.