Blindes Grauen - Lynn Abercrombie - E-Book
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Blindes Grauen E-Book

Lynn Abercrombie

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Beschreibung

Blindes Grauen – wenn sie den Fall nicht löst, wird sie sterben! Der packende Psychothriller »Blindes Grauen« von Lynn Abercrombie als eBook bei dotbooks. Entführt und in einen kalten Raum eingesperrt. Die Augen zugeklebt. Ein Ultimatum: Innerhalb von 13 Stunden muss sie einen Cold Case lösen – oder sie stirbt. Missouri, USA: Die junge Polizistin MeChelle Deakes ist in einem Albtraum gefangen. Ihr Entführer verlangt von ihr, einen brutalen Mordfall aufzuklären, der Jahre zurückliegt. Doch warum ausgerechnet sie? Während ihr Kollege Hank verzweifelt versucht, MeChelle zu finden, muss sie anhand von Hinweisen des Entführers das grausame Rätsel entschlüsseln. Schon bald ist sie sich nicht mehr sicher, ob ihr Peiniger Täter oder Opfer ist. Und obwohl Totenstille in ihrem Gefängnis herrscht, beschleicht MeChelle der schreckliche Verdacht: sie ist nicht allein … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der beklemmende Psychothriller »Blindes Grauen« von Lynn Abercrombie – auch bekannt unter dem Titel »Blindes Grauen«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 433



Sammlungen



Über dieses Buch:

Entführt und in einen kalten Raum eingesperrt. Die Augen zugeklebt. Ein Ultimatum: Innerhalb von 13 Stunden muss sie einen Cold Case lösen – oder sie stirbt!

Missouri, USA: Die junge Polizistin MeChelle Deakes ist in einem Albtraum gefangen. Ihr Entführer verlangt von ihr, einen brutalen Mordfall aufzuklären, der Jahre zurückliegt. Doch warum ausgerechnet sie? Während ihr Kollege Hank verzweifelt versucht, MeChelle zu finden, muss sie anhand von Hinweisen des Entführers das grausame Rätsel entschlüsseln. Schon bald ist sie sich nicht mehr sicher, ob ihr Peiniger Täter oder Opfer ist. Und obwohl Totenstille in ihrem Gefängnis herrscht, beschleicht MeChelle der schreckliche Verdacht: sie ist nicht allein …

Über den Autor:

Lynn Abercrombie ist das Pseudonym des erfolgreichen Autors Walter Sorrells. Er wurde 1962 geboren und schreibt unter verschiedenen Pseudonymen Kriminalromane und Thriller, für die er unter anderem mit dem »Edgar Allen Poe Award« ausgezeichnet wurde. Er ist begeisterter Kampfsportler und beschäftigt sich mit dem Schmieden japanischer Schwerter – eine Leidenschaft, die er mit seinem Ermittler in »Blindes Grauen« teilt. Walter Sorrells lebt heute in Atlanta.

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Aktualisierte eBook-Neuausgabe Mai 2020

Dieses Buch erschien bereits 2019 unter dem Titel »13 Stunden Angst« bei dotbooks.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2006 by Walter Sorrells. Die amerikanische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Blind fear« bei Pinnacle Books, New York.

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Steinerne Furt, 86167 Augsburg

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Published by Arrangement with Kensington Publishing Corp., New York, NY 10018 USA

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Stefan Hilden, HildenDesign.de, unter Verwendung mehrerer Motive von Shutterstock.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96655-492-3

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Lynn Abercrombie

Blindes Grauen

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Hoffmann

dotbooks.

Kapitel 1

Hank Gooch zog das glühende Stück Stahl ein letztes Mal durch die fauchende Flamme des Schmiedefeuers, nahm die Klinge heraus, stieß sie ins Wasser. Das Schwert, das er soeben geschmiedet hatte, zischte wütend, als es auf das Wasser traf. Dampf stieg in die Luft.

Er konnte die Klinge im brodelnden Wasser sehen, der Stahl wandelte sich in einem Augenblick aus Rot in Schwarz und bog sich aufgrund der wilden Kräfte, die beim Abschrecken auftraten.

Dann hörte er einen leisen Laut aus dem Stahl.

Tink.

Es war ein Geräusch, mit dem ein Dutzend Arbeitsstunden zunichtegemacht wurden. Er wartete noch zehn Sekunden, dann zog er die Klinge aus dem Wasser, und da war er, ein daumenbreiter Riss in der Schnittfläche.

Seit Gooch vor sechs Monaten in Frührente gegangen war, hatte er zu lernen versucht, wie man japanische Schwerter schmiedete. Erfolglos. Er hatte alle Bücher über das Thema gekauft, alle DVDs, er war auf Seminaren und Schmiede-Workshops gewesen, er hatte alles getan, was man konnte, um herauszukriegen, wie die verdammten Dinger gemacht wurden, aber jedes Schwert, das er schmiedete, war schlimmer als das davor. Wenn es sich nicht schon beim Schmieden zu einem Korkenzieher verdrehte, dann zerbarst es beim Abschrecken. Wenn es nicht brach, dann verbog es sich. Wenn es sich nicht verbog, dann zersplitterte es spätestens, wenn man versuchte, etwas mit dem Ding zu schneiden. Irgendwas war immer.

Vor sechs Monaten hatte er gedacht, wenn er in Frührente ginge und anfinge, Schwerter zu schmieden, könnte er genug dazuverdienen, um mit seiner gekürzten Pension gut klarzukommen.

Aber bislang hatte er keine einzige Klinge zustande gebracht, die man hätte verkaufen können. Deswegen sah es mit dem Geld ein bisschen problematisch aus. Es war einfach, verdammt noch mal, viel schwieriger, Schwerter zu schmieden, als es aussah.

Überall im Raum lag der Murks herum, den er in sechs Monaten harter Arbeit zustande gebracht hatte. Verbogene, verdrehte, geborstene und auf die eigenartigste Art nutzlose Stahlstücke – die Hälfte von ihnen steckte in der Wand, die andere Hälfte lag auf einem Haufen am Boden. Er trug den neuesten Stahlmüll durch das Zimmer in Richtung des Haufens und wollte sie in der Holztüre seines Schuppens enden lassen. Er war gar kein schlechter Messerwerfer, also verschaffte ihm wenigstens das dann und wann Erleichterung – eine kaputte Klinge, die mit einem satten Schmatzen in der Wand stecken blieb.

Aber gerade als das Werkstück seine Hand verließ, flog die Tür seines Schuppens auf. Die Klinge segelte durch die Öffnung hinaus, knapp vorbei am Kopf eines jungen Mannes, den Gooch nicht kannte.

»Ahhhh!« Der junge Mann verschwand; er kreischte wie ein Mädchen.

Gooch legte die Arme über Kreuz und wartete.

»Sir? Sir?« Eine schwache Stimme. Vorsichtig tastete sich eine Hand um den Türrahmen, sie hielt ein Mäppchen mit einer Marke darin hoch. »Sir? Hier ist Detective Floss. Cody Floss. Atlanta Police Department, Cold Case Unit. Sir? Sir?«

Gooch sagte nichts.

Der Kopf des Mannes tauchte wieder auf, er schaute furchtsam am Türrahmen vorbei. Eigentlich war es eher ein Junge als ein Mann. Dünnes blondes Haar, das ihm ausgehen würde, bis er dreißig war, ein fusseliger kleiner Schnauzer. Ein billiger schwarzer Anzug mit einer Krawatte, die nicht sonderlich kunstvoll geknotet war. Der Junge musste vor ungefähr zehn Minuten zum Detective ernannt worden sein.

»Sir? Lieutenant?«

Was Gooch anging, so war er kein Lieutenant mehr. Er verachtete diese alten Säcke, die herumliefen und sich auch noch in Rente mit ihrem Ranganreden ließen. Wie diese Clowns, die beim Marine Corps aufhörten und sich dann dreißig Jahre lang Colonel nannten. Entweder man war Zivilist, oder nicht.

»Sir, der Chief hat mich geschickt.«

Der Chief. Dieser Idiot. »Na toll.«

Der Junge schluckte. »Sir, jetzt, wo Sie hier auf dem Land leben, kennen Sie vielleicht nicht die neuesten Nachrichten? Ich weiß, dass Sie und Chief Diggs nicht immer besonders gut miteinander ausgekommen sind und so. Aber er ist nicht mehr der Chief.«

Gooch runzelte die Stirn. Er lebte seit sechs Monaten hier draußen in Troup County und las selten Zeitung oder schaute Fernsehen – meine Güte, da entging einem schon manches.

