14,99 €
In der Arbeit mit meinen Klientinnen und Klienten zeigt sich in jedem mehrjährigen therapeutischen Prozess eine mächtige, vom Leben abgewandte Instanz, das Verborgene Ich. Es hat sich dem Zugriff der Mitmenschen und der aktiven Teilnahme am Leben entzogen. Und doch bestimmt es unsichtbar und selbstvergessen unser alltägliches Tun. Ohne dass wir es bemerken, dirigiert es die von ihm zurückgelassenen Persönlichkeitsanteile: die öffentlich sichtbaren Personen und das Kind. So dienen sie dem Verborgenen Ich als Tarnung, denn um keinen Preis will es selbst gesehen werden. Es ist zum Blindgänger mutiert. Wenn wir im Verlauf eines therapeutischen Prozesses unserem Blindgänger unmittelbar in all seiner Negativität und Explosivität begegnen, sind wir schockiert: So wollen wir niemals sein! Und doch können wir, abgespalten von dieser mächtigen Instanz, kein erfülltes Leben führen. Denn das Verborgene Ich ist unser - von vielen Schutzschichten verhülltes - wahres, eigentliches Ich. Die verschüttete Quelle unseres Seins.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 577
Veröffentlichungsjahr: 2020
Vorbemerkung
Einführung in die Methode
Wir sind Verschiedene
Ich-Fokus und Wechsel des Ich-Fokus
Vorderer Raum und Hinterer Raum
Die Alltagspersonen im Vorderen Raum
Das Kind
Das Verborgene Ich
Das Verborgene Ich sucht keine Hilfe
Das Machtgefälle
Veränderungsresistent
Sein lassen
Lineare Lösung – vertikale Lösung
Reaktionsschichten
Trance
Verschiebung des Ich-Fokus
Tool 1: Die Direkte Begegnung
Tool 2: Ähnlich sein
Tool 3: Das Phänomen der Resonanz
Blinde Reaktion
Die Quelle
Zusammenfassung
Anna
1. Therapeutisches Prozessjahr
Verzweifelt, überfordert
Das Kind
Vernebler
Kindheit
Die Eltern
Vernebler ist nicht in dieser Welt
Verwirbler
2. Therapeutisches Prozessjahr
Wieder Vernebler – oder?
Weit weg
Plastiktüte
Sterben ist normal
3. Therapeutisches Prozessjahr
Behindert
Dem Kind geht es besser
Neuland
Vernebler will keine Verantwortung übernehmen
Vernebler war schon immer da
Bloß nicht bewegen
Ein Stück Holz
Mails von Anna und Vernebler
4. Therapeutisches Prozessjahr
Umzug
Mir wurde Unrecht getan
Wie die Made im Speck
Ich kann nicht mehr
5. Therapeutisches Prozessjahr
Neue Bilder von Vernebler
Vernebler kennt sich aus mit dem „Totsein“
6. Therapeutisches Prozessjahr
Zwischen den Welten
Rechtschaffen müde
7. Therapeutisches Prozessjahr
Schlafen ist eine der schönsten Tätigkeiten
Wie eine Qualle im Meer
Essentials 1
Man kann sein Verborgenes Ich nicht loswerden
Anna fühlt sich mehr als Vernebler
Vernebler wandelt sich
Vernebler gewinnt ein Ich-Gefühl
Die Resignation des Verborgenen Ich
Der „Job“ der Alltagspersonen im Vorderen Raum
Das Verborgene Ich taucht ab, wenn es heikel wird
Die Personen des Vorderen Raums verdecken das Verborgene Ich
Caro
1. Therapeutisches Prozessjahr
Das verschenkte Kind
Zauberer
Samurai-Kämpfer
Medizinfrau
Zorra
Caroline
Diogenes und Clown
Jemand dirigiert alles
Mich gibt es nicht
2. Therapeutisches Prozessjahr
Niemand kriegt mich
Beziehungskrise
Der Eklat
Caroline ist nicht vernünftig
Der Alltag läuft normal weiter.
Enttäuschte Liebe
Die Hüpfburg
3. Therapeutisches Prozessjahr
So also fühlt sich fühlen an
Ich will mit dir weiterarbeiten
4. Therapeutisches Prozessjahr
Einsam
Herrscherin erscheint
Hass
Das Ton-Dorf-Spiel
Ameisen stellen keine Fragen
Das ist meine Rache
5. Therapeutisches Prozessjahr
Das Leben aussitzen
6. Therapeutisches Prozessjahr
Das Loch
7. Therapeutisches Prozessjahr
Ich darf lieben
Warum gehst du eigentlich nicht weg?
Das Leben wird spannender
8. Therapeutisches Prozessjahr
Ich will Aufmerksamkeit
Die absolute Nulllinie
Die Stimme hat sich verändert
9. Therapeutisches Prozessjahr
Der Traum
Der Panzer fällt ab
Rückblick
Neid
Ich gehe!
Die Jahre danach
Essentials 2
Die Inszenierung
Das ungeliebte Kind
Zauberers Lösung
Caroline ist keine Handpuppe
Identifikation mit dem Kind
Keine substanzielle Konfliktklärung ohne das Verborgene Ich
Der nicht stattfindende Machtkampf
Das Misstrauen des Verborgenen Ich
Berufsrisiko
Paarkonflikte
Caroline als Druckmittel
Die Resignation aufweichen
Der Wächter
Alte traumatischen Erfahrungen relatvieren sich nicht
Der direkte Machtkampf mit Herrscherin
Herrscherin bestimmt heute Caros Leben
Die Alltagspersonen gehen im Verborgenen Ich auf
Manipulation wird zum lästigen Umweg
Die Selbstverurteilung hört auf
Niels
1. Therapeutisches Prozessjahr
Sich unlebendig fühlen
Kommandeur und Tiger
Der Schwarm
König
2. Therapeutisches Prozessjahr
Niels sagt Nein
Ein seltsamer Traum
Niels’ Kindheit
Regina
Elena
Kann Kommandeur lieben?
Besser ich mach mich tot
Ich will sie ficken!
Tiger wird der Hahn zugedreht
Der sechsjährige Junge
Iris
Entscheidungen stehen an (1)
3. Therapeutisches Prozessjahr
Entscheidungen stehen an (2)
Der Junge liebt Kerstin
Eskalation
Abschied
4. Therapeutisches Prozessjahr
5. Therapeutisches Prozessjahr
Wie passt das alles zusammen?
Wanja
Der strohfressende Löwe
Wanja will den Prozess beschleunigen
Der Bischof schummelt
Tiger weiß, dass die Liebe einem immer genommen werden kann
6. Therapeutisches Prozessjahr
Ich habe mich aus Niels’ Leben abgeseilt
An mir kannst du dir gerne die Zähne ausbeißen
Ich trage mein Auto die Treppen hinunter
Nur nicht sein wie mein Vater!
Dünnschiss
Niels gibt auf
7. Therapeutisches Prozessjahr
Ich lasse mir nicht in die Karten schauen
Panzer um die Brust
Herzoperation
8. Therapeutisches Prozessjahr
Liebe ist für mich zu gefährlich
Ausatmen
Supervision
Sex ist das Einfallstor der Liebe
Es ändert sich was
Gott muss ein Spieler sein
9. Therapeutisches Prozessjahr
Ich spüre den Boden
„Ich lasse nicht von dir, ehe du mich segnest“
Alles wieder gelöscht
Traumwelt
Vorstopper ist da
10. Therapeutisches Prozessjahr
Ja, ich spiele mit dem Feuer
Alles ist gleich, und doch ist alles anders
So bin ich eigentlich
Abschied
Essentials 3
Verschiedene Phasen und Brüche
Vorstoppers Resignation
Der Vorwurf
Spaltung
Das Verborgene Ich ist die Wurzel
Sex und Beziehung
Einen Preis müssen wir zahlen
Vorstopper lebt
Fazit
Dank
Glossar
Literatur
Die therapeutische Arbeit mit dem Verborgenen Ich, dem Blindgänger, setzt da an, wo lösungsorientierte Therapien aufgeben müssen.
So ist die therapeutische Arbeit mit dem Blindgänger gut für Menschen, die schon viel probiert haben und bei denen doch, trotz aller Bemühung, etwas Zentrales unberührt geblieben ist. Die therapeutische Arbeit mit dem Blindgänger ist auch für spirituelle Sucher geeignet, die schon über viele Jahre sich selbst erforschen, ihre Übungen machen, bei denen sich aber der Frieden und die Einigkeit mit ihren Leben nicht dauerhaft einstellen wollen.
Frustration und Resignation sind ein guter Boden für die therapeutische Arbeit mit dem Verborgenen Ich. Sie schaffen die Bereitschaft, etwas zu tun, was sonst kaum jemand tun würde: da-bleiben, auch wenn nichts passiert.
Denn genau das braucht der Blindgänger. Unser verborgenes, eigentliches Ich hat sich von aller Welt und sogar vor uns selbst zurückgezogen. Und doch ist es das Zentrum unseres Seins. Aber wir haben den Zugang zu ihm verloren. Als Blindgänger hat es sich in den Untergrund verzogen und sich bis zur vollkommenen Unkenntlichkeit mit Schutzschichten umhüllt. Dort liegt es und wartet, explosiv und gefährlich, bis irgendwann das Leben vorbei ist. Hoffnung auf bessere Zeiten hat es keine.
