Blumenrepublik Deutschland - Nikolaus Breuel - E-Book

Blumenrepublik Deutschland E-Book

Nikolaus Breuel

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Beschreibung

Bürger brechen auf, um nach der Zukunft zu suchen, die Stadt verwandelt sich in ein Meer aus Blumen und Ideen, aber »Die Erste« und ihre Minister stecken in Vergangenem fest. Die Politik wird von erschöpften Maschinisten der Macht bestimmt, ihre Dialoge sind taktisch, inhaltlich leer. Die Bürgerbewegung gibt nicht auf, eine schillernde Internetkampagne hilft, überall blüht und summt es, das Neue gewinnt Verbündete, ein riesiges Narzissenfeld nimmt das Regierungsviertel in Besitz. Die Parteien verstehen, dass mit der Zukunft ein Staat zu machen ist. Welche Blüte passt zu wem? Wie bekommen sie die »Blumenrevolution« in den Griff? Rettung naht. Da »Blumenrepublik Deutschland« ein hochaktueller politischer Roman ist, erfolgt die Veröffentlichung zeitnah über tredition.

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EPUB
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Seitenzahl: 555

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Nikolaus Breuel

BlumenrepublikDeutschland

Roman

Copyright: © 2018: Nikolaus Breuel

Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Verlag und Druck:

tredition GmbH Halenreie 40-44 22359 Hamburg

978-3-7482-0924-9 (Paperback)

978-3-7482-0925-6 (Hardcover)

978-3-7482-0926-3 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Wie es beginnt

Alles fängt damit an, dass der Bezirk bekannt gibt, die Bepflanzung des Platzes einzustellen. Natürlich ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, welche Kreise diese Entscheidung später ziehen wird, in der Stadt, überall im Land, auf dem Kontinent, vielleicht auf anderen auch. Vermutlich hätten die Beamten ihre Idee sonst noch einmal im Rahmen einer Verwaltungskonferenz vorgetragen und nach der vollständigen Rückäußerung aller Ressorts, unter Einbeziehung ferner liegender Normen und Analogien in größter Ruhe bedacht. Anstelle von Blumen, erklärt die Behörde nun, werde im nächsten Jahr Rasen eingesät. Bestenfalls, denn das Geld sei knapp. Man habe sogar schon Spielplätze wegen fauliger Fundamente und Rattenbefalls gesperrt.

Ratten und kleine Kinder, Sie verstehen.

Auch die Idee, wenigstens einige Topfpaten zu finden, ließ sich leider nicht realisieren. Die Ausschussarbeit, der Beteilungsprozess von Amts wegen, die vielen Gespräche mit Bürgern und Vereinen, die Unterschriftenlisten und Artikel, der Blog und die Treffen am Brunnen haben keine neuen Erkenntnisse erbracht. Sogar die Blumenschalen bleiben im nächsten Jahr leer.

Der Bezirk meint, er stehe mit dem Rücken an der Wand.

So wird es offiziell: Nager und Geld verändern die Welt.

Das Gerede über die Blumenfrage geht natürlich bald los. Kein Goldlack und kein Bellis, klagt Philine am Wochenende nach dem behördlichen Bescheid während sie Marmelade und Butter in den Kühlschrank stellt, noch nicht einmal mehr Stiefmütterchen.

Hans-Dieter, welche Farbe haben die Stiefmütterchen auf unserem Platz?

Vordermann ist gerade dabei, die Zeitung zusammenzulegen, er hängt noch am ersten Satz. Goldlack und Bellis? Sollen dies Namen von Blumen sein, etwa von welchen, die vor seiner Haustür wachsen? Vordermann seufzt. Es ist schade, wie wenig er selbst über das Alltäglichste weiß. Philine steht neben dem Tisch und schaut ihren Mann an.

Sie wartet auf Antwort.

Stiefmütterchen also. Die kennt Vordermann genau. Und findet sie – lahm. Eine Blume, der nach seinem Geschmack das gewisse Etwas fehlt. Von einem unsichtbaren Lineal regiert, setzen Gärtner sie in Linien hintereinander, immerzu, in jedem Frühling, sie bewegen sich gleichmäßig über die schwarze Erde, so als läge diese Art der Bepflanzung in ihrem Blut, als käme das Kind eines Gärtners, als käme jede Gärtnergeneration bereits mit dem Lineal in der kleinen Faust auf die Welt. Wie kann eine Pflanze im einundzwanzigsten Jahrhundert überhaupt Stiefmütterchen heißen?

Die Farbe müsste er raten.

Draußen strahlt die Sonne und verkündet einen Frühsommertag ohne Pläne. In den hohen, stuckverzierten Räumen der Altbauwohnung ist es ruhig. Seinen Anzug hat Vordermann gestern auf den Stummen Diener gehängt, die silbernen Manschettenknöpfe finden sich in der Schatulle an ihrem Platz neben anderen eingereiht, nun trägt er eine Jeans. Im Hof zwitschern Vögel.

Nach tagelangen Reisen das gute Gefühl, Zuhause zu sein.

Da macht Vordermann den Fehler. Er wagt einen Scherz.

Ohne Stiefmütterchen, sagt er, bleibt mir nur noch die Schwiegermutter.

Was wäre das Leben ohne Witz? Gleichwohl, wer an gespitzter Klippe wandert, liebäugelt mit dem tödlichen Sturz. Nicht jeder Satz gelingt. Auch später, bei längerem Nachdenken bleibt Vordermann die Logik seiner Bemerkung, der genauere Zusammenhang zwischen Blume und Mensch verschlossen. Philine steht immer noch vor dem Tisch, nun blickt sie ihn grimmig an. Philine meint, Bemerkungen dieser Art über ihre Mutter seien verboten. Erst recht, wenn sie von Hans-Dieter kommen.

Wenn Du öfter joggen würdest, gibt sie zurück, hättest Du weniger Speck auf den Hüften und wüsstest vielleicht sogar, was in den Beeten blüht.

Dies ist richtig, aber grob. Dass Vordermann sich neuerdings von Zeit zu Zeit auf der Waage ermahnen muss, stört ihn selbst. Seinen Satz hat er nicht böse gemeint, jetzt aber kitzelt ihn der Stachel. Die Farbe fällt ihm wieder ein.

Mein liebes, liebes, blau-weiß schattiertes Schwiegermütterchen. Das ist der Platz, an dem wir leben, sagt Philine beleidigt.

Obwohl ihm bereits die Vorstellung, an der Sitzung einer Bürgerinitiative teilzunehmen, fremd, eigentlich sogar zuwider ist, gewissermaßen als Friedensangebot, begleitet Vordermann seine Frau einige Tage später zu der Versammlung. Sofort nach dem Betreten des Raumes setzt er sich in die letzte Reihe. Vorn geht es ziemlich hoch her. Vordermann stellt fest, dass es noch viel mehr Blumen gibt, deren Bezeichnung er nicht kennt.

Hornveilchen und Ranunkeln!

Hyazinthen, Tagetes und Primeln!

Pelargonien und Sonnenkraut!

Fleißiges Lieschen und Tausendschön!

Vordermann, die Hände still im Schoß verschränkt, beglückwünscht sich zur klugen Wahl des Platzes. Hier hinten sitzt er sicher. Die Aufregung der Leute scheint ihm übertrieben, die fremden Namen sind wunderbar. Sie klingen nach einem Sommer auf dem Land, der nicht enden will, der irgendwann enden muss, doch es bleiben noch Licht und Zeit. Das Fleißige Lieschen wird eine Verwandte des Stiefmütterchens sein, er merkt es sich für einen Scherz so wie das Tausendschön für die Nacht. Vordermann lehnt sich vorsichtig auf dem Klappstuhl zurück. Mit seiner Frau unterwegs, ohne die Pflicht etwas zu tun, fühlt er sich hier eigentlich sogar recht wohl. Die Sitzung kann nicht allzu lange dauern. Vordermann schließt die Augen und fertigt eine Liste der Restaurants, an denen sie auf dem Heimweg vorüberkommen werden, unter zwei Plätzen seiner Wahl zieht er mit Sorgfalt einen Strich. Vordermann rückt den Anzug zurecht, lächelt Philine zu, sie sitzt kerzengerade neben ihm und drückt ihre Hand. Philine erwidert sein Lächeln und nickt.

Vordermann ist mit seinen Gedanken schon fort, doch anders als erwartet beginnt die Zeit sich zu dehnen. Der Versammlung fehlen Ziel und Leitung, es geht nicht voran. Nachdem die schönen Namen ausgesprochen worden sind, flattern sie noch eine Weile zwischen den Stühlen umher, sie locken mit ihrem Klang, sie blinken und spielen, dann nehmen sie auf einer Gardinenstange Platz und sehen auf die Menschen hinab. Weil niemand weiß, was mit den schönen Namen geschehen soll, werden sie nach einer Weile vergessen. Sie erheben sich und reisen lautlos durch ein weit geöffnetes Fenster in die Nacht.

In den Straßen Vogelgesang, in Gärten duftende Blüten.

Jeder Name verschwindet in einer Blume, zu der er gehört.

Drinnen verschlechtert sich die Atmosphäre, die Beiträge drehen sich im Kreis. Als in der ersten Reihe ein Dicker aufsteht, überkommt Vordermann sofort ein mieses Gefühl. Die dunklen, feuchten Augen des Mannes funkeln böse, trotz des mächtigen Bauches scheint sein nach vorn geneigter Körper angespannt zu sein wie bei einem Raubtier vor dem Sprung. Die Haut seiner fleischig gewölbten Wangen ist rosig und erstaunlich glatt. Der Mann zieht ein weißes, scharfkantig gebügeltes Stofftaschentuch hervor und tupft einige riesige Schweißperlen von seiner Stirn.

