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Das ostpreußische Kind Gottfried Zeller verläßt im August 1944 mit der Erntehelferin Trude seine Mutter und die Heimat. Während Krieg und Nachkriegszeit wächst der Junge in Westdeutschland bei Pflegeeltern auf. Trude fühlt sich ihm gegenüber verpflichtet. Mit ihrer Hilfe baut er sich eine Existenz auf. Erst im Alter geht Zeller eine Beziehung zu einer Russin ein. Unter mysteriösen Umständen findet er den Tod. Gesellschaftliche und politische Ereignisse sowie alltägliches Erleben der Protagonisten ziehen sich thematisch durch das Buch, das zeitlich um die Jahrtausendwende endet.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Verflossene Zeiten
Vor vielen Jahren in Deutschland
Überarbeitete Fassung der 2016 erschienen gebundenen Ausgabe unter dem Titel:
Als Klöten Karl noch lebte
Ein Leben in Deutschland
I
Im Jahre 1936, während der Olympischen Spiele in Berlin, kam Gottfried Zeller in einem Heuhaufen als Frühgeburt zur Welt. Das Heu lag locker geschichtet in einer Feldscheune nahe dem Ort Trakehnen, dem heutigen Jasnaja Poljana im Oblast Kaliningrad, einer Regionalhauptstadt, die manchem Zeitgenossen noch heute unter ihrem ursprünglichen Namen Königsberg geläufig ist.
Die Wahl des Orts ihrer Niederkunft war eine Notlösung für Zellers Mutter. Beim Wenden halb getrockneten Grases traten viel zu früh die Wehen ein. Die robusten Frauen, die mit ihr unter freudig strahlender Sonne arbeiteten, beschwichtigten: halb so schlimm! Entschieden dann aber, dass eine von ihnen, die Schwangere bis zur nahegelegenen Scheune begleiten, eine andere Hilfe herbeiholen sollte.
Ansonsten waren sich die Frauen auch grundsätzlich einig und schimpften über die Männer. Keiner war mit Pferd und Wagen in der Nähe. Und überhaupt: „Wenn man die Kerls schon mal braucht …“
Zellers Mutter hatte ihm so oder so ähnlich den Tag seiner Geburt im Heuhaufen eines Schobers nahe Trakehnen in Ostpreußen geschildert. Ironischerweise griff er später bei passender Gelegenheit immer mal wieder kopfschüttelnd den Spruch auf: „Wenn man die Kerls schon mal braucht …“ Er fügte dann aber meist betont ernsthaft relativierend an: „… werden wohl anderswo sinnvoll beschäftigt sein.“
Für Zeller, das Frühchen, gab niemand auch nur einen Pfifferling. Auch nicht der verantwortliche Doktor der ersten medizinischen Untersuchung des Babys; ein Tierarzt, ein Spezialist für die veterinäre Versorgung der berühmten Pferde, die man nach dem Ort Trakehnen Trakehner nennt. Gottfriedchen war zu klein, zu schwach - eben viel zu früh.
„Ich habe in allen erdenklichen Lebenslagen nie das Gefühl gehabt, zu spät zu sein. Aber ich habe immer eine Höllenangst davor, zu früh zu kommen“, hatte Zeller in Anlehnung seiner eigenen Frühgeburt mehrfach behauptet und jede zotenhafte Deutung seiner Höllenangst entrüstet zurückgewiesen.
Die Mutter des Babys war nach kurzem Durchschütteln, wie Zeller später meinte, schon kurz nach der Niederkunft wieder auf den Beinen und trug ihren Gottfried höchstpersönlich aus der klapprigen Feldscheune hinaus.
Vorübergehend, das hieß, bis zum sicher geglaubten, nahe bevorstehenden Ableben des Säuglings, durfte die Mutter als Magd im Innendienst arbeiten. Doch Gottfried überlebte auch die Nottaufe und seine Mutter päppelte das winzige, zarte Leben bis zum Winterbeginn zum Vorzeigewonneproppen auf.
Soviel man weiß, brauchte Zellers Mutter fortan als zuständige Magd für die Versorgung der Hühner nur noch gelegentlich als Aushilfe schwere Feldarbeit verrichten. Zeller rechnete sich das als seinen Verdienst an.
„Ein Verdienst aus Schwäche, ist ein doppelter Verdienst“, behauptete er einmal, obwohl er meist seinen starken Lebenswillen hervorhob, der stets jede Schwächephase besiegt habe.
