Blut im Rinnstein - Werner Heinemann - E-Book

Blut im Rinnstein E-Book

Werner Heinemann

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Beschreibung

Der Linksextremist Holger wird von der Anklage auf Totschlag einer Polizeibeamtin freigesprochen. Seit Untersuchungshaft und Prozess hinterfragt er seine politische Einstellung. Dies wird neben der andauernden psychischen Belastung zum Problem. Freunde und Bekannte stehen zu ihm, können ihn aber nicht mehr für sich gewinnen. Er sucht den Neuanfang und weiß, dass er der anklagenden Verfolgung trotz Freispruch nicht entkommen kann.

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Werner Heinemann

Blut im Rinnstein

Skeptisch betrachtet

Das Gericht sprach Holger frei. Es war ihm keine Schuld am Tod der jungen Polizeibeamtin nachzuweisen. Wut und Enttäuschung waren der Staatsanwältin anzumerken. Sie knallte zornig ihre Unterlagen in den Aktenkoffer. Sein Anwalt drückte ihm stumm die Hand, der verächtliche Blick hinterließ Wirkung. Ohne ein Wort wandte sich sein Verteidiger von ihm ab.

Als freier Mann verließ Holger das Gericht. Er war erleichtert über das Urteil, das so nicht sicher erwartet werden konnte. Glücksgefühle eines Gewinners stellten sich dennoch nicht ein.

Was nun? Wie soll es weitergehen? Auf keinen Fall weiter wie bisher. Aber wie sonst? Bis auf die Vorsätze, die linksextreme Clique zu meiden und Beteiligungen an Gewaltexzessen zu unterlassen, hatte Holger keinen konkreten Plan. Ein klares Ziel hatte er nicht.

Die linken Freunde, die ihm während der Verhandlung beigestanden hatten, beglückwünschten ihn zum Freispruch. Eine Genossin mit lilafarbenen Haaren küsste ihn sogar links, rechts und mittig auf den Mund. Der örtliche Sprecher der ökologisch-sozialistischen Bewegung zitierte freudig große Worte: „Holger, der Kampf geht weiter!“

Sie bejubelten ihn wie einen erfolgreichen Stadtguerillero. Sein Vorhaben, diesen Leuten zukünftig aus dem Weg zu gehen, kam Holger jetzt schwieriger vor, als bis eben noch angenommen.

Holger bewertete positiv, dass seine antifaschistischen Mitstreiter beteuerten, wegen dringender Vorhaben mit ihm nicht ausgiebig feiern zu können. Er war ja einer von ihnen und wusste, wie sie tickten. Das linkspolitische Spektrum jubilierte einen Tag lautstark darüber, dass einem Antifaschisten endlich einmal Gerechtigkeit widerfahren sei. Das war es dann aber auch.

Längeren Nachhall und mehr Wirkung hätte man im Fall seiner Verurteilung erreichen können. Diese Opferrolle wäre für die selbsternannten demokratischen Aktivisten sehr ergiebig gewesen. Aber in Holger war während des Prozesses der Wunsch gereift, bloß nicht zum Märtyrer zu mutieren. Er wollte nicht einmal mehr Antifaschist sein.

Vertreter von Funk und Presse hatten seinen Wunsch akzeptiert, keine Interviews zu geben. Das mediale Interesse an ihm hatte ohnehin abrupt mit der Urteilsverkündung nachgelassen. Ein paar Fotos wurden geschossen und dann löste sich der kleine Pulk um ihn schnell auf. Die Lokalzeitung titelte anderntags: „Gerechtes Urteil: Der Angeklagte wird freigesprochen!“

Als er allein vor dem Portal des Gerichtsgebäudes stand, straffte er mühsam seine Schultern und ließ den Blick schweifen. Die Augen blieben an einer Frau hängen, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein selbstbemaltes Pappschild in die Höhe hielt. Er las das blutrote Wort: „Mörder!“

Die Frau war ihm bekannt. Sie hatte die Verhandlungen, ihre Augen stets hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, stumm verfolgt und Holger ununterbrochen fixiert. Er hatte es vermieden, sie länger anzusehen. Er fürchtete, diese Frau könnte die Mutter der getöteten Polizistin sein.

Holger versuchte, nicht zu rennen, aber er eilte mit weit ausholenden Schritten davon. Er flüchtete vor einer Klägerin, die ihm einen Mord vorwarf. Vor der mit roter Farbe auf Pappe gepinselten Anklage: „Mörder!“, konnte ihn der richterliche Freispruch nicht schützen.