»Haben Sie das nicht gehört, Lieutenant? Chief Diggs ist jetzt Bürgermeister von Atlanta.«

War das nicht großartig. Genau das brauchte die Stadt Atlanta, einen janusköpfigen opportunistischen Schleimer wie Diggs, der die Show schmiss. Na ja, es war nicht mehr Gooch' Problem. Er marschierte an dem jungen Detective vorbei, ging hinaus auf den mit Unkraut überwucherten Hof, griff nach der Klinge, die er gerade zur Tür hinausgepfeffert hatte, betrachtete noch einmal den Riss. Es war sogar noch schlimmer, als er ursprünglich gedacht hatte. Das Ding war beinahe in der Mitte durchgebrochen.

»Scheiße«, sagte Gooch.

Er ging zurück in den Schuppen und schmiss das Ding auf den Schrotthaufen. Der junge Detective klimperte nervös mit seinen Wagenschlüsseln herum. »Äh ...«

Gooch stellte das Nadelventil am Schmiedeofen herunter. Die gelbe Flamme erlosch, aber das Nachglühen des über 1200 Grad heißen Feuers in dem isolierten Innenraum wärmte sein Gesicht. Er drehte das Gas ab und überlegte, was er als Nächstes machen sollte. Vielleicht ein Wörtchen mit seinem Kumpel Jim Beam wechseln? Oder vielleicht sollte er sich heute lieber an Mr Daniels halten? Eine schwierige Wahl, wenn man so viele Freunde hatte.

»Sir? Es geht um MeChelle. Sergeant Deakes, meine ich.«

Gooch schaute den Jungen ausdruckslos an.

»Sie ist weg, Sir.«

Weg. Das konnte alles und nichts heißen. Gooch ging im Geiste die Möglichkeiten durch. Weg, tot. Weg, entführt. Weg, besoffen im Rinnstein. Weg, weg. Zum ersten Mal seit sechs Monaten hatte er das Gefühl, über etwas nachzudenken, was er begriff. Das letzte halbe Jahr hatte er die ganze Zeit das Gefühl gehabt, in Melasse zu schwimmen.

MeChelle Deakes war also weg. Sie hatte ihre eigenen Dämonen ... aber er konnte sich kaum vorstellen, dass sie einfach verschwand, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen. Gooch sah sich im Schuppen um und machte eine Bestandsaufnahme.

Verdrehte, geborstene, kaputte Stahlteile überall. Wen wollte er damit an der Nase herumführen? Er würde niemals gut darin sein, Schwerter zu schmieden.

»Scheiße«, sagte Gooch zum zweiten Mal.

Er ging wieder zur Tür raus, im Gehen schnappte er dem Jungen die Wagenschlüssel aus den Händen, dann eilte er zügig zum Haus.

»Sir! Sir? Warten Sie!«

Gooch ging ins Haus, stapfte in sein Schlafzimmer, öffnete die Schublade seines Nachttisches, nahm das kleine Foto eines Mädchens mit blonden Haaren und zwei fehlenden Schneidezähnen heraus. Das Bild war alt und verblasst und eselsohrig, es wurde nur noch von Klebeband zusammengehalten. Dieses Bild hatte er jeden Tag als Cop bei sich getragen, das Foto seiner Tochter klebte auf der Rückseite seiner Marke. Eine Erinnerung daran, warum er überhaupt Polizist geworden war.

Dann ging er wieder raus. Der Junge stand an seiner Gartenpforte und wartete, die Hände nervös über seinen Genitalien verschränkt. Gooch lief einfach an ihm vorbei.

»Sir!«, rief der Junge ihm hinterher, als Gooch auf den Wagen des Jungen zumarschierte. »Sir! Was machen Sie da? Wo wollen Sie ...«

Gooch stieg ohne ein weiteres Wort in den Wagen des Jungen und ließ den Motor an.

Kapitel 2

Sgt. MeChelle Deakes war blind.

Sie war mit diesem merkwürdigen Gefühl erwacht. Das Erste, was ihr auffiel, war der Geruch. Kein unangenehmer Geruch. Aber etwas stimmte nicht. Es roch nach neuem Teppichboden und Zement. Eine eigenartige Kombination.

Und dann das Geräusch. Eine Uhr.

Tick. Tick. Tick.

Und dann ... irgendetwas mit ihren Augen. Auch da stimmte etwas nicht. Aber erst als sie sich aufsetzte und versuchte, sich umzuschauen, wurde ihr klar, dass sie nichts sehen konnte. Ihre Augenlider schienen zusammenzukleben. Sie rieb sie, aber sie lösten sich nicht voneinander. Eine Augeninfektion? Da war eine dünne harte Kante ihr Augenlid entlang. Es fühlte sich nicht an wie der vertrocknete Kram, der einem aus einem kranken Auge quoll. Es war härter. Wie Plastik. Ihre Augen brannten ein wenig.

Sie rieb weiter in der Hoffnung, dass die Substanz, die ihre Augen verklebte, sich löste, damit sie wieder sehen konnte. Aber das geschah nicht.

Und sie konnte nichts sehen. Also war sie letztendlich wie blind. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Ein kurzer Panikanfall.

Sie musste jemand um Hilfe rufen! Polizei? Vielleicht ihre Wache? Ihren Vater?

Sie griff nach ihrem Telefon. Aber es war nicht da. Es müsste auf ihrem Nachttisch stehen. Aber da war kein Nachttisch. Und sie lag auch gar nicht in einem Bett. Sie lag auf Teppichboden.

MeChelle verspürte eine eigenartige Verwirrung. Sie versuchte sich daran zu erinnern, was letzte Nacht geschehen war. War sie saufen gewesen? Nein. Sie war von der Wache zurückgekehrt, hatte ein bisschen Papierkram erledigt, dann war sie ins Bett gegangen. Das passte alles nicht.

Warum kann ich nichts sehen?

»Hallo?«, rief sie. »Ist jemand da?« Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren ein wenig zittrig.

Keine Antwort.

Nur die Uhr. Tick. Tick. Tick.

Sie zerrte jetzt an ihren Augen herum, fester, sie zog an den Augenlidern, bis es sich anfühlte, als würde sie sich gleich die Haut herunterreißen. Die Schmerzen waren schrecklich, aber es half nichts. Sie klebten einfach zusammen. Schließlich gab sie auf. Wenn sie verklebt waren, waren sie verklebt.

Sie rollte sich auf die Seite, erhob sich langsam, tastete sich blind vorwärts. Schließlich traf sie auf eine Wand. Eine eigenartige Textur. Wie Schaumstoff. Nicht flach, sondern irgendwie wellig – wie die Unterseite einer Eierschachtel.

Noch drehte sie nicht durch ... aber sie stand dicht davor. Ihr Geist war immer noch verschlafen. Nein, es lag nicht am Schlaf. Die Überreste irgendeiner Droge dämpften ihre Gefühle, verlangsamten ihre Gedanken. Welcher Droge? Sie konnte sich an keinerlei Drogen erinnern. Genau genommen hatte sie im letzten Jahr nichts – nicht einmal ein Glas Wein – angerührt.

Und da dämmerte es ihr mit entsetzlicher Klarheit: Hier passierte irgendetwas richtig Übles.

Sie tastete sich an der Wand entlang. Keine Fenster, kein Lichtschalter. Keine Tür.

Wo ist die Tür? Wo ist die Tür? Nach wenigen Sekunden erreichte sie eine weitere Wand, genau wie die Erste, derselbe wellige Schaumstoffbezug. Wie in einem Aufnahmestudio. Genau – das war Schalldämmung.

Sie tastete sich eine Weile an der Wand entlang. Wieder kein Fenster, keine Tür, kein Lichtschalter, keine Steckdosen. Sie blieb stehen und lauschte.

Abgesehen vom Ticken der Uhr war in dem Raum nichts zu hören. Als wäre die Luft selbst taub geworden. Es war nicht nur leise. Es war nicht nur die relative, friedliche Stille eines leeren Kinos oder einer Kirche am Dienstagmorgen. Dies war eine wahrhaftige Stille. Allumfassende Stille. Keine Flugzeuge, kein Verkehr, keine Kinder auf der Straße, kein Hundebellen, nichts. Überhaupt kein Geräusch.

