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"Menschen wie ich sind vom Menschsein weit entfernt." Nach dem unerwarteten Tod ihrer Eltern sieht sich Julie Mond gezwungen, in ihre Heimatstadt Cherryhill zurückzukehren. Dort angekommen wird sie nicht nur mit ihrer traumatischen Kindheit konfrontiert, sondern auch mit einem wandelnden Alptraum, dessen Vorliebe Julie ganz und gar nicht gefällt. Menschenfleisch. Zwischen Schüssen, Blut und Chaos erhält Julie eine gute Nachricht: ihr Bruder ist am Leben und wartet auf sie! Für Julie beginnt ein blutiges Abenteuer, das nicht nur Cherryhill verändern wird, sondern auch Julie selbst.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Susanne Sievert
Home sweet Julie
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Stille
Das Haus
Bilder
Das Kleid
Doris
Mein kleines Herz
Bobby Bear
In einem anderen Leben
Wiedersehen
Blut und Feuer
Puppenstube
Das zweite Gesicht
Checkliste
Olivia
Das große Ganze
Klopf klopf
Wasserspiele
Wie ein Herz
Sonnenaufgang
Danke
Impressum neobooks
Für meinen Bruder Andreas.
Du kennst mich.
Prolog
Tag 5
Anfänge sind schwierig, besonders für mich. Und dennoch führe ich immer wieder welche herbei, fange ich immer wieder neu an. Es ist wie ein innerer Druck, der sich erst löst, wenn ich alles abbreche und lautlos verschwinde. Ich halte es unter anderen Menschen einfach nicht lange aus. Alle paar Monate wechsle ich meine Arbeitsstelle und meinen Wohnsitz, wenn ich überhaupt eine Wohnung bezogen habe. Es ist mir ganz gleich, ob ich im Lager arbeite, Botengänge durchführe, Zeitungen verkaufe oder im Restaurant kellnere. Manchmal nehme ich drei oder vier Jobs gleichzeitig an, nur, um nicht zu viel freie Zeit zu haben. Natürlich benötige ich auch das Geld, aber bisher kam ich immer mit sehr wenig aus. So reiste ich mit einem Rucksack und wenigen Habseligkeiten rastlos von Stadt zu Stadt. Bisher. Denn dies hier ist der furchtbarste Anfang meines Lebens.
Der Wind streicht um meine nackten Beine und ich beginne zu frösteln. Es ist April und der Frühling kündigt sich mit lebendigen Farben an. Die Luft riecht nun frisch und blumig mit einem Hauch von Metall, die Sonne schaut hin und wieder hinter den Wolken hervor und taucht die Welt in ein helleres Licht. Mein Blick gleitet hinab von dem Dach, auf dem ich sitze, und ich lache bitter.
Sie stehen unten und starren mich mit blutunterlaufenen Augen an, hinter denen ich ihren unstillbaren Hunger erkennen kann. Hunger nach Tod – Hunger nach unserem Fleisch. Ich ziehe meine Beine enger an den Körper, aber es ist sinnlos. Die Kälte, die sich unter meine Haut gefressen hat, lässt sich nicht mehr vertreiben.
Heute ist der erste Tag, an dem es ganz still geworden ist. In den Tagen zuvor habe ich noch Sirenen, quietschende Autoreifen, splitterndes Glas und Schreie vernommen – entsetzliche Schreie von Frauen, Männern und Kindern, die ich niemals vergessen werde... Das Zerreißen von Haut, das Brechen von Knochen und das widerliche Schmatzen und Kauen auf menschlichen Muskeln. Wie ein Geist habe ich die schrecklichen Szenen vom Dach aus verfolgt, meine Hände gehoben und stundenlang nach Hilfe geschrien. Die Rettung erreichte uns nicht – sie erreichte niemanden in dieser Stadt. Rufe haben nur noch mehr von diesen Dingern angezogen.
Meine Gedanken werden von seltsam schmatzenden Geräuschen und leisem Stöhnen gestört. Die Welt befindet sich in einem entsetzlichen Albtraum. Es ist das Ende der Menschheit, das Ende der Menschlichkeit. Das Ende in den Köpfen der Überlebenden, doch nicht für mich. Für mich ist es ein weiterer Anfang, ein entsetzlicher Anfang.
Das Dach, auf dem ich sitze, gehört meinem neuen Boss Hendrik Jefferson. Er verkauft Musikinstrumente. Ich persönlich habe wenig Interesse an Musik, geschweige denn an Instrumenten.
Als ich noch ein Kind war, haben mich meine Eltern gezwungen, Blockflöte zu lernen. Mein Vater bestand auf Kultur, Kunst und Musik in unserem Haus. In mir schlummert kein musikalisches Talent, aber er sah das anders. Er sagte, Blockflöte könne doch jeder Idiot spielen und bestellte einen Musiklehrer, der mich jeden Tag unterrichtete. Ob ich es nun wollte oder nicht, ich musste auf dieser dämlichen Blockflöte spielen und am Ende stellte sich heraus, dass nicht nur ich ein Idiot war. Der Unterricht kostete einen Haufen Geld und meine Eltern drohten mir mit Strafen, wenn ich mich weigerte.