Diesem Blindgänger bin ich begegnet. Ich arbeitete damals bereits als Hakomi-Therapeutin in eigener Praxis. Ich nahm an einer mehrjährigen Fortbildung in IndividualSystemik® bei Artho Wittemann teil. Auch war ich bei ihm in einer intensiven, die Ausbildung begleitenden Lehrtherapie. Es ging um Innere Personen und um eine Geheime Machtseite. Plötzlich erwischte ich einen „Zipfel von mir“, eine Seite, die mir bis dahin vollkommen verborgen geblieben war. Ich spürte: „Ich will erzwingen, dass es genau so läuft, wie ich es will! Ich bin rücksichtslos! Egoistisch!
Ich fühle mich niemandem verbunden!“ Ich spürte meinen Blindgänger. Ich war schockiert, ich war entsetzt – hatte ich mich doch bis dahin als einfühlsamen, sensiblen und hilfsbereiten Menschen zu kennen geglaubt. Mein Selbstbild zerfiel und ich sah mich plötzlich mit ganz anderen Augen. Ich spürte meine Aggressivität, meine Leidenschaft und eine Radikalität, die ich bis dahin – ohne es zu wissen – gesellschaftlichen und familiären „Notwendigkeiten“ geopfert hatte.
Leider endete mitten in diesem heftigen Erkenntnisprozess die therapeutische Beziehung zu Artho Wittemann. Er wollte mich nicht weiter begleiten.
Und so war ich mit meinem Blindgänger, meinem Verborgenen Ich, ganz allein. Es war eine Feuertaufe. Brennender Schmerz, Empörung, Wut und die Ohnmacht, nicht anders sein zu können, überwältigten mich. Ich hatte keine Ahnung, wohin mich das führen würde.
Intuitiv spürte ich, dass ich nichts anderes brauchen würde, als mit all diesen Gefühlen zu sein. Ich wusste, ich muss sie einfach sein lassen, wie sie nun einmal sind. Sein lassen und „weiter atmen“. Meine Erfahrung als Therapeutin sagte mir, dass sich diese Gefühle irgendwann wieder wandeln würden. Und zwar einfach deshalb, weil sich Gefühle, wenn wir ihnen Raum geben, immer irgendwann wandeln.
Nun, es hat gedauert – etwa zwei Jahre. Dann legte sich der Schmerz allmählich. Ich fühlte mich wie Phönix aus der Asche in einer völlig neuen Art in meinem Leben da. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, kein Abgrund konnte mich mehr schrecken, ich musste vor mir selbst nichts mehr verbergen. Schlimmer konnte es nicht mehr werden. Und doch – erstaunlicherweise, denn es hatte sich äußerlich ja gar nichts geändert – ging es mir nun wieder gut!
Mit dieser existenziellen Erfahrung hat sich auch meine Arbeit mit meinen Klientinnen und Klienten gewandelt. Mir war klar geworden, dass es in einem therapeutischen Prozess letztlich um den Blindgänger gehen muss und alles andere nur Vorbereitung dafür ist. Denn der Blindgängerbestimmt, was in unserem Leben geschieht, und vor allem auch, was in unserem Leben nicht geschieht. Der Blindgänger ist die machtvoll-bestimmende Kraft im Untergrund, die wir „vergessen“ haben. Im Blindgänger wohnt unsere ursprüngliche Lebenskraft, die gelernt hat, sich unsichtbar zu machen.
Wir meinen, nur noch die von unserem eigentlichen Ich abgespaltenen Teilpersönlichkeiten, die Personen, zu sein. Wir haben uns von der Quelle, von unserem eigentlichen Sein, abgeschnitten.
Ich spürte eine Leidenschaft, mich in meiner therapeutischen Arbeit ganz auf diesen Blindgänger auszurichten. Ich setze mich dem Blindgänger meiner Klientinnen und Klienten aus, was auch immer das im Einzelfall bedeutet.
Doch der Blindgänger braucht Zeit, er misstraut jedem. Er will sich um keinen Preis verändern. Er ist resistent gegenüber allen gut gemeinten Ratschlägen und jeglichen Selbstoptimierungsversuchen. Alles gleitet an ihm ab. Nichts berührt ihn. Man beißt auf Granit, wenn man ihn verändern will. Und zwar auch die Klientin, der Klient selbst. Man kommt „gegen sich selbst“, gegen den Blindgänger, den wir gerne „Widerstand“ nennen, nicht an.
Als Begleiterin wende ich mich diesem Blindgänger zu. Ich setze mich ihm aus und ich bleibe da. Egal, was er tut oder auch nicht tut, ich bleibe da. Oftmals ist er mir feindlich gesinnt, er greift mich an, weist mich ab oder ignoriert mich. Manchmal über Jahre. Ich bleibe da, weil ich weiß, dass das das Einzige ist, was ich wirklich tun kann: dableiben und zulassen, dass der Blindgänger so ist, wie er ist. Egal, wie böse oder ignorant er ist. Nie wird er von mir eine Ermahnung zu hören bekommen, sein Misstrauen doch endlich hinter sich zu lassen. Niemals würde ich ihm sagen, dass er sich doch öffnen oder mir vertrauen soll.
Irgendwann ist der Blindgänger irritiert. Warum gehe ich nicht weg, wenn er mich doch dauerhaft nicht beachtet? Warum wird er nicht selbst attackiert, wenn er mich doch ständig angreift? Warum wende ich mich nicht irgendeiner Teilpersönlichkeit zu, die den therapeutischen Prozess unterstützen und fördern will? Das kann er nicht verstehen. Er weiß doch, dass die Menschen sich nicht wirklich für ihn interessieren und ihn eigentlich nur weghaben wollen. Auf diese Irritation muss ich warten.
So kann der Blindgänger erst durch die langfristig nicht eintretende negative Erfahrung anfangen, sich für sich selbst zu interessieren. Erst wenn er weiß, dass er in diesem Raum bei mir nicht im „Feindesland“ ist, kann er sich um sich selbst kümmern. Vorher ist das nicht möglich, es wäre viel zu gefährlich. Niemand achtet im Krieg auf sich selbst. Im Krieg muss der Feind immer im Auge behalten werden!
Doch dieses Auf-sich-selbst-Schauen, dieses Innehalten ist Voraussetzung dafür, dass der Blindgänger ein Gefühl für sich selbst gewinnt. Nur im Innehalten kann er spüren, wie er geworden ist. Erst wenn er spürt, wie er geworden ist, und nicht dafür verurteilt wird, kann er entspannen – und wird dadurch tiefer sinken. Dieser Weg, das Innehalten und Wahrnehmen unserer selbst, führt letztlich durch all unsere Schutzschichten hindurch zur Quelle – unserem eigentlichen Ich.
Man kann sich natürlich fragen, warum ich mir das als Begleiterin antue. Warum setzte ich mich dieser Abweisung und Negativität eines Blindgängers über Jahre aus? Das haben mich schon einige Klientinnen und Klienten, aber auch Freunde gefragt. (Und tatsächlich gibt es außer mir kaum jemanden, der diese Arbeit tun will.) Ich habe auf diese Frage mehrere Antworten:
Zum einen wüsste ich nicht, was ich Sinnvolleres mit meinen Klientinnen und Klienten tun könnte. Wenn letztlich in einem therapeutischen Prozess sowieso alles auf den Blindgänger hinausläuft, warum soll ich mich mit etwas anderem beschäftigen?
Ich habe erlebt, welche Befreiung es bedeutet, mich selbst in meinem Blindgänger zu erkennen. Diese Möglichkeit möchte ich auch anderen Menschen geben.
Die persönlichste Antwort aber heißt: Jeder Blindgänger zeigt mir, wie ein Mensch unter den Umständen, die er in diesem seinem Leben vorgefunden hat, geworden ist. Unabhängig davon, wie manipulativ, abwesend oder aggressiv ein Blindgänger ist, er ist so geworden. Es ist seine „Lösung aller Probleme“, so zu sein. Ich sehe es als eine zentrale Aufgabe von uns Menschen, alle Zustände, in denen wir uns vorfinden, wahrnehmen und annehmen zu lernen. Dies verschafft uns den Spielraum nicht immer wieder automatisch, blind und zerstörerisch zu reagieren. Die Blindgänger, die ich in meinen Sitzungen erlebe, bieten mir da eine hervorragende Schulung! Manchmal ist das nicht einfach, manchmal fühle ich Ohnmacht oder ich spüre, wie eine Verurteilung einer Klientin oder eines Klienten in mir überhandnehmen will. Und dann weiß ich immer, dass ich etwas nicht verstanden habe. Ich kann etwas nicht annehmen – und deswegen muss ich es verurteilen oder meine, es verändern zu müssen. Sobald ich das verstanden habe, kann ich das Augenmerk auf mich selbst richten und mich fragen: „Was darf gerade nicht sein? Wofür verurteile ich diesen Menschen? Was meine ich, sollte er begreifen?“ Genau da habe ich etwas zu lernen! Meine Begrenzung wird an dieser Stelle spürbar. Ich erhebe mich über diesen Menschen und meine zu wissen, was er tun oder lassen soll. Doch das wird ihm und seiner Geschichte nicht gerecht! Und so ist das Sein mit dem Verborgenen Ich meiner Klientinnen und Klienten auch ein Weg des Lernens und Wachsens für mich selbst. Ich lerne dabei immer noch weiter, zum Leben, zu all seinen Stimmungen, Zuständen und Befindlichkeiten, Ja zu sagen.