Seine Stimme ist eindringlich und tief.

Wir fühlen uns in unserem Land nicht mehr wohl. Die Politiker denken nur an sich selbst. Die packen große Dinge nicht an, die hocken auf ihren Posten und reden, die bewachen ihre Ämter, die tun einander nicht weh. Die schieben sich Pfründe zu, die verschleudern fremdes Geld und warten ab, was geschieht.

Wir müssen uns gegen das Establishment wehren!

Wir holen uns unser Land zurück!

Offenbar hat der Dicke einen Nerv getroffen, in den Reihen wird genickt. Der Regierung, meint ein unscheinbarer Herr mit randloser Brille und schütterem Haupt, fehlen Perspektive und Mut. Die haben keinen Plan für Europa, keinen Plan für die Jugend, die haben keinen Plan für die Welt. Die entwickeln überhaupt keine Pläne, die haben keine Ahnung, was ein Plan ist. Schon ihr erster Satz enthält einen Kompromiss. Wie sollen große Ziele entstehen, wenn das Denken bereits mit Kompromissen beginnt? Die Politiker halten Sitzungen ab, die sitzen Tag und Nacht, die meinen, mit den vielen Sitzungen ist der Job gemacht. Die meinen, mit der Verwaltung von Problemen ist der Job gemacht. Die erschöpfen sich in Reden und Interviews und denken, der Job ist gemacht. Die schwärzen sich gegenseitig an und denken, der Job ist gemacht. Die denken, weil sie müde sind, kann niemand mehr von ihnen verlangen und ihr Beitrag reicht aus. Dabei ist gar nichts geschehen. Alles entwickelt sich irgendwie. Wenn Du nach Monaten wieder einmal Nachrichten schaust, ist alles so wie es schon vor Monaten gewesen ist.

Dann schaltest Du sofort wieder ab.

Genau, ruft sein Nachbar, die reden und denken, zu reden sei genug. Die meinen, sie sind die Größten und können alles aus dem Stand! Eben noch Abgeordneter plus Assistent, jetzt Minister mit riesigem Haus! Hunderte Mitarbeiter, Fachliches, Wiedervorlagen, alles kein Problem! Minister hier, Minister da, ganz gleich, welches Ressort! Wir nehmen, was übrig ist! Wofür der Proporz gerade langt! In jedem Unternehmen suchen sie Spezialisten mit Erfahrung, Leute, die Erfolge vorweisen können, die sich über Jahre entwickelt haben, nicht aber in der Politik. Ein Politiker ist ein Mann, der alles kann. Von Anfang an! Der obwohl er nichts davon gelernt hat, nie im Kleinen beginnt. Überall musst Du üben, Gehübungen, Schreibübungen, Rechenübungen, eine erste Abteilung, wenn’s klappt eine größere, Stufe für Stufe voran, Erfolg erlaubt den nächsten Schritt, nur nicht in der Politik!

Ohne Proben geht’s nach oben, wenn die Partei dich nur will.

Die Partei bestimmt. Die hat das Land in der Hand.

Die beiden Redner verstummen, der unscheinbare Herr sinkt tief in die Mutlosigkeit und Sitzerei hinein. Sein leerer Blick zieht über die Reihen und saugt die Kraft der Anderen fort.

Warum haben so viele Politiker keine Kinder, fragt eine Frau.

Die Parteien werden von der Regierung bedient, sagt eine andere. Vordermann staunt über den Themenwechsel, er will nicht nach oben, sondern zum Fenster hinaus, den schönen Namen hinterher. Er sieht zur Seite, doch Philine ignoriert seinen Blick, er wendet sich wieder nach vorn. Die Kriege, die Anschläge und der Hunger, meint ein Weißhaariger, dessen Gesichtshaut längs und quer gefaltet ist, die Falten ziehen von der Nase waagerecht geordnet bis zu den Ohren und von den Augen senkrecht zu den hervorstehenden Wangenknochen hinab, sie bilden Kanäle und Buchten, Wasserstraßen für Tränen, für Flüsse des Schwermuts, ein Abbild der Traurigkeit, ich sehe mich um und bin verzweifelt. Wir können nichts tun, ich erwarte keine besseren Zeiten. Die Politiker lassen uns mit unseren Sorgen allein.

Wo gibt es Politiker, von denen wir sagen: die werden es schaffen? Der Weißhaarige schüttelt den Kopf. Vielleicht ist er schon lange allein, heute aber nicht. Der Dicke hat ihn genau beobachtet und schüttelt seinen Kopf mit Eifer synchron. Das Kopfschütteln greift um sich, Vordermann stößt Philine an, er will jetzt unbedingt gehen. Philine schüttelt ihren Kopf. Vordermann durchfährt es, er blickt von Reihe zu Reihe und hält sich am Gestell seines Stuhles fest. Vordermann gibt auf.

Für einen Moment; nur Häupter, die sich bewegen, hin und her.

Alle Lügen, alle Politiker, die Politik haben wir satt, ruft ein junger Mann. Wir haben genug von den roten, schwarzen und ebenso von den weißen Lügen!

Die Politiker sind eine Enttäuschung, sagt der weißhaarige Mann.

Vordermann nickt. Lügen lehnt er ab. Gibt es weiße?

Mit dem Auftritt des Dicken scheint ein Damm gebrochen zu sein, bald reden alle durcheinander, jeder sagt irgendwas. Erst als sich niemand mehr meldet, ergreift der Dicke zum zweiten Mal das Wort. Sein dunkler, scharfer Blick wandert langsam im Raum umher. Hier und da hält er an.

Er findet Pupillen und sticht.

Auf den Stühlen drehen sie die Köpfe zur Seite.

Es kann doch nicht sein, sagt der Dicke, bereits mit den ersten Sätzen bilden sich wieder riesige Schweißperlen auf seinem Gesicht, wieder wischt er sie mit dem weißen, scharfkantig gebügelten Taschentuch fort, dass wir nichts tun!

Die bösen Mächte werden immer stärker!

Die Regierung nimmt sich jedes Jahr mehr. Die macht es sich leicht. Überall auf der Welt gibt es Probleme, aber die Politik sieht nicht hin. Die Politiker tun nur das, was ihnen gefällt, unsere Gedanken sind denen egal. Die halten unsere Meinung für bedeutungslos, die halten uns für bedeutungslos, die halten unser Leben für bedeutungslos, aus der Ferne wirken wir lächerlich und klein. Aus Sicht der Politiker, wenn sie am Abend vertraulich zusammen sitzen, sind wir Schmutz auf der Straße, Wähler, die man belügt und betrügt.

Alle vier Jahre werden Lügenreigen getanzt, wir klatschen im Takt!

Zwei riesige Schweißtropfen sind dem Taschentuch entkommen, sie tanzen ebenfalls und laufen die feisten Wangen hinab. Ein Schütteln und sie fliegen fort. Vordermann duckt sich und überlegt, wer die bösen Mächte sind. Er spürt etwas Feuchtes auf der Stirn.

Das Feuchte ist ekelhaft. Hat ihn das Böse infiziert?

Wir müssen, ruft der Dicke, den Feind erkennen und marschieren! Wir müssen unsere Kräfte bündeln, die Fahnen ergreifen und kämpfen! Wir stehen auf und rufen dem Feind zu; nicht mit uns, nicht in unserem Land!

Wir jagen alle, die nicht hierher gehören!

Die drohenden Augen und die Parolen kreisen, der Blick sticht, die Parolen stechen auch. Die dunklen Mächte werden immer stärker. Vordermann rückt noch dichter an Philine heran. Wenn er bleiben muss, will er zu ihr.

Besonders mutig ist Vordermann nicht.

Eine Weile geht es hin und her, schließlich erhebt sich eine blonde, schlanke Frau. Sie öffnet die Arme, strahlt die Sitzenden an und ruft mit erglühenden Wangen (auch ihre Stimme erglüht, aber die kann man nicht sehen): Pflanzen! Farben! Seelenglück! Kein Tag im Leben soll ohne eine gute Tat verstreichen! Wer die Zukunft gewinnen will, der setze eine Zwiebel! Der erblühe, wenn die Blume erblüht! Die Zukunft ist offen, eine Chance, tausend Möglichkeiten in unserer Hand. Wir müssen selbst wissen, was zu tun ist.

Nur wir entscheiden, wie die Zukunft wird!

Wir sind, was wir denken. Etwas Anderes als unsere Gedanken und unsere Empfindungen können wir nicht sein, sie geben jedem Tag den Klang. Es kommt darauf an, dass wir mit dem Herzen sprechen. Wir müssen unseren Verstand auf den Kopf stellen, wir müssen unsere Sorgen auslachen und uns hineinwerfen mit dem Schönen in die Welt.

Aus Gefühlen werden Worte, aus Worten wird Leben!