Bekanntlich haben wir alle eine Mutter und einen Vater. Diese banale Tatsache hatte damals noch eine größere emotionale Bedeutung und war nicht wie heutzutage eine durch gebildete Propaganda überwiegend auf biologische Erkenntnis herabgewürdigte Seelenlosigkeit.
Kompliziert gestalten sich jedoch zu allen Zeiten einige Vaterschaften, die nicht selten geleugnet werden. Zellers Vater blieb gänzlich unbekannt. Eine Frau musste den Vater des kleinen Gottfrieds aber wenigstens für entscheidende Augenblicke gekannt haben. Logisch: Zellers Mutter selbst. Diese aber gönnte sich verschiedene Kandidaten und durchaus mehrere entscheidende Augenblicke, die eine Inkubationszeit bis zu Zellers Geburt hätten auslösen können.
Kurzum: Zellers Mutter mochte sich nicht auf einen von fünf infrage kommenden Männern festlegen. Die wiederum waren mit ihrer Entscheidung sehr einverstanden. Das Baby trug übrigens selbst nicht zur Klärung der Vaterfrage bei. Es sah keinem der Kandidaten, die für die Schwangerschaft der Mutter einen entscheidenden Beitrag geleistet haben konnten, auch nicht im Entferntesten ähnlich. Das ließ konsequenterweise den Verdacht eines sechsten potenziellen Erzeugers aufkommen. Diese Unterstellung verbat sich Zellers Mutter mit Nachdruck.
Es waren die denkbar einfachsten Verhältnisse, in denen Zellers frühe Kindheit verlief. So bestand das Mobiliar der winzigen Kammer, die er sich mit seiner Mutter teilte, aus einem einfachen Bettgestell mit Strohsack und Lodendecke, einer alten Holzkiste, die für ihn als Schlafstelle umfunktioniert worden war, einem mit beider Habseligkeiten bestücktem Wandregal, das aus vier waagerecht übereinander montierten alten, angegrauten Holzbohlen bestand und einem kleinen Schränkchen, auf dem eine Zinkwaschschüssel mit Ablage für die Kernseife stand sowie einem blechernen Nachttopf unter dem Bettgestell seiner Mutter.
Gottfried Zeller war der Liebling der Knechte und Mägde, den Arbeitskollegen seiner Mutter. Allen voran die alte Jungfer Rike umsorgte ihn, als sei er ihr eigener Sohn. Zudem wusste sie die schaurigsten Geschichten von Gespenstern, Räuberhauptmännern und Zauberern zu erzählen. Der erwachsene Zeller erinnerte sich oft mit Wehmut daran, wie ihn damals die eine oder andere ungeheuerliche Geschichte der alten Rike bis in den Bettkasten verfolgt und er Zuflucht unter der Decke seiner Mutter gesucht hatte. Sie bot ihm stets die ersehnte Sicherheit und drückte ihren kleinen Gottfried still an sich.
Ja, gesprochen wurde nicht viel. Aber das war für Gottfried auch nicht wichtig. Wichtiger war ihm, dass im strengen Winter, wenn das Glas des kleinen Fensters vollständig mit einer dicken Eisschicht bedeckt war, die Mutter ihn in ihr Bett holte und sie sich aneinander gekuschelt gegenseitig wärmten. Vieles war verblasst und noch vieles mehr hatte sich der Erinnerung an die ersten Lebensjahre ganz entzogen, aber das deutlich klare Bild seiner Mutter, das sich ihm als Kind eingeprägt hatte, blieb für ihn zeitlebens bestehen.
Die fünf potenziellen Vaterschaftsaspiranten, zwei schmucke Arbeitskollegen ganz aus der Nähe, ein junger Hoferbe, ein litauischer Höker und ein ostpreußischer Briefträger, gehörten zu Zellers erstem Freundeskreis. Sie kümmerten sich im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten rührend um ihn. Den Großteil seiner Schätze hatte der kleine Gottfried von ihnen erhalten. Darunter waren ein Taschenmesser mit zwei Klingen und Korkenzieher, eine funktionstüchtige und erfolgreiche Weidenholz-Angelrute inklusive feinster Schnur mit Haken und eine aus Nussbaum geschnitzte Flöte, die sich noch am Tage seines Todes in seinem Besitz befand.