Nach einer Einführung in die Methode beschreibe ich in diesem Buch die therapeutischen Prozesse von drei Menschen, die diesen Weg über lange Jahre mit meiner Begleitung gegangen sind. Sie sind mutig dageblieben und haben sich beharrlich sich selbst, ihrem Blindgänger, ausgesetzt. Das war oft nicht einfach. Denn auch sie waren sich selbst gegenüber oft ohnmächtig, auch sie konnten „nichts tun“. Aber sie wollten es wissen. Über alles Unbequeme hinaus, sie wollten es wissen. Therapie im herkömmlichen Sinne ist das nicht. Ein Weg der Heilung allerdings schon.
Ich danke Anna, Caro und Niels, die in Wirklichkeit anders heißen, dass sie mir erlaubt haben, die Geschichte ihrer Prozesse hier aufzuschreiben. Um ihre Privatsphäre zu schützen, habe ich einige Details ihrer Geschichte verändert. Der Gesamtverlauf ihres therapeutischen Prozesses ist jedoch unverändert und wahrheitsgetreu wiedergegeben.
Wir sind Verschiedene
Anna, die Klientin der ersten therapeutischen Prozessdokumentation, beschreibt in einer ihrer ersten Sitzungen bei mir einen Besuch bei ihren Eltern. Sie sagt, sie sei traurig, zu spüren, wie wenig sie sich zu sagen haben. Ich kann die Trauer deutlich spüren, während sie spricht. Sie ist niedergeschlagen und hat Tränen in den Augen.
Kurze Zeit später sagt sie dann aber auch, den gleichen Besuch betreffend, sie habe nur darauf gewartet, bis sie wieder gehen dürfe. Es habe sie genervt, da ewig bei Kaffee und Kuchen rumzusitzen.
Diese beiden Aussagen unterscheiden sich deutlich. War sie nun traurig oder hat sie gewartet und war genervt? Oder hat sie traurig gewartet? Nein, Letzteres nicht. Sie hat nicht traurig gewartet, sie hat genervt gewartet. Aber was ist mit der Trauer? War sie nicht eben noch traurig? Doch, sie war traurig. Aber wie geht das denn alles zusammen?
Das Phänomen ist leicht zu verstehen, wenn wir verschiedene Anteile von Anna unterscheiden: Ein Anteil von Anna ist traurig. Er wünscht sich Kontakt und erlebt, wie wenig davon in ihrer Familie möglich ist.
Ein anderer Anteil ist unbeteiligt. Er ist genervt und wartet, bis Anna wieder gehen darf. Er will keinen Kontakt. Er hat sich längst mit der familiären Kontaktlosigkeit arrangiert und will selbst keinen Kontakt mehr.
Wer ist denn nun aber „Anna“? Ist „Anna“ traurig oder wartet „Anna“ darauf, bis sie endlich gehen darf? Es lässt sich nicht sagen. Es gibt zwei Perspektiven, es gibt zwei Realitäten. Beide haben die gleiche Berechtigung. Beide fühlen sich gleich wahr an, und doch unterscheiden sie sich diametral.
Das Phänomen des „Verschieden-Seins“ begegnet mir nicht nur bei Anna. Es begegnet mir bei Freunden und in der Familie, bei Kollegen, Bekannten, Personen des öffentlichen Lebens und es begegnet mir bei mir selbst. (Das allgemeine Phänomen unterschiedlicher Persönlichkeitsanteile ist nicht zu verwechseln mit dem psychiatrischen Krankheitsbild der multiplen Persönlichkeitsstörung. Bei diesem Krankheitsbild zerfällt die Persönlichkeit in verschiedene Anteile, die keinerlei Wissen voneinander haben und daher nicht integrierbar sind. Siehe ICD 10, F44.81.)
So bin ich geneigt zu sagen: Es gibt unterschiedliche Anteile, die sich im Alltag eines Menschen zeigen! Ich nenne sie Alltagspersonen oder kurz Personen.
Ich-Fokus und Wechsel des Ich-Fokus
Als Anna damals traurig war und „ich“ sagte, nahm sie sich als eine Person wahr, die sich einsam und verlassen fühlt. Ich könnte sagen, sie „schaute mit den Augen“ einer Person, die traurig war und die sich mehr Kontakt gewünscht hätte. Sie fühlte und erlebte die Welt aus der Sicht dieser Person. Sie hatte ihren Ich-Fokus also in dieser traurigen Person.
Eine andere Person, die, die bei dem Besuch der Eltern genervt gewartet hatte, sagte in der Sitzung: „Mir sind die Menschen zu viel.“
Wenn Anna also jetzt „ich“ sagt, meint sie jemand anderen. Diesen „jemand“ hat Anna Vernebler genannt. Schaut Anna aus Verneblers Augen auf die Welt, ist es eine andere Welt. Jetzt sind ihr die Menschen zu viel. Sie will von ihnen in Ruhe gelassen werden.
Annas Ich-Fokus hat also gewechselt. Anfangs hat sie sich in der traurigen Person als „ich“ gefühlt, später in Vernebler. Dazwischen hat offensichtlich ein Wechsel des Ich-Fokus stattgefunden.
So sagt Anna, je nachdem, in welcher Person ihr Ich-Fokus gerade ist, mit der gleichen Selbstverständlichkeit: „Ich bin einsam, ich wünsche mir mehr Kontakt“ oder „mir sind die Menschen zu viel, sie sollen mich alle in Ruhe lassen.“ Beide Aussagen unterscheiden sich so grundlegend, dass man nicht vermuten würde, dass sie von ein und demselben Menschen stammen. Je nach Ich-Fokus hat Anna also einen ganz anderen Blick auf die Menschen und die Welt. Das gilt natürlich nicht nur für Anna. Jedes Gespräch, jede Begegnung wird stärker als von irgendeinem besprochenen Inhalt davon geprägt, in welcher Person jemand seinen Ich-Fokus gerade hat – also als welche Person er an diesem Gespräch teilnimmt.
Vorderer Raum und Hinterer Raum
Alle Personen eines Menschen halten sich im Vorderen Raum, dem Raum des Alltags, auf. Sie sind leicht aufzusuchen, und meist ist es leicht, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Verbringen wir Zeit mit ihnen, lernen wir unsere verschiedenen Alltagspersonen allmählich kennen. Wir meinen normalerweise, dass dieser Vordere Raum uns ganz ausmacht.
Doch irgendwann in diesem Erforschungsprozess wird es stiller. Entweder zeigt sich eine Person, die nicht viel sagen will. Oder eine Person, die anfangs durchaus lebhaft war, wird stiller. Nicht weil sie das soll, sondern weil sie sich zunehmend so vorfindet. Sie müsste sich anstrengen, diese Wandlung zu vermeiden – was sie manchmal durchaus auch tut. Denn die Stille kann ihr unangenehm sein. Zumal sie nicht weiß, wo das denn hinführen soll. Wenn man mit jemandem zusammen ist, redet man doch, oder? Bis es ihr dann doch nutzlos vorkommt, die Stille zu vermeiden.
In diesem stilleren Zustand kann ihr dann das, was vorher war, wie ein Theaterstück auf einer Bühne vorkommen. Nur gibt es jetzt gerade keine Vorstellung. Wir erleben nur eine leere Bühne und scheinbar passiert nichts. Das mag dieser Person unangenehm sein, denn die leere Bühne ist nicht für Besucher vorgesehen.
Dieser stillere Zustand ist die Grenze zwischen dem Vorderen und dem Hinteren Raum. Manchmal entpuppt sich die Person, die zunehmend stiller geworden ist, als eine Art Wächter des Hinteren Raumes.
Im Hinteren Raum wohnt das Verborgene Ich. Es ist die Instanz, die eigentlich nicht gesehen werden will. Das Verborgene Ich hält sich also im Hintergrund, hinter der „öffentlich sichtbaren Bühne“, auf.
Die Menschen aber sollen die Alltagspersonen sehen, nicht das Verborgene Ich! Das Verborgene Ich ist uns selbst meist unbekannt und – wenn wir es dann zu fühlen beginnen – befremdlich. So wollen wir nicht sein! Und so bin ich doch auch gar nicht!
Und doch, je mehr wir uns in unserem Verborgenen Ich wahrnehmen lernen, umso deutlicher wird uns, dass gerade das Verborgene Ich uns eigentlich ausmacht. Und obwohl wir unser Verborgenes Ich meist verurteilen, ist es seltsamerweise befriedigend, sich im Verborgenen Ich aufzuhalten. Wir spüren, wie gut es tut, uns einmal nicht zu verstellen! Es macht uns satt, selbst wenn wir gerne anders wären. Ein Phänomen, das nur schwer zu begreifen ist.
Die Alltagspersonen im Vorderen Raum
Doch wenden wir uns zuerst den Alltagspersonen zu. Sie sind ja auch die Ersten, die wir in einem therapeutischen Prozess erleben. Diese Personen sind so vielfältig wie die Menschen, die uns umgeben.
Es gibt angepasste Personen, aufmüpfige Personen, es gibt verschiedene Kinder, Abenteurer, Faulenzer, Arbeitstiere, penible Buchhalter, es gibt erotische Frauen und Männer und was weiß ich noch alles. In manchen Alltagspersonen finden wir uns oft vor, wir erleben sie als unser „normales Ich“. Andere sind nur ab und zu da und wieder andere treten nur in einer Ausnahmesituation in Erscheinung.