Eines Tages luden sie unsere Nachbarn ein. Sie waren nicht befreundet und ich nehme an, sie waren sich nicht einmal sympathisch, aber wenn man viel Geld auf dem Konto vorzuweisen hat, dann muss man gelegentlich seinen Reichtum mit anderen Menschen teilen, indem man den Luxus vorführt, in dem man lebt.
Meine Stunde hatte geschlagen. Eltern und Nachbarn saßen versammelt im Wohnzimmer und sahen erwartungsvoll zu mir auf. Ich, ein kleines rothaariges Mädchen mit Sommersprossen und krummer Nase, sollte ein klassisches Werk auf meiner Blockflöte vortragen. Ich spielte und flötete, wie es mir passte, kein Ton passte zum anderen und selbst als mein Vater wutentbrannt aufstand und mich aus dem Zimmer trug, spielte ich weiter meine Teufelsmusik.
Es gab neben dem üblichen Hausarrest, den ich nicht als Strafe betrachtete, da ich sowieso nicht unter Menschen sein wollte, auch einfallsreichere Repressalien: Unter anderem musste ich jeden Abend Blockflöte üben und bei jedem falschen Ton gab es einen Stich mit der heißen Nadel. Damit hatte ich mir selber keinen Gefallen getan, aber ich wusste, ich würde es jederzeit wieder genauso machen.
Mit erfundenen lustigen Details erzählte ich Mr. Jefferson meine ausgeschmückte Blockflötengeschichte und er lachte so herzlich und mit Tränen in den Augen, dass er mich einstellte. Er ist mal ein feiner Mann gewesen, stets in einem grauen Anzug mit weißem Hemd ohne eine einzige Falte und einer roten Krawatte, die ich ihm hin und wieder richtete.
Nun steht er unten und glotzt mich mit roten Augen an, öffnet gurgelnd seinen Mund und lässt seine Zunge raushängen wie ein hechelnder Hund. Speichel läuft seinen Mundwinkel hinab. Vor einigen Tagen haben wir zusammen zu Mittag gegessen – heute denkt er, ich werde seine nächste Mahlzeit. Der Anzug ist mit Blut besudelt und dicke blaue Adern pulsieren an seinem Hals. Das graue Haar steht zerzaust zu allen Seiten ab und würgend entdecke ich, dass die Hälfte seiner Schädeldecke fehlt. Armer Mr. Jefferson, sein Traum ist nun zu Ende geträumt und er gehört zu den seelenlosen Geschöpfen, die vom Hunger getrieben durch die Straßen ziehen.
Mit knackenden Gelenken erhebe ich mich aus dem Schatten und rutsche zu einem Stück vom Dach hinüber, das von der Sonne gewärmt wird. Seit fünf Tagen trage ich ein blau-violettes Paillettenkleid, das wie ein breiter Gürtel nur mein Hinterteil bedeckt und vorne viel zu weit ausgeschnitten ist. Meine Kleidung passt absolut nicht zum Weltuntergang, aber wie soll man sich auch darauf vorbereiten? Die Nacht traf uns alle wie eine Faust in den Magen, und alles, was wir tun konnten, war, um unser Leben zu rennen mit den Sachen, die wir am Leib trugen.
Auf meiner Flucht habe ich alles verloren. Meinen kostenfreien Drink, eine heiße Bekanntschaft auf der Tanzfläche und zu guter Letzt meine angetrunkene Heiterkeit.
„Hier bist du. Ich hab dich gesucht, Julie.“
In einer blutgetränkten Welt verlor ich alles und gewann unerwartet etwas viel Größeres.
Judith klettert die Feuerleiter hinauf und setzt sich ebenfalls in die Sonne. Ich habe sie vor fünf Tagen in der Bar getroffen, in der ich mich einfach nur betrinken wollte. Ich mache mir nie die Mühe, andere Menschen kennenzulernen, ihnen näherzukommen. Ich bin zufrieden, wenn ich mit mir selbst zurechtkomme, was selten genug der Fall ist. Selbst wenn ich einen Versuch starte, einen anderen Menschen kennenzulernen, so laufen meine Bemühungen immer wieder ins Leere.
Vor ein paar Jahren arbeitete ich als Nachtwächterin in einem Kaufhaus. Es gab nur einen weiteren Kollegen, mit dem ich versuchen musste, auszukommen. Wie war sein Name noch gleich? Terence? Spence? Spencer!
Er war ein netter, junger Mann mit tiefbraunen Augen und einem Lächeln, das ihn sehr interessant machte. Aus einer Laune heraus fasste ich den Entschluss, etwas zu riskieren. Warum auch nicht? Es gab womöglich Menschen, die der Mühe wert waren. Ich unterhielt mich mit ihm, erzählte ihm ein wenig von mir, aber am Ende blieb es immer nur bei einem höflichen „Hallo“ und „Schönen Feierabend“.
Mein Körper strahlt stets eine Warnung an alle Mitmenschen aus. Er sagt ihnen in roten Buchstaben: „Nicht anfassen! Verpiss dich!“
Bei Judith ist es anders. Sie pfeift auf alle Warnungen und durchdringt meine Schutzmauer, die ich jahrzehntelang vor mir her geschoben habe und von der ich selbst nicht wusste, ob ich sie je würde verlassen können.