Die Spur des litauischen Hökers verlor sich im Frühjahr 1940. Beim letzten Besuch schenkte er dem kleinen Gottfried einen grünen blechernen Brummkreisel und seiner Mutter einen roten wollenen Schal. Zeller vermutete später, dass der Litauer derjenige war, der seine Mutter aufrichtig geliebt hatte. Auch wenn er sich selbst an den Höker nicht mehr erinnern konnte, blieben ihm doch einige Berichte über diesen Mann im Gedächtnis.
Das galt auch für den jungen Hoferben und die zwei schmucken Arbeitskollegen. Zwar konnte er sich dunkel an junge Männer erinnern, die, wie man heutzutage so schön sagt, immer gut drauf waren, aber ihre Gesichter waren unscharf und verschwommen. Dabei hatten sie doch dafür gesorgt, dass es für Gottfried selbstverständlich war, schon mit vier Jahren hoch zu Ross zu sitzen. Auch wenn die Rösser keine edlen Trakehner waren, aber immerhin Liese und Lotte, zwei breitschultrige Ackergäule. Die jungen Männer gingen einer nach dem anderen in den Krieg und kehrten nicht zurück.
„Die Erwachsenen sagten, dass sie in den Krieg gegangen waren. Und ich fragte mich, wo mag der sein, der Krieg? Sicherlich liegt der weit hinter Trakehnen“, berichtete Zeller einmal nach einer Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag.
Doch es kam die Zeit, als der Krieg sich immer mehr Trakehnen näherte. Die alte Jungfer Rike ahnte in naher Zukunft nichts Gutes und behielt ihre ungeheuerlichen Schreckensahnungen nicht für sich. Das war mutig von ihr. Sie schwebte wegen ihrer wehrkraftzersetzenden, defätistischen Äußerungen durchaus in Lebensgefahr. Aber Rikes Offenbarungen des Grauens wurden mehr oder weniger als Hirngespinst eines uralten Weibes abgetan, das es nicht weiter zu beachten galt.
Noch während der Erntezeit im Jahre 1944 erhielt Trude, eine Erntehelferin, die sich als Freiwillige gemeldet und vom Bund Deutscher Mädel aus ihrer südniedersächsischen Heimat abkommandiert war, nach nur zehn Tagen Einsatz, die Erlaubnis zu ihren Eltern zurückzukehren. Ihre Mutter stand kurz vor der komplizierten Niederkunft mit dem vierten Geschwisterchen und sie als Älteste wurde dringend für die Betreuung der Schwestern und Brüder benötigt. Die alte Jungfer Rike beschwor Zellers Mutter, der Trude den inzwischen achtjährigen Gottfried mit auf deren Heimreise zu geben.
„Ich hatte damals durch das Gerede der Leute den Eindruck gewonnen“, bemerkte Zeller einmal, „dass das Schlimmste, was einem Menschen zustoßen konnte, eintritt, wenn die Russen kommen.“ Und die standen bereit, mit dem Krieg auch Trakehnen heimzusuchen. Für Jungfer Rike bestanden hieran keine Zweifel: „Die Russen werden kommen!“, prophezeite sie mit düsterer Bestimmtheit.
Trude, geschätzte siebzehn Jahre alt, blond, hübsch und von zupackender Art, war von der Idee der alten Rike begeistert: „Gottfriedchen, wir beide gehen auf ganz große Fahrt!“
Aber eine Mutter, die sich als Mutter begreift und vor allem auch so fühlt, trennt sich selbst in unsicherer Lage nur schwer von ihrem Kind. Innerhalb kürzester Zeit brachte Zellers Mutter verschiedene Gründe hervor, die eine Trennung von ihrem Gottfried hätten kategorisch ausschließen sollen. Sogar Gottfrieds Schulbesuch war ihr plötzlich wichtig.
„Ich bringe es nicht übers Herz und außerdem muss er in der Schule lernen, damit was Ordentliches aus ihm wird. Und auch der Pastor hat neulich gesagt, dass unsere Wehrmacht die Russen noch vor Weihnachten niederhaut. Nach allem, was man so hört, sind die Amerikaner mit ihren Negern schon bei den Franzosen. Überall ist Krieg! Russen oder Neger, das ist ja nun auch egal“, meinte sie verzweifelt.
