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Im Jahr der Knochenrose E-Book

Stephan Lasser

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Beschreibung

In einer Welt, in der die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen, erzählt "Im Jahr der Knochenrose" die packende Geschichte von Menschen und Vampiren, die sich in einer düsteren und mysteriösen Realität wiederfinden. Eine Stadt hoch im Norden leidet unter Armut, Hunger und unter der Tyrannei eines Barons. Als Lilith Laurant – ein Vampir – als neue Herrscherin anreist, hat sie es schnell mit unzufriedenen Bürgern und einem rätselhaften Grauen zu tun. Nur zusammen mit der äußerst klugen Magd Elsa und Pater Adson kann sie vielleicht die Bedrohung umgehen. "Im Jahr der Knochenrose" ist ein fesselnder Roman über Mut, Verrat und die Suche nach der eigenen Identität in einer Welt, die von Dunkelheit und Geheimnissen durchdrungen ist. Ein Muss für alle, die sich in eine Geschichte voller Spannung und unerwarteter Wendungen verlieren möchten.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Im Jahr

der Knochenrose

 

 

 

 

 

Vampir-Novelle

 

 

 

 

 

 

Stephan Lasser

 

 

 

 

 

 

 

Jede Ähnlichkeit mit Personen, die gelebt haben, jede Übereinstimmung der Namen, Orte kann bloß auf zufälligem Zusammentreffen beruhen, und der Verfasser lehnt dafür im Namen unveräußerlicher Rechte der Einbildungskraft die Verantwortung ab.

 

 

 

DANKSAGUNG

 

Danke an die alten Captain Future-Folgen und ihre wunderbar einfache Weltraum-Logik. Und an den Film DER ZEITDIEB, der mich als Kind verstörte.

 

 

 

 

 

Copyright © 2024 Stephan Lasser

Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

 

 

 

WIDMUNG

 

 

Für Marc Bloch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorwort

Die düsteren, grüblerischen, von Blutdurst und Romantik geprägten Vampire Diaries starteten 1990 als erfolgreiche Romanserie von L.J. Smith – nicht zu vergessen der 1897 veröffentlichte Roman Dracula des irischen Schriftstellers Bram Stoker, der als Grundstein angesehen werden kann. Neben Nosferatu, der Verfilmung des Dracula-Stoffs von Friedrich Wilhelm Murnau, bis hin zu Anne Rice Interview mit einem Vampir aus dem Jahr 1976 gibt es noch zahllose Filme, Bücher, Spiele und sogar Themenparks. Sie alle verfangen sich in einem faszinierenden Netz aus Geheimnissen, Leidenschaft und Grauen. Ein Vampir ist im Volksglauben und in der Mythologie eine blutsaugende Nachtgestalt. Dabei handelt es sich meist um einen wiederbelebten menschlichen Leichnam, der sich von menschlichem oder tierischem Blut ernährt und – je nach Kultur und Mythos – mit verschiedenen übernatürlichen Kräften ausgestattet ist. Ganz besonders hat mich das PC-Spiel Vampire: The Masquerade – Bloodlines aus dem Jahr 2004 beeindruckt, das eine immersive Erfahrung bereithält. Kenner werden hier und da einige Anleihen erkennen – sorry. So wurde aus einer Idee langsam ein eigenständiges Werk.

Viel Vergnügen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

Epilog

 

 

 

 

 

 

I.

Das „Land des Grün“, Norfesta. Im Ersten Nachtzyklus, dem Jahr der Knochenrose.

 

Das Land glich nur an den nördlichen Grenzen einer bizarren gefrorenen Mondlandschaft. Schimmernde Berge aus Eis, die wie ein Gartenzaun das ewige Grün im Landesinneren von außen zu schützen schienen. Dichte Kiefernwälder, hier und dort einzelne Seenplatten und Flüsse die immer reichlich Forelle und Lachse aufwiesen. Von oben betrachtet wie eine grüne Decke, die es schon immer gegeben hatte und dunkle Geheimnisse verbarg. Der Mensch hatte es sich in kleineren Dörfern gemütlich gemacht – zu wenige, um bedeutsam zu sein. Und sie kannten die Gefahren, die in den Wäldern lauerten.

Es heißt, es gebe zwei Kategorien von Leuten auf der Welt. Wenn man den einen ein Glas zeigt, das genau halb voll ist, so sagen sie: Dieses Glas ist halb voll. Die anderen hingegen meinen, das Glas sei halb leer. Allerdings ist die Welt voller Leute, deren Glas zersprungen oder erst gar nicht vorhanden ist. Meistens wurde ihr Glas achtlos umgestoßen von jenen, die gleich mehrere Gläser haben.

Die Stadt Blaqrhiken war klein, kaum mehr als ein Schatten am Rand der Handelskarte. Während die Sonne sank, ließ das Mädchen Elsa den Blick über die vereiste und felsige Landschaft schweifen, ein Spiegelbild ihrer Seele. Es war ein von Gott verfluchtes und dämonisches Land und Elsa gehörte zu den Schutzlosen wie auch zu den Glaslosen. Wie dutzende ihrer Leidensgenossen betete sie um Erlösung, um Errettung, denn die Welt war grausam. Sie war jung, und immer hungrig, zitterte in der Kälte und verspürte wie alle Menschen Hoffnungslosigkeit vor der Gefahr.

Ihrem Herrn.

Mattes Lyren war ein Fürst, geschaffen aus Begierde, Zorn und bestialischer Kraft. Seine gelben Augen zeigten kalte Verachtung gegenüber den Schwachen, sein stinkender Atem war durchsetzt von Alkohol und Blutdurst. Er würde niemals aufhören. Das hatte er nicht nötig.

