Blüte des Zweifels - Marc Sieberg - E-Book

Blüte des Zweifels E-Book

Marc Sieberg

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Beschreibung

Dieses Buch ist das geistige Extrakt eines vom Zeitgeist unbeeindruckten Zeitgenossen, der sich um Erkenntnis und Freiheit bemüht, ohne seinem Denken Grenzen zu setzen. Es entstand eine streitbare Schrift, die Ihr gedankliches Engagement fordert, ein Streifzug durch die unterschiedlichsten Gebiete menschlichen Lebens, der Sie zu Widerspruch und Zustimmung einlädt.

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Meinem zu früh aus der Welt gerissenen Onkel Manfred

und meinem soeben in die Welt geworfenen Neffen Henri.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2017 by Marc Sieberg

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback 978-3-7439-3798-7

ISBN Hardcover 978-3-7439-3799-4

ISBN E-Book 978-3-7439-3800-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Alle Rechte vorbehalten.

Marc Sieberg

BLÜTE DES ZWEIFELS

Ein Buch für freiere Geister

Prolog

Im Vorfeld der Veröffentlichung dieses Buches hat sich aus dem durchwachsenen Feedback von Probelesern unterschiedlichster Couleur zumindest eine Erkenntnis deutlich herausgeschält: Es ist erklärungsbedürftig. Daher erbitte ich Ihr Pardon, wenn ich Ihnen jetzt schon die Vorfreude – die Sie als Deutschschüler sicherlich immer genossen haben – darauf nehme, sich in wilden Spekulationen über die Intention des Autors auslassen zu dürfen. Ich erläutere selbst Grund und Antrieb für das Verfassen und Herausgeben dieser Schrift. Kurzum: Sie ist eine Gedankensammlung.

Ursprünglich war sie dazu gedacht, endlich einmal festzuhalten, was mir seit dreißig Jahren durch den Kopf schwirrt. Ich erhoffte mir dadurch, mich von der lästigen Arbeit zu befreien, mutmaßlich gute Ansätze abspeichern und wiederaufspüren zu müssen, um sie nicht mehr in den weniger durchbluteten Windungen meines Hirns versiegen zu lassen. Zudem hilft die Ausformulierung dabei, Gedanken zu klären sowie Blödsinn aufzuspüren und sich dessen zu entledigen. Insofern ist dieses Buch vor allem auf mich selbst zugeschnitten, so dass ich auf jegliche Systematik und auf Beispiele verzichtet habe, obwohl ich sonst ein großer Befürworter dieser didaktischen Mittel bin. Auch Polemik und Ironie, derer ich mich im Disput gerne bediene, wende ich nur spärlich an.

Meine Wunschadressaten werden sich, nachdem sie die ersten Seiten gelesen haben, fragen, ob es sich bei den Absätzen überhaupt um die eigenen Gedanken des Verfassers handeln könne. Wo diese doch – wie mir selbst mit dem in der Entstehungszeit konsumierten Lesestoff klarer wurde – in Tausenden anderen Werken bereits geschrieben stehen. Also abgekupfert? Gegen diesen Vorwurf gibt es naturgemäß keine Verteidigung. Selbst kompliziertere Gedankengänge, die ich noch derart konkret nachvollziehen kann, als hätte ich soeben einen mathematischen Beweis erbracht, könnten bloß ein Wiederaufblitzen von etwas sein, das ich vor drei Jahrzehnten las oder hörte und bewusst längst vergessen habe.

Aber sind es nicht dennoch meine eigenen Gedanken, solange ich – aufgrund sträflicher Unbelesenheit zwar – nichts von deren bisheriger Existenz wusste? Immerhin stieß ich bei meinen Recherchen auf ein Zitat eines nicht ganz unbekannten Philosophen, der über sein Buch sinngemäß sagte, dass darin nichts Neues geschrieben stehe, und wenn doch, dann müsse es falsch sein. Die hohe Übereinstimmung meiner eigenen Ansätze mit dem schon Dagewesenen wirkte derart entmutigend, dass ich dieses Projekt beinahe eingestampft hätte, wenn damit nicht andererseits die Bestätigung verbunden gewesen wäre, dass ich nicht völlig schief gewickelt sein kann. Wovon ich mir erhoffe, zumindest von dem schlimmsten Hohn verschont zu werden, der schlimmer ist als die öffentliche Blamage und der Verriss durch Experten: dem meines zukünftigen Ichs. Der Unfug, den man vor zwanzig Jahren in Gesprächen abgesondert hat, ist zumeist unwiederbringlich in der Vergangenheit verschollen, aber was in einem Buch geschrieben steht, überdauert jede persönliche Entwicklung.

So viel zum Anlass des Verfassens. Aber warum auch veröffentlichen? Die herkömmlichsten Gründe, die Autoren dazu bewegen, sind zu profan und illusorisch, um sie eigens zu erwähnen. Für mich ist es nicht zuletzt ein Versuch, mich der Vergessenheit entgegenzustemmen. Vielleicht werden noch einige Generationen nach mir – wie verwandt auch immer – dieses Buch in Händen und viel von meinem Versuch halten, den Zweifel zu nähren. Über den wohl gewählten Titel Ihrer derzeitigen Lektüre können wir uns ihren Inhalten und damit auch Absichten nähern.

Eine Blüte kann das untrügliche Anzeichen von Wachstum darstellen. Was gedeiht, das blüht auch, wenigstens im Pflanzenreich. Somit mag diese Blüte als begrüßenswerter Auswuchs des lebendigen Zweifels verstanden werden. Zudem bedeutet Blüte im übertragenen Sinne den Gipfel einer Kultur, und insofern hat der Titel einen beschwörerischen Charakter, auf dass der Höhepunkt unserer Zivilisation vollendet und erhalten bleiben möge. Aber eine Blüte, ein gefälschter Schein, kann auch irreführen, und somit ist ihr gegenüber wiederum Skepsis angebracht. Nicht zuletzt verlangt die Blüte danach, bestäubt zu werden, um zur nährenden Frucht gedeihen zu können und das Wachstum dessen zu ermöglichen, der sie kostet, sowie die Fortpflanzung des die Frucht gebärenden Wesens.