Die alte Jungfer Rike hörte sich geduldig die hilflosen Argumente an, und als diese ins Stocken kamen, konstatierte sie: „Das Jüngelchen muss gerettet werden! Die Trude hilft dabei mit. Unsere deutsche Wunderwaffe wird kommen, um den Negern noch richtig schön einzuheizen. Danach kommt der Endsieg, die Russen gehen zurück in ihre Taiga und das Jüngelchen kehrt wieder zurück nach Trakehnen.“
Ob die alte Frau selbst ernsthaft an ihre krude Logik glaubte, widersprach Zeller später: „Nein, sie besaß eine eigene Weisheit, die sämtliche damalige Phrasen und gröbsten Unfug bemüht hätte, wenn sie mich nur auf die Reise in den Westen hätte schicken können. Das allein war ihr wichtig.“
Zeller bekam stets feuchte Augen, wenn er davon erzählte, wie die Mutter kurz vor seiner Abreise leise vor sich hin weinend auf ihrem Schemel gehockt hatte, kläglich in sich zusammengesunken wie das sprichwörtliche Häuflein Elend.
„Ich habe mich neben sie gekauert, mein Kinn auf ihren Schenkel gelegt und ihre im Schoß gefalteten Hände gestreichelt, um sie zu trösten. Ganz ohne Worte, so, wie es unsere Art war“, berichtete Zeller von dem Moment, als die Tür der Futterkammer aufgestoßen wurde und der Briefträger in seiner SA-Uniform hereintrat.
„Gottfried, ich bringe deine Papiere“, erklärte sein potenzieller Erzeuger und Postbote.
Man war sich nicht sicher gewesen, ob ein Kind in Begleitung einer jungen Frau vom Bund Deutscher Mädel überhaupt Ausweispapiere für eine Reise benötigte. Trude war damit nämlich bestens ausgestattet. Aber sicher ist sicher, besonders in unsicheren Zeiten, lautete das allgemeine Credo. Und nun hatte der Junge ein offizielles Zertifikat mit Dienstsiegelabdruck, das ihn berechtigte, in Begleitung des Fräulein Trude von Ostpreußen nach Südhannover zu reisen.
Doch der Stempelabdruck auf der Ausweiskarte missfiel dem kleinen Gottfried sehr. Der Stempel war mit zu wenig Stempelfarbe und schlampig aufs Papier gedrückt worden. Der Reichsadler war insgesamt nur aschfahl ausgefallen und sein Schnabel lediglich als blassgraues Etwas zu erahnen; das Hakenkreuz in seinen Fängen war zur Unkenntlichkeit verschmiert.
„Nein, ich sah darin kein böses oder gutes Omen“, erklärte Zeller später. „Ich war aber höchst empört, dass man mit der Ausstellung eines so wichtigen amtlichen Dokuments ein derart desaströses Arbeitsergebnis abliefern durfte.“
Bartosz, ein Pole in den Zwanzigern, kam mit einem alten offenen Landauer, bespannt mit Liese und Lotte, an einem warmen frühen Morgen Ende August vorgefahren. Zusätzlich zur fast kompletten Hofbelegschaft waren auch Freunde aus dem Dorf gekommen, um Trude und Gottfried zu verabschieden. Das überschaubare Gepäck war verladen, die ersten Tränen liefen und die weißen Taschentücher wurden auch zum Winken bereitgehalten. Trude und Gottfried hatten auf dem Wagen Platz genommen und der Briefträger in SA-Uniform war im Begriff, sich neben Bartosz auf dem Kutschbock zu setzen – hielt dann aber abrupt inne.
„Die Marken!“, rief der Postzusteller aufgeregt und erhielt als Antwort die Frage: „Was soll das jetzt mit Briefmarken?“
Nein! Er meinte, obwohl aufgrund seines Berufs naheliegend, keine Briefmarken, sondern für Gottfried überlebenswichtige Lebensmittelmarken. Einen Moment herrschte allgemeine Ratlosigkeit. Doch dann trat die alte Rike hervor, rief dem Bartosz, der gut Deutsch verstand, etwas auf Polnisch zu und gab der Liese einen kräftigen Klaps auf die Hinterbacke. Bartosz schnalzte mit der Zunge und Liese und Lotte zogen an. Der Briefträger schwang sich auf den Bock und Gottfrieds endgültige Trennung von Trakehnen in Ostpreußen ging ohne Lebensmittelmarken in seine Endphase.
