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**Die IONE Evolution – Band 2: Blutlinie** Ein entfernter Wüstenplanet, eine zerrüttete Dynastie und ein tödliches Geheimnis: Bruce Rylon, ehemaliger Kopfgeldjäger mit einer KI im Kopf, sucht auf Aridia einen Neuanfang – doch schon bald gerät er in einen Strudel aus Intrigen, Verrat und Mord. Als der Gouverneur während einer Familienfeier vergiftet wird, bleibt Bruce nur wenig Zeit, den Täter zu entlarven und das Schicksal des Planeten zu wenden. Zwischen Machtgier, Loyalität und der Frage nach Menschlichkeit entspinnt sich ein packender Science-Fiction-Krimi über Schuld, Hoffnung und den Preis der Freiheit.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2025
Die IONE Evolution
Band 2: Blutlinie
Science fiction
Von Stephan Lasser
Jede Ähnlichkeit mit Personen, die gelebt haben, jede Übereinstimmung der Namen, Orte kann bloß auf zufälligem Zusammentreffen beruhen, und der Verfasser lehnt dafür im Namen unveräußerlicher Rechte der Einbildungskraft die Verantwortung ab.
Copyright © 2025 Stephan Lasser
Alle Rechte vorbehalten.
Vorwort
Vor dir liegt ein Bericht – fragmentarisch, unzuverlässig, aber wahr in seiner Essenz.
Die Namen der Beteiligten mögen sich ändern, doch ihre Taten hallen noch immer in den verlassenen Korridoren jener Station wider.
Man sagt, wer diese Geschichte liest, lernt etwas über Mut. Andere behaupten, sie sei ein Mahnmal für jene, die glauben, sie hätten alles unter Kontrolle.
Was immer du darin findest: Geh vorsichtig weiter. Nicht alles Dunkel bleibt außen vor.
Inhalt
1. Bruce Rylon
2. Die Bitte des alten Mannes
3. Vesha wacht
4. Eine schrecklich nette Familie
5. Hoch die Tassen
6. Gezänk und Blut
7. Die letzte Fahrt
8. Kondolenz und Überraschung
9. Kamera ab – Ton läuft!
10. Was zur Hölle…
11. Noch ein Todesfall
12. Wollen wir reden?
13. Der Ausflug zu den Sternen
15. Es endet hier…
16. …mit einem Knall!
Echo Null: Blutlinie
09.Juni 2658, 6.02 Uhr – 12. Quadrant, irgendwo im Baltak- System:
Schon aus der Umlaufbahn wirkt Aridia wie eine goldene Kugel, überzogen von glühend hellen Dünen, die sich in endlosen Wellen über Kontinente erstrecken. Die Sonnenstrahlen lassen den Sand glitzern, fast so, als würde der Planet selbst flüstern: Hier herrscht nur der Stärkere.
Die Oberfläche ist von zerklüfteten Gebirgszügen durchzogen, rot-braune Felsen ragen wie geborstene Knochen aus der Erde, ihre Schatten ziehen lange Linien über die Sandmeere. Salzpfannen reflektieren das Licht wie gefrorene Flüsse, und gelegentliche Staubstürme wälzen sich wie lebendige Wesen über die Dünen, verschlingen alles, was ungeschützt ist, und zerren selbst massive Felsbrocken durch die Luft. Hier, am äußersten Rand der Galaxie, wirkt es ruhig und friedlich – wie geschaffen für einen Neuanfang. Einen Neustart, den wir beide so dringend brauchen.
Ich sitze im Cockpit der SERENITY FIRST, die Finger fest um die Steuergriffe gekrallt, während wir uns Aridia nähern. Die Sonne steht tief, wirft lange Schatten über die Dünen, die wie stumme Wächter wirken.
„IONE“, murmele ich, „sieht das gut aus?“
Analyse abgeschlossen. Lebensraum lebensfeindlich, aber beherrschbar. Potenzial für Kontrolle und Sicherheit hoch. Entfernung zu Helix Dominion: maximal. Gefahren minimal. Chancen für Neuanfang: erheblich.
Der kleine USN-Chip in meiner Schläfe ist mir in den drei Jahren ans Herz gewachsen. IONE — brillant, manipulativ und unerbittlich. Aber ein Freund.