Eine Person kann sich beispielsweise dafür verantwortlich fühlen, alles Alltägliche zu regeln. Sie organisiert die Betreuung der Kinder, kauft ein, kocht, hängt die Wäsche auf, überweist eine Rechnung, bringt auf dem Weg zur Arbeit noch das Päckchen zur Post und schafft es damit, dass unser Leben irgendwie funktioniert.
Eine andere Person will im Internet surfen. Sie mag es, bestimmte Produkte zu suchen, sie mit anderen zu vergleichen, Testberichte und Bewertungen von Kunden zu lesen und sich stundenlang mit einem Produkt auseinanderzusetzen. Menschen braucht diese Person eigentlich nicht. Eher sind sie ihr sogar lästig.
Eine andere Person liebt es, in der Natur zu sein. Sie liebt Abenteuer. Gerne geht sie in die Berge, wandert in einsamen Tälern, genießt es, an einem wilden Bergbach zu sitzen, und trinkt das frische, kalte Wasser aus einer Quelle, an der sie gerade vorbeikommt. Am liebsten ist sie mit einem Freund, einer Freundin unterwegs. Sie mag es, die Erlebnisse mit jemandem zu teilen, ohne jedoch viel darüber zu sprechen.
Eine weitere Person liebt es, neue Bekanntschaften zu machen. Wo immer sie ist, sie kommt mit den Menschen leicht ins Gespräch. Sie kann sich gleichermaßen über eine neue Rebsorte, die resistent gegen Mehlpilzbefall sein soll, unterhalten wie über das Verkaufssystem von Thermomix oder eine alternative Schulform. Sie kann sich auf nahezu jedes Thema einlassen und Relevantes dazu sagen. Diese Person ist offen, heiter, gesellig und die meisten Menschen sind gern mit ihr zusammen.
So hat jeder Mensch sein ganz individuelles „Personal“, das sich mehr oder weniger erfolgreich im gesellschaftlichen Leben etabliert hat. Die Personen existieren dauerhaft.
Der Mensch hat also nicht an einem Tag die einen fünf Personen zur Verfügung und am nächsten Tag fünf ganz andere.
Die Personen können sich sowohl bei Frauen wie bei Männern weiblich, männlich oder kindlich anfühlen. Jeder Mensch hat einige dieser Personen, aber nicht unzählige. Auch wenn ich sie nie auf Vollständigkeit untersucht habe, nach meiner Erfahrung „lebt“ jeder Mensch etwa fünf bis zehn solcher Alltagspersonen.
Besonders spannend wird das Phänomen der verschiedenen Personen dadurch, dass sich diese in einem therapeutischen Prozess konkret aufsuchen und damit näher kennenlernen lassen. Ich kann als Begleiterin also direkt mit der Person von Anna sprechen, die sich nach Kontakt sehnt und die traurig ist. Ich kann aber auch die Person in Anna aufsuchen, die wartet und die sich von Kontakten belästigt fühlt.
Beide Personen von Anna sind also nicht nur beim Besuch ihrer Eltern spürbar, sondern ich kann ihnen auch noch Wochen oder Monate später in einem Sitzungsraum begegnen. Ich kann genau die Person treffen, die damals traurig war. Und auch jetzt in der Sitzung ist die Trauer von damals wieder fühlbar.
Das Kind
Einen speziellen Platz nimmt das Kind im Vorderen Raum ein. Bei manchen Klienten ist es die erste Person, die ich als Begleiterin sehe, bei anderen ist es gut versteckt. Ein Kind fühlt sich wie ein richtiges Kind an. Wenn es ihm gut geht, ist es verspielt, kreativ, verträumt oder ausgelassen. Das Kind ist dann eine Quelle von Lebensfreude und Kreativität.
Oftmals geht es aber einem Kind, das wir in einem therapeutischen Prozess antreffen, nicht gut. Vielleicht ist es einsam, überfordert, gekränkt oder verletzt. Manche Kinder sind regelrecht traumatisiert. Wenn wir in einem therapeutischen Prozess einem traumatisierten Kind begegnen, ist es oftmals so verstört, dass es uns weder anschauen noch mit uns sprechen will.
Das Kind ist seinem Wesen nach hoch emotional. Eigentlich können wir fast davon ausgehen, dass, wenn wir heftige Gefühle wie Angst, Wut, Panik und Verzweiflung erleben, wir dann unser Kind fühlen.
Ein Kind kann unterschiedlich alt sein. Manche sind noch ganz klein, klein wie ein Säugling, der nur Schutz und freundliche Zuwendung braucht. Oft ist ein Kind aber auch älter, Kindergartenalter, frühes Schulalter oder auch späteres Schulalter. Ein Kind hat meist ein Gefühl dafür, wie alt es ist. Gerne frage ich es danach.
Ein Kind wird nie erwachsen. Das ist auch gar nicht seine Aufgabe. Ein Kind ist ein Kind und bleibt Kind, auch wenn der Mensch 80 Jahre oder noch älter sein sollte.
Das Verborgene Ich
Das Verborgene Ich unterscheidet sich von den Alltagspersonen insofern, als es nicht einfach eine weitere Teilpersönlichkeit von uns ist. Vielmehr ist es unser eigentliches Ich. Allerdings ist es – wenn wir es denn überhaupt fühlen können – kaum mehr als solches zu erkennen. Es hat sich zurückgezogen, es hat sich mit Schutzschichten umhüllt und will meist mit den Menschen und der Welt nichts mehr zu tun haben. Normalerweise ist es über Jahre und Jahrzehnte still verborgen – wie ein Blindgänger –, und nur wenn uns eine Situation unerträglich naherückt, kann es mal unvorhersehbar hervorbrechen und „explodieren“. Vielleicht schreien wir, vielleicht schlagen wir, vielleicht zerstören wir etwas oder wir sagen ein Wort oder einen Satz in einer Schärfe, die alle Anwesenden erstarren lässt.
Für eine ganze Gesellschaft zutiefst schockierend, tritt das Verborgene Ich bei einem Amoklauf hervor. Da übernimmt der Blindgänger das Kommando, und von dem „normalen Menschen“, den man bis dahin in ihm gesehen hat, ist nichts mehr zu erkennen.
Doch nicht jedes Verborgene Ich explodiert. Und nicht jedes Verborgene Ich wird zum Amokläufer. Meist spüren wir das Verborgene Ich nur dadurch, dass uns etwas fehlt. Wir fühlen uns nicht so saft- und kraftvoll, wie wir ahnen, eigentlich zu sein. Oder wir spüren ein diffuses Gefühl von Sinnlosigkeit und Orientierungslosigkeit.
Doch wie können wir diese Quelle von Lebendigkeit und Kraft erschließen? Wie können wir die Schutzschichten, die sich um unser eigentliches Ich abgelagert haben, in die Lebenskraft und Lebenslust wandeln, die uns fehlt? Und wie können wir verhindern, dass der Blindgänger dabei unkontrolliert explodiert?
Das sind große Fragen, und damit beschäftigt sich dieses Buch. Doch so viel schon mal vorweg:
Es ist notwendig, dass wir uns einlassen auf unser Verborgenes Ich. Es ist notwendig, dass wir uns einlassen auf all seine Schutzschichten und Verdrehungen. Es ist notwendig, dass wir uns einlassen auf seinen Rückzug, sein Misstrauen, seine Negativität. Kurzum, es ist notwendig, dass wir uns einlassen auf alles, was sich zeigt. Es ist notwendig, dass wir alle Selbstverurteilung hinter uns lassen und sehen, spüren und annehmen, wie sich unser Verborgenes Ich zeigt. Und zwar auch dann, wenn wir so, wie unser Verborgenes Ich ist, eigentlich niemals sein wollen.
Zunehmend werden wir spüren, dass wir hinter allen Bewertungen, hinter allem Angepasst- und Anständigsein eigentlich so sind. Es mag schmerzlich und schambesetzt sein, sich das einzugestehen. Und trotzdem tut es auch gut. Es ist erleichternd, sich unbeschönigt einzugestehen: Ja, so bin ich. Das erfordert zwar Mut, doch es fühlt sich gleichzeitig an, wie wenn eine alte Last, die Last der Tarnung und Selbsttäuschung, von uns abfällt.
Eine besondere Herausforderung in diesem therapeutischen Prozess besteht dabei darin, dass wir unser Verborgenes Ich nicht ändern können. Wir können uns nicht einfach um-entscheiden und uns dazu entschließen, jetzt anders zu sein. Wir können die Schutzschichten um unser eigentliches Ich nicht einfach ablegen, wir können den Rückzug und das Misstrauen nicht einfach aufgeben und wieder freundlich und aktiv am Leben teilnehmen. Das geht nicht.
Das Verborgene Ich hat sich ja nicht leichtfertig zurückgezogen. Das Verborgene Ich hat existenzielle Gründe dafür. Auch wenn wir kaum etwas darüber wissen. Das Verborgene Ich will sich zurückziehen. Es ist nur möglich, es aufzusuchen, nicht aber, es zu ändern. Das macht diese therapeutische Arbeit so langwierig.
Die große Schwierigkeit liegt darin, dass das Verborgene Ich das Leben aufgegeben hat. Es hat resigniert. Es hat sich für das nackte Überleben entschieden. Das Überleben können jedoch auch die Alltagspersonen aus dem Vorderen Raum sichern, dafür wird es nicht gebraucht. Und so wartet das Verborgene Ich im Hinteren Raum nur noch darauf, dass dieses sogenannte Leben irgendwann mal vorbei ist.