Kommen wir zum Kernbegriff, dem Zweifel. Dem Drang zur Prüfung des Behaupteten. Der zu fördern ist, in Anbetracht der menschlichen und insbesondere jugendlichen Neigung, den von Medien und Erziehern verkündeten Wahrheiten Glauben schenken zu wollen. Dem wissenschaftlichen Geist stehen zwei miteinander verwandte Phänomene gegenüber, die zu wachsen und an Einfluss zu gewinnen scheinen: Die Religion und die politische Korrektheit, wobei letztere die erstere begünstigt und erstere sich auf zweitere beruft. Allesamt Ideologien, die sich der Erkenntnis entweder verweigern oder sich selektiv an ihr bedienen. Dem gilt es etwas entgegenzusetzen. Aber keinesfalls blind und fanatisch, sondern mit Augenmaß und einem Selbstkorrektiv, das den Zweifel in seinen Auswirkungen hinterfragt. Er könnte, lässt man ihn unkultiviert und kraus wachsen, zur Verzweiflung in vielerlei Bereichen führen. Aber er soll ja nicht verdrießen, sondern zu einem Aufbruch von verkrusteten Strukturen und zu neuen Gefilden veranlassen. Der Zweifel ist eine mächtige Waffe, die sich nicht jeder zu führen zutraut, der nicht in ihrer Handhabung geübt ist. Diesen Mut und diese Fertigkeit möchte ich vermitteln, indem ich selbst mein Denken und dessen Unschädlichkeit und Fruchtbarkeit darstelle.

Der Untertitel spricht in zweifachem Sinne für sich: Dies ist ein Buch für Geister, die freier sind als andere. Der Adressat sind also Sie. Welche hohe Meinung ich jetzt schon von Ihnen habe! Aber es soll auch bewirken, dass die Geister freier werden. Ohne den Komparativ hat übrigens auch Nietzsche den Namen eines seiner Werke ebenso erweitert, was mir erst später auffiel.

Zweifel also als Weg zur Freiheit. Und damit zum Glück? Wenn man, wie ich – das werde ich begründen – Freiheit als Voraussetzung zum Glück ansieht, dann sind diese Begriffe kausal miteinander verknüpft. Das scheint ein bisschen auf Kosten der ebenfalls sehr wertgeschätzten Sicherheit zu gehen, aber was ist diese schon Wert, wenn sie auf Gruppenzwang und Einbildung beruht? Ein allzu leicht zu erschütternder Firnis, an den man sich nicht klammern sollte. Die Kunst besteht darin, aus der wahrzunehmenden Unsicherheit dennoch ein Gefühl des Behütetseins zu extrahieren.

Ihnen werden, abhängig von Ihrer Belesenheit oder gedanklichen Selbständigkeit, viele Absätze als trivial erscheinen. Aber aus welchem Grunde auch immer hielt ich sie für erwähnenswert. Manchmal kann es von Vorteil sein, sich selbst banalste Wahrheiten wieder ins Gedächtnis zu rufen, besonders dann, wenn der Täuschungsdrang so hungrig ist, dass er selbst vor dem Verschlingen von Axiomen nicht zurückzuschrecken gedenkt. Nicht zuletzt darum werden sich einige Gedanken hier in anderen Worten wiederfinden, mögen sie auch verschieden konnotiert sein. Was der eine mit einem Achselzucken abtut, kann für den anderen dennoch bedeutsam sein. Andere Aussagen werden Sie nicht verstehen können, solange Sie nicht selbst etwas Vergleichbares erlebt haben. Es liegt nahe, dann einen Vergleich zum Expressionismus zu bemühen: Dem Autor wird der bloße Ausdruck des Gefühlten wichtiger gewesen sein als dessen Nachvollziehbarkeit, welche er womöglich ohnehin bezweifelt. Und die Wahrscheinlichkeit, dass unter Millionen von Menschen auch nur zwei in vielen hundert Aussagen vollständig d’accord gehen, ist verschwindend gering. Andererseits werden Sie natürlich jeweils gute Anlässe haben, mir zu widersprechen. Das ist hervorragend, genau das, was ich bezwecke. Solange Sie nicht nur meine, sondern auch Ihre eigenen Argumente hinterfragen. Dann blüht der Zweifel in der leuchtendsten Farbenpracht!

Und wenn Sie manchen Gedanken vollumfänglich zustimmen, ist das nicht so langweilig, wie es zunächst scheint. Es könnte Ihnen wohltun, sich nicht ganz alleine zu fühlen, vor allem, wenn Ihr persönliches Umfeld ganz anders gestrickt ist. Und, wie ich oben bereits andeutete, besteht in der Vorführung neuer Blickwinkel immer noch eine Chance darauf, dass Sie Anstöße erhalten, die Ihnen einen Schub in die begehrte oder in eine völlig unverhoffte Richtung verpassen.

Ich schätze, nun viele gute Gründe zum Niederschreiben und Veröffentlichen der vorläufigen Ergebnisse eines jahrzehntelangen, zähen Ringens genannt zu haben und hoffe, dass es sein Scherflein zur niemals abgeschlossenen Aufklärung beitragen kann. Es ist ein Buch aus Leidenschaft, und sollte es nur wenigen Ansprüchen genügen, dann fahre sogar mir ein Inshalla über die verdrossenen Lippen!

„Zweifel ist der Weisheit Anfang.“

René Descartes

1

Wenn wir genau überlegen, was wir an einem anderen Menschen mögen, dann wird es meist nichts sein, wofür er sich großartig anstrengen müsste. Sein Lächeln, der Blick, sein Stimmfall, die Gestik. Und daraus ergibt sich, dass auch wir uns nicht schwere Mühen aufzuladen brauchen, um jemandem zu gefallen. Wenn wir einmal seine Sympathie gewonnen haben, müssen wir uns schon regelrecht anstrengen, um sie wieder zu verspielen. Eine Erkenntnis, die Lockerheit verschaffen sollte.

2

Keinem Problem ist auf Dauer beizukommen, wenn seine vermeintlichen Lösungen auf Lügen, Beschönigungen, Halbwahrheiten oder unterschlagener Information basieren. Insofern kann politische Korrektheit trotz bester Absichten zu einer Verschärfung des Ungemachs führen, das gerade im Dünkel am besten gedeiht.

3

Es ist nicht bloß die Angst vor der Wahrheit, die Menschen vor dem Erkenntnisprozess zurückschrecken lässt. In manchen Fällen spüren sie, dass die Erkenntnis Anlass zum Hass böte, und sie wollen dieses ätzende Gefühl um ihres Seelenfriedens willen auf keinen Fall erfahren. So verharren sie lieber in seelischem Wohlbehagen unter dem dichten Schleier der Unwissenheit, der niemandem zu lüften gestattet wird. Und wer sich dessen doch anschickt, wird prompt als Verursacher des Übels bezichtigt.

4

Ein Geschenk ist schon dann als Geschäft gedacht, wenn dafür Dankbarkeit erwartet wird – anstatt sich einfach mit der Freude des Beschenkten zu begnügen und ihm auch nicht zu verübeln, dass er die Freude bloß heuchelt oder sich nicht mal darum bemüht.

5

Sich bei jeder Liebe ihrer Vergänglichkeit gewahr zu sein, ist eine schwere Übung, die unseren Wünschen arg widerstrebt. Aber die Beobachtung lehrt, dass jede Liebe in Gleichgültigkeit oder gar Hass umschlagen kann, und sei es erst Jahrzehnte später. Vielleicht gelingt es uns dann besser, die Liebe aufrecht zu erhalten, wenn wir ihre Dauer bis zum Tode nicht als selbstverständlich voraussetzen, sondern uns ihrer Brüchigkeit jederzeit bewusst sind.

