Julie's Monsters - Susanne Sievert - E-Book

Julie's Monsters E-Book

Susanne Sievert

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Beschreibung

"Sorry, Bruder. Ich dachte, die neue Welt würde mich verändern. Aber böse Menschen ändern sich niemals." Julie Mond Julie Monds Leben ist beschissen, nicht nur wegen der Zombies, die Cherryhill und die Ostküste neu bevölkern. Seit sechs Tagen sitzt sie auf einem Schlauchboot fest und der Platzmangel und die fehlende Hygiene kratzen gewaltig an Julies Nervenkostüm. Es bleibt nur ein Ausweg, wenn die Gruppe überleben will und der heißt: Schluss mit dem Unsinn und anlegen! Doch egal, ob zu Wasser oder zu Land, die Zombies sind hungrig und gieren nach Menschenfleisch. Die Situation scheint aussichtslos, wären da nicht zwei Fremde, die unverhofft ihren Weg kreuzen. Sie erzählen von einer Zuflucht, Sicherheit, einer Chance! Ein verlockendes Angebot, dennoch bleibt Julie misstrauisch. In einer Zeit, in der Menschen kaum noch von Monstern zu unterscheiden sind, soll es tatsächlich einen sicheren Ort geben? Während sich die Überlebenden mit Zukunftsplänen beschäftigen, ahnt niemand von der Gefahr, die bereits ein Teil der Gruppe ist.

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Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Susanne Sievert

Julie's Monsters

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Was bisher geschah

Albträume

Waffenstillstand

Redwood Park

Peng! Peng!

Monster

Leben am Limit

Ausgeknockt

Ester

Fütterungszeit

Kampfbereit

Zuflucht

Das Geschenk

Kratzer

Freundschaft

Katzen, Kuchen und Kunstwerke

Nachricht

Ein Funken

Versprochen ist versprochen

Ein Gefallen

Eine Insel

Nachgedanken

Die Flucht nach vorn

Geschichte meines Lebens

Liebe und Splitter

Sail away, Julie

Danksagung

Für meine Freundinnen

Bisherige Werke

Impressum neobooks

Widmung

Für alle Überlebenden.

Es geht immer weiter.

Irgendwie.

Was bisher geschah

Nach der Nachricht über den Tod meiner Eltern reiste ich zurück in meine Heimatstadt Cherryhill. Es war der letzte Ort, an dem ich sein wollte, aber ich musste mich selbst von ihrem Tod überzeugen und außerdem freute ich mich auf ein Wiedersehen mit meinem Bruder Jules. Ich hatte ihn fünf Jahre nicht gesehen und ich fürchtete mich davor, dem Ort des Schreckens und unserer schmerzhaften Kindheit, alleine gegenüberzustehen. Er war nicht da und das Wiedersehen musste noch warten.

Den Zeitpunkt meiner Rückkehr hätte ich nicht schlechter wählen können. Es war der Beginn des Weltuntergangs und was hatte ich im Kopf? Alkohol und Zigaretten ...

Später am Tag traf ich in der Bar auf Bob Baker. Er war es gewesen, der Jules und mich damals aus unzumutbaren Verhältnissen befreit hatte, indem er uns beschäftigte und bezahlte. Ihm verdankten wir nicht nur unser Leben. Wir verdanken ihm so Vieles mehr.

Ein Gedanke ließ mich niemals los: Ich musste Jules finden.

Nach einem Telefonat mit meinen Bruder erhielt ich die Gewissheit, dass er sich am Hafen aufhielt und auf mich wartete. Unsere Gruppe versteckte sich in einem Bootshaus. Wir ruhten uns aus, lernten uns kennen und widerwillig gestand ich mir ein, dass nicht alle Menschen verabscheuungswürdig sind und meine Verachtung verdienen.

Ein Leuchtturmsignal bedeutete unsere Rettung und gleichzeitige Verdammnis: Jules machte mit dem Licht auf sich aufmerksam und lotste unbeabsichtigt Scharen von Zombies vor unsere Tür. Die einzige Möglichkeit, nicht gefressen zu werden, bestand darin, in den kalten Atlantik zu springen und zu hoffen, dass Jules uns finden würde.

Er rettete uns alle und unsere Geschichte nimmt nun weiter ihren Lauf.

Albträume

Das Leben ist beschissen, und dann geschieht etwas unfassbar Schreckliches – sagen wir mal, das Ende der Menschheit – und du denkst: Hätte ich mal auf Holz geklopft.

Die Welt zieht an mir vorbei, während ich das Paddel locker ins Wasser halte und meine Gedanken um die letzten fünf Tage kreisen. Ich bin müde, grüble vor mich hin und wechsle nur selten ein Wort mit den anderen. Es ist besser für sie, denn in meiner momentanen Stimmung kann nichts Nettes aus meinem Mund kommen. Meine aufbrausenden Launen sind bekannt, aber meine Lunte ist mittlerweile so kurz, dass die Ausbrüche ganz neue Dimensionen annehmen. Daher ist es klüger, den eigenen Gedanken nachzuhängen, als seine Mitstreiter zu nerven.

Mein Blick schweift über die kleine Gruppe von Überlebenden und trotz meiner schlechten Laune vergesse ich nicht, dankbar zu sein. Denn was wäre aus Jules und mir geworden, hätte Bobby uns nicht ein neues Leben ermöglicht? Auch jetzt, als Erwachsene, steht er beschützend an unserer Seite und will unser Überleben sichern.

Hinter ihm sitzen Hank und Rob. Hanky Boy, dem ich im Musikgeschäft zum ersten Mal begegnet bin. Sein Blick ist starr geradeaus gerichtet und auch wenn wir keinen guten Start hatten, entwickelte sich doch eine Freundschaft zwischen uns. Auch meine Freundin Judith ist an Bord, die sich von meinen Launen am wenigsten abschrecken lässt. Ich lernte sie in Bobs Bar kennen. Geplant war ein gemütlicher Abend mit Tanz und viel Alkohol, aber stattdessen wurde die Bar von Zombies überrannt und Judith und ich rannten gemeinsam um unser Leben – bis zum heutigen Tag.

Olivia wirft einen Blick über die Schulter und ich nicke ihr lächelnd zu. Das Mädchen hatte im zarten Alter von elf Jahren schon so viel Schlimmes erleben müssen ...

Der Einzige, auf den ich gut und gerne verzichten könnte, ist Rob. Ein ekelhaftes Schwein, das nur mit uns im Boot hockt, weil er einen Haufen Waffen besitzt, die wir während unserer Flucht definitiv brauchen werden.

Von all den Menschen an Bord kann nur ein einziger mein Gefühlschaos nachvollziehen, denn wir teilen seit unserer Geburt dasselbe Leid. Mein Bruder Jules. Er hat mich gerettet, und dass wir wieder als Familie vereint sind, grenzt an ein Wunder.

