Bloody Julie 2.0 - Susanne Sievert - E-Book

Bloody Julie 2.0 E-Book

Susanne Sievert

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Beschreibung

"Es ist an der Zeit, zu dem Monster zu werden, für das ich mich halte." Verwirrt erwacht Julie Mond in einem fremden Zimmer. Das ist definitiv nicht der Himmel, zu sehr setzt ihr ihre Vergangenheit zu, die sie hier heimsucht. Und die Zombies? Die sind neben den Unbekannten, die sich ihr mit Skalpell und Spritzen in den Weg stellen, gerade ihr kleinstes Problem. Doch zum Glück muss Julie den Gefahren nicht allein trotzen: Ihr Bruder steht ihr zur Seite. Aber was passiert, wenn das einzig Gute in ihrem Leben droht, sich aufzulösen?

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Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Vorwort
Widmung
Bloody Julie 2.0
Part 1
Die Geister, die ich rief
Die alte Dame
Wer früher stirbt, ist länger tot
Narben und Muster
Alkohol und Antworten
Überraschungsbesuch
Fahrstuhlklänge
Spielzimmer
Katzenjammer
Familie
Schweine und Sonnenschein
Alles, was bleibt
Adieu
Part 2
Fleisch
Delikatesse
Die Apotheke
Er wird kommen
Etwas kommt ins Rollen
Für dich
Das Upgrade
Ein Versprechen einlösen
Home sweet home
Die Wahrheit
Der Schrank
Keine Elfen und kein Schatz
Worte
Part 3
Schreiben
Abschied
Bloody Julie
Epilog
Danksagung
Impressum
Meine Werke

Impressum neobooks

Vorwort

Liebe Leser,

das ist es nun. Das Finale.

Hach ja, an keinem anderen Buch habe ich so viel gearbeitet wie an diesem. Kein anderes Werk hat so viele Selbstzweifel in mir geweckt. Und in keinem anderen Buch steckt so viel von Susanne, wie ihr hier lesen werdet.

Julie Mond ist ein Charakter mit Ecken und Kanten. In Band 1 lernt ihr ihre Beweggründe kennen, die Liebe zu ihrem Bruder und ihre gemeinsame Reise, die noch lange nicht zu Ende ist.

Mein Wunsch ist es, dass so viele Leser wie möglich von Julies und Jules Geschichte erfahren. Trotzdem spreche ich einen Hinweis aus. In diesem Buch stecken gewalttätige und fiese Szenen und wer gerne ein Drama liest, aber auf Blut verzichten möchte, greift besser auf eines meiner anderen Werke zurück.

In Gedanken höre ich Bobby Bear und wie er brüllt: „Es ist die verdammte Apokalypse, Püppi. Also, Arschbacken zusammenkneifen und zieh‘ es durch!“

Ich warne euch trotzdem vor, denn das hier ist das Finale und es wird Veränderungen geben, die euch überraschen werden. Es wird hart, es wird grausam und es wird euch schocken.

Julie erwartet euch und hey, interessiert euch nicht, wie es enden wird?

Habt ihr euch entschieden? Ja? Na dann, rein ins Getümmel!

Eure Susanne

Oktober 2020

(Und sagt mir hinterher bitte nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.)

Widmung

Für meine Mutter.

Der stärkste und gleichzeitig zerbrechlichste Mensch, den ich kenne.

Für Bernd.

Du wirst diese Geschichte nicht mehr lesen, aber ich weiß, du bist stolz auf mich.

Bloody Julie 2.0

Was bisher geschah:

Hi. Ich bin’s, Jules. Julies Bruder.

Da guckt ihr, was?

Für alle, die gerade denken: Was macht der denn hier? Und wo ist seine Schwester? Tja, Julie ist unpässlich. Um genau zu sein: Sie kämpft um ihr Leben.

Jetzt hört aber mal auf! Ihr erinnert euch nicht an das Ende? Das war doch der absolute Knaller: Nolan schoss auf meine ahnungslose Schwester und die Kugel durchbohrte ihre Brust.

Peng, aus und vorbei.

Aber was erzähle ich denn hier? Man fängt immer am Anfang an und arbeitet sich gemächlich zu den üblen Sachen durch.

Alles fing damit an, dass wir die Jacht verloren hatten und auf ein Schlauchboot wechseln mussten. Der Sprit ging uns aus und wir entschieden, unser Glück an Land zu versuchen. Schlechte Idee, sage ich euch, ganz schlechte Idee.

Unser erster Ausflug führte uns zu einer Scheune und ich sage euch, nicht nur die Zombies sind krank. Die Menschen sind viel schlimmer. Merkt es euch, die Menschen, Leute! Wir trafen auf Grace und ihre Familie sowie zwei Fremde, mit denen die Typen nichts Gutes im Sinn hatten. Das Ende vom Lied: Die Familie ging drauf und es gelang uns, die Fremden zu befreien. Nolan und Rosalie, falls ihr euch immer noch nicht erinnern solltet.

Nolan führte uns zu einem Motel. Ein klasse Schuppen. Weitab vom Schuss, mit gemütlichen Betten, Essen und endlich mal ein bisschen Ruhe und Frieden. Haha, nein, sorry, war nur ein Spaß. Hier fing der Ärger erst richtig an.

Nachdem wir das Motel von Zombies befreit hatten, gab es regelmäßig Streit zwischen Nolan und Julie. Ich würde es als Machtkampf bezeichnen, aber das darf sie nicht erfahren, okay? Thema „Roter Wüterich“ und so, soweit klar? Außerdem gab es Ärger mit Rob und bevor ich euch mit langweiligen Details nerve, hier eine Kurzfassung der Ereignisse:

Rob tötete hinterrücks unseren besten Freund Bobby Bear – ruhe in Frieden alter Knacker – wir brachten dafür Rob um die Ecke und nachdem wir das alles erledigt hatten, war noch lange nicht Schluss. Rosalie beging Selbstmord, verwandelte sich in einen Zombie und biss mich. Ja, ohne Scheiß! In meinen linken Arm. Tja, ich überlebte den Angriff und habe keinen Plan, warum ich ein Mensch geblieben bin.

Julie drehte durch und tötete Rosalie. Das wiederum fand Nolan zum Kotzen und, tja, da wären wir wieder am Anfang meines Monologs: Nolan erschoss meine Schwester und Olivia knallte wiederum ihn ab. Was für ein Gemetzel.

Ihr habt bestimmt vermutet, das war’s, richtig? O nein, es kommt noch abgefahrener, das verspreche ich euch.

An dieser Stelle werde ich aber nichts weiter verraten. Ihr müsst schon selber am Ball bleiben.

Hab keinen Bock, mehr zu erzählen; die Wände kommen immer näher und ich bekomme Hunger. Schon wieder …

Part 1

Wo bin ich?

Die Geister, die ich rief

Das Leben ist eine Herausforderung. Und es lässt dir genau zwei Möglichkeiten: Annehmen oder Ablehnen.

Ach, ich formuliere es deutlicher: Aufgeben oder Weitermachen.

Na, lieber ganz direkt: den Mittelfinger in den Wind halten oder zu Mami laufen.

Früher gehörte es mal zu meinen Plänen, das Leben einfach anzunehmen. Und was ist passiert? Gevatter Tod kam um die Ecke. Seit ich auf der Welt bin, spuckt es in mein Gesicht, dieses Leben. Mein Dasein war schon immer kompliziert, anstrengend und voller Stolpersteine. Und jetzt stelle ich fest, dass Sterben sogar noch viel unangenehmer ist. Es ist nicht friedlich oder erlösend. Da ist kein Licht, nur Bedauern. Und selbst im Tod lasse ich Jules nicht los.

