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Man muss kein überzeugter Christ sein, um den Reichtum der Bibel für sich zu entdecken. Klaus Jürgen Diehl weckt Neugier auf die biblische Botschaft - und das auch bei Kritikern und Skeptikern, die an der Wahrheit der biblischen Überlieferung zweifeln. Egal, ob es um die Frage nach Gottes nicht klein zu kriegender Lust am Menschen geht oder darum, ob der Glaube glücklich macht; egal, ob Jesus als genialer Geschichtenerzähler vorgestellt wird oder Zweifler bei ihm eine Chance bekommen: Immer wieder sorgt die Bibel für überraschende Aha-Erlebnisse und fordert dazu heraus, ihre Lebensdienlichkeit für sich zu entdecken. Ein spannendes Buch, das Glaubensthemen prägnant auf den Punkt bringt und dabei sowohl Glaubende als auch Skeptiker abholt.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Über den Autor
Pfarrer Klaus Jürgen Diehl leitete viele Jahre den CVJM-Westbund, einen christlichen Jugendverband, und anschließend bis zu seinem Ruhestand das Amt für missionarische Dienste der westfälischen Landeskirche. Er ist verheiratet, hat 3 Kinder und Enkel und lebt heute mit seiner Frau Karin in Wetter/Ruhr. Eines seiner Lieblingszitate in der Bibel: „Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht“ (Psalm 119,176). In der Bibel für sich „Beute machen“ und anschließend jüngeren wie älteren Menschen Anteil an den dabei gefundenen Schätzen zu geben, gehört zu den Leidenschaften dieses Bibelliebhabers.
