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Ein ermordeter Optiker. Ein Kommissar, der nach einem Jahr Krankheit mit seinen Depressionen zurückkehrt. Jens Reuther hadert mit sich selbst, mit seiner jungen Kollegin Lisa Korth – und bald auch mit den Abgründen der Stadt. Hinter dem Mord tun sich Verstrickungen aus Sekten, Täuschung und Wahnsinn auf. Während Freundschaft, Hoffnung und nüchterne Ermittlungsarbeit ihn antreiben, droht Reuther immer wieder an seiner eigenen Verzweiflung zu scheitern. Doch in der Jagd nach dem Täter findet er nicht nur die Wahrheit – sondern auch die Chance auf einen Neuanfang.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Blinde Augen – Mord in Bielefeld
Krimi
Stephan Lasser
Jede Ähnlichkeit mit Personen, die gelebt haben, jede Übereinstimmung der Namen, Orte kann bloß auf zufälligem Zusammentreffen beruhen, und der Verfasser lehnt dafür im Namen unveräußerlicher Rechte der Einbildungskraft die Verantwortung ab. Die Namen wurden ausschließlich KI-generiert.
DANKSAGUNG
Danke an Prof. Dr. Dr. Thomas Witulski, Fachbereich Theologie und an Prof. Dr. Andreas Zick, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung / Leitung und Vorstand.
Danke an die alten Derrick-Folgen und ihre wunderbar einfache Krimi-Logik. Dank auch an Torsten Sträter für sein Gedicht, das hier Erwähnung findet.
Copyright © 2024 Stephan Lasser
Alle Rechte vorbehalten.
WIDMUNG
Für Marc Bloch.
Vorwort
Depression und Sektenwahn sind die zentralen Themen dieses Krimis – und natürlich Bielefeld. Drei Dinge, die dem Autor nicht unbekannt sind.
Jeder Mensch kennt Phasen im Leben, in denen die Stimmung sinkt, der Antrieb fehlt und Gedanken schwerer wiegen als sonst. Doch ab wann ist es mehr als ein Tief?Die Depression ist eine psychische Störung. Als Erkrankung wird sie den affektiven Störungen zugeordnet. Typische Symptome einer Depression sind gedrückte Stimmung, häufiges Grübeln, das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und ein verminderter Antrieb. Bei Fragen bitte die Deutsche Depressionshilfe kontaktieren – diesen Weg muss man nicht alleine gehen.
Ebenso verhält es sich bei Sektenopfern. Hier bieten die Kirche, z.B., in Bezug auf Sekten- und Weltanschauungsfragen Beratung und Informationen an.Der Austritt aus einer Sekte ist eine mutige Entscheidung, die tiefgreifende persönliche und soziale Veränderungen mit sich bringt. Beratungsstellen, psychologische Hilfe und Selbsthilfegruppen bieten dringend benötigte Unterstützung.
Und Bielefeld? Da kann ich nicht helfen. Ich liebe einfach diese Stadt…
Viel Vergnügen.
Inhalt
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
Es war am 3. Oktober, sechs Uhr abends.
Die Bielefelder Altstadt lag im goldenen Licht der späten Nachmittagssonne. In den Einkaufsstraßen drängten sich noch geschäftige Menschen, Tüten an den Händen, manche hastig, andere schlendernd, als wollten sie den Tag hinauszögern. Vor Bäckereien standen kleine Schlangen, während in den Cafés die letzten Espressomaschinen zischten. Hinter den alten Sandsteinfassaden, mit ihren verzierten Giebeln, wurden die Rollläden schon halb heruntergelassen, doch in manchen Büros brannte noch Licht. Dort liefen die eigentlichen Geschäfte, unterschwelliger, stiller – ein Vertrag, eine schnelle Unterschrift, ein gehetzter Handschlag. Der Klang von Straßenbahnen mischte sich mit den Schritten der Passanten, irgendwo spielte ein Straßenmusiker auf der Gitarre, die Melodie fast verloren in dem Stimmengewirr. Über allem lag diese typische Stimmung vor Feierabend: rastlos, ungeduldig, und doch voller kleiner Übergänge – vom Alltag hinein in den Abend.