Wir haben uns vor fünf Tagen vor der Bar gesehen und wussten sofort, dass unsere Leben auf merkwürdigste Weise miteinander verstrickt sind. Ich habe immer gehofft, dass ich mal jemanden finden würde, mit dem ich zusammensein will. Dass das nun eine Frau ist – nun gut, ich will mich in Angesicht des Weltuntergangs nicht beschweren. Ich fühle mich bei ihr wohl und das ist alles, was wichtig ist.
„Ich brauche eine Zigarette und einen Kaffee“, sagt sie trocken und blinzelt auf mein Dekolleté. Ihre braunen Augen werden von dichten schwarzen Wimpern umrahmt und betonen ihr schönes, weiches Gesicht und ihre vollen roten Lippen. Ihren runden Kopf trägt sie kahlrasiert und auf ihrem Hinterkopf schlängelt sich eine grüne Schlange ihren Nacken hinab. Judith ist ein Mensch, der das Leben so nimmt, wie es ist, und das gefällt mir.
Seufzend und mit rollenden Augen ziehe ich aus meinem Büstenhalter meine letzten beiden Zigaretten hervor und reiche ihr eine davon.
„Mit Kaffee kann ich nicht dienen, Lady Lockenlicht“, antworte ich grinsend und sehne mich selbst nach einer heißen Tasse.
„Wenn die herausfinden, dass wir hier oben entspannt eine Zigarette rauchen, sind wir so gut wie tot.“
Das sind wir ohnehin,denke ich, aber ich spreche es nicht aus.
Judith holt aus ihrer Weste ein Zippofeuerzeug und zündet erst mir, dann sich selbst die Zigarette an. Ich zucke gleichgültig mit den nackten Schultern und gönne mir demonstrativ einen langen Zug.
Mit die meint Judith unsere Gesellschaft im Verkaufsraum. Auf unserer Flucht haben wir noch drei weitere Menschen eingesammelt, die sich nun schon seit fünf Tagen heulend, schreiend und streitend unter uns befinden. Das ist der Grund, warum ich die meiste Zeit auf dem Dach sitze und die Zombies bei ihrem Treiben beobachte. Ja, die lebenden Toten sind das nackte Grauen – keine Frage – aber die Lebenden sind der Grund, warum ich mir Sorgen mache. Sie reden zu viel, sind rücksichtslos und stehen sich selbst am nächsten.
Unter Menschen fühle ich mich wie in einem vollen Bus, in dem mir unangenehme Gerüche entgegenschlagen und unabsichtliche Berührungen mich quälen. Die Alten stehen und schaukeln in jeder Kurve verdächtig hin und her. Die jungen Leute sitzen hingegen auf ihrem Arsch, vergraben ihre Gesichter hinter Smartphones und lesen Nachrichten, die kein Schwein interessieren. Ganz nah aneinander gequetscht, geben sie mir das Gefühl, dass ich ihnen den Lebensraum raube. Körperkontakt ist einfach ein Albtraum!
Ihre Stimmen machen mich wahnsinnig und hier auf dem Dach finde ich Gelegenheit, um nachzudenken.
Als hätte Judith meine Gedanken erraten, fragt sie: „Du hast einen Plan, nicht wahr? Früher oder später müssen wir aus unserer Deckung raus. Die Vorräte von deinem Boss sind fast aufgebraucht. Irgendetwas müssen wir uns einfallen lassen.“
Die Vorräte von Mr. Jefferson bestehen aus Schokolade, Chips und Cola, die wir in seinem Büro gefunden haben. Außerdem noch Kekse, ein alter, trockener Kuchen von seiner letzten Geburtstagsfeier und Trockenfleisch, das er zu jeder Gelegenheit wie Tabak kaute. Das Zeug stinkt erbärmlich und schmeckt genauso grausig, aber es stillt den Hunger. Alle haben den gleichen Anteil erhalten. Möglicherweise können wir noch drei oder vier Tage ausharren, aber was passiert dann?
„Wir müssen weg von hier.“ Bedächtig ruht ihre Hand auf meinem Unterarm. Jeden anderen hätte ich zum Teufel gejagt, aber nicht Judith. Sie ist so ehrlich zu mir, wie ich es verdiene.
„Was veranlasst dich, zu glauben, dass ich einen Plan hätte? Unter uns bin ich die Einzige, die im Leben noch nie einen Plan gehabt hat.“
„Schätzchen, ich sehe doch, wie es hinter deiner Stirn arbeitet.“ Mit ihrem schwarz lackierten Nagel tippt Judith sich gegen die eigene Stirn und bläst den Zigarettenrauch aus. „Du hast einen Plan. Seit fünf Tagen finde ich dich hier auf dem Dach, während du in aller Ruhe den Toten beim Fressen zuschaust. Wer solch eine Ruhe besitzt, hat im Leben schon Schlimmeres ertragen. Schau mich nicht mit so großen Augen an. Glaubst du, in meiner Zeit als Barkeeperin habe ich gar nichts über Menschen gelernt? Du sagst, du hast keinen Plan? Dass ich nicht lache. Du hattest bereits einen, als wir vor fünf Tagen schreiend aus der Bar gerannt sind. Menschen wie du haben immer einen Einfall, denn wie sollen sie sonst mit ihren Dämonen leben?“
Menschen wie ich ... Was zum Teufel redet sie für einen Unsinn? Es stimmt, ein paar Abschnitte in meinem Leben waren der Horror, aber machen mich die Erfahrungen jetzt zu einer wandelnden Toten? Zu einer von denen dort unten?