Außer dem: Tick. Tick. Tick. Tick. Ein Geräusch, das überall und nirgends zu sein schien, das nicht von einem bestimmten Ort herkam, sondern einfach in der Luft um sie herum schwebte.

Ich vergesse irgendetwas. Warum bin ich hier? Ich muss etwas vergessen haben! Da musste ein Fehler im Spiel sein, sie musste etwas vergessen haben, etwas musste ihrem Gedächtnis entschlüpft sein. Durch irgendeine eigenartige Kombination von unglücklichen Zufällen war sie in einem Tonstudio erwacht, und unglücklicherweise waren ihre Augen verklebt.

»Hilfe! Irgendjemand! Ich kann nichts sehen!« MeChelle hatte Mühe, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten.

Und dann kam sie auf den eigentlich offensichtlichen Schluss, wie ein Blitz durchschlug er ihr Denken.

Unglücklicher Zufall? Vergiss es! Das war kein Zufall. Das war keine Verwirrung oder irgendetwas, was sie vergessen hatte, oder ein eigenartiges Zusammentreffen. Sie hatte sich letzte Nacht nicht gehen lassen und war nun in einem Tonstudio erwacht.

Man hatte sie hierher gebracht.

Ihr Herz begann wild in ihrer Brust zu hämmern.

Hierher gebracht? Wer? Warum?

Auf jeden Fall gab es keine naheliegende Antwort darauf. Im Geiste ging sie kurz die verschiedenen schrecklichen Möglichkeiten durch – Vergewaltigung, Folter, Entleibung, Missbrauch ...

Verzweifelt tastete sie sich an der nächsten Mauer entlang. Da! Ein Türknauf. Sie drehte ihn panisch. Er bewegte sich nicht. Er hatte kein Spiel, wackelte nicht, auch die Schrauben saßen bombenfest. Tür, Türknauf und Wand hätten alle auch aus einem einzigen großen Stahlstück gegossen sein können.

Schließlich überkam sie die Angst, sie drängte und bohrte sich durch ihren schwammigen Schädel. Der Drang zu schreien. Hilfe! Bitte! Nein! Was wollt ihr? Nicht! Tut mir nicht weh!

Aber im selben Augenblick, wie die Angst sie überkam, wurde etwas in ihrem Geist ganz ruhig und still.

Nein. Schreien half nichts. Angst würde nichts bringen. Wenn man sie hierher verfrachtet hatte, gab es einen Grund dafür. Irgendjemand wäre dort draußen, auf der anderen Seite dieser Mauer. Irgendjemand wartete darauf, dass sie erwachte. Beobachtete sie. Jemand genoss ihre Angst. Das durfte sie nicht zulassen. Wenn sie der Angst nachgab, dann hatte der sie genau da, wo er sie haben wollte.

Sie atmete tief durch.

Reiß dich zusammen, MeChelle, sagte sie sich. Oberste Polizistenregel: Wenn man hochkommt, muss man sich als Erstes einen Überblick über die Situation verschaffen. Alle weiteren Vorgehensweisen ergeben sich daraus, aus diesem entscheidenden Anfang. Wenn du dich unter Kontrolle hast, hast du die Situation unter Kontrolle; und hast du die Situation unter Kontrolle, kommst du heil nach Hause.

»Na gut!«, rief sie. Sie mühte sich um ihre Cop-Stimme, die Alles-unter-Kontrolle-Stimme. »Na gut, ihr da draußen!«, rief sie wieder. Lauter und entschlossener diesmal. Sie streckte die gespreizten Hände aus. »Hier bin ich. Redet mit mir.«

Tick. Tick. Tick. Nichts außer dem Klang der Uhr.

Sie drehte wieder an dem Knauf. Keine Bewegung. Sie atmete tief durch, drängte die Panik zurück. Dann wandte sie der Tür den Rücken zu.

»Ich habe gesagt, redet mit mir.«

Und da sagte eine Stimme: »Gratuliere. Sie haben den ersten Schritt getan.«

Wie das Ticken der Uhr war auch die Stimme überall um sie herum. Als käme sie aus mehreren Lautsprechern, die ... wo angebracht waren? An der Decke? In den Wänden? Beides?

Die Stimme, dachte sie, die Stimme. Habe ich die Stimme schon einmal gehört? Es war eine tiefe, kraftvolle Stimme. Heiser, sorgsam moduliert, emotionslos, und doch irgendwie ein wenig bedrohlich. Wie die Stimme Gottes – Gott, wenn er einem das Alte Testament um die Ohren haute.

»Sergeant Deakes«, verkündete die Stimme, »Ihnen bleiben dreizehn Stunden. Die Uhr tickt.«

Ja, das tat sie. Das Ticken der Uhr war überall.

Tick. Tick. Tick.

»Sagen Sie mir Ihren Namen«, forderte sie. »Noch haben Sie die Chance, die Sache abzubrechen, ohne den Rest Ihres Lebens im Gefängnis zu verbringen.«

Aber die Stimme Gottes hatte alles gesagt, was sie sagen würde. Jetzt blieb ihr nur die Uhr.

Tick. Tick. Tick.

Kapitel 3

Der Junge, Cody Floss, musste laufen, um seinen eigenen Wagen einzuholen. Aber schließlich schaffte er es doch noch. Sein billiger Anzug war voller Staub.

»In dem Ding siehst du aus wie der Lehrling eines Totengräbers«, sagte Hank Gooch.

»Sir, dieser Wagen ist städtisches Eigentum«, sagte der junge Mann und atmete schwer, während er seinen Sicherheitsgurt anlegte. »Es ist eigentlich nicht erlaubt, dass nicht bei der Stadt Angestellte ihn fahren ...«

Gooch trat aufs Gas und drückte den Jungen in seinen Sitz. »Immer mit der Ruhe«, sagte er.

Gooch war wund, ein wandelnder Nerv. Keine Ahnung warum. Nicht die geringste Idee.

Alles hätte so einfach sein können. Nach fünfundzwanzig Jahren Berufsleben – erst als Soldat und dann als Cop – hatte er sich bei halbem Gehalt zur Ruhe gesetzt, um das zu tun, was er schon lange hatte tun wollen. Er wollte ein einfacher Waffenschmied werden und Klingen in der tausend Jahre alten Tradition der großen japanischen Meister erschaffen. Diese Vorstellung hatte er viele Jahre lang gehegt.

Aber jetzt, wo es so weit gekommen war, wo er hier draußen auf dem Land festsaß und tat, was er so lange geplant hatte, stellte er fest, dass er eigentlich ständig schlechte Laune hatte. Er hatte sich stets für einen dieser Typen gehalten, die sich nicht so leicht von irgendwas unterkriegen ließen. Aber jetzt erschien ihm die Welt leer, voll Falschheit und Oberflächlichkeit, und alles machte ihn wütend. Er warf sogar mit Bierdosen nach den Fernsehnachrichtensprechern, so stand es um ihn. Vor ein paar Monaten hatte er, während er sich ansah, wie irgendein Politiker mit einem Toupet sich um Kopf und Kragen log, den Fernseher gepackt, war zum Fenster getaumelt, und hatte das Ding raus auf den Rasen geschmissen. Wo er immer noch lag, schlammbespritzt und mit ein paar Halmen Stroh dran.

Besser so.

Und jetzt wollte er ohne besonderen Grund diesem Jungen eins in die Fresse hauen. Der Junge hatte ihm überhaupt nichts getan. Er war ihm nur irgendwie in die Quere gekommen.

Aber andererseits hatte er das in letzter Zeit im Grunde über jeden gedacht, den er traf.

»Also dann«, sagte Gooch, während sie über den unbefestigten Weg ratterten, der von seinem Haus zum County Highway führte. Rechts von dem Weg befand sich ein Wald, links wuchsen Sojabohnen, ein großes Berieselungsfahrzeug mit langen Rohren dran hockte in der Feldmitte wie ein riesiges Insekt. »Erzähl mir von MeChelle.«

»Also, gestern Nachmittag hat sie an diesem Fall gearbeitet. Sie ist losgezogen, um einen Zeugen zu vernehmen und ... dann ist sie heute einfach nicht wieder zur Arbeit gekommen.« Gooch wartete auf den Rest der Geschichte, während er über den langen, ruckeligen Kiesweg rasselte, der von seinem Haus weg führte. Die Tatsache, dass MeChelle nicht zur Arbeit gekommen war, reichte ganz offensichtlich nicht aus, dass der Chief jemand aus dem Ruhestand zurückholen würde.