Menschen wie er beherrschten alles, hatten ganze Tische voller Gläser und waren nicht bereit zu teilen. Elsa versteckte sich und harrte der Dinge, die noch kommen mochten. Tage und Wochen vergingen, Menschen litten und Monster herrschten.

Und dann…

…war es vorbei.

Einfach so.

Der Fürst starb an einem Novembermorgen, wie ein Riss im alten Gemäuer der Welt – leise, aber endgültig. Sein Gespann war zu schnell. Das Wetter: ein feiner, eisiger Nebel, der vom Moor her kroch, sich in die Spalten legte und selbst das Pflaster der Auffahrt rutschig machte. Die Pferde – nervös, halb wahnsinnig vor Angst – scheuten, als der Kutschbock an der Engstelle der Klippe wankte. Ein Rad brach. Ein einziger, kreischender Laut durchschnitt den stillen Morgen. Dann nur noch das Krachen von Holz, Eisen, Fleisch, das Rollen über Stein. Und Stille.

Man fand die Überreste der Kutsche drei Tage später, zerschmettert am Fuß der Schlucht. Vom Adeligen selbst nur das Siegel seines Ringes, noch an einem blutigen Finger.

Im Dorf sprach man zunächst nicht darüber. Nicht aus Trauer – aus Vorsicht. Denn wer den Namen zu leicht über die Lippen gehen ließ, konnte sich seiner Schatten nie sicher sein. Erst am vierten Tag, als die Nachricht sich gesetzt hatte wie der Nebel über den Feldern, kamen erste Reaktionen.

Der Schmied legte sein Werkzeug nieder und murmelte: „Der Teufel hat endlich seine Schuld eingetrieben.“

Die alte Magd in der Taverne spuckte dreimal auf den Boden, flüsterte aber mit einem leichten Zittern in der Stimme: „Wenn der Tod klug ist, lässt er ihn dort unten.“

Ein paar Kinder warfen Steine in den Bach und sangen ein seltsames Lied, das niemand ihnen beigebracht hatte. Nur die Ältesten, die das Schlimmste aus seiner Herrschaft gesehen hatten – die Zwangsarbeit im Sumpf, die plötzlichen Verschwindenden, das Schweigen der Priester – schauten zum Schloss hinauf, das leer stand wie ein ausgehöhlter Zahn, und sagten: „Er ist fort, ja. Aber sein Blick fehlt noch nicht.“

Mattes Lyren verstarb– doch kam wenig Freude auf. Denn wenn einer ging, kam schon der Nächste. Der nächste Herrscher. Sie sind alle gleich, dachte Elsa bekümmert und tat Dinge, die die Glaslosen sonst taten. Arbeiten, irgendwie leben und überleben.

Sie sind alle gleich. Sie wusste es nicht, aber in dem Fall irrte sie sich. Es kam kein Mann.

Etwas anderes…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das „Land der Nacht“, Velmora. Im Zwanzigsten Nachtzyklus, dem Jahr der Knochenrose.

Das Schloss lag wie ein schwarzer Dorn auf dem Rücken des Berges – weit ab vom Dorf, wo der Wind keine Namen mehr trägt. Die Mauern, alt und von der Zeit nicht besiegt, schimmerten im bleichen Licht des Mondes feucht wie kalter Stein. Kein Rauch stieg aus den Schornsteinen. Kein Licht fiel aus den Fenstern. Nur Schatten – regungslos wie eingefrorene Gedanken. Der Weg hinauf war schmal, gesäumt von totem Gestrüpp und Steinen, die unter den Schritten wie Knochen knackten. Die Luft: dünn, stechend, von einer Stille durchdrungen, die mehr war als bloßes Schweigen – sie war das Fehlen alles Lebendigen.

Das Tor stand offen. Nicht einladend – sondern wie ein offener Mund, der zu lange geschwiegen hatte. Der Flur dahinter: lang, kalt, von verblassten Wandteppichen gesäumt, die sich in der Zugluft kaum noch bewegten. Der Boden: schwarzgrauer Marmor, brüchig, doch immer noch spiegelglatt – als hätte jemand gewollt, dass man sich in seinem eigenen Abbild verliert. In den Hallen hallte jeder Schritt wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Kerzenhalter aus Eisen rosteten langsam an den Wänden, doch irgendetwas – oder jemand – hatte die Kerzen ersetzt. Frisch. Tropfend. Wachs, das noch warm gewesen sein musste.

Die Kälte dort war nicht einfach nur das Fehlen von Wärme – sie war eine Gegenwart. Sie kroch die Wirbelsäule hinauf, blieb hinter den Augenlidern hängen, saß wie ein Gewicht auf der Brust. Und irgendwo, ganz oben im Turm, hinter Fenstern, die sich nie öffnen ließen, saß jemand. Oder etwas.

Und wartete.

 

Die Nacht war jung, doch der Himmel hing schwer – ein samtiger Schleier ohne Sterne, als hätte die Welt den Atem angehalten. Über den Baumwipfeln erhob sich das Schloss wie eine Erinnerung an etwas längst Verlorenes: spitz, verschlossen, kalt. Kein Licht, kein Laut – nur die Erwartung.

Aus dem Schatten der Bäume löste sich Bewegung. Zuerst leise, dann schwirrend. Ein dunkler Strom – flatternd, lautlos, unzählbar. Ein Schwarm Fledermäuse, wie aus dem Nichts geboren, formte eine tänzerische Spirale in der Luft. Kein Tier bewegte sich so – zu zielgerichtet, zu bewusst. Sie waren nicht viele. Sie waren eine.