Sein Mund war trocken, Druck lag auf den Augen und der Puls pochte wild in den Adern. Müsste er nicht schreien vor Freude? Aber nein, er fühlte sich noch mieser als vor dem Urteil.

Das geringe öffentliche Interesse an, oder gar Mitgefühl für eine totgeprügelte Polizeibeamtin, hatten alle Kräfte des politischen Systems schon längst gemeinsam erstickt und mundtot gemacht. Für die meinungsbildenden besseren Menschen hatte die junge Frau schlicht auf der falschen Seite gestanden und ihr Tod war nicht der Rede wert.

***

An einen der runden Tische vor der Kneipe „Zum Pils“ ließ sich Holger nieder. Es war noch früh am Tag, so gegen 11 Uhr. Die kleine Wirtschaft hatte eben erst geöffnet. Die korpulente Kellnerin begrüßte ihn mit Namen; man kannte sich seit Jahren. Sie hieß Tanja.

Sie freute sich, dass er freigesprochen war. „Sonst säßest du ja jetzt nicht hier.“

Er bestellte eine Apfelschorle.

Holger versuchte, sich zu sammeln, befreit von Belastung zu denken. Es gelang ihm nicht. Er blieb nervös und bedrückt. Ein junges Pärchen nahm am Nachbartisch Platz. Die Apfelschorle wurde serviert, die Bestellung von den jungen Leuten abgefragt.

Ein Schatten fiel von hinten auf Holger. Kurz darauf lag eine Hand auf seiner linken Schulter und an der rechten Kopfseite schob sich ein ihm bekanntes Gesicht nach vorn. Es starrte ihn schräg von oben an.

Sein ehemaliger Klassenlehrer Keffer erklärte seine Vermutung als bestätigt: „Da habe ich mich nicht getäuscht. Wahrhaftig, es ist der Lescher, der Holger Lescher.“

Keffer rückte sich einen Stuhl zurecht und setzte sich unaufgefordert neben Holger. Der wusste nichts zu sagen und nippte zur Überbrückung von der Schorle. Sein trockener Mund nahm die Erfrischung begierig auf. Holger genoss das kühle Nass.

„Menschenskind Lescher, was ist aus Ihnen geworden?“, fragte Keffer im bedenklichen Tonfall.

Nach der Bedienung des verliebten Pärchens bat Tanja um Keffers Wünsche. Er bestellte eine Cola ohne Rocks aber mit Zitronenscheibchen.

„Tut mir leid“, bedauerte die Kellnerin. „Eiswürfel sind nicht das Problem, aber Zitronen kommen erst gegen 14 Uhr mit der nächsten Lieferung.“

Keffer reagierte auffallend ärgerlich und riet: „Sie sollten ihre logistischen Abläufe optimieren. - Bringen Sie mir Orangensaft mit Rocks!“.

„Wie viel Würfel hätten Sie denn gerne? Zwei oder drei?“

„Einer genügt!“

Holger hatte während des Verkaufsgesprächs Keffer beobachtet und befand für sich: „Sieh an, Oberpauker Keffchen, immer noch der selbstherrliche Macho; kein bisschen gealtert in den letzten Jahren. Das ist doch kein Zufall, dass er jetzt auftaucht ...“

Keffer wiederholte sich: „Menschenskind Lescher!“ Er schüttelte bedauernd den Kopf. „Bei ihren Anlagen, mit ihren Talenten ... Aber es ist ja noch mal gutgegangen.“

„Stimmt, vor Gericht konnte mir der Totschlag an der Polizistin nicht nachgewiesen werden“, erklärte Holger provokant.

Keffer bestätigte: „Nicht einmal, dass Sie in unmittelbarer Nähe des Tatorts waren, konnte zweifelsfrei bewiesen werden.“

Holger entgegnete gereizt: „Wollen Sie jetzt wissen, ob es auch so war und das Urteil gerechtfertigt ist?“

Der Pädagoge beschwichtigte mit abwehrender Handbewegung. „Nein, nein. Mich interessiert eher Gegenwart und Zukunft. Hören Sie:“, er sprach plötzlich leiser. „Wir Demokraten haben doch schon längst die Macht, die wir uns im langen Marsch durch die Instanzen seit 50 Jahren peu á peu erstritten haben. Sehen Sie sich um: Politik, Verwaltung, Kirche, Medien, Verbände, Organisationen und so fort. Dies alles ist unser.“

Die üppige Kellnerin brachte den Orangensaft und kassierte anschließend bei den jungen Leuten.