Er schwang den Wagen auf den Highway 8, Richtung Newnan, wo er sich auf der Interstate einfädeln würde, mit der sie dann gen Norden nach Atlanta kämen. Er wartete immer noch auf eine anständige Erklärung, als sie die Interstate erreichten.

Gooch fuhr von der Straße ab, zog die Schlüssel aus dem Zündschloss, stieg aus dem Wagen. Vor ihnen befand sich ein großes Sojafeld, ganz am Ende stand das große weiße Haus des Bauern. »Sir, wo wollen Sie hin?«, fragte der Junge durch das Fenster auf der Beifahrerseite.

»Ich schmeiße gleich deinen Schlüssel in die Sojabohnen da drüben«, sagte Gooch.

»Warum?«

»Du verschwendest meine Zeit. Also kann ich die Gefälligkeit auch erwidern.«

»Aber ... was ...« Gooch krümmte den Arm.

»Warten Sie! Warten Sie!«; rief der Junge, krabbelte aus dem Wagen und packte Gooch' Hand. »Okay, da ist noch etwas.«

Gooch bog die Finger des Jungen von seinem Arm weg.

»Also«, der Junge schluckte, »also, äh, der Chief hat mich nicht, per se, äh, geschickt.«

Jetzt war es so weit. Die Geschichte. Bei solchen Leuten kriegte man immer erst, bevor man die Wahrheit hörte, die Geschichte. Gooch seufzte. Die Geschichte war niemals die ganze Wahrheit, aber es war eine Variante der Wahrheit – die Wahrheit plus ein dicker, dampfender Haufen selbstgerechter Scheiße. Aber man musste sie die Geschichte erzählen lassen, bevor man je die tatsächliche und ganze Wahrheit erfahren konnte.

Cody Floss schaute entschuldigend. »Sehen Sie, Sir, es ist so – ich wurde gerade erst in die Cold Case Unit versetzt. Vorher war ich im Drogendezernat. Es hat nicht – sehen Sie, ich war nicht so besonders im –, also, mein Vater sitzt in der Fulton County Commission, und ich war nicht der beste Streifenpolizist der Welt. Aber – ich weiß auch – ich glaube, vielleicht hat mein Vater ein paar Gefälligkeiten eingefordert und ich wurde zum Detective befördert. Aber nachdem ich bei den Drogen nicht so gut klarkam, haben sie mich zu den Diebstählen versetzt, und ich weiß auch nicht warum, aber es passte nicht so besonders, ob nun wegen des Personals oder der Persönlichkeiten, jedenfalls endete ich bei den Altfällen.«

Gooch lehnte sich an den Wagen und starrte himmelwärts. »Wie auch immer, da bin ich nun also, und Sergeant Deakes ist so eine Art Genie. Wissen Sie? Aber ein bisschen komisch. Und als sie heute also wegblieb, habe ich mir gedacht: Oh, Scheiße, was soll ich machen?«

»Du warst bei Hicks?« Major Denny Hicks, der Leiter der Abteilung ›Kapitalverbrechen‹, war MeChelles Vorgesetzter.

»Mehr oder weniger. Ja, Sir.«

»Mehr oder weniger?«

»Na ja, ich habe nur gesagt, dass sie nicht zur Arbeit gekommen ist. Und Major Hicks meinte: ›Na ja, es wäre nicht das erste Mal, dass sie Mist baut.‹ Er hat gesagt, man würde sich darum kümmern, wenn sie in zwei oder drei Tagen nicht wieder da wäre.«

»Also hat der Chief überhaupt nicht nach mir gefragt?«

»Äh ...«

»Großer Gott.« Gooch wartete eine Minute, damit sich die Wahrheit aus der Geschichte des Jungen herauskristallisieren konnte. Aber das tat sie nicht. Der Junge stand einfach nur da und starrte hinaus auf das Sojafeld.

»Was hast du für Mist gebaut?«, fragte Gooch schließlich.

»Sir?«

»Junge, erst habe ich gedacht, du wärst einfach nur ein Idiot«, sagte Gooch. »Aber jetzt kann ich erkennen, dass es viel schlimmer ist. Wenn du mich noch einmal anlügst, drehe ich dir deinen blöden Hals um. Also, was ist los?«

Der Junge begann zu weinen.

»Soll mir das jetzt auch noch leidtun?«, schnauzte Gooch.

Der Junge antwortete nicht.

Gooch streckte den Arm aus, packte ein Haarbüschel knapp hinter dem Ohr des Jungen und drehte kräftig daran.

»Au!« Der Kopf des Jungen zuckte hoch, und er zerrte erfolglos an Gooch' Hand.

»Hör auf zu heulen und rede«, sagte Gooch und ließ das Haarbüschel los.

Cody Floss schniefte noch ein paar Mal, dann wischte er sich über das Gesicht und sagte mit dünner Stimme: »Wissen Sie, warum ich zur Polizei gegangen bin?«

Oh, toll, dachte Gooch. So weit sind wir jetzt. Ein Geständnis.

»Wissen Sie noch, im Jahr '97? Der Fall, den Sie hatten? Jeannie Montfreize, das Mädchen, das erwürgt worden war? Und Sie haben den Fall geknackt?«

Gooch wollte bloß wieder in den Wagen. Aber das würde den Rhythmus des Geständnisses des Jungen unterbrechen. Also legte Gooch die Arme über Kreuz und machte es sich bequem. Wahrscheinlich würde er sich einen Haufen sinnloses Geschwätz anhören müssen, aber irgendwann würde der Junge ihm etwas Nützliches erzählen. Auf der anderen Seite des Feldes fuhr ein grüner Traktor langsam den Horizont entlang, winzig in der Ferne.

Cody Floss fuhr mit seiner Geschichte fort. »Also, wie auch immer, Sir, ich weiß noch, als Sie die beiden Typen erwischten, die es waren. Melvin Eddy und Purvis Nix. Da war diese große Schießerei live im Fernsehen. Sie haben die beiden umgelegt. Ich habe das im Fernsehen gesehen. Ich war in der Highschool und versuchte mir darüber klar zu werden, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Dann habe ich Sie im Fernsehen gesehen, wie Sie die beiden Typen fertiggemacht haben, und plötzlich war mir klar: Mann, so jemand willst du sein!«

Nein. Nicht das.

»Es ist mir ein bisschen peinlich, aber ich habe ein Album mit allen Ihren Fällen. Ich wollte nur ... Ich wollte Sie sein.«

»Gegen so was gibt es Pillen, Junge«, sagte Gooch.

»Sir, ich versuche bloß ...« Der Junge legte sein Gesicht in die Hände.

»Du interessiert mich nicht, Junge. Geht das nicht in deinen Schädel? Erzähl mir von MeChelle.«

»Ich will ein guter Polizist sein! Wirklich! Aber ...« Es folgte ein langes Schweigen. Schließlich sagte der Junge: »Sir, ich glaube, es ist meine Schuld, was ihr geschehen ist. Und als mir klar wurde, dass die Abteilung nichts unternehmen würde, weil sie weg war, habe ich einfach ... ich wusste, ich muss jemand zu Hilfe holen.«

»Das ist das Erste, was du bisher gesagt hast, was einigermaßen Sinn hat«, sagte Gooch. »Und jetzt erzähl mir, was für einen Mist du gebaut hast.«

»MeChelle hatte da diesen Fall. Es war so, da kam eine blinde Frau ins Büro. Sie hatte einen weißen Stock und alles. Sie setzte sich zu MeChelle und sagte: ›Ich weiß, wer meine Mutter umgebracht hat.‹ MeChelle fing an, sie zu befragen. Es stellte sich heraus, dass diese Frau ...«

»Ich muss dich mal unterbrechen. Du bist Polizist, kein Philosoph. Polizisten beschäftigen sich mit tatsächlichen Gegebenheiten. Nicht mit Prinzipien. Wenn man jemand verhört, dann hat dieser Jemand einen Namen und eine Beschreibung. Wenn man von einer Situation erzählt, dann hat diese Situation an einem bestimmten Datum zu einer bestimmten Zeit stattgefunden. Und jetzt noch einmal von vorne.«

Der Junge fummelte an seinem Krawattenknoten herum. »Okay. Also. Gestern gegen 15:30 Uhr kam eine Person mit einem weißen Stock in unser Büro. Sie stellte sich als Lane Priest vor. Eine weiße Frau, vielleicht einszweiundsiebzig, etwa sechzig Kilo, blondes Haar. Und sonst? Also, obwohl sie blind war – sie war, äh, echt scharf.«

»Was soll das denn heißen, man kann nicht gleichzeitig blind und attraktiv sein?«

»Also, ich weiß nicht, Sir.« Der Junge hatte plötzlich Angst, als gäbe es keine richtige Antwort auf diese Frage.