„Ich kann Cherryhill nicht ausstehen“, antworte ich und mit Judiths Lachen verraucht meine Wut auf ihre Ehrlichkeit. Jedes Wort von ihr trifft mich wie eine heiße Nadel und ich streiche unbewusst über meine Arme, auf denen meine Mutter ihre Spuren hinterlassen hat.
„Erzähl mir, wie du den Weg nach Cherryhill gefunden hast.“
„Das habe ich dir doch schon erzählt.“
Auf einmal fühle ich mich sehr unwohl, was in Anbetracht der Geschehnisse kein Wunder ist. Ich rutsche ein Stück von Judith weg, ihre Nähe fühlt sich nicht länger gut an. Meine Kehle schnürt sich zu und als Judith ihren Arm um mich legt und „Nun komm schon“ sagt, sehe ich nur, wie sich ihre roten Lippen öffnen und schließen.
Judith bemerkt meine Starre und weicht zurück. Sie sagt kein Wort. In ihren Augen kann ich es sehen: Sie versteht mich und das bringt mich wieder ein Stück näher zu ihr.
„Dafür haben wir keine Zeit.“ Meine Ausrede klingt hohl.
„Schätzchen, ich weiß ja nicht, ob es an dir vorübergegangen ist, aber die Zeit, wie wir sie kennen, ist abgelaufen.“
Es beginnt. Home, sweet home.
Vor 5 Tagen
Das Taxi hält mit stockender Bremse in einer riesigen Staubwolke an. Meilenweit befindet sich kein Nachbarhaus, und trotzdem wäre der Trottel direkt an dem weißen Haus mit der kunstvoll geschnitzten Veranda vorbeigefahren, hätte ich ihn nicht mit trockener Kehle daran erinnert. Mein Herz schlägt schneller, als sich der Staub legt und ich einen freien Blick aus dem Fenster erhalte.
Mein Gott, was mache ich hier nur? Ich muss verrückt geworden sein, zurückzukommen...
Mit einem Räuspern erinnert mich der Taxifahrer nun daran, zu zahlen. Ich greife langsam nach meinem Rucksack und noch langsamer nach meiner Geldbörse, als könnte ich es so verhindern, aus dem Auto steigen zu müssen. Ungeduldig klickt er mit einem Kugelschreiber und als Dank erhalte ich nur ein unverständliches Brummen. Er hilft mir nicht beim Gepäck und als ich gerade ein Bein aus dem Auto setze, startet er den Motor und rollt voran.
Das alles stört mich nicht. Ich bekomme es nur am Rande mit, denn das weiße Haus mit dem grünen Garten und dem See dahinter hält mich völlig in seinem Bann. Ich starre von Weitem durch das große Fenster im Erdgeschoss und erwarte eine Bewegung an der Gardine, eine Hand am Fenster oder ein Gesicht, das heimlich hinter dem Glas hinausschauen möchte. Doch es herrscht Ruhe.
Du willst wohl Gespenster sehen! Im Haus ist niemand mehr. Sie sind tot. Es besteht kein Grund, sich zu fürchten.
Fürchten? Nein, darüber bin ich seit Jahren hinweg. Warum zittern meine Beine dann so? Warum fühlt sich die Heimkehr so verdammt vertraut an? Es sind keine Gespenster, die hinter dem Fenster lauern. Es sind meine Erinnerungen, meine Gefühle und ja, auch meine Ängste. Ich hatte sie damals alle hier gelassen. Hinter einer sauberen weißen Tür und nun stehen sie dort und warten auf mich.
Ich atme einmal tief ein und gehe ein oder zwei Schritte. Mein Herz pumpt und ich bekomme schwer Luft. In meiner Hosentasche spüre ich einen seltsamen Druck und als ich hineingreife, merke ich warum. In meiner rechten Hand halte ich den Haustürschlüssel, den der Verwalter mir vor ein paar Tagen überreicht hat. Es gibt insgesamt zwei. Einen habe ich nach der Testamentseröffnung erhalten und den zweiten Schlüssel hat er. Ob er wohl schon hier war? Wartet er womöglich auf mich?
Es hat keinen Sinn, sich endlose Fragen zu stellen. Los, geh rein! Oder hast du Angst? Los, nun mach schon!