Die Kreatur trug den Namen Lilith Laurent, und ihre Gestalt bildete sich aus der Dunkelheit selbst, erst schemenhaft, dann körperlich: seidenes Haar, schwarze Augen wie Tinte in Glas, blasse Haut, deren Schönheit fast wehtat. Ihr Kleid war schlicht, aber altmodisch. An ihr haftete der Duft von altem Holz, nassen Mauern – und etwas Unaussprechlichem.

Lautlos landete sie auf dem steinernen Fenstersims des höchsten Turmzimmers. So stand sie im nächsten Moment regungslos, als hätte man sie aus einer alten, vergessenen Trauer geschnitzt. Ihr Körper war schmal, beinahe durchsichtig im matten Licht der Kammer – ein Schatten in Menschengestalt, aber ohne Wärme, ohne Atem. Die Arme waren lang, dünn, wie aus feuchtem Papier gefaltet. Ihre Haut spannte sich bleich über die Knochen, so blass, dass selbst das schwache Licht der Kerzen sich auf ihr verlor. Es war keine lebendige Blässe, nicht jene jugendliche Blässe kranker Mädchen – sondern die starre Blässe von etwas, das lange unter der Erde gelegen hatte. Ihre Hände endeten in Fingern, die zu lang waren, zu leise, zu wachsam. Nichts an ihr bewegte sich ohne Absicht. Jeder Schritt war ein Flüstern. Jeder Blick – ein Versprechen, das niemand hören wollte. Ihr Mund war schwarz. Nicht geschminkt, nicht bemalt – schwarz wie eine Wunde, die nicht heilt. Die Augen waren tief, unergründlich, von einem dunklen Glanz, als ob sie die Welt nicht sah, sondern trank. Sie blickte, als hätte sie dich schon vor Jahren gesehen – und nie wieder vergessen. Kein Weiß war in diesen Augen. Nur Dunkel. Ein Spiegel für Dinge, die sie verdrängt hatte.

„Komm rein!“

Das Zimmer ihres Meisters war unverändert: hohe Regale mit Büchern, die nicht in fremde Hände gehörten; ein Kamin, dessen Flammen sich weigerten, Wärme zu spenden; ein Himmelbett aus dunklem Holz, unberührt, doch niemals leer. Der Geruch von getrocknetem Blut und vergilbtem Papier lag in der Luft – vertraut, beruhigend fast. Für sie.

Und dort saß er. Man sprach seinen Namen nicht. Selbst der Verdorbene mied ihn – nicht aus Furcht, sondern aus einem alten, dunklen Respekt. Er war alt. Nicht „alt“ wie jene, die Jahrhunderte getragen hatten. Er war älter. Ein Wesen, das schon an Ufern stand, bevor die Städte Namen hatten. Über achthundert Jahre – und der Verfall hatte ihn nicht überholt, sondern geformt. Er war dürr. So dünn, dass die Haut spannte wie Pergament über einem zerbrechlichen Skelett. Jeder Knochen trat hervor, jeder Finger war eine Spindel aus Sehnen und Nägeln, die zu lang waren, zu grau. Seine Schultern krümmten sich, als trüge er das Gewicht der Jahrhunderte auf seinem Rücken – und vielleicht war das auch so. „Ich habe bereits mit deinen Schwestern gesprochen.“ Sein Blick – dunkel wie gefrorene Tinte – ruhte bereits auf ihr, ehe sie den Boden berührte. Ein leichtes Nicken. Keine Begrüßung. Keine Umarmung. Zwischen Meister und Dienerin brauchte es das nicht.

Lilith neigte leicht das Haupt. „Ihr habt gerufen, Herr.“

Anklagend hielt er ein tintengetränktes Blatt Papier in die Höhe. „Böses Blut kann ich nicht gebrauchen. Du hättest mir von Selenes Streichen berichten sollen, dann hätte ich mir eine passende Strafe ausgedacht.“ Wenn er sprach – was selten war – klang seine Stimme wie das Knirschen von altem Holz. Langsam. Ohne Eile. Denn für ihn war Zeit keine Kette mehr, sondern ein Teich, in dem er unbewegt ruhte. „Ich bevorzuge niemanden von euch, denn ihr seid alle meine Kinder. Und wir sind die Geschöpfe Kains, der von Gott das Mahl bekam das uns als Geschöpfe der Nacht definiert. Wenn wir uns nicht in Harmonie üben, werden unsere Feinde unsere Schwächen wittern. Das kann ich nicht gebrauchen.“, fügte er leise hinzu.

„Ich habe es nicht gewollt, Herr“, erwiderte sie ehrlich zerknirscht. „Selene und ich waren im Streit und da…“

„Das weiß ich doch.“ Das Gesicht nahm kurz einen gütigen Ausdruck an. „Aber diese Streitereien in meinem Haus gehen schon so lange… viel zu lange… und ich bin dieser Sache müde.“

Lilith senkte das Haupt. „Herr, es tut…“

„Nun siehst du wohin die ganze Angelegenheit geführt hat. Als Strafe wirst du eine Reise antreten, und dieses Mal ist es keine kleine Reise.“ Seine Hand zeigte auf den Stuhl neben sich.