Gooch zog ein Päckchen Red Man aus seiner hinteren Hosentasche, biss ein Stückchen ab und schob es sich in die Wange. Dieser Junge nervte ihn von Minute zu Minute mehr. Der Tabak beruhigte ihn ein wenig, er konnte damit herumspielen. »Erzähl mir einfach die Geschichte.«

»Ja, Sir! Ich danke Ihnen, Sir. Also, jedenfalls, diese Dame, Ms Priest, sie sagte, ihre Mutter sei vor achtzehn Jahren ermordet worden. Und sie wüsste auch, wer das Verbrechen begangen hätte. Und Sergeant Deakes fragte: ›Woher wissen Sie das?‹ Und die Blinde sagte: ›Ich habe seine Stimme gehört, als meine Mutter ermordet wurde. Ich werde diese Stimme nie vergessen. Und gestern habe ich sie wieder gehört.‹ Und Sergeant Deakes sagte: ›Okay, also, wer war es?‹ Und Ms Priest sagte: ›Ja, das weiß ich auch nicht. Aber hier ist sie.‹ Und dann hält sie einen MP3-Player hoch und drückt den Abspielknopf. Es war die Aufnahme eines Werbespots. Die Frau sagte: ›Hören Sie. Können Sie den Mann in dem Spot hören? Das ist er. Das ist der Mann, der meine Mutter umgebracht hat.‹«

Gooch nickte. Jetzt kam der Junge – vielleicht –endlich weiter.

»Also, jedenfalls, MeChelle – Sergeant Deakes – sie schreibt das alles auf, und die Blinde geht wieder.«

»Wer war bei ihr?«, unterbrach ihn Gooch.

»Bei wem?«

»Lane Priest. Eure Zeugin. Sie ist blind. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat sie jemand zur Wache begleitet. Wer?«

Der Junge zwinkerte. »Äh ... also, mir ist niemand aufgefallen.«

»Und das fandst du nicht merkwürdig?«

»Ehrlich gesagt? Ich glaube, so weit habe ich gar nicht gedacht, Sir.«

»Weiter im Text.«

»Die Frau geht also. MeChelle schickt mich rüber ins Archiv, um die Akte zu holen. Ich gehe also rüber, aber es gibt keine Akte. Ich meine, Ms Priest hat gesagt, der Name ihrer Mutter sei Kathleen Bolligrew gewesen, sie hat gesagt, sie sei, ich hab's vergessen, irgendwann gegen 1989 ermordet worden. Also durchsuche ich 1989, aber diesen Mord gibt es einfach nicht. Also gehe ich ein paar Jahre in beide Richtungen durch. Nada. Was die Akten anbetrifft, ist dieser Mord nie geschehen.

Also gehe ich zurück ins Büro, aber MeChelle ist nicht mehr da. Sie hat mir einen Zettel auf dem Schreibtisch liegen gelassen, auf dem steht, dass sie einen Anruf wegen der Sache mit dieser blinden Frau bekommen hat.«

»Lane Priest. Sie hat einen Namen.«

»Lane Priest. Genau. Die. Also, jedenfalls, auf dem Zettel steht, dass die Blinde noch etwas rausgefunden hätte, und MeChelle ist losgefahren, um sie zu vernehmen.«

Gooch konnte es nun schon kommen sehen.

»Sir, es war ... also, meine Verlobte und ich sollten zu diesem Catering-Laden. Wir wollen im November heiraten, und deswegen gehen wir in alle möglichen Läden und probieren alle möglichen Kanapees oder wie auch immer die heißen. Also, Crystal – das ist meine Verlobte – weiß ganz genau, wie die Hochzeit sein soll, und ... also, ich war sowieso schon zu spät, und ich wusste, es würde sie gar nicht freuen, wenn ich noch später käme, also habe ich einfach ...« Seine Stimme versandete.

»Du wusstest, dass mit dem Fall etwas nicht stimmt«, sagte Gooch. »Und trotzdem hast du Sergeant Deakes allein irgendeinem Mist nachgehen lassen, weil du Schiss hattest, dass deine Freundin dich anblökt.«

»Äh ...«

»Und als Sergeant Deakes heute Morgen nicht auftauchte, hast du dir gedacht, oh, vielleicht hat gestern irgendein Kerl sie angerufen, den sie irgendwann verknackt hat. Und du hast dir gedacht, wer auch immer das war, er will sich vielleicht an ihr rächen.«

»Also ...«

»Und hast du überhaupt schon mit Major Hicks gesprochen? Überhaupt?«

Der Junge sagte nichts.

Gooch schüttelte entnervt den Kopf. »Junge, du musst der blödeste Vollidiot sein, dem ich in meinem ganzen Leben je begegnet bin.«

Der Junge sackte auf der Motorhaube sitzend in sich zusammen. Er war nur noch ein teigiger Ball aus Selbstmitleid.

»Einsteigen«, sagte Gooch, dann sprang er auf den Fahrersitz und ließ den Wagen an.

»Oh, noch was, das habe ich ganz vergessen, Sir«, sagte der Junge und beeilte sich an Bord zu kommen, bevor Gooch davonfuhr. »Das habe ich heute Morgen bei der Arbeit in meinem Eingangskorb gefunden.«

Er nahm ,einen Briefumschlag vom Vordersitz und reichte ihn Gooch. Mit Laserdrucker stand vorne drauf die Botschaft: PERSÖNLICHE ÜBERGABE AN LT. HANK GOOCH. SCHNELLSTMÖGLICH.

»Wäre nicht dumm gewesen, mir das zuerst zu geben«, knurrte Gooch, »statt meine Zeit mit deinen ganzen dusseligen Geschichten zu verschwenden.«

Gooch zog das Messer hervor, das er in der Hosentasche stecken hatte, klappte es auf, schlitzte den Umschlag auf, schüttete den Inhalt in seinen Schoß. Es war ein einzelnes Blatt Papier, in der Mitte gefaltet. Gooch klappte es mit der Messerklinge auseinander, um es nicht mit den Fingern zu berühren. Die Botschaft darauf war in derselben Schrift gedruckt, wie die außen auf dem Umschlag. Da stand:

SERGEANT DEAKES HAT DREIZEHN STUNDEN ZU LEBEN. KONTAKTIEREN SIE NIEMANDEN BEI DEN BEHÖRDEN, SONST STIRBT SERGEANT DEAKES AUGENBLICKLICH. SIE WERDEN HERAUSFINDEN, WAS ZU TUN IST HALTEN SIE SICH NICHT AN DIESE ANWEISUNGEN, SO STIRBT SERGEANT DEAKES SOFORT.

Gooch faltete das Blatt, dann hob er es mit der Messerklinge an. »Tüte das ein und beschrifte es«, sagte er. »Wir werden das auf Fingerabdrücke untersuchen lassen.«

»Geht es um Sergeant Deakes, Sir?«, fragte der junge Detective und deutete auf das gefaltete Blatt Papier.

Gooch antwortete nicht, er legte einfach nur den Gang ein und trat aufs Gas. Er startete in einem Prasseln von Steinchen und einer Staubwolke.

»Was machen wir jetzt, Sir?«, fragte der junge Detective, als es ihm endlich gelungen war, das Schreiben in einen kleinen Asservatenbeutel zu manövrieren.

»Wir?« Gooch spuckte Tabaksaft zum Fenster hinaus. »Junge, ich werde sie finden.«

Kapitel 4

Dreizehn Stunden? Und was dann?

MeChelle fragte sich, ob die Stimme es noch einmal wiederholen würde. Tat sie aber nicht. Da war nichts, außer dem Uhrenticken in der Luft um sie herum.