Vor wenigen Tagen befanden wir uns noch auf einer Jacht, mit einem gewissen Komfort, den wir jetzt schmerzlich vermissen. Wir hatten alles, wovon man in einer Welt voller Zombies nur träumen kann. Gemütliche, weiche Betten, ein Badezimmer mit fließendem Wasser, eine Toilette mit der dazugehörigen Privatsphäre und an Deck bot sich eine Aussicht, die einem das Gefühl von Freiheit schenkte und leise flüsterte: Ja, du kannst es in einer Welt voller Zombies schaffen! Es gibt noch Hoffnung.

Das alles haben wir so lange genossen, bis uns der Treibstoff ausging. Bei einer Jacht von dieser Größe dauerte das nicht einmal zwei Tage.

Unser Vater hatte damals zu Jules und mir gesagt: „Von so einer Jacht können alle anderen nur träumen. Sobald das Schätzchen in Fahrt kommt, zieht es einem sekündlich die Dollarscheine aus der Tasche.“ Dabei hatte er sich die Schuppen von der Schulter gewischt und den Bund seiner Hose zurecht gezogen.

Nachdem der Schock sich gelegt hatte, entbrannte eine heftige Diskussion. Bleiben oder nicht? Es war das Fairste, die Mehrheit entscheiden zu lassen und die wollte auf das Rettungsboot umsteigen und die Möglichkeit nutzen, bei der nächstbesten Gelegenheit an Land zu gehen. Jules bereitete das Boot vor, während wir anderen die notwendigsten Dinge zusammenpackten. Wasser, Essen und Waffen.

Jetzt sitzen wir zu siebt auf einem kümmerlichen Schlauchboot. Rechts von uns sehen wir nur das Meer und links die Scharen von Zombies, die ihre Nasen in die Luft halten und unsere Ausdünstungen wittern. Bobby trinkt Rum und singt Seemannslieder, die bei den anderen für rote Ohren sorgen. Er vermisst seine Bar, seine Mädels und die gute alte Zeit, von der nichts mehr übrig ist.

Nicht ganz. Ein Teilnehmer unserer Truppe erinnert mich unentwegt an einen düsteren Teil meines Lebens: Rob Thomsen. Der Mann, der dazu beitrug, unsere Kindheit zu zerstören, indem er seine perversen Neigungen an uns auslebte. Ich dränge die Bilder schnell zurück, bevor sie die Oberhand gewinnen und ich erneut durchleben muss, was damals mit uns unschuldigen Kindern geschah. Der widerliche Kerl sitzt zum Glück zwei Plätze vor mir und unter der Aufsicht von Bob, aber ich weiß, mir wird es erst besser gehen, wenn der Atlantik ihn mit Haut und Haaren verschlingt.

Letztendlich sind wir uns alle einig, dass die Bootstour nicht lange dauern darf, denn wir müssen neuen Proviant suchen. Es war nicht möglich, all unsere überlebenswichtigen Besitztümer mitzunehmen. Im Gegensatz zu einer Jacht ist der Platz auf einem Schlauchboot begrenzt und in Zeiten wie diesen überlegt man sich dreimal, ob man eine Konserve einpackt oder doch lieber eine Pistole. Nahrung oder Schutz? Wir haben uns für den Schutz entschieden, denn Proviant können wir zur Not an Land finden.

Am dritten Tag traf uns die Erkenntnis, dass es nicht ganz so einfach würde, das Boot zu verlassen und ans Ufer zu gelangen. Die gute Laune schwand und wurde durch Angst ersetzt, als wir die Menge der Zombies am Strand entlang schlurfen sahen. Es waren viele, sie waren überall und sie waren sehr hungrig. Ihr Knurren und Fauchen wehte zu uns herüber und als Rob ein paar Schüsse abfeuerte, schlug Hank ihm die Pistole aus der Hand. Ein Loch im Schlauchboot fehlte uns gerade noch zu unserem Glück, aber so weit reichte Robs Denkvermögen leider nicht. Wild fluchend stürzte er sich auf den armen Hank, der nicht wusste, wie ihm geschah. Bobby konnte das Schlimmste verhindern, aber dennoch machten die Drei solch einen Lärm, dass alle untote Aufmerksamkeit uns galt.

Es war schwierig, die hungrigen Blicke zu ignorieren, und sie zehrten an unseren Kräften.

Wir paddelten um unser Leben, denn nun gab es nur noch zwei Möglichkeiten: Paddeln und in der Nähe der Küste bleiben oder vom Atlantik mitgerissen werden.

Uns war klar, dass wir nicht auf den offenen Ozean getrieben werden durften. Niemand wusste, wie viele Menschen außer uns überlebt hatten und auf Hilfe von außerhalb zählte ich persönlich nicht mehr.

Das Schlauchboot wurde zu meinem Gefängnis, aber noch schlimmer als die Enge dieser paar Quadratmeter waren die langen, kalten und dunklen Nächte. Sobald wir eine Möglichkeit entdeckten, banden wir unser Boot mit Seilen an Bäumen oder Bojen fest und gönnten uns eine Pause.

In der vierten Nacht fanden wir ein gutes Versteck unter einem Steg und Judith war fest entschlossen, an Land zu gehen. Gerade, als ich mit Begeisterung einstimmte, hörten wir die ersten knarrenden Schritte über unseren Köpfen und das altbekannte Fauchen und Ächzen der Untoten.

Verfluchte Scheiße!

Enttäuscht ballte ich die Fäuste und unterdrückte einen Schrei. Jules legte einen Finger auf die Lippen und deutete auf Olivia, die still und mit weit aufgerissenen Augen meine Hand suchte. Für ein elfjähriges Mädchen zeigte sie mehr Durchhaltevermögen, als ich aufbringen konnte.

Die ganze Nacht lagen wir starr in unserem plätschernden Sarg und der Himmel und die Erde verschmolzen zu ein und demselben Gewirr aus Blut und Schmerzen. Unser Gestank zog noch mehr Zombies an, die alle nach Frischfleisch suchten und keine Anstalten machten, den Steg wieder zu verlassen. Stattdessen floss der Speichel aus ihren geifernden Mäulern und tropfte zäh durch die Holzspalten auf uns herab.

Mit jedem Plopp würgte ich die Galle hinunter. Hank kotzte in sein Hemd und von ganz vorn hörte ich den Schraubverschluss einer Flasche und wusste, dass Bobby sich einen Schluck Rum gönnte. Rob war der einzige, der leise schnarchend und schmatzend schlief, während wir anderen mit Angst und Ekel kämpften.

An Jules gelehnt nickte ich irgendwann doch ein und träumte von Robs Händen, die über meinen Körper glitten. Sie berührten meine Brüste, meinen Bauch, griffen zwischen meine Beine und wühlten sich durch mein Innerstes wieder nach oben. Schreiend wachte ich auf, fest davon überzeugt, Rob vergriff sich wie damals an meinem Körper, aber es war Jules, der mich festhielt und eine Hand auf meinen Mund drückte.

Für ihn sind meine Albträume nichts Neues. Jules hat bereits ein Gefühl dafür entwickelt, wann ich schreiend aufwachen werde, denn ich träume nichts anderes, seit wir auf dem Boot festsitzen.