Lilith runzelte die Stirn und folgte seinem Ruf. Es klang nach einer besonderen Sache. „Reise, Herr?“

„Ich habe nachgedacht.“ Der Meister räusperte sich. „Du bist seit zwanzig Jahren unter meiner Obhut, und sieh dich nur an: groß und stark bist du geworden, meine Tochter. Die Sprache des Fells beherrschst du natürlich. Die der Schuppen auch.“

„Und die der Federn habe ich gemeistert.“

„Sehr gut. Das ist gut. Gut, gut.“ Er stöhnte behaglich und lehnte sich zurück. „Hach, ich weiß noch…“

Sie wusste, was jetzt kam. In solchen Momenten, wenn der Meister satt und nach Stunden der intensiven Studien sich zurücklehnte, neigte er dazu, in die Vergangenheit zu reisen und sich an Ereignisse zu erinnern, die sehr lange zurücklagen. Lilith mochte diese Unterredungen.

„…der Wind roch nach Holzrauch, fauligem Laub und dem letzten Rest des Winters, der sich in den Steinen hielt. Du hast gefroren. Deine Füße waren wund, deine Hände rot und offen vom langen Gehen. Der Umhang – zu dünn, zu kurz – hing dir wie ein nasser Fetzen um die Schultern. Du warst kaum älter als zehn, aber das Hungerhafte in deinem Blick war zeitlos.“ Der Vampir schaute seinem Mündel in die Augen. „Du kamst allein und ohne Furcht an mein Tor und hast um Essen gebeten – trotz der Angst konnte ich sehen, was in dir steckt.“

Sie nickte abwesend und starrte dabei zum fahlen Mond hinauf. „Ich hatte meine Eltern verloren. Erst den Vater – fortgeholt von Männern in dunklen Helmen. Dann die Mutter – verblasst wie ein Schatten am Morgen, mit leerem Blick und kalten Fingern. Ich hatte seit Tagen nicht gesprochen. Worte waren nur noch Dinge, die Kraft kosteten.“

„So ist es.“

„Dafür bin ich euch mein restliches Leben dankbar“, warf sie leise ein. „Bitte schickt mich nicht fort.“

Der Meister schwieg eine Weile. „Ich habe mir überlegt, dass du vielleicht schon jetzt aus deiner Schuld entlassen sein möchtest“, sagte er nach einer Weile und strich mit der Linken über ihre Wange. „In Norfesta treiben die Menschen Krieg gegen sich selbst. Kennst du die Schriften von Pauxalis, dem Tüchtigen, der das Leben eines unfreien Bauern beschreibt?“

„Natürlich.“ Sie richtete sich auf, froh mit ihrem Wissen zu glänzen. „Der Tag begann vor der Sonne – und endete lange nach ihr. Er schlief nicht. Er fiel um, wenn der Körper nicht mehr konnte. Sein Name war nur im Dorf von Bedeutung. Für den Vogt war er bloß „der Mann auf Parzelle neun“. Für den Grafen – falls dieser ihn je gesehen hatte – war er gar nichts. Sein Rücken war krumm vom Pflügen, seine Hände rau wie Baumrinde, die niemals heilen durfte. Im Sommer verbrannte ihm die Sonne das Genick, im Winter riss der Frost ihm die Haut von den Knöcheln. Aber am schlimmsten war der Regen – er machte das Dach undicht, die Felder unbrauchbar und den Boden im Haus weich wie fauler Brei.“

„Richtig. In Norfesta kommen die Abgaben pünktlich, auch wenn sie es nicht tun. Ein Drittel der Ernte, ein Teil der Eier, ein Huhn, wenn sie können. Dazu Holz, wenn verlangt – und ihre eigenen Körper, wenn Not am Mann war. Krieg, Bau, Wegdienst. Der Körper gehört dem Land, und das Land gehörte dem Herrn.“ Er stöhnte leise dabei und starrte in die Ferne, als würde er einem längst vergangenen Leben nachsinnen. „Ich … ich war einst wie sie. Immer müde. Nicht erschöpft – das wäre ein Luxus gewesen. Sondern leer. Eine Art von Müdigkeit, die im Mark sitzt. Aber Aufbegehren? Gegen wen? Gegen was? Ich kannte nur drei Wege, wie das Leben endete: Man starb auf dem Feld. Man starb an der Pest. Oder man starb, weil man dem Falschen widersprach. So ein Leben ist nichts wert, glaube mir.“

Sie glaubte ihm aufs Wort. Das Königtum Norfesta erstarkte vor 890 Jahren, zerfiel aber unter einem blutigen Kampf um die Krone in kleinere Fürstentümer – einem losen Bund aus kleineren Reichen, die sich fast zweihundert Jahre lang nicht auf einen König einigen konnten. Wenngleich sich noch lange Zeit danach keine „norfestische Identität“ entwickelte, verband alle Menschen eine Abneigung gegen Andersartige – wie Zwerge, Hexen, Elfen und wanderndes Volk. Nicht überliefert, aber dennoch factum, war, dass Elfen, Zwerge und Hexen systematisch vertrieben wurden. Der letzte Elf starb in der Ersten Republik vor zwei Jahren an Altersschwäche. Seine Werke über die Pogrome zählten bis zu sechsunddreißig Bänden und gehörten zu den meistgelesenen Werken der Republik. Lilith hatte sie lesen müssen - damals eine anstrengende Pflichtlektüre.

„Was weißt du noch?“

„Erst nach der Krönung des ersten Königs Grosny, dem Pfähler begann die Nacht der Blitze, in der Jägerkolonnen gezielt Jagd auf die Andersartigen machte“, resümierte sie leise. „Nach dem Tod des menschlichen Königs verlor das Königtum Norfesta an Macht und Einfluss und die Zeit des Khanats begann. Ein nie endender Kampf zwischen Grafen, Fürsten und unter einem jetzigen König, der sich lieber dem Alkohol hingibt. Norfesta ist schwach“, schloss sie das Fazit.