Nach diesen Worten wird es still. Das mit der Zukunft stimmt irgendwie auch. Die Rednerin scheint bereits mit ihren Sätzen zu erblühen, Vordermann will sich hineinwerfen mit dem Schönen in die Welt, auch wenn er nicht weiß, wie das geht. Im Raum blicken sie sich fragend um. Sie spüren die Verantwortung, deswegen sind sie hier, aber mit dem Herzen zu sprechen, ist doch eine Sache für sich. Hört denn die Gesellschaft etwa auf ihr Inneres? Ist in Zeitungen und im Netz von politischen Herzensangelegenheiten zu lesen? In der Regierung wechseln Ansichten über Nacht, so als wäre alles gleich. Welcher Politiker lässt denn überhaupt erkennen, dass er ein Herz besitzt? Wie wäre Politik, würde sie aus Überzeugung gemacht? Im Versammlungsraum neigen sie sich zur Seite und beginnen zu flüstern. Sie flüstern eine Politik der Herzen herbei, sie flüstern eine schöne Zukunft herbei, sie flüstern ihre Träume herbei, sie flüstern die Namen aller Politiker mit Herz, die es gibt. Die Politiker mit Herz wandern langsam von der ersten Reihe bis zur letzten und wieder bis zur ersten Reihe nach vorn. Vordermann lauscht und wundert sich erneut. Das mit einer Politik des Herzens gefällt ihm, kommen die Blumen zurück?

Nein, die Blumen duften draußen, in der Nacht.

Fünf Namen, sechs, kaum mehr.

Als das Gemurmel in den Reihen irgendwann nachlässt, steht ein Alter auf und schlägt mit seinem Gehstock auf den Boden. Sein Rücken ist krumm, das weiße Haar einige Zentimeter zu lang. Früher mag er eine stattliche Erscheinung gewesen sein, heute hängen die braune Cordhose und das karierte Jackett abgewetzt an ihm herab. Die große Nase zeigt nach vorn, das Haar wippt. In seinem Lächeln liegt etwas Jungenhaftes. Der Alte klopft erneut, dann hebt er den Gehstock in Richtung Decke empor. Als alle auf ihn aufmerksam geworden sind, verharrt er einen Moment bewegungslos vor seinem Stuhl, so als wollte er ein Denkmal sein.

Das Wippen hört auf. Das Lächeln lebt.

Damals, sagt der Alte, in den Jahren nach dem Krieg, haben wir für eine gute Zukunft gekämpft. Wir wollten endlich Frieden und eine bessere Welt. Wir haben uns nach Werten gesehnt, nach einer Gesellschaft, in der es sich zu leben lohnt. Heute plätschert die Zeit nur dahin. Es gibt keine Träume mehr, keinen Sinn. Dies ist nicht der Platz, auf dem ich sterben möchte.

Die Politiker suchen keine Lösungen. Sie machen Geschäfte.

Das Lächeln verblasst. Der Stock sinkt zu Boden.

Offenbar will der Alte nicht auf dem Platz sterben, an dem Vordermann wohnt, das ist einerseits beruhigend, aber irgendwie beängstigend sind die Worte des Weißhaarigen auch. Vordermann sträubt sich, er hat noch gar nicht an das Sterben gedacht. Das hier jetzt alles durcheinander geht, ist ihm fremd, als Anwalt liebt Vordermann Ordnung und Recht. Was macht mehr Freude, überlegt er und presst sich tiefer in die Ecken und Lücken seines Klappstuhls als Gesetzestexte, deren Feinsinn und Präzision das Leben regeln, bis zu den Ecken und Lücken hin (auch der weltweite Siegeszug des grauweißen Sitzes findet seinen Grund in Vorschrift und Norm), ohne selbst lebendig zu sein? Gibt es eine größere Befriedigung als Absätze, Sätze, Halbsätze, eine Begrifflichkeit, ein einziges Wort, ein einziges Wort im Zusammenhang mit einem zweiten, mit einem dritten zu verstehen und das Verstandene mit elegantem Schwung dem Sachverhalt, dem Schriftsatz, dem Gegner zuzuweisen? Worte sind des Advokaten Schwert, je genauer er die Paragrafen kennt, manche hat er sich schon hundertfach vorgelesen, mit denen ist er per Du, er begegnet ihnen wie einem entfernten Freund, von Zeit zu Zeit finden sie einander wieder, umso vollständiger er selbst ein intelligenter Ausdruck, ja, eine Verkörperung des großen Regelwerkes wird, desto besser. Ein guter Anwalt hat sich neutral zu verhalten, denkt Vordermann, neben Philine in den Stuhl geschrumpft, der klügste Sachwalter ist jener, der seinen Charakter und die eigene Meinung fast vollständig verbirgt. Von Konflikten hält er sich fern. Auf eine gewisse Art spiegelt die Existenz eines Anwalts nicht sich selbst, sondern das Gesetz wider.

So leben die Paragrafen doch. Das ist schön.

Jetzt allerdings bleibt für Freude keine Zeit, Vordermann ergreift ein Frösteln. Die Versammlung ist ihm über den Kopf gewachsen, wenn er hier nicht bald fort kommt, ist es um die Neutralität geschehen. Er wendet sich Philine zu. Die sieht über ihren Mann hinweg und bestaunt den Alten, der zum zweiten Mal mit erhobenem Stock bewegungslos vor seinem Stuhl verharrt.

Kein Zweifel, das Abendessen fällt aus.

Alles ist gesagt, sie sitzen an diesem herrlichen Abend schon länger als zwei Stunden hier herum, was ist zu tun? Als der Dicke aus der ersten Reihe erneut aufsteht, hat er die Aufmerksamkeit des Auditoriums für sich.

Wir brauchen einen Vorstand.

Die pechschwarzen Augen bohren ein Loch durch jeden, den er ansieht, auf den Stühlen wird gerutscht. Der Humor des düsteren Mannes ist ein Messer, dessen scharfe Klinge dem Lacher die Gurgel durchschneidet, aus dem Lachen wird ein Röcheln, aus und vorbei, der Kerl sagt selbst das Richtige im falschen Ton, sie wollen ihn loswerden, sie sehen sich um und suchen nach Rettung. Es dauert nicht lange, bis der Blick wieder auf den Alten und die blonde Frau fällt. Kann das klappen? Ein Alter und eine Schöne? Einen Anwalt brauchen wir, fordert der Dicke.

Einen Rechtsverdreher, der kräftig dazwischen haut, meint einer.

Wir sind eine Bürgerbewegung, ruft ein anderer, die für Zukunft steht.

Mein Mann ist Anwalt, meldet Philine, nicht ohne Stolz.

Sie lächelt und sieht sich um. Ha, spät, aber doch; den schlechten Sitzplatz hat sie wettgemacht. Vordermann erstarrt. Verdammt, das ging zu schnell. Philine ist eine gute Ehefrau, nie hat er die Heirat bereut, auch nach vielen Jahren liebt er ihr Lächeln, die mandelbraunen Augen, in denen Intelligenz, Vertrauen, Zuversicht und Freundlichkeit wohnen. Im Bett ist sie, na ja, seltener als damals, aber wenn; ein Ereignis, ein Beben, eine Wucht. Jetzt allerdings gibt ihr Zwischenruf ihm den Rest. Philine strahlt ihn an. Ihre Augen haben sich in seinen versenkt.

Der Anwalt und die zwei, sagt der Dicke.

Alles in Vordermann bäumt sich auf. Mit der Idee, hinten im Saal nichts zu riskieren, gewissermaßen unsichtbar zu sein, ist es vorbei, jetzt bleibt nur die Flucht. Vordermann sieht zum Ausgang, draußen warten Blumen, draußen warten die schönen Namen, doch gerade als er aufstehen will, erreicht ihn der Duft. Das Parfum, ausgewählte Noten der Mandarine und vom Zedernholz, Vanille und Kräuter, hat er Philine nach dem Streit am Frühstückstisch geschenkt, seinen gewagten Scherz so mit einem gewagten Bouquet bedeckt. Der Duft strömt ihm entgegen, Vordermann beschleicht ein süß herbes, ein würzig düsteres Gefühl. Die Tür ist nah und doch unerreichbar fern.

Ach, bitte, sagt Philine, das macht kaum Arbeit. Hans-Dieter. Kann Parfum eine Kriegsbemalung sein?

Während Vordermann den Gedanken zu fliehen aufgibt, äußerlich auf dem Klappstuhl versteift und nach einem flehenden Blick seine Augen schließt (kurz, aber lange genug), beginnt sein Blut zu pulsieren. Vordermann hat eine Begegnung. Er sieht Wolken, die sich öffnen, ein Lichtstrahl schießt auf die Erde hinab und erleuchtet einen sorgsam gepflegten Garten. Vordermann halluziniert, ihm erscheint seine Schwiegermutter. Sie sitzt inmitten des hellen Lichtkegels in einem bequemen Ohrensessel, zwischen blau-weiß schattierten, genau angeordneten Stiefmütterchen und trinkt, den kleinen Finger sorgsam abgespreizt, eine Tasse Kaffee. Gedeckten Apfelkuchen mit Schlagsahne gibt es auch. Die Kuchenstücke sind wie die Blumen exakt in einer Linie aufgereiht. Seine Schwiegermutter nickt erst ernst, dann zwinkert sie schelmisch. Die ältere Dame stellt das zarte Geschirr ohne Eile beiseite und bietet Vordermann mit einer noblen Geste den Rücken ihrer Hand.

Das hast Du nun davon. Mein Lieber.

Die Hand ist mit Ringen und Jahren bestückt.