Der Tod lässt dir keine Wahl, das Leben schon.

Ja, leben ist besser.

Aber ich muss fair bleiben, schließlich hätte ich es übler treffen können, denn nach meinem Tod sehe ich Jules. Es ist immer derselbe Traum, der sich in einer endlosen Schleife wiederholt. Keine Ahnung, ob es wirklich ein Traum ist, aber wie beschreibe ich die Bilder am besten, die sich in meinem toten Hirn abspielen?

Jules beugt sich über mich und auf seinem Gesicht sehe ich das traurige Lächeln aus unserer Kindheit. Ein gequältes Lächeln, das sagt: Kopf hoch, Julie. Es wird schon. Er verspricht mir mit Tränen in den Augen, dass er bei mir bleibt. Dass er mich nicht verlässt und mich liebt. Seine Arme zittern, während er mich verbissen festhält, und ich atme seinen Duft ein, der mir die Angst vor dem Sterben nimmt. Ich fühle etwas, das es lange Zeit nicht gab. Einen Hauch von Glück.

Wie eine Blume.

Und wie ein Herz.

Ach, Jules. Ich habe es versaut und werde dich nicht mehr unterstützen können, wenn die Welt zusammenbricht. Ich bin tot und das ist allein meine Schuld. Verdammt, ich wusste, dass meine große Klappe mich eines Tages ins Grab bringen wird. Aber so schnell? Und gerade dann, wenn ein Wunder geschieht?

Universum, ich habe dich oft beschimpft und sage es liebend gern noch einmal: Du bist eine dumme Sau.

Ich träume von meinem Bruder. Von diesem einen Moment, kurz bevor ich sterbe. Der Traum endet an der Stelle, an der Jules seinen Mund öffnet, um etwas zu sagen. Genau dann spüre ich den brennenden Schmerz und der Ablauf wiederholt sich - erlöst mich von den Qualen. Jules’ Lächeln ist alles, was mir bleibt. Wie gesagt: Nicht die schlechteste Wiederholung, wenn man in einer Spirale gefangen ist.

Es ist wieder soweit. Die Bilder spulen sich von Neuem ab, dieses Mal ist es jedoch anders. Ich spüre es, obwohl ich tot bin und nichts mehr wissen sollte. Es ist nur ein vages Gefühl, aber es reicht aus, dass mir kalt wird. Dieses Mal fürchte ich mich, als ich Jules’ Lächeln und die dicken, runden Tränen betrachte, die seine Wangen hinunterrollen. Kein Mitgefühl, nur die Gewissheit, dass mir etwas Unheilvolles bevorsteht. Eine seiner Tränen tropft auf meine Wange. Seine Arme zittern, sie schütteln mich regelrecht durch und als er seinen Mund öffnet, ahne ich, dass der Traum sich nicht wiederholen wird. Jules’ Lächeln bleibt und der Schmerz ist unbeschreiblich, als er seine Zähne in meinen Arm schlägt.

Ich möchte um Hilfe rufen, aber wer soll mich retten, wenn mein eigener Bruder mich töten will? Ich versuche zu schreien, aber alles, was ich höre, ist ein Wimmern und dann geschieht etwas Merkwürdiges: Jules verschwindet. Was man vom Schmerz leider nicht sagen kann. Ein reißendes Gefühl breitet sich in meinem Brustkorb aus und als ich die Augen öffne, höre ich einen Schrei. Meinen.

Wo auch immer ich bin, es ist stickig und warm. Ich bekomme keine Luft und mit jedem schweren Atemzug habe ich das Gefühl, Staub in meine Lunge zu saugen. Ich huste, blinzle und versuche, mich zu orientieren.

Wo bin ich? Was …? Was … geschieht mit mir?

Meine Augen tränen, das Blut rauscht in meinen Ohren und ich höre nichts als meinen eigenen Atem.

Jules? O Gott, wo bin ich nur?

Meine Hände kribbeln und abgesehen vom Schmerz schnürt mir die aufkommende Panik den Brustkorb enger. Mittlerweile bin ich klitschnass geschwitzt und frage mich hechelnd, ob das die Hölle ist, von der meine Mutter immer gesprochen hatte, wenn sie über ihr Leben klagte.

Ächzend rutsche ich ein Stück nach unten – jede Bewegung ist eine zu viel – und höre ein Rascheln. Ich schrecke zusammen und stelle erleichtert fest, dass ich selbst das Geräusch verursacht habe.

„Nicht durchdrehen, Julie“, ermahne ich mich. Meine Stimme klingt rau und trocken, aber sie ist vertraut. Ein Anker.

Mir wird schwindlig, also beschließe ich, lieber klein anzufangen. Ich taste neben mich und fühle Stoff auf einer weichen Oberfläche. So weit, so gut. Ich schätze, ich liege auf einer Matratze mit einer Decke, rau, geruchslos und gestärkt.

„Wie kuschlig“, murmle ich und versuche, die Decke mit den Füßen abzustreifen. „Das ist ja wie im Krankenhaus. Schrecklich.“ Es klappt nicht, also klemme ich die Decke zwischen meine Füße, muss aber einsehen, dass ich nicht genug Kraft habe. Es ist keine gute Idee, es weiter zu versuchen. Ich lege eine Pause ein.

„Also gut, immer mit der Ruhe, Julie.“ Selbstgespräche hatte ich lustiger in Erinnerung. Ach nein, das waren ja meine anderen verrückten Stimmen, die mich jetzt im Stich lassen.

Ich kneife die Augen zusammen, blinzle und wische mit der Schulter mein Gesicht trocken. Langsam lichtet sich der Schleier und Ruhe verdrängt die Panik. Eine gute Gelegenheit, meine Umgebung näher zu betrachten.

Mein Kopf rollt nach links und das erste, was in mein Blickfeld fällt, ist ein Kleiderschrank, geschmackvoll in Kotzgrün gehalten, mit offenen Fächern, in denen Handtücher und andere Stoffstapel liegen – aus meiner Perspektive schlecht zu erkennen. Daneben ist eine Tür, leider geschlossen, und ein Stück weiter entdecke ich noch eine. Ob sie auf einen Flur führt, in Richtung „irgendwohin“?

Ich fühle mich nicht belastbar genug, um es herauszufinden, und drehe meinen Kopf nach rechts, vorbei an der weißen Wand mit Raufasertapete und einem Bild, auf dem eine breite Brücke umgeben von Nebel zu sehen ist. Der Abgrund darauf wirkt unendlich – verschlingend – und ich blicke mich lieber weiter um.

Rechts von mir in der Ecke stehen am Fenster ein Tisch und zwei Stühle, beide leer. Gott sei Dank, ich bin nicht in Stimmung, Besuch zu empfangen. Es ist Tag und die Sonne scheint ins Zimmer. Eigentlich schön, wenn ich wüsste, wo ich bin. So fühle ich mich nur schutzlos, ängstlich und allein.

„Ich … ich lebe, gottverdammt“, murmle ich und rutschte ein Stück nach oben. Das war wieder eine Bewegung zu viel und ich beiße mir vor Schmerz auf die Unterlippe.

Ich schmecke Blut; ein weiterer Beweis, dass ich den Löffel noch nicht abgegeben habe. Ich kann mich nicht entscheiden: Soll ich lachen oder heulen?