Alexander Thal schloss als Letzter die Glastür des Ladens ab. Die schweren Schlüssel klirrten, ein Geräusch, das ihn fast erfreute – ein kleines Ritual, das den Raum von den Augen anderer abschottete. Er atmete tief durch, fühlte den stressigen Tag von seinen Schultern rutschen und spürte zugleich diese flammende Erwartung in sich: einmal alles gut sein lassen und sich frei geben.
Er ging in den Ruheraum im ersten Stock, wo ein Cello auf einem Ständer stand, die Saiten glänzten im Licht. Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht – ein Moment des Alleinseins, den er genoss. Keine Kollegen, keine störenden Kunden, nur er und die Musik.
Mit geübten Bewegungen stellte er den Notenständer auf, legte die Partitur zurecht und zog den Bogen über die Saiten. Die ersten Töne hallten durch den leeren Laden, warm, fast melancholisch. Doch mit jedem Ton spürte Thal, wie seine Gedanken drifteten: die Auferstehung, das göttliche Gericht, die Macht, die er über seine kleine Welt ausübte.
Das Cello lag schwer in seinen Händen, und doch genoss er den Klang, der alles um ihn herum zu verschieben schien – eine kleine Flucht, ein Moment von Kontrolle, den niemand ihm nehmen konnte.
Es wird kommen. Das Große Gericht. Und ihr werdet sehen…
Er spielte die ersten Reihen der Partitur, jede Note sorgfältig, doch sein Geist driftete weiter. Fanatische Bilder von Auferstehung und Gericht mischten sich mit der Musik, als würden Töne und Visionen ineinanderfließen. Für einen Augenblick war er vollkommen allein – und doch getrieben von der obsessiven Präsenz, die ihn unablässig verfolgte: das Ende, das Urteil, die Macht.
Die Rolle hier auf Erden war nur ein Gewand, das er seit über fünfzig Jahren tragen musste und das ihn seitdem mit Prüfungen überhäufte – aber er hatte sein Bestes gegeben, so sagte er es sich jeden Tag aufs Neue und das wohlige Gefühle konnte ihm niemand nehmen.
Mochte Gott seine Pläne geheim halten, so war sich Thal sicher, dass er eine ganz besondere Position einnahm. Ob morgen oder erst in zehn Jahren (von ihm aus gleich hier und jetzt!) würde es passieren: die Träumenden würden erwachen und sich daran erinnern, dass er es wie seine Brüder und Schwestern schon immer gewusst hatte… aber dann würde es zu spät sein. Der Lohn für eine lebenslange Treue war ein Platz im Himmel, Backstage quasi und mit einer besseren Rolle als jetzt versehen. Und diese Hoffnung gab ihm Kraft. Herr, ich erbitte deine Gnade, erfülle mich mit Zuversicht und lass es geschehen.
An diesem Tag wurden seine Gebete erhört – nur anders als er dachte.
Er spielte die letzten Töne der ersten Reihe, die Saiten vibrierten unter dem Bogen, als plötzlich eine kalte Präsenz hinter ihm auftauchte. Ein Druck, so unerwartet und stark, dass er kaum Luft holen konnte. Ein Draht – dünn, aber unnachgiebig – legte sich wie ein kaltes Band um seinen Hals.
Alexander Thal rang nach Atem, seine Finger griffen ins Leere, suchten Halt an der Rückenlehne des Stuhls, doch der Druck ließ nicht nach. Panik stieg in ihm auf, wild, unkontrollierbar. Etwas Scharfes schnitt sich ins Fleisch, tief und messerscharf, während er spürte, wie es sich noch fester grub. Jeder Atemzug wurde zu einem Kampf, jeder Herzschlag schien die Schmerzen noch zu verstärken. Mit dem Bogen in der Hand schlug er nach dem Feind, aber so ein Bogen wiegt nicht viel und war selbst im Totentanz keine ernstzunehmende Gefahr für den Mörder. Die Gestalt drückte und zog unbarmherzig zu.
Er versuchte zu schreien, doch das Geräusch blieb in seiner Kehle stecken. Die Welt vor seinen Augen verschwamm, der Raum drehte sich, und doch blieb das Bewusstsein klar genug, um die Grausamkeit zu registrieren.