6

Zu Recht kann sich als mündiger Mensch bezeichnen, wer entgegen seinen Gefühlen und seinem Geschmack ein Urteil aus reinen Vernunftsgründen revidiert. Er hat die Phase des geistigen Adoleszenten überwunden, in der haltlose Gründe erfunden werden, um ein wohlfeiles Geschmacksurteil zu rechtfertigen.

7

Anpassung ist notwendig. Aber wenn wir immer wieder entgegen unseren Neigungen handeln müssen, ist Rebellion angesagt, ansonsten werden wir wohl krank, wenn sich die Zellen gegen uns selbst auflehnen, da sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, um der verdrießlichen Lage zu entrinnen. Und ist es erst so weit, dann wird uns ohnehin keine Anpassung mehr möglich sein, sondern nur noch die Kapitulation, da wir in einem fortgeschrittenem Stadium jegliche Kontrolle verlieren und uns weder wehren noch standhalten können. Besser, wir vermeiden unnötiges Leid auf mehrerlei Seiten, indem wir rechtzeitig die Reißleine ziehen.

8

Dieser Unterton, den Moralapostel an den Tag legen, kann einen Schluckauf erzeugen. Er klingt wie der Ausdruck absoluten Wissens und menschlicher Überlegenheit. Wo wir doch wissen, dass Ethik eine Frage des Konsenses ist, muss diese Anmaßung umso übler aufstoßen.

9

Wenn ein Musiker die Schwingungen einer Seele treffen kann, ist das fast so viel wert wie eine intime Beziehung, die man darüber hinaus aber mit anderen Liebhabern zu teilen vermag, ganz ohne untreu zu sein. Der Musikliebhaber ist ein Swinger.

10

Den unzähligen Frauen, die sich unterdrückt fühlen, steht kaum ein Mann gegenüber, der jemals das Gefühl hatte, eine Frau beherrscht oder zu ihrer Unterdrückung beigetragen zu haben. Darin mag die Schwierigkeit begründet liegen, weshalb der Feminismus bei der männlichen Bevölkerung so wenig Anklang findet. Vielleicht fehlt den Männern nur die nötige Sensibilität, um überhaupt zu erkennen, wie und wann sie ihre vermeintliche Autorität ausüben? Oder womöglich provozieren hartgesottene Feministinnen immer wieder Situationen, in denen sie notwendigerweise zum Opfer werden müssen, um ihre Ideologie bestätigt zu wissen?

11

Die Menschen neigen dazu, an Sympathieträger andere Wertmaßstäbe anzusetzen als an vermeintliche Miesepeter. Wer sich um Fairness bemühen will, muss lernen, seine Messlatte unabhängig von eigenen Vorlieben auszurichten. Parteilichkeit ist eine in ihrer Schädlichkeit unterschätzte Folge von Sympathie.

12

Es ist sicherlich lobenswert, mit gutem Beispiel voranzugehen, um bei anderen eine Verhaltensänderung anzuregen. Aber wenn die Vorbildfunktion keinen Anklang findet und niemand folgt, ist es vielleicht angebrachter, den Kurs zu wechseln, umzukehren und auf Konfrontation zu setzen. Zumal selten jemand als Vorbild angesehen wird, vor dem man keinen Respekt hat und dem man kein Fünkchen Ehrfurcht entgegenbringt.

13

Wer andere Menschen aufgrund ihres Berufs, Status’ oder Einkommens herablässig behandelt, könnte kaum eindrucksvoller kundtun, was für ein Versager er darin ist, das Leben zu verstehen.

14

So viele Gedanken dienen der Rechtfertigung unseres Seins und Tuns vor uns selbst gegenüber Gott oder der Gesellschaft. Wir rücken uns psychisch so zurecht, bis wir meinen, eine Balance gefunden zu haben, in der es sich komfortabel leben ließe, die aber letztlich doch recht wacklig ist und stets unsere Ausgleichsbemühungen erfordert. Was, wenn wir uns einfach abstürzen ließen?

15

Eigene Erfahrungen bilden miserable Argumente in allgemeinen Diskussionen. Kaum jemand wird über einen so großen Fundus verfügen, dass dieser irgendeine statistische Relevanz aufweisen könnte. Der Mensch muss sich dezentrieren, um der Wahrheit näher zu kommen.

16

Es ist schändlich und schäbig, jemanden für etwas zu verurteilen, wofür er keinerlei Verantwortung trägt. An seiner Herkunft, Hautfarbe, Behinderung oder seinem Geschlecht kann niemand auch nur ein Gran ändern, selbst wenn er es für notwendig erachten würde. Der vortrefflichste Mensch wäre der Diskriminierung denkbar hilflos ausgeliefert. Aber für eine Religion oder Weltanschauung entscheidet man sich letztlich, warum sollte also ein verwerfliches Urteil ihr gegenüber tabu sein? Wenn wir nicht mehr abfällig darüber richten dürften, wie jemand denkt und was er für richtig oder falsch hält, was bliebe uns dann noch an Meinungsfreiheit?

17

Wenn Gläubige das Diesseits nur als Zwischenstation auf dem Weg zum Paradies ansehen, und alles Geschehen als Gottes Wille interpretieren, den man womöglich durch Gebete zu manipulieren vermag, inwiefern müssen sie sich dann wundern, im Verhältnis zu den aufgeklärten Völkern in Rückstand zu geraten? Das mögen sie dann als Strafe des Allmächtigen für ihre Sünden erachten, und ihre Reaktion wird sein, mehr zu beten. Anstatt das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen und mit Fleiß und Schläue auf eine Verbesserung hinzuwirken. Ein Kreislauf, der notgedrungen zu mehr Verdruss und Hass führt, je gewaltiger sich die Kluft zwischen ihnen und den verachtenswerten Ungläubigen auftut.

18

Sich selbst gegenüber völlige Hilflosigkeit zu erfahren, kann uns immerhin Demut lehren. Angesichts der eigenen oft unerklärlichen Ohnmacht kann das Verständnis für die Schwächen anderer Menschen vortrefflich gedeihen.

19

Viele rühmen sich, im Staunen über die Existenz die Essenz des Lebens wiederentdeckt zu haben. Sie preisen die Blüten der Flora ebenso als Wunder wie den Fötus, die fernen Sterne ebenso wie das tiefe Meer. Aber das ist romantische Verklärung, nicht der Kontakt zum Eigentlichen. Wen nicht alles Dasein gleichermaßen erschreckt, der ist nur ein Kind auf Entdeckungstour, das sich früher oder später wieder an die Existenz gewöhnt, aber kein lebenslänglich Vertriebener, der keine Ankunft kennen kann im beinahe Unmöglichen. Letzterer scheint kaum zu beneiden zu sein, aber in der schonungslosen Distanz gewinnt er mehr Erdung, als einer, der sich allem nahe wähnt.