Vorwort
1. Feuer – Hammer – Schwert: Die Bibel hat es in sich
2. Sollte Gott inkonsequent sein?
3. Sündigen lohnt sich nicht
4. Selbst radikale Klagen finden bei Gott Gehör
5. Das Größere sehen, statt sich mit dem Sichtbaren abzufinden
6. Trennendes überwinden und Einheit erleben
7. Gnade kann man sich nur schenken lassen
8. Gott hat abgerüstet
9. Alle Tage Sonnenschein ist nicht versprochen
10. Ist die Bibel sexualfeindlich?
11. Gott loben – nicht nur in erhebenden Momenten
12. Die Letzten werden die Ersten sein
13. Gott arbeitet mit lauter Versagern
14. Ohne Umkehr zum Schöpfer verdorrt die Erde
15. Keiner wird Gott los
16. Ist unser Leben von Gott vorherbestimmt?
17. Passion contra Aktion – wer oder was rettet die Welt?
18. Gehorsam und Vertrauen bedingen einander
19. Bloß nicht fromm werden!?
20. Seine Seele stillen
21. Macht der Glaube glücklich?
22. Engel sind Boten Gottes – nicht mehr und nicht weniger
23. Jesus als genialer Geschichtenerzähler
24. Zu Gott umkehren
25. Hat Gott Humor?
26. Begrenzte Loyalität
27. Eine Chance für den Zweifler
28. Im Danken kommt Neues ins Leben hinein
29. Vom Umgang mit Geld und Gut
30. Jedes Wort zählt
31. Ist Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden?
32. Muss man an den Teufel glauben?
33. Kommen am Ende alle in den Himmel?
Bei einer abendlichen Talkrunde im Deutschen Fernsehen fiel der Satz: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“ Einer der Talkgäste bemerkte: „Das ist ja ein interessantes Zitat. Wer hat es gesagt?“ Darauf ein anderer Gast: „Das muss von Bert Brecht sein!“ Niemand in der Runde der prominenten Gäste kam auf den Gedanken, dass der Satz aus der Bibel stammt und bei Jesus noch eine Fortsetzung hat: »… sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht“ (Matthäus 4,4 im Anschluss an 5. Mose 8,3). Diese kleine Szene scheint mir symptomatisch zu sein. Das Wissen um die Botschaft der Bibel und die Grundlagen des christlichen Glaubens nimmt in unserer Gesellschaft immer mehr ab. Dafür nehmen Vorbehalte und Vorurteile zu: Dieses alte Bibelbuch scheint nicht mehr in unsere Zeit zu passen; man kann sich seine Lektüre sparen, ohne dabei auf wesentliche Erkenntnisse und Einsichten für sein Leben verzichten zu müssen. Wer dagegen in unserer Zeit fromm sein möchte, der löst mit einem solchen Wunsch heftige Abwehrreaktionen aus: „Alles, bloß nicht fromm werden!“ Denn Frömmigkeit scheint nichts anderes als eine verkappte Form religiöser Selbstgerechtigkeit und Heuchelei zu sein. Mit dem vorliegenden Buch möchte ich solchen negativen Einschätzungen, einem sich immer stärker ausbreitenden Nichtwissen, aber auch berechtigten Einwänden gegenüber Bibel und Glauben begegnen. Ich möchte noch einmal genauer hinschauen, was die Bibel zu den einzelnen Themen sagt. Es ist mein Wunsch, dass Leser dabei neue, vielleicht auch überraschende Einsichten über Gott und die Welt gewinnen und zur eigenen Bibellektüre angeregt werden. Und vermutlich werden auch mit der Bibel vertraute Leser hier und da noch ungewohnt Neues entdecken können und dadurch ihren Glaubenshorizont erweitern.
Klaus Jürgen Diehl
Christen bekennen sich zur Bibel als Gottes Wort. Dabei werden uns in der Bibel keine menschlichen Mutmaßungen oder wohlmeinende Ratschläge gläubiger Autoren überliefert. Das entscheidende Qualitätsmerkmal der Bibel besteht vielmehr darin, dass sie von Gott selbst inspiriert und damit in allen wesentlichen Fragen des Lebens und Glaubens unbedingt verlässlich ist. Dazu muss Gott bei den Verfassern der biblischen Schriften den Schreibgriffel gar nicht bis in die letzte Formulierung hinein geführt haben. Aber gewiss hat er durch sie dafür gesorgt, dass wir über alles sorgfältig informiert werden, was zu unserem ewigen Heil notwendig ist. Und ebenso lässt er uns nicht im Unklaren darüber, wie wir ein ihm wohlgefälliges Leben führen können. Eben das hat Paulus im Blick, wenn er in 2. Timotheus 3,16 f. den Nutzen der Heiligen Schrift im Blick auf Lehre und Leben betont: „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben (d. h. inspiriert), ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt“. Wie wirkmächtig die Bibel für unser Leben ist, veranschaulicht sie uns selbst in verschiedenen Bildern. Drei davon sollen an dieser Stelle kurz vorgestellt werden.
In Jeremia 23,29 lesen wir: „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“? In diesem Wort aus dem Propheten Jeremia ist zunächst davon die Rede, dass Gottes Wort „wie ein Feuer“ ist. Gott will mit seinem Wort unsere Herzen entflammen. Das ist heute umso notwendiger, wo immer häufiger ein gesellschaftliches Klima der „erkalteten Herzen“ zu beklagen ist. Wer sich dem Wort Gottes unvoreingenommen aussetzt, der bleibt davon nicht unberührt. Dessen Herz wird entzündet zur Liebe gegenüber anderen Menschen, aber auch gegenüber Gott und sich selbst. Wie gut tut es einem Menschen, der zum ersten Mal in der Bibel entdeckt, wie sehr sich Gott in seiner Liebe nach ihm sehnt, wie wertvoll er in Gottes Augen ist. Denn dieser war sogar bereit, aus Liebe seinen einzigen Sohn ans Kreuz zu liefern. Und wie großartig ist es, wenn sein bis dahin mitleidloses, ichbezogenes Herz anfängt, für andere zu schlagen und er „Feuer und Flamme“ ist, um sich tatkräftig ihrer Not anzunehmen. Als der japanische Sozialreformer Toyohiko Kagawa (1888–1960) einmal gefragt wurde, was ihn zu seiner außergewöhnlichen Lebensleistung befähigt habe, hielt er dem Fragesteller seine Bibel entgegen und sagte nur: „Darin allein liegt meine Kraft, meine ganze Kraft!“ Vor allem das Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter hatte in jungen Jahren sein Herz so entflammt, dass er sich fortan mit beispielloser Hingabe für die Armen und Entrechteten in seinem Land einsetzte und zu einem der großen Sozialreformer Japans wurde.