Meine Hand berührt etwas Kaltes und erst jetzt bemerke ich einen kleinen Rolltisch direkt am Kopfende des Bettes. Eine Flasche Wasser steht darauf. So etwas sieht man nur im Krankenhaus.

Und was ist das? In meiner Hand steckt eine Kanüle, verbunden mit einem Schlauch, der am Tropf endet. Sieht professionell aus, lindert jedoch nicht die Schmerzen. Einen kurzen Moment überlege ich mir, das Ding selbst zu entfernen, aber das verschiebe ich auf später.

„Okay, ein Krankenhaus. Ich hab’s ja gleich geahnt. So ein Mist. Oder nicht? Ist das jetzt was Gutes oder was Schlechtes?“

Niemand antwortet mir. Damit habe ich allerdings auch nicht gerechnet. Wenn das ein Krankenhaus ist, dann wird irgendwann jemand kommen, um nach mir zu sehen, schließlich bin ich eindeutig nicht allein hierhergekommen. Auf diesen Besuch muss ich mich vorbereiten.

„Wasser, ja, Wasser ist erst mal eine gute Idee.“

Ich hebe meinen Arm, ächze und stöhne dabei, versuche es ein kleines Stück weiter und stelle frustriert fest, dass das Wasser genauso gut im Weltall schwirren könnte.

„Ach Mann, Jules, wo bist du nur?“, maule ich und verkneife mir die Tränen. „Ich liege weiß Gott wo, bin ein absoluter Pflegefall und zum Sterben hier vergessen worden. Das ist doch einfach nur zum …“

„Na komm, Püppi, ich helfe dir.“

Mir fehlt zwar die Kraft, an das Wasser zu gelangen, aber ich bin in der Lage, zu schreien. Und das sehr laut.

Wie aus dem Nichts erscheint ein Mann. Ein Mann, der enorme Ähnlichkeit mit Bob Baker hat. Aber er kann es unmöglich sein.

Bobby Bear, so durften mein Bruder und ich ihn nennen, ist tot. Und ich muss es wissen, war ich doch diejenige, die ihn erschossen hat, weil er sich in einen Zombie verwandelte. Das war damals am Motel. Ein weiteres dunkles Kapitel in meiner Geschichte. O mein Gott, Zombies … Mein Gehirn kommt langsam auf Touren. Die Scheißer hatte ich für einen winzigen Augenblick ausgeblendet.

Fakt ist: Mein Freund lebt nicht mehr und tausend Tränen sind meine Zeugen. Dennoch steht er am Fußende, betrachtet andächtig das grässliche Bild und nimmt von meinem Gezeter und Geschrei kaum Notiz.

„Bist du bald mal fertig?“, fragt er nach einer Weile, während ich Atem für den nächsten Schrei sammle. „Ist nämlich nicht so, dass ich ewig hier abhängen kann.“

Seine Worte nehmen mir die letzte Kraft, und ich gebe nach. Okay, warum nicht? Unterhalte ich mich mit einem Toten. Es ist Bobby Bear, wie schlimm kann es werden?

„Bobby …“, hauche ich und kaum habe ich seinen Namen ausgesprochen, fange ich an zu heulen. Ich schluchze und sabbere auf meine Decke, bis seine großen Hände mein Gesicht berühren und ich seine Wärme spüre.

Verrückt, absolut verrückt!

„Das kann doch nicht sein. Ich träume, nicht wahr? Bobby? Ist doch so, oder?“

„Wenn du dich dann besser fühlst, nenn’s einen Traum, Püppi. Schon okay, und jetzt …“ Er greift nach der Flasche, dreht am Verschluss, der sich zischend öffnet und hält den Flaschenhals an meine Lippen. „Trink. Na los, Kleines. Du hast es bitternötig. Danach reden wir. Ganz in Ruhe.“

Mit einigen kleinen Schlucken leere ich die Hälfte der Flasche, was Bobby mit einem zufriedenen Brummen quittiert. Noch nie hat imaginäres Wasser so erfrischend geschmeckt.

„Danke“, sage ich und schaue zu Bobby hinauf. „Macht es dir was aus, eins der Fenster zu öffnen? Ist verdammt stickig hier drin.“

Hey, er hat mir die Flasche aufgemacht, warum nicht auch ein Fenster?

Mein Freund lacht – ach, dieses kraftvolle, tiefe Lachen – und tut mir den Gefallen. Umgehend strömt klare Luft in das Zimmer und kühlt mein verschwitztes Gesicht.

Ich schließe die Augen, genieße die Frische und werde sogar ein wenig schläfrig, bis ein Quietschen meine Ruhe stört. Bobby schiebt sich einen der Stühle ans Bett und ich sehe ein, dass das hier nicht vorbei ist.

Tja, so ist das, wenn man eine verdammte Verrückte ist.

„Weißt du, was echt lustig ist?“, frage ich und Bob schaut aufmerksam in meine Richtung. Er lacht gerne und der Witz wird ihm gefallen. „Bis vor ein paar Sekunden dachte ich noch, ich wäre am Leben. Aber das kann unmöglich sein, wenn du mein erster Besucher bist. Ist das das Wartezimmer zur Hölle, oder was?“

Hmm, er lacht nicht. Nein, er steht auf und es ist zu spät, sich gegen seine ausgestreckte Hand zu wehren. Mein Freund drückt seinen Finger direkt in meine Brust und ein Feuer verzehrt mich von innen. Es tut so verdammt weh, dass ich zu atmen vergesse. Sein Zeigefinger bohrt sich immer tiefer in das blutige, knirschende Loch und ein Feuerwerk explodiert vor meinen Augen.

Kurz vor einer Ohnmacht hört es überraschend auf.

„Na, wie siehst du die Dinge jetzt?“, fragt Bob ohne eine Entschuldigung. „Hör auf zu heulen, Püppi, und reiß dich zusammen. Es wird niemand kommen, nicht sofort, und darüber solltest du dich freuen. Beim Schichtwechsel interessiert es niemanden, was auf der Station passiert. Schau mich nicht so an, Kleines. Deine Vermutung ist richtig. Das hier ist ein Krankenhaus. Nicht die Hölle. Wer hat dir den Mist erzählt?“ Er macht eine wegwerfende Handbewegung, während ich damit beschäftigt bin, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Na schön, und was soll das Ganze dann? Ich meine, ich sehe dich, ich spreche mit dir. Da kann ich mir schwer vorstellen, dass …“ Bobby hebt seinen Zeigefinger zum zweiten Mal in die Höhe und panisch wehre ich ab: „Kapiert. Ich hab’s ja kapiert! Ja, ich lebe, verdammt noch mal.“

„Gut“, antwortet Bobby und nickt zufrieden.

So wie er vor mir sitzt, sieht er aus wie damals, zu seinen goldenen Zeiten in der Bar. Das schwarze Haar glänzt und die Elvis-Tolle ist perfekt gestylt. Das karierte Hemd spannt sich um seinen üppig genährten Bauch und seine Hände, die großen, schwieligen Arbeiterhände, liegen zusammengefaltet auf seinem Schoß. Ich erinnere mich, wie ich mit elf Jahren meine fünfzig Cent für eine Packung Milch hatte hineinfallen lassen. So tief wie ein Brunnen, dachte ich damals. Noch heute machen sie diesen Eindruck. Kraftvoll, beschützend und unbesiegbar.

„Du siehst gut aus, Bob Baker“, stelle ich fest und meine Stimme wird schwer und leise. Das Aussehen meines Freundes ist weit von dem Zombie entfernt, den ich erschossen habe. „Ich vermisse dich.“

Mein Leben ist nicht mehr dasselbe. Wer richtet mich jetzt auf? Du bist der Beste. Du gibst mir Sicherheit. Was wird aus mir?