Nachdem ich ein paar Mal ein- und ausgeatmet habe, gehe ich ein paar mutige Schritte voran. Mein rechtes Bein steht auf der ersten Stufe der Veranda und schon verlässt mich der Mut. Mein Rucksack ist mir plötzlich eine entsetzliche Last und ich stelle ihn ab. Mein Magen dreht sich und ich setze mich auf die weißen Stufen. Mein Vater muss sie vor seinem Tod noch frisch gestrichen haben. Ich rieche noch die Farbe und wundere mich über die Sauberkeit. Kein Blatt, kein Sandkörnchen, keine Spinnweben. Warum wundere ich mich denn? Es ist doch nie anders gewesen. Wir waren doch bekannt als die Familie Saubermann. Das Haus war immer perfekt geputzt, das Essen köstlich und die Kinder, ja die Kinder waren so gut erzogen.
Mir wird schwindlig, als sich die ersten Erinnerungen in meinem Gedächtnis nach oben kämpfen und ich greife schnell nach meiner Wasserflasche im Rucksack. Nachdem ich einen Schluck getrunken habe, geht es mir besser und ich blicke zum Himmel.
Cherryhill ... Das ist der letzte Ort, an dem ich auf dieser Welt verweilen wollte. Meine Eltern wohnen in der Cherryhill Road, wie sollte es auch anders sein. In ihrem Garten wachsen prächtige Kirschbäume, von denen ich in der Vergangenheit nicht eine einzige Kirsche gegessen habe. Das stimmt nicht ganz: Als Kind habe ich mal ohne Erlaubnis eine Kirsche gepflückt und hinter einem Busch gegessen. Die Folgen waren so schwerwiegend, dass ich nie wieder einen Versuch wagte. Für uns gab es auch nie Kirschkuchen oder Kirschmarmelade. Für uns gab es die Reste, die der Hund übrig gelassen hatte, und er ließ nicht oft etwas übrig.
Verdammtes Cherryhill ...
„Was machen Sie da?“
Eine tiefe, männliche Stimme durchbricht meine Gedanken. Dankbar schaue ich zum Tor und sehe einen Mann mit dunklen Haaren, kariertem Hemd und ausgeblichenen Jeans. Ich schätze ihn auf Mitte 50 und frage mich, wie man mit solch einem dicken Bauch Fahrrad fahren kann. Seine Beine sind viel zu dünn im Gegensatz zu seinem Bauch.
„Sind Sie taub? Ich habe gefragt, was Sie da machen!“
„Was geht Sie das denn an?“, frage ich nun ebenso unhöflich. Wie kann ich dem Mann die Frage beantworten, wenn ich sie mir doch selber stelle?
„Wer zum Teufel ...“
Mehr verstehe ich nicht, als er von seinem Fahrrad absteigt und mir entgegenläuft. Unbeeindruckt erwidere ich seinen Blick.
Als er sich vor mir aufbaut und wütend auf mich herabschaut, ändert sich sein Blick plötzlich. Erst sieht er mich verwirrt an und dann werden seine Augen ganz sanft und es liegt etwas darin, das ich nicht deuten kann. Ich fühle mich unwohl und wünschte, er wäre einfach weitergefahren.
„Bist du es, Julie? Julie Mond?“
„Ja, und wer sind Sie?“ Ich zucke gleichzeitig mit den Schultern und weigere mich, ihm die Hand zu geben. Berührungen von fremden Menschen empfinde ich stets als höchst unangenehm.
„Erkennst du mich denn nicht?“, er öffnet seine Arme für eine Umarmung. Als ich mich immer noch nicht rege, spricht er weiter: „Rob Thomson! Ich bin dein Nachbar. Das gibt es doch nicht. Nach so vielen Jahren sehen wir uns wieder.“
Nun wird er verlegen, als er den Grund für meine Wiederkehr erkennt.
„Mein aufrichtiges Beileid, Julie. Der Tod deiner Eltern ist eine Tragödie ... Dieser schreckliche Autounfall. Wir sind alle sehr bestürzt. Wenn du Hilfe brauchst, dann ...“
„Nein!“, antworte ich viel zu heftig. Die Erinnerung an ihn trifft mich wie eine Ohrfeige.
Rob Thomsen. Dieses fette Schwein! Wie konnte ich diese schwitzende Fresse vergessen? Er gehört zu den Menschen, die kein Geheimnis für sich behalten können. Erzählte man Rob Thomsen irgendetwas, dann wusste es schon bald ganz Cherryhill. Doch wenn man auf sein plapperndes Maul vertraute, dann hielt er es. Er hatte gewusst, was uns geschehen war und er hatte geschwiegen und es genossen. Ich erinnere mich an seinen herben, würzigen Geruch. An seine groben Berührungen und an den sauren Atem, den er mir grunzend entgegenschlug.
„Du bist bei uns immer herzlich willkommen, Julie. Natürlich auch dein Bruder. Wir waren doch immer wie eine Familie.“
Oh, das glaube ich dir gerne. Halt dein Maul und lass meinen Bruder aus der Geschichte raus!
„Mach dir keine Mühe, Rob. Ich bleibe nicht lange.“
Mit verschränkten Armen blicke ich ihm direkt in die Augen und fordere ihn stumm auf, zu gehen. Verlegen scharrt er mit seinem Fuß im Sand, die Hände in den Taschen.
„Schade ... Es war schön, dich wiederzusehen. Du bist ein verdammt hübsches Ding geworden.“
Er lacht und bemerkt selbst, wie unangebracht er sich aufführt. An der Schwellung in seiner Hose sehe ich, dass auch er sich erinnert und unbändige Wut lässt mein Gesicht wie Feuer glühen. Manche Menschen ändern sich niemals.