Ja, seit fünf Nächten zerfetzt die Reise mein Nervenkostüm, und egal wie oft Jules mich hält und die Albträume aus mir herausquetscht, ich muss einen Weg aus diesem Boot finden, wenn die anderen überleben sollen. Ein vertrauter Druck legt sich um meine Brust und verlangt danach, gelöst zu werden.

Ich muss hier raus, abhauen und verschwinden, ansonsten werde ich jemandem noch sehr weh tun.

Waffenstillstand

Heute ist der sechste Tag, die Fahrt geht weiter, und wir haben kein Wasser mehr. Judith öffnet unsere letzten Konserven und sammelt die Flüssigkeit in einer Literflasche. Ein trübes Gemisch aus Pfirsichsaft, Gurken- und Wurstwasser.

Welch Delikatesse!

„Das ist absolut widerlich“, murrt Rob und mein Magen verkrampft sich.

Es gibt Momente, da vergesse ich, dass er mit an Bord ist. Ich blende ihn aus, wie alles, was mir nicht passt. Das betrifft momentan jeden Einzelnen aus der Gruppe. Die Enge macht mir zu schaffen und auch die Gewissheit, dass kein Weg aus diesem Boot führt. Wir sind gefangen und gehen uns alle gegenseitig auf die Nerven. Es ist schrecklich. Ich bin nie alleine, ständig glotzt jemand in meine Richtung, starrt mich an, will mit mir sprechen. Ich weiß nicht, wie lange ich das durchstehe. Für jemanden wie mich, der Menschen meidet und Nähe nicht ertragen kann, ist diese Situation die absolute Hölle.

„Solange du nicht deine eigene Pisse trinken musst, ist doch alles in Ordnung“, behauptet Bob und ich höre Jules’ unterdrücktes Lachen.

Mein Bruder sitzt links von mir. Er weicht nicht von meiner Seite. Wo sollte er auch hingehen? Um uns herum gibt es nur Wasser und Tod. Er spürt, dass es mir immer schlechter geht, und versucht hin und wieder, mich aufzumuntern.

„Wir schaffen es. Du wirst sehen“, verspricht er.

Lächerlich, als könnte mich das aufmuntern. Sein Optimismus bleibt ungebrochen und ich frage mich, wo er das wohl herhat. Es fällt mir schwer, ihm zu glauben, aber ich muss es versuchen und mich an den kleinen Funken Hoffnung klammern, den er mir anbietet.

Von der Situation und mir selbst genervt starre ich auf Olivias Hinterkopf.

Natürlich bin ich erleichtert, dass wir Olivia retten konnten, doch ich erinnere mich nicht gerne an den Tag zurück. Damals habe ich eine Grenze überschritten und einen Menschen umgebracht. Einen Zombie zu töten ist das eine, aber einen Menschen? Dabei hatte ich die Wahl. Sie hätte nicht sterben müssen. Statt Shirley zu retten, ließ ich ihre Hand los und warf sie den Zombies zum Fraß vor. Und all das nur, weil sie mich belogen hatte.

Sie hatte sich als Tante von Olivia ausgegeben und nicht als ihre Mutter. Sie hatte ihr Kind ganze fünf Tage sich selbst überlassen. Schlimmer noch: Olivia hatte die Anfänge der Apokalypse alleine bewältigen müssen, in einem Haus, in dem sich ihre richtige Tante bereits verwandelt hatte. Sicher, ich bin keine Expertin für Familienangelegenheiten, aber eine Mutter sollte sich vor und nicht hinter das eigene Kind stellen.

Also habe ich die Grenze der Menschlichkeit überschritten. Wie viele werden es ebenfalls tun? Das Schlimmste ist, dass niemand weiß, wo die Grenze in dieser neuen Welt verläuft. Alles ist möglich.

Wenn ich bei solchen Gedanken Rob betrachte, wird mir übel.

Mir entgehen nicht die Blicke, mit denen er Olivia mustert. Es sind dieselben, mit denen er damals Jules und mich begutachtet hatte. Es blieb nie beim Anschauen.

Mit einem grummelnden Magen drehe ich mich von den anderen weg und lasse meine Hand durchs Wasser gleiten, bevor mein Verstand zerspringt.

Bob, Hank, Rob und Judith kämpfen sich weiter paddelnd an der Küste entlang, aber ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Das Vorankommen ist ein einziger Krampf, mühselig, langsam und ein Ende ist nicht in Sicht.

Was wir hier machen, ist sinnlos!

Ich bin so müde, dass mir alles egal ist. Wir suchen seit sechs Tagen eine Gelegenheit, an Land zu kommen, aber die Untoten sind einfach überall und so zahlreich, dass ein Durchkommen unmöglich erscheint. Entweder werden wir gebissen oder brechen uns beim Besteigen der Klippen alle Knochen. Beides keine guten Aussichten.

Jules’ Atem kitzelt mein Ohr. Wir liegen Kopf an Kopf und starren auf das Wasser. Auf dem Boot gibt es keine Privatsphäre und wenn wir ungestört reden wollen, rücken wir dicht zusammen und flüstern uns unsere Gedanken zu.

„Was ist los?“, fragt er leise. „Du sagst seit Tagen kein Wort.“

Ist das ein Wunder? Ist dir entgangen, in was für einer beschissenen Situation wir stecken?, möchte ich gerne brüllen, aber ich bleibe still.

Stattdessen antworte ich: „Sobald ich meine eigene Pisse trinken muss, knalle ich hier jemanden ab.“

„Das ist dein Problem? Du Glückliche“, er kratzt sich am Hintern und seufzt. „Was gäbe ich nur für eine Toilette. Ich habe es satt, meinen Arsch aus dem Boot zu strecken. Das ist nicht so einfach, wie es aussieht. Man muss die Balance halten, den Wind berechnen und …“

„Schon gut“, flüstere ich und schüttle mühevoll meinen Ekel ab. Natürlich sehe ich sofort die Bilder vor mir, wie wir mit ausgestreckten Ärschen unsere Notdurft verrichten.

Es gibt Schlimmeres, rede ich mir ein, aber das Gefühl der Demütigung bleibt. Die Gerüche von Scheiße und Kotze werden nur noch vom Verwesungsgeruch der Untoten übertroffen. Meine Kopfhaut juckt unangenehm.

Großartig, ich habe bestimmt Läuse. Wir haben bestimmt alle Läuse. Widerlich! Bei dem Gedanken wachsen mir direkt drei neue Herpesbläschen.

„Du amüsierst dich prächtig, nicht wahr?“ Meine Laune wird immer schlechter und ein Knoten bildet sich in meiner Brust.

„Es gibt Schlimmeres, Julie, als den Hintern an die frische Luft zu halten“, ist seine Antwort und damit hat er recht, wobei ich das nicht gern zugebe.

Das Wasser an meiner Hand fühlt sich gut an. Es ist eisig und nach kurzer Zeit fängt meine Haut an zu prickeln. Ich bin am Leben, sogar zusammen mit meinem Bruder, dessen Fürsorge ich gar nicht verdient habe.