Wer war da? Wer hatte sie hierher gebracht? Was wollten die von ihr?

Wer auch immer dahintersteckte, es war wahrscheinlich dessen Stimme, die aus dem Lautsprecher kam. Die Stimme. Gib ihr einen Namen. Man musste doch seinen Feind beim Namen nennen können, oder? Damit man wusste, gegen wen man antrat.

MeChelle spitzte die Ohren, sie lauschte nach irgendetwas anderem als der Uhr. Aber da war nichts. Keine Flugzeuge, Züge, Autos, kein Pfeifen des Windes, gar nichts.

Tick. Tick. Tick.

Es schien sehr laut. Und doch, wurde ihr klar, war es das nicht. Es klang nur so laut, weil es nichts gab, womit sie das Ticken vergleichen konnte.

»Hallo?« Keine Antwort. Sie entschied sich zu schreien, so laut sie konnte. »Hilfe! Hey! Irgendjemand! Hilf mir!« Nicht aus Panik, sondern weil es einen Versuch wert war. Vielleicht war die Stimme dort draußen und bewachte die Tür, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht waren die Wände so dick, dass niemand Wohlgesinntes ihre Stimme hören konnte, vielleicht aber auch nicht.

Man musste es eben einfach versuchen.

Sie schrie. Ein hoher, knochendurchdringender Horrorfilm-Schrei. Nicht aus Angst, sondern weil sie wusste, dass nichts die Menschen so schnell auf sich aufmerksam machte wie eine Frau, die wie am Spieß schrie.

Aber das Geräusch schien im selben Augenblick zu ersterben, in dem es aus ihrem Mund drang. Das Zimmer war vollkommen schalldicht. Nichts drang herein, nichts drang heraus. Wie ein Tonstudio. Sie konnte schreien, so viel sie wollte, es wäre ganz egal. Vielleicht saß jemand in ein paar Meter Entfernung auf der anderen Seite der Mauer, aber der würde nichts von ihr mitbekommen.

Sie schrie noch eine Weile weiter, hörte dann aber auf. Mutlos wurde ihr klar, dass es nichts brachte. Wer auch immer sie hierher verfrachtet hatte – die Stimme – war klug, sorgsam, gut vorbereitet. Sie hatte das alles genau überlegt. Niemand würde sie hören.

Sie musste aufhören, ihre Kraft zu verschwenden. Außerdem begann das Schreien sie selbst zu ängstigen, sie empfand bereits leichte Panik. Und Panik war es, die einen umbrachte.

Bleib ruhig. Was willst du tun? Erstens: Such nach Waffen. Zweitens: Such nach einem Fluchtweg. Drittens: Such nach Kommunikationsmöglichkeiten. Ihr Atem drohte außer Kontrolle zu geraten. Die Panik drang durch ihre Knochen und breitete sich aus. Bleib ruhig. Tief atmen. Du musst alles unter Kontrolle behalten.

MeChelle tastete um sich herum. Ihr wurde klar, dass sie erst drei der vier Wände im Zimmer untersucht hatte. Sie tastete sich weiter, fand einen weiteren Türknauf, drehte ihn.

Ihr Herz setzte aus. Dieser ließ sich bewegen!

»Hallo! Ist da jemand?«

Keine Antwort.

Sie tastete sich in den Nebenraum. Als sie eintrat, hörte sie ein leises Summen. Abgesehen von dem Ticken war es das erste Geräusch, das sie hörte, seit sie aufgewacht war. Es war ein bekanntes Geräusch. Ein Kühlschrank. Sie tastete sich quer durch das Zimmer in Richtung des Geräusches. Ihre Hände fanden eine harte, glatte Metalloberfläche. Sie öffnete die Tür. Kühle Luft quoll ihr entgegen. Sie griff hinein und tastete umher.

Oben lag ein Stapel in Wachspapier eingeschlagener Dinge, weich und rechteckig. Sandwiches. Drei Stück. Sie roch daran. Der süße Duft von gekochtem Schinken. Der fischige Geruch von Thunfisch. Das leicht vergorene Aroma von Roastbeef.

Aber im Moment war sie nicht sonderlich hungrig. Besten Dank. Sie legte sie zurück.

In der Tür standen Gläser, Flaschen, Kartons, Krüge. Sie öffnete einen Krug und roch an der Milch darin. Sie war in Ordnung.

Sie tastete sich durch die Glasflaschen. Eine war achteckig, mit einem Schraubverschluss. Heinz Ketchup, da war sie ziemlich sicher. Sie nahm die Flasche heraus, schloss die Kühlschranktür, tastete umher, bis sie einen Tresen fand. Die Ketchupflasche glitt mit einem Schhhhhhhh über den Tresen. Klick.

Die Flasche traf etwas Härteres. Eine Spüle. Sie knallte die Flasche auf den Boden der Spüle. Sie zerbarst und der stechende Tomatengeruch des Ketchups stieg auf. Dann tastete MeChelle nach dem Wasserhahn, drehte ihn auf, wusch vorsichtig den Hals der Ketchupflasche aus, trocknete ihn an ihrem Hemd ab. Sie schob den zackigen Flaschenhals in ihre Hosentasche.

Sie lächelte. Gut. Das wäre erledigt. Ich bin bewaffnet. Jetzt musste sie nur noch einen Weg nach draußen finden. Oder sonst etwas, womit sie Kontakt zur Außenwelt aufnehmen konnte.

Wie könnte sie kommunizieren? Vielleicht konnte sie SOS auf einer Rohrleitung klopfen? Oder Rauchsignale geben? Sie spürte eine Welle der Frustration. Sie hatte wenig Zweifel daran, ganz egal, wo sie war, dass sie weit entfernt von anderen Leuten war. Auf Rohren herumzuklopfen würde also wahrscheinlich nichts bringen.

Denk nach! Denk nach!

Im anderen Zimmer begann ein Telefon zu klingeln.

Andererseits, dachte MeChelle, gibt es auch naheliegende Möglichkeiten. Finde das verdammte Telefon!

Plötzlich raste ihr Herz. Sie tastete sich durch die Küche, so schnell es ihr möglich war. Ein klingelndes Telefon! Wenn sie es bloß erreichte, bevor der Anrufer auflegte. Sie könnte mit jemand reden, sie könnte um Hilfe bitten!

Das Telefon klingelte noch einmal. Dann ein drittes Mal.

Wie konnte die Stimme so blöd gewesen sein, ein Telefon im Zimmer zu lassen? Na, egal.

Durch die Tür. In den anderen Raum.

Das Telefon klingelte zum vierten Mal.

Es schien immer noch entsetzlich weit weg zu sein. Sie ging so schnell sie sich traute durch das Zimmer, sie schlurfte mit den nackten Füßen, um nicht gegen irgendetwas zu stoßen.

Was nicht funktionierte.

Sie stolperte gegen etwas Hartes, verlor ihr Gleichgewicht, stürzte zu Boden, schlug sich den Kopf an der Wand. Sie fluchte, rappelte sich auf, watschelte jetzt ungelenk vorwärts.

Das Telefon klingelte noch einmal.

Wo zum Teufel war das Ding?

Sie schlurfte wieder vorwärts, vorsichtiger diesmal, sie wedelte mit den Händen vor sich in der Luft. Verdammt!

Und da war es. Da war es endlich. Ein glattes Plastikding in ihren Händen. Es fiel zu Boden. Sie beugte sich herunter und nahm es hoch.

»Hallo«, sagte sie.

Es folgte eine lange Pause, dann ein merkwürdig hohles Geräusch, als stünde jemand am anderen Ende eines langen Tunnels.

»Hallo?«, fragte sie.

Keine Antwort.

»Hören Sie. Bitte, ich bin in Not. Ich brauche Hilfe. Ich weiß nicht, wo ich bin, aber ich kann nichts sehen. Sie müssen die Polizei verständigen. Hallo!«

Keine Antwort.

Wut erfüllte sie. Sie packte das Telefon und warf es mit aller Kraft gegen die Wand.

Kapitel 5

Gooch hatte sein Handy behalten, als er in Rente ging. Er brauchte es nicht wirklich. Er hatte nicht einmal ein Netz draußen im Wald, wo er wohnte. Aber er hatte es trotzdem behalten und pflichtbewusst jeden Monat die Rechnung bezahlt.