Dem Verborgenen Ich ist es also recht, wenn es von den Alltagspersonen überdeckt und damit verborgen wird. Weder will es gesehen werden noch sucht es Hilfe.
Das Verborgene Ich sucht keine Hilfe
So sind wir Begleiterinnen und Begleiter in der paradoxen Situation, jemandem helfen zu wollen, der gar keine Hilfe will. Beziehungsweise, jemand will schon Hilfe, aber es ist nicht derjenige, um den es eigentlich geht. Eine Alltagsperson oder ein Kind ist in Not. Oder jemand hat eine Sehnsucht, dass das Leben mehr sei, als das, was bisher möglich ist. Aber das Verborgene Ich, das in seinem Rückzug die Ursache ist für das Leid der anderen, interessiert das nicht. Es hat das Leben aufgegeben – und sich dadurch von seinem Leidensdruck befreit. Das Leid der anderen berührt das Verborgene Ich nicht. Seine Resignation überdeckt alles.
Nun weiß ein Verborgenes Ich zu Beginn eines therapeutischen Prozesses meist noch gar nicht um sich selbst. Es ist nicht nur für die anderen verborgen. Es ist sich auch selbst verborgen. Und selbst wenn es eine Ahnung von sich hat, kann es sich nicht vorstellen, dass sich jemand mit ihm, so wie es nun mal ist, ernsthaft auseinandersetzen will. Seine Erfahrung mit den Menschen ist ja gerade, dass es nicht gewollt ist, dass sich niemand für es interessiert. Immer nur soll es anders sein. Doch das Verborgene Ich will nicht anders sein. Es hat gute Gründe, so zu sein. Auch wenn es sich an diese Gründe gar nicht mehr erinnert.
So sind wir als Begleiter in der schwierigen Situation, dass diejenigen, die nach Hilfe fragen, jemandes Opfer sind, der keine Hilfe will. Und das wird sich auch nicht ändern lassen. Das ist grundsätzlich so.
Eigentlich wird erst über Jahre, die ein solcher therapeutischer Prozess dauert, sichtbar, ob das Verborgene Ich den Prozess trotz allem will. Das würde heißen, dass in seiner Tiefe doch noch ein Fünkchen Hoffnung glimmt, dass es noch etwas Besseres gibt, als nur noch auf den Tod zu warten. Es räumt dem Prozess eine winzige Chance ein und prüft uns Begleiter währenddessen. Gibt es dieses Glimmen nicht oder ist es nicht stark genug, wird die Klientin, der Klient nicht die Kraft haben, den Prozess durchzustehen. Sie oder er wird das Interesse am Prozess verlieren, anderes wird wichtiger werden und vielleicht erscheint plötzlich eine andere therapeutische Methode Erfolg versprechender. Oder die Zeit oder das Geld ist nicht mehr zu erübrigen. Gründe, warum es nicht mehr geht, sind immer zu finden.
Wir können als Begleiter in so einem Fall nichts tun. Es wäre nicht sinnvoll, die Klientin, den Klienten überreden zu wollen. Gegen den Willen des Verborgenen Ich ist nicht anzukommen. Wir können nur zurücktreten und den Menschen freundlich ziehen lassen. Wir haben ihm das gegeben, was wir konnten. Mehr geht offensichtlich nicht. Wir müssen uns dem Willen des Verborgenen Ich beugen, selbst wenn dieser noch gar nicht direkt zu sehen ist. Manchmal ist das nicht einfach.
Das Machtgefälle
Doch nicht nur in dieser Frage lässt sich am Verhalten der Klientin, des Klienten der Wille des Verborgenen Ich ablesen.
Oft strengen sich die Personen im Vorderen Raum für etwas an, was ihnen einfach nicht gelingen will. Vielleicht will eine Person abnehmen, keinen Kaffee mehr trinken, nicht mehr so viel Zeit am Handy verbringen oder regelmäßig Sport treiben. Oder eine Person will ihre Mails zeitnah beantworten, Ordnung schaffen in den Papieren oder die Küche fegen – aber es läuft immer wieder anders. Die Person vergisst, was sie eben noch tun wollte, oder macht eine kleine Ausnahme. Vielleicht ist sie überfordert oder es schiebt sich irgendwas Dringendes dazwischen. Trotz ihres guten Willens passiert also immer wieder etwas anderes als das, was sie zu tun vorhatte.
An diesem Verhalten – vor allem über einen längeren Zeitraum gesehen – lässt sich der Wille des Verborgenen Ich ablesen. Wenn dem Verborgenen Ich eine Sache wichtig ist, wird sie geschehen. Und zwar selbst dann, wenn sie schwierig, mit Hindernissen behaftet oder anstrengend sein sollte.
Keine herausragenden Künstler, keine Spitzenmusiker oder Spitzensportler, keine erfolgreichen Trainer oder Firmenbosse könnten tun, was sie tun, ohne dass auch ihr Verborgenes Ich das will. Was nicht heißt, dass diese Menschen ihr Verborgenes Ich tatsächlich kennen. Meist tun sie das nicht. Doch irgendeine Art von Zugang müssen sie haben, sie müssen eine Verbindung zu dieser Kraftquelle haben, sonst könnten sie die Energie und das Durchhaltevermögen nicht aufbringen, die für ihre Aufgabe unabdingbar sind.
Ist allerdings eine Aufgabe dem Verborgenen Ich nicht wichtig – und das ist sehr oft der Fall, denn das Verborgene Ich ist ja meist sehr zurückgezogen –, hält es sich einfach zurück. Es tut nichts. Und die Alltagspersonen können sich dann anstrengen, es trotzdem irgendwie hinzukriegen. Was ihnen aber oft genug misslingt. Für ein größeres Projekt fehlen ihnen die Kraft und die Leidenschaft, es fehlt ihnen die Beharrlichkeit.
Die Alltagspersonen kommen langfristig gegen den Willen des Verborgenen Ich nicht an – und zwar auch dann nicht, wenn das Verborgene Ich „schläft“ und gar nicht um sich weiß. Der Wille des Nichtwollens – es ist ein Nichtwollen, wenn jemand „schläft“ – wirkt auch dann. Die Abwesenheit von Präsenz, von Denken und Fühlen wirkt auch ohne, dass wir darum wissen. Die Alltagspersonen sind dann allein gelassen. Sie fühlen sich, als müssten sie zusätzlich zu der Aufgabe auch noch eine Tonnenlast des Widerstands mitschleppen.
Für viele Menschen ist das allerdings der Normalfall. Sie kennen es nur so und haben sich längst daran gewöhnt. Sie wundern sich dann höchstens, warum sie sich oft so energielos fühlen und bei dem, was sie tun, so wenig rauskommt.
Besonders schwierig ist, dass wir diesen Widerstand, den wir manchmal spüren, als etwas Fremdes wahrnehmen. Wir spüren nicht, dass wir selbst es sind, die das, was wir vorhaben, gar nicht wollen. Vielmehr meinen wir, es wären „ungünstige Umstände“, die uns einen Strich durch die Rechnung machen. Eine kleine Ablenkung. Oder was auch immer. Lieber schauen wir gar nicht so genau hin. Lieber bemühen wir uns weiter und hoffen, dass es beim nächsten Mal dann anders sein wird.
Die Person, die so denkt und fühlt, kann nichts dafür. Sie hat es ja versucht, sie hat sich angestrengt. Insofern ist sie tatsächlich „unschuldig“. Und genau das wollen wir auch gerne bleiben.
Hätten wir unseren Ich-Fokus nämlich im Verborgenen Ich, würde sich das ganz anders anfühlen. Wir würden dann fühlen: „Ich will das nicht!“, „Ich mach das nicht!“, „Mir ist das egal.“
Das aber so wahrzunehmen oder gar auszusprechen würde uns in Schwierigkeiten bringen. Wir wollen doch lieb sein, wir wollen doch niemanden enttäuschen, wir wollen doch unseren Teil beitragen! Diese Haltung wäre aber, wenn wir so fühlen würden, wie es das Verborgene Ich fühlt, nicht mehr aufrechtzuerhalten.
So spricht besser eine freundliche, angepasste Alltagsperson. Sie möchte das Zugesagte tatsächlich tun. Und das Verborgene Ich schweigt.
Wenn es aber an die Umsetzung geht, sitzt die Alltagsperson am kürzeren Hebel. Sie kann sich nicht durchsetzen. Sie kommt nicht an gegen das Verborgene Ich, das das nicht will – und das auch selbst die Zusage nie gegeben hat.
Bei unseren Mitmenschen erkennen wir dieses Phänomen meist leichter als bei uns selbst. Wir erleben, wie Kollegen, Freunde, Bekannte oder Partner sagen: „Ich ruf dich dann an“, „ich schick dir das gleich noch per Mail“, „nächstes Mal bezahl dann ich“, „ich wasch die Tassen gleich noch ab“, „ich stell den Müll dann morgen früh raus“ – und handeln dann doch anders.
„Jemand“ wollte das wirklich tun. Wir wurden nicht einfach angelogen. Aber jemand anderes, das Verborgene Ich, wollte es nicht. Es war ihm zumindest nicht wichtig, denn sonst hätte es die Sache in die Hand genommen und es wäre geschehen.
Dieses Phänomen führt unter den Menschen zu viel Enttäuschung und Irritation. Und kaum einer versteht, was eigentlich passiert.
So wird klar, dass ein grundlegender Wandel nur durch das Verborgene Ich geschehen kann. Doch das Verborgene Ich ist veränderungsresistent.