Noch einmal blickte er zurück und sah, wie die weinende Mutter von Umstehenden aufgefangen werden musste. „Muttchen ...“, flüsterte er heiser.
Dann entlud sich sein Trennungsschmerz in heiße, fließende Tränen. Zeit seines Lebens blieb Zeller in Erinnerung an diese Szene ein Kloß im Halse stecken.
Ja, die deutsche Jugend sollte hart werden wie Kruppstahl und wurde es durch die immer schlechter werdenden Umstände und Erfahrungen im Laufe des Krieges auch. Aber ein kleiner ostpreußischer Junge wird sich auch bei noch so gefühlsarmem, verhärtetem Herz, nur unter leidvollem Schmerz von seinem Muttchen trennen.
Und die Mutter? Durfte eine Mutter, zudem auch noch eine deutsche Mutter, trotz ihres Leids so egoistisch sein und sich derart gehen lassen? Hätte sie nicht ihrem Jungen die gefasste und tapfere Mutter sein müssen, die ihre Emotionen im Griff hatte? Darüber urteilen darf wohl nur eine Frau, die sich angesichts einer sehr ungewissen Zukunft von ihrem kleinen Sohn trennen muss.
Für uns heutzutage mag ein tränenreiches Abschiednehmen einer Mutter von ihrem Kind lediglich eine belächelnswerte Sentimentalität darstellen. Zellers letzte Hausärztin bemerkte einmal diesbezüglich: „Und wenn wir unsere Kinder erst vollständig verstaatlicht haben, wird eine Mutter-Kind-Beziehung folgerichtig nur noch als öffentlicher Akt nach rationalen Gesetzen wahrgenommen und auf eine wissenschaftliche Grundlage reduziert. Weit von diesem Horrorszenario sind wir nicht mehr entfernt.“
„Sehe ich auch so. Und das ist weitaus härter als Kruppstahl,“ hatte Zeller geantwortet.
Viele Jahre später ging Zeller einmal während eines Gesprächs näher auf Bartosz ein. Er wusste nicht, ob der alte Freund aus seiner Kinderzeit ein polnischer Kriegsgefangener oder Zwangsarbeiter gewesen war.
„Ist auch egal; als Pole war er allemal unfrei“, stellte er fest und fügte an, „mir war damals aber gar nicht bewusst, dass der Bartosz anders und weniger wert als ich sein sollte.“
Bartosz hatte einen Status in Trakehnen, der über den eines gewöhnlichen Gefangenen hinausging. Denn er war ein Pferdeexperte, dessen Arbeit nicht nur auf dem Gestüt und den Vorwerken sehr geschätzt wurde. Unter anderem war er in etwa das, was man heutzutage einen Pferdeflüsterer nennt.
„Gottfriedchen, die Pferde haben eine Seele wie wir. Ihre Seelen sprechen nur eine andere Sprache. So wie die Kaschuben kaschubisch, der Pole polnisch und die Deutschen ostpreußisch reden. Aber die Pferde sprechen ihre Sprache nicht nur, sie tanzen sie“, wies Bartosz den kleinen Freund in die Geheimnisse seiner Kunst ein.
In einer Lektion für Fortgeschrittene erklärte Bartosz: „Pferde sind wie Frauen. Du musst sie bei der Seele packen.“
Nun zockelten sie auf dem Weg zum Bahnhof bei bestem Erntewetter an einem frühen Augustmorgen unter Alleebäumen dahin. Aus der Ferne war wieder ein leises, aber vernehmbares Grummeln zu hören. Die Männer sagten, das sei die Front.
Die ursprüngliche Absicht über Insterburg, dem heutigen Tschernjachowsk, wegen der besseren Bahnverbindung zu reisen, wurde von Trude verworfen, weil die Russen Stadt und Bahnhof erst Ende Juli bombardiert hatten. Die Züge fuhren zwar schon wieder, aber der Eisenbahnknotenpunkt Insterburg konnte ihrer Meinung nach jederzeit erneut Angriffsziel sein. Trude entschied konsequent, dass sie ab Gumbinnen, heute russisch Gussew, auf Nebenstrecken aus Ostpreußen herausrollten.
„Ich glaube, Trude hatte den ganzen Saubraten gerochen und nicht mehr getraut“, behauptete Zeller später in einem der unzähligen Unterhaltungen über den Krieg.