Die Musik, die gerade noch sein kleiner Rückzugsort gewesen war, verklang in seinen Ohren, ersetzt durch das dumpfe Pochen seines eigenen Blutes, das sich in Panik und Schmerz sammelte. Der Draht grub sich tiefer, unaufhaltsam, eine tödliche Umarmung, die alles Leben aus ihm zu ziehen schien. Ein letztes, verzweifeltes Zucken, ein Blick auf die Notenblätter – das Licht fiel schräg auf die Partitur, und dann wurde alles still.
Und dunkel.
Über ein Jahr lang war Jens Reuther, Kommissar bei der Polizei von Bielefeld, krankgeschrieben und unfähig, seinen Dienst zu versehen. Während dieser Zeit hatte eine zunehmende Ohnmacht sein Leben erfüllt und seine Handlungen bestimmt.
Die Tage verschwammen ineinander, jeder Morgen schien schwerer als der vorige. Schlaflose Nächte, in denen er an die Decke starrte, wechselten sich ab mit träge verstrichenen Nachmittagen, an denen er die Stille kaum ertragen konnte. Er war ein Mann, der gewohnt war, Antworten zu suchen – in Spuren, in Blicken, in Schweigen. Doch in dieser langen Auszeit fand er nichts außer Leere. Die Diagnose lautete Depressionen und so verbrachte der Fünfzigjährige Tage und Wochen mit Brüten, Sinnieren und dem verzweifelten Kampf nicht ganz zu versinken. In dieser Zeit las er das Gedicht des bekannten Comedians Torsten Sträter, das ihn tief berührte: Weil du mir viel bedeutest, sag ich dir, wie es mir geht: ich habe Depressionen; das fühlt sich an, als ginge ich durch nassen Sand, hüfthoch, jeder Tag ist sowohl Berg als auch Tal, ein unüberwindlicher Abstieg, ich weiß noch was Freude ist, nur fühlen kann ich sie momentan nicht, ich bin wie ein leeres Zimmer, durch das ein Wind geht, der alles betäubt und ich habe Gedanken, die so schwer sind, als würde ich bergauf rudern, und alles in meinem Kopf ist zugestellt mit WOZU´S? Ich muss meinen Wert jeden Tag neu schätzen. Was du Alltag nennst, sieht für mich wie eine Mauer aus, und ich schäme mich - ohne Grund, das weiß ich … aber auch dafür schäme ich mich, ohne Grund. Vermutlich ist das alles für dich schwer nachzuvollziehen, und darüber bin ich froh. Das bedeutet, dass es dir gut geht. Und sicher: Es gibt immer Hoffnung. Aber ich könnte Hilfe gebrauchen. Denn da muss ich jetzt durch. Kommst du mit?
Das Gedicht hatte er sich sogar ausgedruckt und in seinem Badezimmer aufgehangen. Es half …etwas.
In dieser Zeit hatte er sogar eine Charterreise auf die Bahamas gebucht, in der trügerischen Hoffnung seinen Lebensmut wiederzugewinnen. Doch die meiste Zeit hatte er das Hotel nie verlassen und war nur kurz im Meer schwimmen gewesen. Im Schatten der Palmen hatte er sich abends eingefunden um sich zu betrinken; unfähig, seine primitive Scheu vor der Anwesenheit anderer Menschen zu überwinden. Zweimal war er im Hotel aufgefordert worden, sich nicht in den Fluren zu betrinken, aber es war ihm egal geworden. Sein Arzt hatte ihm nach dem Ausflug dringend davor gewarnt wieder einen solchen Ausflug zu machen – wenn, dann doch bitte mit einer Gruppe, mit einem Partner oder besser: der lieben Familie. Aber die war ja schließlich das Problem, argumentierte er in Gedanken und nickte gelegentlich, während der Arzt ihm weiter Ratschläge erteilte, die er eh nie umsetzte. Er war allein. Ein introvertierter Mann, der lieber für sich blieb. Das Rezept für seine Antidepressiva nahm er hingegen gern und löste es am selben Tag ein.