20

Wenn Erwachsene grausam sind, dann deswegen, weil ihnen die Reife fehlt. Niemandem, den der ruhige Fluss der Vernunft durchströmt, käme in den Sinn, einem Lebewesen absichtlich Qualen zuzufügen. Nur die Aufregung infantiler Verwirrtheit vermag uns dazu anzustiften. Man mag einwenden, dem Kindsein entstamme die Ruhe, und dass der Erwachsene sich durch sein Umfeld aus ihr habe bringen lassen – dies aber wird stets nur dem Heranwachsenden widerfahren sein, dessen Verstand noch nicht stark genug war, sich gegen den üblen Einfluss zu wehren.

21

Selbst Akademiker haben große Schwierigkeiten damit, ein unvertrautes Problem zu lösen. Ist es mathematischer Natur, kann man extreme Werte für die Variablen einsetzen, an denen ein Lösungsweg unmittelbar ersichtlich wird. Sonst kann man es meist in Teilprobleme zerlegen und die Ergebnisse zusammenfügen, oder man stellt sich das Gegenteil vor. Diese elementaren Fähigkeiten werden offenbar nicht nachhaltig vermittelt, als wäre in den ganzen Jahren der Ausbildung keine Zeit dafür.

22

Was in Diskussionen zu jedwedem Thema immer wieder offenbar wird: Die meisten erwägen nicht die Konsequenzen ihrer Meinungen, sie denken allenfalls bis zu einem mutmaßlichen Ende, das ihnen behagt, aber nicht an all das, was sich ereignen könnte, wenn man ihren Empfehlungen folgte.

23

Mit manchen Leuten kann man sich das Reden sparen, weil sie die Argumente nicht nachvollziehen könnten. Bei anderen hingegen käme man nicht weiter, weil sie alle Aspekte ohnehin selbst bedacht und sich unumstößlich entschieden haben. Mit der Zeit lernt man, zu erkennen, wann sich eine Debatte lohnen könnte oder ob man seine Zeit anderweitig produktiv nutzt.

24

Viele Widersprüche in Philosophie und Psychologie existieren nur scheinbar und beruhen auf einer nicht immer tragbaren Unterscheidung von Ich und Selbst auf der einen, sowie von All und Gott auf der anderen Seite. Doch aus allen Kulturen und Zeitaltern wurde die Verschmelzung dieser Phänomene durch weise Frauen und Männer so zahlreich und unabhängig voneinander dokumentiert, dass sie von Materialisten und Rationalisten kaum leichtfertig als Hokuspokus abgetan werden kann. Wenn Aristoteles den Segen der Selbstgenügsamkeit preist, so steht er nicht in Widerspruch zu Augustin, der meint, das Böse komme aus der Ichbezogenheit, während er sich selbst in Gott aufgehen fühlt. Denn beide meinen wahrscheinlich dasselbe, es besteht nur eine Begriffsverwirrung, die sich im Bemühen um Zusammenschau aufklären lässt, indem man die Gemeinsamkeiten in diesen Zuständen und ihrem Erlangen aufspürt. Und indem man es nicht bloß bei der zumeist fruchtlosen intellektuellen Übung der Analyse und Zergliederung belässt.

25

Es heißt, auf dem Markt setze sich Qualität letztlich durch, wenn sie preislich im Rahmen bliebe. Tatsächlich aber tritt bei den Verbrauchern ein Gewöhnungseffekt ein, wenn über lange Zeit hinweg die meisten und am lautesten werbenden Hersteller ähnlich minderwertige Produktionsmittel einsetzen. Über Masse, Dauer und Marktschreierei glückt den Anbietern zum Wohl ihrer Marge eine Herabsetzung der Ansprüche ihrer Kunden. Allein schon Kaffee und Tee werden hierzulande fast nur als Ausschussware an den Ahnungslosen gebracht.

26

Nahezu alle Begriffe sind unscharf, abgesehen beispielsweise von Schwangerschaft oder Tod, wobei auch letzterer schon fraglich ist. Fast alle anderen Nomen umwölkt ein Bedeutungsnebel, über den man schwerlich Einigkeit erlangt. Was unterscheidet einen Stuhl von einem Sessel oder Hocker, was die Liebe von Zuneigung oder Sympathie? Die Bedeutungen sind kaum je eindeutig, die Grenzen verschwimmen, aber im Alltag können wir uns verständigen trotz aller inhärent denkbaren Missverständnisse. In einer Diskussion jedoch sehen wir uns oft mit Gegnern konfrontiert, die alle gemeinhin akzeptierten Auslegungen plötzlich ganz marginal interpretieren, also am äußersten Rande der Begriffshorizonte, und diese formal freilich noch korrekte Ausweitung gegen uns wenden. Das können wir vorwegnehmen, indem wir den Begriff selbst einengen und darüber hinausgehende Deutungen ausschließen, aber wie viel Schwung nimmt das unserer Argumentation? Ein Wortklauber, der notorisch solche Manöver fährt, ist in Auseinandersetzungen wenn möglich zu meiden, schon weil er gar nicht daran interessiert sein kann, sein Wissen durch ihm widersprechende Einwände zu mehren.

27

Die Schuld an Missständen wie Ausbeutung und Tierquälerei schiebt man gerne den Verbrauchern in die Schuhe. Sicherlich tragen jene oft eine Mitverantwortung, aber selbst die Bereitschaft, höhere Preise zu zahlen, brächte kaum Abhilfe. Diese läge in neuen Gesetzen und in der konsequenten Durchsetzung bestehender Gesetze. Warum wird einem Unternehmen, das anderswo Dörfern das Wasser abgräbt, um es teuer zu verkaufen, überhaupt noch gestattet, hier seine ergaunerten Waren abzusetzen? Wie oft dürfen Fleischfabriken geschäftsmäßig gegen Tierrechte verstoßen, ehe überhaupt einmal eine Anklage erfolgt? Wird hier jemals ein Konzernleiter persönlich zur Verantwortung gezogen, wenn die marode Decke eines seiner Betriebe einstürzt und hunderte Lohnsklaven begräbt? Und warum erfährt Fair Trade keine steuerliche Begünstigung? Die Politik muss immer mit einer trägen Masse rechnen, die keine adäquaten Konsequenzen zieht. Die Unverantwortlichkeit der Politiker liegt darin, nicht selbst aktiv zu werden, obwohl sie dazu beauftragt wurden!

28

Können mutmaßliche Vorurteile, natürlich immer unter dem Vorbehalt des Irrtums, nicht auch nützlich sein? Wer ergriffe noch einen unnützen oder gar schädlichen Beruf, wenn man ihn bei Nennung seiner Profession die Ablehnung gleich spüren ließe?