Man war damals gewohnt, dass Züge pünktlich waren. Doch bei der aktuellen Lage durfte man froh sein, dass überhaupt ein Zug fuhr. Aber auch an jenem ereignisreichen Tag schnaufte wie selbstverständlich der planmäßige Zug in den kleinen Bahnhof ein - und er war pünktlich.
Bartosz nahm Gottfried das Versprechen ab, dass er ihn nach dem Krieg in seinem Heimatdorf Mieleszyn besucht. Obwohl der Junge trotz Ortslageerklärung nur eine sehr vage Vorstellung davon hatte, wo in Polen Mieleszyn liegt, sagte er zu und gab dem Bartosz seine Hand drauf. Zeller beteuerte, dass die Verabredung des braven Soldaten Schwejk mit dem Freund Woditschka, sich nach dem Krieg um halb sechs im ,Kelch’ zu treffen, seiner Vereinbarung mit Bartosz auf dem Bahnsteig von Trakehnen nicht als Vorbildfunktion diente.
„Nein, es war vielmehr der Abschied zweier ungleicher Freunde, die hilflos durch eine kriegerische Zeit taumelten“, trug Zeller als Erklärungsversuch für ihren gemeinsamen Wunsch vor, sich in friedlicher Zeit wiederzusehen.
Schwer schnaufend zog die Lok an und der Zug setzte sich ruckend in Bewegung. Bartosz winkte mit der Mütze, wurde kleiner und verschwand schließlich zusammen mit dem SA-Mann aus dem Blickfeld. Des Gedrängels am offenen Fenster überdrüssig, sah sich Gottfried nach Trude um. Diese hatte von einem älteren Herrn in Zivil, was damals selten genug war, im überfüllten Zug seinen Platz angeboten bekommen. Sie nahm das Angebot dankend an und rief nach Gottfried. Trakehnen war für den Jungen Geschichte geworden.
Außerhalb Trakehnens war der kleine Gottfried vor dieser Reise auch schon mal gewesen, nämlich mit seinem Muttchen in Gumbinnen. Aber wie sehr hatte sich jetzt alles im Bahnhof Gumbinnen verändert. Der Bahnsteig war übervoll mit hektischen Menschen, Soldaten und anderen uniformierten Leuten, Krankenschwestern und auffällig vielen Frauen mit Kindern. Zum Umsteigen in den wartenden Anschlusszug mussten Trude und Gottfried ihre Koffer durch die Massen schleppen. Auch dieser Zug war mit Menschen und Gepäck überfüllt. Das Gedränge war nur deshalb halbwegs erträglich, weil Trude wieder einen Sitzplatz, diesmal von einem Soldaten, erobern konnte und Gottfried auf ihren Schoß nahm.
Beim Anblick der vielen Frauen und Kinder unter den Reisenden schwante Gottfried, dass diese wie Trude den Saubraten nicht mehr riechen mochten und sich, wenn irgend möglich, in Richtung Westen aufmachten. Offiziell war das so nicht vorgesehen. Die primitiven Intelligenzen der politischen und militärischen Führung sahen keine Evakuierung der Bevölkerung vor, obwohl sie wussten, was die alte Rike wusste. Sie beließen es bei ihrer Horrorpropaganda, die alle Kräfte mobilisieren sollte, um die Russen an der Reichsgrenze zu stoppen. Und sie kannten über die Ahnungen der alten Rike hinaus auch die Details. Diese Details erklärte in späterer Zeit Zellers Kegelbruder Oswald Brandl, der sich mal als Privathistoriker über den Schlachtenverlauf der Wehrmacht im 2. Weltkrieg versucht hatte, seinem Freund Gottfried etwas näher.
„Gottfried, der Russe saß dir schon auf der Pelle, als du dich mit Trude aus Ostpreußen abgesetzt hast. Er musste sich an Ostpreußens Grenze aber erst mal ausruhen und auftanken, bevor er wieder angriff, denn er hatte gerade die Heeresgruppe Mitte zerschlagen. Es war nicht nur eine Armee, wie in Stalingrad, die der Russe vernichtet hatte, sondern gleich drei deutsche Armeen. Das ist die größte deutsche militärische Niederlage aller Zeiten. Damit war die Wehrmacht militärisch besiegt. Was folgte, egal an welcher deutschen Front, war ein noch acht Monate dauerndes, qualvolles Ausbluten.“
Während der Reise trug der achtjährige Gottfried seinen amtlichen Ausweis stets nah bei sich, aber niemand wollte diesen sehen. Dem Jungen war aufgefallen, dass Trude und er weitaus weniger Beachtung fanden, als die vielen Soldaten. Die wurden ständig von misstrauischen Feldjägern und anderen bewaffneten Amtspersonen auch auf den Bahnsteigen kontrolliert.
