3,99 €
Ein abgelegenes Dorf. Eine mysteriöse Burg – und das Gerücht, dass die dort ansässige Herzogin im Blut von Jungfrauen badet. Der Ritter Sarwast und seine Knappin Finred landen auf ihrer Durchreise in einem abgelegenen Dorf. Während sie im einzigen Gasthof ihr Abendbrot zu sich nehmen, vernehmen sie, dass drei Dorfbewohner ihre jungfräulichen Töchter vermissen. Sämtliche Spuren führen zur Burg der Herzogin ganz in der Nähe des Dorfs. Durch das Misstrauen der Bewohner erwächst das Gerücht, dass die Herzogin die Mädchen schlachtet, um in ihrem Blut zu baden. Sarwast und Finred halten jedoch nichts von Aberglauben und versprechen, die Wahrheit herauszufinden. In der Burg allerdings präsentiert sich ihnen von der Herzogin ein völlig anderes Bild als erwartet. Liebst du die Westeros-Kurzgeschichten von George R. R. Martin? Bist du Fan der Hexer-Kurzgeschichtenbände? Dann bist du bei BLUTVERSUCHUNG genau richtig! BLUTVERSUCHUNG ist eine abgeschlossene Story in der Welt der Chronik von Stahl und Feder. Du brauchst kein Vorwissen aus den anderen Büchern, um diese Story genießen zu können.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Chronik von
STAHL UND FEDER
Blutversuchung
Peter Segmüller
Geboren 1985 und aufgewachsen in der Nähe von Zürich, begleiten Bücher Peter Segmüller sein Leben lang, doch ein eigentlicher Bücherwurm war er nie. „Es sind mehr die Geschichten an sich, die mich fesseln, in welcher Form auch immer sie daherkommen. So ist es nicht verwunderlich, dass ich mich immer wieder von Games fesseln lasse. Das Buch ist für mich jedoch die beste Art, eine Story zu erzählen.“
Von 2004 bis 2017, als er sich entschlossen hat, aus dem gemeinsamen Projekt auszusteigen, hat Tädeus M. Fivaz die CHRONIK VON STAHL UND FEDER entscheidend mitgeprägt. Nun möchte er sich auf eigene Projekte zu konzentrieren. Er steht Peter Segmüller aber weiterhin mit Ideen und als Brainstormingpartner zur Verfügung.
Impressum
Dieser Text und die Welt von
DIE CHRONIK VON STAHL UND FEDER
stehen unter dem Copyright (c) der Autoren
PETER SEGMÜLLER & TÄDEUS M. FIVAZ
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-3-907141-97-7
News und weitere Infos auf der offiziellen Website:
stahl-und-feder.ch
Die Tür des kleinen Dorfgasthofs knallte gegen die Wand. Regenrauschen und Stiefelschritte bildeten für einen Augenblick die neue Geräuschkulisse. Alsbald wurde sie durch einen zweiten Knall beendet, als der neue Gast die Tür schwungvoll schloss.
»Seit drei Wochen hat sich meine Tochter nicht mehr zu Hause gezeigt!«, rief eine aufgebrachte Männerstimme aus Richtung Tür. »Die Abmachung mit der Herzogin war von Anfang an ganz klar: Alle paar Tage muss meine Kleine nach Hause kommen. Ich will wissen, dass es ihr in der Fremde gut geht.«
»Setz dich zu uns! Nach einigen Schlucken Bier kannst du wieder klar denken«, rief eine krächzende Frauenstimme.«
Finred fuhr zusammen, weil sich das laute Klingeln in ihren Ohren zurückmeldete. Sie war machtlos dagegen, obwohl sie lauschen wollte, was die Dorfbewohner zu besprechen hatten.
Vor ihren Augen verschwamm die Umgebung. Ein dunkler Schleier legte sich über sie. Instinktiv wollte sie aufstehen, um sich zur Wehr setzen zu können. Ich bin nicht mehr in Gefahr!, erinnerte sie sich. Trotzdem konnte sie nicht anders, als nach ihrem Dolch am Oberschenkel zu greifen. Das Eisen war ihr Anker. Es verhinderte, dass ihr Geist vollends davontrieb, war ihr Leuchtturm und wies ihr auch in der finstersten Nacht den Weg.
Nur langsam beruhigte sich ihr Herzschlag. Sie atmete konzentriert durch den Mund ein und aus.