29

Wie albern kann man sich eigentlich vorkommen? Da lebt ein hinduistischer Heiliger sein Dasein an einem unbeeindruckenden Berg zu Ende, ohne sich zeitlebens wegen irgendetwas zu rühmen, und ein anderer posiert mit den wenigen Büchern, die er gelesen und noch nicht mal ganz verstanden hat! Auch fortgeschrittene Belesenheit ist obsolet im Kontakt mit in sich selbst ruhendem Bewusstsein.

30

Man kann Pornographie verachten, aber auch ihre Ästhetik zu bewundern wissen, so sie denn gegeben ist. Und je mehr Perspektiven aufgrund moderner Kameratechnologie möglich sind, desto realistischer und intimer wird das Geschehen, ohne dass noch eine Crew am Set gebraucht wird. Den Schmuddelfaktor streifen einige Spielarten der Pornographie jedenfalls allmählich ab.

31

Jedes Argument gegen die Basisdemokratie kann leicht erwidert werden, denn alle Einwände gegen diese treffen auf die repräsentative Demokratie in gleicher Weise zu! Ob das Volk nun einen Idioten wählt oder selbst eine idiotische Entscheidung trifft, wo ist da der Unterschied? Aber die Vorteile der Volksentscheide sind überwältigend: Es muss nicht die Katze im Sack gewählt werden. Die Gefahr des sträflicherweise nicht zu ahnenden Bruchs eines Wahlversprechens besteht nicht. Zudem muss sich der Wähler nicht für ein Bündel von politischen Maßnahmen entscheiden, das von einem Kandidaten oder einer Partei vertreten wird, sondern er kann genau für jeden einzelnen Punkt stimmen, der seinem Willen entspricht. Auch populäre Geschenke der Regierung unmittelbar vor einer Wahl hätten keine Wirkung. Und wenn jemand seine Verantwortung nicht für vier oder fünf Jahre abgeben muss, dann bleibt er stets selbst verantwortlich und kann ein gewisses Gefühl der Souveränität genießen, das dem Bürger in der repräsentativen Demokratie nicht zukommt, da er nur noch wie ein unmündiges Kind zwischen Hoffnung und Ohnmacht hin- und herpendeln kann. Hinzu kommt noch, dass sich vor Referenden der politische Diskurs in der Öffentlichkeit verschärft, was jeden, der als Debattant ernst genommen werden möchte, dazu nötigt, sich zu erkundigen und seine politischen Kompetenzen auszuweiten. Die Frage ist nur, ob das erwünscht ist. Womit wir bei dem wohl wichtigsten Vorteil der Basisdemokratie sind: Die Lobbyisten haben kaum Einfluss auf die Politik als solche, sie können allenfalls noch versuchen, die Medien zu beeinflussen, was ungleich schwieriger ist. Wer sich Demokrat schimpft, kommt konsequenterweise um die Befürwortung der direkten Demokratie nicht herum, zumal er keinen einzigen Beleg dafür erbringen kann, dass die Basisdemokratie nicht funktioniere. Ganz im Gegenteil erweisen sich die wenigen Staaten mit direkter Demokratie als außerordentlich erfolgreich, und das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch und vor allem im Hinblick auf die Zufriedenheit ihrer Bürger, worauf es letztlich ankommt.

32

Nichts nimmt dem Sex sicherer allen Zauber als seine völlige Transparenz in Erziehung und Öffentlichkeit.

33

Ein Forscher stellt seine Entdeckungen immer aufs Neue infrage, ganz gleich, wie sehr sie ihn mit Stolz erfüllen. Wer wissen will, muss seine Eitelkeit als größten Feind ansehen.

34

Erfolg zu haben ist so einfach: man spreche den Leuten aus der Seele. Schwierig wird es, wenn die eigene Seele anders beschaffen ist als die der Massen.

35

Will man das Verhalten von Streitenden beurteilen, so sei man sich gewahr, dass man deren Geschichte nicht kennt und dass dem Außenstehenden Angriffe als harmlos erscheinen, die beim Getroffenen jedoch aus gutem Grund Verheerendes auslösen können. Und somit eine dementsprechende Reaktion hervorrufen, die auf den sich zurzeit in Gelassenheit suhlenden Unbeteiligten höchst verstörend wirken muss.

036

Manche Intellektuelle nehmen zu viele Informationen auf, als dass diese noch sorgsam verarbeitet werden könnten. Mit dem Resultat, nicht mehr in der Lage zu sein, in Diskussionen klare oder überhaupt irgendwelche Ansichten zu vertreten. Statt ständig neues Wissen aufzusaugen, muss man sich Zeit nehmen, es derart zu durchdenken, dass man es in wenigen Worten vermitteln und in einer Debatte vortragen und verteidigen kann.

037

Welcher Wert könnte höher einzuschätzen sein als die Freiheit? Sie lässt den Raum, alle möglichen Vorstellungen von Glück auszuleben, solange sie niemandem sonst zum Schaden gereichen.

038

Fortschritt zieht fast immer eine Zunahme der Wahlmöglichkeiten nach sich: man kann ihn nutzen, muss man aber nicht. Somit erweitert der Fortschritt die Freiheit, da er ein Mehr an Möglichkeiten bietet. Wenigstens bis zu dem Punkt, an dem die Errungenschaften zum Standard avancieren, dem sich niemand verweigern kann, ohne aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Aber immerhin besteht noch diese Option, für die man sich zu entscheiden vermag: Über die ganze Welt verteilen sich Kommunen, die sich abkapseln und denen man sich anschließen kann!

039

Forscher dringen in Bereiche vor, die Wissenschaftlern aufgrund des Instrumentariums, das sie durch unwegiges Gelände mitzuschleppen haben, noch nicht zugänglich sind.

040

Grübeln verhindert nicht nur beiläufig den Blick auf die unmittelbare Wirklichkeit – es wird oft genau dazu eingesetzt, die Realität zu verschleiern.

041

Das Kolonialzeitalter brachte immenses Unheil über den afrikanischen Kontinent und andere Gebiete. Aber zu behaupten, die Ausbeutung in dieser Zeit sei ursächlich für die heutigen Probleme, ist falsch. Ohne westlichen Einfluss gäbe es heute im gesamten Schwarzafrika womöglich nicht mal einen Wasserhahn. Afrika befand sich zu der Zeit seiner Erschließung durch den Westen entwicklungsgeschichtlich gesehen in der Steinzeit, aus der heraus es Jahrtausende braucht, sich in die Bronze- und Eisenzeit zu entwickeln. Die Probleme in Afrika wären heute ganz andere: Welcher Stamm bekriegt welchen, allerdings nicht mit Kalaschnikows, sondern mit Speeren. Die Rückständigkeit des Südens dieses Kontinents ist darüber hinaus keine Frage der Genetik. Europa und Asien hatten geographisch viel günstigere Bedingungen, um als erste den Sprung in die Neuzeit zu schaffen, und wahrscheinlich war eine Kombination glücklicher Faktoren ausschlaggebend für unseren Fortschritt.