Ohne ein weiteres Wort läuft er zurück zum Tor, steigt auf sein Fahrrad und hält seine Hand zum Gruß in die Luft. Als Antwort streckte ich ihm meinen Mittelfinger entgegen und brülle ihm ein gut gemeintes „Verpiss dich!“ hinterher.
Arschloch!
Robs Besuch kann ich nur eine gute Sache abgewinnen. Vor Wut stürme ich in das Haus, ohne auch nur einen Gedanken an meine Ängste zu verschwenden. Die Vorstellung, dass sich meine Ankunft herumspricht, bereitet mir weitaus mehr Sorgen, als Erinnerungen und Gespenster in den alten Wänden.
Fluchend werfe ich meinen Rucksack zu Boden und schleudere den Schlüssel in die hinterste Ecke.
Verflucht! Ich hätte niemals hierherkommen dürfen! Welcher Teufel hat mich nur geritten?
Mein Atem beruhigt sich und ich beginne, meine Umgebung wahrzunehmen. Die Wände sind so weiß wie ich sie in Erinnerung habe. Der hölzerne Boden ist erst vor Kurzem abgeschliffen worden und frisch versiegelt und lackiert. Es riecht neu und wunderbar. An den Wänden hängen die selbstgemalten Blumenbilder meiner Mutter. Die Jahre haben nichts an ihrer Abscheulichkeit geändert. Langweilig und leblos. So wie dieses Haus.
Zu meiner Linken finde ich das große Wohnzimmer mit hohen sauberen Fenstern, einer weißen, edlen Couch in der Mitte des Raumes und einem Glastisch, der nie mit Kinderhänden in Berührung gekommen ist. Ein Bücherregal, das von der Decke bis zum Boden reicht, erdrückt den Raum. Unser Vater war Schriftsteller und man findet nur seine Werke in dem Regal. Bescheidenheit gehörte nicht zu seinen vorrangigen Charaktereigenschaften. Vor dem Kamin liegt ein sündhaft teurer persischer Teppich. Angeblich stammt er aus Kerman und soll einer der teuersten Teppiche der Welt sein. Viele halten das für ein Gerücht, aber ich weiß, dass es stimmt.
In meinen Gedanken höre ich die keifende Stimme unserer Mutter: „Gnade euch Gott, wenn ihr auch nur einen Fuß in das Wohnzimmer setzt! Finde ich auch nur einen Fingerabdruck von euch, wisst ihr ganz genau, was die Strafe dafür ist!“
Die Erinnerung an ihre durchdringende Stimme lässt mich unwillkürlich zur Treppe schauen. Dort oben befinden sich das Elternschlafzimmer, ein Badezimmer und zwei kleine, nebeneinanderliegende Kinderzimmer mit Blick auf den See. Ich kenne jeden Winkel des Hauses besser, als ich es mir eingestehe und doch erinnere ich mich nicht an mein Kinderzimmer.
Mit einem knarrenden Geräusch schwingt die kleine Tür unten an der Treppe auf und mit dem Windhauch spüre ich eine kalte Hand am Hals, die mich vor Entsetzen gegen die Haustür drückt. Ich schreie wie ein kleines Mädchen und glotze mit weit aufgerissen Augen auf die winzige Tür, die mir einen kleinen Raum unter der Treppe zeigt. Ich bin erstarrt und erwarte jeden Moment, dass ein Geist aus dem kleinen Raum schwebt, doch es ist nur die kalte Angst, die mich in ihren Fängen hat.
Nein, Mama, ich werde lieb sein. Nein, bitte nicht. Bitte nicht!
Mein Gesicht ist heiß und nass, nass von Tränen. Mein Kopf fällt schwer auf meine Brust und ich blicke auf meine Stiefel. Großer Gott, ich habe vergessen, sie abzuputzen! Ich muss sie doch ausziehen. Wo ist nur die Bürste? Handfeger, Schaufel ... Ein Lappen, hier muss doch irgendwo ein Lappen sein!
Mit zitternden Knien laufe ich rechts durch das Esszimmer direkt in die Küche. Hektisch zerre ich an den Schränken und suche verzweifelt nach einer Bürste oder einem Lappen, bis ein merkwürdiger Geruch mich in die reale Welt zurückholt.
Was zur Hölle ist das? Großer Gott, was ist das nur für ein Gestank?
Aus dem Schrank hole ich ein Glas und stelle den Wasserhahn an. Schweiß steht auf meiner Stirn. Wie kann dieses verdammte Haus nur so viel Macht über mich besitzen? Hier bleibe ich nur so lange wie nötig, das steht fest.
Ich trinke einen Schluck kalten Wassers und ziehe mir einen Stuhl heran. Meine Nase prickelt noch immer von diesem Gestank und erst, als ich mich hinsetze, die Beine auf den Tisch lege und auf die keifende Stimme in meinen Gedanken pfeife, sehe ich, woher dieser Geruch stammt.
In einem Schwall spucke ich das Wasser aus, huste und lache gleichzeitig. Tränen der Angst mischen sich mit Tränen der Freude.