In demselben zitierten Wort aus dem Propheten Jeremia ist auch davon die Rede, dass Gottes Wort „wie ein Hammer“ ist. Gott selbst lässt hier keinen Zweifel daran, dass sein Wort auch eine gewaltsame, zerstörerische Wirkung haben kann: Gottes Wort – das ist der Hammer! Ja, die Bibel räumt mit mancher gefährlichen Selbsttäuschung gründlich auf: So öffnet sie uns die Augen für die Tiefe unserer Schuld und deckt die Verkehrtheit unserer Lebenswege auf. Sie entlarvt unsanft die Selbsteinschätzung als Illusion, dass wir zwar nicht vollkommen, aber im Grunde doch von Natur aus gut seien und Gott daher mit uns zufrieden sein könne. Nein, so sagt uns die Bibel in unmissverständlicher Schärfe: Unser Herz ist böse von Jugend auf (1. Mose 6,5) und darum brauchen wir unbedingt ein neues Herz, wenn wir nicht für immer verlorengehen wollen. Das klingt brutal ernüchternd, aber es ist die für unser Heil notwendige Diagnose. Ja, die Bibel kann schon einmal wie eine mächtige Abrissbirne auf ein selbst gezimmertes, im Kern aber morsches Lebensgebäude wirken. Helmut Thielicke (1908–1986) bemerkt dazu: „Das Wort Gottes ist kein Ohrenschmaus, sondern ein Hammer. Wer keine blauen Flecken davonträgt, soll nicht meinen, es habe bei ihm eingeschlagen.“ Lassen Sie uns darum lieber mit blauen Flecken unser Leben retten, als selbstgefällig vor die Hunde zu gehen!
Im Hebräerbrief wird das Wort Gottes mit einem scharfen Schwert verglichen: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“ Diese Feststellung lässt das Wort Gottes geradezu martialisch erscheinen: mit Rasiermesserschärfe scheint es dazwischenzufahren. Es geht durch Mark und Bein und sorgt für endgültige Trennungen. Es verwundert daher nicht, dass manche Kritiker in der Bibel bis heute „ein gewalttätig-inhumanes Buch“ sehen, das „als Grundlage einer heute verantwortlichen Ethik ungeeignet“ sei, wie der Psychologe und Religionskritiker Franz Buggle (1933–2011) meint. Doch übersieht er wie viele andere Kritiker, dass die „gewalttätig“ erscheinende Schärfe der Bibel nicht lebensbedrohlich, sondern lebensrettend ist. Welcher Kritiker unseres Gesundheitswesens käme wohl auf den Gedanken, Chirurgen die Schärfe ihrer Operationsbestecke vorzuhalten?! Schon ein Kind versteht: Je schärfer die Klinge des Chirurgen ist, umso leichter und exakter lässt sich der Tumor vom gesunden Körpergewebe trennen und umso größer ist die Chance auf Heilung. So will Gottes Wort nicht nur den lebensbedrohlichen Schaden unseres Lebens – Sünde und Schuld – aufdecken, sondern mit seinem Zuspruch der Vergebung zugleich heilen. Die Bibel ist darum immer beides zugleich: nüchterne Diagnose unseres elenden Ist-Zustandes und wirksame Medizin, die zu unserer Heilung führt. Wenn Gottes Wort wie eine scharfe Klinge unser Gewissen trifft, dann dient das einzig dem Ziel, es von Schuld und Schmutz zu reinigen, damit wir einmal aufrecht vor Gott, unserem Richter, stehen können.