042

Ein Jammer, wie selten es gelingt, Anspruch und Unterhaltung zu vereinen. Was uns geistig fordert, ist oft langweilig, was Kurzweil verspricht, hat kaum Substanz. Große Kunst besteht darin, beide Anforderungen zu erfüllen, und dass dies eher die Ausnahme ist, erkennt man daran, dass wir nach Jahrhunderten noch die Werke einiger Genies denen unserer Zeitgenossen vorziehen.

043

Alle ernstzunehmenden Heilslehren raten davon ab, sich ein besseres Leben vorzustellen und dies mit dem realen zu vergleichen. Also Mensch, verzichte auf das, was dich als Menschen auszeichnet, auf dein Vorstellungsvermögen, und erst dann hast du Freude am Menschsein? Wenigstens sollten wir unsere Fähigkeiten nicht dazu missbrauchen, das mögliche Unheil an unsere Schädelwände zu projizieren und dann noch für gegeben zu halten.

044

Gerecht ist das Leben nicht: Abgesehen von den wirtschaftlichen Verhältnissen, in die man hinein geboren wird, und den Genen, die unsere Grundlage bilden, entscheidet das Verhalten unserer ersten Bezugspersonen über Gedeih und Verderb. Noch bevor man einen klaren Gedanken zu fassen vermag, ist man durchprägt von der unmittelbaren Umwelt und kann den Rest seines bewussten Lebens mit dem Versuch verbringen, diese Lasten abzuschütteln, während die Wohlgeboreneren Ziele erreichen, die sich ein vom Schicksal Geschmähter noch nicht mal anzugehen zutraut.

045

Wer sichergehen will, dass er einen Sachverhalt vollständig verstanden hat, sollte sich die Frage stellen, ob er ihn einem halbwegs gebildeten Laien unmissverständlich zu erklären vermag.

046

Psychologen behaupten oft, dass Reklame verheerende Auswirkungen auf das Seelenleben der Menschen habe. Aber schauen wir mal, was sie aller Befürchtungen zum Trotz nicht geschafft hat: uns völlig gleichzuschalten. Noch immer verfolgen wir unterschiedliche Ziele und setzen verschiedene Werte, in womöglich größerer Vielfalt als in jedem vorherigen Zeitalter.

047

Etwas zu verstehen und es zu befürworten sind vollkommen verschiedene Angelegenheiten, die in keinerlei Widerspruch zueinander stehen müssen.

048

Individualisten mögen als Egoisten schon oft schädlich gewirkt und sogar Kriege angezettelt haben, die aber ohne Kollektivisten kaum zu führen wären. Die Glaubensgemeinschaften, der Kommunismus und Sozialismus, der Nationalismus – die beiden letzteren zum Übelsten vereint im Nationalsozialismus – stellen allesamt kollektivistische Ideologien dar, die wie keine anderen die Welt mit Unheil übersät haben. Die Forderung und der Wunsch nach Gemeinschaft bilden den Boden, der die Mitläufer in Massen zu Tätern werden lässt.

049

Das Wesen der Liebe hat nicht verstanden, wer sich aufgrund gehässiger Gedanken und Gefühle als nicht liebenswert wähnt. Aber genau dies ist der einzige Gedanke, der zuverlässig verhindern kann, geliebt zu werden. Die Liebe will nicht alles sehen, und was sie sieht, das will sie lieben. Auf ihren Niedergang hat man meist keinen Einfluss, die Liebe war wohl nicht konzipiert für die heutige Lebenserwartungszeit.

050

Wer ein Verbot nicht glaubhaft begründet, der verschafft der Neugierde den ausschlaggebenden Reiz, es zu übertreten.

051

Wenn jemand ernsthaftes Interesse daran andeutet, sich zu hinterfragen und dazuzulernen, ist Spöttelei ob seiner Ansichten ebenso unangebracht wie Gönnerhaftigkeit. Beides wird den Lernwilligen wieder verschließen und damit ist die Chance zur Vermittlung von Erkenntnissen sinnlos vertan.

052

Die Verherrlichung der Liebe hat ein Gutteil dazu beigetragen, dass der Zweifel in Verruf geriet. Das Verlangen nach Treue kann nicht befriedigt werden im immerwährenden Zweifel an selbiger, die Treue ist das Verlangen nach dem Glauben, dass der andere sich so zu uns verhält wie wir zu ihm. Beziehungen sind in der Tat ein Bereich, in dem Skepsis besser auf ein unverzichtbares Mindestmaß zurückgestutzt wird.

053

Terror entfaltet seine Wirkung nicht dadurch, dass er die Wahrscheinlichkeit zu sterben erhöht. Sondern er schränkt die Anzahl der sicheren Zonen ein. Wenn wir uns auf der Autobahn oder im Krankenhaus diverser Gefahren immer bewusst waren, so konnten wir doch stets auf die Sicherheit von Partymeilen oder Weihnachtsmärkten setzen. Erst das Bewusstsein, dass uns selbst dort, wo wir uns immer sicher wähnten, der Tod erhaschen kann, verändert das Lebensgefühl nachhaltig.

054

Der Spruch, dass Geld den Charakter verderbe, dürfte oft auf die Bekanntschaften des Neureichen zutreffen, die sich verbiegen und anbiedern, um ein Stück von dem Kuchen abzubekommen. Dann wäre es kaum verwunderlich, wenn sich auch der Charakter des plötzlich von Falschheit Umgebenen zum Nachteil hin ändert.

055

Eigentum bedeutet auch Verlässlichkeit. Wenn man sicher davon ausgehen kann, dass das eigene Auto noch an seinem Platz steht, wird man besser Termine einhalten können, als wenn man sich zu jedem Anlass erneut um einen Wagen kümmern müsste. Eine Wirtschaft, bei der jedes Rad ineinandergreifen muss, damit sie Wohlstand generieren kann, muss Willkür und Beliebigkeit in Sicherheit überführen, die das Rechtswesen zu leisten hat. Darum muss jedes Entwicklungsland, das aufschließen will, mindestens Rechtssicherheit und den Schutz des Eigentums gewähren.

056

Die sich auf Logik und Wahrscheinlichkeit berufenden Gottesbeweise muten äußerst skurril an: Wie könne diese Welt, in der sich alles aufs Vortrefflichste zusammenfügt, in der sich komplexe Organismen zu labilen Ökosystemen ergänzen, in der Bewusstsein und Wille hervorkamen, jemals durch bloßen Zufall entstanden sein? Ein intelligenter Schöpfer müsse für dieses ausgeklügelte Werk verantwortlich sein! Aber, folgen wir dieser Logik, so müssen wir fragen, wer den im Vergleich zu uns unendlich viel intelligenteren Schöpfer schuf? Eine weitaus diffizilere Aufgabe, als bloß schlauere Affen zu kreieren. Jedoch, der Glaube hört irgendwann auf zu fragen, er will nicht weiter fragen!