„Die Inquisition bleibt fern, sagt man.“

„Es gibt kaum Ritter.“

„Die Tage sind zumeist bewölkt.“ Er nickte anerkennend. „Darum wirst du nach Norfesta reisen und dir die Stadt Blaqrhiken nehmen.“

Das war neu.

„Blaqrhiken?“ Sie sah ihn offen an. „Zu eurem Ruhm, Meister – sehr gerne.“ Etwas Dunkles schimmerte in ihren kalten Augen und das boshafte Grinsen ließ ihre Grausamkeit erahnen. Diese sogenannte Strafe konnte sie mühelos ertragen – mehr noch: es bot sich eine willkommene Gelegenheit an, ihre Kräfte woanders auszuspielen und sich an den Schwachen zu laben. Das Vorrecht der Vampire gebot über allen Sterblichen. Und in Norfesta lebten keine Vampire, was bedeutete, dass sie ein großes Jagdrevier bekam. Keine dumme Selene und ihre Schwestern mehr, die sie jetzt schon lange, sehr lange ertragen musste. Himmlisch.

Er sah sie tadelnd an, als hätte er ihre Gedanken erraten. „Und doch wirst du ihnen kein Haar krümmen.“

Zum ersten Mal schien sie schockiert, fast schon ratlos sah sie zu ihm auf. „Aber…“

„Wenn der Frost einbrach und der Ofen ausblieb, hielt er seine Frau nachts fester. Wenn der Frühling kam, hoffte er. Und wenn die Glocke des Dorfes schlug, hielt er inne, wischte sich den Dreck von der Stirn – und dankte irgendeinem fernen Gott, dass er heute noch stehen konnte“, belehrte er sie mit einem Zitat aus Pauxalis berühmten Werk. „Sie sind bereits geschunden und schwach. Doch um dir gut dienen zu können, braucht ein Schaf auch Pflege, eine sichere Hand die gut unterscheiden kann zwischen Peitsche und ausreichend Futter. Schenke ihnen Hoffnung, Lilith. Sie brauchen nicht noch ein Monster. Gehe gerissen vor.“

Sie blinzelte leicht und sinnierte über diese eine Regel. Das war neu, aber nicht unwillkommen. Ein gutes Rätsel, dachte sie und nickte zögernd.

„Ein eigenes Brutgehege, Lilith. Deine Macht wird zunehmen, deine Herrschaft unangefochten in einem Land, das nur von Bauern besiedelt ist. Ich wünschte, ich könnte dich begleiten“, grinste er gutgelaunt und klopfte ihr auf den Kopf. „Aber auch ich bin nicht frei von Pflichten. So gehe nun los und herrsche. Aber geh besonnen vor und bediene dich ihres Wissens.“

„Ich soll mich nur vom Vieh ernähren?“ Der Gedanke behagte ihr nicht, ähnlich wie der Verzicht auf Brot, Fleisch, Gemüse und Obst; als würde man versuchen sich nur von Hafergrütze zu ernähren. Auf Dauer würde es mehr als nur anstrengend sein.

„Nach einer Weile kannst du dich laben wie gewohnt.“

„Wie das?“

„Frage nach ihren Wünschen und bediene dich ihrer Schwächen. Und wenn sie satt und zufrieden sind“, er hielt kurz inne als eine Motte ins Zimmer flog – und sofort war er bei ihr und hielt das zappelnde Insekt in seinen spitzen Klauen, „dann kannst du dich nähren.“

Das zappelnde Insekt verschwand im Schlund, wurde zerkaut und verging.

Und sie grinste verstehend.

„Die Besitzansprüche werden nahtlos übergehen, dank dem Statutengesetz der Herrschaftschronik von Felitius,dem Jüngeren.“ Er griff zu einem zusammengerollten Pergament und reichte es ihr. „Blaqrhiken ist seit zwanzig Tagen verwaist, also ohne Herrscher. Die anderen Fürsten werden sich dir beugen.“

„Oder sterben“, betonte sie grollend, wissend welche Macht ihr zuteil war.

„Oder sterben“, wiederholte er nickend. „Zwanzig Jahre im meinem Dienst, zwanzig Tagesreisen entfernt und zwanzig Tage ohne Herrscher. Es scheint ein Omen zu sein. Treffend, wie ich meine. Vielleicht auch nur ein Zufall. Einerlei“, entschied er ruhig und nahm sie an der Hand. „Du bist so weit, mein kleiner Drache. Ich gebe dich frei.“ Er lächelte traurig dabei.

Sein Mündel sah ihn gerührt an. Ihr größter Wunsch rügte damit näher. „Ihr habt mir viel beigebracht, Herr. Ich stehe für immer in Eurer Schuld.“

„Knie nieder.“

Sie tat es. Seine kühle Hand auf ihrem Kopf ruhend löste er die Kette des Herrn zu seinem Diener. „Sha’aleth qadam velmorr.“Im Namen der Finsternis, was Mein war ist nun frei.

Beim Sprechen der düsteren, harten Sprache der Alten flackerten zischend die Kerzen, fror die Luft, und ließ die Schatten zucken. Lilith erschauerte kurz dabei, als etwas sie vom Drang befreite, sich zu unterwerfen.

„Et khanuel vel thraem, zovareth ni hul-dar. Kora’th et Nema.“Und aus der Leere sprach er, der Trinker der Stille. So beginnt eine neue Herrschaft.