Warum? Vielleicht hatte er insgeheim gehofft, dass er eines Tages in die Stadt fuhr und das Telefon vibrierte und er auf das Display schaute und darauf stand: SIE HABEN EINE NACHRICHT.

Und vielleicht wäre es MeChelle, die ihn anrief – die ihn wegen etwas Wichtigem brauchte –, vielleicht ein alter Fall, über den er etwas wusste, vielleicht konnte man den Schmerz einer Familie lindern, ein Kind retten, einen Mörder fassen ...

Aber es passierte nie.

Trotzdem hatte er das Handy noch. Während er und der Junge in Richtung Atlanta rasten, mit blauem Blinklicht auf dem Dach, wählte er MeChelles Nummer. Es klingelte einmal, zweimal. Drei-, vier-, fünfmal. Dann klickte es, und der Anrufbeantworter ging ran. »Sie haben Sgt. MeChelle Deakes ...«

Er drückte auf eine Taste und unterbrach sie. Das Handy piepste, er konnte eine Nachricht hinterlassen. »MeChelle. Gooch hier. Ruf mich sofort an.« Dann drückte er auf den Knopf zum Beenden des Anrufes, drückte Wiederwahl.

Diesmal landete der Anruf direkt auf der Voicemail. Eigenartig. Wieso war er beim ersten Mal durchgekommen? Und beim zweiten Mal nicht?

Er drückte erneut Wiederwahl. Anrufbeantworter.

Gooch reichte Cody Floss das Handy. »Ruf weiter diese Nummer an«, sagte Gooch.

»Wie oft?«

»Tu mir einen Gefallen, Junge, ja?«, sagte Gooch. »Sprich nicht mit mir, es sei denn, ich frage dich etwas.«

Der Junge machte sich fleißig an die Arbeit, schien aber nichts zu erreichen. Jedes Mal, wenn er wählte, wartete er und schüttelte dann den Kopf.

Gooch erreichte die I-85 und trat das Gaspedal bis zum Boden durch. Der große Wagen erreichte bald hundertneunzig. Die Straße passte ihm nicht wirklich bei der Geschwindigkeit. Er zuckte und eierte bei jeder Unebenheit. Schicksal.

Fünf Minuten später wählte Cody Floss immer noch und schüttelte immer noch den Kopf.

»Okay, neuer Plan«, sagte Gooch. »Ruf bei den Netzbetreibern an. Finde heraus, wer ihr Anbieter ist.«

»Es ist Cingular, Sir. Wissen Sie, ich persönlich zahle alle meine Rechnungen online. Und ich habe versucht, ihr zu zeigen, wie leicht das geht. Also hat sie mir ihre Rechnung gegeben und ...«

»Okay, mir egal. Ruf Cingular an und sag ihnen, sie sollen eine Sendemasten-Ortung bei ihr durchführen. Das wird uns nicht unbedingt genau sagen, wo sie ist ... aber ...«

»Äh ... das machen die nicht ohne gerichtliche Anordnung.«

Gooch kniff die Augen zusammen. Der Junge hatte recht. »Wer ist mittlerweile beim Staatsanwalt für die Durchsuchungsbefehle zuständig?«

»Also, ich bin ja gerade aus dem Drogendezernat weg, und wenn wir dort waren, dann war es normalerweise ...«

»Vergiss es. Wähl einfach die Nummer der Staatsanwaltschaft und gib mir dann das Handy.«

Der Junge griff nach dem Telefon, fummelte eine Weile daran herum, dann reichte er es Gooch. Er bekam Nellie Bowers dran, die Frau, die beim Staatsanwalt für Durchsuchungsbefehle zuständig war.

»Nellie, hey, hier ist Gooch von Cold Case. Ich brauche einen Durchsuchungsbefehl.«

»Äh ...« Es folgte eine Pause. »Ich dachte, du bist in Rente.«

»Ich bin zurück.« – »Ah, ja ...« – »Ich würde gerne mit dir über alte Zeiten plaudern, aber wir haben einen Officer in einer Notsituation. Du musst einen Durchsuchungsbefehl an Cingular faxen.«

»Äh, Hank, ich brauche ein bisschen mehr als das.«

»Schreib es einfach runter. Sag, dass du einen Informanten hast, der sagt, es hätte eine Entführung gegeben.«

»Was für eine Entführung? Wer wurde entführt?«

»Jetzt hör mal zu, Nellie«, sagte Gooch. »Du schuldest mir noch was wegen dieser Sache. Erinnerst du dich? Oder muss ich es laut sagen?«

Nellie erwiderte nichts. Gooch hatte ihr vor langer Zeit geholfen. Sehr geholfen.

»Nellie, wenn der Durchsuchungsbefehl nicht in spätestens zehn Minuten da ist, dann werden wir beide ein mächtiges Problem haben. Ich will, dass sie eine Handynummer orten. Sie lautet sieben-sieben-null-drei-neun-eins ...«

Er beendete den Anruf und legte auf.

Dann rief er beim Mobilfunkanbieter an. Er konnte die Nummer auswendig – ein Typ namens Robb Newton in der Sicherheitstechnik, der früher im Drogendezernat der APD gearbeitet hatte. »Ja, Robb, hier ist Hank Gooch. Wir haben einen Officer in einer Notsituation, und ich brauche eine Sendemastenortung für eine Nummer. Die Staatsanwaltschaft faxt dir gerade den Durchsuchungsbefehl rüber. Jede Sekunde, die du verdaddelst, ist eine Sekunde, die den Officer das Leben kosten könnte. Alles klar?«

»Äh, Hank, du weißt, dass ich das absegnen lassen muss«, sagte sein Kontaktmann beim Mobilfunkanbieter.

»Ja, das weiß ich. Und ich verspreche dir, du hast den Durchsuchungsbefehl in zehn Minuten.«

»Du verarschst mich nicht?«

»Habe ich das je getan, Robbie?«

Wieder eine Pause. »Stimmt. Gib mir die Nummer.«

»Na, prima.« Gooch gab ihm die Nummer.

Kapitel 6

Blöd, blöd, blöd! Wieso hatte sie das Telefon gegen die Wand geschmissen? Vielleicht hatte sie jetzt ihre einzige Kontaktmöglichkeit zur Außenwelt zerstört ...

MeChelle kroch in Richtung des Telefons, sie tastete mit den Händen über den Boden.

Da war es! Sie nahm es hoch. Es gab keinen richtigen Wählton von sich. Aber eine Art elektrisches Summen. Funktionierte es noch?

Sie fuhr mit den Fingern über die Tastatur. Drei nebeneinander. Vier übereinander. Ein einfaches, altmodisches Telefon. Keine Rückfragetaste, keine Wahlwiederholung, keine Kurzwahltasten. Bloß die Ziffern. Sie konnte sie ihm Geiste vor sich sehen.

Eins. Zwei. Drei.

Vier. Fünf. Sechs.

Sieben. Acht. Neun.

Sternchen. Null. Raute.

Sie legte ihre Finger in die Mitte und begann zu wählen. Erst die Nummer ihres Vaters im Büro. Nichts. Dasselbe elektronische Summen.

Sie drückte ein paar Sekunden auf die Gabel, lauschte. Kein Wählton. Nur das Summen. Also versuchte sie sein Handy. Wieder nichts. Gabel drücken. Dann die Privatnummer ihres Vaters.

Anschließend 911. Ein paar Mal. Nichts.

Danach saß sie eine Minute lang da, den Hörer ans Ohr gedrückt, das Hirn leer. Ihre Finger begannen zu wählen. Sie war halb fertig, bevor ihr klar wurde, wessen Nummer sie da wählte.

Hank Gooch. Wieso zum Teufel hatte sie seine Nummer getippt? Er war in Rente. Außerdem hatte er sie sowieso nie gemocht, oder?

Aber er war der beste Cop, den sie je kennengelernt hatte. Niemand anders kam an ihn ran.

Sie wählte noch einmal seine Nummer. Und wieder. Und wieder. Und wieder.

Sie musste fünf oder zehn Minuten vor sich hin gewählt haben, immer wieder dieselbe Nummer, als sie bemerkte, dass ihr Tränen über das Gesicht strömten.

Jetzt komm schon, Hank!, dachte sie wütend. Komm schon, du alter Sausack.