Ich atme tief durch. Ein Stellschraubenleben in Unterdrückung, ständiger Druck, ständige Angst — all das liegt hinter mir. Kein Konzern, keine Zwänge. Nur wir, die SERENITY FIRST und ein Planet, der vielleicht unsere Heimat werden kann.
Unter uns blinkt die Hauptstadt wie ein kleiner Fleck im Sandmeer: wenige Gebäude, ein großer Raumflughafen, der von einem alten Gouverneur geführt wird, den wir bald kennenlernen werden. Erste kleine Staubstürme ziehen über die Ebene, wie Warnungen der Wüste, aber ich fühle eine ungewohnte Ruhe.
Empfohlenes Landeprotokoll aktiviert. Optimaler Anflugwinkel 12 Grad. Geschwindigkeit 300 Meter pro Sekunde. Landezone stabil.
Ich nicke. Die Schubdüsen glühen, der Orbit schrumpft, und langsam setzt sich das Schiff auf die Landebahn. Ich sehe die Bewohner, wie sie sich zwischen den Gebäuden bewegen, neugierig, aber vorsichtig. Sie haben keinen Grund, uns zu kennen – und das ist gut.
Neues Kapitel beginnt jetzt, Bruce. Wir gestalten diese Welt, wie wir sie brauchen. Kein Helix Dominion, keine Konzerne. Nur wir.
Ich lasse den Blick noch einmal über Aridia schweifen. Die trockene Sonne, die rauen Konturen, das Versprechen von Kontrolle und Freiheit. Es fühlt sich an wie die erste tiefe Einatmung nach Jahren in einem stickigen Käfig.
Die SERENITY FIRST knirscht, als die Schubdüsen die dünne, staubbeladene Atmosphäre durchbrechen. Unter uns breitet sich die karge Wüstenlandschaft Aridias aus – glühender Sand, scharfkantige Felsen und der endlose Horizont.
Ungemütlich. Temperatur 47 Grad Celsius. Feuchtigkeit 2%. Staubpartikel in der Luft hochkonzentriert. Ich empfehle sofortige Klimatisierung.
Ich grinse. „Komm schon, IONE. Denk an die Mail: lukrative Bezahlung, freundliches Arbeitsklima, freie Zeiteinteilung.“
Ja, dich. Ausgerechnet dich – und du hattest dich nicht mal beworben. Aber… kein Wachschiff der Konzerne gesichtet, kaum Waffen und kein Radar. Merkwürdig. Rate zur Vorsicht.
Ich drehe das Steuer leicht, um die Landezone anzuvisieren. Die Landebahn des Flughafens glänzt im Wüstensand wie eine Metallader. IONE fiept leise, als wir durch die aufgewirbelte Hitze und die Sandpartikel tauchen. Die Räder berühren die Oberfläche, der Aufprall ist sanfter als erwartet. Staub wirbelt auf, wir kämpfen gegen die Hitze, während das Schiff leicht schwankt. Ich atme durch, die Hand noch immer fest am Steuergriff.
„Und?“, frage ich. „Bereit für deinen ersten Arbeitstag?“
Wenn du mir jetzt einen Filter anbauen würdest, könnte ich darüber nachdenken, mein Urteil zurückzuhalten. Sonst: ich sterbe langsam innerlich.
Ich schüttle den Kopf, steige aus und sehe den Flughafen – eine kleine Ansammlung von Hallen, Containern und ein paar faulen Arbeitern, die sich langsam in der Sonne bewegen. IONE kommentiert jeden Schritt: 10 Arbeiter, 1 Sicherheitsmann, 0 Motivation. Prognose für Effizienz: katastrophal.
Ich ziehe den Schlüssel aus dem Cockpit, lächle und sage: „Dann lasst uns mal sehen, wie viel Ordnung wir hier hineinbringen können. Und vielleicht, nur vielleicht, ein bisschen von diesem lukrativen Arbeitsklima finden.“
Keine Passkontrollen.