All das würde ich gerne sagen, kann es aber nicht, ohne in Tränen auszubrechen. Vielleicht ist das nicht nötig. Sein warmer Blick gibt mir zu verstehen, dass er Bescheid weiß.

„Soll ich dir was verraten?“ Er beugt sich zu mir, so nah, dass ich seinen Atem riechen kann. Bier und Zigarettenrauch umgeben meinen Freund. Der Himmel behandelt ihn sicher gut. Nach seinem Leben hat er das verdient. „Ich verlasse dich nicht, kann ich gar nicht, so oft, wie du an mich denkst.“

„Ach, Bobby“, sage ich. Auch wenn seine Worte weichgespült und abgedroschen klingen, berühren sie mich.

„Okay, dann legen wir los.“ Voller Tatendrang klatscht er in die Hände. Ich schwanke zwischen Aufregung und Angst. Beides gefällt mir nicht.

„Keine Ahnung, wann wir uns wiedersehen, deshalb werde ich nicht an guten Ratschlägen sparen, Püppi.“

Ich nicke stumm und denke: Wir werden uns wiedersehen, da kannst du drauf wetten.

Bobby war der Einzige, der mich jemals zurechtgewiesen hatte, auf seine eigene, liebevolle Art versteht sich. Das hat mich vor manchem Fehler bewahrt. Leider nicht vor allen. Aber hey, Fehltritte gehören zum Leben dazu, oder?

„Ach, Püppi, du hast so viel ertragen müssen. Das reicht glatt für fünf Leben, aber all das Geschehene steckt in deinem dürren Körper. Kein liebevolles Heim, Eltern, die dich wie Ware behandeln, jahrelang auf dich allein gestellt und trotzdem hast du dich um deinen Bruder gekümmert.“ Seine Hand liegt auf meinem Fuß. In meinem Hals bildet sich ein Kloß, und wenn er so weiterredet, werde ich ihn zurechtweisen müssen.

„Was erzählst du da, Bobby? Wir hatten dich. Wir hatten einen Rückzugsort. Du hast uns befreit.“

„Mag sein. Vielleicht hast du recht.“

Kurz ist er still und ich genieße zum ersten Mal unser Beisammensein. Ist es nicht das Schweigen, das einen Augenblick perfekt macht?

„Vermutlich muss ich es dir nicht sagen. Will ich aber. Aus einem starken Kind wurde schließlich eine starke Frau. Halte durch, Püppi. Die Zeiten werden nicht besser, die Zombies nicht freundlicher und die Menschen …? Halte durch, wenn es richtig wehtut, und gib nicht auf. Versprich mir das.“

In seinen Augen liegt ein Flehen, das ich in all den Jahren nie bemerkt habe. Er meint es ernst und ich würde ihm das Versprechen gerne geben, weiß aber nicht, ob ich so stark bin, wie er behauptet.

„Na klar, Bobby. Ich meine, ich versuche es natürlich. Also, alles wie immer, richtig?“, frage ich und bin doch verwirrt. Den nächsten Satz überlege ich mir genau, denn ich möchte meinen Freund nicht verletzen. „Mal unter uns, Bobby, das ist ein ganz schön dürftiger Rat, meinst du nicht?“

„Das ist der beste Rat, den ich dir geben kann.“ Er streicht sich über seinen Bart. „Und wer hat behauptet, dass ich fertig bin? Hör gut zu: Es wird der Moment kommen, da musst du loslassen. Das wird für dich eine Herausforderung, Kleines, aber lass einfach los.“

Keine Ahnung, was die Hinweise meines Freundes sollen. So einen Ratschlag würde ich jedem Menschen auf der Straße geben. Sorry, aber von einem Toten erwarte ich etwas Bahnbrechenderes. Etwas Imposantes. So etwas wie das Öffnen der himmlischen Tore, Engelsgesang, Fanfare und den ganzen anderen Mist. Die totale Erleuchtung!

Halte durch. Lass los. Ist das sein Ernst?

„Entschuldige, Bob, aber ich muss es einfach loswerden. Was soll das?“, frage ich. „Wenn du mir jetzt noch sagst Folge deinem Herzen, dann sterbe ich freiwillig. Das hier ist doch kein Disney-Film. Ich brauche mehr, verstehst du? Wo ist Jules? Wie geht es den anderen? Wo bin ich überhaupt und was ist mein Ziel? Können wir die Zombies überleben? Was genau macht Menschen zu Zombies? Siehst du? Das sind wichtige Fragen und darauf brauche ich echte Antworten.“

Bob senkt leicht den Kopf, als wäre er von mir enttäuscht. Okay, ich sehe ein, der Vergleich mit dem Disney-Film war frech. Aus seiner Brusttasche zieht er gemächlich eine Packung Zigaretten und würde er mir eine anbieten, würde ich nicht Nein sagen. Macht er aber nicht. Tja, Julie, selbst schuld. Mit einer Ruhe, die nur Bobby ausstrahlen kann, zündet er sich die Kippe an und bläst den Rauch nach oben.

„Ach, Püppi.“ Seine Stimme klingt einen Ton tiefer. Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass ich ihn spätestens jetzt ernst nehmen sollte. „Ich habe keine Antworten auf deine Fragen. Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss. Weiß der Teufel, warum die Welt vor die Hunde geht. Das ist das Ende und die Menschen fressen sich gegenseitig auf. Wer hätte gedacht, dass Zombies uns mal die Ärsche aufreißen, was? Und siehe da: Die Erde dreht sich weiter, die Zeit läuft und läuft, und wenn du meine Ratschläge befolgst, findest du womöglich die Antworten auf deine Fragen. Willst du das denn?“

„Keine Ahnung, Bob“, gebe ich zurück.

Natürlich will ich wissen, warum Menschen zu Zombies werden. Aber ohne Jules? Allein auf mich gestellt? Schlagartig fühle ich mich klein und hilflos, wie damals im Schrank unter der Treppe. Das Gefühl klebt an mir wie Pech und stinkt zum Erbrechen. Am liebsten würde ich mich unter der Decke verkriechen und so tun, als wäre ich nicht da – zumindest für einen winzigen Augenblick.

„Mach, was ich dir gesagt habe.“ Das ist keine Bitte, so viel steht fest, auch wenn er die Anweisung mit einem Lächeln unterstreicht. „Und dann, Julie, greifst du dir deinen Bruder und setzt alles daran, dass du von hier verschwindest, kapiert?“

„Jules ist hier?“

Bobby brummt zustimmend. Fast beiläufig lässt er die Bombe doch platzen! Da sind sie endlich, die Fanfarenklänge und Engelsgesänge, die ich mir erhofft habe.

Mein Kopf ruckt hoch, ich will sofort aufstehen und losrennen und vergesse dabei, dass ich mit einem Einschussloch ans Bett gefesselt bin. Ich wurde erschossen, das steckt man nicht so leicht weg. Mir wird schwindelig und übel, Sterne tanzen vor meinen Augen und es wird für ein paar Sekunden dunkel.

Jules, Jules, Jules. Mein Bruder. Ich bin auf dem Weg. Schon fast da. Warte kurz … Egal, wo du bist, warte auf mich.

Durch die Dunkelheit sickert Bobbys Stimme zu mir. Tief, beruhigend, allumfassend. Er singt. Halt, Augenblick, er singt? Das hätte er zu Lebzeiten nie getan. „Weiberkram“, schimpfte er immer. Kein Trällern, Summen oder Pfeifen, niemals.