„Ey, ihr da hinten!“, höre ich Bobby brüllen. Er hat seit zwei Tagen keinen Rum getrunken und nüchtern betrachtet, ist unsere Lage nur halb so lustig. „Das hier ist kein Urlaub und keine beschissene Kaffeefahrt. Aufwachen! Bewegt eure faulen Ärsche und paddelt, sonst mache ich euch Beine! Faules Pack. Immer wieder die Geschwister Mond ...“ Die letzten Worte grummelt er vor sich hin, aber wir haben sie trotzdem gehört und wissen, was zwischen den Zeilen steht.

Ich will euch in Sicherheit bringen.

Bobby Bear, wie Jules und ich ihn nennen dürfen, ist kein flauschiges Kuscheltier. Ich habe ihn als einen groben, rauen und unbarmherzigen Menschen kennengelernt, der für Geld und Ehre gerne den Abzug seiner Schrotflinte betätigt. Er war der Besitzer einer Bar, in der sich ganz Cherryhill versammelte. Seine Huren lagen ihm zu Füßen, Drogen und Alkohol füllten seine Kasse und obwohl alle Welt ihn für einen schlechten Menschen hielt, rettete er uns das Leben. Bobby Bear, ein schlechter Mensch mit guten Absichten.

„Ich will nicht mehr.“ Ich spreche meinen Gedanken laut aus und öffne damit eine Tür, die besser verschlossen geblieben wäre.

Ich will stark sein, das Paddel in die Hand nehmen und Bobby stolz machen. Aber ich kann es nicht. Die Nähe der anderen erdrückt mich und ich würde lieber über Bord springen, als noch einen einzigen Tag auf diesem schwankenden Boot verbringen zu müssen.

Mein Herz schlägt schneller und schmerzt in meiner Brust.

Oh nein, hör auf. Hör auf! Ich muss hier weg!, denke ich und weiß doch, dass es keinen Ausweg gibt.

Panik schnürt meinen Hals zu und wie in meinen Träumen spüre ich plötzlich raue Hände über meinen Körper gleiten. Sie quetschen meine Brüste zusammen und der Geruch von Schweiß und Zigarettenrauch liegt in der Luft.

Ich schaue auf mein Hemd und sehe nichts, aber sie sind da. Sie sind da! Schnaufend fasse ich mir an den Kopf und reiße mir ein paar meiner verfilzten Haarsträhnen aus. Sechs Tage lang habe ich mit meinen Albträumen gerungen und nur Jules ist es zu verdanken, dass ich nicht komplett irre geworden bin, doch seine Nähe reicht nicht mehr aus. Mit den ausgesprochenen Worten gewinnen meine Ängste die Oberhand und rütteln mich durch, als stünde ich inmitten eines Orkans.

„Hey, Julie, ruhig.“ Jules hält meine Hände fest und sucht meinen Blick. Ich schaue an ihm vorbei, spüre die Blicke der anderen, aber keiner von ihnen sagt etwas. Ich höre nur Jules’ Stimme.

„Ich helfe dir“, sagt er und flüstert in mein Ohr: „Wenn einer von uns schwach ist, stützt ihn der andere. So war es und wird es immer sein.“

„Du verstehst mich nicht“, erwidere ich und unterdrücke die Tränen. „Ich werde hier sterben.“

„Nein, das wirst du nicht.“ Jules lässt meine Hände los und umfasst stattdessen mein Gesicht. „Das lasse ich nicht zu.“

„Dann hilf mir“, fordere ich ihn heraus. „Bring mich hier weg. Ich halte es nicht mehr aus. Ich halte ihn nicht mehr aus.“

Der letzte Satz ist nur noch ein Flüstern. Jules versteht mich und im selben Moment frage ich mich, warum ihn keine Albträume plagen. Ja, warum wacht er nicht schreiend auf? Und warum habe ich das Gefühl, dass diese Fahrt für ihn ein riesengroßer Spaß ist? Dann bemerke ich seinen zitternden linken Arm und schäme mich. Rein gar nichts ist an ihm vorbeigegangen. Die Misshandlungen unserer Eltern haben auch bei ihm tiefe Spuren hinterlassen.

„Ich bin schon lange dafür, dass wir an Land gehen. Das ist doch auch mal der Plan gewesen, oder etwa nicht? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir uns alle die Köpfe einschlagen. Irgendwann müssen wir es versuchen und außerdem gab es genug Gelegenheiten, hätte nicht jemand hier die Hosen voll“, mischt sich Judith in unser Gespräch ein.

Sie richtet ihren Blick auf Rob, der völlig außer Atem das Paddel sinken lässt.

„Das sehe ich genauso“, stimmt Jules zu. „Wir brauchen neue Vorräte und von diesem Konservenfraß bekomme ich Durchfall. Wie lange sollen wir unsere Hintern noch in den Wind halten?“

Bobby fängt laut an zu lachen, aber Rob findet den Witz überhaupt nicht lustig. Sein Blick verrät mir, dass er anderer Meinung ist. Das ist ja was ganz Neues.

„Es ist zu gefährlich. Die Untoten sind überall“, brummt er unzufrieden. „Ich finde, wir sollten nicht einfach irgendwo halten, sondern den nächsten Hafen ansteuern. Benutzt doch mal euren Verstand! Das ist doch nicht zu viel verlangt.“

Eine ganze Gruppe auf einem kleinen Boot zu beleidigen, ist entweder mutig oder sehr dumm. Da es sich um Rob handelt, brauche ich nicht lange zu überlegen.

„Den nächsten Hafen ansteuern? Am Arsch! Das kann noch Tage dauern.“ Bob zwinkert mir zu und ich fühle mich ein bisschen besser. Es bedeutet mir viel, dass er auf meiner Seite steht, denn dann kann uns nichts aufhalten. „Ich bin einem kleinen Zwischenstopp nicht abgeneigt. Mein Rum ist leer und ich brauche was zur Aufmunterung. Deine Fresse ist auf Dauer nämlich schwer zu ertragen, weißt du?“

Die herzlichen Worte sind an Rob gerichtet, der sich wie ein Hahn aufplustert und zu einer Antwort ansetzt. Bevor er loslegen kann, kommt Hank ihm zuvor: „Wagen wir es. Warum auch nicht? Wir haben Waffen und die sollten wir benutzen. Ich bin mir absolut sicher, dass es irgendwo eine Auffangstation gibt, in der wir in Sicherheit sind. Es muss sie einfach geben! Wir können doch nicht die einzigen Überlebenden sein. Je länger wir auf diesem Boot bleiben, desto kleiner werden unsere Überlebenschancen. Denkt doch mal nach! Lasst den ersten Sturm kommen und wir sind Geschichte. Sechs Tage lang hatten wir Glück, das sollten wir nicht weiter strapazieren. Unsere Vorräte wachsen nicht von allein und ich habe es so satt, gegen den Wind zu pissen. Also“, er deutet auf mich, „Julie hat mehr Mut als Verstand. Schon diese Tatsache wird uns weit bringen. Ich spreche auch für Judith und Olivia, wenn ich sage, dass wir ohne sie nicht so weit gekommen wären. Und dank Jules sind wir überhaupt alle hier. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr auf diesem Gummiboot sterben wollt, wenn es noch andere Alternativen gibt.“

Der gute, alte Hanky Boy. Pragmatisch, realistisch und um keine Ansprache verlegen. Ich nicke ihm zu und er akzeptiert meine Geste mit einem dünnen Lächeln. Es ist kaum zu übersehen, wie schlecht es ihm geht. Als ich Hank kennenlernte, war er ein drahtiger, großer Mistkerl, der seine Freundin Ruby liebend gern herumkommandierte und jede Auseinandersetzung mit mir begrüßte. Heute, nachdem wir Ruby an die Untoten verloren haben und zusammen dem Tode nahe durch den Atlantik geschwommen sind, sind wir Freunde und respektieren uns.