Veränderungsresistent
Das Verborgene Ich lässt sich nicht willentlich ändern. Es ist, wie es ist. Das Verborgene Ich sieht auch gar nicht ein, warum es sich verändern sollte. Wir können ihm eine Veränderung niemals schmackhaft machen. Es ist ihm egal, wie viele stichhaltige Argumente wir anführen. Es ist ihm egal, ob wir es mit Lob oder Tadel zu einer Veränderung verführen wollen. Es ist ihm egal, ob wir subtilen oder manifesten Druck ausüben – allenfalls zieht es sich einfach noch mehr zurück. Vor allem aber ist und bleibt es, wie es ist. Es hat gute Gründe zu sein, wie es ist, selbst wenn es diese nicht mehr kennt. Das Verborgene Ich ist der Spezialist für Nicht-Veränderung – und so muss jeder Versuch, es zu verändern, scheitern.
Verändern geht also nicht. Beeinflussen geht auch nicht. Aber die Klientin, der Klient hat uns doch um Hilfe gebeten. Jemand ist doch in Not. Nur, was können wir tun?
Sein lassen
Nun, das, was wir tun können, ist etwas, wovon sich kaum jemand eine Veränderung versprechen würde: Wir lassen das Verborgene Ich sein, wie es ist. Und wir verbringen mit ihm Zeit.
Dabei werden wir das Verborgene Ich allmählich kennenlernen. Das ist sozusagen unvermeidlich. Nur das. Mehr nicht. Wir lassen es sein, wie es ist, und wir sind mit ihm da.
Wir haben nicht die versteckte Absicht, das Verborgene Ich dann, wenn wir sein Vertrauen gewonnen habe, doch zu beeinflussen. Wir geben ihm niemals zu verstehen, dass das, was es tut oder fühlt, doch heute, wenn es genauer hinschaut, eigentlich unangemessen ist.
Wir beraten es nicht, wir belehren es nicht, wir loben es nicht, wir tadeln es nicht. Wir sind einfach nur mit ihm da. Das kennt das Verborgene Ich nicht.
Allerdings nimmt das Verborgene Ich dieses Angebot – nachdem es sich erst mal daran gewöhnt hat – gerne an. Endlich mal ein Raum, wo es nicht anders sein soll! Endlich mal ein Raum, wo nicht Anstrengung und Veränderungswille gefordert sind. Was für eine Wohltat!
Aber so durchweg angenehm und ereignislos, wie sich dieses Sein-Lassen vielleicht anhören mag, ist es dann doch nicht. Mit Wellness hat es nichts zu tun. Wir haben als Begleiter nicht die Absicht, dass es dem Verborgenen Ich gut gehen soll. Wir bemühen uns nicht darum, dass es sich möglichst wohlfühlen möge. Wir sind nur mit ihm da. Und zwar unabhängig davon, in welchem Zustand es ist. Wir sind mit ihm, wenn es angespannt oder unruhig ist. Wir sind mit ihm, wenn es verschlossen ist. Wir sind mit ihm, wenn es traurig oder resigniert ist. Wir sind mit ihm, wenn es einen alten Groll hegt oder sich langweilt. Wir sind mit ihm, wenn es sich an der Menschheit rächen will. Wir sind mit ihm, wenn es die Menschen verachtet.
Wie auch immer das Verborgene Ich ist, wir greifen nicht ein, wir suchen nach keiner Veränderung. Das ist für das Verborgene Ich irritierend. Da es nicht für möglich hält, dass es wirklich so sein darf, wie es ist, versteht es nicht, was diese Situation soll. Warum wird ihm nicht gesagt, was es tun soll? Warum wird es nicht kritisiert? Was führen wir im Schilde? Das ist eine ihm unbekannte Situation.
Das Verborgene Ich trägt die lebenslange Erfahrung in sich, dass es so, wie es ist, eben nicht sein darf. Diese Erfahrung lässt sich nicht eben grad mal so beiseiteschieben. Und so wird es diesem befremdenden Es-sein-Lassen lange misstrauen. Es wird über einen langen Zeitraum glauben, dass es nur scheinbar, sozusagen als „therapeutischer Trick“, so sein darf, wie es ist – dann aber, wenn es Vertrauen gefasst haben sollte, doch anders sein muss.
Dieses Misstrauen ist verständlich und lässt sich nicht überspringen. Es lässt sich nicht wegrationalisieren durch die kognitive Einsicht, dass wir es bestimmt ernst meinen. Dieses Misstrauen – das sich oft in Warten, in Sich-Langweilen oder „Schlafen“ zeigt – muss da sein dürfen. Und zwar so lange, wie es eben da ist.
Ohne dass das Verborgene Ich selbst klar darum weiß, wird in dieser Phase die Beziehung zur Begleiterin, zum Begleiter geprüft. Meinen wir es wirklich ernst? Stimmt es wirklich, dass es so da sein darf, wie es ist?
Das ist nichts, was wir ihm sagen könnten. Es ist etwas, was es erfahren muss.
Lineare Lösung – vertikale Lösung
Doch was soll das bringen? Gut, das Verborgene Ich darf so sein, wie es ist. Das mag es auch als angenehm empfinden. Aber wie soll das der Klientin, dem Klienten helfen? Was soll damit gewonnen werden? Um diese Fragen zu beantworten, muss ich etwas ausholen.
Es ist uns westlich geprägten Menschen angenehm, Probleme linear zu lösen. „Lineare Lösung“ heißt für mich: Ich löse das Problem mit dem Ursache-Wirkung-Prinzip. Es gibt ein Problem, ich tue was und dann ist es anders.
Zum Beispiel: In einer Kneipe wackelt unser Tisch. Wir nehmen einen Bierdeckel, falten ihn und unterlegen das zu kurze Bein damit. Der Tisch wackelt nicht mehr. Das Problem ist gelöst. Das ist sehr praktisch und befriedigend. Unzählige Probleme lassen sich in unserem Alltag auf diese Weise lösen. Es ist uns so selbstverständlich, so zu agieren, dass wir meist gar nicht mitkriegen, wie viele „Probleme“ wir eigentlich unablässig beheben. Nur hat dieser Lösungsansatz seine Grenzen. Wenn ich mich immer in die gleiche Art Männer verliebe und die mir aber nicht guttun, ist das schwer zu verändern. Oder wenn ich mich häufig schwer und lustlos vorfinde, mich aber fröhlich und unbeschwert fühlen möchte, ist dieses Problem nicht leicht zu lösen.
Auch in der Arbeit mit dem Verborgenen Ich funktioniert der lineare Lösungsansatz nicht.
In Annas Geschichte begegnen wir Vernebler – er wird sich im Verlauf des therapeutischen Prozesses als ihr Verborgenes Ich herausstellen –, der sich sehr früh aus Annas Leben komplett zurückgezogen hat. Würden wir zu Vernebler sagen: „Jetzt komm doch mal zurück, die Zeit im Krankenhaus ist doch längst vorbei! Du kannst doch dein Leben jetzt selbst in die Hand nehmen!“ Vernebler würde es noch nicht einmal hören, geschweige denn positiv darauf reagieren. Es wäre für ihn nur das immer gleiche Geschwätz von Menschen, die wieder irgendwas von ihm wollen. Er würde sich daraufhin nur noch mehr zurückziehen.
Verneblers Haltung – wie die Haltung von jedem Verborgenen Ich – lässt sich durch den linearen Lösungsansatz nicht verändern. Was aber dann? Die Haltung, der Zustand, in dem ein Verborgenes Ich ist, kann sich vertiefen.
Was aber bedeutet in diesem Zusammenhang vertiefen?
Vernebler ist, wie er ist. Er darf so sein. Er muss sich nicht anstrengen, anders zu werden. Er muss sich nicht ändern. Er muss sich niemals ändern. Das entspannt ihn. Er dehnt sich aus in seinem So-Sein. Er spürt noch ein bisschen mehr, wie er eigentlich ist. Er sinkt damit tiefer, tiefer in sich selbst – und wandelt sich dadurch. Auch das ist Veränderung. Veränderung durch Tiefersinken. Das nenne ich die „vertikale Lösung“.
Für den westlich geprägten Verstand ist diese Art der Veränderung eine Zumutung, denn sie ist nicht willentlich steuerbar. Diese Art der Veränderung ist nicht durch einen Entschluss und mit Anstrengung zu erreichen. Das ist uns unangenehm, denn die Veränderung entzieht sich dadurch unserer Kontrolle.
Zudem kann unser Verstand die „vertikale Lösung“ nicht begreifen: Ich tue nichts und es wandelt sich doch… Das kann doch nicht sein! So funktioniert doch die Welt nicht!
Und tatsächlich ist das ja auch nur die halbe Wahrheit.
Hätte Anna nur „nichts“ gemacht, hätte sich Anna also gar nicht um Vernebler gekümmert, wäre diese Wandlung, die sie erfahren hat, nicht eingetreten. Anna hat also schon „etwas getan“: Sie hat sich auf Vernebler eingelassen. Sie hat ihn immer wieder sehr genau gespürt und anerkannt, dass Vernebler – also sie selbst – so ist!
Das sieht nach wenig aus, ist aber viel. Es erfordert Demut. Anna kann es nicht machen. Nicht Anna selbst kann die Veränderung bewirken. Anna kann sich nur auf das einlassen, was ist. Die Veränderung, die Wandlung, geschieht ohne ihr aktives Zutun.