Es gab einen Abend in der Bar und Bobby war so beschwingt, dass er sogar ein paar Cent in die Jukebox warf. Für ihn war es eine Verschwendung, was natürlich nicht für seine Gäste galt. An die Box gelehnt sagte er damals: „Männer, die singen, pah! Es gibt nur einen einzigen Mann, der es voll draufhat. Es gibt niemanden, der dem King das Wasser reichen kann.“

Er singt, mein Gott, und nicht irgendeinen Song. Als die ersten Töne erklingen, kann ich mich nicht dagegen wehren. Ich bekomme eine Gänsehaut.

„Wise men say, only fools rush in. But I can’t help, falling in love with you.“

Herrlich, so fesselnd und wahrlich nicht von dieser Welt.

Ich höre ihm zu, seiner Stimme aus Gold, und verliere mich in Tränen und Wehmut.

„Take my hand, take my whole life, too.“

Warum, Bobby? Warum dieses Lied? Hat es eine Bedeutung?

Ach, was mache ich mir vor? Alles hat einen tieferen Sinn. Ich bin mal wieder nur zu selbstgerecht, zu engstirnig, um es an mich heranzulassen.

Das letzte „Falling in love“ höre ich nicht mehr, schade. Was für eine Show, mein Freund. Was für eine Show! In Gedanken applaudiere ich und wünsche mir, dass Bob meine unausgesprochenen Worte hört.

Der letzte Vorhang fällt und mit ihm wird es dunkel.

Die alte Dame

Als ich diesmal aufwache, erkenne ich, wo ich bin – keine Verwirrung, nur ein leichtes Unbehagen.

Mein Gesicht ist zum geöffneten Fenster gewandt. Es wird langsam dunkel. Zwielicht nennt man das, der Übergang zwischen Tag und Nacht. Die kühle Luft erfrischt und ich fühle mich seltsam entspannt. Schmerzen habe ich immer noch, aber ich kann trotzdem eine gewisse Gelassenheit nicht leugnen. Es ist, als hätte Bobby etwas zurückgelassen. Ein letztes Geschenk an mich.

Ich drehe den Kopf zur Wasserflasche und entdecke einen Blumenstrauß. Wildblumen. Jemand muss in meinem Zimmer gewesen sein, während ich schlief. Die Blütenblätter haben verschiedene Farben: Blau, Lila, Gelb und Rot.

Wie hübsch. Ich mag Rot, denke ich.

„Na, Liebchen, gefallen dir die Blumen?“

Mein Kopf ruckt zur anderen Seite - Schmerz und Schreck zucken gleichzeitig durch meinen Körper.

„Vorsicht“, mahnt die Stimme, vertraut und doch nicht greifbar. „Du musst dich schonen, bis du soweit bist.“

Ich reibe über mein Auge, blinzle die Sterne weg und hoffe, dass auch dieser Besucher mir wohlgesonnen ist. Ach, warum gibt es bloß so viele Menschen, von denen ich nur das Schlimmste erwarte?

Auf einem Stuhl zu meiner Linken, auf Höhe meines Bauches, sitzt eine alte Frau. Eine Dame, um genau zu sein. Sie trägt ein weißes Baumwollkleid und um den Hals eine Kette aus Bernstein. Ihr modisch kurz geschnittenes Haar glänzt silbrig und ihre klaren blauen Augen schauen freundlich zu mir herab. Diese Frau strahlt Würde aus. Plötzlich fällt mir ein, warum sie mir so vertraut erscheint.

Bei unserem letzten Treffen saß sie an einen Baum gelehnt. Vor dem Haus meiner Eltern, kurz bevor sie versuchte, meinen Kopf platt zu treten. Die Erinnerungen ploppen wieder auf. Mein schönes Paillettenkleid, die Vorfreude auf Bobs Bar und einen erfrischenden Drink, ihre orthopädischen Schuhe auf meinen Schädel gepresst.

„Hi, Doris“, flüstere ich.

Ich kann nicht anders und schaue zu Boden und da, tatsächlich! Die orthopädischen Todestreter! Vor mir sitzt die alte Dame, die immer die scheußlichen Bilder meiner Mutter gekauft hat. Ihre einzige Kundin, wohlgemerkt.

„Oh, du erinnerst dich.“ Freudig ergreift Doris meine Hände und drückt sie einen Moment zu fest. Sie sieht mein angespanntes Gesicht und lässt mich mit einem entschuldigenden Lächeln los. „Schön, dass du wach bist. Du bist so groß geworden. Und sieh dich an. Eine Schönheit bist du auch.“

O Mann, das sagen bestimmt viele Großeltern zu ihren Enkeln.

„Tja … Na ja … Danke? Schön, dich zu sehen“, antworte ich.

Wenn ich Jules das erzähle, wird er mächtig neidisch sein. Als Zombie zu enden wäre cool? Mit Toten zu sprechen ist das nächste Level. Aber nur, wenn man weiß, dass man selber nicht dazu gehört.

„Ich vergesse niemanden, der Kuchen mitbringt“, antworte ich. „Das waren immer ganz besondere Tage für Jules und mich.“

Doris lacht.

„Jetzt wo du das sagst … Das ist mir aber unangenehm. Ich habe gar keinen Kuchen dabei. Sonntag ist immer Backtag, musst du wissen.“

„Mach dir keine Umstände, Doris.“ Ich bin ein bisschen enttäuscht. Geisterkuchen hatte ich noch nie. Das wäre mal eine Erfahrung. „Du bist hier und ich weniger allein. Wenn ich an unser letztes Treffen denke, ist dieses hier deutlich unterhaltsamer. Du warst damals ein wenig neben der Spur.“

Und stumm. Und wild entschlossen, mich zu zerstückeln.

Ich bin gespannt, ob ihr meine Andeutung etwas sagt. Soweit ich mich erinnere, war Doris der erste Mensch mit den Anzeichen der Verwandlung. Sie knurrte, grunzte und schnappte nach den Sanitätern, die ich angerufen hatte. Damals sah sie ganz anders aus. Wild und hungrig. Und jetzt? So gesittet und … normal?

„Was meinst du, Liebchen?“ Ihr Blick wandert zur Decke. Sie überlegt angestrengt und tippt sich leicht mit dem Finger ans Kinn. Nach einer Weile schüttelt sie den Kopf.

„Julie, Kindchen, unser letztes Treffen ist so lange her, da warst du noch ein Kind. Beim besten Willen, ich weiß nicht, was du meinst.“

Ein schwarzer Schatten huscht über mein Bett. Ich schreie auf, als etwas meine Decke berührt, und sehe dabei Doris’ freudig aufleuchtendes Gesicht.

„Oh, wie entzückend!“

Dieser Moment kommt mir seltsam bekannt vor. Wie ein Déjà-vu. Ich krame in meinem Gedächtnis und zaubere das Bild von Rosalie hervor – damals im Motel, als wir es uns gerade erkämpft hatten. Schwingendes blondes Haar, blaue Augen, Kaugummi kauend und auf dem Arm hält sie ein Fellknäuel. Ein kleines Kätzchen mit einem schwarz-weißen Kopf und gelben Augen. So wie dieses auf dem Schoß von Doris. Es starrt mich an, genau wie damals, kurz bevor es Rosalie das Gesicht zerkratzte. Verhalten rutsche ich auf dem Bett hin und her.