Ich steige aus der SERENITY FIRST und die Hitze trifft mich wie eine Wand. Der Sand knirscht unter meinen Stiefeln, und die faulen Arbeiter lehnen an Containern, gähnen und werfen sich gelangweilte Blicke zu. Einer tippt auf seinem Holotablet, die anderen scheinen schlicht abzuwarten, dass jemand etwas tut.
Der Himmel ist wolkenlos und tiefblau. In der Ferne glitzern Bergketten wie alte Mauern, die den Horizont begrenzen. Der Wind trägt Sand und Staub in endlosen Strömen, die selbst den robustesten Metallpanzer der Raumschiffe aufreiben.
Ich spreche einen der jungen Sicherheitsmänner an: „Wo finde ich das Büro des Gouverneurs?“
„Neu hier?“
Ich ziehe die Stirn kraus und drehe mich um. Vierzig Schritt entfernt steht die SERENITY FIRST, dessen Turbinen noch etwas nachglühen. Doch, sie steht noch da. „Hast du gesehen, dass wir gerade gelandet sind?“
„Mein ja nur“, gähnt der Mann und schiebt die Mütze über die Augen.
Analyse abgeschlossen. Motivation: null. Körperliche Leistungsfähigkeit: mäßig. Reaktionszeit: unter Standard.
Kein Wunder, dass hier Chaos herrscht. „Also, wo ist er?“
„Wo ist wer?“ murmelt der Mann und bewegt sich keinen Zentimeter.
„Weiterschlafen, Wachmann.“ Ich seufze. „Keine Sorge, dass kriegen wir schon hin.“
IONE lacht leise hinter meiner Hirnrinde: Sieh sie dir an, Bruce: das bist du in einer Woche. Wie ein Faultier in der Schwüle langsam vor sich hin gärend. Vorschlag: sofortige Rotation der Arbeiter, Schulung in Notfallprotokollen, Alarmkette optimieren.
„Ist notiert.“ Ich benutze die Finger, um einen schrillen Pfiff auszustoßen. Tatsächlich drehen sich einige Köpfe langsam zu mir herum. „Hey, wo ist euer Arbeitgeber? Arven Valen. Schon mal gehört?“ Nicht zu fassen. Ein kleines Flackern in den Augen eines Arbeiters zeigt Interesse, die anderen gähnen weiter. „Vierter Gang die Treppe hoch.“
„Verbindlichsten Dank.“
Prognose: zwei Wochen intensive Schulung, danach messbare Effizienzsteigerung um 37%,“ flüstert IONE. „Mit mir: 68%. Optional: besorg dir eine Waffe und erschieße sie alle. Wir übernehmen den Laden und verkaufen ihn für einige hunderttausend DAHL an die Mafia von Selkes-5.
„Ich will erstmal alles sehen, okay?“ Ich lächele, während ich den Rundgang fortsetze. „So blutrünstig kenne ich dich gar nicht, IONE.“
Dieses Nichtstun geht mir auf den Geist! Ineffizient. Was für ein Trauerspiel.
Ich trete in das Büro von Gouverneur Arven Valen, noch etwas belustigt von der Ineffizienz, die IONE wie die Hölle erscheinen muss. Die Luft ist kühl, das Licht gedämpft, überall Holzvertäfelung und alte Ornamente – eine Welt, die im Kontrast zu den staubigen Straßen von Aridia steht.
Hinter dem Schreibtisch sitzt ein Mann, der in jedem Moment autoritär wirken könnte, aber stattdessen lächelt: freundlich, alt, ein bisschen verschmitzt.
„Bruce Rylon“, sagt er, seine Stimme ruhig, getragen, „Sie haben den Weg zu uns gefunden. Das freut mich.“ Er schlendert zur Kaffeemaschine, der Gehstock klappert leicht auf dem Metallboden. „Sind Sie das erste Mal auf Aridia? Bei Nacht leuchtet der Sternenhimmel Aridias in einem unvergesslichen Spektrum, die beiden Sonnen tauchen die Wüste in ein unwirkliches Licht, und der Planet wirkt fast friedlich, wenn man von den harten Bedingungen absieht. Hier.“ Die Tasse ist voll.