Gott mit Inkonsequenz in Verbindung zu bringen, ist eigentlich unvorstellbar. Denn Inkonsequenz ist mit dem Odium fehlender Folgerichtigkeit und offensichtlicher Unbeständigkeit behaftet. Wer inkonsequent ist, bei dem besteht ein Missverhältnis zwischen Reden und Handeln. Das wird man Gott wohl in keiner Weise unterstellen können. Und doch gibt es überraschenderweise Geschichten bzw. Aussagen in der Bibel, wo Gott augenscheinlich inkonsequent ist oder unlogisch handelt. So wird uns in der biblischen Urgeschichte zunächst erzählt, dass sich der Mensch nach der Vertreibung aus dem Paradies nicht im Geringsten verändert hat: „Gott sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden“, lesen wir in 1. Mose 6,5. Daraufhin folgt als logische Konsequenz nach der Vertreibung aus dem Paradies das Strafgericht der Sintflut: „Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde“ (Vers 7). In 1. Mose 8,21 kommt Gott zu demselben Schluss wie vor der Sintflut: „Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf“. Aber diesmal handelt Gott ganz anders. Anstelle des zu erwartenden Gerichts beschließt er: „Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe“ (Vers 26 b). Ist das nicht inkonsequent? Unlogisch? Hätte Gott jetzt nicht aufgrund der anhaltenden Bosheit der Menschen folgerichtig zu dem Schluss kommen müssen: „Wenn die Menschen partout böse sind, dann mache ich jetzt endgültig Schluss mit ihnen! Dann ist das Projekt Schöpfung eben gescheitert!“ Aber nein. Gott handelt völlig anders: Er garantiert trotz ihrer anhaltenden Bosheit den Fortbestand der Menschheit, schließt einen Bund mit Noah und setzt als Zeichen seines Friedenswillens den Regenbogen in die Wolken.
Man kann den Propheten Hosea ins Feld führen, der in radikaler Schärfe wie sonst kein anderer Prophet im Auftrag Gottes einem unbußfertigen Volk ein hartes Strafgericht ankündigen muss. Ja, Hosea muss im Auftrag Gottes sogar eine Hure heiraten, um damit zu verdeutlichen, wie treulos Israel Gott gegenüber ist, indem es sich anderen Göttern an den Hals geworfen hat. Doch dann lesen wir unmittelbar nach einer solchen Gerichtsankündigung in Hosea 11,7 ff., wie Gott völlig überraschend einlenkt: „Mein Volk ist müde, sich zu mir zu kehren, und wenn man ihnen predigt, so richtet sich keiner auf … Ich will hinfort nicht nach meinem grimmigen Zorn tun noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir und will nicht kommen, zu verheeren.“ Erneut erscheint das Verhalten Gottes inkonsequent, weil er ohne ersichtlichen Grund von seinem angedrohten Gericht über Israel ablässt. Aber diese vermeintliche Inkonsequenz Gottes, mit der er seinem berechtigten Zorn über ein fortwährend treuloses Volk in den Arm fällt, ist Zeichen seines Erbarmens, das er durch keine noch so große Schuld der Menschen aufkündigt. Gottes Lust am Menschen und seine Liebe zu ihm ist offensichtlich unerschütterlich, auch wenn es genug Grund und Anlass gibt, sich endgültig von seinen Geschöpfen abzuwenden, die Gemeinschaft mit ihnen aufzukündigen und sie ihrem Schicksal zu überlassen. Insofern ist Gottes vermeintliche Inkonsequenz ein Beweis seiner beständigen Liebe zu uns, die er trotz vieler Irrungen und Wirrungen auf unserer Seite nie aufgibt.