Reuther hatte immer geglaubt, dass seine Arbeit ihn definierte. Ohne die Ermittlungen, ohne das Ringen mit Tätern und Opfern, fühlte er sich wie ein Schatten seiner selbst. Sein Körper wirkte gesund, aber innerlich nagten Zweifel: Hatte er die Kontrolle über sein Leben endgültig verloren? Würde er je wieder die Kraft finden, das Dunkel anderer Menschen zu ertragen, wenn er nicht einmal das eigene bezwingen konnte?
Nach der katastrophalen Reise hatte er sich eine Playstation gekauft und sich zwei Monate ganz in Online-Games und anderen Spielen mit ausufernden Welten gewagt, weil er glaubte dort so etwas wie einen Rückzugsort zu finden – doch die Probleme blieben die gleichen und schienen auf ihn zu warten, wenn er mit schmerzenden Augen und fast tauben Händen sich herauswagte. Oft saß er stundenlang vor der Playstation, den Controller fest in den Händen, den Blick auf den Bildschirm geheftet. Die flackernden Bilder zogen ihn in eine Welt, in der er sich nicht erklären, nicht fühlen musste. Kämpfe, Missionen, Siege – alles berechenbar, alles ohne Konsequenzen. Er konnte sich verlieren, bis die Stunden verstrichen waren wie Sand, der durch die Finger rinnt. Das Summen der Konsole wurde zum Soundtrack seiner Einsamkeit. Draußen wurde es hell, dann wieder dunkel, doch für Jens Reuther existierte nur das künstliche Licht des Bildschirms. Pizza-Kartons stapelten sich in der Küche, kalter Kaffee blieb unangerührt. Sein Telefon klingelte manchmal, Kollegen fragten nach, Freunde versuchten es ein oder zwei Mal – doch er hörte es kaum, und wenn, dann ließ er es klingeln. Dann bekam er Post mit Bitte um ein Treffen.
Betriebsarzt.
Der Geruch nach Desinfektionsmittel hing schwer im Raum, als Jens Reuther auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch des Polizeiarztes saß. Die Jalousien waren halb geschlossen, das Tageslicht fiel in schmalen Streifen über die Aktenstapel. „Herr Reuther“, begann der Arzt und setzte seine Brille zurecht, „wir müssen klären, ob Sie überhaupt noch arbeitsfähig sind.“
Reuther starrte auf seine Hände, die ineinander verschränkt ruhten. Die Haut wirkte trocken, die Knöchel weiß von der Anspannung. „Ich weiß es nicht“, antwortete er nach einer langen Pause, die schwer im Raum hing. „Manchmal… manchmal glaube ich, ja. Und dann sitze ich wieder stundenlang vor dieser Konsole und verliere jedes Gefühl für Zeit. Wenn ich ehrlich bin – ich weiß nicht, ob ich es noch kann.“
Der Arzt nickte langsam, ohne Miene zu verziehen. „Sie verstehen, dass Ihre Arbeit kein Spiel ist. Sie stehen unter Druck, Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. Haben Sie das Vertrauen in sich selbst zurück? Sie sind keine Dreißig mehr, die Zeit wartet auf niemanden.“
Reuther hob den Kopf, sein Blick war müde, doch in den Augen lag ein Rest von Härte, so als wolle er sich selbst herausfordern. „Vielleicht. Aber sicher bin ich nicht.“
Der Arzt machte sich Notizen, seufzte leise und schloss die Mappe. „Dann bleibt nur eins: Die Realität wird es zeigen. Entweder Sie finden zurück – oder nicht.“
Reuther spürte, wie sich in seiner Brust die alte Leere regte. Doch gleichzeitig auch ein Funken, so klein wie eine Kerze im Wind: ein Antrieb, es wenigstens zu versuchen. Etwas in mir ist bis zum Rand gefüllt, bald werden die Wände nachgeben. Jens Reuther atmete tief durch, starrte auf die Knie, bis sie verschwammen. Es war, als hätte jemand einen dunklen Fleck in seinem Inneren berührt, der nie wirklich verheilt war.