Erst eine warme Berührung holte sie vollends wieder zurück. Sie blickte in Sarwasts freundliches Gesicht. »Bleib bei mir, Finred. Ich brauche dich.«
Sie setzte zu einer Frage an, doch Donnerkrachen unterbrach sie. Sobald das Grollen abgeklungen war, versuchte sie es erneut. »Sollen wir … uns erkundigen, was vorgefallen ist?«, fragte sie flüsternd.
Dumpfes Patschen erklang hinter ihr. Finred identifizierte es als Schulterklopfen. Augenblicke später erfüllte lautes Johlen die rauchige Gaststube. Finred schob es darauf, dass Bier gereicht wurde. Funken zischten. Jemand hatte wohl ein neues Scheit in den Kamin gelegt.
In aller Ruhe führte sich Cîr Sarwast einen Löffel mit Brühe zum Mund, schlürfte genüsslich und kaute anschließende die Gemüsestücke. Vor Ungeduld vergaß Finred beinahe, selbst zu essen. Hastig nahm auch sie einen Löffelvoll Gemüsebrühe zu sich. Auf Fleisch hatten sie beide gerne verzichtet. Der Geruch von Gebratenem würde die Schreckensbilder aus Shalad vermutlich ihr Leben lang erneut hervorrufen.
»Wie immer gehen wir mit Bedacht vor«, sagte der Ritter schließlich.
»Aber wie es scheint, wurde ein Mädchen entführt!«, zischte Finred. Ihr Griff um den Dolch verstärkte sich. Diesmal half es. Das Klingeln in den Ohren und der Schleier blieben weg.
Wieder musste sie warten, bis der Ritter einen Löffelvoll Brühe zum Mund geführt und alles runtergeschluckt hatte. Sie hatte Sarwast noch nie kauend sprechen erlebt.
»Wir wissen einzig, dass sich die Tochter nicht zu Hause gezeigt hat. Das kann mancherlei Grund haben. Vorerst warten wir noch zu und beobachten. Vielleicht vernehmen wir etwas, das uns weiterhilft. Fürs Eingreifen bleibt Zeit genug. Doch wenn wir uns entscheiden zu handeln, bringen wir etwas in Bewegung, was sich nicht mehr aufhalten lässt.
»Weshalb sollten wir es aufhalten wollen? Wir bieten nur unsere Hilfe an.«
Erneut dieses quälend lange Warten, bis der Ritter den Löffel zum Mund geführt hatte. Finred hingegen hatte jeglichen Appetit verloren.
»Ich möchte deine Frage mit einer Gegenfrage beantworten: Weshalb sollen wir uns jetzt schon zu erkennen geben, wenn es keinen Grund dafür gibt? Wir können in Ruhe unser Abendessen einnehmen und lauschen.«
Finred schnaubte. Mangels anderer Ablenkung wandte sie sich trotzdem wieder ihrer Schüssel zu. Sie hasste es, keine Erwiderung parat zu haben. Warum musste Sarwast jedes Mal so klug antworten, wenn es sie nach Taten verlangte? Lustlos zerdrückte sie mit dem Holzlöffel die schwimmenden Gemüsestücke.
»Wir sollten uns überlegen, ob wir Reywa weiter in die Berge folgen sollten«, sagte Cîr Sarwast.
Finred blinzelte einige Male, denn ihre Gedanken waren weit entfernt gewesen von ihrer bisher vordringlichsten Mission. »Möchtest du eine Kreatur wie Reywa frei herumstreunen lassen? Geradesogut könnten wir die Leute einem Wolf aussetzen. Wobei ein Wolf nur dann zerfleischt, wenn er hungrig ist.«
»Zugegeben, Reywa würde so einiges Schreckliches anstellen, aber das wird sie auch, wenn wir in den Bergen festsitzen, weil uns der Winter überrascht. Der schöne Herbst wird mit dem heutigen Gewitter vorbei sein. In ein paar Tagen kann es schon schneien.«
Wieder ging die Tür auf, doch diesmal verkündete der neue Gast nichts. Stattdessen riefen ihn die Anwesenden zu sich an den Tisch. Dem Anschein nach musste es sich um einen hochgewachsenen Kerl handeln, denn sie nannten ihn einfach nur Langer.