Vordermann kapituliert; vor der Versammlung, vor den Stiefmütterchen, vor der Schwiegermutter erst recht. Er neigt sein Haupt, um den Handrücken zu küssen. Als ihm auf halbem Weg schwindelig wird, öffnet er die Augen, da wartet Philine. So wie es nun einmal ihre Art ist, harrt sie mit einem Lächeln aus. Dieses Mal ist es Vordermann, der seine Augen in ihren versenkt. Er fühlt eine Implosion. Seine Ehe, die vergangenen, die kommenden Jahre, sein Schicksal; was noch ausstehen mag, offenbart sich mit einem einzigen Blick. Mutter und Tochter haben die gleichen Gesichtszüge, schießt es durch seinen Kopf, wenn Du mit einer lebst, lebst Du mit der anderen, immer ist die andere dabei. Nach dieser Erkenntnis und einer gewissen Verwirrung, welche die jeweils eine oder andere betrifft, ihre Gesichter vermischen sich, unmöglich, sie von einander zu unterscheiden, wird es in Vordermann dunkel, in Vordermann wird es Nacht. Als er eine Hand sucht, wessen auch immer, erscheint die Schwiegermutter ein weiteres Mal. Sie blickt zu den Blumen. Sie greift nach einer zweiten Tasse. Die ist ebenfalls zart.

Dann schenkt sie ihm ein.

Vordermann nimmt das Gedeck entgegen während er Philine ansieht, das innere Auge gibt nicht auf, in seinem Kopf laufen die Dinge endgültig kreuz und quer. Philines Lächeln liebt er, gedeckten Apfelkuchen liebt er auch. Zu einer anständigen Tasse Kaffee gehört der Kuchen dazu. Vom süßen Weißen beansprucht er nie zu viel. Während in der Versammlung alle Blicke auf ihm ruhen, portioniert Vordermann exakt den Schlag Sahne, den er braucht. Er probiert. Das Backwerk und seine Zutat sind gut. In diesem köstlichen Moment, als der in der Not herbeihalluzinierte Kuchen nebst Sahne auf der Zunge schmilzt und zergeht, kommt Vordermann die Sache mit dem Vorstand wieder in den Sinn. Was hat Philine eben gesagt? Weniges im Leben macht kaum Arbeit, das weiß er genau, doch die Erkenntnis bleibt im Schatten des Kuchens gewissermaßen für sich.

Vordermann bewegt seinen Kopf. Er nickt.

Vielleicht ist es tatsächlich nicht der Kuchen, sondern sein nach vielen langen Abenden im Büro um Aufmerksamkeit heischender Nacken oder ein Reflex, der den Versammelten schließlich das wohlverdiente Ende schenkt. Im Rückblick ist die Frage nach der Ursache auch ohne Belang. Jedenfalls nickt Vordermann und die Menge klatscht. Die sich anschließende Abstimmung ist ein Kinderspiel. Die Bürgerbewegung bekommt einen dreiköpfigen Vorstand, Vordermann den Vorsitz dazu. Und den von ihm selbst angebotenen Frieden.

Tun Sie einfach das Nötige, sagt der Dicke.

Der ist auch Anwalt und weiß Bescheid.

Philine küsst ihn auf den Mund.

Die Morgenlage

In den ersten Stunden des Tages wirkt das Gebäude hell und durchlässig, das Grün der Rasenflächen und Bäume leuchtet durch die riesigen Fenster herein. Hier, nirgendwo sonst gehört das Haus hin. Nach vorn geht der Blick über den Ehrenhof auf die benachbarte moderne Fassade, nach hinten reicht er über den Garten auf das Wasser hinaus. Räume und Treppen, Galerien und Perspektiven zeigen die Handschrift eines entschlossenen Architekten, sie verbindet ihre Dimension, Modernität und ein makelloser Schliff. Stein und Beton, gedeckte Farben, Sitzecken und Gemälde finden trotz der Größe zu einem freundlichen Ton. Durch den Seiteneingang kommend, bleibt das Ausmaß des Hauses zunächst verborgen. Auch heute herrscht gegen acht Uhr bereits geschäftiges Treiben. Es ist viel zu tun, ein Morgen wie jeder andere auch, Termine stehen an, Pakete voller Unterlagen und Mails sind über Nacht gekommen, Telefone läuten, Computer blinken, die Lifte arbeiten, auf den Gängen werden schnellen Schrittes Grüße gerufen, man verabredet sich für einen Kaffee.

Das Büro ist schön, aber ungewöhnlich groß. Der Schreibtisch liegt verlassen da, die Besprechung ist schon zu Ende, der Hubschrauber fort. Ohnehin wird das mächtige Möbelstück nur selten benutzt, die Arbeit am Konferenztisch fühlt sich besser an. Die Erste hat nichts umgestellt, sondern sich arrangiert. An den Raum musste sie sich gewöhnen, am Anfang stand er zur Verfügung, über die Jahre wuchs er ihr zu. Nach der langen Zeit ist seine Größe inzwischen Teil ihres Lebens. Dennoch, weit mehr als hundert Quadratmeter, da bleibt tief drinnen ein ebenso einzigartiges wie drängendes Gefühl; Verantwortung zu tragen für alle diejenigen, in deren Namen man dieses Haus baute.

Vortreten zu müssen und zu sagen; so werden wir es machen.

Damals, als alles begann, hat sie sich viele Fragen gestellt. Natürlich, es konnte nicht anders sein, ihre Herkunft kannte für diese Arbeit kein Maß. Welche Ansprüche galt es zu erfüllen, wann hatte sie eine Aufgabe gelöst? Gab es einen richtigen Weg? Ihre Jugend war neben dem Strom verlaufen, gegen den Strom, Grenzen wurden in die andere Richtung passiert. Irgendwann war das Jahr gekommen, in dem sich die Geschichte selbst weiter schrieb, die Geschichte nahm keine Rücksicht auf Prognosen und Pläne, die Geschichte ereignete sich, fand statt. Für einen Moment schien das Land aufgeschlossen zu sein, bereit von Gewohntem abzurücken und mit offenem Blick nach vorn zu sehen. Nachdem die Mauern gefallen waren, ist sie frei gewesen. Sie ist der neuen Lage gefolgt, hat eine leere Seite aufgeschlagen und sich ausprobiert. Der Aufbruch ergriff ihr Innerstes, sie spürte den Willen, der Freiheit entgegen zu gehen und zu sprechen, sichtbar zu werden in einer neuen Welt. Alles veränderte sich, aber sie hatte keine Angst. Auf ihren Verstand war Verlass.

Sie sprang auf und ließ sich vom Strom tragen. Es wurde ihre Zeit. Auch ins Amt zu gelangen, ist ihr viel leichter gelungen als geglaubt. Das Vakuum des Paradigmenwechsels und das Glück, im rechten Augenblick am rechten Ort zu sein, eine Handvoll geschickter Schachzüge, das Widerwort auf der ersten Seite; und sie war da. In den nächsten Jahren entwickelte sie die Fähigkeit, Schritte zu wagen, für die niemand eine Karte gezeichnet hatte, angesichts der Kameras, der unzähligen Augen Sicherheit und Ruhe zu verströmen, der eigenen Sache auch dann noch gewiss zu sein, wenn die Hektik des Tages verschwand. Ihr Arbeitsvermögen und Fleiß kamen ihr zugute. Die Geschichte ereignete sich immer noch, stehen zu bleiben war für niemanden eine Option. Ihr Ansehen nahm mit den Aufgaben weiter zu. Sie lernte schnell und beharrlich, nur die Sprache und das Äußere verrieten noch für einige Zeit auf den ersten Blick, woher sie gekommen war.

Das Haar, die Schuhe, der Rock.

Sie bemerkte den Spott, eine Weile ging sie darüber hinweg. Das Äußere interessierte sie kaum. Später suchte sie dennoch einen Schneider und einen besseren Friseur; nicht aus Interesse an Kostümen, Jacken und Schuhen, sondern um das Thema aus der Welt zu schaffen. Sie zog sich anders an, weil sie den Kopf frei haben, nicht der Kleidung wegen auffallen wollte. Die altbackenen Stoffe kamen in den Schrank.

Mit den einfarbigen Jacken war das Thema erledigt.

Obwohl sie schnell lernte, hat sie, wie sollte es anders sein, in der neuen Welt nach Ratgebern gesucht. Fragen, die sie beschäftigten, was ihr unklar war, gab sie weiter, doch von den meisten Antworten war sie enttäuscht. Pro domo, gab es denn niemanden sonst? Über die Jahre vertraute sie nur wenigen, ihre Pläne behielt sie immer häufiger für sich. Sie hielt keine großen Reden, vielleicht, so meinte sie irgendwann, wurden keine gebraucht. Wie oft hatten kraftvolle Worte schon Unglück gebracht, reichten Vorsicht und ein gesunder Verstand? Auch die Institute hatten keine Ideen. Die Institute blieben sich treu und mit alten Rezepten hinter der Zeit zurück. Die Vertrauten bauten um sie herum einen Wall. Niemand bedrängte sie.

Sie war einfach da. Sie blieb auf dem höchsten Punkt stehen.

Mit der Erfahrung wurde die Arbeit leichter, doch irgendwann entstanden neue Zweifel. Kam die Gesellschaft überhaupt voran? Der Blick auf das Ganze gewann immer mehr an Gewicht. Vielleicht befand sie sich nun wirklich auf dem Zenit ihrer Macht. Die Titelseiten und Nachrichten verblassten, was über sie gesagt wurde, nahm sie mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Wenn in der Gegenwart nichts mehr erreicht werden konnte, stellte sich die Frage, was von der eigenen Person in den Büchern blieb.