Mir fällt auf, dass er abgenommen hat. Seine Haut ist grau, tiefe Schatten liegen unter seinen schmalen Augen und ihn umgibt eine Trauer, die mir Gänsehaut bereitet. Hank hat nicht die Hoffnung verloren, das ist nicht das Problem, aber alles andere hat er verloren. Alles, was er mal geliebt hat, ist weg, und nun will er den kläglichen Rest dessen geben, was er noch besitzt.

„Dann ist die Sache wohl klar“, sagt Jules und zeigt auf das Ufer. „Die nächste Anlegestelle gehört uns.“

„Das ist doch Wahnsinn!“, brüllt Rob und steht abrupt auf.

Das Boot schwankt und Olivia schreit überrascht auf. Sie ist die ganze Zeit so still gewesen, dass ihr Aufschrei uns allen einen Schrecken einjagt. Judith hält das Mädchen fest und wirft Rob einen bösen Blick zu, den er überhaupt nicht bemerkt.

„Die Waffen, von denen Hank spricht, gehören immer noch mir und ohne mich gehen die nirgendwo hin. Ist das klar? Ohne mich keine Waffen. Basta!“

„Ich bin bereit, das zu ändern“, werfe ich ein und schaue erst zu Rob und dann auf den Atlantik.

Ich freue mich über den Anblick seiner blassen Gesichtsfarbe und möchte noch etwas hinzufügen, als Bob ruft: „Stimmen wir ab, wie erwachsene Menschen!“

Sofort schnellen sechs Hände in die Höhe. Die Aussicht auf eine rasche Entscheidung stimmt mich munter. Mittlerweile habe ich auch meine Gefühle wieder im Griff. Dass die gesamte Gruppe sich gegen Rob stellt, kann meine Laune nur verbessern.

Er ist sauer und wirft mir einen Blick zu, der mir früher Albträume bereitet hätte, aber heute lasse ich mich nicht mehr erschrecken. Es reicht, dass er in meinen Träumen sein Unwesen treibt.

„Leckt mich! Da mache ich nicht mit. Geht und lasst euch fressen. Von mir bekommt ihr nicht eine einzige Waffe.“ Während er spricht, wippt sein Bauch auf und ab.

„Bist du dir sicher?“, fragt Judith herausfordernd. „Was nützen dir deine Spielzeuge, wenn du alleine vor einer Horde stehst? Gar nichts, Rob. Die Zombies werden dich zerfetzen, noch ehe du eine Pistole in den Händen hältst. Wir kommen ohne dich klar, keine Frage, aber du wirst es keine drei Schritte ohne uns schaffen. Denk mal darüber nach.“

Damit hat sie verdammt recht, das muss Rob einsehen. In der Gruppe steht er alleine da und aus dieser misslichen Lage werden ihm auch keine Pistolen helfen. Brummend setzt er sich auf seinen Hintern und hält endlich die Klappe. Seine Niederlage fühlt sich großartig an.

„Die Fahrt kann weitergehen“, verkündet Jules und zwinkert Judith zu, die das Paddel in die Hand nimmt und ihm ein strahlendes Lächeln zuwirft.

Ich schaue von einem zum anderen und überlege, was das zu bedeuten hat. Es ist nur eine kleine Geste, ganz normal und ohne Hintergedanken. Warum fühle ich mich dabei so unwohl? Warum gefällt mir dieses Vertrauen nicht? Ich schüttle den Kopf.

Das ist doch Unsinn, Julie, sage ich mir. Ich bin völlig durch den Wind. Sobald ich an Land bin, wird es mir besser gehen. Ganz bestimmt.

Redwood Park

Angespornt durch unseren Beschluss führen wir die Bootstour fort. Motiviert halte ich das Paddel in den Händen und strenge mich an, wie die Gruppe es in den letzten sechs Tagen nicht von mir gesehen hat. Niemand spricht ein Wort und ich sehe den anderen an, wie kraftlos und müde sie sind. Wir brauchen dringend Land unter den Füßen.

Links von uns befinden sich Felsen, es ist kein Zombie in Sicht, aber auch wenn wir sie nicht sehen können, müssen wir vorsichtig sein. Sie sind da, daran besteht kein Zweifel. Ihr Stöhnen wird vom Wind getragen, es begleitet uns und ist mittlerweile ein höchst willkommenes Geräusch für mich. Ihre Stimmen helfen mir, meine anderen Ängste auszublenden, und ich kann mich auf unser nächstes Ziel konzentrieren.

„Seht mal, dort.“ Bobby beugt sich nach vorne und zeigt in Richtung Felsen. Die Köpfe der anderen sind im Weg und ich kann nichts erkennen. Mein Herz hüpft vor Aufregung.

Ich warte gespannt, zu erfahren, was er gesichtet hat, da ruft Hank zu uns nach hinten: „Die Felsen flachen ab! Das könnte unsere Chance sein.“

„Höchste Zeit“, sagt Jules. „Nicht mehr lange und es wird dunkel. Ich habe keine Lust, noch eine Nacht unter freiem Himmel zu verbringen.“

„Dann bist du also kein Romantiker?“, fragt Judith.

Auf ihrem Hinterkopf windet sich eine grüne Schlange, ein Tattoo aus einer Zeit, in der es noch keine Zombies gab. Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung in Bobs Bar, die Zigaretten, die wir teilten und an den Kuss, den sie mir auf der Jacht gegeben hat. Der Kuss bedeutete für mich nichts und doch alles.

„Romantiker …“, wiederholt Jules und ich sehe, wie sich sein Blick für eine Sekunde trübt.

Judith wird es kaum aufgefallen sein, aber ich kenne ihn ganz genau und weiß, dass sie einen Nerv getroffen hat. Romantik ist etwas für Träumer, nicht für uns. Die gemeinsamen Stunden im Schrank haben uns etwas anderes gelehrt.

Sofort setzt mein Große-Schwester-Beschützerinstinkt ein. Doch bevor ich etwas erwidern kann, antwortet Jules gelassen: „Nee, ich bin eher der Stimmungskiller und außerdem friere ich mir nur ungern die Eier ab. Bei dem Wind und dem ewigen Geschaukel kommt bei mir nichts in Bewegung.“

Gut gemacht. Er ist ein erwachsener Mann und kann für sich selbst einstehen. Tja, Julie, daran wirst du dich wohl nie gewöhnen.