Es kann unmöglich dieselbe Katze sein, Julie, ermahne ich mich. Aber warum denn nicht? Das ist doch alles verrückt und daneben, oder? In meiner Welt ist offenbar vieles möglich.

Das Vieh hat sich zu einer Kugel zusammengerollt und schnurrt selig.

„Wie kommt eine Katze in ein Krankenhaus?“, frage ich Doris. „Es ist doch ein Krankenhaus, oder nicht?“

Bei meinen Worten hebt die Katze ihren Kopf und ich schwöre, das Mistvieh lächelt mich an! Die gelben Augen glänzen, als wolle es mir sagen, dass mir der größte Knall noch bevorsteht.

Doris’ knotige Hände liegen beschützend auf dem kleinen Körper. „Seit ich hier aufgewacht bin, ist Scratcher bei mir und leistet mir Gesellschaft. Kaum zu glauben, aber es ist eine einsame und leere Welt geworden …“

„‚Scratcher‘, ja?“, wiederhole ich.

Die Ähnlichkeit, der Name – auch wenn es unhöflich ist, fange ich an zu lachen. Scratcher, das bedeutet übersetzt „Kratzer“ und daran ist nichts witzig. Ist es Zufall? Nein, bestimmt nicht. Rosalie veränderte sich, wurde kränklich, bekam Albträume, nur weil eine Katze – diese Katze, davon bin ich völlig überzeugt – ihr das Gesicht zerkratzt hatte.

Mein Lachen bleibt mir im Hals stecken, zu gewaltig sind die Schmerzen. Tja, wie schnell man so ein Einschussloch vergessen kann.

Tadelnd schüttelt Doris den Kopf.

„Langsam, langsam, junge Dame. Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich schonen, bis du soweit bist.“

Den letzten Satz habe ich schon mal gehört und so erwartungsvoll wie ihr Blick auf mir ruht, bedeutet er etwas.

„Schon klar“, antworte ich und höre mich eher genervt und nicht dankbar an.

Ganz ehrlich, wenn ich mich noch mehr zurückhalte, bin ich tot. Auf der anderen Seite sehe ich ein, dass sie recht hat. Ich muss fit werden, und zwar so schnell wie möglich. Jules ist hier. Er wartet auf mich, so wie immer, und ich will ihn nicht enttäuschen. Es muss einen Grund geben, warum er mich noch nicht hier herausgeholt hat und ich stattdessen mit Toten spreche. Ihm ist etwas passiert.

„Warum bist du hier, Doris?“ Statt einer Antwort höre ich ein Schnurren. Der Mund der alten Dame verzieht sich zu einem Grinsen und auf einmal sieht sie nicht mehr so nett aus.

„Ich bin schon lange hier“, antwortet sie. „Ich war nie weg. Und immer allein, abgesehen von Scratcher natürlich. Du bist die Erste, mit der ich spreche.“

Ihre Stimme hat nichts Beruhigendes mehr. Sie klingt lauernd und gefährlich. Verwirrt, aber vor allem misstrauisch wünsche ich mir, dass sie wieder verschwindet. Ihr Blick verheißt nichts Gutes. Es ist wie damals, als wir vor dem Haus meiner Eltern den Starr-Wettbewerb veranstalteten, bis der Krankenwagen eintraf. Da hatte ich noch nicht begriffen, dass Doris die Apokalypse eingeläutet hatte.

Sie hat dich aber nicht angegriffen. Abgesehen von dem Kies im Gesicht ist dir nichts passiert. Und was sagte sie? Sie ist schon lange hier? Die Sanitäter haben sie damals in ein Krankenhaus gebracht. Dieses hier? Bedeutet das …?

Ich führe den Gedanken nicht zu Ende, denn Scratcher hat sich aufgesetzt und setzt zum Sprung an. Die Ohren liegen weit nach hinten und am Rücken sträubt sich sein schwarzes Fell. Es ist nur eine Katze, aber zum Teufel, ich habe eine Scheißangst!

„Hilf mir, Doris“, flehe ich und meine damit nicht nur das Vieh mit den scharfen Krallen. „Roll mich hier raus, dann suchen wir Jules. Danach bringen wir dich und … Scratcher - feine Katze! - wohin auch immer du möchtest. Okay?“

Doris’ Schultern sacken nach unten und es sieht so aus, als würde sie sich tatsächlich etwas entspannen und über meinen Vorschlag nachdenken. Scratcher tut es ihr gleich und putzt sein Fell, als wäre nichts geschehen.

O Mann, ich hasse Katzen.

„Das klingt zu schön, um wahr zu sein, Herzchen“, murmelt Doris und ich wage zu hoffen. „Wie gerne würde ich nach Hause gehen. Ich vermisse meine Katzen, meinen Garten und, ach, die Backtage. Ich habe so viele Ideen für neue Kuchen, aber …“ Sie seufzt und setzt dann wieder ihr Teufelsgrinsen auf. „Es geht nicht, Julie. Niemals. Und weißt du warum?“

Puff, die Hoffnung löst sich auf.

Mein Atem stockt, ich traue mich nicht, zu antworten, aus Angst, was danach passiert. Doris dauert die Reaktion zu lange, sie springt auf und packt mit beiden Händen meine Arme. Sie drückt zu, verdammt, viel zu fest für eine alte Dame. Aus den Augenwinkeln sehe ich etwas Haariges und Schwarzes auf der Kante meines Bettes sitzen.

Ich habe es mit zwei Gegnern zu tun, bei denen ich nicht abschätzen kann, welcher gefährlicher ist. Eine alte Frau und eine Katze. Ach, machen wir uns nichts vor: Ich habe gegen beide nicht die geringste Chance.

„Warum, habe ich gefragt?!“

Mit der Frage spuckt sie Speichel in mein Gesicht und endlich erwache ich aus meiner Starre.

„Du bist nicht echt!“, antworte ich und atme schwer. „Ein Produkt meiner Fantasie, ein Geist, ein Wunschgedanke, was weiß ich?! Du kannst nicht hier sein! Ich will doch nur zu meinem Bruder, verdammt.“

Ich glühe – wahrscheinlich habe ich Fieber. Die schlimmsten Albträume hat man doch, wenn man fiebert, oder?

O Gott, denke ich. Ging es Rosalie etwa genauso? Aber ich wurde weder gekratzt noch gebissen. Moment mal … O nein!

An meinem Arm entdeckte ich einen Verband. Mein Herz macht einen Sprung und ehe ich vollständig begreife, was sich darunter verbirgt, bringt Doris mich wieder aus dem Konzept.

„Falsch“, brüllt sie und aus ihrem Mund höre ich ein Krächzen und Gurgeln.

Spinne ich? Ich schließe die Augen und will mich wieder unter der Decke verkriechen, bis der Albtraum vorüber ist. Aber das wird nicht funktionieren. Ich hoffe einfach, dass der Scheiß bald vorbei ist.

Als ich die Augen wieder öffne, trifft mich der Schlag. Doris hat sich verändert, und zwar nicht zu ihrem Vorteil. Sie ächzt und stöhnt und genau wie Scratcher faucht sie in mein Gesicht.

Oh, Fuck, Zombie!

„Du hörst nie zu“, schnauft Zombie-Doris und mir wird übel von dem Geruch, der aus ihrem Mund strömt.

Mit einem schmatzenden Geräusch lässt sie mich los. Ich wage einen Blick auf meine gequetschten Arme und würde am liebsten schreien. Doris’ Haut hat sich gelöst und klebt in Fetzen auf meiner eigenen.