„Danke.“ Der Geruch steigt mir in die Nase, und für einen Moment ist alles andere egal: Hitze, Sand, müde, langsame Arbeiter — alles wird von diesem Aroma überdeckt. „Es freut mich Sie kennenzulernen, Mister Vale.“ Ich halte den Blick aufrecht.
IONE murmelt leise in meinem Ohr: Hervorragend. Keine Angst, analysiere alles.
Mister Valen wirkt auf mich wie der Weihnachtsmann aus der Werbung – gütig und zu allen freundlich. Wäre sein Vollbart etwas länger, könnte er Werbung für Coca-Cola machen. „Sagen Sie Arven zu mir. Wir sind nicht so förmlich.“ Er deutet zum Fenster hin. „Ich war beeindruckt von Ihrem Lebenslauf. Noch mehr aber von ihrem Schiff. Ist das eine Abfindung gewesen? Für treue Dienste bei Helix Dominion?“
IONE stöhnt leise auf: Ich sehe einen Fehler in unserer Kalkulation. Spiel die Sache runter. Die, mit dem Mord und der ungenehmigten Flucht und so…
Daran hätten wir beide denken sollen. „Ähm, … könnte man sagen.“ Nein, eigentlich haben wir uns dumm verhalten, indem wir mit dem Privatschiff vom Konzernleiter Rook hier gelandet sind. Was für eine dämliche Art sich zu bewerben…
„Geht mich nichts an, okay?“ Der Gouverneur lächelt herzlich. „Wir sind nicht in deren Distrikt. Belassen wir es dabei – wenn ich es mir mal ansehen darf, gut? Diese alten Knochen könnten mal einen Rundflug vertragen…“ Er lacht leise und setzt sich wieder.
„Sehr gerne,… Arven.“ Innerlich atme ich auf. Nochmal Glück gehabt.
„Der Raumflughafen“, fährt Valen fort, „ist… sagen wir mal, ineffizient.“ Er lehnt sich zurück, verschränkt die Hände. „Der Sicherheitsmann ist zu jung, zu unerfahren. Die Arbeiter… nun ja. Ich habe zehn Männer, die sich nicht bewegen, wenn sie nicht gerade einen Lohnzettel sehen. Saul McGreedy ist der Sicherheitsexperte, er ist der Sohn eines Freundes und ein guter Kerl, aber… zu freundlich, zu bemüht. Sie werden ihn kennenlernen. Seien Sie nicht zu hart zu ihm. Er schafft es einfach nicht. Ich brauche jemanden, der hier Struktur reinbringt. Ich will Ordnung, keine Katastrophen.“
Ich spüre, wie mein Puls sich hebt.
Endlich Verantwortung. Jetzt nichts falsch machen!
„Ich verstehe“, sage ich. „Sie wollen, dass ich die Abläufe optimiere, Schwächen erkenne, Sicherheit, Kontrolle… alles auf ein Niveau bringe, das Sie erwarten.“
Vale nickt, ein Lächeln umspielt seine Lippen. „Genau. Und Bruce… ich will, dass Sie den Flughafen respektieren, aber auch seine Menschen. Harte Hand, ja, aber Gerechtigkeit muss spürbar sein. Hier auf Aridia laufen die Uhren anders. Wir besitzen die größte Wasserquelle des Planeten.“
Sofort kapiere ich. „Jede Menge DAHL zu verdienen…“
„…aber die Ureinwohner bekommen es natürlich gratis. Streng genommen gehört es ihnen ja. Ihre Familien sind davon abhängig, und ich bin schon reich.“ Er lächelt beinahe entschuldigend. „Das letzte Hemd im Leben hat keine Taschen, was?“
IONE kommentiert trocken: Interessanter Mensch. Freundlich. Nicht leicht zu durchschauen. Beobachten.
„Sie… verschenken es!?“ Das Konzept des Altruismus ist mir zwar bekannt, aber hatte wenig bis gar nicht Kontakt damit. „Die Ureinwohner. Über sie weiß ich nichts.“
„Kommen Sie. Ich stelle sie ihnen vor. Den Papierkram erledigen wir später.“ Er schlurft voran und ich muss mich zwingen ihn nicht wie einen greisen Alten unter die Arme zu greifen. Den Weg aus dem Büro runter zur Halle mit den Pumpen schnauft und hechelt er wie ein alter Hund.