„Gottfried, du musst wissen, dass spätestens nach dem Attentat auf Hitler, der deutsche Soldat sich seines Lebens auch vor den eigenen Leuten nicht mehr sicher war,“ hatte Kegelbruder Oswald Brandl während eines Kegelabends erklärt und düster angefügt, „leider ist es keine übertriebene Erfindung, dass versprengte, deutsche Soldaten von deutschen Sicherheitskräften sofort standrechtlich erschossen wurden, wenn sie nicht glaubhaft versichern konnten, dass sie keine Deserteure waren.“
Zeller winkte ab: „Lass doch den alten Kram endlich ruhen, Oswald!“
Aber Oswald Brandl wollte bei der Gelegenheit doch noch einige Fragen mit Zeller klären: „Hast du denn damals wirklich nie etwas von der Wolfsschanze, dem Führerhauptquartier, gehört? Oder zumindest von dem Attentat, das dort auf Hitler gescheitert ist?“
Zeller reagierte unwillig: „Kann sein, dass ich mit der Trude sogar knapp an der Bunkerburganlage vorbeigerollt bin. Gut möglich, dass wir im Bahnhof Rastenburg Station gemacht haben. Aber, dass dort in der Nähe beim Dorf Görlitz massenhaft Stahlbeton für die Ewigkeit gegossen worden war, um ein Hochsicherheits-Hauptquartier für den Führer zu bauen, auf eine solche Idee wäre ich nicht gekommen. Ich war gerade acht Jahre alt geworden und die Schule von Trakehnen war wegen der Ferien geschlossen. Also, woher sollte ich etwas von einem Attentat wissen? - So, Oswald, jetzt nimm noch einen Schluck Bier und dann schieb die Kugel. - Und lass mich in Ruhe mit deinen Kriegsforschungen!“
Nach ermüdender Bahnfahrt wurden Gottfried und sein Spezialausweis doch noch überprüft. In Frankfurt an der Oder hatten sie länger als geplant Aufenthalt. Wieder einmal hatten kriegswichtigere Züge Vorrang. Die Gelegenheit wurde genutzt, den Zug für ein paar Minuten zu verlassen.
BDM-Kolleginnen Trudes teilten kostenlos einen Becher voll Brühe und eine halbe Scheibe Kommissbrot aus. Selbstverständlich bekam auch Gottfried in seinen Henkelmann eine Kelle voll vom dampfenden Heißgetränk und eine Brotscheibe in die Hand gedrückt. In ihrem Proviant hatten sie zwar noch etwas Schinkenspeck und Roggenbrot, doch die heiße Brühe belebte den schon arg von der Reise strapazierten Gottfried enorm.
Sie waren im Begriff wieder einzusteigen, als sich aus der Menschenmenge auf dem Bahnsteig zwei auffällig unauffällige Herren in Regenmänteln und Schlapphüten vor Trude aufbauten.
„Papiere!“
Trude tat überrascht, prüfte die ihr vor die Nase gehaltene Dienstplakette und wies sich aus.
„Und der Junge gehört zu Ihnen?“
„Ja,“, antwortete Trude und forderte Gottfried auf: „Gottfriedchen, zeig den Herren deinen Marschbefehl.“
Der Junge zog ihn aus seiner Brusttasche, faltete das Papier sorgsam auseinander und hielt es in die Höhe. Endlich war es so weit. Er, Gottfriedchen aus Trakehnen, kam sich selbst wichtig beim wichtigen Kontrollakt durch wichtige Amtspersonen vor.
„Sehr ungewöhnlicher Wisch. Das Ding ist nichts wert“, erklärte der Mann scharf.
Trude wollte sich äußern und auf ihre Fahrkarten hinweisen, aber der andere Mann verbot ihr mit ablehnender Armbewegung schroff das Wort.
Der Ausweisprüfende sah auf Gottfried herab: „Na, wenn du aus Trakehnen bist, dann weist du ja auch, was ein Trakehner ist.“