Erschwerend kommt hinzu: Anna kann noch nicht mal bestimmen, in welche Richtung sich ihr Zustand wandelt! Annas Sinken ist auch für sie selbst nicht vorhersehbar. Es folgt nicht ihrer Vorstellung, wie sie gerne wäre. Das ist eine heftige Zumutung! Anna hat einfach keinerlei Kontrolle.
Das gilt natürlich nicht nur für Anna. Es gilt für jeden von uns.
Suchen wir nach der vertikalen Lösung, können wir uns also nur auf den Zustand einlassen, der sowieso schon da ist. Dabei ist unsere Bewertung des Zustandes unerheblich. Wir können gut finden, wie wir sind, oder uns dafür verurteilen – das spielt nicht wirklich eine Rolle. Unabhängig davon ist unser Zustand, wie er ist. Notwendig jedoch ist, dass wir ihn anerkennen und uns selbst erlauben, so zu sein. Und das selbst dann, wenn wir gerne anders wären.
Reaktionsschichten
Gut. Ich lasse also das Verborgene Ich sein, wie es ist. Weder ich als Begleiterin noch die Klientin, der Klient bemüht sich um Veränderung. Das Verborgene Ich entspannt sich und sinkt tiefer. Fast unmerklich verändert sich sein Zustand. Wir begegnen einem neuen Zustand, einer neuen Schicht.
In Annas therapeutischem Prozess hat Vernebler in der obersten Schicht gar nicht gespürt, dass er jemand ist. Er dachte, er wäre nichts. Dann, in einer tieferen Schicht, hat er gespürt, dass er weg ist. Er hat also gespürt, dass er jemand ist, der weggegangen ist. In einer noch tieferen Schicht hat er gespürt, dass er beleidigt ist und mit den Menschen nichts zu tun haben will. In einer noch tieferen Schicht hat er gespürt, dass er verletzt ist. Dann spürte er, dass er sich in dieser Welt fremd fühlt und Kontakt nur in sehr kleiner Dosierung verträgt. Und dann spürte er, dass er sehr langsam ist und für alles viel Zeit braucht.
Im Rückblick ist leicht zu erkennen, was für eine tiefgreifende Wandlung Vernebler durchgemacht hat. In der aktuellen Situation jedoch hat Vernebler das Gefühl, immer nur „nichts“ zu machen. Er hat sich nie angestrengt, er war immer nur so, wie er nun mal war. Und trotzdem hat er sich gewandelt. Es hat sich sogar etwas ganz Tiefgreifendes in ihm gewandelt.
Anna wurde als Frühchen zu Beginn ihres Lebens wochenlang nahezu ohne jeden menschlichen Kontakt im Krankenhaus versorgt. Dieses winzige Wesen, eben noch von der Mutter umhüllt, von ihren Bewegungen getragen, von ihrem Herzschlag begleitet, war auf einen Schlag vollkommen allein, nur noch von lebloser Materie und künstlichem Licht umgeben.
Das muss furchtbar gewesen sein. Und darauf hat Vernebler reagiert. Er hat Schutzschichten – oder Reaktionsschichten, wie ich sie nenne – gebildet und so seinen Schmerz reduziert.
In seiner obersten Schicht, da, wo er sich gar nicht mehr als jemand fühlt, kann ihm nichts mehr passieren. Er fühlt sich nicht mehr verlassen, denn er ist ja selbst weg. Wer könnte ihn da noch verlassen? Vernebler ist dem Schmerz tatsächlich entkommen.
In einem therapeutischen Prozess begegnen wir den Reaktionsschichten in umgekehrter Reihenfolge zu ihrer Entstehung. In der obersten Schicht ist das Verborgene Ich am geschütztesten. Vernebler ist einfach nur nicht da. Durch den jahrelangen Prozess ist er tiefer gesunken und sich selbst damit immer nähergekommen.
Ich habe als Begleiterin in jedem längeren therapeutischen Prozess ein Verborgenes Ich gefunden, das sich auf die eine oder andere Art und Weise aus dem Leben zurückgezogen hat. Immer hat sich dieses Verbergen als eine Art Schutz herausgestellt, sich dem Leben nicht mehr unmittelbar preiszugeben.
Der Weg des Zurückkommens ist allerdings langwierig. Manchen Menschen mag das zu mühsam sein. Ich kenne aber keine Abkürzung. Vielleicht gibt es auch keine.
Trance
Das Verborgene Ich ist in seinen Reaktionsschichten von der Vergangenheit geprägt. Diese haben mit der Gegenwart nur wenig oder sogar gar nichts zu tun. Die Sicht des Verborgenen Ich auf die Realität, seine Sicht auf die Menschen und die Welt wird durch seine Reaktionsschichten verzerrt. Diese Verzerrung nenne ich Trance.
Das Verborgene Ich ist in Trance, weil es meint, die Gegenwart zu sehen und angemessen auf sie zu reagieren. Tatsächlich aber reagiert es auf eine längst vergangene Situation, die durch die aktuelle Situation nur reaktiviert wird. Ob das Verborgene Ich dabei direkt in der Welt agiert oder ob es das nur indirekt über die Alltagspersonen tut, ist dabei unwesentlich.
Diese Verzerrungen sind aber so alltäglich, dass wir sie als normal empfinden – mehr noch als das: Wir erkennen gar nicht, dass wir uns eigentlich alle mehr oder weniger unablässig in einer Trance – jeder in seiner eigenen Trance – befinden! Wir sind blind dafür. Wir meinen doch, die Realität zu sehen! Wir erkennen nicht, dass unser Empfinden mehr oder weniger ununterbrochen von unserer Vergangenheit gefärbt und dadurch verzerrt ist. Würden wir das erkennen, wären wir nicht in Trance. Doch die Trance ist, gesellschaftlich gesehen, unser Normalzustand.
In Annas therapeutischem Prozess zeigt sich die Trance bei Vernebler. Er sagt: „Ich bin beleidigt. Ich will, dass man mir meine Wünsche von den Augen abliest.“
Eigentlich sind dies Bedürfnisse aus Annas frühster Kindheit. Damals hätte sie gebraucht, dass jemand ihre – damals noch wortlosen – Bedürfnisse wahrnimmt und angemessen auf sie eingeht. Vernebler spürt diese Gefühle aber heute. Er spürt sie wie eine Forderung an mich. Ich habe aber mit damals gar nichts zu tun.
Das sage ich Vernebler aber nicht. Ich will nicht, dass er kognitiv konstatiert, dass das unangemessen ist. Ich will, dass Vernebler spürt, dass er so fühlt. Nicht, dass heute alles gut ist. Nicht, dass ich ihm heute all seine Wünsche von den Augen ablese. Das könnte ich nicht leisten. Das könnte niemand leisten, und das wäre auch nicht heilsam. Das würde höchstens eine Illusion hervorrufen, die nach kurzer Zeit dann doch wieder enttäuscht würde. Aber darum geht es nicht. Vernebler hat es nicht wirklich nötig, dass ihm heute seine Wünsche von den Augen abgelesen werden. Vielmehr braucht er das Gefühl, dass er so vorkommen darf. Dass es von Bedeutung ist, was er fühlt, und dass er darauf eine Antwort bekommt. Dass er sagen kann: „Ich bin beleidigt und ich will, dass man mir meine Wünsche von den Augen abliest!“ Und jemand hört und versteht ihn. Das befriedigt ihn. Paradoxerweise macht ihn das satt – und nicht die tatsächliche Erfüllung des geäußerten Wunsches.
Verschiebung des Ich-Fokus
Da die Haltung des Verborgenen Ich grundlegend unser Sein in der Welt bestimmt, wird sich jeder langfristige Therapieprozess früher oder später ganz auf das Verborgene Ich ausrichten müssen. Die Alltagspersonen verlieren an Wichtigkeit.
Doch meist lehnen wir unser Verborgenes Ich erst mal ab. Es ist egoistisch, zurückgezogen, kompromisslos, abgegrenzt. So wollen wir nicht sein!
Über die Jahre aber – selbst wenn wir nicht gerne so sind, wie unser Verborgenes Ich ist – spüren wir: Ich bin es aber trotzdem! Was soll ich mich dagegen wehren, wenn ich es doch nicht ändern kann? Unsere Selbstverurteilung nimmt ab, und wir beginnen, das Verborgene Ich mehr und mehr als „Ich“ zu fühlen. Das heißt also, unser Ich-Fokus, unsere Ich-Wahrnehmung verschiebt sich allmählich von den Alltagspersonen im Vorderen Raum hin zum Verborgenen Ich.
Das hat weitreichende Folgen: Wir spüren, dass das, was wir tun – beziehungsweise auch das, was wir eben nicht tun – unser Wille ist. Wir spüren, ich will das so! Nicht irgendjemand anders hindert mich daran, es sind nicht die Umstände, das bin ich selbst!
Das ist eine große Erleichterung, denn wir sind damit keine Opfer mehr. Das Verborgene Ich ist kein Opfer, es ist Täter! Das ist zwar nicht bequem, aber das ist kraftvoll. Im zunehmenden Fühlen des Verborgenen Ich, im zunehmenden Gefühl, dass wir selbst die Täter sind, die unser Leben genau so wollen, wie es ist, gewinnen wir unsere Autorität zurück.
Die Verschiebung des Ich-Fokus ist nicht zu verwechseln mit dem Wechsel des Ich-Fokus, den ich weiter oben beschrieben habe.