Und da sehe ich sie.
Eine Gruppe Aridianer sitzen an der Pumpe im Schatten, trinken Tee auf einfachen Matratzen und unterhalten sich über Zisch- und Klacklaute. Genaugenommen Außerirdische – wenn wir Menschen nicht aus ihrer Sicht die Außerirdischen wären.
Keinerlei Daten! Halte dich freundlich zurück. Respektvoll, aber bereit. Man weiß ja nie…
„Verstanden.“ Etwas mulmig ist mir schon.
„Die Ureinwohner von Aridia sind ein Volk, das seit Jahrtausenden mit der Wüste lebt, nicht gegen sie“, erklärte Arven leise. Ich nicke aufmerksam und betrachte sie genau: Ihre Körper sind schlank, sehnig, geschaffen für Hitze und Entbehrung. Sie tragen lange, fließende Gewänder aus hellen, hitzereflektierenden Stoffen, die im Wind wie wandernde Schatten wirken.
„Kommen Sie, ich stelle Sie ihnen vor.“ Arven ruft etwas in ihrer Sprache und sofort drehen sie sich um. Der Älteste von ihnen steht auf und begrüßt den Gouverneur mit einem Handzeichen. „Das ist M´halk. Er ist der Oberste von ihnen. Seien Sie freundlich und starren Sie ihn nicht an. Er spricht als Einziger unsere Sprache. Guten Morgen, alter Freund.“
Ihr auffälligstes Merkmal sind die kobaltschwarzen Augen — so tief und glänzend wie obsidianfarbene Seen unter Mondlicht. Diese Augen verraten nichts und sehen doch alles. „Man sagt, sie können Sandstürme am Geruch erkennen, Wasseradern am Klang entdecken und Lügen am Atem hören.“
Die Unterhaltung ist freundlich, beinahe belanglos aber ich spüre, dass unter der Ruhe etwas anderes liegt: eine jahrzehntelange Verbitterung gegen jene, die ihnen das Wasser kontrollieren. Arven zeigt auf mich und stellt mich vor. „Bruce wird eure Sicherheit gewährleisten – nicht, dass das nötig wäre aber man weiß ja nie.“
„Mmh.“ Er sieht mich streng und interessiert an. „Mmh.“ M’halk ist ein hochgewachsener, knochiger Mann mit einer Stimme, die klingt wie der erste Donner über einer ausgedörrten Ebene. „Ein fremder Geist wohnt in diesem Mann.“ Sein Gesicht ist von tiefen Furchen durchzogen, als hätte der Sand selbst ihn gezeichnet. In seinen kobaltschwarzen Augen glimmt ein uralter Ernst, ein Wissen, das schwerer wiegt als Stein. „Zweigeist – nicht gut. Er soll gehen.“
„Gehen? Wohin denn?“ Arven zeigt sich verwirrt. „Er arbeitet jetzt für mich. Lernt euch erstmal kennen…“
„Kein Geschäft mit Zweigeist. Der Zweigeist bringt Schatten. Sein Kopf ist nicht allein. Und kein Mann, der zwei Geister trägt, bringt Frieden in unser Land.“
Das hatte ich befürchtet. Er misst deinen Charakter. Ehrlich gesagt, halte ich dich auch für verrückt. Sag ihm, dass du eine Hexe bist und dem Satan ehrst. Wir wollen Blutopfer. Sag ihm das.
„Ein bisschen mehr Ernst, IONE“, flüstere ich und merke, dass der Aridianer mich misstrauisch ansieht. „Ups.“
„Da! Er spricht mit ihm! Nicht gut!“ Der alte Aridianer tritt einen Schritt zurück und pfeift ein Signal. Doch statt das die Situation eskaliert, steht eine einzelne Gestalt auf und trippelt schnell zu uns heran.
Die einzige Unverhüllte. Eine Frau.
Ihre Haut ist vom Wüstensand gegerbt, die Stirn trägt feine Muster aus Tätowierungen, geistige Landkarten ihrer Abstammungslinien. Jede Linie steht für einen Ahnen, einen Sieg, ein Opfer – vermute ich. Und sie ist schön.