„Ich höre ja zu!“ Angewidert wische ich über das Laken. „Aber ich kapier’s nicht!“

Scratcher faucht und schreit, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Seine Laute ähneln dem Brüllen eines Babys. Bei dem Getöse fällt es mir immer schwerer, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Du bist nicht soweit!“, krächzt Doris und setzt sich wieder auf den Stuhl. Sie starrt mich an und ich begreife immer noch nicht, was ihre Ermahnungen bedeuten. „Das alles hat ein Ende, wenn du soweit bist, glaub mir. Und dann, Kindchen, dann gehst du mit deinem Bruder nach Cherryhill. Nach Hause.“

In meinem Hals bildet sich ein Kloß und Tränen verschleiern meinen Blick. Das Psycho-Drama kostet mich mehr Nerven als ein Kampf gegen einen Zombie. Ich habe keine Kraft für so was, ehrlich nicht. Niemand kann von mir verlangen, dass ich in das Höllenhaus zurückgehe. Weder mein alter Kumpel Bobby noch Zombie-Doris und schon gar nicht das Mistvieh Scratcher!

Ich schluchze leise und wünsche mir Jules an meine Seite, aber hier sind nur Doris und Scratcher und deren Plan ist es nicht, mich zu trösten.

Wer früher stirbt, ist länger tot

Es ist an der Zeit, ein paar Fakten zusammenzutragen.

Erster und wichtigster Punkt: Ich lebe.

Direkt gefolgt von: In einem Krankenhaus, dessen Personal gekündigt und verklagt werden sollte, denn es macht einen echt beschissenen Job und schert sich offensichtlich einen Dreck um die Patienten. In diesem Fall: um mich. Andere habe ich noch nicht gesehen.

Was haben wir noch? Mein Zustand verschlechtert sich. Mit welchem Medikament ich auch immer über diesen Schlauch versorgt werde, es zeigt keine Wirkung. Ich spüre ein Reißen in der Brust, als ob sich etwas von innen nach außen wühlt und seit Scratchers Überfall brennt mein Oberarm wie verrückt.

In meinem ersten Traum hat Jules mich gebissen. Hat er das auch in Wirklichkeit getan?

Was soll’s, zu rätseln, ist anstrengend - ich bin müde und kaputt. Wie eine Barbiepuppe, der man den Kopf abgerissen hat.

„Sieh dir unser Mädchen an, Liebling. Ist sie nicht bezaubernd?“

Mein Körper versteift sich und mir bricht der Schweiß aus. Ich halte die Augen geschlossen und kneife die Beine fest zusammen, um nicht vor Angst ins Bett zu pinkeln. Die Stimme, seine Stimme, brennt in meinen Ohren und meinem Kopf und mein Herz steht kurz vor dem Kollaps.

„Bezaubernd, ja?“, höre ich sie. Spitz, abfällig, ohne Liebe. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Alles was ich sehe, ist ein jammerndes Gör, das sich auf seiner faulen Haut ausruht.“

Vielen Dank, Mutter, für deine mitfühlenden Worte.

Ich spreche es nicht laut aus. Dazu bin ich nicht in der Verfassung. Ich befürchte sogar, dass ich das Sprechen schlagartig verlernt habe. Aber ich muss mich ihnen stellen, sonst werde ich sie ewig mit mir herumtragen. Es gibt einen Grund, warum ich sie mir einbilde. Warum das Fieber mir den Endgegner schickt.

Schwitzend öffne ich die Augen und verkneife mir die Tränen. Sie zu hören ist eine Sache, aber sie zu sehen, eine andere.

Links von mir sitzt mein Vater. Er trägt seinen besten Anzug, mit passendem Hemd und Krawatte. Seine Hände liegen locker in seinem Schoß und er lächelt. Manche nennen es einnehmend - ein Lächeln, bei dem man seine weißen und geraden Zähne sieht, makellos. Aber ich weiß es besser. Dieses Lächeln ist steif, kalt und so gut eingeübt, dass er damit jeden täuscht. Seine Haare sind streng nach hinten gekämmt. Das Öl darin schimmert im Mondlicht. Obwohl es Nacht ist, sehe ich ihn deutlich vor mir.

Und dann haben wir sie. Meine Mutter, die rechts von mir sitzt und demonstrativ in die andere Richtung schaut. Ihre Arme sind vor der Brust verschränkt, ihre Nase ein klein wenig nach oben gereckt und ihre braunen Locken fallen weich auf ihre spitzen, knochigen Schultern. Sie trägt ein rotes Cocktailkleid – bereit für einen bunten Cocktail und ihre Pillen am Abend.

Meine Mutter bemüht sich sichtlich, mich nicht anzusehen, mein Vater hat dagegen keine Probleme und rutscht mit seinem Stuhl sogar ein Stück näher. Das quietschende Geräusch jagt mir eine Gänsehaut über den Körper und obwohl ich mich kaum bewegen kann, schiebe ich mich mit aller Kraft ans Kopfende und versuche, die Beine anzuwinkeln. Mir wird übel und schwindelig, aber ich gebe alles, um von ihm fortzukommen.

„Bleib weg von mir“, sage ich.

Verdammt! Er erkennt meine Angst, wie ein Wolf, der Blut wittert.

„Liebling, was ist los?“ Mein Vater beugt sich grinsend vor und legt eine Hand auf die Matratze. Wie Würmer kriechen seine Finger näher an mich heran. „Mommy und Daddy sind jetzt da.“

„Bleib weg von mir“, wiederhole ich und diesmal klingt meine Stimme entschlossener.

Weiter so, Julie. Du kannst es.

Es kostet mich einiges an Überwindung, aber ich schaue ihn an und erinnere mich dabei an den Tag, als wir die beiden verlassen haben. Jules und ich, gemeinsam. Wir hatten in diesem verfluchten Schrank gehockt und auf das Unvermeidliche gewartet, bis ich einen Entschluss fasste. Mein Vater hatte damals die kleine Tür unter der Treppe geöffnet und einen kräftigen Fußtritt zur Begrüßung erhalten. Und noch einen und noch einen. Mit jedem Tritt wurde ich sicherer und meißelte meine Entscheidung in sein Gesicht.

„Du kannst mir nichts mehr tun“, sage ich. „Ich bin erwachsen und du bist tot. Also verpiss dich!“

Meine Mutter wagt einen flüchtigen Blick in meine Richtung. Liegt da etwa Erstaunen in ihrer Miene? Ein Hauch von Bewunderung?

Meinen Vater wiederum beeindrucken die Drohungen nicht im Geringsten. Er grinst herablassend und allmählich fällt die Freundlichkeit von ihm ab. Das hat ja nicht lange gedauert.

„Ach ja? Bist du dir da ganz sicher?“ Während er mich das fragt, erreichen seine Finger meinen Fuß und ich erstarre zu Stein. Mein Mut schwindet und lässt nur die kindliche Angst zurück, die niemals ganz gewichen ist. Die Erinnerungen sind noch da und seine Berührungen wecken sie, als wäre all das erst gestern geschehen.

Mit einem kratzenden Geräusch fährt er über die Decke, streichelt meinen Knöchel, meine Wade, bis er an meinem Knie angelangt ist. Wie damals suche ich den Kontakt zu meiner Mutter, doch die schaut aus dem Fenster und wippt ungeduldig mit einem Bein. Sie will, dass es schnell vorbei ist, damit sie ihren eigenen Kram erledigen kann. So etwas wie schlafen, malen oder mich für diese Dreistigkeit verprügeln.

„Hör auf“, flüstere ich. Oder erklingen die Worte nur in meinem Kopf? Keine Ahnung.