„Achtung“, ruft Bob. Er steht auf und formt mit beiden Händen ein Fernrohr. „Land in Sicht. Land in Sicht!“

„Lass den Scheiß.“ Rob zieht ihn unsanft nach unten und zischt: „Ich habe keinen Bock auf ein Empfangskomitee. Denn genau das wird passieren, wenn du deine blöde Schnauze nicht hältst.“

Bob dreht sich zu ihm um und wenn Blicke töten könnten, so wäre Rob auf der Stelle gestorben. Alle im Boot wissen, wie wichtig es ist, sich leise zu verhalten. Die Untoten reagieren auf das kleinste Geräusch und erwachen aus ihrer Starre, wenn man sich nicht an diese Regel hält.

Bis jetzt hat es niemand gewagt, so mit Bob zu reden, und ich kenne ihn schon eine ganze Weile. Wer auch immer Bob in der Vergangenheit Schaden zufügen wollte, verschwand spurlos und ich fragte damals nicht nach, was aus diesen Leuten geworden war. Die Vermisstenanzeigen an den Straßenlaternen sprachen für sich selbst.

Ich bewundere Bob. Er steht für Macht, ist in gewisser Hinsicht unantastbar und sein Motto lautet stets: Alles hört auf Bob Baker.

Zumindest bis zu diesem Moment.

Ich kann es kaum erwarten, dass er Rob die Nase bricht, ihn anspuckt oder ihm ein paar deutliche Worte an den Kopf wirft, aber er sagt und tut nichts. Er dreht sich um und damit ist die Diskussion beendet. Ich bin enttäuscht und muss das erst mal verdauen. Als ich Jules einen fragenden Blick zuwerfe, zuckt er erstaunt mit den Schultern und gibt mir wortlos zu verstehen, dass er auch mehr erwartet hat.

„Wir legen an“, befiehlt Rob, während unser alter Freund vor sich hinstarrt. Was ist bloß los mit ihm?

Robs Tonfall gefällt mir ebenfalls nicht. Will hier etwa

jemand den Anführer spielen? Die Position ist bereits vergeben, das wird Rob noch einsehen müssen. Es gibt keinen Ersatz für Bob Baker.

Das Schlauchboot trifft auf Land und das Knirschen unter unseren Füßen ist eine willkommene Abwechslung. Ich kann nicht länger warten, springe ins Wasser und gehe die letzten Schritte zu Fuß.

„Komm, ich helfe dir“, sagt Jules und reicht Olivia die Hand.

Mit krauser Stirn schüttelt sie den Kopf und springt an ihm vorbei ins Wasser.

„Hey, alles klar?“, frage ich, als sie auf mich zukommt.

Wieder zuckt Jules verwundert mit den Schultern und sein Blick sagt: Habe ich etwas falsch gemacht?

„Ja, alles gut“, antwortet Olivia und gibt mir zu verstehen, dass gar nichts gut ist und sie nicht bereit ist, darüber zu reden. „Gehen wir gleich weiter? Ich möchte nicht hierbleiben.“

„Keine Sorge.“ Hank tritt an unsere Seite und verwuschelt ihr blondes Haar.

Mit einem grinsenden „Hey“ schlägt sie seine Hand beiseite.

„Wir machen das Boot fest und verteilen die Rucksäcke. Dann geht es sofort weiter“, sagt er.

Ich nicke zufrieden, denn neben Stille ist Bewegung eine zweite wichtige Regel. Wenn wir in Bewegung bleiben, ist es schwieriger für die Untoten, unsere Spuren zu wittern. Außer, wir werden von einer Horde Zombies verfolgt. Dann sind wir auf jeden Fall am Arsch.

„Ist irgendwas?“, frage ich Hank, der gedankenverloren unsere neue Umgebung betrachtet.

Ich folge seinem Blick und sehe eine weite Wiese mit verlassenen Picknickbänken, herunter gebrannten Feuerstellen, verschiedenen Utensilien, die in Panik liegengelassen wurden und jeder Menge Müll. Es ist ein Park, der unter anderen Umständen viele Freizeitwütige angelockt hätte.

„Dieser Ort … Ich kenne ihn.“

Ich klopfe ihm auf die Schulter und schüttle den Kopf. „Schwachsinn, Hanky Boy. Der Park sieht aus wie jeder andere.“

Das stimmt natürlich nicht, aber ich mache mir Sorgen, dass mein Freund sich in eine fixe Vorstellung verrennt. Er sehnt sich nach etwas, das es nicht mehr gibt.

„Nein, sieh doch“, er zeigt an mir vorbei und läuft einfach los. Ich bin entsetzt, dass der Vernünftigste aus unserer Gruppe sich derart gedankenlos verhält.

Er rennt in Richtung des Waldes und das ist nicht nur gedankenlos, sondern auch dumm.

„Hank, bleib hier!“, zische ich.

Ich laufe ihm nach und komme an einem Steg vorbei, der schon bessere Tage gesehen hat. Die Holzlatten sind an einigen Stellen gebrochen und die getrocknete rostbraune Farbe auf dem Holz lässt erahnen, welche furchtbaren Szenen sich hier abgespielt haben müssen.

Nicht zu viel darüber nachdenken, Julie.

Ich halte kurz inne und atme den Duft der Wildblumen und den würzigen, erfrischenden Geruch der Bäume ein. Es ist eine Wohltat, etwas anderes als Kotze, Scheiße und Angst zu riechen.

Vor einem großen Schild ist Hank stehen geblieben und entfernt die Äste eines Baumes, die hineinragen.

„Du machst mich echt fertig, Hanky Boy. Ich hab mich eigentlich auf deine Vernunft verlassen und gehofft, nicht den Babysitter für dich spielen zu müssen.“ Ich bleibe neben ihm stehen und lese die Worte auf dem Schild laut vor. „Redwood Park … Nie davon gehört. Los, wir gehen wieder zu den anderen. Es ist nicht gut, sich von der Gruppe zu entfernen, wenn Zombies in der Nähe lauern könnten.“

Ich hatte gehofft, dass eine Ansage ausreichend sein würde, aber weit gefehlt. Seine Finger streichen sanft über die Buchstaben des Schildes. Für ihn ist es nicht irgendein Ort. Er kennt ihn tatsächlich.