Arven macht ein betretenes Gesicht. „Wir können auch anders das regeln, bitte, alter Freund…“
M’halks Misstrauen bleibt nicht bei Worten. „Nein! Ich habe gesprochen!“ Er beobachtet mich lange, still, wie ein Tier, das den Geruch von Gift wittert. Seine Pupillen verengen sich zu schwarzen Punkten, und sein Atem wird flach, als würde er eine Entscheidung tief in sich treffen. „Bleib an seiner Seite. Immer. Der Zweigeist hat einen Schatten in sich. Wenn er ihn entlässt — töte ihn.“ Er klopft der Frau auf die Schulter und wendet sich ab, als gebe es nichts mehr zu sagen. Mich ignoriert er ab dem Zeitpunkt völlig.
Und ich sehe, dass sie nackt ist. Ihre Haut ist von Sonne und Sand gegerbt, ihre Augen ebenso kobaltschwarz wie die ihres Vaters, aber härter. Ihre Haltung: ruhig, gefährlich, absolut wachsam.
„Hallo“, sage ich und muss schlucken. „Bruce…“
Sie starrt mich nur an und tippt kurz an die Waffe, ein verziertes Messer, an ihrem Gürtel. Nur ein Gürtel, mehr nicht.
IONE kommentiert trocken: Wie… charmant. Wir bekommen einen persönlichen Bodyguard. Oder einen persönlichen Henker.
Sie vertraut mir nicht. Ihr Vater vertraut mir nicht. Und Aridianer täuschen sich selten, wenn es um „Geister“ geht.
„Könnte schlimmer sein“, bemerke ich trocken als Arven mich zurück ins Büro begleitet. Von da an ist sie mein Schatten und ich spüre ihre Nähe wie eine kalte Linie im Nacken. „Wie heißt du eigentlich?“
Sie starrt mich nur an. Dünn, mager und kaum mehr ein Kind. Der Physiologie der Menschen sehr ähnlich. Sehr ähnlich…
Zweiter Versuch: „Wie haben die Reds in Chicago wohl gespielt?“
Keine Antwort.
IONE flüstert leise: Warne sie schon mal vor! Ich habe dich schon unter der Dusche gesehen! Falten und Hängebacken, alt und träge wie du bist…
„Halt die Klappe, IONE.“ Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wohin das führen wird – aber ich habe keine Wahl.
Alter Sack.
Der Gouverneur setzt sich mir – ich meine, uns -gegenüber. „Ein schwerer Start, tut mir leid. Bruce, Sie wollen doch jetzt nicht aussteigen, oder?“
Alt und träge.
Ich setze mich und sehe meinen Schatten kritisch an. „Könnte schlimmer sein, denke ich. Ich bin ständige Kontrolle gewohnt.“ Und damit meine IONE.
Dein Leben ist so hart, du Armer.
„Ich zeige Ihnen heute Abend noch ihr Quartier in meiner Residenz auf dem Hügel. Das Personal soll sie kennenlernen.“ Mit einem vorsichtigen Blick zu der Frau raunt er: „Unterschätzen Sie nicht die Aridianer. Ich möchte keinen Rassismus und keinen Streit. Sie bewegen sich immer an den unterirdischen Flusslinien entlang und gelten als Nomaden. Und sie hassen Fremde. Mich tolerieren sie, weil ich bereit bin zu teilen. Tun Sie ihr nichts, bitte.“
„Ich werde freundlich sein.“
„Dann fangen wir morgen früh an“, sagt Vale. „Ich überlasse Ihnen die Entscheidung, wo Sie beginnen. Auf gute Zusammenarbeit.“
Als ich das Büro verlasse, spüre ich erstmals seit Monaten ein Gefühl, das ich fast vergessen hatte: Zweck und Herausforderung. Mein Schatten lässt mich nicht aus den Augen. Ich sehe sie weder trinken noch essen. Sie scheint ihre Pflicht sehr ernst zu nehmen. Ich beabsichtige sie erstmal zu ignorieren.
Fangen wir an. Gut. Analyse starten. Schwachstellen identifizieren. Dann optimieren.