„Angenommen, sie hätten keine Depression“, begann der Arzt leise. „Stellen Sie sich einen schönen Tag vor. Beschreiben Sie mir bitte einen hervorragenden Tag im Präsidium mit ihren Kollegen.“
„Das ist leicht. Es ist Freitag, das Wochenende habe ich frei und mein Chef ist krank.“ Er lachte verhalten. „Ein komplizierter Fall wäre schön… vielleicht ein Diebstahl oder Mord und mit mir ist mein Kollege und Freund Sven Bocktest mit an Bord. Zusammen befragen wir die Zeugen, und so. Wir haben mehr und immer mehr Tätigkeiten in zeitverdichteter Form, in immer kleineren Zeiteinheiten. Aber das wäre… nicht schlimm… “
„Die Arbeit an sich ist es nicht, meinen Sie? Beschreiben Sie ihren Kollegen.“
„Sven kenne ich seit Jahren, er ist lustig und immer pünktlich. Selbst wenn es uns dreckig geht, kennt er einen blöden Witz – ich meine, einen richtig blöden Witz, bei dem man schmunzeln muss.“ Und plötzlich wusste er: Er wollte wieder mit dabei sein. Nicht nur, weil es sein Beruf war. Nicht nur, weil er Polizist war. „Sie haben recht.“
„Ich habe recht“, wiederholte der Arzt mit einer leichten Spur von Skepsis, „womit genau?“
„Ich rufe an.“
„Seien Sie ehrlich zu sich selbst. Beobachten Sie sich die nächste Zeit ganz genau, Herr Kommissar, denn wie es in Ihnen aussieht, wissen nur Sie. Das nimmt Ihnen niemand ab. Sie wollen wieder mit dabei sein – schön, aber Depression ist kein verstauchter Finger oder ein Husten. Es ist wie eine nasse Decke, die sich um ihre Schultern legt und Sie runterdrückt. Man selbst kriegt es meist als Letzter mit, aber das Gewicht zwingt jeden in die Knie. errare humanum est – wie der Lateiner sagt…“
„Irren ist menschlich…“
„Ja, aber auf seine Irrtümer zu bestehen ist teuflisch.“ Bedeutungsschwer sah er Reuther an. „Führen Sie Tagebuch, gehen Sie aus, machen Sie jeden Tag mindestens drei Dinge, die sie mit Freude erfüllt. Können Sie das schaffen?“
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Er griff zum Handy und wählte die Nummer des Präsidiums. Seine Stimme zögerte, bevor sie fester wurde: „Hier Reuther. Kann ich dich sprechen?“
Es dauerte eine Weile, bis Sven Bocktet antwortete. „Du bist es? Das ist mal eine Überraschung.“
„Ich weiß. Aber ich muss dich etwas fragen.“
„Das kann nicht wahr sein, dass du den Dienst quittieren willst.“
„Ich…weiß es selbst nicht, aber darum geht es nicht. Pause. „Ich würde gerne wieder mitmachen.“
„Wir freuen uns natürlich, dass es dir bessergeht“, begann der Kommissar vorsichtig. „Selbstverständlich wäre es uns lieber, wenn du wieder in den Dienst zurückkommst. Wir brauchen dich. Geht es dir schon wieder besser?“
„Ja.“
„Hast du die Sache gemacht, die ich dir vorgeschlagen habe?“
„Die mit der Thailänderin und der Massage.“ Reuther verdrehte genervt die Augen, denn einer Fremden sich so persönlich hinzugeben, eine Stunde vorgespielter Erektion ihrerseits und den schmutzigen Sex zusammen war einfach nicht seine Art um bedeutungslose Zweisamkeit zu erfahren. „Ja“, log Reuther und war gleichzeitig überrascht wie leicht ihm das fiel. „Ich… war vor zwei Wochen da. Vielleicht ist das ein Wink.“
„Wink des Schicksals, was?“
„So könnte man es sehen. Ich will es versuchen. Kannst du mich ankündigen? Mir ist klar, dass du viel zu tun hast“, fügte er rasch hinzu und spürte, wie seine Hand den Hörer fester umpackte. Er sah sich im Spiegel an, zwang sich regelrecht dazu, obwohl ihn alles an ihm anödete: ein fünfzigjähriger Beamte mit Depressionen, Halbglatze und Dreitagebart. Ein kurzer Blick in di Augen und er sah sich ruhig und kühl reden: „Es würde mir gut tun. Möglicherweise kann ich euch unterstützen.“
„Gut. Komm vorbei. Ich lasse die Papiere vorbereiten. Hagemann freut sich schon.“ Damit legte er auf und Reuther blickte enttäuscht auf den Hörer. Über ein Jahr hatte er sich gequält, hatte nach der Wahrheit über sich in der Zukunft gesucht und fühlte sich wie ein Bergsteiger, der einen unbekannten Gipfel erreichen wollte. Kann ich das schaffen?