057

Kulturell wird nichts mehr überschätzt als die klassische Musik. Sie mag technisch sehr anspruchsvoll sein, tonale Meisterwerke geschaffen haben: Jedoch, wie oft frömmelt oder volkstümelt sie vor sich hin, unternimmt naive Versuche, die Natur zu beschreiben, trägt unangemessenen Pathos auf? Inhaltlich erreicht sie bestenfalls ein Remis im Vergleich mit der modernen, realitätsbezogenen Musik.

058

Dumme Menschen merken nicht, wenn ihnen Informationen fehlen, um sich eine fundierte Meinung zu bilden.

059

Die Behauptung, ein Wissenschaftler glaube an die Wissenschaft wie ein Frommer an seinen Gott, ist grundverkehrt und beruht auf einem völligen Unverständnis der Wissenschaft: diese ist das Abhandensein von Glauben, sie ist der unaufhörliche Zweifel an allen Theorien. Sie ist der Kritizismus als solcher, wohingegen die Religion die Kritik ausblendet oder umleitet. Wissenschaftlichkeit ist nicht identisch mit einem Glauben an die Wissenschaft!

060

Die höheren Schulen sollten die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik wenigstens im Ansatz pflichtweise lehren, um einem Wissenssnobismus vorzubeugen oder entgegenzuwirken. Besser kann man den Intelligenten Demut nicht vermitteln, als dass sie erfahren, dass es immer noch viel Schlauere gibt, die vom Zweifel zernagt sein müssen und die immerfort an die Grenzen ihres Intellekts stoßen.

061

Wer unter dem Druck seiner Eltern leidet oder überhaupt nur einen unbestimmten Druck empfindet, ohne zu wissen, worauf dieser zurückzuführen ist, der stelle sich seine Eltern als wildfremde Menschen vor. Wie viel Wert legte man dann auf deren Urteil über sich selbst? So gleichgültig gegenüber der Bewertung der eigenen Erzeuger wie dem Unbekannter sein zu können, ist ein erster Schritt in die Freiheit.

062

Kein grobes Argument wird je durch ein engmaschiges Netz stoßen. Nur mit Spitzfindigkeiten ist der Feingeist zu überzeugen.

063

Wem ein sattes Erbe in Aussicht gestellt ist, der wird gegen ein etabliertes System nicht aufbegehren. So schützt eine reiche Vergangenheit die gegenwärtigen Machthaber vor einer ärmlichen Zukunft.

064

Der Whataboutismus als Spezialfall des Tu-quoque-Arguments soll offenbar ein schlechtes Gewissen beim Opponenten erzeugen und ihn damit zum Stillschweigen bringen. Das mag gelingen, wenn jener tatsächlich so übel wirkt, wie das, was er kritisiert, wenn es sich also um ein zutreffendes Tu-quoque handelt. Ein Ehebetrüger kann seiner fremdgehenden Frau eben nicht viel vorwerfen. Aber meist bezieht sich der Whataboutismus auf eine Gruppe, welcher der Kritisierte angehört. Und dies impliziert die Unterstellung, sein Handeln oder seine Einstellung sei von der Gruppe nicht unterschieden. Damit begeht der Kritiker meist den gleichen Fehler, den er dem Gegenüber unterschieben möchte: die Pauschalierung. Wenn ich nun zufällig dem Okzident angehöre, dürfte ich also dem Orient keine Vorwürfe machen, da sich der Westen ebenso verwerflich verhält?

065

Um seines Glückes Schmied zu sein, muss man zuallererst ein Schmied sein. Ist das eine angeborene Gabe, die im Falle ungeeigneter Vorbilder verschüttet wird, oder ein Handwerk, das erst mithilfe geeigneter Lehrer erlernt werden muss? Zumindest wissen wir, dass nicht jeder ein guter Schmied ist, dieses Gewerbe aber prinzipiell erlernt werden kann.

066

Das Ergebnis der Hirnforschung, dass wir eine Entscheidung treffen und diese erst im Nachhinein bewusst und mit Gründen unterlegt wird, verwundert wenig, wenn man sich die anderen einfach als Organismen vorstellt, die wie Ameisen vor sich hin funktionieren und ihr Tagwerk vollbringen. Man muss denen keinen freien Willen unterstellen, nicht einmal Bewusstsein. Selbst wenn unsere Mitmenschen etwas Sinnergebendes äußern, ist es bloß eine Folge neuronaler Verknüpfungen und elektrischer Impulse!

067

Niemand sagt, er fürchte sich davor, die Liebe eines Menschen zu verlieren, und dabei diesen Menschen als seinen Besitz zu erachten, auf den man einen besonderen Anspruch habe – man sagt, man sei eifersüchtig, und trifft damit auf breite Akzeptanz. Je ausgeprägter jedoch die Fähigkeit ist, selber und sich selbst zu lieben, desto gelassener geht man mit der Gefahr eines möglichen Verlustes um.

068

Die zahlenmäßige Vielfalt möglicher Beziehungspartner im Internet erweckt den Eindruck, nach Belieben filtern zu können, so dass selbst bei strengen Kriterien noch genügend Kandidaten zur Auswahl stünden. Was wiederum dazu verführt, die Kriterien weiter zu verschärfen. Und somit wird die Wahrscheinlichkeit stetig verringert, demjenigen im echten Leben zu begegnen, dessen Charme und Ausstrahlung man trotz seiner mutmaßlichen Schwächen erliegen könnte.

069

Vor Belesenheit, besonders vor der Beschäftigung mit Geschichte, gilt es auch ehrlich zu warnen. In nahezu allen Kulturen haben die Menschen einen außerordentlichen Erfindungsreichtum darin bewiesen, andere zu quälen. Von diesen Methoden, das Leid zu verstärken und zu verlängern und obendrein mit Demütigungen anzureichern, kann man nicht erfahren, ohne im Tiefsten erschüttert zu werden. In Verbindung mit einer ausgeprägten Vorstellungskraft und dem Bewusstsein, dass diese Torturen nicht nur hypothetisch möglich waren, sondern von echten Menschen tatsächlich erlitten wurden, müssen solche Berichte ein kaum heilbares Unbehagen auslösen, eine unterschwellige Unruhe, als könne man in einem Moment der Unaufmerksamkeit in eine Fallgrube in der eigenen Erinnerung stürzen.

070

Gäbe es eine einflussreiche altgriechische Sekte, die fordert, alle Blitzableiter abzubauen, um Zeus’ Willen nicht zu vereiteln, würden wir sie einhellig für verrückt erklären. Genau so absurd erscheint Atheisten jegliche Forderung einer religiösen Vereinigung, die sich auf die Absichten ihres Gottes beruft.