Schreibt sie einen Abschnitt der Geschichte neu?

Das ist ein Gedanke, der sie bis heute bewegt; besonders am Abend, im Büro am Konferenztisch, nachdem alle Papiere gelesen sind. Eigentlich ist es kein Gedanke, viel mehr ein stilles Gespräch von Tisch zu Bild, von Bild zu Tisch. Von Zeit zu Zeit. Sie hebt dann den Kopf, der fragende Blick wandert durch den Raum über das alte Möbelstück bis nach hinten an die Wand. Die Antwort kommt aus dem mit Quasten auf Leinen gestrichenen Öl. Sie ist interessiert, will immer noch lernen, glaubt aber nicht ernsthaft, dass ihr die Vergangenheit hilft. Sie kennt die Argumente und denkt, sie muss ihren eigenen Weg gehen. Sie stellt sich den althergebrachten Sätzen entgegen.

Ich weiß, aber heute sind die Dinge anders.

Keiner macht es sich an diesem Ort leicht.

Ja, das Haus lässt niemanden los. Eine kleine Treppe führt weiter hinauf, da warten bequeme Sofas, ein Esstisch und der Ausblick auf die Stadt. Vertraulichkeit, die hier versprochen wird, hat Bestand. Zumeist ist die Stunde vorgerückt, Lichter funkeln hinter dem dunklen Park, alles ist da, doch es bleibt viel Platz. Hier zu sein, ist ein Privileg. Wo sonst ließe es sich besser zusammen denken und reden; mit einer ehrlichen Sicht auf die Lage, mit Weite, die Klugheit verleihen kann, dem besten Wissen des Staates, in der Exklusivität des Amtes, unbedrängt hoch oben im Zentrum der Macht? Das Haus zeigt auch in diesem Raum seine Stärke, eine Manifestation des Aufbruchs in der Zeitenwende, vielleicht ist es zu perfekt. Keiner zieht in dieses Gebäude einfach ein. Seine Dimensionen auszugleichen, fällt selbst dem freundlichsten Menschen schwer. Das Politiker anders sind, kommt hinzu.

Merkwürdig, nicht am Schreibtisch zu sitzen, sondern davor.

Wer sonst würde das tun?

Kein Lagerfeuer und ein Knistern

In den Tagen, die der Versammlung folgen, verwandelt sie sich in einen Traum. Oder in ein Märchen, eine Phantasie, einen Alptraum; zu etwas, das nie geschehen sein kann oder vielleicht einem Anderen oder in einer anderen Welt. Noch ferner als der Abend selbst erscheint Vordermann sein neues Amt. Ebenso fremd wie unnahbar schiebt er es beiseite, bis sich Philines Stirn fast einen Monat später dunkel umwölkt. Die beiden sitzen wieder einmal am Wochenende beim Frühstück als sie sich erkundigt, wie es denn mit den Blumen so sei. Vordermann holt Luft und aus. Er berichtet von der Arbeit in der Kanzlei; die Mandate wachsen, Fristabläufe drohen, zu seinem allergrößten Bedauern hat er gerade jetzt wenig Zeit. Zur Verstärkung des Gesagten, als Ausweis seiner Not schüttelt Vordermann mehrfach betrübt den Kopf.

Philine sieht ihm ruhig in die Augen und nickt.

Tatsächlich nickt sie nicht. Sie nimmt Maß.

Philine bleibt auch ruhig als Hans-Dieter, nach eigenen Worten ein Zeichen des guten Willens, leider ohne dass viel Hoffnung besteht, zu seinem Kalender greift. Während er auf die nächsten Tage blickt, blickt Philine auf ihn. Sie rückt etwas näher an ihren Mann heran und die Kette der Blicke gewinnt an Kraft. Auf ihre eigene Art liest Philine Hans-Dieters Kalender durch seine Augen mit. Dieses Wunderwerk der Ehe, dieser Kettenblick, der ihn bindet und stärkt, ihre Sehkraft, die hinter der seinen liegt und sie ergänzt, hilft Vordermann sehr. Mit leisen Rufen des Erstaunens entdeckt er spontan drei Lücken; mehr noch, eigentlich Löcher, in denen der Kalender geradezu nach Befüllung ruft.

Drei Abende, viel Platz für nur einen einzigen Termin.

Siehst Du, sagt Philine, das war doch nicht schwer.

Die Uhr schlägt gerade sechs, als Vordermann eine Woche später die letzte Mappe zur Seite legt und sich von seinem Schreibtisch erhebt. Gleich ist er mit der Frau und dem Alten verabredet, es wird Zeit. Nach einer kurzen Kontrolle des Terminplans für den nächsten Tag legt er los. Vier Minuten wird er brauchen, der tägliche Abschied vom Büro folgt einer feinen Choreographie, kein einziger ihrer Schritte steht zur Disposition. Lässt er versehentlich einen Schritt aus, beginnt die ganze Prozedur (so hat sie es selbst geregelt, irgendwo in seinem Kopf) zwangsweise wieder von vorn. Vordermann eilt über den Flur, späht in Büros, kontrolliert Fenster, öffnet die Geschirrspülmaschine, löscht das Licht in der Küche, fragt sich wie an jedem Abend, wer es wohl angelassen haben mag (tatsächlich gehört auch diese Frage zur Prozedur dazu, auch ihr Ausbleiben führt zu einer Irritation und damit zum erneuten Beginn), wirft einen Blick auf die Ausgangspost, öffnet und schließt und verschließt die Eingangstür, rüttelt von außen am Knauf, tritt einen Schritt zur Seite, nimmt die Tür sorgfältig in Augenschein, tritt wieder vor, rüttelt erneut, nickt und eilt die Treppe hinab. Er greift nach dem Rad.

Und trägt es aus dem Haus heraus. Das tut gut.

Im Büro allein, draußen Leben. Eintauchen, jetzt.

Die Befreiung seines Gefährts befreit auch Vordermann selbst. Mit dem Öffnen der Kette erlischt die Sogkraft seiner Pflichten. Die Last der Schriftsätze, Diktate, Fristen und Anruflisten fällt so schnell von ihm ab, dass er von Zeit zu Zeit sogar meint, die Wirkung von Speichen und Pedalen, die Aussicht auf eine freie Fahrt, in der er seine Kräfte nach Belieben einsetzen kann, die Schlenker erlaubt und Umwege durch ihm unbekannte Straßen, sei auf eine noch zu erforschende Weise von chemischer Natur. Vordermann steht neben dem Rad, dehnt unauffällig seinen Rücken, sieht sich um, schnuppert. Dieser Abend ist besonders schön. Er verstaut die Aktentasche, steigt auf und reiht sich an der Kreuzung neben zwei Bussen ein. Nachdem die Ampel umgesprungen ist, steuert er das Rad geschickt durch den dichten Verkehr, fährt einige Minuten die große Straße entlang und biegt dann in eine kleinere, von Wohnhäusern gesäumte ab. Mit jedem Meter wird es ruhiger. Die Cafes haben ihre Tische auf die Gehsteige unter das frische Grün der Bäume gestellt, Gläserklirren und Gespräche klingen durch die samtweiche, warme Luft von einer Seite zur anderen hinüber. Vordermann pfeift ein Lied.

Obwohl er spät dran ist, lässt er sich Zeit.

Vordermanns gute Stimmung verfliegt sofort, als er Lauras Yogastudio betritt. Das große Fenster des vor ihm liegenden Raumes ist geschlossen, die Luft mit einem Gemisch aus ältlichem Lilienduft und dem Dunst feuchter Achselhöhlen getränkt. Auf der Schwelle stehend, fragt er sich, ob ein Zufall oder ein Scherz ihn an diesen Ort verschlägt. Wie ist aus Philines Idee seine geworden? Welche Leute treffen sich im Zeitalter der Sozialen Medien überhaupt noch zu Gesprächen, wer redet den ganzen Abend lang mit Nachbarn, um sich auszutauschen und einen Standpunkt zu erarbeiten? Den Standpunkt, denkt Vordermann, gibt es gar nicht mehr, alles fließt, die Kurznachricht zählt, mit dem Stehenbleiben ist es längst vorbei. Seine Freunde kennen kaum jemanden, der in ihrem Haus wohnt oder auch nur in der Straße nebenan.

Andere besuchen sie, auf dem Sofa sitzend, im Netz.

Vordermann weiß, was er hier soll, aber er will hier nicht sein, der Gedanke, dass sich dort, wo er nun Stunden bleiben muss, eingezwängt in ein Gespräch, das ihn wenig interessiert, nicht das kleinste Lüftchen bewegt, macht ihn nervös. Während er die Haustür schließt und sich um ein Lächeln bemüht, überfällt ihn der Verdacht, dass überhaupt keine Sitzungen mehr stattfinden dürfen, die Sitzung und das Lagerfeuer sind vor langer Zeit zusammen mit dem Standpunkt ausgestorben, nur hier und da hocken welche und wollen nicht begreifen. Die halten die Welt für eine Scheibe, die verstehen nicht, dass es weiter geht, dass sich die Erde dreht. Heute gehört er dazu. Bestimmt trifft sich Philine gerade mit Freunden im Restaurant. Vordermann stellt sich seine Frau vor, ihr Tisch steht unter einer gestreiften Markise, darauf Flaschen und Brot, der Beginn eines schönen Essens, sie lächelt ihm zu und erhebt ihr Glas.

Gut gestimmt, trinkt Philine Weißwein, wenn sie kühn ist, Rosé. Vordermann ahnt, dass es im Yogastudio keinen Alkohol gibt.