Es war, als hätte man einen Schleier gelöst, von dem man nicht wusste, dass er auf der Haut lag. Kein Ruck. Kein Reißen. Nur eine plötzliche Leichtigkeit – so sanft, dass sie erst ihr auffiel, als sie schon da war. Wie wenn ein leiser Druck auf der Brust nachlässt, den man so lange getragen hat, dass er Teil von jemanden geworden war. Sie hatte ihn nicht bemerkt – er war kein Schmerz, kein Zwang. Eher wie ein tiefer Ton im Hintergrund, der auf einmal verstummte. Und plötzlich klang alles klarer. Die Luft schmeckte anders. Gedanken flossen freier. Sie war der gleiche Vampir. Und doch atmete sie tiefer. Nicht, weil sie es musste.

Sondern weil sie endlich konnte.

Und die Dunkelheit grinste.

II.

Das „Land des Grün“, Norfesta. Im Vierzigsten Nachtzyklus, dem Jahr der Knochenrose.

Blaqrhiken.

Kein stolzer Name, kein Wappen, das Geschichten erzählte – nur ein Ort zwischen Fluss und Staub, geboren aus Notwendigkeit, nicht aus Ehrgeiz. Die Mauern – sofern man sie so nennen durfte – bestanden aus aufgeschichteten Feldsteinen, lose verputzt, an vielen Stellen eingesunken. Der Turm des Stadttors lehnte sich schief gegen den Himmel wie ein alter Mann, der sich an den Wind erinnerte. Die Gassen waren schmal, uneben, mit stinkendem Wasser durchzogen, das aus allen Richtungen floss, aber nirgends verschwand. Der Regen blieb lange liegen, und wenn es trocknete, hinterließ er Schmutz statt Klarheit.

Der alte Pfarrgarten war still in der Mittagssonne. Bienen summten träge zwischen den Lavendelsträuchern, und irgendwo hinter der Mauer schlug ein Specht im Takt seines Eifers.

Pater Adson saß auf der alten Steinbank, die ein wenig schief stand, den Rücken gegen die Eibe gelehnt. Sein Gesicht war von Furchen durchzogen wie das Land, das er segnete. Tiefe Linien über den Wangen, um den Mund, an der Stirn – aber keine davon schien vom Zorn zu stammen. Eher von Sorge. Neben ihm Elsa – vielleicht zwölf, vielleicht jünger. Elsas Haar, dunkelbraun und dick, trug sie stets streng zusammengebunden, damit es nicht im Teig landete. Ihre Hände waren rissig vom Wasser, gerötet vom Schrubben, verbrannt vom Ofen, und doch flink wie die von jemandem, der nicht denken muss, sondern einfach weiß, was als Nächstes zu tun ist. Elsa sprach wenig, aber beobachtete alles. Wer woher kam, wer wohin ging, wer das Silberstück zu viel einsteckte. Küchenmägde waren wie Schornsteine – voller Asche, aber mit direkter Verbindung zu den verborgenen Dingen.

Ihre Füße baumelten über dem Kiesweg, und ihr Blick war auf eine Schnecke gerichtet, die langsam die Kante eines Blattes erklomm. „Sie weiß nicht, dass sie gleich fällt“, murmelte Elsa. „Oder vielleicht weiß sie es – und macht es trotzdem.“

Adson lächelte. „Ein mutiges Tier, deine Schnecke.“

„Oder ein dummes.“ Elsa legte den Kopf schief. „Aber was ist, wenn man mutig ist, weil man gar nicht weiß, was passieren kann? Ist das dann noch Mut?“

Der Priester legte den Finger an sein Kinn. „Eine kluge Frage. Vielleicht ist es Gnade.“

Elsa zog die Stirn kraus. „Gnade?“

„Etwas, das man bekommt, ohne es zu verdienen. Wie das Licht heute. Oder der Duft von Äpfeln. Oder… der Umstand, dass wir hier sitzen dürfen und nichts Böses geschieht.“

Sie dachte kurz nach. „War es Gottes Wille, dass unsere Eltern starben? Oder das wir hungern?“

„Das kann ich nicht sagen, Elsa. Trotz dem Leid ist die Welt voller Wunder“, sagte Adson leise. „Man muss nur still genug sein, um sie zu sehen.“

„Wie Ihr, Vater. Ihr seid still.“

„Alt, mein Kind. Alt und still.“

Sie grinste. „Ich bin jung und laut. Aber ich sehe die Wunder trotzdem.“

Adson lachte – leise, aber herzlich. „Dann bist du dem Himmel näher, als du denkst.“

Elsa hob ein Gänseblümchen auf und betrachtete es lange.

„Ich glaube nicht, dass Gott in der Kirche wohnt“, sagte sie dann. „Ich glaube, er wohnt in Dingen, die keiner beachtet. In Falten unter Augen. In dem Wind, der durch die Ritzen pfeift. In warmem Brot.“

Adson schwieg. Dann nickte er – langsam, ehrfürchtig. „Wärst du ein Junge, hätte ich dich zu meinem Adlatus gemacht; zu meinem Lehrling. Zusammen hätten wir den Bischof von Ghrom besucht und dir den Weg geebnet.“ Er sah sie stolz an. Etwas Wehmut schwang ins einer Stimme mit. „Aber es ist, wie es ist. Jetzt sitzen wir zusammen hier in Blaqrhiken und reden über Schnecken. Du bist außergewöhnlich klug, Elsa. Ich wünsche dir, dass du deine Klugheit immer gut zu gebrauchen weißt. Was für ein Priester hätte aus dir werden können! Doch Gott hat dir diesen Körper gegeben.“ „Warum?“

„Das weiß nur er.“

Elsa sah ihn an, ihr Blick ernst, aber weich. „Aber Ihr seid der Priester.“

„Ja. Darum sage ich dir, dass du etwas von deiner Klugheit auf deinen Bruder abgeben solltest.Rede mit ihm. Er hat was vor.“

„Ethan hört selten auf mich. Was habt Ihr gehört, Vater?“

Er sagte es ihr, und nickte zufrieden, als sie bedeutungsvoll aufstöhnte.