Der Wechsel des Ich-Fokus ist situativ und mit etwas Übung meist leicht zu vollziehen. Ich kann mit einem Wechsel des Ich-Fokus also gezielt eine Person wie z. B. den Buchhalter, den Abenteurer, das Kind, aber auch das Verborgene Ich aufsuchen.
Die Verschiebung des Ich-Fokus beschreibt die langfristige Verlagerung unseres Ich-Fokus von den Alltagspersonen hin zum Verborgenen Ich. Die Verschiebung des Ich-Fokus ist nicht willentlich zu leisten. Vielmehr geschieht sie nur dadurch, dass wir uns auf unser Verborgenes Ich einlassen, es immer tiefer kennenlernen und uns in ihm annehmen.
Tool 1: Die Direkte Begegnung
Bisher habe Ich über die Alltagspersonen, das Kind und das Verborgene Ich in seinen Reaktionsschichten geschrieben. Ich habe von der Notwendigkeit geschrieben, Zeit mit ihnen zu verbringen, um sie dabei allmählich kennenzulernen.
Wie aber – ganz konkret – geht das „Kennenlernen“ einer Alltagsperson? Wie geht das, mit dem Vorborgenen Ich „Zeit zu verbringen“?
Die einfache Antwort heißt: Wir begegnen ihnen. Und zwar ganz unmittelbar und direkt.
In jeder Sitzung wenden wir uns unmittelbar als zentralem Element einer Person des Vorderen Raums beziehungsweise dem Verborgenen Ich im Hinteren Raum zu. Für diese Direkte Begegnung wählen wir einen spezifischen Platz im Raum. Eine Alltagsperson hat im vorderen Teil des Raumes seinen spezifischen Platz und das Verborgene Ich hat im hinteren Teil des Raumes seinen spezifischen Platz.
Begibt sich nun die Klientin, der Klient auf einen dieser Plätze, geschieht etwas Erstaunliches: Die Alltagsperson, die diesem Platz zugeordnet wurde, beziehungsweise das Verborgene Ich auf seinem Platz, tritt unmittelbar in Erscheinung! Die Körpersprache verändert sich, die Mimik verändert sich, die Stimmung verändert sich. Wir können die jeweilige Person, wir können das Verborgene Ich jetzt direkt als solche ansprechen!
Die Klientin, der Klient bemüht sich also nicht darum, eine bestimmte Rolle zu spielen. Vielmehr begibt sie oder er sich nur auf den vorgegebenen Platz und lässt sich selbst davon überraschen, was dann passiert. Dass „nichts“ passiert, dass sich auf einem Platz niemand zeigt, gibt es nicht. Denn jedes „Nichts“ – schauen wir denn nur genau genug hin, fühlen wir denn nur genau genug hin – entpuppt sich als „etwas“. Immer entsteht eine bestimmte Stimmung, eine bestimmte Atmosphäre.
Und immer spricht der Körper. Das müssen wir als Begleiter nur zu lesen verstehen. In der Direkten Begegnung ist alles, was sich ereignet, willkommen. Es gibt kein Gefühl, keinen Zustand, keine Gedanken, die unerwünscht sind. Das gilt für diffuse Zustände wie Langeweile, Schläfrigkeit, das Gefühl, gar nicht richtig anwesend zu sein, wie für klar zuordenbare Gefühle wie Trauer, Wut, Beleidigtsein, Ungeduld oder Freude gleichermaßen.
Jede der sich ereignenden Befindlichkeiten sagt etwas über die jeweilige Person oder über das Verborgene Ich aus, das gerade anwesend ist, und ist somit bedeutsam.
Dabei lenke ich als Begleiterin die Situation nicht aktiv. Ich will die anwesende Alltagsperson oder das Verborgene Ich in keiner Weise beeinflussen. Weder will ich den Heiteren zum Über-sich-Nachdenken bringen, noch will ich den Traurigen trösten. Ich will den Ängstlichen nicht beruhigen und den Verschlossenen nicht zum Sich-Öffnen bewegen.
Ich bin als Begleiterin aber auch keine „Reporterin“. Ich mache kein Interview mit der anwesenden Person. Ich frage nicht, wer sie denn so ist und was sie denn so tut im Leben dieses Menschen. Darauf würden zwar manche Alltagspersonen freudig antworten, aber es hilft nicht weiter. Viele Alltagspersonen und auch das Verborgene Ich täuschen sich über sich selbst. Sie erzählen dann Dinge, die sich im Nachhinein als nicht haltbar herausstellen. Daher würden solche Gespräche leicht in die Irre führen und wären einem substanziellen Kennenlernen nicht dienlich.
Eine Sitzung unterteilt sich in der Regel also in drei Phasen: das Vorgespräch, die Direkte Begegnung und das Nachgespräch.
Im Vorgespräch erzählt die Klientin, der Klient von allem, worüber sie oder er erzählen mag. Meist betrifft dies Ereignisse und Erfahrungen, Gefühle und Befindlichkeiten der letzten Zeit. Dann besprechen wir, wer, also welche Person – oder das Verborgen Ich – in diesem Gespräch eben am deutlichsten zu spüren war. Meist wählen wir diese dann auch für die Direkte Begegnung aus – denn offensichtlich „möchte“ sie gerade hier sein. Die Klientin, der Klient begibt sich auf den Platz der gewählten Person/des Verborgenen Ich. Die Direkte Begegnung beginnt. Sie kann fünf Minuten oder auch zwei Stunden dauern.
Im Nachgespräch, wieder auf dem Ausgangsplatz, werden die gemachten Erfahrungen besprochen. Wir schauen gegebenenfalls nach Lebenssituationen, in der die erlebte Person oder das Verborgene Ich auch schon in dieser Haltung sichtbar und fühlbar geworden ist. Für eine erstmalig aufgesuchte Person wird noch ein passender Name gefunden.
Tool 2: Ähnlich sein
Wie aber begegne ich als Begleiterin einer Alltagsperson? Was heißt das überhaupt, ihr zu begegnen?
Ich werde ihr ähnlich.
Heißt das, dass ich sie imitieren soll? Soll ich ihre Gestik, ihre Körpersprache nachahmen? Nein, das würde sie irritieren, sie würde sich nicht ernst genommen fühlen. Vielmehr schaue ich nach einer meiner Alltagspersonen, die der Alltagsperson meiner Klientin, meines Klienten ähnlich ist. Bei einer heiteren Person suche ich also nach jemandem, der auch heiter und unbeschwert ist, bei einer nachdenklichen Person suche ich nach jemandem, der auch über alles nachdenkt, und bei einer traurigen Person suche ich nach jemandem, der auch traurig und empfindsam ist.
Grundsätzlich entspannt sich eine Person, wenn sie so sein darf, wie sie ist. Am unmittelbarsten erlebt sie das, wenn ihr Gegenüber ihr ähnlich ist. Sie erkennt: „Ah, die ist auch so? Dann ist ja gut! Dann versteht sie mich. Dann darf man hier offensichtlich so sein!“
So begebe ich mich als Begleiterin in jeder Direkten Begegnung in eine ganz eigene Beziehung. In dieser Beziehung gibt es kein Gefälle. Es begegnet nicht eine „Therapeutin“ einer „Klientin“, einem „Klienten“! Stattdessen findet eine ebenbürtige Begegnung zwischen zwei Personen statt. Keiner der beiden hat für diese Begegnung einen speziellen Auftrag. Ich, als Begleiterin, verhalte mich nur so, wie sich meine Alltagsperson eben mit dieser anderen Person verhält. Wohin uns diese Begegnung führt, ist auch mir unbekannt. Ich muss also bereit sein, mich in einer Sitzung auch ganz persönlich auf unsicheres Terrain zu begeben.
In dieser Begegnung gibt es weder etwas, das unbedingt passieren soll, noch etwas, das auf keinen Fall passieren darf. Ich strebe keinen bestimmten Zustand an, weder bei mir noch bei meinem Gegenüber. So ist jede Direkte Begegnung unvorhersehbar und überraschend. So wie jede echte Begegnung immer neu und überraschend ist.
Durch die verschiedenen Begegnungen, die eine Person nun im Verlauf eines therapeutischen Prozesses erlebt, entwickelt sie allmählich ein Gefühl für sich selbst. Sie denkt meist nicht explizit über sich nach – das wäre auch nicht hilfreich –, sondern ist nur so da, wie sie nun mal da ist, und verbringt Zeit mit jemandem, der so ähnlich ist wie sie. Mehr im Sinne einer „Nebenwirkung“ wird dabei deutlich, wie sie eigentlich ist.
Eine besondere Herausforderung stellt sich der Begleiterin, dem Begleiter beim Ähnlich-Sein mit einem Verborgenen Ich. Oft ist das Verborgene Ich in seinen Reaktionsschichten abweisend, misstrauisch, aggressiv, arrogant, verachtend oder rachsüchtig. In der Direkten Begegnung mit dem Verborgenen Ich geht es nun darum, seine Stimmung sehr wohl aufzugreifen, ohne dabei aber eine Negativität, die gegen uns gerichtet sein kann, zu spiegeln. Je negativer es selbst ist, umso empfindlicher ist es gegen jede gegen sie gerichtete Negativität. Das Verborgene Ich braucht, um ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln, ein ebenbürtiges Gegenüber, das ihm aber ohne jede Verurteilung oder Abwertung begegnet.
Auch bei einer Direkten Begegnung mit einem Kind