Zum ersten Mal fühlte er körperliches Wohlbehagen.
Der Konferenzraum im Präsidium war voll. Kaffeebecher standen auf den Tischen, Notizblöcke lagen bereit, eine Karte von Bielefeld hing an der Wand. Als Jens Reuther den Raum betrat, wurde es für einen Moment still.
Die alten Kollegen sahen auf, einige mit einem warmen Lächeln, andere mit dieser Mischung aus Skepsis und Respekt. Sven Bocktet, blass aber wie immer gutaussehend mit seinem verschmitzten Lächeln, winkte grinsend. Die Neuen – junge Gesichter, die ihn nur aus Erzählungen kannten – musterten ihn neugierig, als wäre er ein Relikt aus einer anderen Zeit. Viele jüngere Frauen, dachte Reuther und kam sich plötzlich alt vor.
„Jens!“, rief Kriminaloberkommissar Hagemann, ein stämmiger Mann mit grauen Schläfen. Er erhob sich und klopfte Reuther kräftig auf die Schulter. „Gut, dich wieder hier zu haben. Ist eine Weile her.“
Reuther nickte, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. „Ja. Zu lange. Es stimmt“, sagte er. „Ich nehme meine Arbeit wieder auf.“
„Sehr schön. Setz dich.“
Alles wie immer. Es war ein Erwachen nach einem langen Schlaf, als wäre nicht ein Tag vergangen: der lange ovale Tisch und wieder dieser typische Geruch von ockerfarbenen Kaffee, der hier literweise getrunken wurde. Die alte Tapete, das Holz der Stühle und dort der Drucker – nicht hatte sich verändert. Die fragen sich sicher, ob ich für den Polizeidienst noch tauglich bin.
Eine jüngere Kollegin, die er noch nicht kannte, trat an ihn heran und reichte ihm die Hand. „Lisa Korth, neu im Team. Willkommen zurück.“ Schwarze lange Haare zu einem Zopf gebunden, Lederjacke und darunter sportiv gekleidetIhre Bewegungen hatten diesen federnden, selbstverständlichen Schwung, den man hat, wenn man glaubt, die Welt liege einem zu Füßen. Stark, selbstbewusst, fast schon überheblich. Das genaue Gegenteil von ihm – verbraucht, vorsichtig, immer am Rand der Müdigkeit. „Danke“, erwiderte Reuther. Ihre Augen waren wach, aufmerksam – sie prüfte ihn, so wie er sie prüfte.
Der Chef, Kriminalrat Drösser, sah nur äußerlich wie Heinz Rühmann in seinen besten Tagen aus. Der stets humorlose Beamte klatschte in die Hände und rief: „Schön, dass wir alle beisammen sind. Bevor wir mit den Details zum Mordfall Thal beginnen, möchte ich eines klarstellen: Herr Reuther ist zurück im Dienst. Nach seiner langen Pause wird er diesen Fall mit uns bearbeiten.“
Ein leises Murmeln ging durch den Raum. Manche nickten zustimmend, andere warfen sich kurze Blicke zu – die Frage hing unausgesprochen in der Luft: War er wirklich schon wieder bereit?
Reuther spürte die Blicke auf sich, das Gewicht der Erwartungen. Er räusperte sich und sagte: „Ich weiß, dass manche Zweifel haben. Ich habe sie selbst auch. Aber glauben Sie mir – in diesem Fall will ich dabei sein.“ Seine Stimme war ruhig, aber fest.
Für einen Moment war es still, dann begannen die ersten Köpfe zu nicken.