Wieder Stille.

Die Schnecke fiel.

Beide sahen zu.

Sie landete auf einem Blatt darunter – unversehrt – und kroch weiter, ungerührt.

Elsa grinste.

Adson schloss die Augen und sprach still ein kleines Dankgebet – nicht mit Worten, sondern mit einem Lächeln.

 

Die Häuser bestanden aus Holz, Lehm und Hoffnung. Strohdächer, durch die man die Sterne sehen konnte – nicht aus Romantik, sondern weil der Dachdecker im letzten Winter erfroren war. Kinder hockten in den Türrahmen, still und wachsam, wie kleine Tiere. Die meisten trugen keine Schuhe.

Im Reiher hingegen war es eng, warm und stickig, als hätte man Feuer, Alkohol und Atem in einem Raum eingeschlossen und zugeriegelt. Der Boden war aus festgestampfter Erde, klebrig von verschüttetem Bier und alten Fußspuren. Die Tische waren grob gezimmert, zerkratzt, von Messern gezeichnet und von Geschichten getränkt, die nie leise erzählt wurden. Hocker standen schief oder fehlten ganz. Niemand saß bequem – aber alle saßen.

Ethan kratzte den letzten Rest der Hafergrütze von seinem Teller und saß auf einem wackligen Hocker, der bei jeder Bewegung knarzte, als wolle er protestieren. Der Junge – vielleicht vierzehn, vielleicht sechszehn – trug noch die Kleidung vom Feld: grobe Leinenhose, eine wollene Tunika, die an den Ärmeln ausfranste, und Stiefel, die mehr Schlamm als Leder waren. Der Schweiß stand ihm noch auf der Stirn, vermischt mit Staub, der den ganzen Tag nicht von ihm gewichen war. Seine Hände – rissig, kräftig, von Arbeit gezeichnet – umfassten den Tonkrug wie einen Schatz.

„Hast du nicht schon genug gegessen, Ethan?“ Neben ihm saßen zwei Freunde, genau wie er: Jungs aus dem Dorf, mit müden Gesichtern und dreckigen Fingern, aber mit leuchtenden Augen, weil sie heute nichts pflügen mussten.

„Mir schmeckt es eben. Ich brauche Kraft, Torb. Du solltest dir noch eine Schüssel bestellen. Hast du es dabei?“

„Ein Eisenrohr, drei Fackeln und mein Wille dir zu folgen.“ Verschwörerisch deutete der Angesprochene auf den Sack zu seinen Füßen. „Herm hat das Seil seines Vaters dabei…“ Sie sahen sich an und nickten knapp. Drei junge Männer mit einem Plan. „Zu niemanden ein Wort – bevor der nächste Adelige erscheint.“

„Esst alles auf – auch das Brot.“ Sie teilten, rissen mit den Fingern, schoben einander das Brot zu, fluchten über den Geschmack – und aßen alles auf.

Ethan sagte nicht viel. Er lachte, wenn die anderen lachten, nickte, trank. Und manchmal – wenn keiner hinsah – blickte er durch den Qualm der Taverne zur Tür, als würde er hoffen, dass jemand hereinkommt. Oder dass jemand nicht kommt. Dann hörte er wieder hin, zu seinen Freunden, nahm einen Bissen, schnaubte leise und sagte: „Wenigstens heute Nacht nicht frieren.“

Und sie stießen an.

„Ethan. Torb. Herm“, erklang es plötzlich hinter ihnen. „Euch habe ich gesucht.“ Eine Magd drängte sich mit einer Schüssel durch den Raum, schlug einem Gast den Hand vom Gesäß und brüllte: „Hände weg, oder du frisst das nächste Mal alleine!“

„Brit.“ Die Jungs ließen sie gewähren und machten sich schnell über die zweite Portion her. Sie war immer die Erste, die aufstand – lange vor dem Hahn, wenn das Feuer noch kalt war und der Steinboden im Küchentrakt die Knochen klirren ließ. Ihr Name war selten Thema. Die meisten nannten sie nur Magd, Mädchen, oder du da. Und doch kannte sie jedes Messer, jeden Tiegel, jeden Fluch, der durch die Küche zog. Brit war vielleicht Mitte fünfzehn, vielleicht jünger – das wusste niemand genau, nicht einmal sie selbst. Das Leben hatte keine Zeit für Geburtstage. „Ich habe es gehört“, flüsterte sie aufgeregt zu Ethan. „Du willst an Geld kommen, was? Du bist so ein Schauspieler. Anstatt wie die Alten auf die Felder zu gehen, willst du darunter gehen.“

„Pscht, verdammt!“

„Ich mein ja nur…“, feixte sie leise aber in ihrem Blick mischte sich Bewunderung. „Lasst mich mitkommen.“

„Still“, gebot er ihr. Er hatte an der Tür ein bekanntes Gesicht ausgemacht. „Meine Schwester ist zugegen. Wir sind schon zu dritt. Du kannst also nicht mit…“

„Niemand war dort unten seit der Fürst die Grube hat sperren lassen. Wie tief geht es? Was werdet ihr vorfinden? Ich habe einen starken Rücken“, erklärte sie strahlend, „also falls du nicht allein die ganze Beute tragen willst.“