Der Vertrag beinhaltet freie Kost und Logis, dazu ein üppiges Gehalt und so viel Wasser, wie ich trinken will.
Ich stehe vor den zehn Arbeitern, die in der gleißenden Hitze von Aridia mehr schlurfen als stehen. Der Sand wirbelt um ihre Stiefel, der Wind trägt den Geruch von Metall und Trockenheit bis unter die Überdachung.
Neben mir der Sicherheitsexperte, Saul McGreedy, der den Titel nur aus reiner Gefälligkeit trägt und auf mich wirkt als hätte er gerade erst die Schule verlassen. Ein schlaksiger, dünner Mann der mich unsicher anspricht. „Sir, ich bin Saul, ähm, … ich bin froh, dass Sie da sind…, ähm… gut, dass Sie da sind…“
„Hallo, nenn mich Bruce.“
„Ja, gut.“
„Wie steht es mit den 16/7-Arbeitsmitteln, und welche Arbeiter arbeiten in Teilzeit?“
Er schaut mich, stockt …und nach geschlagenen vier Sekunden zuckt er die Achseln.
Oh, er weiß es nicht. „Ist gut“, bemerke ich trocken.
„Ja, zeig es ihm ordentlich“, ruft jemand zynisch rüber und die anderen lachen. Saul wird rot und duckt sich weg. Er schlurft von dannen und stellt sich ganz hinten hin, wo ihn keiner ärgern kann.
Kein Wunder, dass man Hilfe suchte. Der kleine Mann soll sich setzen, bevor er sich weh tut. Vorschlag: zeige dich ihm gegenüber verständnisvoll - den Anderen zeige dich hart. Zeige ihnen die HyperCity-Art!
„Gute Idee“, merke ich an.
Und wenn das nichts bringt, lies ihnen aus deinem Tagebuch vor. Das bringt jedem zum Weinen. Aus Mitleid werden sie einknicken…
„Halt die Klappe!“ Ich rufe Saul ungerührt zu: „Danke, ich übernehme ab hier. Bleib da als Stellvertretung oder so. Ist mir ehrlich gesagt egal…“
Saul wirkt plötzlich gelöst, als hätte ich ihm gerade eine Zentnerlast von den Schultern genommen.
„Antreten“, sage ich ruhig.
Es genügt. Sie rücken zusammen, stolpern in eine Reihe, als hätte lange niemand von ihnen erwartet, dass sie überhaupt gehorchen. Augen blinzeln gegen die Sonne, Schweiß läuft, Schultern spannen sich. Gut. Endlich Bewegung.
Hinter mir steht sie.
M’halks Tochter. Still wie ein Dolch im Schatten.
„Du hast ´ne Freundin gefunden, was?“ bemerkt der Erste zynisch und die anderen kichern leise.
Ich kann ihre unverhohlenen Blicke nicht ignorieren. „Mein Name ist Mister Rylon. Ihr werdet euch nur noch auf die Arbeit konzentrieren. Hier wird stündlich gefegt, die Apparate müssen ständig gewartet werden. Notfallprotokolle werden geübt. Ich kenne euch nicht – aber seht zu, dass ich einen guten Eindruck bekomme.“
„Sonst was“, zischt jemand, den ich im Geiste als Blödmann Nummer eins bezeichne.
„Finde ich toll, dass du fragst“, grinse ich und stelle mich vor dem Kerl, der mich anmaßend anschaut.
Wir beide taxieren uns.
Der größte der Arbeiter bleibt so nah stehen, dass ich seinen Atem riechen kann — irgendein scharfes Kraut, das im Mund gärt. „Chef“, sagt er und spuckt das Wort aus, als würde es ihm bitter schmecken. „Wir arbeiten hier seit Jahren. Wir wissen schon, was wir tun. Brauchen keinen neuen Helden, der uns sagt, wie wir zu leben haben.“ Er lehnt sich zurück, verschränkt die Arme, ein Lächeln voller Verachtung. Die anderen werfen verstohlene Blicke, warten, was ich tue.
Hinter mir höre ich kaum hörbar das Scharren von M’halks Tochter. Sie beobachtet, welche Art Mann ich bin.