»Langer, was sagst du, bin ich der Einzige, der die Burg der Herzogin unheimlich findet?« Finred teilte die Stimme dem Dorfbewohner zu, der seine Tochter vermisste.
»Bist du nicht.«
»Gute Antwort. Ich dachte mir schon, dass ich mir etwas einbilde. Ohnehin ist es widernatürlich, wenn eine Frau ganz alleine über eine Burg herrscht.«
»Weshalb?«, fragte die Frau mit der krächzenden Stimme dazwischen. Sie klang noch krähenhafter als zuvor. »Nennst du uns etwa dumm?«
»Nein, aber …« Er druckste rum. »Es ist gefährlich für eine Frau, alleine zu sein. Ein Vagabund könnte kommen und sich Zutritt zu ihrer Burg verschaffen. Wir wissen ja alle, dass Frauen …«
»Erzähl ruhig weiter«, forderte ihn die Frau auf. Nun war ihre Stimme tief und heiser. Herausfordernd. »Schwach? Ist es das, was du sagen wolltest, Partschay?«
Partschay. Zum ersten Mal habe ich einen Namen.
»Nicht schwach, aber …«
Die Frau redete ihm drein. »Am besten hältst du den Mund, bevor ich dich für deine Dummheit verprügle. Mit einer Kartoffel wie dir nehme ich es locker auf.«
»Leute, hört mir bitte kurz zu«, bat die Stimme des Langen. Etwas in der Tonlage bewirkte, dass es am Tisch der Dorfbewohner auf einen Schlag ruhig wurde.
Finred konzentrierte ihren Blick starr auf einen Punkt an der Wand hinter Sarwast. Dadurch hoffte sie, die Bilder aus ihrer Vergangenheit würden sich nicht in aller Deutlichkeit zeigen. Manchmal half es.
Cîr Sarwast nahm ihre Hände in die seinen. »Du bist stark und hast Imieheriova auf deiner Seite.«
Diese fürsorgliche Berührung sorgte für klarere Gedanken.
Endlich begann der Lange zu berichten: »An die Männer unter uns: Es tut mir leid, dass ich darüber spreche, aber vielleicht ist es von Bedeutung. Seit meine älteste Tochter zum dritten Mal bei der Herzogin ist, blutet ihre jüngere Schwester ununterbrochen. Ihr versteht schon: die Monatsblutung. Sie will seit vier Monaten nicht aufhören.«
»Ungewöhnlich, aber kann schon mal vorkommen«, antwortete die Frau. »Hatte ich ebenfalls in meinen jungen Jahren. Liegt vermutlich daran, dass sich der Körper noch in der Entwicklung befindet. Wenn sich deine Tochter ansonsten gesund fühlt, sehe ich keinen Anlass zur Sorge.«
»Kann eine Frau überhaupt so viel bluten? Müsste sie nicht schon längst tot sein?«, erkundigte sich eine Stimme, die Finred bisher nur im Chor des Johlens vernommen hatte.
»Du hast keine Ahnung«, sagte wieder der Lange. »Eine Frau blutet nicht wie ein aufgeschlitztes Schwein. Da kommt pro Tag weniger als ein Löffelvoll raus.«
»Hört, hört, endlich ein Mann, der zumindest ein wenig Ahnung hat«, sagte die Frau mit der krächzenden Stimme.
»Unser Langer hat auffällig viel Ahnung«, bemerkte der Unbekannte von vorhin. »Er steht doch nicht etwa auf solche Blutspielchen?«
Auf sein Lachen stieg der gesamte Tisch ein.
Außer derben Sprüchen hatten sich die Dorfbewohner vorerst nichts weiter zu erzählen. Auch die Frau beteiligte sich ungehemmt. Finred widmete sich wieder ihrem kalten Abendessen. Sie verstand nicht, weshalb zotiger Humor so weit verbreitet war.
Ein weiteres Mal ging die Tür. Das Rauschen des Regens war noch stürmischer geworden. Kurz wurden die Frotzeleien untereinander weitergeführt, dann meldete sich der Neue.
»Meine Frau schläft in letzter Zeit so schlecht. Ständig hat sie Albträume. Sie sieht unsere Tochter, wie sie in einem riesigen Tümpel aus Blut schwimmt und plötzlich von etwas runtergezogen wird.«
»Deine Tochter befindet sich ebenfalls bei Mohild, nicht wahr?«, fragte Partschay, der die Unterhaltung über die Herzogin und Blut begonnen hatte. »Wie auch meine und die des Langen.«
Die Stille, die sich im Gastraum ausbreitete, war beinahe so dick wie die Schwüle vor einem Sommergewitter.