Die zwei warten im hinteren Teil des Raumes. Der Alte hat sein Kinn auf den Gehstock gestützt und blickt ihm seelenruhig entgegen, die Frau tippt in ihr Handy. Sie begrüßen einander und nehmen Platz. Laura hat die Stühle nach dem Ende des letzten Kurses herein gebracht, an der Wand liegen bunte Kissen, Matten und Decken. Außer dem Alkohol fehlt auch ein Tisch. Das ist befremdlich, Vordermann schlägt vorsichtig ein Bein über das andere und stellt beide kaum einer Minute später wieder nebeneinander ab. Vordermann fühlt sich unwohl, wie er auch sitzt ist es falsch. Er malt er sich aus, dass ein Mandant ihn hier entdeckt. Die zuletzt gelesene Akte kommt ihm wieder in den Sinn. Der Unternehmer, dessen Betrieb mit achtzig Leuten Teile für einen Autokonzern fertigt, der seinen Anwalt dringend braucht, der mit Schlips und Sorgen Rat bei einem Glas Wasser in der soliden, neutralen Welt von Vordermanns Kanzlei sucht, klopft an der Tür des Yogastudios und entdeckt seinen Vertrauten im Stuhlkreis zwischen Decken und Kissen. Sie mustern einander, dann schüttelt der Mandant den Kopf, dreht sich um und geht.

Beine kreuzen, hin und her. Jackett kontrollieren, das Haar.

Weg mit Bürogedanken und Schlips. Die helfen nicht weiter.

Vordermanns Gedanken kehren in den Raum zurück. Eben haben sie sich einander vorgestellt, Erwin Boltenhagen ist achtundachtzig Jahre alt. Er ist mit Kutschen groß geworden, ohne Fernsehen, Fernreisen und Telefon. Damals war der Ort, an dem man lebte die ganze Welt. Die hohe Zahl ist Vordermann fremd. Dabei geht es nicht um die Jahre, Vordermann hat vor älteren Menschen Respekt, mit der Andeutung einer Verbeugung lässt er ihnen den Vortritt, an der Kasse im Geschäft oder auf der Straße schleicht er sich von Zeit zu Zeit unbemerkt in ihr Leben hinein. Vordermann schätzt Geburtstage und Jahresringe, er verrechnet sie in Umbrüchen, Revolutionen und Kriegen. Das spürbare Ende, dass die Bewegung der Menschen, ihr Radius, ihre Stimme kleiner und kleiner wird, das Zerbrechliche ihrer Existenz tut ihm sogar leid.

Das Geschichtliche gefällt ihm, aber nicht so nah.

Das Alter ist nicht gut, wenn es nach Alter riecht.

Vordermann rutscht auf seinem Stuhl herum. Nicht nur Erwin Boltenhagen irritiert ihn, da ist auch noch Laura. Lauras Schönheit fasziniert ihn, aber ihr offener Auftritt und ihre träumerische Sprache in der Versammlung sind ihm fremd. Vordermann behält Persönliches wo es nur geht für sich. Auf eine Art, die über Jahre entstanden ist, bleibt er mit dem, was er sagt und dem, was er verschweigt, auch vor sich selbst verschweigt, das er nicht einmal spät in der Nacht beim Namen nennt, mit einer stillen Sehnsucht, die nur schemenhaft sichtbar wird kurz bevor ihn der Schlaf übermannt im Lot. Diese Ruhe zu bewahren, braucht Vernunft und Maß. Sein Verstand hält ihn deshalb nach Kräften von Gutmenschen fern. Eine Träumerin und ein Opa, denkt Vordermann, während die beiden ihn erwartungsvoll ansehen, zu dritt sind sie ein verlorener Haufen.

Im Yogastudio ist es für einen Moment still, Laura scrollt, der Alte lehnt sich auf seinen Stock und sieht Vordermann an. Das ist unangenehm, Vordermann öffnet die Aktentasche und wühlt angelegentlich darin herum; so als wollte er eine für diesen Abend vorbereitete, eben noch exakt hier, in diesem oder in jenem Fach vorhandene Unterlage hervorholen. Vordermann hebt den Blick und sieht sich fragend um.

In Ordnung, was haben wir?

Vordermann selbst hat nichts. In der Tasche befinden sich nur Rechnungen und die Zeitung. Seit knapp zwei Jahren betreibt er mit seinen vier Partnern die Kanzlei. Das Geschäft ist gut angelaufen, dafür sitzt er fast jeden Abend im Büro. Die Wände sind noch kahl, wenn die gemeinsame Sekretärin ausfällt, wird es eng. Dann rennt er am Abend mit den Briefen zur Post.

Unmöglich, auch noch diese Sitzung vorzubereiten.

Ich meine, legt Laura so unmittelbar los als ob sie auf ihren Einsatz gewartet hätte, jeder braucht etwas, das über ihn hinausweist. Wir müssen magisch denken. Mit starken Bildern wird unser Kopf klar. Starke Bilder geben unseren Herzen Schub und Kraft. Mit den Blumen wählen wir einen Ausschnitt des Lebens, dessen Schönheit nach vorne zeigt. Laura lächelt warm. Magisch eben! Dann gehen wir selbst nach vorn.

Mit dem Kopf denken, mit dem Fuß folgen.

Laura trägt nur Strümpfe. Sie wackelt mit den Zehen.

Die Zehen, denkt Vordermann, gehen selbst nach vorn. Vordermann senkt den Blick, Erwin Boltenhagen wackelt mit dem Kopf. Unsinn, ruft er, Papperlapapp, Frauenzeug, das grenzt ja an Astrologie! Niemand will das hören! Wir müssen eine Hymne finden, die Vertrauen schafft und Tatendrang! Eine große Hymne, die Marseillaise dieser Zeit! Einen Gesang, einen Ohrwurm, einen Wurm, einen Wurmfortsatz, einen weißen Bandwurm, der von einem Ohr zum anderen wandert, der sich herumschlängelt zwischen den Ohren! Jede Stunde, jeden Tag! Wir brauchen eine Melodie, die uns begleitet.

Hymnen ersetzen Kanonen.

Ohne Vertrauen und Tatendrang sind die Menschen nichts.

Den letzten Satz hat Erwin Boltenhagen leiser gesprochen, nun bewegt er den Kopf so als würde er summen. Vordermann sieht Laura und den Alten erstaunt an. Was ist hier los? Vordermanns Vertrauen und Tatendrang sind beinahe nichts, das alles ist ihm fremd, er will weg, er will in sich zusammensacken, doch noch immer fehlt der Tisch. Im Stuhlkreis wirken seine Bewegungen ähnlich albern wie die Kissen an der Wand. Die in Jahrzehnten anwaltlicher Praxis erworbene Sitzungsexpertise ist obsolet.

Was haben denn die Anderen auf der Versammlung gewollt, fragt er vorsichtig. Besonders der kräftige Kollege aus der ersten Reihe? Das ist ein Westentaschennapoleon, grunzt der Alte verächtlich. Es gibt Menschen, sagt Laura, deren Missmut Unglück verströmt. Sie strahlt. Und andere verströmen Glück. Es liegt an uns. Das Wesen des Lebens ist Fülle. Sie legt Erwin Boltenhagen eine Hand auf die Schulter und strahlt noch mehr.

Erwin Boltenhagen wird von der Fülle berührt. Er strahlt auch.

Der Ruf nach einer Hymne verliert an Gewicht.

Vordermann überlegt, ob er wohl Glück oder Unglück verströmt. Auch an diesem Abend läuft alles anders als gedacht. Eigentlich hatte er Verbindendes sagen wollen, etwas Staatsmännisches sogar. Es wäre gut, mit unserer Initiative auch die kommunalpolitische Zusammenarbeit, den Schulterschluss mit der Behörde, das gemeinsame Wirken von Bürger und Stadt zu verbessern, wir sollten die Menschen mitnehmen. Ihr Wunsch nach Beteiligung ist doch eine Chance. Weil wir zusammen die Gesellschaft sind. Weil es zusammen am besten geht. Nur gemeinsam kommen wir voran. Vordermann reibt sich die müden Augen.

So in der Art. Das passt jetzt aber nicht.

Der weiße Bandwurm ist ekelhaft.

Einen Moment lang bleibt jeder für sich. Ich schlage vor, sagt Vordermann dann mit werbender, mit schmeichelnder Stimme, wir schreiben alle Gedanken einmal auf. Ich mache das gern. Und dann stellen wir am Wochenende einen kleinen Stand auf den Platz. Mit Tisch, Stühlen und einem Schirm. Auf dem Tisch liegt unser Flugblatt. Vielleicht bedrucken wir ein paar gute Jutetüten und Kugelschreiber. Oder wir bedrucken Sandalen, das tun die Parteien auch! Das wirkt sympathisch. Die Jutetüten, die Stifte und die Sandalen verteilen wir vor dem Stand. Da stehen wir und überzeugen die Leute persönlich.

Vordermann sieht sich hoffnungsvoll um; na ja, ein wenig.

Er ahnt es schon. So will die Kuh nicht vom Eis.