Kapitel 7

Gooch und der Junge, Cody Floss, waren ein paar Minuten später bei der Mordkommission. Gooch folgte Cody in MeChelles Büro. Als Gooch bei der Cold Case Unit gewesen war, hatte ihr Büro aus einer dunklen Ecke im Keller der City Hall East bestanden. Aber seit er in Ruhestand gegangen war, war die Einheit nach oben in die Mordkommission umgezogen. Beigefarbene Großraumtrennwände, indirekte Beleuchtung – es hätte auch eine Versicherung sein können.

»Wo hat sie ihre Notizen?«, fragte Gooch Floss.

»Da drüben, glaube ich«, sagte der junge Detective.

Gooch marschierte an Cody vorbei in MeChelles Büro. Er bemerkte einen Stapel gelber Notizblöcke auf einer Ablage hinter MeChelles Schreibtisch. Sie war nicht der organisierteste Mensch der Welt; das waren wahrscheinlich ihre noch nicht abgearbeiteten Notizen. Gooch setzte sich auf MeChelles Stuhl, griff nach dem obersten Block und blätterte darin, bis er ihre Aufzeichnungen vom Vortag fand. Sie waren knapp.

Datum des angeblichen Verbrechens. Name und Adresse der Zeugin. Fakten, wie von der Zeugin berichtet. Er brauchte zwei Sekunden, um zu begreifen, warum Cody Floss die Akte, nach der er gesucht hatte, nicht gefunden hatte.

Er schrieb den richtigen Namen auf einen Zettel. »Cody. Geh rüber ins Archiv und hol die Akte.«

»Ja, Sir. Bloß ... Also, ich habe Ihnen ja schon gesagt, ich habe bereits gestern danach ...«

»Schau mal auf diesen Zettel. Der Name der Mutter ist Kathleen Morris Bindestrich Bolligrew. Du hast bei B gesucht. Die Akte liegt bei M.« Gooch blätterte bereits weiter in MeChelles Notizen.

Cody Floss starrte den Zettel an. »Oh«, sagte er schließlich. »Ich dachte, Morris wäre ihr zweiter Vorname.«

Gooch schaute auf. »Bist du noch immer hier?«

»Tut mir leid! Tut mir leid!« Cody Floss eilte davon.

Gooch überflog MeChelles Notizen und prägte sich die wichtigsten Einzelheiten ein. Es war nicht allzu viel.

Nur eine Sache in den Aufzeichnungen fiel ihm auf:

Zeuge hat Barday-Beetle-Syndrom. Etwas stimmt nicht!

Gooch drehte sich um und loggte sich in MeChelles Computer ein – sie benutzte immer noch dasselbe Passwort wie vor sechs Monaten – und speiste den Namen der Zeugin ein. Lane Priest. Sie wohnte in 1134 Peachtree Battle, eine Adresse drüben in Buckhead. Das würde ihr nächster Stopp sein. Aber erst wollte er kurz in die Akte schauen. Hoffentlich würde dieser Floss sich nicht auf dem Rückweg aus dem Archiv verlaufen.

Er sah auf die Uhr. Bis er die Akte in Händen hielt, konnte er nicht viel tun. Er öffnete das Internet und googelte »Barday-Beetle-Syndrom«.

Eine Nachricht leuchtete auf. »MEINTEN SIE BARDET-BIEDL-SYNDROM?« Er klickte Ja. Mehrere Treffer tauchten auf, die meisten hatten mit Blindheit zu tun. Er klickte auf einen und begann zu lesen.

Meine Güte, dachte er. Ist das nicht interessant?

Als er damit fertig war, schloss Gooch einen Moment die Augen und atmete tief durch. Er war nach dem Fall, an dem MeChelle und er letztes Jahr gearbeitet hatten, so ausgebrannt gewesen, dass er das Gefühl gehabt hatte, es wäre höchste Zeit gewesen, die Polizei zu verlassen. Aber jetzt wieder hier zu sein, die Luft zu riechen, die Gespräche der Detectives im Flur zu hören – ihm wurde plötzlich klar, wie sehr er die Arbeit vermisste.

Verdammt.

Als er die Augen öffnete, stand ein Mann in der Tür und sah auf ihn herunter.

Es war Hicks, Major Denny Hicks, der Leiter der Abteilung Kapitalverbrechen. Ein markiger, angespannter Typ mit zurückgegeltem Haar und einem lächerlichen Schnauzer, der einen an einen englischen Regimentsoffizier aus dem Ersten Weltkrieg denken ließ. Hicks kaute Kaugummi. Sein Schnauzer zuckte. Hicks konnte Gooch nicht leiden.

»Was zur Hölle willst du hier, Gooch?«, fragte Hicks.

»Denny«, sagte Gooch. »Schön, dich wiederzusehen.«

Hicks kaute weiter Kaugummi, als wollte er ihn umbringen. »Ich hab dich was gefragt, verflucht, Alter.«

Gooch verschob seinen Kautabak in die andere Wange, beugte sich vor, spuckte in den Mülleimer. »Bin nur vorbeigekommen, um mal einen Anruf zu erledigen.«

»Hank, du sitzt da in Sergeant Deakes' Büro und nutzt unautorisiert Polizeicomputer und siehst dir Sachen an, die du dir nicht ansehen darfst.« Immer noch kaute er auf dem Kaugummi herum. »Du musst verdammt noch mal meine verdammte Frage verdammt noch mal beantworten. Ich will wissen, was du verdammt noch mal glaubst, hier verdammt noch mal zu wollen.«

Gooch lächelte, spuckte noch einmal aus. »Das willst du bestimmt, Junge«, sagte er.

»Scher dich raus aus meinem Laden.«

»Mm-hmm«, sagte Gooch. Dann legte er seine Cowboystiefel auf den Schreibtisch und griff nach dem Hörer. Ihm war gerade etwas klar geworden, klarer als alles, was er je im Leben gewusst hatte. Ihm wurde ob der Gewalt dieser Erkenntnis beinahe schwindelig.

»Gooch, ich geb dir drei Minuten. Wenn du dann nicht weg bist, dann lass ich dich von den Bullen rauswerfen.«

Gooch ignorierte ihn.

Major Hicks stampfte davon.

»Ja, hi«, sagte Gooch. »Hier ist Hank Gooch. Ich möchte mit dem Bürgermeister sprechen. Und sagen Sie ihm, er soll mich besser nicht warten lassen.«

Die Sekretärin des Bürgermeisters Eustace V. Diggs Jr. gab sich alle Mühe, so lange wie nur möglich zu brauchen, um seinen Namen zu notieren. Aber nach einer Minute war der Bürgermeister – der ehemalige Chef des Atlanta Police Department – am anderen Ende der Leitung. Wie Major Hicks war auch der Bürgermeister kein Fan von Gooch. Im Gegensatz zu Hicks aber zeigte er es nicht.

»Sieh an, sieh an!«, sagte Bürgermeister Diggs. »Mein enger persönlicher Freund Hank Gooch! Wem verdanke ich das zweifelhafte Vergnügen?«

»Ach, Teufel, ich wollte Sie nur beglückwünschen dazu, zum Bürgermeister gewählt worden zu sein.«

»Wollten Sie?«

»Ja, Sir, wollte ich.« Gooch ließ einen Augenblick verstreichen. »Außerdem wollte ich Sie wissen lassen, dass ich darüber nachdenke, dieses Buch über die Ermittlungen zu schreiben, mit denen Sie und ich letztes Jahr zu tun hatten. Diese Kindermördersache. So eine Nichts-als-die-Wahrheit-Geschichte. Ich habe schon ein ganzes Kapitel über all die Abläufe hinter den Kulissen. Wie der Polizeichef– also Sie, nicht wahr – vollkommen gegen jedes Gesetz seine Autorität eingebracht hat, um eine große Mordermittlung zu behindern, solche Sachen. Wie, wenn der Polizeichef seinen Willen bekommen hätte, die hübsche kleine blonde Jenny Dial in einer Kiste von einem Kubikmeter verhungert wäre.«

Diggs lachte herzlich. »Ah-hah! Alte Geschichten, ja? Hmm? Ja? Was wollen Sie, Gooch? Ich hab mehr zu tun als ein Einbeiniger bei einem Arschtret-Wettbewerb. Also spucken Sie's aus. Verschwenden Sie nicht meine Zeit.«

»Meinen Job, das ist alles. Ich will meinen Job zurück.«