Finreds Schleier wollte zurückkehren – und mit ihm auch das Klingeln in den Ohren. Mit der einen Hand umklammerte sie ihren Dolch, mit der anderen den Löffel. Bald würde sich ein Krampf bilden. Doch sie wollte und musste bei sich bleiben. Mühsam drehte sie ein wenig den Kopf, damit sie in die Helligkeit des Kaminfeuers blicken konnte. Sie zwang sich, den Löffel zum Mund zu führen. Die bewussten Bewegungen und die erkaltete Brühe halfen ihr, den Geist zu erden.
Selbst Sarwast konnte die Vorgänge in diesem Dorf nicht länger ignorieren. Mit durchgestrecktem Rücken saß er da. Finred kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er bereit war einzugreifen. Er hatte Positur eingenommen.
»Sie hat mir und meiner Frau versprochen, unsere Tochter auszubilden. Lesen und Schreiben und weitere solche Dinge beizubringen.«
»Sie ist siebzehn Jahre alt, wenn ich mich richtig entsinne«, hielt Partschay fest. »Meine Tochter zählt dreizehn Jahre und die des Langen fünfzehn. Ich vermute, alle sind noch jungfräulich.«
»Was willst du damit sagen?«, fragte der Lange.
»Na was wohl? Wir wissen doch alle, was Jungfrauen bedeuten. Sie sind noch rein. Ein kranker Kopf könnte auf den Einfall kommen, sie zu opfern, um in ihrem Blut zu baden und dadurch ewig jung zu bleiben.«
»Was hat das mit der Herzogin zu tun?«, fragte der Neue.
»Einer Frau, die alleine in einer düsteren Burg lebt, ist alles zuzutrauen«, meinte Partschay. »Womöglich schlachtet Mohild unsere Töchter, um dank des jungfräulichen Bluts ihre Schönheit für immer zu bewahren.«
»Aus deinem Mund kommt mehr Scheiße als aus meinem Arsch während eines ganzen Jahres«, bemerkte die Frau mit der Krächzstimme.
Mit Mühe unterdrückte Finred ein Lachen. Sie griff nach ihrem Krug mit verdünntem Bier und setzte ihn an die Lippen. Dieser derbe Spruch hatte ihr tatsächlich geholfen, bei sich zu bleiben.
Partschay fuhr unbeirrt fort. »Selbst wenn sie unsere Töchter nicht für sich braucht, erscheint es mir durchaus möglich, dass sie die Jungfrauen verkauft. Zu welchem Zweck auch immer. Immerhin haben der Lange, Näildur und ich unsere Töchter schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Irgendetwas geht in der Burg vor sich, davon bin ich inzwischen überzeugt. Wir müssen unsere Töchter zurückholen.«
»Stellt sich nur die Frage, was wir tun können«, sagte der Neue nachdenklich. Sein Name lautete anscheinend Näildur. »Mohild sitzt in ihrer verdammten Burg und lässt bestimmt niemanden rein.«
»Sie kann sich nicht für alle Zeit dort verstecken«, bemerkte Partschay. »Irgendwann muss sie herauskommen und dann überraschen wir sie.«
»Oder aber wir schleichen uns in einem Provianttransport rein«, schlug der Lange vor.
»Als ob die Leute der Herzogin euch auf einem Karren in die Burg schmuggeln würden«, entgegnete die Frau. »Nicht einmal zusammen seid ihr reich genug, um sie zu bestechen.«
»Dann müssen wir die Lieferung eben überfallen«, sagte Partschay. »Wir lassen die Karrenfahrer frei, sobald wir wissen, dass sie am Verschwinden unserer Töchter unbeteiligt sind.«
»Trotzdem gefährlich, einen Transport einer Adeligen anzugreifen«, widersprach die Frau. »Wenn sich das rumspricht und vielleicht gar zum König gelangt …«
Jemand schlug auf den Tisch. Finred erschrak und verschluckte sich beinahe an ihrem Bier.
»Was sollen wir deiner Meinung nach sonst tun?«, fragte Partschay laut.
Bereits einen Augenblick, bevor Sarwast sich erhob, wusste Finred, dass der Ritter aufstehen würde.