Seine Hand streicht über mein Knie, nähert sich meinem Oberschenkel und dann passiert es.

Ich pinkle mich ein.

Einen besseren Augenblick gibt es nicht, denn genau das löst meine Starre und ich rolle mit einem kräftigen Ruck auf die Seite. Weg von meinem Vater. Raus aus dem Bett. Der Sturz zwischen die Matratze und das rollende Tischchen ist kurz und dennoch schießen drei Gedanken durch meinen Kopf, während der grüne Linoleumboden auf mich zukommt:

Er wird niemals aufhören, dich zu verletzen.

Du bist ihm scheißegal.

Er liebt dich nicht.

Der Aufprall ist lauter als vermutet. Ich falle gegen den Rolltisch, sodass Blumenvase und Wasserflasche klirrend auf dem Boden zerspringen und das Wasser in alle Richtungen spritzt. Die Kanüle wird aus meiner Hand gerissen und der metallene Infusionsständer kracht auf mich. Für einen Moment wird es dunkel und still. Ich höre meinen eigenen Atem, sonst nichts. Im nächsten Moment zerreißt ein unglaublicher Schmerz meine Brust. Jetzt wäre der perfekte Augenblick, um in Ohnmacht zu fallen. Aber einfach kann ja jeder.

Ächzend robbe ich vorwärts, über Glasscherben und Wasser hinweg, zur anderen Seite des Raums. Ich spüre die Blicke meiner Eltern auf mir und der Gedanke, dass ich mich nirgends vor ihnen verstecken kann, entlockt mir ein irres Kichern. Meine Hand berührt die Wand und ich bleibe unter dem Fenster liegen. Aufsetzen ist keine Option.

Ich ringe nach Atem, weine und kichere wie eine Bekloppte.

„Siehst du“, sage ich zum Schatten meines Vaters hinter dem Bett. Er hat sich nicht bewegt und das macht mir Hoffnung. „Du hast keine Macht über mich. Nicht mehr.“

Ich blinzle den Schweiß aus meinen Augen und erkenne, dass es an der Zeit ist, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen. Ich muss mich von ihnen lösen, hier und jetzt.

Meine Hand streicht über den Boden und ertastet eine Glasscherbe. Davon liegen viele um das Bett herum und diese Scherbe ist groß genug, um alles zu beenden.

Mein Vater antwortet nicht. Kunststück: Er ist verschwunden. Einfach weg. Aber sie ist noch da und wirft mir einen Blick zu, den ich nur allzu gut kenne. Ich habe sie enttäuscht.

„Na, muss ich dir helfen oder schaffst du das allein, Schätzchen?“

Meine Mutter deutet auf die Glasscherbe und mein Magen krampft sich zusammen. Ihr Zeigefinger läuft quer über ihr eigenes Handgelenk, während sie mich anstarrt und ein breites, irres Grinsen zeigt. Sie nickt mir aufmunternd zu, als gäbe es keine andere Möglichkeit für mich, aus diesem Albtraum zu fliehen. Heiße Tränen laufen über mein Gesicht und ich fühle eine Traurigkeit, die sich niemals wird lösen lassen.

Was hast du erwartet, Julie? Sei ehrlich. Was hast du verdammt noch mal erwartet?

Ich forme eine Faust, die Scherbe schneidet in mein Fleisch und dann denke ich mit einem Mal an Viva, das elfjährige Mädchen, das ich behüten möchte. Das Mädchen, das in meinen Armen Schutz sucht und so herrlich duftet. Sie riecht nach Himmel, nach Sonne, nach Wärme und nach Hoffnung. Am liebsten würde ich sie in Watte packen und einsperren, damit ihr niemand zu nahe kommt und sie verletzt. Weder Mensch noch Zombie. Aber das wird nicht funktionieren. Ich muss dafür sorgen, dass sie zäh wird – stärker, als ich es in ihrem Alter war.

Ich lasse die Scherbe fallen und höre meine Mutter verächtlich schnaufen.

„Wusste ich es doch“, sagt sie. Sie ist mal wieder wütend. „Du bekommst es alleine nicht hin. Ich habe einen Schwächling geboren. Einen richtigen Waschlappen. Aber weißt du was? Es ist mir egal, denn du bist sowieso tot. Dein Dasein ist bald zu Ende.“

Meine Mutter will mich provozieren, damit ich auf ihre Worte eingehe und ihr einen Grund liefere, mich nach Strich und Faden zu verprügeln. Doch das klappt nicht. Diesmal steige ich aus dem Spiel aus.

Ich sehe ihr ins Gesicht, halte ihrem Blick stand und denke: Mein Gott, es tut mir so leid.

All die Jahre habe ich mich gefragt, warum sie uns nicht liebt. Ich redete mir ein, dass es an uns liegen muss, weil wir anders sind - verabscheuungswürdig. Aber das stimmt nicht. Jules und ich sind nicht der Grund. Sie selbst ist es – und sie ahnt das nicht einmal.

Carla Mond, meine Mutter, hat nie diesen überwältigenden Duft gerochen. Ich erinnere mich genau, als sie mit meinem Vater aus dem Krankenhaus kam, ein Baby im Arm. Mein geliebter Jules. Ohne ein Wort legte sie den Säugling in meine dünnen Arme, stapfte die Treppe nach oben und kam eine ganze Woche nicht aus ihrem Zimmer. Ich drückte das kleine Geschöpf an mich und eine Wolke aus Unschuld, Milch und Butterkeksen umhüllte mich. Ich liebte Jules von der ersten Sekunde an, und zwar bedingungslos.

„Warum hast du uns nicht beschützt?“, frage ich, obwohl ich die Antwort kenne. Aber manche Dinge müssen nun mal ausgesprochen werden.

Ihr Gesichtsausdruck wechselt schlagartig von wütend zu betroffen – geradezu schuldbewusst.

„Was willst du von mir hören, Julie?“ Sie zuckt mit den Schultern, als wäre das Antwort genug. „Natürlich habe ich es versucht. Ich bin doch keine schlechte Mutter! Ich bin zu deinem Vater gegangen und habe gesagt, dass es aufhören muss. Aber du kennst ihn ja. Er hat nicht auf mich gehört.“

Meine Mutter ist mit ihrer Aussage zufrieden und lehnt sich entspannt zurück.

Alles, was ich darauf erwidere, ist ein leises: „Ah.“

Ich entspanne mich, gebe mich dem Schmerz hin und es ist okay. Tief in mir spüre ich, dass es in Ordnung ist, auch mal erschöpft zu sein.

„Ich kann dir nicht verzeihen“, sage ich und starre an die Decke des Zimmers. „Ich kann dich auch nicht verstehen, aber eine Sache hat sich geändert, ganz klar.“

Mein Atem wird immer flacher und aus dem Brennen und Stechen in der Brust wird ein einziger, großer Schmerz.

Schon okay, denke ich und höre Bobbys Gesang im Hintergrund. Ich ergebe mich ja.

„Du tust mir leid“, hauche ich und schließe die Augen.

Ich würde ihr gerne mehr sagen, aber die Kraft verlässt mich. Dafür gehören meine letzten Gedanken nur ihr:

Ich wünsche dir eine zweite Chance, ein anderes Leben. Ein Leben voller Gerüche. Blumen und Herzen. Himmel und Sonne. Wärme und Butterkekse.

Wow, das war gar nicht so schwer. Ich lächle und dann lasse ich los.

Narben und Muster

Die Geister, die ich rief, sind verschwunden.