„Demokraten,“ höhnte Holger und fragte, „sprechen Sie von Demokraten der Marke German Democratic Republic? Zählen Sie mich bitte nicht dazu.“

„Oho“, zeigte sich Keffer sichtlich überrascht, „solche Töne hätte ich von Ihnen nicht erwartet.“

„Sie hören aber richtig, denn inzwischen komme auch ich der Wahrheit etwas näher“, konterte Holger.

Keffer verzog den Mund und legte die Stirn in Falten. „Nun gut. Meine Zeit ist knapp bemessen. Ich fasse mich deshalb kurz. Erinnern Sie sich an unser kleines Theaterstück ´Brot und Spiele´? Sie haben Ihre damalige Rolle als Plebejer offensichtlich zu sehr verinnerlicht. Sie dürfen unter dem Pöbel nicht mitmischen. Sie müssen ihn regieren. Sorgen Sie für Brot und Spiele und führen Sie die Horde an den Nasenringen durch die Wahllokale.“

Seit langer Zeit fuhr Holger mal wieder ein Lächeln durchs Gesicht. „Dort können sie tolle bunte Demokraten wählen, die sich schön übersichtlich nur in Nuancen unterscheiden.“

„Nun übertreiben Sie mal nicht“, rügte Keffer.

Holger trank den Rest der Apfelschorle. Keffer bereitete seinen Abgang vor: „Zum Abschluss eröffne ich Ihnen den Hauptgrund, warum es mich in diese dunkle Ecke unserer Stadt getrieben hat. Kennen ...“

Holger unterbrach ihn: „Kommen Sie sich nicht ein bisschen schäbig vor, den Öko- und Sozial-Kümmerer vor Ihren Schülern zu mimen und doch die Leute dieses dreckigen Stadtviertels wie die Pest zu meiden?“

„Unsinn!“, sagte Keffer scharf und fuhr fort: „Natürlich ist es kein Zufall, dass ich mit Ihnen hier sitze.“

„Natürlich nicht“, bestätigte Holger ironisch.

Der Lehrer schob dem ehemaligen Schüler eine Visitenkarte zu und kommentierte: „Das ist die Karte von Pastor Zappel. Er ist mit der Registrierung und Betreuung von Flüchtlingen involviert. In dem Chaos wird dringend ein fähiger Koordinator gesucht; staatlich gefördert, versteht sich. Der Pastor will vermeiden, dass sich die Caritas oder herzlose Technokraten auch diesen Posten unter den Nagel reißen. – Wir haben an Sie gedacht. Nach dem heutigen Urteil stehen Sie ja wieder zur Verfügung.“

„Wer sind wir?“, wollte Holger wissen.

Keffer räusperte sich. „Das tut nichts zur Sache“. Er klemmte einen 5-Euro-Schein unter das halbvolle Trinkglas und erhob sich. „Na Lescher, dann mal auf Wiedersehen.“ Er drehte sich schwungvoll um und ging.

***

Der Alltag im Stadtviertel galt in linken Kreisen als gelebter Beweis für die multikulturelle Integration. Der Einwand der deutschen Minderheit, dass ihre Landsleute aus dem Stadtteil verdrängt würden und insofern von Integration nicht gesprochen werden könne, wurde von herrschender Meinung reflexartig mit Nazi- und Rassismus-Vorwürfen bekämpft.

Der Weg von der Kneipe nach seiner Unterkunft war nicht weit. Er führte durch türkisches Gebiet und grenzte an die Gegend, wo ein osteuropäisches Übergewicht inzwischen vom arabischen Zustrom bedrängt wurde. Ein ehemaliges jüdisches Warenhaus war bereits zur zweiten Moschee der Stadt umgewidmet.

Die von den verschiedenen Multikulti-Clans ausgeübte Gewalt gegen die Bewohner des Stadtteils existierte für die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung nicht. Die Medien leugneten und die Kirchenoberen ignorierten die kriminellen Machtergreifungen. An den Schulen herrschte gegenüber der deutschen Minderheit geduldeter offener anti-deutscher Rassismus.

Das Loch, wie Holger seine Wohnung selbst bezeichnete, war nicht flüchtlingstauglich, denn es war dunkel, feucht und roch muffig. Diese Heimstatt machte ihm so schnell niemand streitig. Eine bessere Unterkunft konnte er sich allerdings auch nicht leisten. Ihm waren weitere Zahlungen nach dem Bafög mangels Leistungsnachweis abgelehnt worden. Einspruch wäre sinnlos gewesen. Holger war zu stolz, um andere Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Er kämpfte lieber mit den linken Autonomen für die Rechte der sozial schwachen Mitmenschen, zu denen er sich selbst nicht zählte. Bis zu seiner Verhaftung hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.