Ich spüre ihren Blick im Rücken. Wachsam. Scharf. Und vollkommen unergründlich.
Darauf hat IONE nur gewartet: Analyse startet… Subjekt: männlich, 32 Jahre, muskulär, aber mit Abbauerscheinungen. 18 Prozent Wasserhaushalt unter dem Normalwert. Schlechte Disziplin. Mikroexpressionen zeigen Trotz, Unsicherheit, leichte Aggression. Vermutlich kompensiert er mangelnde Kompetenz durch Dominanzverhalten. Empfehlung: klare Grenzen setzen.
Ich hebe die Stimme nicht. Muss ich nicht. „Du hast Erfahrung. Das ist wertvoll. Du hast eine Mannschaft, die dir zuhört. Noch wertvoller. Aber du hast dich daran gewöhnt, dass niemand auf dich schaut. Dass niemand Standards setzt.“ Ich neige den Kopf. „Das ändert sich heute.“ Ich wende mich der Gruppe zu: „Mein Name ist Mister Rylon – und eure Wünsche gehen mir am Arsch vorbei! Ich will nicht eure Freundschaft, ich will Ergebnisse. Ich war Kopfgeldjäger auf Platz 36 in Hyper-City 017, und war auf Tesla-7 als Pilot in einem Kriegsgebiet. Ich habe meinen Freund verbluten lassen…, weil er mich verraten hat. Was mache ich wohl mit Fremden, die mir nicht gehorchen?“ Mein Blick bleibt starr auf die Gruppe gerichtet. „Darüber solltet ihr nachdenken.“
Ein Raunen geht durch die Gruppe. M’halks Tochter spannt sich hörbar hinter mir.
Ich gehe die Reihe langsam ab, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt. Ich lasse mir Zeit. Hier und da bleibt mein Blick etwas länger hängen — auf einem schief sitzenden Gürtel, einem schlecht gepflegten Werkzeug, einem Mann, der mich herausfordernd mustert. „Ihr habt Glück“, sage ich, ohne die Stimme zu heben. „Der Gouverneur hält große Stücke auf euch. Er glaubt, ihr könnt mehr leisten. Ich glaube das auch.“
Ein paar Köpfe heben sich.
„Aber Glauben reicht nicht.“ Ich bleibe stehen, direkt vor dem Größten von ihnen – Blödmann Nummer eins. Seine Arme sind verschränkt, sein Blick trotzig. Ich habe viele Jahre an der Presse gearbeitet und kenne arrogante Typen, die es auf die harte Tour lernen wollen. Es hat gedauert, aber in all den Jahren wurde ich selbst hart und geübt. Auf Gewalt reagiere ich nicht mehr mit Schock.
„Du siehst aus, als wolltest du dich prügeln“, stelle ich fest.
„Vielleicht“, entgegnet er trocken.
„Bin immer für dich da, Wurzelzwerg.“ Ich trete zurück. „Hier ist, was passieren wird: Ich gebe Anweisungen. Ihr befolgt sie. Punkt. Keine Ausreden, keine halben Sachen. Dafür bekommt ihr etwas, das ihr seit Jahren nicht hattet: Struktur. Respekt. Und stolz auf eure Arbeit.“
Ein Murmeln. Diesmal nicht ablehnend. Eher… neugierig.
„Fünf Minuten Wasser holen“, sage ich schließlich. „Dann fangen wir an, diesen Ort funktionsfähig zu machen.“
Die Männer lösen sich, einige wirkten bereits wacher als zuvor.
Ich atme tief ein. „Und?“ frage ich leise.
Beleidigung erkannt. Subjekt versucht Hierarchie zu testen. Du hast korrekt reagiert. Statistische Prognose: 62 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass er morgen kooperativer ist. 38 Prozent, dass er etwas Dummes versucht.
„Danke für die Einschätzung“, denke ich.
Bitte. Ich beobachte weiter.
Hinter mir regt sie sich nicht. M’halks Tochter — die Frau, die mich überwachen soll.
Ich frage mich, ob sie irgendwann versteht, dass ich keinen Geist im Kopf trage, sondern nur meine Vergangenheit.
Und ich frage mich, ob das überhaupt einen Unterschied für sie macht.