Kugelschreiber und Jute, bedruckte Sandalen, entgegnet Erwin Boltenhagen sofort, das ist doch alles Mist. Was haben bedruckte Sandalen denn mit Politik zu tun? Latschen die Leute etwa auf dem Regierungsprogramm herum? Meine Güte, gute Jute, was soll denn das sein? Eine Plastiktüte hat auch ihren Wert. Fabrikmäßig gefaltet! Außerdem sind wir doch gar keine Partei! Wir machen es nicht wie die, wir brauchen keinen Schnickschnack. Wir sagen, worum es geht. Wir brauchen etwas anderes, ein tolles Poster brauchen wir! Ein tolles Plakat zum Kleben! Wir kleben es auf Wände und auf Stromkästen, auf Litfaßsäulen, über die ganzen anderen Sachen drüber. Das Zeug, das da jetzt drauf ist, interessiert doch sowieso niemanden. Nur Konzerte, Kochkurse und Gebetsstunden und so. Wir kleben unser Poster überall hin, wo Platz ist. Auf jede freie Fläche. Das haben wir früher immer so gemacht. Ein echter Stopper muss das sein. Wie so ein Plakat von der Gartenschau.

Damit pflastern wir unseren Stand.

Litfaßsäulen, meint Laura sanft, gibt es nicht mehr.

Doch, sagt der Alte, sie sind morsch und ihre Zeit mag abgelaufen sein, aber sie sind noch da. Wir sehen nur nicht hin. Erwin Boltenhagen guckt plötzlich ein wenig bedrückt. In diesem Moment hat Vordermann den Alten zum ersten Mal gern. Laura und Vordermann sehen zu Erwin Boltenhagen hin.

Wieder ist es für einen Augenblick still.

Wie wäre es denn mit einem Film, fragt Laura dann vorsichtig, über die Kraft der knospenden Blume? Über die Zukunft, die gut wird, wenn wir sie gestalten. Die Menschen gehen wieder zu Fuß und atmen saubere Luft. Den Film posten wir, der wird gelikt und poppt in den Youtube-Abo-Boxen auf.

Laura kommt wieder in Fahrt.

Oder wir machen ein Vine. Sechs Sekunden on fleet.

Sie haben ihn schon wieder abgehängt, Vordermann überlegt, wovon die beiden wohl reden. Was zum Teufel ist ein Vine? Vordermann sucht Stift und Papier. Er macht auf den Knien eine Notiz und sagt lautlos sieben Mal Vine.

Ich finde Gespräche eigentlich noch besser als die Werbesachen, sagt Laura während Vordermann schreibt, wir klingeln nach der Arbeit an der Tür. Wir besuchen unsere Nachbarn, wir unterhalten uns von Mensch zu Mensch. Jedem, der in der Nähe des Platzes wohnt, geben wir eine Handvoll Samen. Mit denen werden die Balkone bepflanzt.

Stellt Euch vor, wie schön das wird!

Die achthundert Wohnungen sind doch schnell gemacht. Aus Gedanken werden Blumen. Und aus Blumen wieder Gedanken. Alle werden begeistert sein. Eine kleine Tat und jeder Tag wird bunt! Alles wird gut.

Es kommt darauf an, dass wir es tun.

Laura streckt eine Hand vor, um zu zeigen, wie viele Samen jeder Anwohner braucht. Vordermann will nach der Hand greifen, er will sie beschützen, ohne Samen wirkt die Hand viel zu nackt. Laura ist wie in der Versammlung aufgestanden und sieht ihn an. Sie trägt ein einteiliges, helles Kleid, das reicht bis zu den Knien und ist bereits über und über mit Blumen bedruckt. Die Blumen öffnen ihre roten Kelche, Kamelien oder Klatschmohn, womöglich reinste Blüten der Phantasie und klettern eng an Laura empor. Vordermanns Augen klettern hinterher. Seine Gedanken gehen verloren.

Das Gewächs verschlingt die Frau.

Hat auch, fragt sich Vordermann, Erwin Boltenhagen das Kleid entdeckt?

Laura scheint das Abirren ihres Gegenübers nicht zu bemerken. Wir nehmen, sagt sie und zwinkert den Männern zu, natürlich nur Samen aus regionaler Produktion und wir benutzen nur veganen Dünger. Alles in unserer Bewegung wird vegan! Schluss mit Massentierhaltung und Schweinemästerei! Schluss mit Schlachthofblut! Wir fordern einen gendergerechten Ackerbau!

Laura träumt, Vordermann auch. Überall blühen Blumen.

Wir wollen doch kein Primelreich, sagt der Alte.

Schlachthofblut hin oder her, Laura lächelt.

Im Studio ist es wieder ruhig geworden, Erwin Boltenhagen und Laura unterhalten sich leise, Vordermann grübelt. Wie soll es nun weitergehen? Ehrlich gesagt, hat er nicht den Hauch einer Idee. Wieso verliert die Gesellschaft ihren Mut? Warum trauen die Menschen der Politik die Zukunft nicht zu? Was ist mit der Zukunft überhaupt gemeint? Und was verbindet den grimmigen Dicken aus der ersten Reihe mit Hoffnungslosigkeit und Kummer? Das Ganze ist kompliziert. Die Fragen, die er sich seit der Versammlung stellt, sind für ihn neu, aber er spürt, die Beschäftigung mit der Zukunft macht Sinn. Eben noch, bei seiner Ankunft hat Vordermann sich fremd gefühlt, doch jetzt, während seine Augen durch den Raum wandern, geschieht das Unerwartete.

Vordermann will nicht mehr weg.

Während er sich in seinen Stuhl zurücksinken lässt, schließt Vordermann Erwin Boltenhagen und Laura ohne weiteres Federlesen ins Herz. Auf eine gewisse Weise, als wäre die Stunde dafür bestimmt, ergibt sich plötzlich alles von selbst. Ohne an sein Büro zu denken, an seinen Kalender, an Akten, die sich auf dem Schreibtisch stapeln, an die vollen Tage und die knappe Zeit, ohne Antwort bezüglich des Fortgangs der Dinge, genau genommen, ohne überhaupt nur nach einer Antwort zu suchen, lässt er sich von zwei Menschen berühren, deren Leben ganz anders ist als seins. Lauras Sätze tragen einen Zauber in sich, der ihn sanft umfängt. Die Unmittelbarkeit des Alten ist erfrischend. Dass die beiden von Dingen reden, die er nicht auf Anhieb versteht, gefällt ihm gut. Aber da ist noch mehr. Da ist etwas Größeres, das er fühlt, stärker als Sympathie und Worte, sogar mächtiger als Paragrafen und Regeln, irgendwo in seinem Inneren, ganz tief in ihm drin. Vordermann fühlt einen Impuls, ein Knistern. Das Knistern ist zu hören, aber es hat noch keinen Namen, das Knistern zeigt keine Richtung und hält sich noch zurück. Eigentlich ist es kein Gefühl, mehr eine Ahnung, Vordermann spürt, dass sich in ihm etwas bewegt. Ohne es zu wissen, sucht er das Gespräch mit sich selbst. Das über die Jahre Ungesagte, die stille Sehnsucht, das Schemenhafte in ihm verlangen nach Wort und Form, das Persönliche will endlich aus ihm heraus.

Allerdings nicht sogleich.

Bevor das Gespräch beginnen kann, muss Vordermann noch ein Stück von sich fort. Nun lächelt er, ohne genau zu begreifen, warum. Erwin Boltenhagen und Laura bemerken die Veränderung ihres Gegenübers und geben das Lächeln zurück. Laura nimmt wieder Platz und fügt ihrem Lächeln einen Satz hinzu.

Wir müssen die Politiker in die Blumen schicken.

Das ist eine verblüffende Idee. Vordermann nickt.

Ich habe Hunger, meint der Alte.

Von Mappen und Etappen

Die letzten beiden Tage stecken ihr tief in den Knochen. Früh hat Die Erste sich mit dem Präsidenten getroffen, nach dem Rückflug kam der internationale Fonds, schon drei Stunden später stand der afrikanische Premier vor der Tür. Am nächsten Morgen ist sie auf dem Unternehmensjubiläum gewesen, dann die Rede als Schirmherrin, schließlich das Telefonat mit der Kollegin von der Insel. Zu jedem Termin gab es Briefings, Unterlagen, Sitzungen, zudem die tägliche Routine, kleinere externe Gespräche und interne Abstimmungen.

Weitergehen, in jeder Stunde, an jedem Tag, was sonst?

Viel ist das schon, denkt Die Erste, während eine Mappe neben anderen ihren Platz findet, jedes Thema hat Ziele und Fallstricke, die öffentlichen Auftritte werden aufgezeichnet, überall wartet man auf ihr Erscheinen. Manche Treffen sind mehr als ein Jahr im Voraus verabredet, die Menschen verlangen mit Recht, dass sie präsent ist und bemerken selbst das einzelne Wort. Jeder hat seine Meinung und sucht nach Bestätigung. Und jeder hört, was er hören will. Es bereitet ihr Probleme, sich während einer Rede zu erklären, zu groß ist die Gefahr von Missverständnissen, sie bleibt lieber vorsichtig und balanciert Sätze aus. Sie ist in der Wiederholung beständig, die Führung einer Regierung bedeutet auch, glauben zu machen, selbst bis einfache Botschaften ankommen, braucht es Zeit, dennoch kann sie ihre eigenen Worte manchmal kaum noch ertragen. Sie verblasst in dem schon so oft Gesagten, sie verblasst, während sie das schon so oft Gesagte ein weiteres Mal sagt, sie sieht sich selbst verblassen, sie verblasst, während sie sich sieht und spricht. Natürlich hat sie auch in dieser langen Woche getan, was sie kann. Sie ist auf die Menschen zugegangen, sie hat sich um Augenkontakt bemüht und ihr Gesicht in jedem Moment des Tages kontrolliert. Sie kannte die Fakten und zeigte Interesse. Sie hat keine Namen verwechselt, kein Datum, keinen Ort.