„Ich erinnere mich noch ganz genau. Letzten Sommer habe ich mit Ruby ein Wochenende in diesem Park verbracht. Es war eine Überraschung, weißt du.“ Er zwinkert mir zu, während ich ungeduldig von einem Bein auf das andere trete. „Wir haben hier gezeltet, obwohl Ruby ein Hotelzimmer mit Wellness und einem schicken 3-Gänge-Menü vorgezogen hätte. Aber ich wollte etwas Besonderes für sie. Eine Nacht unter den Sternen, mit einem romantischen Lagerfeuer und selbst gemachtem Brot, einem schönen Stück Fleisch und Marshmallows. Die hat sie so gerne gegessen. Der Abend sollte perfekt werden.“

„Ja, ja, das klingt ganz toll.“ Auffordernd dränge ich ihn ein Stück in die andere Richtung. „Komm schon, Hank. Erzähl mir die Geschichte auf dem Rückweg.“

Mein Freund hat sich in seiner Erinnerung verloren und erzählt weiter, ohne sich zu bewegen: „An diesem Abend fragte ich sie, ob sie meine Frau werden will und sie sagte ja.“ Er lächelt mich an und ich zwinge mich, nicht mit den Augen zu rollen. „Ich würde meinen rechten Arm dafür geben, noch mal mit ihr unter den Sternen liegen zu dürfen. So ein wundervoller Ort, so eine liebevolle Frau. Wir kommen beide aus Cherryhill und man muss nicht weit fahren, um das Paradies zu finden, Julie.“

Jetzt rolle ich doch mit den Augen und gebe Hank unmissverständlich zu verstehen, dass die Geschichtsstunde hiermit beendet ist.

Aber sein letzter Satz macht mich stutzig. „Warte mal. Ihr kommt beide aus Cherryhill? Wie lange seid ihr damals gefahren?“

„Ich schätze, mit dem Auto waren wir fünf Stunden unterwegs. Die Pausen mit eingerechnet und wir haben so einige Stopps einlegen müssen.“ Er lacht und wackelt vielsagend mit den Augenbrauen.

„Willst du mich verarschen?“ Mir kommt vor Wut die Galle hoch. „Wir sind zwei Tage auf der Jacht unterwegs und sechs beschissene Tage mit dem Schlauchboot und du erzählst mir, dass wir praktisch zu Fuß nach Cherryhill zurücklaufen könnten?“

Nein, er will mich nicht verarschen und im selben Moment weiß ich auch, dass Hank am wenigsten für unsere Situation kann, aber mein Gott, das kann doch nur ein übler Scherz sein!

„Ich verarsche dich sicher nicht, wenn ich dir aus meinem Leben erzähle, Julie.“ Hank ist gekränkt. Ich habe es mal wieder geschafft.

„Ach, komm schon.“ Ich wage einen Versuch, mich zu entschuldigen. „Und sorry … Mein Beileid? Oder was willst du von mir hören?“

„Am besten hältst du die Klappe“, schimpft er. „Besser wird es offensichtlich nicht.“

Warum verhalte ich mich wie ein Arsch? Nun gut, zwischenmenschlicher Unsinn ist nicht meine Stärke, aber es gab bereits Momente, da habe ich es besser gemeistert. Ich lerne und bin stets bemüht.

Hank rennt in den Wald hinein und ich gehe ihm mit einem schlechten Gewissen hinterher.

„Können wir wenigstens in die andere Richtung laufen? Bitte?“

Hank ist so wütend, dass er sich einen Dreck um mich schert.

Es raschelt im Gebüsch und mein Herz pumpt, bevor ich überhaupt weiß, was los ist. Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr und mir wird heiß und kalt zugleich. Hank hört und sieht nichts, er ist noch völlig in seiner Wut gefangen. Egal, was es ist, ich höre auf mein grummelndes Bauchgefühl, gewinne an Tempo und rufe atemlos: „Achtung!“

Im Lauf stoße ich Hank beiseite und hoffe, dass es sich bei dem Geräusch nur um ein Eichhörnchen handelt.

Aus dem knackenden Unterholz kommen wankende Schritte, die immer schneller werden, je besser sie die potenzielle Mahlzeit wittern können. Der Untote verliert keine Zeit, stürzt sich stöhnend und knurrend auf mich und reißt mich mit seinem Gewicht zu Boden. Ich habe meine liebe Mühe, mir den Stinker vom Leib zu halten.

„Fick dich! Warum kannst du kein flauschiges Eichhörnchen sein?“, krächze ich dem Zombie ins Gesicht, das viel zu nah an meinem ist.

Schwarzes, geronnenes Blut kleckert auf mein Hemd und aus seinem Mund ergießen sich Gerüche, die ich nur mit einem Ugh beschreiben kann. Meine Hände liegen um seinen Hals und ich drücke zu, lache über mich selbst, und versuche dann lieber, ihn von mir runter zu bekommen. Der Zombie verfolgt seine eigenen Pläne und ist wild entschlossen, von meinem Fleisch zu kosten.

Sein linker Arm ist abgefressen, zu meinem Glück, denn so hat er Mühe, mich zu packen. Mit einer Hand halte ich ihn an der Kehle zurück und mit der anderen wehre ich seinen Arm ab. Mit letzter Kraft versuche ich, ihn von mir zu stoßen, aber die Nächte auf dem Boot fordern ihren Tribut. Ich weiß nicht, wie lange ich dem Zombie noch standhalten kann.

„Hank?“, rufe ich und hoffe, dass er sich beim Sturz nicht den Kopf angeschlagen hat. „Bist du noch sauer auf mich?“

Der Zombie reagiert auf meine Stimme und wird aggressiver. Sein Maul öffnet sich und ehe ich mich versehe, spuckt er mir eine gelbe Flüssigkeit ins Gesicht. Vor Ekel muss ich mich übergeben.

„Dich habe ich nicht gemeint, du Stück Dreck“, presse ich hervor und denke gleichzeitig, dass sechs Tage auf einem Schlauchboot bei Weitem nicht so schlimm sind wie das hier.

Mit einem Ruck rollt der Zombie von meinem Körper. Einen Moment bleibe ich liegen und schaue zu Hank hinauf, der einen langen Ast in Händen hält. Ich blicke zur Seite und sehe, dass das untere Ende im Kopf des Untoten steckt. Gelbe Flüssigkeit sickert aus seinem verfaulten Mund und von dem Verwesungsgeruch wird mir übel. Mit einem schmatzenden Geräusch zieht Hank den Ast heraus und streckt mir seine Hand entgegen. Bevor ich sie ergreifen kann, übergebe ich mich erneut.

„Für eine rothaarige Schlampe hast du einen ganz schön empfindlichen Magen.“

Ich lasse das unkommentiert, dazu fehlt mir im Moment die Kraft. Stattdessen sage ich schlicht: „Danke, Hanky Boy.“

Hank nickt verkniffen und nimmt mich ohne Vorwarnung in den Arm.

Sofort spüre ich, wie Panik in mir aufsteigt. Mein Körper nimmt automatisch eine Abwehrhaltung ein und versteift sich. Mit menschlicher Nähe komme ich nicht zurecht und mit Berührungen noch weniger. Ich kneife die Augen fest zusammen, halte die Luft an und zähle von drei an rückwärts.

3 - 2 - 1.

Hanks Umarmung löst sich. Gott sei Dank, sonst hätte ich ihm wehgetan und das, nachdem er mich gerettet hat.

„Um deine Frage zu beantworten: Ja, ich bin noch sauer auf dich.“ Er verzieht das Gesicht und will offensichtlich böse aussehen, aber es erinnert eher an ein dringendes Bedürfnis.