Auch das von Jesus erzählte Gleichnis vom verlorenen Sohn ist ein Beispiel dafür (Lukas 15,11 – 32). Wie sich der Vater in dem Gleichnis verhält, erscheint für die jüdischen Zuhörer völlig unlogisch, ja geradezu absurd: Ein jüdisches Familienoberhaupt würde seinem Sohn, der sein Erbe verprasst hat und als heruntergekommener Nichtsnutz nach Hause zurückkommt, vermutlich vom Hof jagen, ihm aber zumindest eine gehörige Standpauke halten und ihn dazu verdonnern, sich durch treue Arbeit als einfacher Knecht erst einmal auf dem väterlichen Hof zu bewähren. Genau so empfindet es ja auch der zu Hause gebliebene ältere Bruder des Heimgekehrten, der darum das Verhalten des Vaters als völlig ungerechtfertigt und inkonsequent kritisiert. Aber Jesus erzählt uns die Geschichte ganz anders, als es die Zuhörer erwarten und der ältere Bruder einschätzt: Statt ihn abzuweisen oder ihm eine Strafpredigt zu halten, läuft der Vater seinem sehnsüchtig erwarteten Sohn entgegen, schließt ihn in seine Arme, setzt ihn wieder als Sohn und Erben ein und feiert ein großes Fest mit ihm und für ihn. Wieder einmal zeigt sich: Gott als Vater ist eben ganz anders, als selbst religiöse Menschen es sich vorstellen. Was auf den ersten Blick inkonsequent erscheint, ist doch nichts anderes als Gottes unbeirrbare, nicht kleinzukriegende Liebe und sein Erbarmen mit uns Menschen. Er ist „eben Gott und nicht ein Mensch“, wie es schon bei Hosea heißt.
Die Bibel ist voll von Sündengeschichten. Das beginnt schon kurz nach der Erschaffung von Adam und Eva mit dem Sündenfall und zieht sich bis ins letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, durch, wo die „Hure Babylon“ (gemeint ist das heidnische Rom) die Gemeinde zur Sünde bzw. zum Abfall von Gott verführen will. Nun verbindet sich in unserer Vorstellung mit dem Wort „Sünde“ – abgesehen von mancher Banalisierung – meistens etwas Anrüchiges und Schmutziges. Wir denken bei Sünde an Unmoral, an Bosheit und Gemeinheit. Aber die Bibel zeichnet uns zuerst ein ganz anderes Bild von der Sünde der Menschen. Als Eva von der Schlange verführt wird, heißt es in 1. Mose 3,6: „Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.“ Die Sünde präsentiert sich hier also als etwas Verlockendes; sie ist „als Lust für die Augen“ in ästhetischer Hinsicht überaus anziehend und in ihrer Anregung für Geist und Intellekt, „weil sie klug macht“, ausgesprochen attraktiv – Sünde ist also keineswegs schmutzig und abstoßend.
Auch die Sünde Davids durch den Ehebruch mit Bathseba und den Mord an ihrem Ehemann Uria beginnt ja keineswegs in einem schäbigen Rotlicht-Milieu, sondern mit einem betörenden Anblick von der Dachterrasse seines Palastes, von wo David unvermittelt einer Frau beim Baden zuschaut, „und die Frau war von sehr schöner Gestalt“ (2. Samuel 11,2). Doch so begehrenswert und attraktiv die Sünde auf den ersten Blick erscheinen mag, so hat sie doch immer zerstörerische Auswirkungen. Früher oder später wird der Mensch von seiner eigenen Sünde eingeholt und hat dann an ihren Folgen schwer zu tragen. Das gilt für Adam und Eva, die nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben werden, und es gilt für David und Bathseba, deren erstes Kind aus ihrer ehebrecherischen Beziehung nach der Geburt trotz allen Flehens Davids um Bewahrung stirbt. Theologen reden vom „Tat-Ergehens-Zusammenhang“, um deutlich zu machen, dass die Sünde der Menschen nie folgenlos bleibt.