071

Wie gut, dass die Jugend keine Vorstellung davon haben kann, wie sehr Lebenserfahrung den Verstand weitet und den Charakter vertieft. Sonst müsste sie sich schämen, statt sich zu erdreisten, verzagen, statt Kühnheit und Selbstüberschätzung an den Tag legen, wo doch gerade diese die Voraussetzungen dafür sind, die nötigen Erfahrungen zu sammeln.

072

Wer die falsche Überzeugung erleidet, minderwertig oder gar wertlos zu sein und sich darin durch sein fehlerhaftes Verhalten bestätigt sieht und die schädliche Illusion damit vertieft, der werde sich klar darüber, dass die meisten Fehler nicht geschähen, wenn er sich für vollwertig hielte. Es bedarf dieser präzisen Einsicht, um dem Teufelskreis des Minderwertigkeitsgefühls eine erste Absage zu erteilen und zu einer lebenstauglichen Selbsteinschätzung zu gelangen.

073

Auch der Zweifel braucht Urlaub. Wenn auch nicht im blinden Glauben, so doch im wohlwollenden Vertrauen.

074

Der miserabelste Aspekt unseres Menschseins ist sicherlich der, dass wir die Schlucht zwischen Bewusstsein und Unbewusstem kaum willentlich zu überbrücken vermögen. Welche Demütigung für das erhabenste Wesen!

075

Sich der Wirklichkeit gewahr werden zu wollen, ist wie die Entscheidung, alles rostige Besteck in einer Schublade einzuschmelzen und zu einem rasiermesserscharfen Katana zu schmieden.

076

Es mag von Vorteil sein, seine eigenen Traumata zu erkennen und sich damit des Ursprungs seines vermeintlich irrationalen Denkens und Handelns bewusster zu werden. Aber so manchem wird das gar nichts bringen, vielmehr wird es die Bitterkeit darob verschärfen, den Rest seines Lebens eine willenlose Marionette eines womöglich längst verstorbenen Täters sein zu müssen. In der Vergangenheit nach Erlösung zu wühlen, kann die Zukunft noch schwerer erträglich werden lassen!

077

Sein Leben für ein Spiel zu halten, heißt, es wie ein Angetrunkener zu verbringen. Dass das Leben ernst ist, erfahren wir meist erst in Not und Bedrängnis, und mit der Ernsthaftigkeit gelingt es uns dann, mit den Dingen und Menschen wirklich in Kontakt zu treten. Und das bereitet mehr Freude, als jedes Spiel verheißt – Ernst ist nicht zwangsläufig bitter, aber oft von bitteren Umständen hervorgerufen.

078

Beschränkte Wissenschaftler winken neue Theorien schon mit dem Argument ab, dass diese nicht nachprüfbar seien. Dabei vermögen sie nicht zu unterscheiden, ob etwas prinzipiell nicht nachweisbar ist, oder ob es sich nur zum gegenwärtigen Stand der Forschung so verhält. Mit deren Einstellung hätte die Wissenschaft in all den Jahrhunderten kein Paradigma überwunden.

079

Einer der obskursten Aspekte unseres Daseins ist unser Aussehen, besonders unser Gesicht. Selbst der glatteste Spiegel oder ein Video vermitteln uns keine Vorstellung davon, wie die Anderen uns sehen. Und wenn wir bedenken, wie sehr wir selber unser Urteil über irgendwen anhand seines Antlitzes formen, wie orientierungslos müssen wir uns dann zwangsläufig in dieser Welt fühlen? Daher wirken Komplimente selbst beim Schönsten wie ein Kompass, der in eine tröstliche Richtung weist.

080

Im Anbeginn der Pubertät hätte ich mein ganzes Erspartes dafür geopfert, ein Markenhemd tragen zu dürfen. Heute wäre ich bereit, eine Schneiderin extra dafür zu bezahlen, ein Krokodil oder sonst ein Emblem zu entfernen. Die Eitelkeit hat sich mit der Zeit verschoben, aber nicht erledigt.

081

Ein Dilemma für jeden differenzierten Denker: In Gesellschaft eine klare Meinung abzugeben fällt schwer, schon aufgrund des drohenden Gewitters antizipierbarer Gegenargumente, die man selbst in die Schlacht führen würde. Aber ohne Meinung wirkt man dumm oder gleichgültig. Der Ausweg: man negiert zumindest die unwahrscheinlichsten Aussagen mit gebotener Entschiedenheit. Wir können selten sagen, was die endgültige Wahrheit ist, aber völlig Falsches ist leicht zu identifizieren.

082

Der einzig gravierende Nachteil der modernen Kommunikationsmittel: Sie vertreiben die Langeweile, durch ihre Interaktivität, die verlockender ist als jede bloße Lektüre. Aber gerade die Langeweile ist es, die uns schmerzhaft auf uns zurückwirft und uns dazu veranlasst, unser Leben zu überdenken. Jeder Moment mit technischer Ablenkung ist eine verlorene Selbstreflexion.

083

Die Logik wird nur durch sich selbst ad absurdum zu führen zu sein, durch Menschen, die sie besser begriffen haben als jeder ihrer Gegner. Und ja, es gibt Feinde der Logik, außer Esoterikern und Frommen auch Linksintellektuelle und Feministinnen, die Logik als patriarchalisches Unterdrückungsprinzip ansehen. Was man ja auch an deren Theorien leicht erkennt.

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Manche Menschen begehen in unbewusster Absicht Dummheiten, nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern auch, um Feedback zu erlangen. Sogar noch weitgehender: um das Umfeld darauf zu testen, ob dieses einem die Ehre der Kritik erweist.

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Es gilt fast schon als Dogma, dass Steuererhöhungen eine Verringerung der wirtschaftlichen Aktivität nach sich zögen. Aber was ist mit denen, die ihren Lebensstandard halten wollen? Werden sie nicht eher ihre Bemühungen ausweiten, anstatt durch deren Einschränkung noch mehr einzubüßen?

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Wer die Nichtigkeit des Daseins plötzlich erblickt, der mag erschrecken und zornig werden ob des Verlustes seiner bisherigen Werte. Er kann dann zur Zerstörung neigen, umso eher, je tiefer er zuvor einem Glauben verhaftet war. Es dauert eine Weile, bis sich die zunächst bitter erfahrene Leere mit beglückenden Inhalten füllt.

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Komplimente von Kindern sind trotz mangelnder Kompetenz deshalb so erfrischend, weil sie ihre Bewunderung ohne Berechnung äußern.

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Der Relativist setzt zwar immer neue Maßstäbe an, aber er eicht sie so, dass alle denselben Messwert anzeigen. Der dann als ebenso absolut angesehen werden kann wie der eines eingefleischten Ideologen, von dem sich der Relativist somit nur scheinbar unterscheidet.

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