Müdigkeit fällt durch. Manchmal fallen ihre Augen einfach zu.

Viele beachten nur die Situation, sie denkt an das Ganze. Das muss sie, weil sie weiß, dass Politik nur in Zusammenhängen funktioniert. Politik ist ein Langstreckenlauf, die Etappe berührt sie kaum. Sie kennt Gespräche, die es gegeben hat, liest geheime Berichte, spürt sich anbahnende Verbindungen, sie fühlt, wer mit wem kann und was hinter den Kulissen geschieht. Jedes Ereignis hat seine eigene Geschichte, manchmal sind die Wurzeln unsichtbar und liegen weit zurück. Das kann man nicht immer erklären. Die Etappe gewinnen und verlieren Andere. Das ist deren Sache. Sie hilft nicht, tröstet niemanden, lobt nicht, sieht einfach zu. Angesichts der Gefahr eines Vorwurfs, für Andere Partei zu ergreifen, ergreift sie Partei für sich selbst und schweigt. Nur das politische Schicksal ihrer engsten Mitarbeiter geht sie an.

Das muss so sein. Die Erste und ihre engsten Mitarbeiter wissen mehr.

Ihr ist klar, wohin sie will, doch im Mühlrad des Kalenders Impulse zu setzen, fällt ihr zunehmend schwer. Die letzten Jahre haben an der Stabilität gezehrt, wenn ihre Kräfte zur Neige gehen, beschränkt sie sich auf Gewohntes. Auf Routine rutscht man nicht aus, die Medien haken Routine ab. Hinzu kommt, dass kaum eine Woche verläuft wie geplant. Die Dinge entwickeln sich rasend schnell, sie muss eine Reserve bewahren für den überraschenden Moment. Irgendetwas passiert immer, sie fragt sich beim Aufstehen, was es heute wohl ist. Wenn das Ereignis eintritt, weiß sie sofort Bescheid. Sie liest in den Reaktionen der Umstehenden, dass etwas geschieht und wartet ab. Selbst wenn Menschen sterben, wenn Konflikte oder sogar Kriege drohen, wenn ein Regierungschef sie beschimpft oder wenn ihr Land wieder einmal zahlen soll für andere, bleibt sie ruhig. Manchmal fällt ihr die eigene Rolle leicht, manchmal nicht. Immer liegen Kameras auf ihrem Gesicht, fremde Augen beobachten, wie sie reagiert, jedes Gefühl, das sie zeigt, ist öffentlich, sie weiß, eine falsche Geste fängt sie nicht mehr ein. Wenn die Leute am Abend die Nachrichten sehen und bei ihrem Anblick denken, sie wird es schon machen, freut sie das, aber sie ist nicht mehr so unbeirrt wie es scheint. In letzter Zeit kommt eine immer stärkere Müdigkeit hinzu. Die Erste schüttelt den Kopf, sie gähnt, blickt auf die Uhr und zieht die nächste Mappe zu sich heran.

Jeder träumt

Ein wenig zusammengerückt sind sie im Studio schon, doch vor der Tür trennen sich die Wege. Erwin Boltenhagen zuckelt wie immer zum Bus. Der Alte spart gern; eine Reserve ist gut, wer kann schon wissen, was das Leben noch Großes von ihm verlangt? In der Wohnung angekommen, kontrolliert er die Zimmer. Natürlich befindet sich alles am rechten Ort. Erwin Boltenhagen entkleidet sich, Hose und Jacke kommen auf den Stuhl, der Stock landet neben der Tür, die Zähne bleiben im Mund. Das mit den Zähnen freut ihn jeden Tag aufs Neue, einige sind noch echt, seine Zähne trägt er mit Stolz. Erwin Boltenhagen kennt die Position der echten Zähne ganz genau. Dabei ist es nicht so, dass er ihnen Namen gibt, doch er misst jedem einzelnen grauen Stumpen einen gewissen Charakter hinsichtlich Sitz und Festigkeit zu, er kaut mit Bedacht. Der Alte öffnet das Fenster, legt sich nieder, streicht mit der Hand über das Kissen an seiner Seite und spricht die gewohnten Sätze. Ein Zwinkern himmelwärts.

Wolkenformationen, Erinnerungen, Träume. Alle Zeit.

Vordermann nimmt das Rad, fährt zum Platz und bringt es in den Keller. In der Wohnung öffnet er eine Flasche Wein und wirft einen Blick in die wie stets für diese Stunde transportierte Zeitung. Später, im Bett erzählt er Philine, was am Abend geschehen ist. Trotz des langen Tages fühlt Vordermann sich frisch, seine Worte sind lebendig, er beschreibt den Raum ohne Tisch, wie er da sitzt und auch wieder nicht, er fordert eine Hymne und Blumen und lacht. Philine nickt, während sie auf ihrem Tablet Nachrichten liest, Vordermann bricht ab. Er blickt noch einmal zu ihr hinüber, schweigt, rollt sich zur Seite und tastet vorsichtig über sein Gesicht. Das Lächeln ist noch da. Es scheint zu wachsen.

Rumoren, Geknister, kommt in Fahrt.

Philine setzt Kopfhörer auf und sieht einen Film.

Laura hat es nicht weit. Sie verlässt das Studio, überquert die Straße, schließt die Haustür auf, geht wie stets am Fahrstuhl vorbei und steigt die Stufen bis in den vierten Stock hinauf. In der Wohnung zieht sie ein dickes Buch aus einem Stapel von Folianten und studiert eine Landkarte. Laura macht einige Notizen, sieht auf den Kalender und zählt. Sie setzt sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und hält still. Ihr Kleid hängt am Fenstergriff und bewegt sich langsam in einer nächtlichen Brise.

Blumen sprechen mit Blumen, Windgeschichten streichen umher. Bald ist es Mitternacht, die drei schlafen in der gleichen Stunde ein. Zuerst der Alte, die Hände auf der Brust gefaltet, sein Atem geht ruhig, dann Vordermann, der schwebt auf einem Knistern, einem Rauschen, die tragen ihn beschwingt durch die Nacht. Nur Laura wälzt sich unruhig von Seite zu Seite. Nach einer Stunde schiebt sie ihre Decke fort, sie richtet sich auf und atmet heftig, sie legt sich wieder hin, sie richtet sich wieder auf, sie geht in der Wohnung hin und her, sie schläft nicht und ist nicht wach. Laura weiß, dass sie durch die Zimmer läuft und träumt, dennoch findet sie nicht aus ihren Träumen heraus. Die Stunden verstreichen nur zögerlich. Die Bilder kommen immer dann, wenn sie am wenigsten damit rechnet. Liegt es vielleicht an der Hoffnung, die sie mit den beiden Männern, mit der Bürgerbewegung verbindet? Laura sieht zum Fenster. Ihr Kleid hängt bewegungslos, die Brise hat sich gelegt.

Die Blumen; ein Aufdruck, nicht mehr.

Am nächsten Morgen sagt Laura die für den Tag angesetzten Kurse ab. Anstatt Unterricht zu geben, verriegelt sie die Tür. Es kann nicht anders sein. Wenn das Vergangene so heftig über sie hereinbricht wie in dieser Nacht, wenn sie zurückfällt, hilft nur stillzuhalten, bis die Traurigkeit vergeht. Sie setzt sich wieder mit gekreuzten Beinen auf den Boden und beginnt zu warten. Laura weiß, was jetzt kommt, braucht Zeit. Sie wird sich nicht wehren, wird ausharren bis zum Schluss, ihre Knöchel werden schmerzen, aber darauf kommt es nicht an. Irgendwann werden die Erinnerungen versiegen wie eine Quelle versiegt, ein Strom. Dann klart der Himmel auf im Blau.

Oder er kommt heim.

So hat sie es sich damals zurechtgelegt, daran hält sie fest. Obwohl niemand wissen kann, was aus der Gegenwart wird, meinen die Menschen, auf den Fortbestand des eigenen Lebens, darauf, dass Gutes bleibt, besäßen sie ein Recht. Sie glauben, diejenigen, die sie lieben, bleiben bei ihnen für alle Zeit. Laura vergisst nie mehr, wie schnell das Glück verfliegt. Nach einem einzigen Augenblick ist alles anders als zuvor. Trotz der Jahre, die inzwischen vergangen sind, erinnert sie jenen Moment genau. So vieles von dem, was damals geschah, geht immer wieder durch ihren Kopf. Wenn sie davon träumt, hält sie nicht stand und wacht auf. Gestern Nacht hat sie ihn wieder auf der Kante ihres Bettes sitzen sehen, es war Abend, wie immer hatte sie ihre Decke bis zum Hals gezogen und wartete ungeduldig auf seinen ersten Satz.

Der Tag blieb hinter ihrem Zusammensein zurück.

In seiner Gegenwart war alles gut.

Prinzessin, sagte er nach einer Weile, wie stets mit einem Lächeln, das nur ihr allein gehörte, nenne mir Dein Lieblingstier. Nachdem sie geantwortet hatte, blickte er ihr verschwörerisch in die Augen, setzte sich zurecht und erfand ihr eine Welt. In der gab es Wesen mit Zauberkräften, die anmutig flogen, die mit Tieren und Bäumen sprachen, da waren Helden, die besiegten das Böse und riefen