Mein Bruder ist vor mir hier gewesen und hat in seinem eigenen Stil eine Nachricht für mich hinterlassen. In großen braunen Buchstaben steht an der sonst so blütenreinen weißen Wand: „Willkommen im Haus des Schreckens, Schwesterherz.“
Jules ... Warum hast du nicht auf mich gewartet?
Neben dem Kühlschrank steht für gewöhnlich der Wasser- und Futternapf für Stella, einen lockigen weißen Königspudel. Jules und ich hassten den Köter aus tiefstem Herzen. Er war seiner Rasse entsprechend der König des Hauses und wurde auch so behandelt. An meinem 15. Geburtstag starb das Vieh, ein Trauertag für meine Eltern, der schönste Geburtstag für mich.
Nach seinem Tod kursierten in der Nachbarschaft Gerüchte, dass ihn ein brauner Pontiac Firebird in schneller Fahrt erwischt hätte. Nach Nachfragen der Polizei, die meine Eltern tatsächlich alarmiert hatten, konnte sich niemand an Details erinnern und somit erstarb das Gerücht. Ich halte mich mit meiner Aussage bis heute zurück. Es interessiert ohnehin niemanden mehr und mit dem Teufel verscherzt man es sich nur ungern.
Fakt ist: Unsere Eltern kauften sich keinen neuen Hund, ließen aber Stellas Futternapf an Ort und Stelle.
Ich halte mir die Hand vor Mund und Nase. Stellas Näpfe wurden nicht bewegt, aber gefüllt. Gefüllt mit Jules’ Darminhalt, wie ich an seiner einfallsreichen Nachricht erkennen kann. Es ist so widerlich und ordinär, dass ich mich vor Lachen krümme. Es ist niemand im Haus und ich kann so laut lachen, wie es mir gefällt. Jules hat recht, wir sind frei und können mit Fäkalien Dinge an die Wand schreiben, wenn uns der Sinn danach steht.
Mit seiner Nachricht hat Jules den Fluch von mir genommen und das beklemmende Gefühl verlässt mich. Obwohl mein Bruder ganze sieben Jahre jünger ist als ich, ist er immer derjenige gewesen, der mich beschützen wollte, mich mit seinem speziellen Humor aufmunterte und mir neue Hoffnung gab, wenn ich vor Schmerzen nur noch einen Ausweg sah.
Verdammt, wie sehr ich ihn vermisse. Gerade jetzt, da ich alleine in diesem Haus stehe, brauche ich seine Unterstützung mehr denn je.
Doch alles ist halb so schlimm, wenn im verbotenen Schrank des Vaters eine Flasche Dalmore 62 auf dich wartet. Unsere Eltern werden sich in ihrem muffigen Grab umdrehen, sobald ich die sündhaft teure Flasche öffne. Ein Grund mehr, die Scheibe der Vitrine einzuschlagen.
Mit der Flasche in der einen Hand und dem Rucksack in der anderen wage ich die ersten Schritte hinauf in das Obergeschoss und betrete das Bad. Es ist so sauber, als hätte die Putzfrau es gerade gereinigt, was womöglich auch so ist. Niemand hat ihren Dienst abbestellt und da sie meine Eltern selten persönlich im Haus angetroffen hat, ist es ihr vermutlich noch nicht aufgefallen. Ihre Augen möchte ich gerne sehen, wenn das Haus des Schreckens abgerissen wird und sie vor den Resten ihres Arbeitsplatzes steht.
Fröhlich pfeifend ziehe ich mich aus, nehme einen kräftigen Schluck aus der Flasche und stelle mich unter die heiße Dusche. Meine Hand brennt von den Splittern der Glasvitrine, doch das bemerke ich kaum. Das Wasser spült das Blut und das Glas fort und zum ersten Mal seit Wochen fühle ich eine angenehme Entspannung. Ich dusche lange und ausgiebig, schließe die Augen und frage mich, wo Jules sein könnte und warum er nicht auf mich gewartet hat. Sind wir noch nicht bereit für ein Wiedersehen? Vor fünf Jahren bin ich gegangen und wir waren zum ersten Mal voneinander getrennt. Ob er noch wütend auf mich ist?
Natürlich, denn ich habe ihn im Stich gelassen. Vor 15 Jahren sind wir gemeinsam aus dieser Hölle geflohen und nach zehn Jahren bin ich einfach ohne Jules weitergezogen. An seinem 18. Geburtstag. Ist es denn so verwerflich ein eigenes Leben führen zu wollen? Abstand, zur Vergangenheit zu nehmen? Nein, sicher nicht. Doch wenn ich zurückblicke, was hat die Suche nach Freiheit, Liebe und Glück ergeben? Die bittere Erkenntnis, dass ich ohne Jules verloren bin. Ich bin seine große Schwester, seine Beschützerin. Ohne ihn bin ich nur Julie und das ist nichts.