Das gilt übrigens bis heute. Es scheint sehr verlockend zu sein, sein Leben autonom zu gestalten, ohne nach Gottes Geboten zu fragen. Sich möglichst ungehindert selbst zu verwirklichen, ist für viele geradezu ein attraktives Lebenskonzept. Was könnte verlockender sein als das Versprechen: „Ihr werdet sein wie Gott“ (1. Mose 3,5)? Das heißt ja nicht weniger als: „Ihr seid frei zu tun, was euch gefällt.“ Die Folgen solch einer grenzenlosen, oft auf Kosten anderer ausgelebten Selbstverwirklichung werden allerdings meistens ausgeblendet: zerstörte Ehen, vernachlässigte oder gar missbrauchte Kinder, wachsende gesellschaftliche Konflikte sowie zunehmende soziale Kälte in den menschlichen Beziehungen. Statt dem anderen einladend die Hand entgegenzustrecken, werden die Ellenbogen ausgefahren, um den Schwächeren oder Fremden um des eigenen Vorteils willen beiseitezuschieben. Der Ichling triumphiert und ist obenauf. Darunter seufzen schon manche Fromme im Alten Testament, die dann Gott klagen: „Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst, sie tun, was ihnen einfällt. … Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich“ (Psalm 73,7.12). Wenn wir aber eines aus den Sündengeschichten der Bibel lernen können, dann ist es dies: Sündigen lohnt sich nicht! Der Mensch, der Gottes Gebote übertritt und sündigt, wird früher oder später von seiner eigenen Schuld eingeholt und schadet am Ende sich und anderen! Irgendwann wird ihm die Rechnung für sein sündiges Leben präsentiert, und er muss sich spätestens im Gericht Gottes für sein Tun verantworten. Hatte der Beter des 73. Psalms zunächst unter der feisten Selbstgefälligkeit der Gottlosen gelitten, so öffnet ihm am Ende Gott die Augen dafür, dass es mit ihnen so nicht bleibt, und er erkennt: „Wie werden sie so plötzlich zunichte! Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken“ (Psalm 73,19).
Manche Menschen gehen durch tiefes persönliches Leid und geraten dadurch in Zweifel, ob Gott wirklich gütig und barmherzig ist: „Warum musste mir das widerfahren? Was habe ich denn Schlimmes getan, dass Gott mich so im Stich lässt?“ Anderen machen das Elend und die Ungerechtigkeit in der Welt, unter denen oft die Ärmsten und Schwächsten am meisten leiden, zu schaffen, und sie fragen: „Wie kann Gott das zulassen? Warum greift er nicht ein, wenn er doch ein Gott der Liebe ist?“ Für viele Menschen sind solche Erfahrungen der Grund, sich von Gott enttäuscht zu verabschieden und die Hoffnung auf seine Hilfe fahren zu lassen. Dagegen können wir in der Bibel die überraschende Entdeckung machen, dass Menschen gerade in der größten Not nicht von Gott loskommen, sondern sich klagend, ja manchmal mit geradezu penetranter Hartnäckigkeit an ihn wenden. So sind etwa die Hälfte der Psalmen im Alten Testament Klagepsalmen, in denen Einzelne wie auch die ganze Gemeinde oft herausfordernd ihre Not Gott entgegenschleudern: „Herr, wie lange willst du mich ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir? Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele und mich ängsten in meinem Herzen täglich?“ (Psalm 13,2.3). Wenn gläubige Menschen gelegentlich empfehlen, dass man nicht nach dem Warum fragen dürfe, finden wir diese Frage „Warum?“ ebenso wie die dazugehörende „Wie lange noch?“ in vielen Klagepsalmen des Alten Testaments. Die Beter stellen die Frage nach dem „Warum?“, wenn sie mit plötzlichem Leid nicht fertigwerden. Und hinter der Frage „Wie lange noch?“ verbirgt sich der Stoßseufzer eines Leidenden, der es unter dem andauernden Schmerz nicht mehr aushalten kann.