„Pass auf, dass es nicht in die Hose geht“, sage ich und Hanks Gesicht wird plötzlich rot.

„Hey, das ist der böse Blick!“, antwortet er empört. Wir lachen und er fügt hinzu: „Ich werde drüber hinwegkommen.“

Ob er unseren Streit oder den Verlust von Ruby meint, kann ich nicht sagen. Vielleicht ja beides.

„Meinst du, er war alleine unterwegs?“

„Sie sind nie alleine unterwegs.“ Ich blicke auf mein Hemd und stelle fest, dass es ruiniert ist. Überall klebt schwarzes Blut und Kotze.

Du bist am Leben, Julie Mond, nur das zählt.

Wir laufen zu den anderen zurück, die mit geschulterten Rucksäcken auf uns warten. Mir kommt es so vor, als wären wir Stunden weg gewesen, aber es waren nur ein paar Minuten. Ein paar schreckliche Minuten, die mich das letzte bisschen Kraft gekostet haben.

„Scheiße! Was ist …?“, beginnt Jules.

„Seid ihr alle ausgeruht?“, unterbreche ich meinen Bruder, um die jüngste Begegnung mit dem Zombie nicht weiter zu vertiefen. Der vertraute Geruch der Angst steigt mir in die Nase, als ich von einem zum anderen schaue. „Wir müssen weiter, und zwar schnell.“

Rob begutachtet mich von unten bis oben und sein Blick verweilt viel zu lange auf meinen Brüsten. Wie ich dieses verdammte Schwein hasse!

Unter seinem fetten Bauch lugt ein Waffengürtel hervor, daran hängen ein Holster und vier weitere kleine Taschen. Das Arschloch hat sich bestens ausgestattet, während Judith und Jules sich mit einer Pistole aus seiner Waffensammlung begnügen müssen. In diesen Zeiten wird Großzügigkeit sehr klein geschrieben.

Warum geben die, die am meisten besitzen, am wenigsten? Die Frage schwirrt in meinen Kopf herum und die Stimme meines Vaters antwortet: „Wie soll man es sonst zu etwas bringen? Macht gehört denjenigen, die sich über das Schicksal der anderen keine Gedanken machen.“

Ich schlage gegen meinen Kopf, will ihn nicht hören, aber sein Lachen weigert sich zu verstummen. Kein guter Zeitpunkt für beschissene Ratschläge. Und kein guter Zeitpunkt für längst verstorbene Stimmen!

Ich bin nicht wie du! Ich bin besser!

Hank tritt an meine Seite und legt eine Hand auf meine Schulter. Sein Mund öffnet sich, aber statt seiner Stimme höre ich die unheilvollen Worte meines Vaters: „Du bist nicht besser. Du bist wie ich.“

„Nein“, brülle ich und schreie ihn einfach fort. „Nein, nein, nein!“

„Ruhig, Püppi.“ Es ist Bob und es war noch nie so schön, seine tiefe, rauchige Stimme zu hören. „Es war ein langer Tag für uns alle, aber halt deine Gedanken zusammen, sonst sind wir ganz schön angeschissen. Ich sage, wir suchen uns einen Unterschlupf und dann sehen wir weiter.“

Bob hält seine eigene Schrotflinte im Arm. Dieser Anblick ist sehr beruhigend. Aus meiner Kindheit weiß ich, dass niemand so gut schießen kann wie Bob.

„Ja“, nicke ich matt. „Gute Idee.“

Ich lehne mich an seine Schulter und berühre die Waffe.

„Hey, hey, vorsichtig. Tu Ester nicht weh.“

„Ester?“, frage ich mit gerunzelter Stirn.

„Ja, mein Schätzchen hier“, Bob streichelt über die Flinte. „Meine Königin.“

„Warum gibst du deiner Waffe einen Namen?“

„In solchen Zeiten brauchen gute Dinge einen Namen, Püppi. Und Ester ist der beste Name, den ich kenne.“

Darüber denke ich einen Moment nach und als ich Bobs glänzende Augen sehe, ist es mir ganz egal, wie er seine Waffe nennt. Hauptsache sie tut das, wofür sie bestimmt ist.

„Ester“, wiederhole ich leise. „Ein guter Name.“

„Tja, wenn das so ist, dann muss ich den hier wohl Der Stecher nennen.“ Hank hebt den Ast in die Höhe, der vom Blut des Zombies schwarz gefärbt ist.

„Und das sagt derjenige, der einen Stock im Arsch hat“, lacht Jules und klopft Hank freundschaftlich auf die Schulter. „Du kannst ja auch witzig sein, Mr. Nacktarsch.“

„Nenn mich nicht so“, antwortet Hank und grinst dümmlich.

„Los, bewegt euch, bevor wir Gesellschaft bekommen.“ Ich störe nur ungern die aufkommende gute Laune, aber ein Zombieangriff am Tag reicht mir vollkommen. „Je länger wir warten, desto wahrscheinlicher werden wir zu einem Abendessen. Und ich möchte nicht, dass Hanks nackter Arsch das Letzte ist, woran ich vor meinem Tod denke.“

Alle außer Rob stimmen mir zu. Es ist nicht zu übersehen, dass er mir den Wahnsinn an den Hals wünscht. Damit würde ich ihm vor den anderen einen guten Grund liefern, mich abzuknallen. Ich enttäusche ihn nur zu gerne. Heute verliere ich meinen Verstand nicht, aber wer weiß schon, was uns morgen erwartet?

Wir setzen uns in Bewegung. Jules holt auf und läuft an meiner Seite.

„Schön, dass du wieder bei uns bist“, flüstert er und hinter seinem Lächeln sehe ich den Kummer, den ich zu verantworten habe. Mal wieder.

„Ich werde bleiben, so viel steht fest“, antworte ich. Meine Gedanken kreisen um die Worte Solange ich es kann. Dann wende ich mich an die Gruppe und sage: „Hank kennt diesen Ort, mit all seinen schönen Ecken, und bestimmt auch einen Platz unter den Sternen, wo wir die Nacht verbringen können, richtig Hanky Boy? Du solltest uns ab hier führen. So kommen wir schneller voran.“

Ich sehe Tränen in seinen Augen und mit einem Kloß im Hals sagt er: „Ich weiß genau, wo wir lang müssen.“

Oh, sweet Ruby, wir werden dich nie vergessen.

Peng! Peng!

Es wird alles andere als ein gemütlicher Spaziergang. Wir hetzen quer durch den Park, dicht hinter Hank, der mit seinem Stecher abwechselnd nach links und rechts zielt. Das Unterholz knackt und die Stinker kommen plötzlich von allen Seiten auf uns zu. Ihr Röcheln, Knurren und Fauchen ist überall und ich weiß nicht, wohin ich meine Aufmerksamkeit zuerst richten soll. Ich bleibe dicht bei den anderen, halte Olivias schwitzende Hand und hoffe, dass Hank das Ziel kennt. Momentan sieht es leider nicht so aus.