Mit einem Seufzer stelle ich das Wasser ab, steige aus der Dusche und greife nach einem Handtuch. Vor dem Spiegel stecke ich meine roten Haare hoch und ertappe mich, wie ich mein Spiegelbild betrachte. Normalerweise versuche ich, das zu vermeiden, denn das Gesicht im Spiegel ist eine Fremde, die mich ängstigt. Die Gesichtszüge sind viel zu hart, die grünen Augen kalt, die Nase zu groß und krumm und wo andere Menschen Lachfalten haben, habe ich eingemeißelte Wutfalten. Ich lache selten und wenn, muss das recht seltsam aussehen. Die Wut bestimmt mein Leben. Es ist kein Wunder, dass die Menschen meine Nähe meiden. Ich habe mich für ein einsames Leben entschieden und es war eine gute Entscheidung. So sage ich es mir jeden Tag. Der einzige Mensch, der mich verstehen kann, ist Jules. Aber er ist nicht da.
Sofort greife ich nach dem köstlichen Dalmore 62, genieße die Leichtigkeit des Alkohols und zünde mir im Bad eine Zigarette an.
Unglaublich, ich rauche tatsächlich im Badezimmer meiner Eltern!
Das große Fenster steht offen und ich kann direkt in den Garten sehen. Es ist Anfang April und die Kirschbäume stehen in voller Blüte. Der Rasen sieht frisch gemäht aus und ich frage mich, ob meine Mutter vor ihrem Tod noch die Rosen gedüngt hat. Sie liebte ihre Rosen ebenso sehr wie den dämlichen Köter und verbrachte viel Zeit im Garten. Als Kind habe ich sie häufig vom Fenster aus beobachtet und mich gefragt, ob sie es je bemerken würde, wenn ich eines Tages einfach verschwände. Später habe ich dann erfahren, dass sie es sehr wohl bemerkte. Volle drei Wochen. Danach ging das Leben einfach weiter, bis zu dem Tag, an dem sich Vaters Auto um einen Baum wickelte.
Aus dem Fenster blickend und rauchend hänge ich meinen Gedanken nach, bis ich einen Schatten hinter den Bäumen entdecke. Ich trete näher an das Fenster und kneife die Augen zusammen. Was ist das? Eine Katze oder ein Hund? Nein, dafür war der Schatten zu groß. Vom Badezimmer aus kann ich niemanden erkennen. Es ist ruhig und so schließe ich kurzerhand das Fenster, greife nach der Flasche und genehmige mir einen kräftigen Schluck.
Alkohol, immer dieser Alkohol ... Er gibt mir ohnehin nicht die Antworten, die ich brauche, die Zeiten sind vorbei. Meine Eltern sind tot. Ich wickle mir ein Handtuch um und lasse die Flasche im Badezimmer stehen.
Rechts von mir im Flur liegt das Elternschlafzimmer. Die Tür ist einen Spalt geöffnet und das Sonnenlicht scheint mir zuzuflüstern: Komm her, schau doch mal rein.
Tatsächlich wage ich mich an die Tür, lege die Hand auf das Holz und halte einen Moment den Atem an. Jules und ich durften in unserer Kindheit unter keinen Umständen das Schlafzimmer betreten. Niemals. Selbst wenn wir nachts einen Albraum hatten, wurden wir zurück ins Bett getragen. Häufig waren unsere Zimmer abgeschlossen und wir entgingen den Schlägen, nicht aber der Einsamkeit.
Mein Herz pocht und ich beiße mir auf die Lippe. Soll ich es wagen? Wenn nicht jetzt, wann dann?, flüstert eine andere Stimme und ich nicke zustimmend. Was soll mir auch großartig geschehen? Das Haus gehört mir ab heute ganz allein.
Also öffne ich die Tür, trete einen Schritt in das Zimmer und bleibe enttäuscht stehen. Statt dem Kabinett des Schreckens sehe ich ein ganz normales Schlafzimmer mit einem großen weißen Bett in der Mitte des Raumes, einem recht hübschen Schminktisch am Fenster und einem Kleiderschrank, der den meisten PLatz in Anspruch nimmt. Ich schaue um die Ecke und entdecke zusätzlich einen begehbaren Kleiderschrank mit zahlreichen Schuhen, von denen ich mit einen Blick sagen kann, dass dort ein halbes Vermögen verstaubt. Entzückt klatsche ich in die Hände und wage einen weiteren Schritt hinein.
Unter meinen Füßen höre ich ein Knirschen und im nächsten Augenblick spüre ich ein Brennen unter meiner rechten Fußsohle.
„Scheiße“, brülle ich vor Schmerzen und falle rückwärts auf meinen Hintern.
Glasscherben, überall liegen Glasscherben! Mein Fuß blutet und innerlich verfluche ich Jules, der wieder vor mir da gewesen ist. Er hat wieder eine eindeutige Nachricht für mich hinterlassen, indem er alle eingerahmten Fotos von den Wänden gerissen und in seinem Wahn auf dem Boden zerbrochen hat. Ich dumme Kuh musste natürlich, geblendet von den Schuhen, direkt hineinlaufen.
Mit zusammengebissenen Zähnen ziehe ich eine große, dreieckige Scherbe und viele kleine Splitter aus meinem Fuß. Der weiße Teppich ist mit meinem Blut beschmutzt. Da wird die Putzfrau ganz sicher große Augen machen.
Was hast du dir nur dabei gedacht, Jules?