„Ja, gut.“ Ethan kannte sie alle seit seiner Geburt. Sie waren die Jüngeren, eine verschworene Gemeinschaft aus Freunden. Zu alt um noch mit Kastanien nach Krähen zu werfen und zu jung, um sich mit der Ernsthaftigkeit eines Fronlebens auseinanderzusetzen. Kühne Pläne in ungestümen Köpfen wollten umgesetzt werden. „Wir müssen sehr vorsichtig sein. Zu niemanden ein Wort.“

„Wenn die Geschichten unser Großväter stimmen, warten dort Zwergengold und Elfengeschmeide auf uns“, flüsterte Torb in die Runde. „Du willst mit? Dann bring die Axt deines Vaters mit.“

„Er wird sich kaum von ihr trennen! Wenn sie verloren geht, …“

„Berge voller Schätze. Du könntest ihm zehn Äxte kaufen.“

„Nie wieder Hunger darben“, flüsterte Harm verträumt. „Als Erstes eine Schenke eröffnen und das beste Fleisch aus der Hauptstadt ranschaffen. Ein neues Haus für uns alle.“

„Ich lasse mir Essen bringen – und mir das schönste Kleid schneidern.“ Brits Schürze war immer schmutzig – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil Sauberkeit kein Zustand war, sondern ein Moment, den man sich erarbeiten musste. Sie roch nach Lauch, Rauch, Zwiebeln und Fett. Sie hatte angefangen von einem besseren Leben zu träumen. „Ja, wir werden wie Könige leben…“

Ethan reckte den Kopf herum und sah seine Schwester zum Tresen gehen. Mit dunkler Vorahnung beobachtete er ihre Unterhaltung mit dem Wirt, der kurz danach nickte und in seine Richtung zeigte. Dann hörte er wieder hin, zu seinen Freunden, nahm einen Bissen, schnaubte leise und sagte: „Vielleicht kann ich mich von meiner überfürsorglichen Schwester freikaufen.“

Sie lachten verhaltend.

Die Tür flog auf wie ein Faustschlag, und der größte Mann der Stadt kam herein, sah die Gruppe und kam auf sie zu. In der Stadt sagte man, seine Arme seien aus Eichenholz gemacht und sein Rücken aus Stein, und wenn er ging, bebte die Erde ein wenig unter seinen Schritten. Gerolt Eisenhauer selbst – Mitte Vierzig vielleicht, doch das Gesicht sagte älter – hatte ein kantiges Kinn, zerzaustes Haar und Augen, so hell und durchdringend wie Stahl. Seine Hände waren zerfurcht, schwarz in den Ritzen, mit Narben wie Schriftzeichen. Wenn er die Zange hielt, tat er es wie jemand, der das Leben selbst packt und zurechtbiegt, ob es will oder nicht. „Du kommst mit mir. Hoch mit dir, Brit!“

„Vater, was soll das?“ Kinder hatten Respekt vor ihm. Hunde hielten Abstand. Und die jungen Männer mieden den Blick – nicht so Brit. „Ich kann auf mich aufpassen!“

„Rede nicht so! Ich habe gehört, was deine idiotischen Freunde vorhaben. Das ist das Dämlichste, was…“

„Wie willst du Mutter heilen? Mit frommen Gebeten?“ forderte sie ihn heraus. „Nur mit Gold können wir uns einen Heiler leisten!“

Die Ohrfeige kam hart und schnell. Gerolt Eisenhauer war kein Mann der Diplomatie – seine Sprache war der Klang von Metall, der dumpfe Schlag des Hammers auf Amboss, das Zischen des glühenden Eisens, wenn es im Wasser badete wie ein zorniges Tier. Hart umpackte er ihr Handgelenk. „Solange du an meinem Tisch sitzt, hast du zu gehorchen. Schlag dir diese Träume aus dem Kopf!“

„Aber…“

„Und ihr Bengel“, wandte sich der Hüne der Gruppe zu. „Seid zufrieden mit dem was ihr habt! Die Flausen sollte man euch aus dem Kopf prügeln! Das Große Grab ist verflucht!“

Brits Wange färbte sich rot, während sie vom Platz gerissen und von ihnen weggezerrt wurde. Ethan beobachtete wie alle anderen die Auseinandersetzung, weniger schockiert über das Disziplinarverfahren, sondern mehr über die kleine Botschaft im Kern selbst: es machte bereits die Runde…

Die Jungs sahen Brit nach. „Damit sind wir wieder zu dritt…“ meinte Torb.

„Wir werden an sie denken, wenn wir reich wie die Könige ins Dorf kommen. Doch wir sollten los“, drängte Ethan leise und erhob sich.

„Bruder, warte!“ Seine Schwester, kaum jünger als er, hatte ihn erspäht und still hoffte er, dass sie ihn nicht in Verlegenheit brachte.

Ethan stöhnte geplagt auf. „Nicht jetzt, Elsa.“

„Das ist Wahnsinn! Mutter und Vater hätten niemals…“

„Sie sind tot. Wen kümmert es also?“ gab er schroff zurück und gab das Zeichen zum Aufbruch. Sie alle zog es nach draußen – zum Großen Grab. Torb und Herm nickten knapp, nahmen den Sack und eilten zur Tür, unsicher wer an diesem Tag noch Einwände erhoben würde. Ethan schob seine Schwester sanft beiseite. „Höre, der Winter wird besonders frostig, sagt der Flug der Krähen. Soll ich etwa noch ein Jahr in diesem Kaff bleiben? Warte nicht auf mich. Wir sind schneller zurück, als du glaubst. Ich bringe uns hier raus“, versprach er drängend und eilte los.

„Was ist mit Hanna?“ rief sie ihm zu. „Und deinem Kind?“